Sonntag, Juni 24, 2018

David Platt: Keine Kompromisse - Radical

Zum Autor: David Platt studierte Journalismus, Theologie und Philosophie. Das New Orleans Baptist Theological Seminary verlieh ihm einen Doktortitel in Philosophie. Er war baptistischer Pastor in Brook Hills, einer grossen Gemeinde in Birmingham in Alabama. Er ist als Bibelausleger weltweit tätig. Seit 2014 ist er Präsident der Southern Baptist International Mission Board (IMB). Er ist verheiratet mit Heather, sie haben vier Kinder und wohnen in Richmond, Virginia. Zum Buch: Es ist unscheinbar grün mit weissen Buchstaben gestaltet und heisst Keine Kompromisse. Jesus nachfolgen – um jeden Preis, einen für mich etwas unglücklich gewählten deutschen Titel. In Englisch heisst es passender Radical und war sogar auf der Bestsellerliste der New York Times. Nach dem Lesen des Buches würde ich es positiv Jesus nachfolgen um einen lohnenden Preis nennen. Denn David Platt versteht es, Wesentliches der Jesusnachfolge aufzuzeigen und dies in Kontrast zum heutigen westlichen Lebensstil und Kontext zu stellen. Darin zeigt er geistliche Leidenschaft, Klarheit, Unterscheidungsvermögen und Unbeirrbarkeit. Einige Lebensgewohnheiten der amerikanischen Evangelikalen stellt er radikal in Frage, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch viele europäische Christen sich genauso von Jesus, seinem Ruf und seinen Massstäben entfernt haben, ohne es wahrhaben zu wollen. So schreibt er auf Seite 41: Jesus ist nicht mehr der, der angenommen oder eingeladen werden soll, sondern der, der unseren sofortigen und völligen Unterwerfung unendlich würdig ist. Platt beschreibt und karikiert auch, wie eine „erfolgreiche“ westliche Gemeinde aussieht und was sie ausmacht auf Seite 50: Als Erstes brauchen wir eine gute Show. In unterhaltungsgesteuerten Kulturen brauchen wir jemand, der die Massen fesseln kann. Ohne einen charismatischen Redner sind wir dem Untergang geweiht… Wenn dann schliesslich die Massen kommen, brauchen wir etwas, damit sie wiederkommen. Also müssen wir Programme starten – erstklassige, spitzenmässige Programme – für Kinder, für Jugendliche, für Familien, für jedes Alter und jeden Stand. Um diese Programme zu realisieren, brauchen wir Profis, die sie durchführen. Dadurch können zum Beispiel Eltern ihre Kinder einfach an der Tür abgeben, und die Profis übernehmen den Dienst für sie. Wir möchten nicht, dass Eltern das zu Hause selber versuchen… Aber was komischerweise in diesem Bild der Präsentationen, Persönlichkeiten, Programme und Profis fehlt, ist unsere äusserste Sehnsucht nach der Kraft Gottes. Platt versucht ein möglichst biblisches Bild von Gott und den Menschen zu zeichnen, daher schreibt er auf Seite 66-75: Gott hat uns geschaffen, um eine enge Beziehung mit ihm zu geniessen, seinen Segen und seine Gnade; um sein Ebenbild zu sein, und es zu vervielfachen, und so seine Ehre zu verbreiten. Er macht uns aufmerksam, dass Gottes Gnade und Ehre nicht getrennt werden dürfen, sonst werde der Egoismus gefördert. Gott rettet uns mit einem Ziel. Jeder gerettete Mensch diesseits des Himmels schuldet das Evangelium jedem verlorenen Menschen diesseits der Hölle. Platt zeigt auch deutlich auf, dass das Neue Testament und im besonderen Jesus keinen Erfolg, keinen Wohlstand, kein Ansehen und auch keine sichtbare Kirche predigen, sondern das noch unsichtbare oder unscheinbare Reich Gottes. Auf Seite 115 schreibt er dazu: In der Morgendämmerung dieser neuen Phase der Heilsgeschichte verspricht keiner der Lehrer (einschliesslich Jesus) im Neuen Testament je materiellen Besitz als Belohnung für Gehorsam. Als wäre das nicht schon bestürzend genug für die Juden des ersten Jahrhunderts (und die Christen des 21. Jahrhunderts), sehen wir auch keinen Vers im Neuen Testament, in dem Gottes Volk je wieder aufgefordert würde, einen majestätischen Ort der Anbetung zu bauen. Stattdessen wird den Leuten Gottes gesagt, dass sie selbst der Tempel sein sollen – der Ort der Anbetung. Und ihre Besitztümer sollen nicht dafür eingesetzt werden, einen Ort zu bauen, an den Menschen kommen können, um Gottes Herrlichkeit zu sehen, sondern ein Volk zu bauen, das die Ehre Gottes in die Welt hinausträgt. Für Platt ist Jesus Christus die eine Stimme, die uns in allen Entscheidungen unseres Lebens leiten will, die uns viel Neues geben, aber auch das bisherige Gefühl von gewohnter Sicherheit und illusionärer Stabilität nehmen muss (S. 119-120). Ab Seite 139, gegen Ende des Buches, stellt Platt nochmals die sieben wichtigsten Wahrheiten des Römerbriefs dar, wie sie bereits der amerikanische presbyterianische Theologe R. C. Sproul in seinem 1982 erschienenen Buch: Reason to Believe – A Response to Common Objections to Christianity, vorgezeichnet hatte. 1. Alle Menschen wissen von Gott 2. Alle Menschen lehnen Gott ab (und betreiben somit Götzendienst) 3. Alle Menschen sind vor Gott schuldig (und es gibt keine Unschuldigen) 4. Alle Menschen sind verurteilt, weil sie Gott ablehnen 5. Gott hat einen Weg der Rettung für die Verlorenen geschaffen 6. Alle Menschen können im Glauben an Christus zu Gott kommen 7. Gott befiehlt seiner Gemeinde, das Evangelium allen Menschen zu verkündigen Wie in vielen christlichen Auslegungen fehlt auch hier eine angemessene Aussage zur Stellung und Aufgabe Israels, wie sie im Römerbrief in Kapitel 9 bis 11 von Paulus so eindrücklich beschrieben worden ist. Das ist die einzige wirkliche Schwäche an diesem Buch. Auf Seite 182 empfiehlt Platt als Umsetzung dieser Wahrheiten: 1. für die gesamte Welt zu beten 2. die ganze Bibel in einem Jahr durchzulesen 3. Geld für einen bestimmten Zweck zu opfern 4. Zeit ausserhalb des gewohnten Umfelds zu investieren 5. aktives Mitglied einer sich vervielfältigenden Gemeinschaft zu sein

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Mittwoch, Februar 21, 2018

Abendmahl – Zeichen des Zerbruchs und der Heilung

Über das Abendmahl ist schon viel geschrieben worden, ist es doch zentrales Geschehen im christlichen Glauben, weil Christus unter den Gläubigen gegenwärtig sein will. Dieser Text ist inspiriert von der kanadischen Mennonitin Ann Voskamp. Jesus wurde gebrochen, damit unsere Bruchstücke wieder zusammengefügt werden können. Wir essen Zerbrochenes und sind doch selbst zerbrochen. Wo etwas zerbrochen ist, sind wir dem gebrochenen Jesus am nächsten. Und nur aus Zerbruch kann Fülle und Überfluss werden; nur wer loslässt, der kann gewinnen; nur aus zerriebenen Weizen wird Brot. Ohne zu sterben bleiben wir einsam, nur unsere Hingabe des Lebens bringt Frucht. Wir werden gebrochen, und unser Leib und unsere Seele werden durch ihn gesättigt. Sünde wuchert in meinem Innern wie Rost oder Schimmel. Um mein Herz habe ich Mauern hochgezogen, die mich bedecken und mich von andern fernhalten. Aber eigentlich bin ich unansehnlich, nackt, bloss und beschämt. Christus legt seine Gnade wie eine Decke über mich und versichert mir so seine Liebe. Er kann alles Zerbrochene zusammenfügen, mich wieder ganz machen und eins mit ihm. Ich darf eine neue Einheit und Ganzheit erahnen. Im Essen und Trinken kommt sein Leben in mich hinein. Ich kaue und schlucke Brot und trinke Wein, in ihm sind meine Sünden verschlungen; und er ist mein "Lamm". Bäckerei und Brot im ländlichen afrikanischen Guinea

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Montag, Mai 01, 2017

Nehmen und Geben - Glauben und Empfangen

Volf zitiert die kanadische Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Natalie Zemon Davies, die drei Arten von Geben unterschieden hat: • Zwangsmodus: wir nehmen verbotenerweise. . . . • Kaufmodus: wir erwerben legal. . . . • Schenkmodus: wir geben grosszügig. . . . Gott sei nicht der selber empfangende Geber, sondern der unendliche und absolut liebende Geber (Seite 76). Wir sollen Gott ähnlich, aber nicht gleich werden. Weihnachten dürfe daher nicht zum gegenseitigen Schenken verkommen, sondern soll im Sinn Gottes auch ein einseitiges sein, das vom Empfänger nicht wirklich erwidert werden kann! Paulus hat von der Gemeinde, in der er jeweils tätig war, nie Geld für sich angenommen, sondern nur um an andere weiterzugeben. Der Philipperbrief ist ein einziges langes Dankeschön, aber Paulus dankte ihnen an keiner Stelle; denn der Geber war Gott, und die Philipper waren nur sein Kanal. Das biblische Verständnis von Gleichheit verträgt es, dass der eine mehr hat und der andere weniger; aber nicht, dass der eine Überfluss und der andere Mangel hat (Seite 104). Kain war wie Adam und Eva ein „Nehmer“, während Abel ein „Geber“ war. Kain scheute daher nicht zurück, Abel das Leben zu nehmen. Sünde ist eine Art Gegengabe, eine perverses Gegenmittel, das all die guten Gaben neutralisiert und verdirbt. Auch als Sünder sind wir noch Gottes gute Schöpfung; aber wir sind wie Wasser, das durch Tinte gefärbt und verschmutzt ist.
Gott sei weder ein unerbittlicher Richter noch ein alter Opa, sondern ein Gott, der gerne vergibt, weil er nichts brauche (Seite 169). Luthers Problem war nicht psychologischer Natur, sondern theologischer Art, weil er Gott als unbestechlichen Richter und zornig aus Liebe ansah (Seite 173). Rabbinisch gesprochen verdankt die Schöpfung ihre Existenz Gottes Vergebung (Seite 175). Luther hielt es für ein grosses Problem, dass die Menschen egozentrisch seien; Volf stellt daher die berechtigte Frage, wie wir das denn heute sehen würden? Bei der Vergebung gehe es in der Tiefe nicht darum, etwas zu sagen, sondern etwas zu tun. Gott vergab, indem er Jesus als Sühneopfer hinstellte. In Christus versöhnte Gott die Welt mit sich selber. Gott hat die Sünden der Menschen auf Gott gelegt; er trägt die Last unserer Vergehen (Seite 187). Nach Luther liegen unsere Sünden auf Christus und sind in Christus verschlungen; er bekleidet uns mit seiner Gerechtigkeit und verwandelt uns in christusähnliche Menschen auf dem Weg zur neuen Schöpfung. Der Glaube klammere sich an Christus wie ein Ring einen Edelstein umfasse. Im Glauben öffnen wir die Hände, um Christus zu empfangen. Unsere Grundsünde sei es, Gott nicht ganz zu vertrauen, und infolge dieses Versagens fallen wir in viele verschiedene konkrete Sünden. Zudem tun wir so, als ob wir das, was wir haben, nicht von Gott empfangen hätten (Seite 197). Schuld bekennen heisst, dass wir durch das Tor der Beschämung in das Land der Freiheit treten (Seite 199).

