Sonntag, April 23, 2017

7. Mystik, die Quellen der Kraft

Ich überspringe das Kapitel 6: Eros, die Liebe zum Leben, die Schleske auf den Seiten 233 bis 247 beschreibt, da mich dieses Kapitel nicht sonderlich angesprochen hat. Im siebten Kapitel, auf den Seiten 248 bis 300, schreibt er dagegen treffsicher über Mystik. Er definiert Sünde als eine Art Gegenentwurf, der eigentlich bedeute, den Dialog des Geistes zu versäumen und die Ehrfurcht vor dem gemeinsamen Leben zu verlieren (Seite 256). Wer zum Staunen und Danken nicht fähig sei, der werde auch zum Glauben und Lieben kaum fähig sein. Die Bibel sei ein Instrument Gottes, das in uns einen Resonanzboden finden will. Sie bleibe stumm, wenn sie in uns kein hörendes Herz vorfindet, weil wir ihr Geheimnis nicht mehr lieben (Seite 260). Wissen sei wie der Notensatz, Erkenntnis dagegen wie der Klang. Schleske übertreibt dann etwas und ist meiner Meinung nach zu subjektiv, wenn er sagt: Nur im hörenden Herzen verwandle sich die Bibel zum Wort Gottes (Seite 264). Die Bibel entfalte eine reinigende Kraft, wenn wir die Worte in einem liebenden Geist lesen und in der Stille geniessen. Sie stärke, rate, inspiriere, tröste, korrigiere, verwandle und schaffe Neues in uns. Gebet solle in der Freude der Gottesliebe beginnen; denn Gebet sei vollkommenes Vertrauen. Lass es zu, dass Gott dich mit Vertrauen durchfluten könne (Seite 269-270). Wer Gott um etwas bitte, der lade ihn ein, einen Raum einzunehmen, der unserer Einwilligung bedürfe (Seite 273). Um nicht auszulaugen brauche es Brachland, das sei zweckfreie, urteilsfreie und erwartungsfreie Zeit. Wir sollen nicht nur hören, sondern müssen auch spüren, was wir eigentlich wollen. Glaube sei empfängliches, betendes Hinsehen und Kämpfen (Seite 278). Christus werde durch Wort, Werk und Wunder hörbar (Seite 288). Begegnung mit Gott sei ein Geschenk für sehnsüchtige Menschen, nicht Lohn für fromme Personen. Glauben sei Vertrauen, Leben in ungeschützter Offenheit für Gott; so werde Unmögliches möglich (Seite 295). Blaise Pascal hatte es so formuliert: Man muss die göttlichen Dinge lieben, um sie zu kennen, und man dringt nicht in die Wahrheit ein, es sei denn durch die Liebe zu Gott.
Innenraum mit Licht als Bild für Mystik aus christlicher Perspektive

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Sonntag, April 16, 2017

5. Weisheit, das neue Denken

Im fünften Kapitel, auf den Seiten 199 bis 232 schreibt Schleske über die Weisheit Gottes, ein erneuertes und verändertes Denken. Er behauptet beispielsweise, dass die Schechina, das Wohnen Gottes, dem Heiligen Geist entspreche. Ein liebender Glaube gleiche mehr einem aufgeschlagenen Zelt als einem unumstösslichen Tempel (Seite 215). Es tue der Wahrheit Gottes keinen Abbruch, wenn unser Glaube sie färbe. Gottes Anwesenheit sei in unsere Hände gelegt, wir können sie annehmen oder ihr ausweichen. Schleske interessiert jeweils nicht, was jemand von Gott weiss, sondern wie er Gott liebt, ihn erkennt und tut (Seite 222). Jesus im Purpurkleid stehe als geschändete Schechina da. Schon in der Bergpredigt warb Jesus in neun Schichten für die Nähe Gottes, um eine Zunahme der Gottespräsenz in jedem Menschen (Seite 225-228). Wenn das Leben an Stimmigkeit und Gottespräsenz gewinne, so werde es weiter, verbindlicher, inniger und auch wirksamer.
Zelt und "Heiligtum" in der Wüste Marokkos

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Samstag, April 15, 2017

3. Inspiration, das hörende Herz

Im dritten Kapitel, auf den Seiten 81-184, beschreibt Schleske die vier Wege der Erkenntnis: Ratio, Empirie, Intuition und Inspiration. . . . Alle diese vier Wege haben ihre Berechtigung, denn es ist mehr die Frage, welche Liebe wir haben als welchen Weg wir gehen. Ratio kann denkende und fragende Liebe sein; Empirie forschende und handelnde Liebe, die immer wieder aufsteht und nicht aufgibt. Intuition sei erfahrende und spürende Liebe; Inspiration dagegen prophetische und empfangende Liebe und ein Wunder der Gottesgemeinschaft. . . . Nichts sei praktischer als eine gute Theorie, habe Tódor Kámán gesagt. Gute Wissenschaft ist für Schleske stets ein Lobpreis der Weisheit Gottes (Seite 86). Wesentliches bleibt Schleske im Geigenbau bei Messungen jedoch verborgen. Es sei wichtiger, etwas Gutes zu schaffen, als unentwegt mit sich zufrieden zu sein; denn man kann seine Seele nicht durch Zufriedenheit, sondern (nur) durch Dankbarkeit schützen (Seite 93). Intuitives Erkennen und Kreativität können durch Ängste und Sorgen zerstört werden. Nichtwissen kann sowohl zu Vertrauen als auch zu Verzweiflung führen (Seite 101). Ein vertrauendes Herz sei ein Resonanzkörper für Gott; und Gott erlaubt, dass wir ihn durch die Resonanzen unseres Glaubens färben dürfen (Seite 104). Gott offenbare sich dem Suchenden, er spreche zum Hörenden, und er bezeuge sich durch den Liebenden (Seite 105). Manchmal hätten wir gar eine Betäubung durch Wissen, dann bräuchten wir die hörende Leere, eine in den Himmel hineinhorchende Stille (Seite 112). Es gehe oft weniger darum, was theologisch richtig ist, als was in Gottes Augen aufrichtig sei (Seite 146). Nach Teresa von Avila sei der Weg zur Heiligkeit keine von mystischem Himmelslicht überstrahlte Strasse, sondern der alltägliche Trampelpfad unserer Ängste und Frustationen. Er wolle mit ganzer Seele beten lernen, nicht nur mit den guten und frommen oder unterwürfigen, sondern auch mit den queren, sorgenvollen, bitteren, schmerzlichen und ängstlichen Gedanken und Gefühlen. Unser Glaube sei oft so mutlos, weil wir uns Gott nicht zumuten. Weil wir uns nicht zumuten, wie wir sind, hören wir die ermutigende Stimme Gottes nicht; denn wir hören, wem wir gehören (Seite 162-164).

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Dienstag, April 11, 2017

Martin Schleske: Herztöne

Der deutsche Geigenbauer und Physiker Martin Schleske hat ein zweites geistliches Buch vorgelegt mit dem Titel: Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens. Es ist bei adeo Gerth in Asslar 2016 erschienen mit der ISB-Nummer 978-3-86334-076-6. Die Fotos haben Donata Wenders und Tobias Kreissl gemacht, die Holzschnitte sind von Martin Schleske selbst gefertigt worden. Der 1965 geborene Schleske ist ein renommierter Geigenbauer der Gegenwart, der in Landsberg an der Lech, in der Nähe von München lebt und dort sein eigenes Geigenbauatelier betreibt. 2010 veröffentlichte er ein erstes Buch mit dem Titel Der Klang, worin er sein Wissen und seine Erfahrung als Geigenbauer zur Beschreibung der Gottesbeziehung nutzt. Er definiert darin den Menschen als Instrument, das Gott zum Klingen bringen will und so seine wichtigste Bestimmung findet. Auch im Geigenbau sei nicht das Instrument an sich das Ziel, sondern der schöne, volle und einzigartige Klang, der sich mit einer Geige erzeugen lässt und die Zuhörer erfreut. So gesehen ist das Buch Herztöne eine Fortsetzung und Vertiefung dieser Vergleiche. Er beschreibt erneut Arbeitschritte und Werkzeuge, die er als Geigenbauer verwendet, und die ihm zur Glaubensanschauung und -stärkung geworden sind. Schon im Umschlag macht er dazu wesentliche Aussagen; so vorne: Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen. Und auch hinten: Etwas zu beherzigen ist vielleicht das schönste Wort für glauben. Denn es bedeutet, dass du den Dingen, die du erkannst hast, in deinem Herzen Raum gibst. Beherzigen heisst, innere Heimat geben. Ein Gast, den du aufgenommen hast, wird zu dir sprechen. Kirchenraum in Franken

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Sonntag, November 27, 2016

Kapitel 4: Leben in der Kolonie: Die Kirche als Fundament christlicher Ethik

Christliche Ethik ist kirchenabhängig und auch Sozialethik (Seite 107 und 120). Was die Kirche von den Menschen verlangt, ist zu schwierig für den Menschen als Einzelnen. Bei christlicher Gemeinschaft geht es vielmehr darum, den Weg Jesu gemeinsam mit all jenen zu gehen, die er zu sich ruft. Die Bergpredigt geht davon aus, dass uns als isolierten Individuen die ethischen und theologischen Ressourcen mangeln, die ein glaubenstreues Leben ermöglichen. Die (eigentliche) Frage ist vielmehr: Was für eine Art Gemeinschaft braucht es, um eine Ethik der Gewaltlosigkeit, der ehelichen Treue, der Vergebung und Hoffnung zu stützen? Die Bergpredigt ist eschatologisch – also endzeitlich – qualifiziert; in Christus hat Gott ja bereits dafür gesorgt, dass die Weltgeschichte ein gutes Ende nimmt. Und sie zitieren E. Stanley Jones: Wir haben die Welt mit einer abgeschwächten Form von Christentum infiziert, damit sie über kurz oder lang immun wird gegen alle Formen echten Christentums. . . . . . . . . . . . . . Kapitel 5: Ganz normale Menschen. Christliche Ethik. Für Hauerwas und Willimon die entscheidende Frage nicht: Existiert Gott?, sondern: Was für ein Gott existiert? (Seite 140) Ethik ist also die Frage des rechten Sehens und dann des rechten Handelns. Glauben und Glaubensstärkung geschieht vor allem durch Vorbilder und Nachahmung, die Beispiele sind in der Kirche zu finden.

