Sonntag, Juni 24, 2018

David Platt: Keine Kompromisse - Radical

Zum Autor: David Platt studierte Journalismus, Theologie und Philosophie. Das New Orleans Baptist Theological Seminary verlieh ihm einen Doktortitel in Philosophie. Er war baptistischer Pastor in Brook Hills, einer grossen Gemeinde in Birmingham in Alabama. Er ist als Bibelausleger weltweit tätig. Seit 2014 ist er Präsident der Southern Baptist International Mission Board (IMB). Er ist verheiratet mit Heather, sie haben vier Kinder und wohnen in Richmond, Virginia. Zum Buch: Es ist unscheinbar grün mit weissen Buchstaben gestaltet und heisst Keine Kompromisse. Jesus nachfolgen – um jeden Preis, einen für mich etwas unglücklich gewählten deutschen Titel. In Englisch heisst es passender Radical und war sogar auf der Bestsellerliste der New York Times. Nach dem Lesen des Buches würde ich es positiv Jesus nachfolgen um einen lohnenden Preis nennen. Denn David Platt versteht es, Wesentliches der Jesusnachfolge aufzuzeigen und dies in Kontrast zum heutigen westlichen Lebensstil und Kontext zu stellen. Darin zeigt er geistliche Leidenschaft, Klarheit, Unterscheidungsvermögen und Unbeirrbarkeit. Einige Lebensgewohnheiten der amerikanischen Evangelikalen stellt er radikal in Frage, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch viele europäische Christen sich genauso von Jesus, seinem Ruf und seinen Massstäben entfernt haben, ohne es wahrhaben zu wollen. So schreibt er auf Seite 41: Jesus ist nicht mehr der, der angenommen oder eingeladen werden soll, sondern der, der unseren sofortigen und völligen Unterwerfung unendlich würdig ist. Platt beschreibt und karikiert auch, wie eine „erfolgreiche“ westliche Gemeinde aussieht und was sie ausmacht auf Seite 50: Als Erstes brauchen wir eine gute Show. In unterhaltungsgesteuerten Kulturen brauchen wir jemand, der die Massen fesseln kann. Ohne einen charismatischen Redner sind wir dem Untergang geweiht… Wenn dann schliesslich die Massen kommen, brauchen wir etwas, damit sie wiederkommen. Also müssen wir Programme starten – erstklassige, spitzenmässige Programme – für Kinder, für Jugendliche, für Familien, für jedes Alter und jeden Stand. Um diese Programme zu realisieren, brauchen wir Profis, die sie durchführen. Dadurch können zum Beispiel Eltern ihre Kinder einfach an der Tür abgeben, und die Profis übernehmen den Dienst für sie. Wir möchten nicht, dass Eltern das zu Hause selber versuchen… Aber was komischerweise in diesem Bild der Präsentationen, Persönlichkeiten, Programme und Profis fehlt, ist unsere äusserste Sehnsucht nach der Kraft Gottes. Platt versucht ein möglichst biblisches Bild von Gott und den Menschen zu zeichnen, daher schreibt er auf Seite 66-75: Gott hat uns geschaffen, um eine enge Beziehung mit ihm zu geniessen, seinen Segen und seine Gnade; um sein Ebenbild zu sein, und es zu vervielfachen, und so seine Ehre zu verbreiten. Er macht uns aufmerksam, dass Gottes Gnade und Ehre nicht getrennt werden dürfen, sonst werde der Egoismus gefördert. Gott rettet uns mit einem Ziel. Jeder gerettete Mensch diesseits des Himmels schuldet das Evangelium jedem verlorenen Menschen diesseits der Hölle. Platt zeigt auch deutlich auf, dass das Neue Testament und im besonderen Jesus keinen Erfolg, keinen Wohlstand, kein Ansehen und auch keine sichtbare Kirche predigen, sondern das noch unsichtbare oder unscheinbare Reich Gottes. Auf Seite 115 schreibt er dazu: In der Morgendämmerung dieser neuen Phase der Heilsgeschichte verspricht keiner der Lehrer (einschliesslich Jesus) im Neuen Testament je materiellen Besitz als Belohnung für Gehorsam. Als wäre das nicht schon bestürzend genug für die Juden des ersten Jahrhunderts (und die Christen des 21. Jahrhunderts), sehen wir auch keinen Vers im Neuen Testament, in dem Gottes Volk je wieder aufgefordert würde, einen majestätischen Ort der Anbetung zu bauen. Stattdessen wird den Leuten Gottes gesagt, dass sie selbst der Tempel sein sollen – der Ort der Anbetung. Und ihre Besitztümer sollen nicht dafür eingesetzt werden, einen Ort zu bauen, an den Menschen kommen können, um Gottes Herrlichkeit zu sehen, sondern ein Volk zu bauen, das die Ehre Gottes in die Welt hinausträgt. Für Platt ist Jesus Christus die eine Stimme, die uns in allen Entscheidungen unseres Lebens leiten will, die uns viel Neues geben, aber auch das bisherige Gefühl von gewohnter Sicherheit und illusionärer Stabilität nehmen muss (S. 119-120). Ab Seite 139, gegen Ende des Buches, stellt Platt nochmals die sieben wichtigsten Wahrheiten des Römerbriefs dar, wie sie bereits der amerikanische presbyterianische Theologe R. C. Sproul in seinem 1982 erschienenen Buch: Reason to Believe – A Response to Common Objections to Christianity, vorgezeichnet hatte. 1. Alle Menschen wissen von Gott 2. Alle Menschen lehnen Gott ab (und betreiben somit Götzendienst) 3. Alle Menschen sind vor Gott schuldig (und es gibt keine Unschuldigen) 4. Alle Menschen sind verurteilt, weil sie Gott ablehnen 5. Gott hat einen Weg der Rettung für die Verlorenen geschaffen 6. Alle Menschen können im Glauben an Christus zu Gott kommen 7. Gott befiehlt seiner Gemeinde, das Evangelium allen Menschen zu verkündigen Wie in vielen christlichen Auslegungen fehlt auch hier eine angemessene Aussage zur Stellung und Aufgabe Israels, wie sie im Römerbrief in Kapitel 9 bis 11 von Paulus so eindrücklich beschrieben worden ist. Das ist die einzige wirkliche Schwäche an diesem Buch. Auf Seite 182 empfiehlt Platt als Umsetzung dieser Wahrheiten: 1. für die gesamte Welt zu beten 2. die ganze Bibel in einem Jahr durchzulesen 3. Geld für einen bestimmten Zweck zu opfern 4. Zeit ausserhalb des gewohnten Umfelds zu investieren 5. aktives Mitglied einer sich vervielfältigenden Gemeinschaft zu sein