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Sonntag, April 09, 2017

Klaus Berger: Die Bibelfälscher

Klaus Berger hat mit Die Bibelfälscher - Wie wir um die Wahrheit betrogen werden; ein weiteres Werk verfasst, das im Münchner Pattloch-Verlag 2013 unter der ISBN 978-3-629-02-185-4 erschienen ist. Er ist ein katholischer Christ, der viele Jahre Neues Testament an der evangelischen Fakultät der Universität Heidelberg gelehrt hat. Er ist eine prägnante Persönlichkeit, die sich auch heute nicht scheut, Glaubensaussagen zu machen, die gegen die Mehrheitsmeinung im deutschsprachigen Raum stehen. So ist es nicht erstaunlich, dass auch dieses Buch Die Bibelfälscher Widerspruch erfährt, teilweise zu Recht, da auch mir nicht alle seine Argumente eingeleuchtet haben. Aber etliche Passagen sind so gut formuliert und daher bedenkenswert, dass ich sie hier bringen will: Klaus Berger bezeichnet seine eigenen Positionen mit Sed contra, also mit Gegenpositionen. Seine Hauptaussage ist, dass die liberale Bibelexegese, die sogenannte Bibelkritik, Bibeltexte umdeute, verliere dabei Historie und werde so zum geschichtsfreien Glauben. Er behauptet zudem etwas vollmundig, dass in den letzten vierzig Jahren die deutsche Exegese nichts Relevantes hervorgebracht habe. Rudolf Bultmann habe Theologie betrieben, indem er den (philosophischen) Filter von Martin Heidegger gehabt habe. Berger dagegen stellt folgende Prämissen für die Bibelexegese auf: 1. Aus der Geschichte für die Geschichte. 2. Historizität spiele eine unterschiedliche Rolle, je nach Textform und –gattung. 3. Im Zweifelsfall für den Text; deshalb ihn so stehen lassen, wie er überliefert wurde. 4. Mystische Fakten seien nicht zu begründen (und können nicht immer erklärt werden). 5. Göttliche Macht übersteige menschlichen Mangel; deshalb gebe es „Siegeslieder“ 6. Charismatische Erfahrung hebe Grenzen auf, auch die zeitlichen. . . . . . . Zur Bergpredigt schreibt Berger ab Seite 116: • Gott sei der Geduldige, Friedensstiftende, Barmherzige und Treue • Der Mensch solle Gott ähnlich werden durch den Ruf Jesu in die Nähe und Nachfolge • Ziel sei Gott schauen; Nachfolge sei Jesus anschauen; daher sei selig sein wichtig Berger findet es zu anmassend, Worte Jesu in echte und unechte einzuteilen, da wir nicht Augenzeugen waren (Seite 143). Wesentlich sei, was Wort und Tat über Gott sagt (Seite 150). Die Religion Jesu und der Urchristen war mystisch und apokalyptisch (Seite 155). Das jüdische Gesetz sei (mit dem Neuen Testament) nicht aufgehoben worden, aber in seiner kultisch-rituellen Seite durch Jesus Christus erfüllt. Die Gleichnisse Jesu seien keine Mahnreden, sondern haben eine Pointe und zielen aufs Zukünftige. Die Bibel soll vom Regal auf den Tisch, damit sie entstaubt und mit neuer Lust gelesen werde (Seite 299)! Zentral sagt mir die Bibel etwas über Jesus (Seite 300): • Bibel sagt es in vier Evangelien und offenbart damit Mut zur Vielfalt • Bibel sagt es in Apostelbriefen, die Jesus auslegen für Fragen und Sorgen der Menschen • Bibel sagt uns, dass Gott drei Gesichter hat: Vater, Sohn und Heiliger Geist • Bibel erzählt uns von Menschen, die bis zum Tod mutig ihren Glauben bezeugten. Die Bibel erzähle davon, dass Gott die Übermütigen in alle Winde zerstreut, dass er die Mächtigen vom Thron stürze und die Elenden aufrichte. Die Bibel sagt mir, dass und warum die Liebe das Grösste sei. Die Bibel lehre uns vor allem beten (Seite 301)! Vieles aber sage die Bibel nicht, und sie frage auch nicht danach (Seite 304). Berger definiert gegen Schluss eine gute Bibelauslegung, sie sei dann gut: • Wenn wir daraus ein Gebet formen können. • Wenn wir Gott und die ganze Wirklichkeit sehen. • Wenn der Bibeltext zu reden beginne und nicht erdrückt werde durch Lehre, Regeln, Systeme und Theorien. • Wenn Gottes Gegenwart kräftig werde. • Wenn um Worte und Sätze gerungen werde. • Wenn vorhandene Spannungsfelder aufrecht erhalten bleiben: Gott – Mensch, Israel – Heiden, Allmacht – Böses, Liebe - Gericht.

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Montag, März 20, 2017

Die Metamorphose: Von Jesus zu Muhammad

613 besetzte Persien Syrien, 614 Jerusalem und 619 Ägypten. 622 wurde Persien von Byzanz in Armenien vernichtend geschlagen, wobei die arabischen Emire als Vasallen dienten. Es war auch ein christlicher Sieg über die persischen Feueranbeter, der eine neue arabische Zeitrechnung, die kata araba rechtfertigte. Muhammad und seine Eroberungskriege dagegen sind geschichtswissenschaftlich nicht belegt. Es gibt keine Nennungen der Worte Muslim und Islam aus dem 7. und 8. Jahrhundert. 753 wurde erstmals Meshlem erwähnt, was Muslime heisst und rechtgläubige, arabische Christen meinte, die syrische Christen waren und den Judenchristen nahe standen. Auch Abd al-Malik (646-705) war ein arabischer Christ und Herrscher. Al-Mamun (786-833) führte ein Kalifat Allah ein. 875 tauchte erstmals ein zusammengefügter Koran in arabischer Schrift auf. Muhammad war nun eine reale Person geworden, die von Bakka in Mesopotamien nach Mekka in Arabien verlegt wurde. Aus dem aramäischen Platz der Gottesverehrung Masjid war die Moscheee, das islamische Gotteshaus mit Gebetsnische nach Mekka, geworden. Auch die Form der Kaaba erinnert an eine judenchristliche Kirche, die zur Moschee gemacht wurde.
Historisch gesehen ist der Islam nicht direkt aus dem Himmel gekommen, sondern hat sich aus Heidentum (mit den Göttinnen Allat und Uzza), Judentum und Christentum gebildet. Der Koran kam nicht exklusiv und in reinem Arabisch vom Himmel an den Analphabeten Muhammad, sondern er ist prozesshaft aus dem Qeryan, dem christlichen Liturgiebuch der Aramäer, entstanden. Die Beduinengesellschaft, die Sehnsucht und das Bedürfnis nach Abgrenzung vom westlichen, trinitarischen Christentum hat die Bildung eines eigenen Buches mit eigener Sprache befördert. So ist der Koran in Koranarabisch entstanden mit seinem theologischen (mekkanische) und juristischen Teil (medinesische Suren), worin Jesus seine göttliche Sonderstellung verloren hatte.
Mitte: Minarett in Marrakesch; unten: Moschee mit Minarett in einem kleinen marokkanischen Dorf im Atlasgebirge

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Mittwoch, November 30, 2016

Kapitel 6: Gemeindearbeit als Abenteuer: Lernen, gerne die Wahrheit zu sagen

Die neue Pfarrergeneration ist dafür ausgebildet, den einzelnen Menschen zu helfen, mit ihrem Leben besser zurechtzukommen. Die arme alte Kirche möchte hingegen einen Pfarrer, der ihr helfen kann, Kirche zu bleiben (Seite 168). Schliesslich sind die meisten Christen heutzutage – Liberale und Fundamentalisten – in den meisten Lebensbereichen praktische Atheisten. Service und Gemeinschaftsgefühl seien problematisch, wenn sie zum Selbstzweck werden. Und Sentimentalität ist die gefährliche Droge, sie ist Theismus mit Verfalldatum. Die Kirche sei ein Ort der Verehrung Gottes und nicht ein Therapiezentrum für die Stillung von undisziplinierten und unhinterfragten Bedürfnissen (Seite 177). Wir dürfen, ja wir müssen einander in der Wahrhaftigkeit gegenseitig unterstützen. Denn die Kirche ist eine disziplinierte Gemeinschaft der Wahrhaftigkeit. Hauptaufgabe und –berufung von Leitern und Pastoren ist es, die Menschen hin auf Gott und seine Gegenwart zu weisen und ihnen zur Anbetung Gottes zu verhelfen. Das kann Schuldkonfrontation und grosse Furcht, wie im fünften Kapitel der Apostelgeschichte beschrieben, bedeuten. Denn es gehe in der Kirche nicht darum, was der Besucher will und was die Tradition sagt, sondern was das Evangelium verlangt. Damit werden auch die Prioritäten für Pfarrpersonen richtig festgelegt, die und deren Dilemmas die Autoren sehr treffend beschreiben. . . . . . . . . . Kapitel 7: Macht und Wahrheit: Tugenden, die den Dienst an der Gemeinde möglich machen. Es geht im christlichen Glauben nicht um die Frage, ob jemand liberal oder konservativ ist, sondern um Wahrheit oder Lüge. Oft wollen beide, Fundamentalisten und historisch-kritische Theologen, jeden Menschen religiös machen. Die Bibel dagegen will alle zur christlichen Gemeinschaft rufen und anstiften. Vollmacht kommt zusammen mit Wahrhaftigkeit, der lebendigen Wahrheit, die Jesus Christus in Person ist. Geistliche sind Personen, die mit der ungeheuren Macht von Wort und Sakrament recht umgehen können; sie haben Macht Sünde zu vergeben und zu behalten.