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Freitag, November 25, 2016

Kapitel 3: Das Abenteuer der Nachfolge

Die Kirche existiere heute als Gemeinschaft von Fremdbürgern in der Welt, als eine Kolonie von Gläubigen in einer Gesellschaft des Unglaubens, die von Selbsterhaltung und Selbsterfüllung geprägt sei. Durch die Aufklärung hätten wir nicht wirklich die Freiheit des Selbsts bekommen, sondern vielmehr Selbstsucht, Einsamkeit, Oberflächlichkeit und Konsumorientierung. Jünger Jesu dagegen seien ein bewegliches Volk, das atemlos versuche, mit Jesus Schritt zu halten. Glaube beginne nicht im Entdecken, sondern in der Erinnerung an die Geschichte Gottes ohne uns. Die frühen Christen begannen nicht mit metaphysischen Spekulationen über die Inkarnation, mit einer Christologie in Abstraktion von den Erzählungen der Evangelien; sie begannen vielmehr mit den Geschichten über Jesus und das Leben derer, die in Jesu Leben verwickelt wurden. Wir können Jesus nicht kennen, ohne ihm nachzufolgen; und wir kennen Jesus, bevor wir uns selbst kennen (Seite 86). Eine Gemeinde lässt sich am besten von der Heiligen Schrift leiten, wenn sie ihre eigene Geschichte erzählt. Dies tat auch der Verfasser des Hebräerbriefs, er erzählte vom Glauben in Form von Glaubensgeschichten. Errettet sein heisst unterwegs sein (Seite 91). Die Gemeinschaft der Christen eröffnet uns eine Palette von neuen Möglichkeiten, Gottes Liebe in ihrer ganzen Tief zu erfahren, und gibt unserem Leben eine Richtung, die wir sonst nicht einschlagen könnten. Sich auf eine Reise zu begeben, heisst, sich auf ein Ziel hin zu bewegen. Nun wissen wir auf der Reise des Glaubens zwar nicht, wie das Ende aussehen wird, ausser dass es in irgendeiner Form auf die Vervollkommnung unserer Freundschaft mit Gott hinauslaufen wird. Ethik, die Jesus verkündigte, war durch und durch endzeitlich ausgerichtet. Ethik ist immer von einem „telos“ her bestimmt und auf dieses Ziel hin orientiert.

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Freitag, September 30, 2016

Stanley Hauerwas und William H. Willimon: Christen sind Fremdbürger

Dieses Buch erschien bereits 1989 in den USA unter dem Titel Resident Aliens. Es wurden über 100.000 Exemplare davon verkauft, was für ein theologisches Werk sehr viel ist. 2016 erschien es im fontis – Brunnenverlag in Basel unter der ISB-Nummer 978-3-03848-075-4. Der Untertitel heisst: Wie wir wieder werden, was wir sind: Abenteurer der Nachfolge in einer nachchristlichen Gesellschaft Zu den Autoren: Stanley Hauerwas ist in Europa kaum bekannt, obwohl er 30 Jahre Professor für theologische Ethik an der Duke Universität in Durham (North Carolina) war. Er wurde 1940 im texanischen Dallas geboren, wuchs in einer methodistischen Arbeiterfamilie auf, wo er zum christlichen Glauben fand, studierte Theologie in Yale, lehrte an lutherischen, katholischen, methodistischen und reformierten Hochschulen und gehört heute zu einer episkopalen Kirche. William H. Willimon war Bischof einer Methodistenkirche in Alabama und ist Professor für praktische Theologie an der Duke Universität in Durham. Zum Buchinhalt: Das unscheinbare Buch mit seinen 252 Seiten hat es in sich. Wie im Titel bereits angetönt, betonen die Autoren, dass die christliche Kirche heute eine Kolonie, eine Insel des Glaubens inmitten einer Kultur des Unglaubens sei (Seite 12) und begründen diese Sicht mit guten Beispielen, tiefgründig und intelligent. Dieses Buch will hoffnungsvoll und nützlich sein zum Dienst in und an der „Kolonie“. Es ist weder liberal noch konservativ, sondern will wie die Autoren christuszentriert sein.
Rezension und Zusammenfassung: Dieses unauffällige Buch mit dem einfachen Titel „Christen sind Fremdbürger“ war eine Entdeckung für mich. In den USA ist es bereits vor 27 Jahren unter dem Titel „Resident Aliens“ erschienen und hat eine grössere Verbreitung gefunden und Wellen geworfen. Die Autoren, Stanley Hauerwas und sein Kollege William Willimon, sind Methodisten und Theologieprofessoren an der Duke Universität in Durham in North Carolina im Osten der USA. Während Hauerwas Ethiker ist, war Willimon Bischof in Alabama. Beide sind kirchlich eingebunden, was auch im Buch deutlich zum Ausdruck kommt. Sie verstehen die christliche Kirche aber hauptsächlich als eine Kolonie, die inmitten einer Kultur des Unglaubens existiere. Dieses Bild – zunächst eine Behauptung - wird anschaulich beschrieben und mit guten Beispielen illustriert. Seit ungefähr fünfzig Jahren befinden wir uns im Westen in der nachchristlichen Ära, der Glaube ist sehr individuell und zur Privatsache geworden. Die lange Epoche des „konstantinischen Christentums“ ist zu Ende gegangen. Es war eine Zeit in der Staat, Kultur und christlicher Glaube eng verwoben und zugleich dominierend waren. Viele Kirchen machen aber gleich weiter, als ob nichts geschehen sei. Sie drehen sich wie moderne Firmen um Kundenbedürfnisse, statt Menschen in den Leib Christi einzufügen. Der Nationalstaat in den USA und bei uns der Wohlfahrtsstaat haben sich praktisch an die Stelle Gottes gesetzt. Die meisten unserer sozialen Programme beruhen auf der Annahme, dass wir keinen Gott brauchen, um eine friedliche und gerechte Welt zu erschaffen. Der Unglaube zeigt sich in Selbstsucht, Selbsterhaltung und Selbsterfüllung, die durch die Konsumgesellschaft gut genährt werden. Schon Stanley Jones, der von den Autoren zitiert wird, hat prophetisch gesagt: Wir haben die Welt mit einer abgeschwächten Form von Christentum infiziert, damit sie über kurz oder lang immun wird gegen alle Formen echten Christentums. Der christliche Glaube dagegen ist abhängig von Gott, von seiner Geschichte mit uns Menschen. Er schickt uns auf eine atemberaubende Reise, die Nachfolge heisst, und hat ein Ziel, das uneingeschränkte Freundschaft mit Gott bedeutet. Diese Reise kann nur in Gemeinschaft gelingen, alleine ist sie kaum umsetzbar. Die Autoren erachten unseren Individualismus daher als Sackgasse und machen Mut Kirche als echte Gemeinschaft zu verstehen und zu leben. Das hat auch Auswirkungen für Pfarrer, deren Aufgaben und Ausbildung. Diese sei zu sehr darauf bedacht, dem einzelnen Menschen zu helfen, mit seinem Leben besser zurechtzukommen. Die Kirche sei ein Ort der Verehrung Gottes und nicht ein Therapiezentrum für die Stillung von undisziplinierten und unhinterfragten Bedürfnissen (Seite 177). Ein klug geschriebenes Buch, das wichtige Fragen stellt, prägnante Aussagen macht und mutige Orientierung bietet in unserer diffusen Gegenwart.