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Montag, Mai 01, 2017

Miroslav Volf: Umsonst

Miroslav Volf wurde 1956 in Osijek, im damaligen Jugoslawien und heutigen Kroatien, geboren. Er hat in Kroatien, im deutschen Tübingen und am Fuller Theologican Seminary im kalifornischen Pasadena Theologie studiert. Er ist heute einer der einflussreichsten anglikanischen Theologen, die zudem dem Evangelikalismus nahe stehen. Aufgrund seiner Erfahrungen im Jugoslawienkrieg und der Unabhängigkeit Kroatiens vertritt er bewusst eine Theologie der Befreiung, der Versöhnung und der Gewaltlosigkeit, ohne aber naiv zu sein. Gegenwärtig ist er Professor an der Yale University in New Haven, Connecticut, USA. . . . . . . . . . . . . . Zum Buch: Der Originaltitel heisst Free of Charge und ist 2005 bei Zondervan in Grand Rapids erschienen. 2012 ist das Werk mit dem Titel Umsonst - Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Kultur, im Brunnen Verlag Giessen unter der ISB-Nummer 978-3-7655-1185-1 erschienen. Das äusserlich eher unscheinbare Buch ist ein theologisch durchdachtes Buch, wie man es von Volf gewohnt ist! Es beginnt mit dem Präludium „Die Rose“, worin Volf viel Persönliches preisgibt, indem er beispielsweise über die bewegende Adoption seiner zwei Söhne schreibt. Er benutzt hier bewusst eine Sprache des Herzens, denn die Augen seien gemäss dem kleinen Prinzen von Saint Exupéry blind, man müsse mit dem Herzen suchen. Damit gibt er auch eine passende Haltung vor, mit der dieses Buch mit Gewinn gelesen und verstanden werden könne. . . Volf weist schon im ersten Kapitel darauf hin, dass unser Gottesbild nicht mit der Gottesrealität identisch sei. Gott sei weder ein Kuhhandelgott noch ein Weihnachtsmann, sondern ein rein Schenkender. Er brauche zwar nichts von uns, und doch verlange er mehr von uns, als wir ihm geben könnten. Alles, was wir ihm schenken können, hat er uns schon längst gegeben. Luther habe den Unterschied von Gottes und des Menschen Liebe betont: aus dem Nichts und durch Reflektion. Glauben heisse daher, Gottes Gaben bereitwillig empfangen; sich dem Geber gegenüber angemessen verhalten und Gott die leeren Hände hinhalten, dass er sie fülle (Seite 52). Von Gott im Glauben empfangen ist die höchste Würde des Menschen. Glaube ist ein Wohnen Gottes in uns und zum Wohl der Schöpfung wirken. Wer Gott dankt, sagt dem göttlichen Geber, dass er das, was er von ihm bekommen hat, wertschätzt; er gibt Gott die Ehre dafür.