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Freitag, November 25, 2016

Kapitel 3: Das Abenteuer der Nachfolge

Die Kirche existiere heute als Gemeinschaft von Fremdbürgern in der Welt, als eine Kolonie von Gläubigen in einer Gesellschaft des Unglaubens, die von Selbsterhaltung und Selbsterfüllung geprägt sei. Durch die Aufklärung hätten wir nicht wirklich die Freiheit des Selbsts bekommen, sondern vielmehr Selbstsucht, Einsamkeit, Oberflächlichkeit und Konsumorientierung. Jünger Jesu dagegen seien ein bewegliches Volk, das atemlos versuche, mit Jesus Schritt zu halten. Glaube beginne nicht im Entdecken, sondern in der Erinnerung an die Geschichte Gottes ohne uns. Die frühen Christen begannen nicht mit metaphysischen Spekulationen über die Inkarnation, mit einer Christologie in Abstraktion von den Erzählungen der Evangelien; sie begannen vielmehr mit den Geschichten über Jesus und das Leben derer, die in Jesu Leben verwickelt wurden. Wir können Jesus nicht kennen, ohne ihm nachzufolgen; und wir kennen Jesus, bevor wir uns selbst kennen (Seite 86). Eine Gemeinde lässt sich am besten von der Heiligen Schrift leiten, wenn sie ihre eigene Geschichte erzählt. Dies tat auch der Verfasser des Hebräerbriefs, er erzählte vom Glauben in Form von Glaubensgeschichten. Errettet sein heisst unterwegs sein (Seite 91). Die Gemeinschaft der Christen eröffnet uns eine Palette von neuen Möglichkeiten, Gottes Liebe in ihrer ganzen Tief zu erfahren, und gibt unserem Leben eine Richtung, die wir sonst nicht einschlagen könnten. Sich auf eine Reise zu begeben, heisst, sich auf ein Ziel hin zu bewegen. Nun wissen wir auf der Reise des Glaubens zwar nicht, wie das Ende aussehen wird, ausser dass es in irgendeiner Form auf die Vervollkommnung unserer Freundschaft mit Gott hinauslaufen wird. Ethik, die Jesus verkündigte, war durch und durch endzeitlich ausgerichtet. Ethik ist immer von einem „telos“ her bestimmt und auf dieses Ziel hin orientiert.

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Sonntag, Oktober 30, 2016

Christliche Politik in der Neuen Welt

In Kapitel zwei benennen Hauerwas und Willimon Unterschiede zwischen konservativen und liberalen Kirchen, aber halten beiden vor, dass sie eine Ethik der Anpassung praktizieren würden. Das zeige sich besonders im Demokratie- und Freiheitsverständnis. Freiheit sei heute zur Tyrannei eigener Bedürfnisse geworden, die Kirche drehe sich wie eine moderne Firma um Kundenbedürfnisse, statt Menschen in den Leib Christi einzufügen. Der Nationalstaat in den USA (und der Wohlfahrtsstaat in Europa) haben sich praktisch an die Stelle Gottes gesetzt. Die meisten unserer sozialen Programme beruhen auf der Annahme, dass wir keinen Gott brauchen, um eine friedliche und gerechte Welt zu erschaffen. Eine Kultur des Unglaubens setze sich durch, in der Glaube nur noch eine private Angelegenheit sei. Die politische Aufgabe der Christen sei Kirche zu sein und nicht die Welt zu verändern. Der amerikanische Theologe H. Richard Niebuhr schrieb ein Buch „Christus und Kultur“, worin er das Modell, dass Christus die Kultur verändere, favorisierte. Der mennonitische Theologe John Howard Yoder (und mit ihm die Autoren) haben dagegen eine andere Sicht: Es gebe Kirchen des Aktivismus, Kirchen der Bekehrung und Kirchen des Bekenntnisses; sie befürworteten letztere, damit Christus wirklich der Herr sei. (Ähnlich hat auch J. L. Garrett in “The Concept of the Believer’s Church“ von Individualismus, Strukturalismus und von einem Organismus geschrieben, wo Christus Herr ist.)

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Sonntag, Oktober 04, 2015

Joseph-Marie Verlinde: Die verbotene Erfahrung - Vom Ashram ins Kloster

Dieses unauffällige Buch ist im Unio-Verlag im deutschen Fremdingen 1998 erschienen unter der ISBN-Nummer: 3-935189-12-5. Jospeh-Marie Verlinde wurde 1947 in eine belgische katholische Familie hineingeboren. Er studierte analytische Chemie an der Universität Gand/Gent, wo er 1971 in diesem Fach dissertierte. Bereits 1969 lernte er die Transzendentale Meditation TM kennen, die von Guru Maharishi Mahesh Yogi begründet wurde und in der vedantischen Tradition des Hinduismus steht. Neben seinem Beruf als Chemiker praktizierte er mediale Naturheilkunde und besuchte seinen Guru dann auch in Indien. 1974 stieg er nach fünf Jahren aus und kehrte nach Europa zurück. 1976-1978 besuchte er ein katholisches Seminar in Avignon, und 1978-1982 absolvierte er die Gregoriana in Rom. 1983 liess er sich in Mont-Rouge, dem Ort des heiligen Josefs, zum Priester für die Diözese Montpellier weihen. 1985-1987 studierte er weiter an der Universität in Lourain, und 1991 wurde er Mönch. Verlinde beschreibt verständlich, nachvollziehbar und lehrreich in diesem persönlich gefärbten Buch seinen Lebensweg. Dazu gehören sein Einstieg in die Transzendentale Meditation, seine Erfahrungen, insbesondere mit Yoga, und seinen Ausstieg aus dieser Bewegung. Prägnant und sehr schön sind auch seine Formulierungen zur Gottesbeziehung und christlichen Spiritualität. Auf Seite 44 nennt er das Hauptziel von Yoga, nämlich „Das spirituelle Sein von den Elementen der materiellen Natur befreien und reinigen.“ Verlinde legt auf Seite 66 dar, dass es mehr als nur eine Mystik gebe. Ausgangspunkt sei der Durst nach dem Absoluten, der bei aller Mystik gleich sei, aber dann gehen die Wege und Erfahrungen bald auseinander. Er unterscheidet die (übernatürliche) Transzendenzmystik und die Immananzmystik, die Seinsmystik, die von Mircea Eliade „Enstase“ genannt wurde, womit „ein ganz in sich versunken sein“ gemeint sei. Im innersten dieses Wegs, der mit rigorosem Yoga erreicht wird, sei kein Platz für Gnade und Gott. Der französische Pater Jules Monchanin sagte, dass nur wenn der Hinduist seine Gleichung atman gleich brahman verwerfe, könne Christus bei ihm Eingang finden. Auch buddhistische und christliche Nächstenliebe seien nicht deckungsgleich, weil Buddhisten kein Ich wirklich kennen, achten und lieben können, da es Illusion sei. Liebe sei in östlichen Religionen Hilfsmittel zum Leben, während es im christlichen Westen Lebensziel war, was Gottesverständnis und Menschenbild stark beeinflusst hatte. Die Übernahme östlicher Praktiken und Techniken durch den Westen verstärke nur dessen aktuelle Identitätskrise. Transzendentale Meditation machte Verlindes Wahrnehmung zwar intensiver, aber sie füllte seine innere Leere auch nicht aus (Seite 94). Nach ihm gibt es kein christliches Yoga, wie es ja auch kein hinduistisches Gebet gebe. Denn Körper- und Atemübungen allein seien noch nicht Yoga (Seite 124). Nach seiner Rückkehr zum christlichen Glauben beschreibt er Gott so: „Er ist zarter Tau und verzehrende Flamme, rücksichtsvolle Mutter und fordender Vater, zärtlicher Geist und zweischneidiges Schwert“ (Seite 103). Gnade bedeute, dass Gott sich in Freiheit uns zuwende. Daher heisse Glauben den Liebesbund eingehen, den Gott uns ungeschuldet anbietet, an seinem Herz zu ruhen, und alles zu tun, um dort zu bleiben. Gebet dagegen sei Schluchzen des Herzens, das von Glut der göttlichen Liebe in Brand gesetzt ist. Therese von Lisieux sagte es so: „Gebet ist ein Dialog der Liebe mit Gott; ein freundschaftlicher Umgang mit dem, vom dem man sich geliebt weiss.“ Echtes christliches Gebet sei die Begegnung zweier Freiheiten, der unendlichen Gottes und der begrenzten des Menschen. Echte christliche Mystik sei ein Geschenk Gottes, das ich unwürdig mich fühlend empfange, jedoch keine Technik und schon gar kein Automatismus. Herychasmus, die einsame Sammlung, die unter dem Titel Philokalie publiziert wurde, die im 14. Jahrhundert im Bergkloster Athos (weiter)entwickelt wurde, sei keine Technik, sondern nur Methode des Jesusgebets. Die katholische Tradition sei schon immer der Ansicht gewesen, dass „Saatkörner des Worts“ sich in allen grossen religiösen Strömungen finden; diese warten alle auf die Offenbarung, sie bereiten sie vor und rufen nach ihr und werden in ihr ihre Erfüllung finden. Jede christliche Meditation ist grundsätzlich christologisch ausgerichtet. Für den Glaubenden ist Jesus das wahre Antlitz Gottes. In ihm ist uns die Liebe des Vaters offenbart, die uns zu Söhnen (und Töchtern) im Geist macht. Gotteserfahrung sei kein biblisches Thema, jedoch Gottes Suche nach dem Menschen, um ihm Liebe und Freundschaft zu schenken. Daher ist Glaube ein Gottesgeschenk, das ich erwidere. Geistlichkeit misst sich nicht an intensiven mystischen Erfahrungen, die habe oder nicht, sondern an Glaubensreife, Treue, Gehorsam, Bruder- und Nächstenliebe. Verlinde geht auch vertieft auf den Buddhismus ein, nicht zuletzt weil er im Westen so populär geworden ist. Für Buddha waren Menschen nichtige Wesen der Begierde, deren Verlangen ausgeschaltet werden müssen. Der tibetanische Buddhismus, die kleinste und jüngste Richtung (aus dem 7. Jahrhundert nach Christus), mit etwa vier Millionen Anhängern, hat im Westen am meisten Zulauf gewonnen. Er ist eine Mischung aus Bon-Religion und Tantrismus, die magische Praktiken und okkulte Energien einschliessen. Theravada-Buddhismus ist eigentlich keine Religion, weil sie mit Gott, Kult und Gebet nichts zu tun hat; sie ist vielmehr Disziplin und Weisheit. Mahayana-Buddhismus dagegen ist jünger als Theravada und ist mit hinduistischen Kultelementen angereichert. Mitleid bewirkt hier Verdienste. Zen ist Meditation, Weckung und Bewusstwerdung transzendentaler Weisheit in uns, die aus Mahayana-Buddhismus und Tao-Weisheit entstanden ist, zuerst im 7. Jahrhundert nach Christus in China und im 12. Jhd. in Japan. Verlinde sieht die Menschen wie die Kirchenväter, sie seien Wesen voll gewaltigen und unendlichen Verlangens und Dursts, der nur in Gott ihre Erfüllung finden kann. Das Verlangen der ganzen Schöpfung ist auf Dich gerichtet, sagte bereits Gregor von Nazianz. Verlinde befürwortet gerade deshalb auch eine gesunde Stillung der körperlichen Bedürfnisse. Er schreibt auf Seite 173: Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung sind genussvolle Akte und Mittel der körperlichen Natur, denen wir in Dankbarkeit begegnen sollen und die Gott freuen. Nur Masslosigkeit machen sie zu Götzen. Körperlicher Genuss ist legitim, wenn er der psychischen Entfaltung und geistigem Glück förderlich ist. Die (westliche) Vaterkrise zeige sich im Zulauf zu Illusionen und zur Verschmelzungsmystik und in Abnahme von Freiheit und Verantwortung. Das Kreuz Christi sei nicht nur Todeszeichen, sondern auch Lebenssymbol durch die Auferstehung und die Geistausgiessung auf alles Fleisch. Das evolutionistische Paradigma und die unbewegliche Religion der Reinkarnation, dem „samsara“, dem endlosen Strom von Geburt und Tod, sei erst ab dem 6. Jahrhundert vor Christus in den Upanishaden, jedoch nicht in den Veden überliefert. Origenes befürwortete zwar die Präexistenz der Seelen, war aber gegen Reinkarnation eingestellt. Im Christentum wurde beim Edikt des Justian 543 nChr die Seelenwanderung, die Metempsychose, endgültig verworfen. Der Mensch wird im christlichen Glauben eingeladen, die heiligmachende Gnade in einem Akt freier Zustimmung zum Heilsangebot Jesu Christi anzunehmen. Der personale Charakter sei dabei keine Illusion, sondern Krönungswerk der Schöpfung als Abbild Gottes. Der Gott Abrahams, Isaak und Jakobs, der Gott, der uns seinen Namen und sein Gesicht in Jesus Christus enthüllt, lädt uns im Heiligen Geist zu einem Liebesbund ein. Biblische Anthropologie unterscheidet verschiedene Dimensionen und Ebenen des Menschen, aber scheidet sie nie und sie sind auch nicht austauschbar; der ganze Mensch ist zur Herrlichkeit bestimmt. Der Zeitpfeil verweist auf das singuläre Ereignis der Auferstehung, worin Heilsgeschichte des einzelnen und aller Menschen Erfüllung findet. Verlinde schliesst auf Seite 214 diesen Teil mit den Worten : Mit jedem Atemzug und Herzschlag bringe ich meine Sehnsucht und Dankbarkeit vor Dich, Herr, und dieser Lobpreis möge mir die Kraft schenken, demütig dein Wort zu bewahren und Dir so meine Liebe zu beweisen, damit Du in mir bleibst und ich in Dir bleibe. Christliches Yoga? (Seite 261-163) Aufschlussreich finde ich, was Verlinde dazu schreibt, nämlich einige positive und negative Aspekte; bei negativen Erfahrungen mit Yoga empfiehlt er sofortigen Abbruch: + Ablösung aus hinduistischem Rahmen ist möglich + körperliche Askese und Beherrschung der Sinne, Vorstellung und Erinnerung kann gelernt werden + Mystik wird erlebt, die Sammlung, Furchtlosigkeit und Leere einschliesst - entzieht alle körperlichen und geistigen Kräfte - nur die Erfahrung zählt, nicht jedoch Wahrheit, Kritik und Probleme - Unerschütterlichkeit, Unabhängigkeit & Willenskraft zählen anstelle von Gnade und Gott - Suggestion, Autosuggestion und Wunderkraft wirken - Yoga hat eine tantrische und atheistische Prägung