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Sonntag, September 11, 2016

Eine kurze Geschichte der Resilienz

Ein neuer Begriff macht die Runde: „Resilienz“. Es ist noch kein einheitlich gebrauchter Begriff, sondern er hat viel mit Salutogenese (Gesundheit), Hardiness (Widerstandsfähigkeit), Coping (Bewältigungsstrategie) und Autopoiesis (Selbsterhaltung) zu tun. Resilienz war ursprünglich in der Technik gebräuchlich und bedeutet dort Flexibilität und Elastizität eines Materials. Er stammt vom lateinischen Wort „resilire“, was mit abprallen und zurückspringen übersetzt werden kann. Um menschliche Resilienz besser verstehen zu können, werden auch drei Metaphern verwendet: • Gewicht, das die zunehmende Tragfähigkeit anzeigt • Behälter/Volumen, der die steigende Aufnahmefähigkeit andeutet • Netz, das die zunehmende Reissfestigkeit infolge guter Verteilung bedeutet
Der Basler Psychiater Samuel Pfeifer hat Resilienz verwendet für psychische Widerstandskraft ohne zu verhärten (erstmals in der Zeitschrift „diakonie“ April 2008). Trotz schwerer Bedingungen haben gewisse Personen - etwa ein Drittel der Menschen - eine gesunde Mischung an Gelassenheit, Leichtigkeit, Zielorientierung, Disziplin und Konsequenz zugleich entwickelt. Unter Belastung können sie flexibel Denken, Bedürfnisse aufschieben, Ressourcen einteilen und haben dadurch psychische Gesundheit und Stärke gewonnen. Dahinter steckt ein „Lebensskript“, eine positiv-realistische Sichtweise, ein antineurotisches Verhalten, eine Problemlösungsorientierung und Selbstwirksamkeit. Solches Agieren ist in einer zunehmend narzisstischen westlichen Welt, die eher Vulnerabilität - Verletztlichkeit durch äussere Einflüsse - und psychische Erkrankungen begünstigt, von grossem Vorteil. In den Fünfzigerjahren hat Jack Block (1924-2010) den Begriff in die Psychologie eingeführt. Der amerikanische Soziologe und Psychologe Glen Elder (* 1934) hat 1961 herausgefunden, dass viele arme Kinder in den USA der Dreissigerjahren sich zu erfolgreichen Menschen entwickelt haben, weil sie zu Akteuren des eigenen Lebens wurden. Doch erst die amerikanische Psychologinnen Emmy Werner (* 1929) und Ruth Smith haben durch eine pionierhafte Studie an 698 Kinder auf Hawaii, die 1955 geboren wurden und unter erschwerten Bedingungen aufgewachsen waren, dem Resilienzbegriff 1971 zum Durchbruch verholfen. 1977 erschien ihr Buch „The children of Kauai“, worin sie den Schluss zogen, dass etwa ein Drittel dieser Kinder lebenstüchtige Erwachsene wurden und dass Resilienz erworben wird und erlernbar sei. Die Studie dauerte bis 1995, die 698 Personen wurden also 40 Jahre lang beobachtet. In den Achtzigerjahren ging der israelische Soziologe Dr. Aaron Antonovsky der Frage nach, was Menschen gesund hält (und nicht was sie krank macht) und begründete damit die „Salutogenese“. Er stellte in seinen Forschungen fest, dass erstaunlich viele Frauen, die den Holocaust überlebt hatten, auch die Menopause gut meisterten. Diesen Zusammenhang nannte er „Kohärenz“, genauer ist es: • die Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen • die Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können • der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat. Er hat 1987 zehn Faktoren bestimmt, die Menschen in schwierigen Lebensumständen schützen und ihnen zu Widerstandskraft verhelfen: 1. Stabile emotionale Beziehung zu einem Elternteil oder Bezugsperson 2. Soziale Unterstützung innerhalb und ausserhalb der Familie (Nachbarn, Lehrer oder Gleichaltrige) 3. Emotional warmes, offenes, strukturierendes und Norm orientiertes Erziehungsklima 4. Soziale Modelle, die zu konstruktiver Lebensbewältigung ermutigen (Elternhaus, Schule, Kirchgemeinde, Jugendgruppe, etc.) 5. Soziale Verantwortlichkeit (z.B. Sorge für Verwandte oder Freunde) und Leistungsanforderungen (z.B. Pflichten in Familie, Schule oder Arbeitsplatz) 6. Kognitive Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, durchschnittliche Intelligenz und realistische Zukunftsplanung 7. Temperamentseigenschaften, die effektive Problembewältigung begünstigen wie Flexibilität, Annäherungsverhalten und Impulskontrolle 8. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Überzeugungen, Selbstvertrauen und positives Selbstbild 9. Aktive Lösungssuche bei Problemen 10. Glaube: Erfahrung von Sinn, Struktur und Bedeutung in der eigenen Entwicklung. Der deutsche Psychologe und Psychiater Manfred Spitzer (* 1958), der 2012 das Buch „Digitale Demenz“ geschrieben hat, zeigt darin sehr eindrücklich und nachvollziehbar auf, dass die Gehirnbildung über die ganze Lebenszeit hinweg erfolgt. Er spricht dabei nicht von Resilienz, aber er zielt in die gleiche Richtung. Bei allen Menschen gibt es einen Aufstieg und einen Abstieg im Lauf des Lebens. Positive Faktoren wie Bildung (Zweisprachigkeit, Musik, Sport, Theater), Bewegung („die Welt mit Händen begreifen“), gesunde Ernährung, Geborgenheit und Gemeinschaft (Bindung, Familie und sinnvolle Arbeit), aktives Teilnehmen und Geben und Helfen (Enkelkinder, Ehrenamt, Freunde) fördern den Aufstieg und stärken die Gehirnbildung bis ins hohe Alter hinein. Er konnte feststellen, dass Zweisprachigkeit, Alzheimerkrankheiten um mindestens fünf Jahre hinauszögern. Dagegen führen Fernsehkonsum, Computerspiele, dauernd Online sein, Stress und Multitasking vermehrt und schneller zu Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Schulproblemen, geringer Bildung, falscher Ernährung, Sucht, Schlafmangel, Übergewicht, Arbeitslosigkeit, Krankheit, sozialem Abstieg, Vereinsamung, Depression und Demenz. Spitzer betont stark und zu Recht, dass wir (westlichen) Menschen für die Gestaltung und Formbarkeit unseres Lebens weitgehend selbst verantwortlich seien. Zusätzlich ist aber auch anzumerken, dass ein Spannungsfeld zwischen eigener Handlungsfähigkeit und vorgegebenen Rahmenbedingungen besteht, mit dem konstruktiv, kreativ und intelligent umgegangen werden will. Als hilfreiches Modell könnte hier das Wertequadrat mit den Begriffen „freier Wille“ – „Vorsehung“ und (im Negativen) Machbarkeitswahn – Fatalismus dienen. Wer dem Machbarkeitswahn zuneigt, dem hilft die Realität der Vorsehung zu akzeptieren und in sein Leben zu integrieren. Die Erforschung und die Entwicklung des Begriffs der Resilienz ist meiner Meinung nach noch nicht abgeschlossen. Die Entwicklung scheint mir vermehrt von der individuellen zur sozialen Resilienz, von der Eindimensionalität, der einfachen „Widerstandskraft“ gegenüber schwierigen Umständen in Richtung Komplexität, Beziehungsintelligenz und sozialer Vernetzung zu gehen: Wie können wir gemeinsam Probleme und Herausforderungen intelligent angehen und kreativ meistern? Welche Ressourcen stehen uns zur Verfügung und welche könnten wir suchen und miteinbeziehen? Wie können Aufgaben in einem Team besser verteilt werden, damit alle beteiligt sind und Erfolge gemeinsam erreicht und gefeiert werden können? Westliche Hochschulen wie beispielsweise die Universität Basel betreiben zusammen mit Universitäten in der Dritten Welt empirische Forschung zu Infrastruktur, sozialem Leben und Gesundheitsrisiken in den Städten Afrikas. Dabei haben sie festgestellt, dass intakte familiäre und soziale Beziehungen sehr viel zu Resilienz von Land- und Stadtbewohnern beitragen und schlechte Lebensbedingungen teilweise kompenisieren und sogar Gesundheitsprobleme wesentlich reduzieren können. Quellen: • Artikel Resilienz (Psychologie) in Wikipedia • Artikel von Samuel Pfeifer in Zeitschrift Diakonie. April 2008 • Einführungsvortrag von Dörthe Huth auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=0N6TaZAisaU • Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Droemer, München 2012. ISBN 978-3-426-27603-72012

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Donnerstag, August 13, 2015

Die Schallmauer

Wachsender christlicher Glaube fängt oft mit zunehmendem Vertrauen zu Gott an. Ich nehme seine Sicht über mich an. Und ich beginne Jesus nachzufolgen, indem ich ihn ernst nehme und tue, was er sagt. Er leitet mich an, brauchbar zu werden und andern Menschen zu dienen. Aber meistens kommt irgendwann eine Ermüdung, eine Krise, die mich zwingt, die Reise nach innen anzutreten und den Glauben vertiefen zu lassen. Viele Christen sind diesen unangenehmen Weg gegangen und haben ihn auch beschrieben als „Nacht der Seele“ oder mit andern Begriffen. Peter Scazzero benutzt dafür das Wort Schallmauer, einen etwas eigenartigen Ausdruck, um den oft langen Weg der Grenzüberschreitung, den Gott mit uns gehen will, zu bezeichnen. Als Schallmauer wird der Übergang bei der Geschwindigkeit in den Überschallbereich bezeichnet. Als das erste Mal diese Grenze überschritten wurde, wusste man noch nicht, was genau dabei und danach passieren würde. Eigentlich ereignete sich dabei gar nicht so viel, aber es brauchte einen mutigen Piloten, der sich auf diesen unbekannten Vorgang eingelassen hatte. Das ist ein gutes Bild für Schritte, den Weg mit Gott in unbekanntes Land, in noch nie gemachte Erfahrungen. In der Regel sind das Ereignisse und Prozesse, die sich in der zweiten Lebenshälfte abspielen; denn die erste Lebenshälfte ist dazu da, das „Wir“ und das „Ich“ aufzubauen. Eine gefestigte Identität, mit entsprechenden Aufgaben und Rollen, ist auszubilden, einzunehmen und auszuüben. Diesen Prozess sollten wir bei uns und den uns Anvertrauten nicht eigenmächtig verkürzen. Es heisst nicht umsonst, dass Abraham 75 Jahre alt war, als er von Haran auszog. Auch Mose war 80 Jahre alt, als er am Dornbusch in der Halbwüste berufen wurde. Nur Josef wurde als junger Mann überraschend in die Sklaverei verkauft und erlebte dabei völlig Unvertrautes und Traumatisches. Es ist oft so, dass spezielle Umstände oder Lebensereignisse wie Beziehungsabbrüche, Arbeitsplatzverluste oder unerwartete Todesfälle, nie dagewesene Fragen und Prozesse in uns auslösen. Auch in der Bibel kommen solche Situationen vor, und sie beginnen ganz lapidar mit „da“, „und“, „eines Tages“ oder „und es geschah“. Eines der krassesten Beispiele ist Hiob. Seine Geschichte wird oft nur verkürzt gelesen und erzählt. Aber seine Verluste sind kaum zu überbieten, sein Erleben ist so notvoll und seine Aussprüche und sein Klagen vor Gott sind heftig. Doch am Schluss wird er und nicht seine frommen Freunde rehabilitiert! Er soll für sie opfern und beten, damit Gott gnädig gestimmt wird. Gott hat also mehr Gefallen an aufrichtiger Anklage und Wahrheit als an frommer Rechtschaffenheit und Korrektheit!

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Sonntag, März 15, 2015

Peter Scazzero: Glaubensriesen – Seelenzwerge

Das zweite Buch des New Yorker Pastors und Buchautors Peter Scazzero, das ich hier vorstellen möchte, heisst: Glaubensriesen - Seelenzwerge. Geistliches Wachstum und emotionale Reife. (Im amerikanischen Original: Emotionally Healthy Spirituality. Unleash a Revolution in Your Life in Christ.) Die deutsche Fassung ist im Brunnen-Verlag Giessen 2008 unter der ISBN-Nummer: 978-3-7655-1494-4 erschienen. Zum Inhalt: Scazzero stellt in diesem Buch eine Analyse ungesunder christlicher Spiritualität dar und legt Konzepte vor, die zu emotionaler Gesundheit und einer tieferen Spiritualität führen können, sofern man bei sich genau hinschaut und sich von Gott verändern lässt. Ungesunde Spiritualität sei eine Frömmigkeit, die nicht wirklich in die Tiefe gehe und von Gott wegführe (Seite 25). Sie zeige sich an folgenden Symptomen: . Gott benutzen, um vor ihm zu fliehen („Mein statt dein Wille geschehe“) . Negativ besetzte Gefühle ignorieren (wie Wut, Traurigkeit oder Angst) . Falschen Dingen absterben („Nur wer ein Ich ausgebildet hat, kann es auch hingeben; nur was lebenshindernd ist, soll losgelassen werden; das Lebensfördernde ist hingegen zu bejahen!) . Vergangenheit leugnen oder glorifizieren . Leben in säkulare und heilige Bereiche aufteilen (selektieren führt zu Doppelleben und Heuchelei) . Taten für Gott statt leben mit ihm (wie in unserer Leistungsgesellschaft) . Konflikte geistlich übertünchen (Selbstbetrug statt Wahrheit) . Gebrochenheit, Schwachheit und Versagen bemänteln und überdecken (statt dazu zu stehen wie in vielen Psalmen darüber gesprochen und weitere biblische Personen dargestellt werden) . Grenzenlos leben und immer verfügbar sein (nicht nein sagen können) . Andere verurteilen (Überheblichkeit). Emotionale Gesundheit definiert Scazzero wie folgt (Seite 49): . Gefühle erkennen, benennen und steuern . Mitgefühl für andere empfinden und entwickeln, ohne sie ändern zu wollen . Beziehungen eingehen und pflegen . Zerstörerische Muster erkennen und aufgeben . Vergangenes erkennen und einordnen können . Direkte Kommunikation einüben lernen, Bedürfnisse verbal artikulieren . Selbsteinschätzung vornehmen können (Stärken, Schwächen, Grenzen) . Konfliktlösung suchen, die beide Seiten berücksichtigt . Eigene Sexualität wahrnehmen, einordnen und ausdrücken lernen . Trauern zulassen und durchgehen