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Freitag, April 28, 2017

Enneagramm-Grundkurs

Seit 2005 leite und gestalte ich mit zwei Freundinnen einen Enneagramm-Grundkurs in der Casa Moscia. 28 Teilnehmende zwischen 25 und 72 Jahren aus der Schweiz und aus Deutschland haben ihn diesen Frühling besucht. Jedes Mal bringt dieser Grundkurs den Teilnehmenden tiefe Einsichten und befreiende Aha-Erlebnisse. Aber auch bei mir selber stellen sich jedesmal neue Erkenntnisse ein, was ich als äusserst wertvoll erachte. Viele Einsichten haben mit grundlegenden Festlegungen und Mustern zu tun, die wir in den ersten Lebenjahren erworben haben. Diese führen häufig zu Übertreibungen, Verzerrungen, Verabsolutierungen, Zwängen und Ängsten, die letztlich lebens- und beziehungsfeindlich sind. Gott sei Dank konnte ich solche Muster bei mir wahrnehmen, benennen, vor Gott bringen und loslassen, so dass ich freier, entspannter und wirksamer durchs Leben gehen darf. Aber auch immer wieder tauchen neue Erinnerungen auf, wo ich nur sagen kann: Kyrie eleison!
Austausch- und Reflektionszeit auf der Loggia der Casa Moscia mit Blick auf den Lago Maggiore bei schönstem Frühlingswetter

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Dienstag, April 11, 2017

Martin Schleske: Herztöne

Der deutsche Geigenbauer und Physiker Martin Schleske hat ein zweites geistliches Buch vorgelegt mit dem Titel: Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens. Es ist bei adeo Gerth in Asslar 2016 erschienen mit der ISB-Nummer 978-3-86334-076-6. Die Fotos haben Donata Wenders und Tobias Kreissl gemacht, die Holzschnitte sind von Martin Schleske selbst gefertigt worden. Der 1965 geborene Schleske ist ein renommierter Geigenbauer der Gegenwart, der in Landsberg an der Lech, in der Nähe von München lebt und dort sein eigenes Geigenbauatelier betreibt. 2010 veröffentlichte er ein erstes Buch mit dem Titel Der Klang, worin er sein Wissen und seine Erfahrung als Geigenbauer zur Beschreibung der Gottesbeziehung nutzt. Er definiert darin den Menschen als Instrument, das Gott zum Klingen bringen will und so seine wichtigste Bestimmung findet. Auch im Geigenbau sei nicht das Instrument an sich das Ziel, sondern der schöne, volle und einzigartige Klang, der sich mit einer Geige erzeugen lässt und die Zuhörer erfreut. So gesehen ist das Buch Herztöne eine Fortsetzung und Vertiefung dieser Vergleiche. Er beschreibt erneut Arbeitschritte und Werkzeuge, die er als Geigenbauer verwendet, und die ihm zur Glaubensanschauung und -stärkung geworden sind. Schon im Umschlag macht er dazu wesentliche Aussagen; so vorne: Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen. Und auch hinten: Etwas zu beherzigen ist vielleicht das schönste Wort für glauben. Denn es bedeutet, dass du den Dingen, die du erkannst hast, in deinem Herzen Raum gibst. Beherzigen heisst, innere Heimat geben. Ein Gast, den du aufgenommen hast, wird zu dir sprechen. Kirchenraum in Franken