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Mittwoch, August 19, 2015

Frank Crüsemann: Der Gott der jüdischen Bibel und die Messianiät Jesu (Teil 2)

7. „Erfüllung“ oder „Bestätigung“ der Schrift (Seiten 229-257) Nach Justin dem Märtyrer ist das Alte Testament prophetische Vorhersage des Lebens Jesu Christi. Was aber heissen eigentlich das hebräische male’ und das griechische pleróo, die oft mit erfüllen wiedergegeben werden? Sie bedeuten: voll machen, füllen (wörtlich und bildlich), erfüllen, halten der Gebote der Tora, ins Recht setzen, bestätigen, bekräftigen, unterstreichen und entsprechen. „Wer andere liebt, hat die Tora erfüllt“ entspricht auch, dass die Fülle der Tora die Liebe ist. Bei Paulus werden keine Verheissungen erfüllt, sondern die Tora wird erfüllt. Im Matthäusevangelium hat es viele Erfüllungszitate (1,22; 2,15-23; 4,14; 8,17; 12,17; 13,55; 21,4; 26,54-56; 27,9+35). Erfüllung heisst für Crüsemann vollmächtige Inkraftsetzung der Schrift (Seite 255); denn die Schrift lasse sich nicht auf das christologisch Relevante reduzieren. . . . 8. „Gibt es keine Auferstehung der Toten, dann ist auch Christus nicht auferstanden“ (1Kor 15,13). Auferstehung als Schriftauslegung (Seiten 258-287) Crüsemann beginnt hier mit der Feststellung, dass heute ein breiter Konsens im christlichen Glauben bestehe, dass die Auferstehung Jesu Dreh- und Angelpunkt sei. Viele finden, dass dies auch das Neue sei, doch Crüsemann weist dagegen auf die Kontuinität der Schriften hin, weil es „auferweckt nach den Schriften“ (1 Kor 15,3-5) oder „wie die Schriften sagen“ (Luk 24,27-45) heisse. Damit wird auf Stellen wie Gen 22,4; Ex 19,11-16; 2 Kön 20,5; Esth 5,1; Jes 53; Hes 37; Hos 6,2-4 und Jon 2,1 Bezug genommen. Die Totenauferstehung spielte in der jüdischen Tradition anfänglich kaum eine Rolle, in den Psalmen wurde der Tod ambivalent behandelt, aber in der spätjüdischen Apokalyptik hatte sie einen wichtigen Platz. Jesus gab den Sadduzäern, den Gegnern der Auferstehung, (Mt 22,23-33) und im Gleichnis vom reichen Mann (Lk 16,19-31) eine pharisäische Antwort, in der er von der Auferstehung ausging. Gottes Macht über den Tod war bereits im Alten Testament vielfach bezeugt, diese Fülle spiegelt sich dann auch im Neuen. Die Rede über die Auferstehung Jesu ist auf die Sprache, die Vorstellungen und auf die Verheissungen des Alten Testaments angewiesen, um sie richtig verankern zu können. . . . 9. „Zur Rechten Gottes“ – Die Erhöhung und Präexistenz des Christus und die Identität des Gottes Israels (Seiten 288-314) Psalm 110,1: „Setze dich zu meiner rechten Hand“ kommt 16 resp. 21 mal im Neuen Testament und ist somit das häufigste Zitat aus dem AT. Mit „sitzend zur Rechten Gottes“ hat es sogar Eingang ins Apostolikum gefunden. Die christlichen Theologen haben das Alte Testament zunehmend nur mehr im Horizont der Offenbarung Gottes in Christus gelesen, ausgelegt und dogmatisiert. Crüsemann dagegen plädiert dafür, dass das Neue Testament dem Alten die Wahrheit ganz zugestehe. Denn der Gott Israels war auch im AT schon immer ein Befreier und Gerechter, so wie er in Exodus 20,2 und anderswo beschrieben wurde. Christus handelte nicht von sich aus, sondern Gott handelte an Christus am Kreuz, in Auferstehung und Erhöhung, wie diese Machtübergabe im Matthäusevangelium 28,18-20 beschrieben wurde. Und der Messias wird am Ende Gott seine Macht übergeben respektiv zurückgeben (1Ko 15,28 u.a.). Deshalb war es falsch, Christus gegen das Judentum zu lesen. . . . 10. Der Wahrheitsraum der Schrift und das neutestamentliche „Jetzt“ des Heils (Seiten 315-341) Im Lukasevangelium wird von „heute“ gesprochen, während Paulus das „jetzt“ im Römerbrief (besonders 3,21) und die Fülle der Zeit im Galaterbrief (in 4,4) hervorstreicht. Im Hebräerbrief 3,7 wird dazu Psalm 95,7 zitiert. Geist und Schrift sind zuerst zwei unterschiedliche Sachen, die auf zwei Ebenen liegen; bei ersterem geht es um Geschehen und Handlung, beim zweiten um Lesung und Auslegung. Sie sind aber in einer Art Kreislauf miteinander verbunden und bewirken so Leben und Lebendigkeit. Denn die Geistkraft wirkt so, dass die in der Schrift bezeugten grossen Taten Gottes erzählt werden und Gott dadurch gross gemacht und gepriesen wird (Seite 333). Die Schrift ist durch Gottes Geist bewirkt und ist Grundlage des Glaubens und Heils. Paulus entfaltet seine Theologie als Mischung von alttestamentlichen Schriftzitaten und Schriftauslegung. Das Neue Testament beansprucht nirgends, selbst Produkt des Geistes zu sein.; sondern beschreibt die Lebendigkeit des Geistes, die untrennbar mit der inspirierenden Schrift zusammengehört. Erst im nachbiblischen zweiten Jahrhundert nach Christus ist es dann zur zweigeteilten christlichen Bibel gekommen, worin der erste Teil herabgesetzt wurde. Crüsemann leistet mit diesem Buch einen wertvollen Beitrag, um diese altkirchliche Einseitigkeit und fatale Fehlentwicklung mit grossen Auswirkungen bis in die Gegenwart zu korrigieren.

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Freitag, August 14, 2015

Die Schallmauer II

Wie deine persönliche Schallmauer, wie dein Weg mit Gott durch Krisen und Grenzen hindurch in ein neues, noch unbekanntes Land sein wird, kann ich nicht sagen. Oft wählen wir diesen schweren Weg nicht, sondern es geschieht einfach mit uns! Auch wissen wir kaum den Kairos, den Zeitpunkt Gottes, an dem er diesen Prozess auslösen wird, wie lange er dauern wird und wie intensiv er sein wird. Wie viel wird er uns zumuten? Was ich aber sagen kann, ist, dass Gott ein riesiges Interesse an uns und an unserer Verwandlung ins Bild von Jesus hat. Aber diese Verwandlung löst uns aus dem Vertrauten und aus dem Verhafteten, sie schafft vorerst Erschütterung, Unsicherheit und oft Schmerzen. Ich muss etwas loslassen, was mir vertraut oder gar lieb geworden ist, das ich nicht ohne weiteres hergeben würde. Es ist eine Entäusserung, wie sie im grössten Mass Jesus annehmen und durchleben musste bis zum entwürdigenden und beschämenden Tod am Kreuz. Im Philipperbrief 2,5-8 ist es so beschrieben: Seid unter euch so gesinnt wie in der Gemeinschaft mit Jesus Christus; der, in (der) Gestalt Gottes seiend, das Gleichsein (mit) Gott nicht für einen Raub gehalten hat, sondern sich entäussert hat, (die) Gestalt eines Knechts angenommen hat, in Gleichheit (der) Menschen geworden (ist)! Und an (der) äusseren Erscheinung erfunden (wurde) wie ein Mensch; er hat sich selbst erniedrigt, (ist) gehorsam geworden bis zum Tod, und (zwar) zum Tod am Kreuz. Der Tod Jesu war für seine Jünger eine unerwartete Katastrophe. Ihr Meister und Vorbild, auf den sie so viel gesetzt hatten, war nun tot. Maria war in tiefster Trauer, Thomas in starkem Zweifel und Simon Petrus tief beschämt über seinem Versagen. Mit diesen geknickten Drei hatte der auferweckte Jesus einzigartige, exemplarische Begegnungen. In ihrer Not und Enttäuschung begegnete er ihnen, konfrontierte sie ganz unterschiedlich und führte sie ihrer Situation und ihrer Art gemäss über die eigenen Grenzen hinaus. So konnte Neues, Unbekanntes und ein befreites und verwandeltes Leben beginnen. Eine dieser drei Personen kann auch dir zum Vorbild werden, wie Gott dich durch deine „Schallmauer“ leiten will und kann. Beachte und meditiere, was Jesus sagt und was sie tun: ·Johannes 20,16-18: Jesus sagt zu ihr: Maria! Sie hat sich umgewandt und sagt zu ihm auf hebräisch: Rabbuni, was heisst: Meister! Jesus sagt zu ihr: Fasse mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater; gehe aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott! Maria, die Magdalenerin geht (und) verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und dies habe er ihr gesagt! ·Johannes 20, 27-29: Dann sagte er (=Jesus) zu Thomas: Gib deinen Finger hierher und sieh meine Hände; und gib deine Hand her und lege (sie) in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagt zu ihm: Weil du mich gesehen hast, bist du gläubig geworden; selig (sind), die nicht gesehen haben und (doch) zum Glauben kommen! ·Johannes 21,15-19: Als sie nun gefrühstückt hatten, sagt(e) Jesus zu Simon Petrus: Simon, (Sohn des) Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er sagt(e) zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe! Er sagt(e) zu ihm: Weide meine Lämmer! Er sagt(e) zu ihm wiederum zum zweiten Mal: Simon, (Sohn des) Johannes, liebst du mich? Er sagt(e) zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe! Er sagt(e) zu ihm: Hüte meine Schafe! Er sagt(e) zu ihm das dritte Mal: Simon, (Sohn des) Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, dass er zu ihm gesagt hatte das dritte Mal: Hast du mich lieb? Und er sagte zu ihm: Herr, alles weißt du, du weißt (auch), dass ich dich lieb habe! Jesus sagt(e) zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jung warst, gürtetest du dich selbst und gingst umher, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst! Dies aber sagte er, (um) anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott verherrlichen werde; und dies gesagt habend, sagt er zu ihm: Folge mir!

