Dienstag, Mai 02, 2017

Menschliche und göttliche Vergebung

Wir imitieren Gott als Werkzeuge Gottes und als seine Ebenbilder, deshalb sollen wir ähnlich geben und vergeben (Seite 214). Ähnlich wie beim Geben gibt es auch beim Vergeben einen Dreiklang: • Rache: vervielfacht das Böse. . . . • Gerechtigkeit: begrenzt das Böse. . . . • Vergebung: überwindet das Böse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gottes Zorn ist nicht ein emotionaler Zustand, sondern eine energische Zurückweisung der Sünde. Er verurteilt im Akt des Vergebens. Eines der Hauptmerkmale der Sünde ist es, dass sie sich weigert, sich Sünde zu nennen (Seite 239). Viele Täter sind in den Schlingen ihrer bösen Taten gefangen und sind nicht in der Lage, aus eigener Kraft wieder auf die Füsse zu kommen. Sie brauchen Hilfe ihre Opfer oder anderer Personen (Seite 242). Wiedergutmachung sei nicht Vorbedingung für die Vergebung, aber Frucht der Vergebung und als Zeichen, dass die Reue echt sei (Seite 243). Vergeben heisse, den Schuldigen anklagen, ihn von der Anklage entbinden, ihm die Schuld erlassen und das Vergehen dem Vergessen anheimgeben (Seite 252). Unser Vergeben sei nur ein Echo von Gottes Vergeben (Seite 261). Wir sind erschaffen worden, um Gott in dieser Welt zu widerspiegeln (Seite 270). Demut heisse, dass ich zugebe, dass ich falsch liegen könne (Seite 272). Die heutige prozesswütige Kultur in den USA stehe in Kontrast zu Gottes Vergebung (Seite 273). Wir sind auch als Opfer immer noch Sünder; und wir sind auch als Täter noch Gottes gute Geschöpfe. Unsere Taten werden durch die Neigung zur Sünde genährt und durch eine sündige Kultur verstärkt, deshalb gibt es keinen Gründ für Stolz. Unser Vergeben ist fehlerhaft, Gottes Vergeben dagegen fehlerlos; unser Vergeben ist provisorisch, Gottes Vergeben bleibt endgültig (Seite 283).

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Freitag, Mai 20, 2016

Larry Siedentop: Die Idee des Fundamentalgesetzes

9. Neue Einstellungen und Gewohnheiten. Als Kaiser Justinian die philosophischen Schulen Athens geschlossen hatte, ging das rationale Denken nicht zu Ende und wich dem christlichen Glauben, sondern es war bereits in die Lehren der Kirche eingegangen. Die Frauen erhielten eine zunehmend bessere soziale Stellung und auch Bildung, zuerst die reichen, dann auch alle andern. Was Paulus nur andeutungsweise gesagt hatte, betonte Gregor von Nyssa (335-394) unmissverständlich und klar: Sklavenhaltung ist gegen das Recht Gottes wegen der Gottesebenbildlichkeit der Menschen. Diese neuen Erkenntnisse und Einstellungen flossen auch in den Codex Theodosianus (438 unter Theodosius 2) und in den Corpus Iuris Civilis (529-533 unter Justinian). In der Folge konnten nicht nur römische Bürger Bischöfe werden, sondern jeder, der von der Gemeinde gewählt wurde! 10. Geistliche und weltliche Macht. 476 ging das weströmische Reich zu Ende und äusserer und innerer Zerfall setzte ein. Klerus und Bischöfe übernahmen nun auch politische Aufgaben wie Verwaltung, Verteidigung und Diplomatie. Klöster wurden zu Zufluchtsorten der Gemeinschaft, des Gebets, der Bildung und des Wissens. 11. Barbarische Gesetze, römisches Recht und christliche Anschauungen. Eine Verlagerung der moralischen Autorität von der Familie zum Klerus fand statt. Das Abendmahl wurde zum Messopfer, das nur Priester darbringen konnten. Karl der Grosse kam in eine Zwischenzeit hinein, nach dem Rom der Antike und vor dem Europa der Moderne. 12. Der karolingische Kompromiss. Karl der Grosse wollte ein christliches Reich schaffen. Er verpflichtete einzelne Menschen, nicht mehr Familien, für sich, sein Reich und den christlichen Glauben. Sein Berater und Bildungsreformer war der Mönch Alkuin von York. Je jenseitiger das Christentum wurde, desto bessere Voraussetzungen lieferte es paradoxerweise für soziale Reformen.