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Sonntag, Februar 22, 2015

Peter Scazzero: Das Paulus-Prinzip

Peter Scazzero hat zusammen mit Warren Bird das Buch "The Emotionally Healthy Church" geschrieben. Es wurde in Deutsch mit dem eher unglücklichen Titel "Das Paulus-Prinzip. Warum Schwäche ein Gewinn sein kann" versehen und ist im Jahr 2008 im Francke-Verlag in Marburg unter der ISBN 978-3-8612-998-8 erschienen. Zum Autor: Peter Scazzero wurde in New York als Sohn von italienischen Einwanderern geboren. Er studierte Theologie, arbeitete danach für die christliche Studierendenorganisation Intervarsity und lernte in Costa Rica die spanische Sprache. Im New Yorker Stadtteil Queens gründetete er eine englisch- und eine spanischsprachige Gemeinde. Trotz vieler Arbeit und Erfolg wandte sich später ein Grossteil der Hispanics-Gemeinde ab und auch seine Ehe mit Geri war sehr angespannt, was ihn zum Umdenken zwang. Er begann mehr auf einen gesunden Lebensrhythmus und emotionale Reife und Stärke zu achten, das Sein vor Gott statt das Tun bekam Priorität. Zum Buch: Scazzero nimmt uns mit auf seine Lebensreise, die von seinen Eltern und den Idealen der heutigen westlichen Welt geprägt war. Er konnte dadurch einen grossen Arbeitseinsatz und eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit entwickeln. In seinem Dienst als Pastor stellte er aber fest, dass geistliche Mittel nicht für alle seelischen und Beziehungsprobleme helfen (Seite 20). Das Ziel sollte sein, Jesus als Menschen an die höchste Stelle des Lebens zu setzen, um andere wirklich zu lieben (Seite 24). Er begann, die Dynamik der Verbindung zwischen seelischer Gesundheit und geistlicher Reife zu begreifen. Wir brauchen geistliche Väter und Mütter. Das innere Leben eines Leiters ist wichtiger als sein Wissen, seine Gaben und seine Erfahrung (Seite 26). Durch unsere sündige, verletzte, verwundete und unreife Persönlichkeit stecken wir Gott (oft) unwissentlich in einen starren, engen Kasten statt ihn in den Tiefen unseres Innern wirken zu lassen und auch unsere tiefen Gefühle zuzulassen. Das führe zu seinem falschen Verständnis von geistlichen Begriffen wie demütig sein, Leiden, Kreuz auf sich nehmen und Sterben. Wenn wir unsere tiefsitzenden und negativen Gefühle verdrängen, werden wir zu zerrissenen Menschen, beispielsweise war Bob Pierce von Word Vision ein solch getriebener Mensch. Im Roman „Giftholzbibel“ wird Nathan Price als Missionar im Kongo ebenso beschrieben, der sogar das Leben seiner Familie aufs Spiel gesetzt hat, um seinen falsch verstandenen Missionsdienst weiter ausführen zu können. Eine der Ursache ist, dass die griechische Philosophie Platos über Augustinus und andere Kirchenlehrer in die christliche Kirche und viele Gemeinden gekommen ist. Alles Körperliche wurde dadurch entwertet, negative Gefühle wurden zu Sünden, Wut gar zu Unrecht zur Todsünde erklärt. Wir wurden aber zum Bild Gottes geschaffen, was den ganzen Menschen einschliesst. Gefühle sind eine Sprache der Seele (nach Dan Allender und Tremper Longman). Viele Christen können ihre Gefühle nicht (mehr) identifizieren, weil sie keinen wirklichen Zugang zu ihnen erlernen konnten. Sie sind dann wie eingefroren, was in der Folge zu Schauspielerei und Heuchelei führen kann. Geistliches Leben und Führung muss immer auch seelische Reifung einschliessen! Eigene Schwäche und Bedürftigkeit zu zeigen ist oft hilfreicher als andern nur helfen, ihre Probleme zu lösen (Seite 97). Das Evangelium sage, dass wir sündiger sind als wir je geglaubt haben, und dass wir geliebter sind, als wir je zu hoffen gewagt haben. Jesus biete uns einen Tausch an: Sünde zu- und abgeben und Gerechtigkeit erhalten (nach 2. Korintherbrief 5,21; Seite 101). Die Bibel berichtet auch ungeschminkt über Glaubenshelden wie Abraham, der mit seinen Nachkommen ein Wahrheitsproblem hatte, und David, der und seine Nachkommen ein Treueproblem hatten. Gerade Kleingruppen könnten schwierige Fragen wie Kontrollsucht, Aggression, Streitkultur, Konflikt-bewältigung, Vergebung und Wiederherstellung zu Themen machen, um diese in einem vertrauten Klima zu bearbeiten und über Erfahrungen auszutauschen. Die Herkunftsfamilie objektiv zu sehen ist schwer, gerade auch, weil wir ein Teil davon sind, und es Geheimnisse und ungeschriebene Regeln gibt, die schwer zu fassen sind. Aber die Wahrheit über uns selbst zuzugeben ist wichtig, weil es der Ausgangspunkt der Veränderung sein wird (Seite 148). Wenn wir uns dafür entscheiden, den unpopulären Weg der Schwäche und Zerbrochenheit zu wählen, werden Menschen von uns angezogen sein, so wie sie von Jesus angezogen wurden. Als Scazzero aus Verletzlichkeit heraus zu reden und zu leiten begann, stellten viele Menschen fest, dass sie ihm vertrauen konnten (Seite 156). Das Gebet des unbekannten Soldaten begleitete ihn dabei: „Ich bat Gott um Stärke, aber machte mich schwach, damit ich Bescheidenheit und Demut lernte. Ich erbat seine Hilfe, um grosse Taten zu vollbringen, aber er machte mich kleinmütig, damit ich gute Taten vollbrächte. Ich bat um Reichtum, um glücklich zu werden, aber er machte mich arm, damit ich weise würde. Ich bat Gott um alle Dinge, damit ich das Leben geniessen könne; aber ich erhielt nichts davon, was ich erbat; aber alles, was gut mich war. Gegen mich selbst wurden meine Gebete erhört. Ich bin unter allen Menschen ein gesegneter Mensch.“ Gott will, dass wir zu Vätern und Müttern des Glaubens heranwachsen, wie Jesus den Vater im Gleichnis des verlorenen Sohnes beschrieben hat: liebend, mitfühlend, umarmend, da seiend und freimütig vergebend und schenkend. Denn (nur) bedingungslose Liebe ist übernatürlich. Seelisch gesunde (oder vielleicht besser: geheilte) Menschen erkennen, verstehen und akzeptieren fröhlich Gaben und Grenzen der Persönlichkeit, Lebensphase, Lebenssituation und Belastbarkeit , die Gott ihnen gegeben und zugemutet hat. Sie anerkennen die Souveränität Gottes, das macht sie zufriedener und führt zu einer guten Selbsteinschätzung und -fürsorge. Scazzero bringt auch Beispiele amerikanischer Theologen, die Verluste erlitten und denen daraus Segen geworden ist, so Gerald Sittser: Trotzdem will ich das Leben lieben. Wie ein grosser Verlust zum Segen werden kann; und Nicholas Wolterstorff: Klage um einen Sohn. Letzter hat durch „das Prisma seiner Tränen einen leidenden Gott gesehen“. Verluste und Enttäuschungen sind eigentlich die Norm, nicht die Ausnahme. Wir brauchen Zeiten und Orte zum Trauern, der Verlust und der daraus entstandene Schmerz muss gespürt werden und darf nicht nur analysiert, verleugnet oder betäubt werden durch suchtartiges Verhalten wie Arbeiten und Konsumieren. Trauern macht barmherzig; und erst danach kann losgelassen werden. Wann wurde in ihrer Gemeinde das letzte Mal ein Klagelied gesungen? Es muss uns nicht wundern, dass Ängste und Depressionen heute stark zunehmen. In vielen Psalmen ist gemäss des amerikanischen Theologen Walter Brueggemann ein Ablauf und Muster vorgezeichnet: Es geht von Orientierung über Desorientierung zu Neuorientierung. Jesus hat drei Verhaltensweisen besonders gelebt und gezeigt: in die Welt der andern eintreten, an sich selbst festhalten und zwischen zwei Welten hängen. Es beginnt mit reflektivem Zuhören, der Gehörte erfährt diese Zuwendung als Liebe und wird zum Geliebten. Schon Jonathan Edwards hat gesagt: „Wenn wir in der Liebe leben, leben wir im Reich Gottes“. Und wenn wir wachsen wollen, müssen wir unsre Schutzpanzer sprengen lassen und ablegen.