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Donnerstag, August 13, 2015

Die Schallmauer

Wachsender christlicher Glaube fängt oft mit zunehmendem Vertrauen zu Gott an. Ich nehme seine Sicht über mich an. Und ich beginne Jesus nachzufolgen, indem ich ihn ernst nehme und tue, was er sagt. Er leitet mich an, brauchbar zu werden und andern Menschen zu dienen. Aber meistens kommt irgendwann eine Ermüdung, eine Krise, die mich zwingt, die Reise nach innen anzutreten und den Glauben vertiefen zu lassen. Viele Christen sind diesen unangenehmen Weg gegangen und haben ihn auch beschrieben als „Nacht der Seele“ oder mit andern Begriffen. Peter Scazzero benutzt dafür das Wort Schallmauer, einen etwas eigenartigen Ausdruck, um den oft langen Weg der Grenzüberschreitung, den Gott mit uns gehen will, zu bezeichnen. Als Schallmauer wird der Übergang bei der Geschwindigkeit in den Überschallbereich bezeichnet. Als das erste Mal diese Grenze überschritten wurde, wusste man noch nicht, was genau dabei und danach passieren würde. Eigentlich ereignete sich dabei gar nicht so viel, aber es brauchte einen mutigen Piloten, der sich auf diesen unbekannten Vorgang eingelassen hatte. Das ist ein gutes Bild für Schritte, den Weg mit Gott in unbekanntes Land, in noch nie gemachte Erfahrungen. In der Regel sind das Ereignisse und Prozesse, die sich in der zweiten Lebenshälfte abspielen; denn die erste Lebenshälfte ist dazu da, das „Wir“ und das „Ich“ aufzubauen. Eine gefestigte Identität, mit entsprechenden Aufgaben und Rollen, ist auszubilden, einzunehmen und auszuüben. Diesen Prozess sollten wir bei uns und den uns Anvertrauten nicht eigenmächtig verkürzen. Es heisst nicht umsonst, dass Abraham 75 Jahre alt war, als er von Haran auszog. Auch Mose war 80 Jahre alt, als er am Dornbusch in der Halbwüste berufen wurde. Nur Josef wurde als junger Mann überraschend in die Sklaverei verkauft und erlebte dabei völlig Unvertrautes und Traumatisches. Es ist oft so, dass spezielle Umstände oder Lebensereignisse wie Beziehungsabbrüche, Arbeitsplatzverluste oder unerwartete Todesfälle, nie dagewesene Fragen und Prozesse in uns auslösen. Auch in der Bibel kommen solche Situationen vor, und sie beginnen ganz lapidar mit „da“, „und“, „eines Tages“ oder „und es geschah“. Eines der krassesten Beispiele ist Hiob. Seine Geschichte wird oft nur verkürzt gelesen und erzählt. Aber seine Verluste sind kaum zu überbieten, sein Erleben ist so notvoll und seine Aussprüche und sein Klagen vor Gott sind heftig. Doch am Schluss wird er und nicht seine frommen Freunde rehabilitiert! Er soll für sie opfern und beten, damit Gott gnädig gestimmt wird. Gott hat also mehr Gefallen an aufrichtiger Anklage und Wahrheit als an frommer Rechtschaffenheit und Korrektheit!

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Freitag, April 24, 2015

Eine Lebensregel entwickeln (Schluss)