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Sonntag, Juni 01, 2014

Martin Schleske: Der Klang

Martin Schleske wurde 1965 geboren, ist ein deutscher Physiker und ein renommierter Geigenbauer der Gegenwart, der in der Nähe von München lebt und im eigenen Atelier arbeitet. In seinem Buch „Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens“ (Kösel, München 2010. ISBN 978-3-466-366883-9) nutzt er sein Wissen und seine Erfahrung im Geigenbau als Vergleich zur Gottesbeziehung. Er beschreibt darin den Menschen als Instrument, das Gott zum Klingen bringen will und so seine Bestimmung findet. Auch im Geigenbau ist nicht das Instrument an sich das Ziel, sondern der schöne Klang, den es erzeugen lässt. Im Vorwort zitiert er Friedensreich Hundertwasser (1928-2000), der gesagt hatte, dass wir nicht mehr fähig seien, Gleichnisse zum Leben zu schaffen. Viel früher hatte Bonaventura (121-1274) festgestellt, dass die Menschen die Fähigkeit verloren haben, das Buch, nämlich die Welt, zu lesen. Darum war es nötig, ihnen ein anderes Buch zu geben, das sie erleuchte, auf dass sie die Gleichnishaftigkeit der Dinge verstehen, die zu lesen sie nicht mehr fähig waren. Dieses andere Buch ist die Heilige Schrift, die uns Gleichnisse der Dinge vorlegt, die in der Welt geschrieben stehen. Mir scheint, dass es Schleske gelungen ist, mit seinem Buch „Der Klang“ ein neues, nachvollziehbares und inspirierendes Gleichnis geschaffen zu haben. Er führt uns in den Geigenbau ein, der mit der Beschaffung des Holzes anfängt. Jeder Teil der Geige hat seine spezifischen Anforderungen und Aufgaben, die sich in einer ganz bestimmten Materialwahl spiegelt: Bergfichte ist eines der wichtigen Hölzer, das für den Geigenboden verwendet wird. Es kann aber nur eine spezifische sein, ein sogenannter „Sänger“, der in einem rauen Klima knapp unter der Baumgrenze langsam gewachsen ist. Der Baum, der die klimatische Herausforderung bewältigt hat, wird zum klanglichen Segen für den zuhörenden Menschen. Der Geigenbauer hört die unterschiedlichen Klänge beim Herabrollen der Bäumstämme und wählt nur die am besten klingenden aus. Schleske vergleicht auf Seite 16-20: „Das Leben ist kein Weg im Flachland, wo die Dinge schnell wachsen und einfach zu finden sind, sonder es geht durch Brüche, Widrigkeiten und Unwegsamkeiten hindurch... Auch Gott suchen ist kein leichter Weg, aber denen wird das Herz aufleben, wie in Psalm 69,33 steht... Ein klingendes Leben erfordert Weisheit und Mut, glücklich der „Arme“, der sich nicht mehr alles erlaubt, denn er wird substanzieller, bewusster, konzentrierter, leidenschaftlicher und tragfähiger. Die wesentlichen Dinge kannst du jedoch nicht machen, sondern nur empfangen, aber du kannst dich empfänglich machen.“ Die ältesten Bäume der Welt sind die Grannenkiefern, die „Bristlecone Pines“, die in den kargen White Mountains im trockenen Osten Kaliforniens stehen, „Metuschelach“, die älteste Kiefer ist bereits 4'773 Jahre alt. Sie wachsen äusserst langsam, aber sie wachsen und leben und Wasser ist dabei unentbehrlich. Wasser steht in der Bibel für die Erkenntnis Gottes, und lebendiger Glaube ist Durst und Verlangen nach Gott. Andersartigkeit in der Schöpfung ist oft kein ästhetischer Luxus zur Förderung von Vielfalt, sondern lebensnotwendige Ergänzung. Auch wahre, echte Gemeinschaft