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Donnerstag, Januar 08, 2015

14: The Death and Birth of Words (Der Tod und die Geburt von Wörtern)

Der letzte gesamtrömische Kaiser Theodosius I (347-395) regierte 379 bis 395 und veränderte viel, was sich dogmatisch und institutionell - aus heutiger Sicht katastrophal - auf das Christentum auswirkte: ·380: Proklamation katholischer Glaube als offizielle Religion ·381: Verbot heidnischer Riten ·382 Umwandlung heidnischer Tempel in staatliche Museen ·385: Verbot heidnischer Traditionen ·389: Zerstörung heidnischer Tempel, Auflösung heidnischer Organisationen, Verbot Häretiker ·391: Ende Unterstützung heidnischer Feste und Bann auf Blutopfer ·392: Verbot Göttergaben, Opfer und Bilderanbetung ·393: Ende der olympischen Spiele Die (katholische) Kirche war zu seiner Zeit stärker als der römische Staat geworden, weil Transzendenz über Recht gestellt wurde. Daher musste sich Theodosius für den Mord an 7'000 Thessalonikern vor Ambros verantworten und diese Tat bereuen. Das Christentum bot nun umfassend eine persönliche Befreiung und Reinigung, eine einheitliche geistliche Kultur, eine wiederbelebte Zivilisation und moralische Erneuerung an. Das Christentum war zu einer Synthese aus Hellenismus und Judentum geworden (Seite 198; hier taucht plötzlich das Judentum auf, das sonst von Hart leider ausgeblendet wird und kaum eine Rolle spielt. Das wäre mein Hauptkritikpunkt an seinem Werk.)

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Mittwoch, Dezember 24, 2014

David Bentley Hart: Atheist Delusions

Der amerikanische orthodoxe Theologe und Philosoph David Bentley Hart wurde 1965 in Maryland geboren. Er hat an der Universität in Maryland, im britischen Cambridge und in Virginia studiert. Seine Spezialgebiete sind philosophische Theologie, Religionswissenschaft, asiatische Religionen, Patristik und Ästhetik. Er lehrte an der Universität von Virginia, der Universität von St. Thomas in Saint Paul, Minnesota, der Duke-Universität in Durham und am Providence-College in Rhode Island. Er hat verschiedene anspruchsvolle und populäre Bücher geschrieben, so auch Atheist Delusions. The Christian Revolution and its fashionable Enemies. (Deutsch: Der Atheistenwahn. Die christliche Revolution und ihre modischen Feinde.) Es ist bei Yale University Press in New Haven und London unter der ISB-Nummer: 978-0-300-16429-9 erschienen. Bislang wurde nur Harts populäres Werk zur Kirchengeschichte ins Deutsche übersetzt, jedoch nicht Atheist Delusions, das eine wesentliche Stimme in der Diskussion mit Richard Dawkins und seinem Gotteswahn ist. Nun ausschnittweise zum Inhalt: Kapitel 4: The Night of Reason (Die Nacht der Vernunft) Hart ist ein "harter" Gegenspieler von Richard Dawkins, Daniel Dennet, Sam Harris, Christopher Hitchens und Philip Pullman. Denn er bietet Argumente und eine alternative Sicht auf Glaube, Vernunft und Freiheit an, die er im frühen Christentum verankert und bestätigt sieht. Viele Historiker – so auch Jaques Le Goff und Edward Gibbon - und Philosophen der Moderne hätten das Mittelalter einseitig als finster und verwirrt dargestellt, als „Glaubenszeitalter“, weil sie es zu ideologisch rekonstruiert hätten. Oft würden Errungenschaften des christlichen Ostens, von Byzanz und auch der italienischen Gelehrten und Mönche ungenügend wahrgenommen. So gab es im frühen Mittelalter allein in Westeuropa über Tausend Spitalgründungen. Herausragende Persönlichkeiten in dieser Hinsicht waren: Ephraim der Syrer (306-373) in Edessa, Basil der Grosse (329-379) in Kappadozien, Johannes Chrysostomus (347-407) in Konstantinopel, Fabiola (+399) in Rom und Benedikt von Nursia (480-547) in Monte Cassino. Mit dem amerikanischen Publizisten Jonathan Kirsch herrsche immer noch die irrige Meinung vor, dass Christen die antike Bibliothek Alexandrias angegriffen und ein reiches heidnisches Erbe um 390 nach Christus zerstört hätten. Die historische Wahrheit sei jedoch weit komplexer: Die erste königliche Bibliothek Alexandrias mit 700'000 Buchrollen, die durch Potolemäus II (304-246 vor Christus) etabliert wurde, wurde bereits 47 vor Christus durch die Römer unter Pompejus und Julius Cäsar zerstört. Die zweite Bibliothek auf Serapeum mit 42'000 Rollen, vermutlich durch Potolemäus III (246-221 vor Christus) errichtet, wurde durch römische Soldaten und christliche Zivilisten 391 nach Christus zerstört. Rufinus (345-411) und Socrates (380-450) beschrieben diese Zerstörung aber als Folge einer Christenverfolgung, die auf eine Zeit der Koexistenz folgte. Die „Schule von Alexandria“ wurde um 200 nach Christus in einer friedlichen Phase durch die Philosophen Pantaenus, Clemens von Alexandria (150-213) und Origenes (185-254) etabliert. Heiden und Christen lebten in Alexandria Seite an Seite und lernten gemeinsam ungefähr von 200-250 nach Christus. Erst Kaiser Decius, der 249-251 regierte, beendete diese befruchtende Kooperation und verlangte von den Christen die Verehrung der römischen Götter, was eine Christenverfolgung auslöste. Der folgende Gallus war wieder toleranter, Valerian verfolgte die Christen erneut ab 257, die schlimmsten Verfolgungen geschahen später jedoch unter Diocletian (245-316).