Daniel in Babylon ist ein gutes Beispiel eines Menschen, der unter schwierigen Umständen eigene Lebensregeln festgelegt hatte. Gute Lebensregeln umfassen Elemente der Spiritualität (Gebet, Bibellese, Stille, Studium), der Ruhe (Sabbat, Einfachheit, Spielerisches), der Arbeit (Dienst, Körpertraining, Gesundheit) und der Beziehungen (Familie, Gemeinschaft, Freundschaft). Hiob ist ein Paradebeispiel für die Aufmerksamkeit seines inneren Lebens, ohne sich falschen Konventionen anzupassen (Seite 160). Er hat seinen Schmerz herausgeschrieen (Hi 3,3 & 6,2), er hat Gott angeschrieen (kämpfen, zweifeln, sich beschweren und weinen wie auch in den Psalmen, Klagelieger und 2. Samuel 1,17-27). Scazzero betont, dass wir Gott unsere Gefühle offenlegen müssen, ansonsten sickern sie langsam aus uns heraus durch passiv-aggressives Verhalten, Sarkasmus und strafendes Schweigen. Zudem sind verwirrende Wartezeiten auszuhalten, damit wir uns nicht überschätzen und die Sache nicht fälschlicherweise an die eigene Hand nehmen. Für uns alle gilt, dass wir das Geschenk der Begrenzung annehmen sollen und dürfen: · In Persönlichkeit und Temperament · Beim Körper und dessen Zerfall · Bezüglich Herkunftsfamilie, Familiensituation und Beziehungen · In Fähigkeiten, Talente und Gaben · Bei materiellen Ressourcen und Zeit · In der Arbeit und bei Erkenntnissen. Stufen der Demut nach Benedikt von Nursia sind: 1. Gottesfurcht, Gottes Gegenwart bewusst sein 2. Gottes Willen tun, Hingabe 3. Sich der Leitung anderer anvertrauen 4. Geduld mit Schwierigkeiten und Fehler anderer 5. Radikale Offenheit gegen andere bezüglich eigener Schwächen 6. Tiefe Einsicht in das eigene Sünder sein 7. Weniger sprechen und mehr Gott suchen bedeutet weise sein 8. Von der Liebe Gottes durchdrungen sein und alles als Gnade annehmen. Altes loslassen kann Neues bewirken: Trauer kann zum Segen werden, besonders wenn ich Verluste akzeptieren kann. "Denn das Weizenkorn muss in den Boden kommen und sterben, nur so kann es Frucht bringen." Die grösste Frucht ist eine vertraute und vertiefte Gottesbeziehung.
In einem Stadtturm im piemontesischen Alba