beruht nicht darauf, dass wir einander verstehen, sondern darauf, dass wir einander vertrauen. So heisst charismatisch leben für Schleske andere Menschen zu unterstützen, die etwas vom Glauben leben, das ich (noch) nicht begreife. Der Entwurf: Von der Harmonie der Gegensätze Die Klänge einer Geige sind keine sichere Sache, sie bewegen sich zwischen Vertrautheit und Ueberraschung. Die negativen Extreme davon sind Starrheit oder Langeweile und Willkür oder Beliebigkeit. Töne kann man voraushören, beleben und zähmen laut Schleske. Ein Tropaion ist ein Zeichen am Ort der Entscheidung, Wende und Flucht. Nicolás Gomez Dávila habe treffend gesagt: Der Abstand zwischen Gott und dem menschlichen Vermögen ist so gewaltig, dass nur eine kindliche Theologie nicht kindisch ist (Seite 52). Schleske erwähnt noch weitere positive Gegensätze, auf die er achtet, und die mich an das Werte- und Entwicklungsquadrat von Paul Helwig und Friedemann Schulz von Thun erinnert haben: · Leidenschaft (Glaubensunruhe) – Gelassenheit (Glaubensruhe), die in Fanatismus – Gleichgültigkeit umschlagen können (Schleske: Der einzig ruhige Mensch ist der geliebte Mensch. Seite 81) · Treue/Verbindlichkeit – Freiheit, die in Gesetzlichkeit und Beliebigkeit abkippen können · Grosszügigkeit – Sparsamkeit, die in Verschwendung – Geiz ausarten können · Gnade/Verheissung – Arbeit/Forderung, die zu Schwärmerei – Getriebenheit werden können · Demut/Ohnmacht/Schwachheit – Segen/Vollmacht/Kraft werden zu Resignation und Triumphalismus · Erlauben/Zulassen – Wollen/Gestalten werden extremerweise zu Planlosigkeit und Zwanghaftigkeit · Hören – Tun werden zu Intellektualismus –Pragmatismus entwertet · Wahrheit – Güte werden zu Lieblosigkeit und Dumpfheit · Vollkommenheit – Vorläufigkeit werden zu Perfektionismus – Halbherzigkeit. Nebst eigenen Gedanken und gemachten Erfahrungen baut Schleske immer wieder auch passende Zitate ein, wie: Mein Herz bleibt unruhig, bis es dir, Christus, alles übergibt, was es fernhält von dir. Frère Roger Schutz Nur der Reine kann den Sünder annehmen, weil er zuerst das Geschöpf und nicht die Sünde sieht. Geri Keller Vollkommen ist Oeffnung zu Gott hin, jeder Ton ist ein Lobpreis Gottes. Gott ist mehr ein Künstler, der weise gestaltet und zulässt als ein Konstrukteur, der verbissen seinen Plan verfolgt. Viele Gleichnisse, die Jesus erzählt hatte, handeln vom Wachsen und nicht vom Bauen (Seite 99). Uebe, was Gott dir gebietet, so wirst du erkennen, wer er ist; verwirkliche, was dir geboten ist, so wirst du begreifen, wer du bist. Die Stimme Gottes wirst du nirgends klarer hören als in der inneren Stimmigkeit mit seinem Willen. Sünde ist Unstimmigkeit nach Genesis 3 (Seite 106). Gott hält nichts von Unterwürfigkeit, aber sehr viel von Demut. Der Geliebte lebt anders, er tanzt mit seiner Berufung. Gesetzlichkeit ersetzt Gottesliebe etwa wie der Automat das Instrument (Seite 118). Der Geliebte und die Gemeinschaft wird angegriffen von Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit, von Moral und Autonomie, die den breiten Weg verkörpern. Der schmale Weg dagegen lebt von Gebotenem, Gewordenem und Gegebenem. Die Wölbung der Geige repräsentiert Ehrfurcht vor Gott, der Faserlauf das Sein in Gottes Händen (Seite 121). „Per-sonum“ heisst durch den Ton; Gott will seine Anwesenheit durch uns