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Sonntag, Juni 01, 2014

Martin Schleske: Der Klang

Martin Schleske wurde 1965 geboren, ist ein deutscher Physiker und ein renommierter Geigenbauer der Gegenwart, der in der Nähe von München lebt und im eigenen Atelier arbeitet. In seinem Buch „Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens“ (Kösel, München 2010. ISBN 978-3-466-366883-9) nutzt er sein Wissen und seine Erfahrung im Geigenbau als Vergleich zur Gottesbeziehung. Er beschreibt darin den Menschen als Instrument, das Gott zum Klingen bringen will und so seine Bestimmung findet. Auch im Geigenbau ist nicht das Instrument an sich das Ziel, sondern der schöne Klang, den es erzeugen lässt. Im Vorwort zitiert er Friedensreich Hundertwasser (1928-2000), der gesagt hatte, dass wir nicht mehr fähig seien, Gleichnisse zum Leben zu schaffen. Viel früher hatte Bonaventura (121-1274) festgestellt, dass die Menschen die Fähigkeit verloren haben, das Buch, nämlich die Welt, zu lesen. Darum war es nötig, ihnen ein anderes Buch zu geben, das sie erleuchte, auf dass sie die Gleichnishaftigkeit der Dinge verstehen, die zu lesen sie nicht mehr fähig waren. Dieses andere Buch ist die Heilige Schrift, die uns Gleichnisse der Dinge vorlegt, die in der Welt geschrieben stehen. Mir scheint, dass es Schleske gelungen ist, mit seinem Buch „Der Klang“ ein neues, nachvollziehbares und inspirierendes Gleichnis geschaffen zu haben. Er führt uns in den Geigenbau ein, der mit der Beschaffung des Holzes anfängt. Jeder Teil der Geige hat seine spezifischen Anforderungen und Aufgaben, die sich in einer ganz bestimmten Materialwahl spiegelt: Bergfichte ist eines der wichtigen Hölzer, das für den Geigenboden verwendet wird. Es kann aber nur eine spezifische sein, ein sogenannter „Sänger“, der in einem rauen Klima knapp unter der Baumgrenze langsam gewachsen ist. Der Baum, der die klimatische Herausforderung bewältigt hat, wird zum klanglichen Segen für den zuhörenden Menschen. Der Geigenbauer hört die unterschiedlichen Klänge beim Herabrollen der Bäumstämme und wählt nur die am besten klingenden aus. Schleske vergleicht auf Seite 16-20: „Das Leben ist kein Weg im Flachland, wo die Dinge schnell wachsen und einfach zu finden sind, sonder es geht durch Brüche, Widrigkeiten und Unwegsamkeiten hindurch... Auch Gott suchen ist kein leichter Weg, aber denen wird das Herz aufleben, wie in Psalm 69,33 steht... Ein klingendes Leben erfordert Weisheit und Mut, glücklich der „Arme“, der sich nicht mehr alles erlaubt, denn er wird substanzieller, bewusster, konzentrierter, leidenschaftlicher und tragfähiger. Die wesentlichen Dinge kannst du jedoch nicht machen, sondern nur empfangen, aber du kannst dich empfänglich machen.“ Die ältesten Bäume der Welt sind die Grannenkiefern, die „Bristlecone Pines“, die in den kargen White Mountains im trockenen Osten Kaliforniens stehen, „Metuschelach“, die älteste Kiefer ist bereits 4'773 Jahre alt. Sie wachsen äusserst langsam, aber sie wachsen und leben und Wasser ist dabei unentbehrlich. Wasser steht in der Bibel für die Erkenntnis Gottes, und lebendiger Glaube ist Durst und Verlangen nach Gott. Andersartigkeit in der Schöpfung ist oft kein ästhetischer Luxus zur Förderung von Vielfalt, sondern lebensnotwendige Ergänzung. Auch wahre, echte Gemeinschaft beruht nicht darauf, dass wir einander verstehen, sondern darauf, dass wir einander vertrauen. So heisst charismatisch leben für Schleske andere Menschen zu unterstützen, die etwas vom Glauben leben, das ich (noch) nicht begreife. Der Entwurf: Von der Harmonie der Gegensätze Die Klänge einer Geige sind keine sichere Sache, sie bewegen sich zwischen Vertrautheit und Ueberraschung. Die negativen Extreme davon sind Starrheit oder Langeweile und Willkür oder Beliebigkeit. Töne kann man voraushören, beleben und zähmen laut Schleske. Ein Tropaion ist ein Zeichen am Ort der Entscheidung, Wende und Flucht. Nicolás Gomez Dávila habe treffend gesagt: Der Abstand zwischen Gott und dem menschlichen Vermögen ist so gewaltig, dass nur eine kindliche Theologie nicht kindisch ist (Seite 52). Schleske erwähnt noch weitere positive Gegensätze, auf die er achtet, und die mich an das Werte- und Entwicklungsquadrat von Paul Helwig und Friedemann Schulz von Thun erinnert haben: · Leidenschaft (Glaubensunruhe) – Gelassenheit (Glaubensruhe), die in Fanatismus – Gleichgültigkeit umschlagen können (Schleske: Der einzig ruhige Mensch ist der geliebte Mensch. Seite 81) · Treue/Verbindlichkeit – Freiheit, die in Gesetzlichkeit und Beliebigkeit abkippen können · Grosszügigkeit – Sparsamkeit, die in Verschwendung – Geiz ausarten können · Gnade/Verheissung – Arbeit/Forderung, die zu Schwärmerei – Getriebenheit werden können · Demut/Ohnmacht/Schwachheit – Segen/Vollmacht/Kraft werden zu Resignation und Triumphalismus · Erlauben/Zulassen – Wollen/Gestalten werden extremerweise zu Planlosigkeit und Zwanghaftigkeit · Hören – Tun werden zu Intellektualismus –Pragmatismus entwertet · Wahrheit – Güte werden zu Lieblosigkeit und Dumpfheit · Vollkommenheit – Vorläufigkeit werden zu Perfektionismus – Halbherzigkeit. Nebst eigenen Gedanken und gemachten Erfahrungen baut Schleske immer wieder auch passende Zitate ein, wie: Mein Herz bleibt unruhig, bis es dir, Christus, alles übergibt, was es fernhält von dir. Frère Roger Schutz Nur der Reine kann den Sünder annehmen, weil er zuerst das Geschöpf und nicht die Sünde sieht. Geri Keller Vollkommen ist Oeffnung zu Gott hin, jeder Ton ist ein Lobpreis Gottes. Gott ist mehr ein Künstler, der weise gestaltet und zulässt als ein Konstrukteur, der verbissen seinen Plan verfolgt. Viele Gleichnisse, die Jesus erzählt hatte, handeln vom Wachsen und nicht vom Bauen (Seite 99). Uebe, was Gott dir gebietet, so wirst du erkennen, wer er ist; verwirkliche, was dir geboten ist, so wirst du begreifen, wer du bist. Die Stimme Gottes wirst du nirgends klarer hören als in der inneren Stimmigkeit mit seinem Willen. Sünde ist Unstimmigkeit nach Genesis 3 (Seite 106). Gott hält nichts von Unterwürfigkeit, aber sehr viel von Demut. Der Geliebte lebt anders, er tanzt mit seiner Berufung. Gesetzlichkeit ersetzt Gottesliebe etwa wie der Automat das Instrument (Seite 118). Der Geliebte und die Gemeinschaft wird angegriffen von Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit, von Moral und Autonomie, die den breiten Weg verkörpern. Der schmale Weg dagegen lebt von Gebotenem, Gewordenem und Gegebenem. Die Wölbung der Geige repräsentiert Ehrfurcht vor Gott, der Faserlauf das Sein in Gottes Händen (Seite 121). „Per-sonum“ heisst durch den Ton; Gott will seine Anwesenheit durch uns Zerbrechliche zur Geltung bringen. In der Welt gibt er uns Anteil an sich selbst durch seine Gegenwart. Wir hören Gott nicht pur, sondern einer durch den andern. Ein Musikinstrument ist nicht sichtbares Holz, sondern wirksamer Klang (Seite 131). Schleske beharrt darauf, dass wir geliebt und berufen sind, wir sind und sollen etwas tun, wir lieben und leiden. Die materiellen Bedürfnisse deines Nächsten sind dein spirituelles Anliegen, gemäss Israel von Salant. Jede herrschsüchtige Geste würde Gottes Antlitz entstellen. Frère Roger Schutz. Liebende werden wir, wenn wir die Sanftmut und Demut des Heiligen Geistes erahnen; denn im Geist Gottes ist auch etwas Verletzliches und Zartes. Glaube heisst, sich Gott zu stellen, und zwar nicht nur einer segnenden, sondern auch einer kritischen Instanz. Doch Gottes Geschichte mit der Welt ist keine Unterwerfungs-, sondern eine Berufungsgeschichte (Seite 158). Es gibt Dinge, die kann man nicht über Gott sagen, sondern nur zu Gott und eigentlich nur in Gott. Die Schöpfung selbst ist eine gewaltige Passion, Gott hat sein Sein verlassen, damit es eine Welt, ein Werden gibt. In Jesus geht es nicht um die Erlösungskraft des Leidens, sondern um die Leidensbereitschaft der erlösenden Liebe. Nicht Leiden hat Erlösungskraft, sondern die Liebe ist auch bereit zu leiden. Jesu Blut macht uns nicht deshalb gerecht, weil es Blut ist, sondern weil es sein Herz ist und sein gegebenes Leben zeigt. Mit der Erschaffung der Welt hat sich Gott seiner Macht entkleidet, nun sehen wir seine Machtlosigkeit am Kreuz nochmals konzentriert. Religiöse Dogmen hoffen auf unser schlechtes Gewissen, aber sie können uns weder Augen noch Ohren öffnen. Nur wenn wir Gottes Anwesenheit als etwas Verletzbares begreifen, werden wir beginnen, Gott und zugleich uns selbst ernst zu nehmen. Gnade ist der Raum, den wir dem andern bereiten. Gott offenbart sich dem Suchenden, er spricht zum Hörenden, und er bezeugt sich durch den Liebenden (Seiten 166-169). Schleske erachtet gute Gegenfragen als besser als eine banale Logik in der Sache der Allmacht Gottes zu haben. Der Gegensinn bestehe in der Verletzbarkeit Gottes und der Mündigkeit des Menschen. Gott und Menschen seien in einem untrennbaren Zusammenspiel. Wir müssen befreit werden von den Feindbildern gegen Gott, die wir in uns tragen: · vom Bild des zynischen Gottes, der nicht eingreifen will · vom Bild des rachsüchtigen Gottes, der Opfer will · vom Bild des abwesenden Gottes, der gar nichts will. Der verschlossene Klang gleicht dem Wegwerfen der Gnade, dies geschehe durch Verstockung in Stolz, sich in Angst verstecken oder sich in eine selbstentwertende Opferrolle zurückziehen. In der Eucharistie, im Abendmahl, kann ich dagegen jede Eigenmächtigkeit ablegen und nur noch aus Dank bestehen und mich so Gott ergeben. Durch den „Sündenfall“ (Genesis 3,16-17) haben wir diese Stimmigkeit verloren. Aber Gott kommt uns entgegen, er wird um unseres Bewusstseins willen Sinn, unserer Abgründigkeit willen der Heilige, unserer Heimatlosigkeit willen der Liebende, unserer Lieblosigkeit willen der Vergebende, unserer Endlichkeit willen der Ewige, unserer Empfänglichkeit willen der Heilige Geist und wegen unserem Ich zum Du. Gott ist die Liebe, die uns zu Personen macht und so zum Bild Gottes, seine Liebe atmet etwas vom Geist der Ewigkeit (Seiten 190-201). Schleske versteht christlicher Glaube als etwas Lebendiges und Dynamisches, deshalb können auch Phasen der Zweifel unser inneres Leben bilden und formen. Denn Zweifel erschüttert zu Recht alles, was nicht Liebe war. Kraft zur Ueberzeugung hat nicht, was ich glauben kann, sondern was ich lieben will. In Krisen wird das Tragende allein die Liebe sein. Für einen gesetzlichen Glauben ist dies undenkbar, ihm fehlt der Mut der Gottesferne. Glauben ist wachsames Stillesein und ein Hinsehen auf die Werke Gottes wie beim Propheten Jesaja. Unser Glaube soll eher ein innerer Lehrer als eine bekenntniskorrekte Lehre sein. Glaube heisst auch, dass wir hinsehen und fragen, was uns angesichts unserer täglichen Wirklichkeit geboten und verheissen ist, was Gott uns mit der Wirklichkeit sagen will. Glauben heisst in etwas Geschehenes einwilligen, etwas Gebotenes tun und einen neuen Weg bahnen (Seite 236-242). Person als Begriff ist uns bestens bekannt, aber wir wissen kaum, dass er aus „per sonum“ zusammengesetzt ist und eigentlich „für den Klang“ bedeutet. Unsere Aufgabe ist es also, ein Gottessänger zu sein. Darum kann Musik auch in Klang gegossenes Gebet sein. Der Glaube hat für Schleske denkende, betende, handelnde und feiernde Aspekte. Ich bitte und empfange, also bin ich. Und ich lasse mir von Jesus die Füsse waschen. Wir brauchen Gottes Reinheit, um empfindsam und empfänglich für Gott zu werden. Wenn wir innerlich aufgerichtet sind, können wir äusserlich aufrichtig leben. Ohne Dankbarkeit machen wir unser Leben zur Schwarzmalerei, ohne Reue zur Schönfärberei. Vergebung bedeutet im Tiefsten, dass Gott mich gegen mich selbst verteidigt. Durch Vertrauen in Gott muss ich nicht ständig Stärke und Schwache erspüren. Das lebendige Wasser des Evangeliums schuf sich demütig das Flussbett der Kirche (Seiten 246-302). . . . . . . . . . . . . Schleske vergleicht die verwendeten Harze für die Lackierung der Geige, die dem Schutz, Klang und der Schönheit dienen, mit dem geistlichen Leben: · Mastix glänzt und kann mit einer Gemeinschaft im Lobpreis verglichen werden · Myrrhe ist ein Heilmittel und wie die Frucht der Lippen (Jesaja 57,18) · Aloé ist wie eine helfende Gemeinschaft (Jesaja 45,13-18) · Schmelzkopale sind wie klärende Orientierung (Jesaja 48,17) · Venezianer Terpentin verhindert Risse, Härte und Sprödigkeit · Kopale sind hart, stark und bewahrend (Jesaja 26,2) · Benzoeharz ist ein Leuchtmittel (Jesaja 50,4) Das beste Buch zum Heiligen Geist sei das von Raniero Cantalamessa: Komm, Schöpfer Geist – Betrachtungen zum Hymnus Veni Creator Spiritus. Freiburg i.B. 1999 und 2007. Der symphonische Musiker ist in Komposition, Taktstock und Stimme ein Gleichnis dessen, der Gottes Wille lebt; er brauche Wort Gottes, den Heiligen Geist und die Charismen. Das Du der Gemeinschaft - nicht das Ich - ist das wahre Gegenüber Gottes. Jede Resonanz ist gekennzeichnet durch Frequenz, Schwingungsform und Gipfelbreite; so ist auch jeder Mensch eine Persönlichkeit, ein Dreiklang geformt aus Charisma, Charakter und Kompetenz. Das Geheimnis der geistlichen Gemeinschaft ist die Abkehr vom blossen Ich. Es geht im Leben darum, nicht nur zu begreifen, sondern ein ergriffener Mensch zu werden; das 351 seitige Buch von Martin Schleske kann dazu eine inspirierende, gehaltvolle Anregung sein!