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Dienstag, April 01, 2014

Täuschung und Wahrheit (Seiten 310-366)

Regierungen, die ihre Wahrheit vor den Bürgern verheimlichen, sind zugleich Regierungen, die nicht zulassen, dass ihre Bürger irgendwo Geheimnisse haben (nach Lewis Smedes). Dagegen leben und wachsen Juden unter dem Zeichen der Erinnerung (Elie Wiesel). Im Gedenken an den leidenden Christus wird die Erinnerung an allen Schmerz, der zugefügt oder erlitten wurde, geheiligt (Johann Baptist Metz). Unterdrückung braucht Heimlichkeit und Täuschung als Requisit (Seite 315). Hass zerstört Erinnerung, Geschichte ist ein Sonderfall des sozialen Gedächtnisses. Geschichtliche Rekonstruktionen sind immer durch bestimmte Identitäten und Interessen beeinflusst, daher sind sie auch subjektiv und fehlbar. Moderne Historiker meinten, objektiv, methodisch korrekt und wahr zu sein, dabei waren sie „nur“ rational geprägt und überschätzten sich. Heute wissen wir, dass Menschen nur bruchstückhaft wissen und unzureichend reden können. Ueber Gott können wir nur so viel wissen, wie er uns offenbart. Es gibt keinen neutralen Standpunkt, weil wir kulturell und sozial eingebettet sind. Der Wille zur Wahrheit muss mit dem Willen zur Gemeinschaft verbunden werden. J. Th. F. Torrance hat gesagt: „Wahrheit ist Gott, der sich selbst treu bleibt, seiner Treue und Beständigkeit. Gottes Wahrheit bedeutet also, dass er seinem Volk die Treue und den Glauben hält, und von ihm erwartet, dass es ihm Treue und Glauben hält.“ Wahrheit erhält das Vertrauen, jedoch Täuschung zerstört sie.

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Samstag, November 23, 2013

Freitag, Samstag, Sonntag

In den letzten drei Kapitel von Ortbergs Buch Weltbeweger geht es um Tod, Grablegung und Auferstehung von Jesus. Er bezeichnet den Tod Jesu als Dreh- und Angelpunkt seiner Geschichte. Offensichtlichster Akteur war Rom, denn „Christos“, der Gesalbte, sein Titel machte Aerger, obwohl er Rom militärisch nicht wirklich bedrohen konnte. Aber der Hohepriester und die damals führenden Juden versuchten Druck auf den römischen Statthalter Pilatus auszuüben. Jesus verkündete sein eigenes Todesurteil, jedoch starb er letztlich aus und für die Liebe! Der Tag nach Kreuzigung und Tod war der Tag dazwischen. Verzweiflung und Verwirrung herrschte unter seinen Jüngern und Freunden. Auch ihr Traum war gestorben, sie wussten nicht mehr, wie und wofür sie weitermachen sollten. Freude und Klarheit kamen erst am Sonntag und danach auf. Die Auferstehung setzte Hoffnung frei, die gefährlich wurde für die religiösen Juden und das mächtige Rom. Wenn der Himmel auf die Erde kommt, dann werden Sünden vergeben, aus einem „Niemand“ wird „Jemand“, Ausgestossene treten in Beziehung zu Gott und das menschliche Leben bekommt einen göttlichen Sinn. Neues Leben, das Jesus auch uns anbietet, ist eine Einladung, bei der jeder mitmachen kann. Und Ortberg fordert seine Lesenden am Schluss auf: „Versuchen Sie, so zu leben, als ob es einen himmlischen Vater gäbe, der sich um sie sorgt und Ihnen zuhört... Das Angebot steht!

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Donnerstag, November 14, 2013

Einmalig in der Kunstgeschichte

Schon in der Antike war die wichtigste Eigenschaft für einen Redner Leidenschaft, nur so ist der Funke auf seine Zuhörer übergesprungen. "Unsere moderne Zeit ist geprägt vom Verlust des Sinnes für das Transzendente" meinte Peter Berger. Wir brauchen aber Sinn und Inspiration, um lebendig zu werden, zu bleiben und Grosses zu leisten. Jesus inspirierte und begeisterte Menschen zur Liebe, denn Gott ist Liebe. "Menschsein heisst zu lieben" bemerkte später auch Augustinus treffend. Und Viktor Hugo sagte: "Einen Menschen zu lieben heisst das Antlitz Gottes sehen." Götter können Menschen zum Töten inspirieren; Jesus aber tat es, um zu lieben und dann selber zu sterben. Obwohl Jesus kein Haus hatte, hat er seither die Architektur beeinflusst. Obwohl wir nicht wissen, wie Jesus ausgesehen hatte, wurde er doch zum bekanntesten Motiv der Weltgeschichte. Obwohl Jesus eher „unansehnlich“ war, hatte er wie kein anderer die Kunst beeinflusst. Denn ohne Jesus gäbe es keine Autobiografie, die der Jesus-Nachfolger Augustinus begründet hatte. Es gäbe keine lateinische Sprache, die Hieronymus mit der Vulgata-Bibel geschaffen, keine italienische, die Dante gebildet, keine deutsche, die Martin Luther geprägt hatte. Die englische Sprache fusst auf der King-James-Bibel und dem Werk Shakespeares, die spanische Dichtkunst hat Johannes vom Kreuz entscheidend beeinflusst. Die klassische Musik geht am stärksten auf Johann Sebastian Bach zurück und der Gospel ist ohne Jesus undenkbar!

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Freitag, November 01, 2013

Ein unangesehener Gastdozent

Dieser Zwischentitel bezieht sich auf einen unscheinbaren indischen Professor, der durch den Einfluss von Jesus zu einem gebildeten und bedeutenden Mann wurde. Die Wirkungsgeschichte Jesu in der Bildung begann eigentlich schon mit Israels Lehrer, die nach dem babylonischen Exil Könige und Heerführer von der Bedeutung her abgelöst hatten. So wurde Israel zum Volk des Buchs, woraus später eine intensive Gelehrsamkeit resultierte. Jesus war zuerst nur ein einfacher Arbeiter, der Möbel zimmerte (oder besser: Häuser baute). Als er das erste Mal lehrte, setzte er sich und behauptete von der Schrift her, dass Gott auch die Heiden besonders liebe. Die Versammlung wurde deswegen zornig und entsetzt und vertrieb ihn aus Nazareth. Jesus lehrte, um Menschen zu verändern, nicht um Wissen anzuhäufen. Der Harvardprofessor Harvey Cox sagte: „Die Worte der Bergpredigt sind die brillantesten, die meist zitierten, meist analysierten, meist debattierten, einflussreichsten moralisch und religiösen Aussagen der Menschheitsgeschichte.“ Der gebildete Paulus wies auf ihn, als er sagte: "In Jesus sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen." Gott mit dem Verstand lieben heisst, neugierig auf Gott und seine Schöpfung sein; so kann aus Lernen Anbetung werden. Mit der gleichen Intention sollen wir wissenschaftliche Theorien prüfen und nicht allzu schnell theologische Urteile fällen. Nachfolger Jesu haben nicht nur die eigenen, sondern sogar klassische und heidnische Schriften abgeschrieben und aufbewahrt. Die Klöster wurden zu Bildungsstätten, woraus später die Universitäten entstanden sind, vor allem weil sie in Gott das höchste vernunftbegabte Wesen erkannten. Der Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead (1861-1947) meinte dazu: „Der Aufstieg der Wissenschaften wurde durch die mittelalterliche Vorstellung von einem rational handelnden Gott ermöglicht.“ Martin Luther (1483-1546) und die anderen Reformatoren arbeiteten darauf hin, dass alle Bürger lesen und schreiben lernen konnten. Nur gerade sechs Jahre nach der Ankunft der Puritaner in Massachusetts (USA) gründeten sie ein College, das einmal Harvard werden sollte. 129 von 138 der ersten amerikanischen Universitäten wurden von Jesus-Nachfolgern gegründet. Sonntagsschulen wurden 1780 vom Briten Robert Raikes gegründet, um möglichst viele Kinder zu bilden, und sie so der Armut zu entreissen. Dinesh D’Souza sagte es zusammenfassend so: "Die Wissenschaft als organisiertes, fortwährendes Unterfangen ist in der Menschheitsgeschichte nur ein einziges Mal aufgekommen... in Europa, in einer Zivilisation, die damals Christenheit hiess."