Zerbrechliche zur Geltung bringen. In der Welt gibt er uns Anteil an sich selbst durch seine Gegenwart. Wir hören Gott nicht pur, sondern einer durch den andern. Ein Musikinstrument ist nicht sichtbares Holz, sondern wirksamer Klang (Seite 131). Schleske beharrt darauf, dass wir geliebt und berufen sind, wir sind und sollen etwas tun, wir lieben und leiden. Die materiellen Bedürfnisse deines Nächsten sind dein spirituelles Anliegen, gemäss Israel von Salant. Jede herrschsüchtige Geste würde Gottes Antlitz entstellen. Frère Roger Schutz. Liebende werden wir, wenn wir die Sanftmut und Demut des Heiligen Geistes erahnen; denn im Geist Gottes ist auch etwas Verletzliches und Zartes. Glaube heisst, sich Gott zu stellen, und zwar nicht nur einer segnenden, sondern auch einer kritischen Instanz. Doch Gottes Geschichte mit der Welt ist keine Unterwerfungs-, sondern eine Berufungsgeschichte (Seite 158). Es gibt Dinge, die kann man nicht über Gott sagen, sondern nur zu Gott und eigentlich nur in Gott. Die Schöpfung selbst ist eine gewaltige Passion, Gott hat sein Sein verlassen, damit es eine Welt, ein Werden gibt. In Jesus geht es nicht um die Erlösungskraft des Leidens, sondern um die Leidensbereitschaft der erlösenden Liebe. Nicht Leiden hat Erlösungskraft, sondern die Liebe ist auch bereit zu leiden. Jesu Blut macht uns nicht deshalb gerecht, weil es Blut ist, sondern weil es sein Herz ist und sein gegebenes Leben zeigt. Mit der Erschaffung der Welt hat sich Gott seiner Macht entkleidet, nun sehen wir seine Machtlosigkeit am Kreuz nochmals konzentriert. Religiöse Dogmen hoffen auf unser schlechtes Gewissen, aber sie können uns weder Augen noch Ohren öffnen. Nur wenn wir Gottes Anwesenheit als etwas Verletzbares begreifen, werden wir beginnen, Gott und zugleich uns selbst ernst zu nehmen. Gnade ist der Raum, den wir dem andern bereiten. Gott offenbart sich dem Suchenden, er spricht zum Hörenden, und er bezeugt sich durch den Liebenden (Seiten 166-169). Schleske erachtet gute Gegenfragen als besser als eine banale Logik in der Sache der Allmacht Gottes zu haben. Der Gegensinn bestehe in der Verletzbarkeit Gottes und der Mündigkeit des Menschen. Gott und Menschen seien in einem untrennbaren Zusammenspiel. Wir müssen befreit werden von den Feindbildern gegen Gott, die wir in uns tragen: · vom Bild des zynischen Gottes, der nicht eingreifen will · vom Bild des rachsüchtigen Gottes, der Opfer will · vom Bild des abwesenden Gottes, der gar nichts will. Der verschlossene Klang gleicht dem Wegwerfen der Gnade, dies geschehe durch Verstockung in Stolz, sich in Angst verstecken oder sich in eine selbstentwertende Opferrolle zurückziehen. In der Eucharistie, im Abendmahl, kann ich dagegen jede Eigenmächtigkeit ablegen und nur noch aus Dank bestehen und mich so Gott ergeben. Durch den „Sündenfall“ (Genesis 3,16-17) haben wir diese Stimmigkeit verloren. Aber Gott kommt uns entgegen, er wird um unseres Bewusstseins willen Sinn, unserer Abgründigkeit willen der Heilige, unserer Heimatlosigkeit willen der Liebende, unserer Lieblosigkeit willen der Vergebende, unserer Endlichkeit willen der Ewige, unserer Empfänglichkeit willen der Heilige Geist und wegen unserem Ich zum Du. Gott ist die Liebe, die uns zu Personen macht und so zum Bild Gottes, seine Liebe atmet etwas vom Geist der Ewigkeit (Seiten 190-201). Schleske versteht christlicher Glaube als etwas Lebendiges und Dynamisches, deshalb können auch Phasen der Zweifel unser inneres Leben bilden und formen. Denn Zweifel erschüttert zu Recht alles, was nicht Liebe war. Kraft zur Ueberzeugung hat nicht, was ich glauben kann, sondern was ich lieben will. In Krisen wird das Tragende allein die Liebe sein. Für einen gesetzlichen Glauben ist dies undenkbar, ihm fehlt der Mut der Gottesferne. Glauben ist wachsames Stillesein und ein Hinsehen auf die Werke Gottes wie beim Propheten Jesaja. Unser Glaube soll eher ein innerer Lehrer als eine bekenntniskorrekte Lehre sein. Glaube heisst auch, dass wir hinsehen und fragen, was uns angesichts unserer täglichen Wirklichkeit geboten und verheissen ist, was Gott uns mit der Wirklichkeit sagen will. Glauben heisst in etwas Geschehenes einwilligen, etwas Gebotenes tun und einen neuen Weg bahnen (Seite 236-242). Person als Begriff ist uns bestens bekannt, aber wir wissen kaum, dass er aus „per sonum“ zusammengesetzt ist und eigentlich „für den Klang“ bedeutet. Unsere Aufgabe ist es also, ein Gottessänger zu sein. Darum kann Musik auch in Klang gegossenes Gebet sein. Der Glaube hat für Schleske denkende, betende, handelnde und feiernde Aspekte. Ich bitte und empfange, also bin ich. Und ich lasse mir von Jesus die Füsse waschen. Wir brauchen Gottes Reinheit, um empfindsam und empfänglich für Gott zu werden. Wenn wir innerlich aufgerichtet sind, können wir äusserlich aufrichtig leben. Ohne Dankbarkeit machen wir unser Leben zur Schwarzmalerei, ohne Reue zur Schönfärberei. Vergebung bedeutet im Tiefsten, dass Gott mich gegen mich selbst verteidigt. Durch Vertrauen in Gott muss ich nicht ständig Stärke und Schwache erspüren. Das lebendige Wasser des Evangeliums schuf sich demütig das Flussbett der Kirche (Seiten 246-302). . . . . . . . . . . . . Schleske vergleicht die verwendeten Harze für die Lackierung der Geige, die dem Schutz, Klang und der Schönheit dienen, mit dem geistlichen Leben: · Mastix glänzt und kann mit einer Gemeinschaft im Lobpreis verglichen werden · Myrrhe ist ein Heilmittel und wie die Frucht der Lippen (Jesaja 57,18) · Aloé ist wie eine helfende Gemeinschaft (Jesaja 45,13-18) · Schmelzkopale sind wie klärende Orientierung (Jesaja 48,17) · Venezianer Terpentin verhindert Risse, Härte und Sprödigkeit · Kopale sind hart, stark und bewahrend (Jesaja 26,2) · Benzoeharz ist ein Leuchtmittel (Jesaja 50,4) Das beste Buch zum Heiligen Geist sei das von Raniero Cantalamessa: Komm, Schöpfer Geist – Betrachtungen zum Hymnus Veni Creator Spiritus. Freiburg i.B. 1999 und 2007. Der symphonische Musiker ist in Komposition, Taktstock und Stimme ein Gleichnis dessen, der Gottes Wille lebt; er brauche Wort Gottes, den Heiligen Geist und die Charismen. Das Du der Gemeinschaft - nicht das Ich - ist das wahre Gegenüber Gottes. Jede Resonanz ist gekennzeichnet durch Frequenz, Schwingungsform und Gipfelbreite; so ist auch jeder Mensch eine Persönlichkeit, ein Dreiklang geformt aus Charisma, Charakter und Kompetenz. Das Geheimnis der geistlichen Gemeinschaft ist die Abkehr vom blossen Ich. Es geht im Leben darum, nicht nur zu begreifen, sondern ein ergriffener Mensch zu werden; das 351 seitige Buch von Martin Schleske kann dazu eine inspirierende, gehaltvolle Anregung sein!