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Samstag, Oktober 12, 2013

Richard Dawkins: Wo es Bildung und Wohlstand gibt, wirds schwierig mit der Religion

Richard Dawkins hat am 7. Oktober 2013 eine erstaunlich grosse und prominente Plattform im schweizerischen "Migrosmagazin" erhalten, obwohl er mit seinen Thesen zur Religion äusserst umstritten ist und polarisiert. Nicht alles, was er dabei sagt, ist falsch; aber er behauptet auch einiges, wovon er kaum genug versteht und es plakativ behauptet, ohne Belege vorzulegen, zum Beispiel über die Religion in der Gegenwart. Das Kernproblem bei Dawkins ist, dass er als Naturwissenschaftler zu oft philosophische Aussagen macht und damit die Grenzen der Naturwissenschaften überschreitet. Das kam bereits zu früheren Zeiten selten gut! Das Gleiche gilt übrigens auch, wenn Theologen und Philosophen über naturwissenschaftliche Erkenntnisse urteilen, ohne sie wirklich zu verstehen. Auch da überschreiten sie bald einmal ihre Fähigkeiten und Kompetenzen. Gerade deshalb gäbe es im englischsprachigen Raum Personen, die beides studiert haben und deshalb zu Naturwissenschaft und Theologie etwas zu sagen hätten. John Polkinghorne und Alister McGrath wären kompetentere und differenzierte Gesprächspartner zu diesen Themen. Der 83jährige John Polkinghorne, Quantenphysiker und anglikanischer Theologe und Priester hat treffend gesagt: "Religion ohne Naturwissenschaft ist begrenzt; ihr misslingt es, für die Wirklichkeit völlig offen zu sein. Naturwissenschaft ohne Religion ist unvollständig; es misslingt ihr, das tiefste mögliche Verstehen zu erreichen."

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Sonntag, Mai 12, 2013

Siegfried Zimmer: Persönlichkeitsentwicklung

Siegfried Zimmer ist deutscher Pädagoge und Theologe. Er lebt in Ludwigsburg, wo er viele Jahre an der Pädagogischen Hochschule gelehrt und gewirkt hat. Er ist verheiratet und hat erwachsene Kinder. Seine Stärke ist seine Vielseitigkeit, seine Reife, seine Tiefe, sein Verständnis und Wertschätzung für die unterschiedlichsten Menschen. Als hervorragender Rhetoriker sind seine thematischen Vorträge nun auch im Internet verfügbar unter dem Titel "Worthaus", siehe: www.worthaus.org. Es sind zwei Vortragsreihen, die er zusammen mit Thomas Breuer vor allem in Weimar gehalten hat. Sein Anliegen ist es, einen neuen, unverstellten Blick auf Jesus, sein Umfeld und den christlichen Glauben zu gewinnen. Ob ihm das gelungen ist, bleibe jedem Zuhörer selbst überlassen. Ich jedenfalls habe sehr von diesen Vorträgen profitiert. Ein Thema, weil die Vortragsserie besonders für jüngere Menschen gedacht ist, heisst "Persönlichkeitsentwicklung". Er unterscheidet zwischen Person und Persönlichkeit: "Person" ist der von Gott geschaffene und berufene Mensch, der unveränderlich bleibt. "Persönlichkeit" dagegen ist die Entwicklung des Menschen, die während seines ganzen Lebens andauert. Der deutsche Theologe für Altes Testament Claus Westermann habe herausgearbeitet, dass in der hebräischen Bibel plötzliche Veränderungen und stetige Entwicklungen gleichwertig beschrieben werden. Gott handle rettend und segnend an der Welt. Die Sprache des Segens drücke sich aus in den Verben sich ausbreiten, wachsen und viel werden. Dazu gibt es in der hebräischen Sprache viel mehr Ausdrücke als im Deutschen: sechzehn, elf und vier, insgesamt also 31 Verben! Die Segensspur Gottes ist aufmerksam zu beachten, seine Rettung darf seinen Segen nicht zudecken und kompensieren. Nach Siegfried Zimmer ist Rettung Gottes zentral und Schöpfung Gottes fundamental. Ethik muss aus der Zusage Gottes heraus ins Leben integriert werden. Gesunder Glauben lasse sich zudem befragen und durchleuchten, er bewirke folgendes: · · · · · · · · ·Aufmerksamkeit und Sensibilität werden verstärkt ·selbständiges Denken und Mündigkeit werden gefördert ·Glaubenssätze werden persönlich verarbeitet ·Zweifel werden zugelassen ·Bescheidenheit wird eingesehen und gelebt ·Gerechtigkeit und Frieden werden gefördert ·Sinnlichkeit und Kontaktfreude nehmen zu

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Montag, Dezember 17, 2012

Tomas Halik: Geduld mit Gott

Der Tscheche Tomas Halik hat die Geschichte von Zachäus originell aktualisiert. Sein Buch, das 2010 im Herderverlag Freiburg mit der ISBN-Nummer 978-3-451-30382-1 herausgekommen ist, heisst ganz einfach: "Geduld mit Gott". Etwas zum Autor: Tomas Halik wurde 1948 in der Tschechoslowakei geboren. Er wuchs also in einem kommunistischen Staat auf, der auch einen materialistischen Atheismus propagierte. Er studierte Soziologie und Religionsphilosophie, er konnte jedoch wegen seiner christlichen Gesinnung nicht Karriere machen und Dozent werden. 1978 wurde er in der DDR zum römisch-katholischen Priester geweiht. Nach der Wende studierte er in Rom weiter, später wurde er sogar externer Berater von Vaclav Havel. Heute ist er Professor für Soziologie in Prag und Rektor der Universitätskirche. Nun zum Inhalt: Tomas Halik setzte sich intensiv mit dem Atheismus in seiner Heimat auseinander. Aus diesen Erfahrungen kann er sagen: „Mit Atheisten bestimmter Prägung kann ich die Wahrnehmung der Abwesenheit Gottes in der Welt nachvollziehen. Ich erachte ihre Deutung dieses Gefühls jedoch für übereilt... Das Schweigen Gottes und die beklemmende Gottesferne bedrängen oft auch mich... Ich kenne drei Arten von Geduld angesichts der Abwesenheit Gottes: es sind dies Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Aus Ueberzeugung zitiert er Adel Bestavros, der gesagt hat: „Geduld mit andern ist Liebe, Geduld mit sich selbst ist Hoffnung, Geduld mit Gott ist Glaube.“ Zusammen mit dem Philosophen Slavoj Zizek möchte er das authentische Erbe des Christentums nicht fundamentalistischen Sonderlingen überlassen, weil es zu wertvoll sei. In der biblischen Person des Zöllner Zachäus erkennt er jene Menschen wieder, die Distanz wahren, aber durch Anrede und Dialog wahr werden und Gott nahe kommen. Dieses Geschehen sei auch geheimnisvoll, ein unerschöpfliches Geheimnis des Glaubens. Glaube sei Nachfolge, ein nie endender Weg durch diese Welt. Gott sei nicht leicht zu haben, mit ihm müsse man ringen. Man darf sich seiner nicht zu sicher, aber eben auch nicht zu gleichgültig sein. Die Liebe zu Gott lasse uns seltsame Gedanken und Prüfungen erdulden, Thérèse von Lisieux sprach in diesem Zusammenhang von der „Nacht des Nichts“, die eine Art Entkleidung des Glaubens sei. Den Unglauben überwältigen könne der Glaube nur, wenn er ihn umarmt. Der Gläubige zeige sich auch darin solidarisch mit dem Ungläubigen. Denn Atheismus sei nicht Lüge, sondern nicht zu Ende gesprochene Wahrheit. Gott sei stets grösser, mehr als es unsere Vorstellungen erlauben. „Glaube ist ein Weg der leidenschaftlichen Suche nach Gott“, das hat bereits Sören Kierkegaard festgestellt und gesagt. Und Gott sei deshalb so unbekannt, weil er eigentlich so nahe ist. Für Halik gilt deshalb: „Christi Auferstehung muss eine Provokation, eine Torheit, ein Skandal bleiben; wollten wir dieses zentrale Geheimnis unseres Glaubens beweisen, dann würden wir es um seine Kraft bringen.“ (Seite 174). Mit Martin Heidegger stellt Halik fest, dass die Technik fast alle Entfernungen überwunden hat, aber trotzdem keine wirkliche Nähe geschaffen hat. Zudem seien heute die Bilder der Medien eine Art „Antimeditation“. Das zwinge uns auch zur Erneuerung unserer religiöser Sprache. Verstaubte und abgenutzte Wörter sollten wir in jene ursprüngliche Quelle des Glaubens eintauchen. Diese befreiende und verwandelnde Freude durften bereits Thomas, Maria Magdalena, Zachäus und die blutflüssige Frau in ihrer Begegnung mit Jesus erfahren (S. 215). Das Privileg der Heiligen sei, die eigene Sündhaftigkeit wirklich scharf zu sehen. Das führe unweigerlich zum Weinen über die Sünde und zum Gott preisen für seine Barmherzigkeit. Denn nicht die schmerzvolle Reue sei wesentlicher Bestandteil der Umkehr, sondern Vertrauen in die Macht Gottes und Vergebung. Und wie Gott mir tut, so tue ich auch dir! Die bekannte Geschichte im Lukasevangelium Kapitel 15 nennt er das Gleichnis der verlorenen Söhne; denn der Weg beider Söhne gehe am Vater, der hier für Gott stehe, vorbei. Sowohl Beliebigkeit und Lasterhaftigkeit als auch Bravheit und Moralität seien falsche Wege; sich selbst und andere abwerten oder sich überheben verfehlen je das Ziel. Insgesamt ein spannendes, gut lesbares, apologetisches Werk mit schlüssigen und nachvollziehbaren Argumenten. Es passt bestens in unsere Zeit, in der Glaube an Gott stark in Frage gestellt wird. Halik dreht deshalb den Spiess um, indem er die Ungeduld, die Vorurteile und die Selbstgefälligkeit der Menschen kritisiert. Denn bereits früh war er dem rauen Wind seiner Zeit ausgesetzt, so dass er Worte und Formulierungen suchen musste, um neue, glaubwürdige Antworten für kritische und skeptische Zeitgenossen zu finden.