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Mittwoch, Oktober 30, 2013

John Ortberg: Weltbeweger

Der Autor John Ortberg hat ein neues Buch geschrieben. Er wurde 1957 als schwedischstämmiger Amerikaner in Rockford (Illinois) geboren. Er ist verheiratet mit Nancy und hat erwachsene Kinder. Er studierte Theologie und Psychologie am Wheaton College, am Fuller Theological Seminary und an der University of Aberdeen. Er hat danach in verschiedenen Kirchen in den USA gearbeitet, vor allem als Lehrer, wozu er sehr begabt ist: in Simi Valley Community Church, Horizons Community Church Claremont, Willow Creek Community Church und Menlo Presbyterian Church. Seine Predigten werden zunehmend international beachtet, seine Bücher werden weltweit von vielen Menschen gelesen. Als seine Stärken erachte ich sein tiefes Verständnis für die Bibel und die Realität der Menschen. Er kann komplexe geistliche Sachverhalte verständlich erklären, spannend erzählen und humorvoll darstellen. Auch schätze ich seine Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Gespür und seine Präsenz sehr. Weltbeweger. Jesus - wer ist dieser Mensch? Das Buch umfasst 331 Seiten und ist in 15 Kapitel aufgeteilt. Es sind verschiedene Themenbereiche einer Predigtserie zum unbekannten Menschen Jesus, die weitgehend in sich abgeschlossen sind und auch gut einzeln gelesen werden können. Es empfiehlt sich sogar, gewisse Passagen zweimal zu lesen, weil Ortbergs Sprache und die gewählten Zitate zwar gut verständlich, aber doch dicht und tiefsinnig sind. Kapitel eins steht unter dem Titel: Der Mann, der einfach nicht von der Bildfläche verschwinden will. Hier schreibt Ortberg von der Lebensweise und den Auswirkungen von Jesus. Jesus war mysteriös und verwirrend, trotzdem zog er unterschiedlichste Menschen an. Sein Einfluss war nicht zufällig und ist heute noch ungeheuer gross, auch wenn sein Name nicht immer explizit genannt wird: 1. Jesus hatte keine Kinder, aber er gab den Kindern Raum und Wert 2. Jesus war nie verheiratet, aber er gab den Frauen Würde 3. Jesus schrieb nie ein Buch, aber über ihn wurden die meisten Bücher geschrieben und die westliche Bildung geht auf ihn zurück Ralph Waldo Emerson sagte zu diesem Sachverhalt: „Der Name Jesus ist in die Weltgeschichte hineingepflügt worden.“ Eigentlich nur zu viel Geld und Macht verdarb das Erbe Jesu, und der christliche Glaube wanderte jeweils in andere Weltregionen ab. Kapitel zwei heisst: Das Ende der Menschenwürde. Jesus war ein „mamser“, ein uneheliches jüdisches Kind. Er kam ohne Würde in diese Welt. Sein Kind-Sein betont vor allem der Evangelist Matthäus und setzt dies in Gegensatz zum König Herodes dem Grossen, dem Freund der Weltmacht Rom. Jesus dagegen war ein Freund der Unterdrückten, des Abschaums, der Sünder und zudem ein einfacher Bauarbeiter. Bei Gott und Jesus sind alle Menschen wertvoll und geliebt und können „Königskinder“ sein. Aus diesem Grund gab es bei Juden keine Kindsaussetzungen, in Rom wurden sie erst um 400 nach Christus verboten. Wahre Grösse wird uns geschenkt, und so müssen wir nicht mehr zwanghaft jemand sein und Geltung gieren. Kapitel drei behandelt: Eine Menschheitsrevolution. Jesus hatte Mitgefühl und Mitleid mit Geringen und Leidenden, aber er provozierte auch die Besitzenden und Mächtigen, obwohl er ein Rabbi war. Er tat dies durch : · Heilung am Sabbat · Menschliches Leben in seiner ganzen Form ist mehr wertschätzen als der Sabbat · Unehrenhaft Einladungen machen und annehmen: Arme, Behinderte, Kranke, Sklaven (waren Personen ohne Rechte und Gesicht) Seine Provokationen wurden später Anstösse zur Gründung und Entwicklung der Krankenpflege, der Spitäler, dem Roten Kreuz, der Sklavenbefreiung und der Gleichberechtigung. Kapitel vier hat den Titel: Was Frauen wollen. In Asien gibt es heute wieder 163 Millionen mehr Männer als Frauen, weil Frauen wie in der Antike gering geschätzt werden. Jesus war anders: mit ihm reisten auch Frauen, was damals unüblich war, und Johanna, (Susanna und andere) sorgten gar finanziell für die Jüngerschaft (siehe Lukasevangelium Kapitel acht). Für Jesus war das Geschlecht unwichtig, aber das Hören und Befolgen des Wortes Gottes entscheidend. Und Maria, Jesu Mutter, verhielt sich ihm gegenüber auch wie ein Jünger.

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Freitag, Juli 26, 2013

Siegfried Zimmer: Jesus von Nazaret

Dies ist eine Zusammenfassung von Vorträgen von Siegfried Zimmer, die auf der interessanten Homepage www.worthaus.org oder auch auf youtube zu finden sind. Siegfried Zimmer ist ein äusserst begabter deutscher Lehrer und evangelischer Theologe, der auf eine einfache, aber überzeugende Weise Wesentliches von Jesus neu beleuchten kann. Wichtigste Erlebnisse waren laut Zimmer zur Zeit Jesu die Gotteserfahrungen. Erfahrungen sind aber bereits gedeutete Erlebnisse. Zu Gott reden (im Gebet) ist aber etwas anderes als Reden über Gott. Die auffälligste Neuigkeit, die mit Jesus von Nazaret gekommen ist, ist seine neue, ungewohnte Vateranrede und –erfahrung Gottes. Vorher waren alle Vatererfahrungen patriarchalisch geprägt, denn die männliche Dominanz herrschte seit Jahrtausenden in allen Hochkulturen. Diese Kulturen hatten auch patriarchalische Religionen. Das Patriarchat geht auf den Hausvater oder Hausherr im Haus („bayit“) oder Haushalt („oikos“) mit den damals üblichen 30-50 Personen zurück. Alle Personen dieser Geschäftseinheit waren unter seiner Herrschaft, Vormundschaft und Fürsorge. Er hatte auch die Macht, dort über Leben und Tod zu verfügen. „Sein Angesicht leuchten lassen“ bedeutete einen Menschen das Leben schenken, ihn leben lassen. Die Realität des Hausvaters wurde auch zum Modell für die Rolle des Königs eines Landes und für Gott im Himmel. Der oberste Gott war immer ein Vatergott. Bei den Aegypter war dies Re, bei den Griechen Zeus und bei den Römern Jupiter. Der König war ein Repräsentant dieses Vatergottes, und er liess sich auch durch ihn legitimieren. Die Menschen eines Reichs waren Söhne und Töchter des Königs, diese Rollenverteilung und Repräsentation wirkte sehr stabilisierend. Hauptgrund für dieses Vaterbild war die physische Stärke der Männer, die nicht mit Schwangerschaft und Stillen beschäftigt waren. Auch die Sichtbarkeit des Spermas spielte eine Rolle, da erst 1843 erstmals eine Eizelle durchs Mikroskop sichtbar wurde. Somit war nur der Mann bis anhin Spender neuen Lebens, die Frau wurde mehr als “Nährboden“ des Samens gesehen. Wer Vatererfahrungen in Frage stellte, der veränderte das Gesellschaftssystem und somit die Kultur. Das Judentum lehrte eigentlich keinen Vatergott, denn die Tora demontierte sogar das damalige Vaterbild Gottes, das eher auf den Pharao als Gottkönig zutraf. Nur einmal in Deuteronomium 32,6 kommt Gott als Vater vor, aber das ist eigentlich ein Nachtrag zur Torah. In den Psalmen kommt Vater für Gott zweimal, im Profet Jesaja dreimal vor in 63,16 und 64,7. Diese „Klagelieder“ entstanden aber im heidnisch beeinflussten babylonischen Exil. JHWH dagegen, der 6'800 mal im Alten Testament vorkommt, ist der häufigste Name für Gott. Denn Elohim kommt „nur“ 2'500 mal vor, Adonay 450 und Zebaoth nur 250. JHWH ist der befreiende Gott, der Gott der Hebräer, die damals Zwangsarbeit in Aegypten leisten mussten. Der Name JHWH selbst ist nicht ganz einfach zu übersetzen, er kommt von „haja“, was „sein“ bedeutet. Das ist ein spezielles, ein „entklitisches“ Verb, das einen Adressaten braucht. JHWH wird am ehesten mit „Ich bin/werde für dich/euch da (sein)“ übersetzt, da im Hebräischen nicht zwischen Gegenwart und Zukunft unterschieden wird. Es ist ein autoritäres Sein, das aber nichts Unterdrückendes an sich hat, sondern die kraftvolle Zuwendungs- und Befreiungslust Gottes ausdrücken will! Beim Profeten Hosea kommt noch ein ganz neuer Aspekt Gottes dazu: Israel wird als Frau dargestellt, die zu einem andern Mann weggeht, und als Sohn, der sich vom Vater abwendet. Beide Verhaltensweisen waren damals im Orient das Schlimmste und Beschämendste, was man tun konnte! Gott ist der gedemütigte und blamierte Ehemann und Vater, der aber seine Frau und seinen Sohn nicht aufgibt! Generell wird Gott im Alten Testament bewusst nie als Vater angeredet, denn das galt als heidnisch. Erst die Pharisäer seit 150 vor Christus begannen, Gott als unser Vater, König, Gebieter und Herrscher im Himmel anzusprechen, dies kann bei Sirach nachgelesen werden. Das Gebet wurde dadurch persönlicher, innerlicher und intimer, aber Vater als Anrede allein wurde noch nicht gebraucht! Ganz anders wird Jesus in den Evangelien zitiert: 170 mal spricht er Gott als Vater ohne Zusatz an! Eine Ausnahme ist der Ausspruch am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Der verwendete Begriff „Abba“ ist aramäisch und wurde in der Familie als zärtliche Anrede verwendet, die Mutter war die „ima“. Sie schlossen Urvertrauen, Nähe, Geborgenheit und Unbeschwertheit mit ein. Diese Einsicht hat besonders der deutsche Theologe Joachim Jeremias herausgearbeitet und betont.... Ein weiterer Schwerpunkt der Verkündigung Jesu ist das „Malkut Jahwe“, das „Basileia Theu“, das auf deutsch mit Reich Gottes wiedergegeben wird. In Markus eins steht: „die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“. Das Reich Gottes ist also im Kommen, aber es kommt von anderswo. Das Reich Gottes wird in den Evangelien nie erklärt, weil es für Juden ein klarer Begriff war, der auf die Profeten zurückgeht. Es ist ein Wunder, dass die jüdische Religion im Untergang von Israel neu kreiert wurde. Was bedeutet denn „Malkut“ wirklich? Es kann mit Reich, Gebiet, Akt des Herrschens oder Willensausübung übersetzt werden. Gott gehört die Erde, aber er herrscht noch nicht ganz, er wird einmal eingreifen und für die Armen kommen. Das ist Hoffnung und Sehnsucht für Israel. Jesus war kühn, er hatte einen grossen Anspruch, indem er sich vor die Schrift stellt. Er proklamierte mit sich das Reich Gottes hier und jetzt, das auch politisch-gesellschaftliche Veränderungen bewirke. Leben, Wirken und Worte Jesu sind auch wichtig zu nehmen, nicht nur sein Tod und Auferstehung. Beides gehört untrennbar zusammen: Nur durch seinen Tod und seine Auferstehung wissen wir überhaupt etwas von seinem Leben. Jesus interessierte sich sehr für das alltägliche Leben der Menschen von damals, er war ein kontaktfreudiger, gewinnender Mensch und hatte oft Tischgemeinschaft mit unterschiedlichsten Menschen. Jesus hat auch die Risse und Klüfte der damaligen Gesellschaft überwunden. Er hielt sich nicht an die kleinkarierten familiären Konventionen und wurde dadurch von seiner Familie abgelehnt, wie es klar in Markus 3,20+21+33-35 beschrieben worden ist: ... Da kam seine Familie und wollte ihn mit Gewalt zurückholen, denn sie sagten: Er ist geistesgestört (oder nach Luther: von Sinnen)! Armut war ein existenzielles Problem im Umfeld von Jesus, das er sehr wohl wahrnahm. Nur gerade 5% gehörten zur Oberschicht, die Musse hatten und freie Künste erlernen und ausüben konnten. Auch nur 5% waren freie, wohlhabende Handwerker und Händler, die gut leben konnten. Normalerweise waren 80% „Penetes“, arme Handwerker und Kleinbauern, die nur mühsam durchs Leben kamen, und 10% waren „Ptochoi“, die wirklich Armen und Entwurzelten, die ums Ueberleben bettelten und kämpften. Zur Zeit Jeus erhöhte sich die Zahl der „Ptochoi“ auf 30% infolge römischer Herrschaft, Bauwut des Herodes des Grossen, Missernten und Hungersnöte in Palästina. Räuberei und Auswanderung nahmen dadurch auch zu. Jesus sprach „Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“, was am besten mit „zu gratulieren ist euch Armen“ wiederzugeben ist. Reichtum zählte nichts im Reich Gottes, und Jesus gab den „Ptochoi“ Würde und Wertschätzung. Die Jünger waren „Penetes“ und wurden aber durch die Nachfolge Jesu zu „Ptochoi“! . . . Auch Kinder, die in der damaligen Welt wenig galten, wurden von Jesus wahrgenommen, in Markus 10,13-16 steht: „Kinder wurden zu ihm gebracht, damit er sie berühre...“ Man weiss heute sehr viel über die Kinder der Antike, besonders Lloyd deMause hat ein Buch geschrieben, das „Hört ihr die Kinder weinen“ heisst und viel über die allgemeinen üblen Zustände von damals aufgedeckt hat: · Sie waren für die Erwachsenen da als Nutzen und Rohmaterial: Arbeitskräfte ab 4, 7 oder 10 Jahren; Verkauf von Kinder als Diener und Sklaven; Söhne waren potenzielle Soldaten; Altersversorgung für die Eltern; Kinderreichtum war göttlicher Segen · Kinder hatten keinen eigenen Wert und Rechte; Benachteiligung der weiblichen, unehelichen, kranken und behinderten Kinder · Waren Mängelwesen, die erst in der Vorstufe der Erwachsenen waren (keine Jugendzeit) · Gängelung und Gewalt an Kindern; Aussetzung und Kindertötung waren üblich wegen Hunger und Belästigung; es gab auch Kinderopfer.... Das Judentum schützte die Kinder bereits besser als die umliegenden Völker, besonders die Söhne waren eine Gabe Gottes. Es gab kaum Kindstötung und Aussetzung, denn Kinder waren Geschöpfe Gottes von Geburt an und fähig zur Gottesbeziehung: Aus dem Mund der Säuglinge hast du mir Lob zubereitet! Gott kümmerte sich um hilflose Säuglinge, und die Kinder waren Träger der Verheissung. Jesus ging noch weiter, bei ihm ging es um die Kinder an sich, egal welchen Geschlechts. Eltern und Status spielten bei der Begegnung mit Kindern keine Rolle. Jesus verlor seine Beherrschung gegenüber den Jüngern, nach Luther war er nur unwillig, als sie das Bringen und Anrühren der Kinder unterbinden wollten. Lasst die Kinder kommen bedeutet auch Freiraum für sie. Nur in Markus 9 und 10 wurde für Umarmen, Schmusen und Streicheln das zärtlichste Wort verwendet. Kinder wurden sogar Lehrmeister auf dem Weg zu Gott: Sie hatten keine Macht, keine Ehre, keine Titel, keinen Status und brauchten und nahmen Zuwendung und Geschenke an. Sie standen am Anfang des Lebens und hatten Erwartungen. Nur bei den Erwachsenen stellte Jesus Bedingungen oder schränkte deren Adressatenkreis ein: Arme, Verfolgte, kleine Herde, etc. Jesus aber liebte die Kinder grund- und bedingungslos, weil seine Liebe keinen Grund und kein Motiv kannte und (trotzdem) hielt. „Amen, wenn ihr das Reich Gottes nicht annehmt wie ein Kind...“ Hier nahm Jesus das Amen an den Anfang, um eine Offenbarung anzuzeigen. Generell sollte man die Bibel scharf und hart gegen sich sprechen lassen, um sie besser zu verstehen!