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Montag, Juli 30, 2012

Jesusgebet, Theoästhetik, Nahtoderfahrungen und kultische Handlungen

Zum Jesusgebet: Bobert nimmt aufgrund verschiedener Quellen (sie nennt Christofoor Wagenaar und vor allem Emmanuel Jungclaussen) an, dass es um 400-550 in Griechenland, Kleinasien, Garza und im Sinai entstanden ist. 1792 tauchte es in Griechisch in Venedig auf, 1870 erschienen in Kasan auf Russisch die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers. Darin werden drei Gebetsformen unterschieden: . . . . . . . . . . 1. Lippengebet 2. Verstandesgebet 3. Herzensgebet oder Gebet des Geistes. Die Folgen der kontinuierlichen Anwendung des Jesusgebet seien: . spüren der Liebe und der Ruhe Gottes, . Gedankenreinheit und Warmherzigkeit, . Offenbarungen durchleuchten die Vernunft, . eindringen in die Heilige Schrift, . verstehen der Sprache der Schöpfung . Leichtigkeit und Losgelöstheit . . . . . . . . . . Theoästhetik: Erst in Gott spiegelt sich der wahre Mensch, der Seelengrund, der reine Geist, das „Antlitz“ oder eben das Ebenbild Gottes; hier geschieht Anbetung im Geist. Der kontemplative Weg nimmt wahr und akzeptiert was ist. Je inniger die gespürte Gegenwart Jesu wird, desto tiefer reichen seine Berührungen; und ich kann loslassen, was meinem Wesen als Ebenbild Gottes fremd ist. Ziel ist Geistesklarheit, Indifferenz, „Apa-theia“ und „Hesychia“ im Alltag. Diese bewirkt Empathie und Liebe und freut sich an Fortschritten anderer. Vor allem durch den Rationalismus und seit 1800 wurde Gott domestiziert, kultiviert, bürgerlich und niedlich gemacht. Begehren, Geniessen und Erschrecken bei Gott war danach kaum mehr denkbar. Das lässt den Menschen kindlich bleiben und konsumistisch glauben. Gott wird zum Kuschelgott, den man wie einen Teddybär auf dem Sofa liegen und beiseite lassen kann. Reife Menschen dagegen wollen echte Nähe durch Beziehung und Eros. Im Gegensatz zum Neoplatonismus lässt christliche Mystik Sexualität zu. Schon für Ambrosius, 333-397, war Christus der Geliebte und der Mensch die Braut. Johannes von Fécamp, 990-1078, dagegen erlebte Christus als Priesterkönig; Rupert von Deutz (t 1130) wiederum hatte erotische Christuserfahrungen mit Küssen und Umarmen. Die Blütezeit der Minne- und Brautmystik war aber erst im 13. und 14. Jahrhundert. . . . . . . . . . Nahtoderzählungen: Am frühesten ist bei Gregor dem Grossen, 540-604, von Nahtoderzählungen die Rede, um die Unsterblichkeit der Seele zu belegen. Reisemerkmale von Nahtoderfahrungen waren in der Regel: · Seele tritt aus dem Körper aus · Symbolische Zeitspanne einer Nacht · Schutzengel oder Schutzheiliger als Seelenführer · Leitern, Schiffe, etc. sind Transportmittel in die Transzendenz · Im Jenseits gibt es eine dynamische Topografie: Hindernisse wie Mauern, Feuer Brücken, Dämonen und Weggabelungen · Reise durch die eigene Seelenlandschaft · Wiedereintritt der Seele in den Körper, Bekehrung und Verwandlung in ein anderes Leben · Form/Gestalt wird literarisch überarbeitet, damit