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Freitag, August 03, 2012

Mein Fazit zu Boberts Mystik

Informativ, treffend und hilfreich finde ich Sabine Boberts präzise Beschreibungen und Analysen der Gegenwart. Und im letzten Teil kommt nochmals ihr berechtigtes Anliegen zur Geltung: sie misst christlichen Symbolen und lutherischen Riten grosse Bedeutung zu, auch weil sie noch heute körperlich erfahrbar sind. Im Zeitalter der Information und Virtualität ist dies besonders wichtig und auch gut nachvollziehbar. Deshalb will sie die deutsche Messe wiederbeleben. Ich vermute, dass dies auch viel mit ihrer Konversion von einer baptistischen Freikirche zu der evangelisch-lutherischen Kirche zu tun hat. Freikirchen haben häufig viel Sinn für Inhalte und Lehre, jedoch wenig Ahnung für eine bewusste und passende Wahl von Formen und Liturgien im Gottesdienst, Glaubensstufen und Lebensentwicklung ihrer Mitglieder. Gerade auf sensible Menschen wirkt dies oft einengend, schablonenartig und platt. Manchmal hatte ich beim Lesen aber den Eindruck, dass Sabine Bobert dabei etwas übers Ziel hinausschiesst: sie stellt Entwicklungen, Personen und Kirchen nur positiv dar, die durchwegs auch negative Seiten hatten, die aber von ihr ignoriert und ausgeblendet werden, beispielsweise: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Die Verbindung von platonischer Philosophie und christlichem Glauben, die eine körperfeindliche und hierarchische Entwicklung in Theologie und Kirche begünstigte · Bernhard von Clairvaux, Martin Luther und Ignatius von Loyola haben sicher herausragende Leistungen erbracht, aber sie waren auch an unheilvollen Entwicklungen beteiligt, an Gewalt, Kreuzzügen, Machtpolitik und Antisemitismus · Die orthodoxen Kirchen sind häufig auch ein Machtfaktor und problematisch verquickt mit Politik und Militär in ihren jeweiligen Gesellschaften und Staaten. Dagegen ignoriert Bobert mehrheitlich gewaltlose christliche Bewegungen, die noch heute bedeutsam sind und deren Mystik rezipiert und weitergetragen werden sollte: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Jüdische Herkunft des christlichen Glaubens · Jüdische Mystik · Nicht (hoch)kirchliche Mystik, z.B. Pietismus, Quäker u.a, die viel bewirkt haben. Es wäre spannend, mit Sabine Bobert darüber ins Gespräch zu kommen.

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Mittwoch, Juli 04, 2012

Seccum esse

Ganz wichtig für Sabine Bobert ist „secum esse“, das bei sich sein und die Einsamkeit erlernen und aushalten können. Wahrscheinlich geht dieser Gedanke am stärksten auf Antonius, der 251 bis 356 gelebt hatte, zurück. Mit seinem einsamen Gang in die ägyptische Wüste und der damit verbundenen Askese etablierte er ein neues Lebensmodell, ja sogar einen Kulturtrend, die in der „Vita Antonii“ beschrieben worden ist. „Wer die himmlische Wirklichkeit wolle, der ziehe allein in die Wüste.“ Nachfolge bedeutete für ihn Zentrierung auf Jesus Christus, die Aufmerksamkeit lebenswirksam auf ihn lenken, Unwesentliches, Irrtümer und Zuschreibungen loslassen und auch sozial fremd sein und somit die Todeseinsamkeit vorwegnehmen. Dieses in Jesus zu ruhen, die „Hesychia“, brauche aber Training. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . In die gleiche Kerbe schlug später auch Ignatius von Loyola, der 1491 bis 1556 gelebt hatte, mit seinen geistlichen Uebungen. Besonders lehrte er, sich indifferent gegenüber dem Geschaffenen und Gegebenen zu machen. Noch heute sind seine grundlegenden Uebungen anwendbar und hilfreich, weil sie dem zu starken sozialen Zwang zur Individualisierung entgegenstehen. Christlicher Glaube lebt nach Bobert auch von Sozialisierung und Individualisierung durch spirituelle Techniken wie Einsamkeit, Schweigen, Fasten, Introspektion, Tagesstrukturen wie „ora et labora“, gemeinsames Singen und geistliche Begleitung. Schon die Wüstenväter achteten sowohl auf Erfüllung mit dem Heiligen Geist als auch gute Lebensweise, Herzenserkenntnis und Unterscheidung der Geister. . . . Als Beispiel für einen solchen gottgefälligen Lebensstil erwähnt Bobert Charles de Foucauld, 1858-1916, ein französischer Offizier und Lebemann, der 1881 wegen mangelnder Disziplin in die Armeereserve versetzt wurde und ein Jahr später von seiner Familie entmündigt wurde wegen Vermögensverschleuderung. In Kaplan Henri Huvelin fand er danach einen geistlichen Begleiter und kehrte um. 1901 wurde er Priester mit einer Sendung in die Sahara; bei den Tuareg war er dann „Bruder Karl“. 1902 schrieb er die Regeln der kleinen Schwestern vom Heiligsten Herz Jesu. In seinem abgelegenen Kloster wurde er aus Versehen von einem jungen Tuareg-Soldaten getötet. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auch Henri Nouwen, der begabte Psychologieprofessor, ging 1974 für sieben Monate ins Trappistenkloster, um seinen Zwängen und seiner Leere zu entkommen. Darüber schrieb er das Buch: Ich hörte auf die Stille. Abt John Endes Bamberger wurde im Kloster sein geistlicher Begleiter und verhalf Nouwen zu einer besseren Selbstwahrnehmung. Dazu gehören: . . . · eigene Grenzen akzeptieren, · Gottesbild verändern lassen, · Leidenschaften wahrnehmen und · den Kampf aufnehmen
Für Bobert sind Stufen des Glaubens jenseits materialistischer Reduktion wesentlich. Erfahrene und nicht nur geglaubte Liebe verwandle die Menschen. Einzelne Psychologen wie Fowler, Kohlberg und Graf haben dies aufgenommen und davon geschrieben: · James W. Fowler: Glaubensentwicklung. München 1989 · James W. Fowler: Stufen des Glaubens. München 1991 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt 1996 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Lebensspanne. Frankfurt 2000 · Stanislav Graf: Spirituelle Krisen. München 1990. Er hat einen transzendenzoffenen Ansatz ähnlich wie C.G. Jung. Spiritualität wird nicht nur negativ und krankmachend dargestellt, sondern auch reinigend, ekstatisch und umgestaltend erfahren, was sehr aufbauend sein kann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von diesen Stufen des Glaubens habe auch bereits Ambrosius von Mailand, 333 in Trier geboren und 397 in Mailand gestorben, gesprochen. Er war derjenige, der den Gemeindegesang in die Messe eingeführt hatte, ein pneumatisches und mystisches Eucharistieverständnis entwickelte, eine Abhandlung über den Heiligen Geist „de spiritu sancto“ schrieb, ein Kenner der Antike und Freund von Origenes war. Sein reifes theologisches Alterswerk war „De Isaac vel Anima“, worin er über Issak (Genesis 24 und 26), das Hohelied und die Seele sprach. Darin lassen sich vier Schritte unterscheiden: 1. Finden (oder Beginn; nach Ernst Dassmann, dem deutschen Ambrosiusbiograf) 2. Verlieren (Gefährdungen) 3. Wiederfinden (Läuterungen) 4. Vereinigen von Braut und Bräutigam (Vollendung)

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Freitag, Dezember 23, 2011

Waldes und Weihnachten

Anfang Dezember hatte ich die Gelegenheit, Torre Pellice südwestlich von Turin zu besuchen. Es ist heute das Zentrum der italienischen Waldenser, die zu den ersten Protestanten Europas gehörten. Sie gehen zurück auf (Petrus) Valdes, der 1140 in Lyon geboren wurde. Er war ein reicher Kaufmann, ähnlich wie Franziskus, der aufgrund von Worten der Bibel umkehrte und den Weg der Armut wählte. Er war nicht sonderlich gebildet, jedenfalls verstand er kaum Latein, und liess deshalb Bibelteile ins Romanische, eine südfranzösische Sprache, übersetzen. Es war die erste Bibelübersetzung in eine Volkssprache in Europa. Zudem predigte er Umkehr auf Lyons Strassen und Plätzen ab 1170 und scharte so Anhänger um sich, die sogenannten "Armen von Lyon". Er wollte "nackt dem nackten Christus nachfolgen". Der Bischof verbot ihm das Predigen, denn es war den gebildeten und geweihten Priestern in der Kirche vorbehalten. Valdes hielt sich nicht daran und kritisierte auch Kirche und Klerus, so dass er 1182 exkommuniziert und ausgewiesen wurde. Er wurde zum Wanderprediger mit Anhängern in Frankreich und Italien. Zusammen mit den lombardischen und böhmischen Brüdern verbreitete sich so die Botschaft dieses einfachen Evangeliums subversiv über ganz Mitteleuropa bis nach Polen. Das wurde zusammen mit anderen abtrünnigen Gruppierungen für die katholische Kirche zum ernsthaften Machtproblem. Mit der Einführung der Inquisition (und der Kreuzzüge) versuchten die Kirchenoberen, wieder Herr der Lage zu werden, was letztlich später die Reformation auslöste. Valdes starb etwa um 1206, er hat keine eigenen Schriften hinterlassen, aber trotzdem viel bewegt und bewirkt.


Höhlenkirche "Gheisa d'la Tana" im Agrognatal

Diese Geschichte und andere Eindrücke bewegten mich zu folgendem Gebet:

Gott,
du kommst von ganz unten zu uns.
Du kommst ganz klein zu uns,
und du kommst ganz arm zu uns.
In Jesus bist du uns ganz nah. Dafür danken wir dir.
Wir bitten dich um Vergebung, dass wir dich immer wieder
in Unscheinbarkeit, Kleinheit und Armut übersehen und verachten.
Erbarme dich über unseren Hochmut und unsere Blindheit.
Wir brauchen deine Liebe und dein Licht.
Danke, dass du uns trotzdem nah bleibst und dein Reich kommt!
Amen


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