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Sonntag, Juni 01, 2014

Martin Schleske: Der Klang

Martin Schleske wurde 1965 geboren, ist ein deutscher Physiker und ein renommierter Geigenbauer der Gegenwart, der in der Nähe von München lebt und im eigenen Atelier arbeitet. In seinem Buch „Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens“ (Kösel, München 2010. ISBN 978-3-466-366883-9) nutzt er sein Wissen und seine Erfahrung im Geigenbau als Vergleich zur Gottesbeziehung. Er beschreibt darin den Menschen als Instrument, das Gott zum Klingen bringen will und so seine Bestimmung findet. Auch im Geigenbau ist nicht das Instrument an sich das Ziel, sondern der schöne Klang, den es erzeugen lässt. Im Vorwort zitiert er Friedensreich Hundertwasser (1928-2000), der gesagt hatte, dass wir nicht mehr fähig seien, Gleichnisse zum Leben zu schaffen. Viel früher hatte Bonaventura (121-1274) festgestellt, dass die Menschen die Fähigkeit verloren haben, das Buch, nämlich die Welt, zu lesen. Darum war es nötig, ihnen ein anderes Buch zu geben, das sie erleuchte, auf dass sie die Gleichnishaftigkeit der Dinge verstehen, die zu lesen sie nicht mehr fähig waren. Dieses andere Buch ist die Heilige Schrift, die uns Gleichnisse der Dinge vorlegt, die in der Welt geschrieben stehen. Mir scheint, dass es Schleske gelungen ist, mit seinem Buch „Der Klang“ ein neues, nachvollziehbares und inspirierendes Gleichnis geschaffen zu haben. Er führt uns in den Geigenbau ein, der mit der Beschaffung des Holzes anfängt. Jeder Teil der Geige hat seine spezifischen Anforderungen und Aufgaben, die sich in einer ganz bestimmten Materialwahl spiegelt: Bergfichte ist eines der wichtigen Hölzer, das für den Geigenboden verwendet wird. Es kann aber nur eine spezifische sein, ein sogenannter „Sänger“, der in einem rauen Klima knapp unter der Baumgrenze langsam gewachsen ist. Der Baum, der die klimatische Herausforderung bewältigt hat, wird zum klanglichen Segen für den zuhörenden Menschen. Der Geigenbauer hört die unterschiedlichen Klänge beim Herabrollen der Bäumstämme und wählt nur die am besten klingenden aus. Schleske vergleicht auf Seite 16-20: „Das Leben ist kein Weg im Flachland, wo die Dinge schnell wachsen und einfach zu finden sind, sonder es geht durch Brüche, Widrigkeiten und Unwegsamkeiten hindurch... Auch Gott suchen ist kein leichter Weg, aber denen wird das Herz aufleben, wie in Psalm 69,33 steht... Ein klingendes Leben erfordert Weisheit und Mut, glücklich der „Arme“, der sich nicht mehr alles erlaubt, denn er wird substanzieller, bewusster, konzentrierter, leidenschaftlicher und tragfähiger. Die wesentlichen Dinge kannst du jedoch nicht machen, sondern nur empfangen, aber du kannst dich empfänglich machen.“ Die ältesten Bäume der Welt sind die Grannenkiefern, die „Bristlecone Pines“, die in den kargen White Mountains im trockenen Osten Kaliforniens stehen, „Metuschelach“, die älteste Kiefer ist bereits 4'773 Jahre alt. Sie wachsen äusserst langsam, aber sie wachsen und leben und Wasser ist dabei unentbehrlich. Wasser steht in der Bibel für die Erkenntnis Gottes, und lebendiger Glaube ist Durst und Verlangen nach Gott. Andersartigkeit in der Schöpfung ist oft kein ästhetischer Luxus zur Förderung von Vielfalt, sondern lebensnotwendige Ergänzung. Auch wahre, echte Gemeinschaft beruht nicht darauf, dass wir einander verstehen, sondern darauf, dass wir einander vertrauen. So heisst charismatisch leben für Schleske andere Menschen zu unterstützen, die etwas vom Glauben leben, das ich (noch) nicht begreife. Der Entwurf: Von der Harmonie der Gegensätze Die Klänge einer Geige sind keine sichere Sache, sie bewegen sich zwischen Vertrautheit und Ueberraschung. Die negativen Extreme davon sind Starrheit oder Langeweile und Willkür oder Beliebigkeit. Töne kann man voraushören, beleben und zähmen laut Schleske. Ein Tropaion ist ein Zeichen am Ort der Entscheidung, Wende und Flucht. Nicolás Gomez Dávila habe treffend gesagt: Der Abstand zwischen Gott und dem menschlichen Vermögen ist so gewaltig, dass nur eine kindliche Theologie nicht kindisch ist (Seite 52). Schleske erwähnt noch weitere positive Gegensätze, auf die er achtet, und die mich an das Werte- und Entwicklungsquadrat von Paul Helwig und Friedemann Schulz von Thun erinnert haben: · Leidenschaft (Glaubensunruhe) – Gelassenheit (Glaubensruhe), die in Fanatismus – Gleichgültigkeit umschlagen können (Schleske: Der einzig ruhige Mensch