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Montag, Dezember 17, 2012

Tomas Halik: Geduld mit Gott

Der Tscheche Tomas Halik hat die Geschichte von Zachäus originell aktualisiert. Sein Buch, das 2010 im Herderverlag Freiburg mit der ISBN-Nummer 978-3-451-30382-1 herausgekommen ist, heisst ganz einfach: "Geduld mit Gott". Etwas zum Autor: Tomas Halik wurde 1948 in der Tschechoslowakei geboren. Er wuchs also in einem kommunistischen Staat auf, der auch einen materialistischen Atheismus propagierte. Er studierte Soziologie und Religionsphilosophie, er konnte jedoch wegen seiner christlichen Gesinnung nicht Karriere machen und Dozent werden. 1978 wurde er in der DDR zum römisch-katholischen Priester geweiht. Nach der Wende studierte er in Rom weiter, später wurde er sogar externer Berater von Vaclav Havel. Heute ist er Professor für Soziologie in Prag und Rektor der Universitätskirche. Nun zum Inhalt: Tomas Halik setzte sich intensiv mit dem Atheismus in seiner Heimat auseinander. Aus diesen Erfahrungen kann er sagen: „Mit Atheisten bestimmter Prägung kann ich die Wahrnehmung der Abwesenheit Gottes in der Welt nachvollziehen. Ich erachte ihre Deutung dieses Gefühls jedoch für übereilt... Das Schweigen Gottes und die beklemmende Gottesferne bedrängen oft auch mich... Ich kenne drei Arten von Geduld angesichts der Abwesenheit Gottes: es sind dies Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Aus Ueberzeugung zitiert er Adel Bestavros, der gesagt hat: „Geduld mit andern ist Liebe, Geduld mit sich selbst ist Hoffnung, Geduld mit Gott ist Glaube.“ Zusammen mit dem Philosophen Slavoj Zizek möchte er das authentische Erbe des Christentums nicht fundamentalistischen Sonderlingen überlassen, weil es zu wertvoll sei. In der biblischen Person des Zöllner Zachäus erkennt er jene Menschen wieder, die Distanz wahren, aber durch Anrede und Dialog wahr werden und Gott nahe kommen. Dieses Geschehen sei auch geheimnisvoll, ein unerschöpfliches Geheimnis des Glaubens. Glaube sei Nachfolge, ein nie endender Weg durch diese Welt. Gott sei nicht leicht zu haben, mit ihm müsse man ringen. Man darf sich seiner nicht zu sicher, aber eben auch nicht zu gleichgültig sein. Die Liebe zu Gott lasse uns seltsame Gedanken und Prüfungen erdulden, Thérèse von Lisieux sprach in diesem Zusammenhang von der „Nacht des Nichts“, die eine Art Entkleidung des Glaubens sei. Den Unglauben überwältigen könne der Glaube nur, wenn er ihn umarmt. Der Gläubige zeige sich auch darin solidarisch mit dem Ungläubigen. Denn Atheismus sei nicht Lüge, sondern nicht zu Ende gesprochene Wahrheit. Gott sei stets grösser, mehr als es unsere Vorstellungen erlauben. „Glaube ist ein Weg der leidenschaftlichen Suche nach Gott“, das hat bereits Sören Kierkegaard festgestellt und gesagt. Und Gott sei deshalb so unbekannt, weil er eigentlich so nahe ist. Für Halik gilt deshalb: „Christi Auferstehung muss eine Provokation, eine Torheit, ein Skandal bleiben; wollten wir dieses zentrale Geheimnis unseres Glaubens beweisen, dann würden wir es um seine Kraft bringen.“ (Seite 174). Mit Martin Heidegger stellt Halik fest, dass die Technik fast alle Entfernungen überwunden hat, aber trotzdem keine wirkliche Nähe geschaffen hat. Zudem seien heute die Bilder der Medien eine Art „Antimeditation“. Das zwinge uns auch zur Erneuerung unserer religiöser Sprache. Verstaubte und abgenutzte Wörter sollten wir in jene ursprüngliche Quelle des Glaubens eintauchen. Diese befreiende und verwandelnde Freude durften bereits Thomas, Maria Magdalena, Zachäus und die blutflüssige Frau in ihrer Begegnung mit Jesus erfahren (S. 215). Das Privileg der Heiligen sei, die eigene Sündhaftigkeit wirklich scharf zu sehen. Das führe unweigerlich zum Weinen über die Sünde und zum Gott preisen für seine Barmherzigkeit. Denn nicht die schmerzvolle Reue sei wesentlicher Bestandteil der Umkehr, sondern Vertrauen in die Macht Gottes und Vergebung. Und wie Gott mir tut, so tue ich auch dir! Die bekannte Geschichte im Lukasevangelium Kapitel 15 nennt er das Gleichnis der verlorenen Söhne; denn der Weg beider Söhne gehe am Vater, der hier für Gott stehe, vorbei. Sowohl Beliebigkeit und Lasterhaftigkeit als auch Bravheit und Moralität seien falsche Wege; sich selbst und andere abwerten oder sich überheben verfehlen je das Ziel. Insgesamt ein spannendes, gut lesbares, apologetisches Werk mit schlüssigen und nachvollziehbaren Argumenten. Es passt bestens in unsere Zeit, in der Glaube an Gott stark in Frage gestellt wird. Halik dreht deshalb den Spiess um, indem er die Ungeduld, die Vorurteile und die Selbstgefälligkeit der Menschen kritisiert. Denn bereits früh war er dem rauen Wind seiner Zeit ausgesetzt, so dass er Worte und Formulierungen suchen musste, um neue, glaubwürdige Antworten für kritische und skeptische Zeitgenossen zu finden.