ist der geliebte Mensch. Seite 81) · Treue/Verbindlichkeit – Freiheit, die in Gesetzlichkeit und Beliebigkeit abkippen können · Grosszügigkeit – Sparsamkeit, die in Verschwendung – Geiz ausarten können · Gnade/Verheissung – Arbeit/Forderung, die zu Schwärmerei – Getriebenheit werden können · Demut/Ohnmacht/Schwachheit – Segen/Vollmacht/Kraft werden zu Resignation und Triumphalismus · Erlauben/Zulassen – Wollen/Gestalten werden extremerweise zu Planlosigkeit und Zwanghaftigkeit · Hören – Tun werden zu Intellektualismus –Pragmatismus entwertet · Wahrheit – Güte werden zu Lieblosigkeit und Dumpfheit · Vollkommenheit – Vorläufigkeit werden zu Perfektionismus – Halbherzigkeit. Nebst eigenen Gedanken und gemachten Erfahrungen baut Schleske immer wieder auch passende Zitate ein, wie: Mein Herz bleibt unruhig, bis es dir, Christus, alles übergibt, was es fernhält von dir. Frère Roger Schutz Nur der Reine kann den Sünder annehmen, weil er zuerst das Geschöpf und nicht die Sünde sieht. Geri Keller Vollkommen ist Oeffnung zu Gott hin, jeder Ton ist ein Lobpreis Gottes. Gott ist mehr ein Künstler, der weise gestaltet und zulässt als ein Konstrukteur, der verbissen seinen Plan verfolgt. Viele Gleichnisse, die Jesus erzählt hatte, handeln vom Wachsen und nicht vom Bauen (Seite 99). Uebe, was Gott dir gebietet, so wirst du erkennen, wer er ist; verwirkliche, was dir geboten ist, so wirst du begreifen, wer du bist. Die Stimme Gottes wirst du nirgends klarer hören als in der inneren Stimmigkeit mit seinem Willen. Sünde ist Unstimmigkeit nach Genesis 3 (Seite 106). Gott hält nichts von Unterwürfigkeit, aber sehr viel von Demut. Der Geliebte lebt anders, er tanzt mit seiner Berufung. Gesetzlichkeit ersetzt Gottesliebe etwa wie der Automat das Instrument (Seite 118). Der Geliebte und die Gemeinschaft wird angegriffen von Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit, von Moral und Autonomie, die den breiten Weg verkörpern. Der schmale Weg dagegen lebt von Gebotenem, Gewordenem und Gegebenem. Die Wölbung der Geige repräsentiert Ehrfurcht vor Gott, der Faserlauf das Sein in Gottes Händen (Seite 121). „Per-sonum“ heisst durch den Ton; Gott will seine Anwesenheit durch uns Zerbrechliche zur Geltung bringen. In der Welt gibt er uns Anteil an sich selbst durch seine Gegenwart. Wir hören Gott nicht pur, sondern einer durch den andern. Ein Musikinstrument ist nicht sichtbares Holz, sondern wirksamer Klang (Seite 131). Schleske beharrt darauf, dass wir geliebt und berufen sind, wir sind und sollen etwas tun, wir lieben und leiden. Die materiellen Bedürfnisse deines Nächsten sind dein spirituelles Anliegen, gemäss Israel von Salant. Jede herrschsüchtige Geste würde Gottes Antlitz entstellen. Frère Roger Schutz. Liebende werden wir, wenn wir die Sanftmut und Demut des Heiligen Geistes erahnen; denn im Geist Gottes ist auch etwas Verletzliches und Zartes. Glaube heisst, sich Gott zu stellen, und zwar nicht nur einer segnenden, sondern auch einer kritischen Instanz. Doch Gottes Geschichte mit der Welt ist keine Unterwerfungs-, sondern eine Berufungsgeschichte (Seite 158). Es gibt Dinge, die kann man nicht über Gott sagen, sondern nur zu Gott und eigentlich nur in Gott. Die Schöpfung selbst ist eine gewaltige Passion, Gott hat sein Sein verlassen, damit es eine Welt, ein Werden gibt. In Jesus geht es nicht um die Erlösungskraft des Leidens, sondern um die Leidensbereitschaft der erlösenden Liebe. Nicht Leiden hat Erlösungskraft, sondern die Liebe ist auch bereit zu leiden. Jesu Blut macht uns nicht deshalb gerecht, weil es Blut ist, sondern weil es sein Herz ist und sein gegebenes Leben zeigt. Mit der Erschaffung der Welt hat sich Gott seiner Macht entkleidet, nun sehen wir seine Machtlosigkeit am Kreuz nochmals konzentriert. Religiöse Dogmen hoffen auf unser schlechtes Gewissen, aber sie können uns weder Augen noch Ohren öffnen. Nur wenn wir Gottes Anwesenheit als etwas Verletzbares begreifen, werden wir beginnen, Gott und zugleich uns selbst ernst zu nehmen. Gnade ist der Raum, den wir dem andern bereiten. Gott offenbart sich dem Suchenden, er spricht zum Hörenden, und er bezeugt sich durch den Liebenden (Seiten 166-169). Schleske erachtet gute Gegenfragen als besser als eine banale Logik in der Sache der Allmacht Gottes zu haben. Der Gegensinn bestehe in der Verletzbarkeit Gottes und der Mündigkeit des Menschen. Gott und Menschen seien in einem untrennbaren Zusammenspiel. Wir müssen befreit