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Mittwoch, Juli 04, 2012

Seccum esse

Ganz wichtig für Sabine Bobert ist „secum esse“, das bei sich sein und die Einsamkeit erlernen und aushalten können. Wahrscheinlich geht dieser Gedanke am stärksten auf Antonius, der 251 bis 356 gelebt hatte, zurück. Mit seinem einsamen Gang in die ägyptische Wüste und der damit verbundenen Askese etablierte er ein neues Lebensmodell, ja sogar einen Kulturtrend, die in der „Vita Antonii“ beschrieben worden ist. „Wer die himmlische Wirklichkeit wolle, der ziehe allein in die Wüste.“ Nachfolge bedeutete für ihn Zentrierung auf Jesus Christus, die Aufmerksamkeit lebenswirksam auf ihn lenken, Unwesentliches, Irrtümer und Zuschreibungen loslassen und auch sozial fremd sein und somit die Todeseinsamkeit vorwegnehmen. Dieses in Jesus zu ruhen, die „Hesychia“, brauche aber Training. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . In die gleiche Kerbe schlug später auch Ignatius von Loyola, der 1491 bis 1556 gelebt hatte, mit seinen geistlichen Uebungen. Besonders lehrte er, sich indifferent gegenüber dem Geschaffenen und Gegebenen zu machen. Noch heute sind seine grundlegenden Uebungen anwendbar und hilfreich, weil sie dem zu starken sozialen Zwang zur Individualisierung entgegenstehen. Christlicher Glaube lebt nach Bobert auch von Sozialisierung und Individualisierung durch spirituelle Techniken wie Einsamkeit, Schweigen, Fasten, Introspektion, Tagesstrukturen wie „ora et labora“, gemeinsames Singen und geistliche Begleitung. Schon die Wüstenväter achteten sowohl auf Erfüllung mit dem Heiligen Geist als auch gute Lebensweise, Herzenserkenntnis und Unterscheidung der Geister. . . . Als Beispiel für einen solchen gottgefälligen Lebensstil erwähnt Bobert Charles de Foucauld, 1858-1916, ein französischer Offizier und Lebemann, der 1881 wegen mangelnder Disziplin in die Armeereserve versetzt wurde und ein Jahr später von seiner Familie entmündigt wurde wegen Vermögensverschleuderung. In Kaplan Henri Huvelin fand er danach einen geistlichen Begleiter und kehrte um. 1901 wurde er Priester mit einer Sendung in die Sahara; bei den Tuareg war er dann „Bruder Karl“. 1902 schrieb er die Regeln der kleinen Schwestern vom Heiligsten Herz Jesu. In seinem abgelegenen Kloster wurde er aus Versehen von einem jungen Tuareg-Soldaten getötet. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auch Henri Nouwen, der begabte Psychologieprofessor, ging 1974 für sieben Monate ins Trappistenkloster, um seinen Zwängen und seiner Leere zu entkommen. Darüber schrieb er das Buch: Ich hörte auf die Stille. Abt John Endes Bamberger wurde im Kloster sein geistlicher Begleiter und verhalf Nouwen zu einer besseren Selbstwahrnehmung. Dazu gehören: . . . · eigene Grenzen akzeptieren, · Gottesbild verändern lassen, · Leidenschaften wahrnehmen und · den Kampf aufnehmen
Für Bobert sind Stufen des Glaubens jenseits materialistischer Reduktion wesentlich. Erfahrene und nicht nur geglaubte Liebe verwandle die Menschen. Einzelne Psychologen wie Fowler, Kohlberg und Graf haben dies aufgenommen und davon geschrieben: · James W. Fowler: Glaubensentwicklung. München 1989 · James W. Fowler: Stufen des Glaubens. München 1991 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt 1996 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Lebensspanne. Frankfurt 2000 · Stanislav Graf: Spirituelle Krisen. München 1990. Er hat einen transzendenzoffenen Ansatz ähnlich wie C.G. Jung. Spiritualität wird nicht nur negativ und krankmachend dargestellt, sondern auch reinigend, ekstatisch und umgestaltend erfahren, was sehr aufbauend sein kann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von diesen Stufen des Glaubens habe auch bereits Ambrosius von Mailand, 333 in Trier geboren und 397 in Mailand gestorben, gesprochen. Er war derjenige, der den Gemeindegesang in die Messe eingeführt hatte, ein pneumatisches und mystisches Eucharistieverständnis entwickelte, eine Abhandlung über den Heiligen Geist „de spiritu sancto“ schrieb, ein Kenner der Antike und Freund von Origenes war. Sein reifes theologisches Alterswerk war „De Isaac vel Anima“, worin er über Issak (Genesis 24 und 26), das Hohelied und die Seele sprach. Darin lassen sich vier Schritte unterscheiden: 1. Finden (oder Beginn; nach Ernst Dassmann, dem deutschen Ambrosiusbiograf) 2. Verlieren (Gefährdungen) 3. Wiederfinden (Läuterungen) 4. Vereinigen von Braut und Bräutigam (Vollendung)

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Samstag, Juni 30, 2012

Boberts Geschichte der christlichen Mystik

Ihre eigentlichen Ausführungen zur Mystik beginnt Bobert dann erstaunlicherweise mit Platon und seinem Stufenweg (Seite 44). Er unterschied zwischen 1. Reinigungsstufe (in Symposion 199-201) 2. Einweihung in die Ueberlieferung (201-209) 3. Schau (209-211) . . . . . Etwas gewagt und theologisch einseitig finde ich Boberts These, dass Paulus platonisch beeinflusst gewesen sei. Er verarbeitete Mysterientheologie in der Kultpraxis, seine Tauflehre werde im Römerbrief 6-8, Gal 3,26 und 1Ko 1,13-17 entsprechend beschrieben. Das hauptsächliche Mysterium sei Christus, der den Menschen in der Auferstehung verwandelte. Danach verweist sie auch stark auf Clemens von Alexandrien, der 150-215 gelebt hatte. Er christianisierte Platon, forderte Arkandisziplin von Christen, die sich analog zu Platon zeigte in 1. Reinigung 2. Unterweisung (kleine Mysterien) und 3. Schau (grosse Mysterien) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiter nimmt dann Bernhard von Clairvaux (1090-1153) viel Raum ein. Er lebte zur Zeit, als die Scholastik entstand, die besonders gut von Abelard (1079-1142) und Petrus Lombardus (1095-1160) verkörpert und vertreten wurde. Bernhard dagegen betonte Beziehung und Liebe zu Gott, besonders in seinen Hoheliedpredigten. Er plädierte für Gottes- und Selbsterkenntnis und Gottessuche in der Kontemplation. In (seinen) Klöstern wurde auch vieles aus Gottes unsichtbarer Welt abgebildet wie der quadratische Garten, der Kreuzgang, etc. So wurde Gott und seine Welt besser sichtbar, hörbar und fühlbar gemacht. Gruppenlernen und Dynamik der Klostergemeinschaften trugen noch Wesentliches zur Erfahrung von Transzendenz bei. Mönch Guigo II, der 1193 starb, lehrte folgende Methodenschritte fürs geistliche Leben: 1. Lectio (Bibel lesen) 2. Meditatio (meditieren) 3. Oratio (beten) 4. Contemplatio (schauen) . . . . . Auch Martin Luther lehrte einen ähnlichen geistlichen Weg und war von den Sakramenten und ihren Wirkungen überzeugt. Er legte vor allem die Erfahrungs- und Lebensfremdheit der Scholastik bloss. Der Benediktiner Odo Casel, der 1886 in Koblenz geboren wurde, und als Priester in Maria Laach tätig war bis er 1948 starb, wollte die Mysterientheologie erneuern. Das eigene Miterleben in der Eucharistiefeier wurde wichtiger, so kann „communio“ zur „unio“ werden. Er beachtete die Theologie der Kirchenväter stärker und verfasste religionsgeschichtliche Studien zu antiken Mysterienkulten. Bobert plädiert mit Manfred Josuttis (geboren 1936, ev. Theologe in Göttingen) hier gegen rationalistische Tendenzen und für pneumatische Prozesse. Die (westliche) Theologie greife heute oft zu kurz, denn das Wesen des Theologen sei die Glaubensschau, die von Christus ausgeht (Seite 74). Die Teilnahme am (Mess)Kult fördert das Verstehen. Bild Gottes zu sein sei das Wesen des Menschen, aber zugleich auch seine Aufgabe. Sünde störe Wahrnehmung(sfähigkeit) und Erkenntnis der Wahrheit. Je mehr das Ego zerstört werde, desto mehr entfalte sich Christus. Wandlung (in der Eucharistie) sei nicht religiöser Materialismus, sondern ein Sieg des Geistes; die Materie müsse Gott dienen. Wirksame Rituale hätten Gnadencharakter. Das Heilige sei eine Wirklichkeit, die immer präsent, aber nicht immer zugänglich sei, die man nicht auflösen darf. Durch rituelle Methoden werde ein atmosphärische Machtfeld realisiert, wo das Göttliche Menschen ergreife und Resonanz auslöse. Mystagogie sei die Kunst der Initiation, der Hineinführung in das Geheimnis der eigenen Existenz, anderer Menschen, des Kosmos und Gottes. Religiöse Phänomene seien möglichst wörtlich und wirklich zu nehmen. Christliche Mystik sei ein Erfahrungsweg, der auf ein gegenwärtiges Leben mit Gott ziele und echte Gotteserkenntnis bewirke. Sie sei personale Begegnung mit Jesus und dem dreieinigen Gott, die sogar erotische Komponenten umfassen könne, den Menschen reinige und verwandle zum Bild Gottes. Sie mache mit Jesus Christus heilsame Erfahrungen und lege anspruchsvolle Wege zurück. Die orthodoxe Theologie sei viel stärker Mysterientheologie geblieben, die mit kultischen Spiegelungen und Kommunikation und Kraftworten arbeite und mit Kraftteilhabe rechne. Ihre Spiritualität will den Geist materialisieren und die Materie spiritualisieren. Im Osten und Westen wurde durch die mystische Praxis die kulturelle Elite geformt und spezifisches „Kapital“ gebildet in Klöster, Kirchen und Schulen. Einige Definitionen von Sabine Bobert, da die Begriffe häufig noch unbekannt und zudem unscharf sind: 1. Christliche Mystagogik ist christliche Lehre vom mystischen Weg mit Jesus Christus; denn er ist das Urbild des Menschen 2. Praktische Mystagogik ist ästhetisch-kultische und individuell-übende Spiritualität 3. Mystagogische Theorie reflektiert mystische Tradition mit der Wissenschaft 4. Das (mystische) Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch vor allem ein geistiges Wesen ist, das zur persönlichen Vereinigung mit Gott bestimmt ist 5. Gesellschaftlicher Kontext: Postmoderne, Interreligiosität und Esoterik 6. Theo-Aesthetik bedeutet zentrierte Aufmerksamkeit und Gegenwart Gottes in allem sehen . . . . . Bobert sieht die westlichen Menschen als heilungsbedürftig und leidend unter metaphysischem Heimatverlust (Peter L. Berger). Die Folgen seien eine Risikogesellschaft (Ulrich Beck) und Ich-AG. Ausgelöst wurde dies durch die Reformation, die ein Autoritäts- und Freiheitsproblem bewirkt hatte. Alles musste danach im Glauben angeeignet werden, sogar die Taufe. Der Einzelne erhielt dadurch viel Verantwortung, mit der nicht immer zurecht komme. Es habe eher zum Laientum aller Priester als zum Priestertum aller Laien geführt. Dagegen betone Mystik im Rahmen von Dietrich Bonhoeffer und von Teilhard de Chardin: · Teilhabe am Vater bedeute Sein, Schaffen und Einheit · Teilhabe am Sohn bedeute Werden, Existieren und Lieben · Teilhabe am Geist bedeute Bewusstwerdung, Integration, Denken und Licht (orthodox) . . . . . Der russische Universalgelehrte und Priester Pavel Florenskij (1882-1937) bezeichnete den Menschen (tiefsinnig) als Maske, Gesicht und Antlitz Gottes. Durch die Erlösung kann die maskenhafte Abspaltung und die dämonische Fremdherrschaft überwunden, das wahre menschliche Gesicht wiederhergestellt und das Ziel als Ebenbild Gottes nach dem Urbild von Jesus erreicht werden.

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