werden von den Feindbildern gegen Gott, die wir in uns tragen: · vom Bild des zynischen Gottes, der nicht eingreifen will · vom Bild des rachsüchtigen Gottes, der Opfer will · vom Bild des abwesenden Gottes, der gar nichts will. Der verschlossene Klang gleicht dem Wegwerfen der Gnade, dies geschehe durch Verstockung in Stolz, sich in Angst verstecken oder sich in eine selbstentwertende Opferrolle zurückziehen. In der Eucharistie, im Abendmahl, kann ich dagegen jede Eigenmächtigkeit ablegen und nur noch aus Dank bestehen und mich so Gott ergeben. Durch den „Sündenfall“ (Genesis 3,16-17) haben wir diese Stimmigkeit verloren. Aber Gott kommt uns entgegen, er wird um unseres Bewusstseins willen Sinn, unserer Abgründigkeit willen der Heilige, unserer Heimatlosigkeit willen der Liebende, unserer Lieblosigkeit willen der Vergebende, unserer Endlichkeit willen der Ewige, unserer Empfänglichkeit willen der Heilige Geist und wegen unserem Ich zum Du. Gott ist die Liebe, die uns zu Personen macht und so zum Bild Gottes, seine Liebe atmet etwas vom Geist der Ewigkeit (Seiten 190-201). Schleske versteht christlicher Glaube als etwas Lebendiges und Dynamisches, deshalb können auch Phasen der Zweifel unser inneres Leben bilden und formen. Denn Zweifel erschüttert zu Recht alles, was nicht Liebe war. Kraft zur Ueberzeugung hat nicht, was ich glauben kann, sondern was ich lieben will. In Krisen wird das Tragende allein die Liebe sein. Für einen gesetzlichen Glauben ist dies undenkbar, ihm fehlt der Mut der Gottesferne. Glauben ist wachsames Stillesein und ein Hinsehen auf die Werke Gottes wie beim Propheten Jesaja. Unser Glaube soll eher ein innerer Lehrer als eine bekenntniskorrekte Lehre sein. Glaube heisst auch, dass wir hinsehen und fragen, was uns angesichts unserer täglichen Wirklichkeit geboten und verheissen ist, was Gott uns mit der Wirklichkeit sagen will. Glauben heisst in etwas Geschehenes einwilligen, etwas Gebotenes tun und einen neuen Weg bahnen (Seite 236-242). Person als Begriff ist uns bestens bekannt, aber wir wissen kaum, dass er aus „per sonum“ zusammengesetzt ist und eigentlich „für den Klang“ bedeutet. Unsere Aufgabe ist es also, ein Gottessänger zu sein. Darum kann Musik auch in Klang gegossenes Gebet sein. Der Glaube hat für Schleske denkende, betende, handelnde und feiernde Aspekte. Ich bitte und empfange, also bin ich. Und ich lasse mir von Jesus die Füsse waschen. Wir brauchen Gottes Reinheit, um empfindsam und empfänglich für Gott zu werden. Wenn wir innerlich aufgerichtet sind, können wir äusserlich aufrichtig leben. Ohne Dankbarkeit machen wir unser Leben zur Schwarzmalerei, ohne Reue zur Schönfärberei. Vergebung bedeutet im Tiefsten, dass Gott mich gegen mich selbst verteidigt. Durch Vertrauen in Gott muss ich nicht ständig Stärke und Schwache erspüren. Das lebendige Wasser des Evangeliums schuf sich demütig das Flussbett der Kirche (Seiten 246-302). . . . . . . . . . . . . Schleske vergleicht die verwendeten Harze für die Lackierung der Geige, die dem Schutz, Klang und der Schönheit dienen, mit dem geistlichen Leben: · Mastix glänzt und kann mit einer Gemeinschaft im Lobpreis verglichen werden · Myrrhe ist ein Heilmittel und wie die Frucht der Lippen (Jesaja 57,18) · Aloé ist wie eine helfende Gemeinschaft (Jesaja 45,13-18) · Schmelzkopale sind wie klärende Orientierung (Jesaja 48,17) · Venezianer Terpentin verhindert Risse, Härte und Sprödigkeit · Kopale sind hart, stark und bewahrend (Jesaja 26,2) · Benzoeharz ist ein Leuchtmittel (Jesaja 50,4) Das beste Buch zum Heiligen Geist sei das von Raniero Cantalamessa: Komm, Schöpfer Geist – Betrachtungen zum Hymnus Veni Creator Spiritus. Freiburg i.B. 1999 und 2007. Der symphonische Musiker ist in Komposition, Taktstock und Stimme ein Gleichnis dessen, der Gottes Wille lebt; er brauche Wort Gottes, den Heiligen Geist und die Charismen. Das Du der Gemeinschaft - nicht das Ich - ist das wahre Gegenüber Gottes. Jede Resonanz ist gekennzeichnet durch Frequenz, Schwingungsform und Gipfelbreite; so ist auch jeder Mensch eine Persönlichkeit, ein Dreiklang geformt aus Charisma, Charakter und Kompetenz. Das Geheimnis der geistlichen Gemeinschaft ist die Abkehr vom blossen Ich. Es geht im Leben darum, nicht nur zu begreifen, sondern ein ergriffener Mensch zu werden; das 351 seitige Buch von Martin Schleske kann dazu eine inspirierende, gehaltvolle Anregung sein!

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