sie kulturell geformten Seelenlandschaften entspricht Boberts Interpretation und Empfehlung dazu ist, sich ganz der Barmherzigkeit Christi anzuvertrauen. Später pflegten vor allem die Zisterzienser eindrückliche Sterbebegleitung an ihren Mönchsbrüder bis in die Gegenwart (so Berhardin Schellenberger: Die Stille atmen. Leben als Zisterzienser. Stuttgart 2005). Konstant auch an heutigen Nahtoderzählungen sind: · Lichterfahrung (seit Moody Lichtwesen und nicht mehr Gott!) · Buch, Waage oder heut auch „Film des Lebens“ · Mauern unterscheiden zwischen Jenseits und Diesseits, nicht mehr zwischen Erlösten und Verdammten · Bekehrungsschock, der zu abrupter Umkehr und Lebensveränderung führen kann . . . . . . . . . . Die Bedeutung der kultischen Elemente in den christlichen Konfessionen: In den orthodoxen Kirchen sei der Kultus Mystik für alle. Rituale seien Einstieg, um einen gemeinsamen Weg der Reinigung, Erleuchtung, Schau und Einung zu gehen. Ziel sei die Vergottung des Menschen. Gottesdienst vergegenwärtige Menschwerdung Gottes und verschränke Himmel und Erde. Im Protestantismus dagegen geschah bald nach der Reformation ein bedeutender Substanzverlust durch die aufkommende Rationalität. Die zunehmende Atomisierung der Menschen führte zu einer Innerlichkeit und einem individuellen Verständnis. Sinnlich repräsentierter, gemeinsamer Inhalt wie in der katholischen Kirche gab es wenig oder kaum noch! Vor allem Bonhoeffer hat auf dieses Manko aufmerksam gemacht, er forderte eine evangelische monastische Theologie und eine anthropologische Aesthetik der Verwandlung, der Metamorphose von Leben, Tod und Auferstehung. Das ästhetische Ziel ist Gleichgestaltung des Menschen mit Jesus Christus. Sich Gott ergeben heisst Christi Bild tragen. Bobert plädiert für eine alltagstaugliche Mystik als Gegenpol zu den Mantren in den Medien und in der Werbung. Gottesdienst sei symbolische Vergegenwärtigung von Jesus Christus als Wort durch Menschen als Wort, es gehe darum, intellektuell, körperlich, mental und emotional ausgerichtet und zentriert zu sein auf Jesus, dem leibgewordenen Wort. Rituale sollen Klarheit erzeugen und deshalb auf Christus hinweisen, sie machen geistige, unsichtbare Wahrheiten sinnlich (erfahrbar). Imagination, pneumatisches Sehen und Meditation dienen als Vorbereitung auf das Wort (Gottes), das Inhalt, Beziehung, Form und Gestalt hat. Das wird besonders im Abendmahl augenfällig, wo Christus in Brot und Wein konzentriert gegenwärtig sei. Die Wandlung sei ein Passageritual, ein transzendentes Ereignis für das geistige Auge. Auch Luther feierte noch bewusst die Messe, er liess nur die Opferkultgebete des Canon Missae weg. Und die lutherische Kirche benutzte bis um 1800 die alten, katholischen Messbücher. . . . . . . . . . Boberts Sicht auf die Entwicklung des Eucharistieverständnis: Bei der Eucharistie geht es um die Transformation der rituellen Elemente Brot und Wein, die Sichtweise auf diese Transformation aber wurde erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und entfaltet: · Ephrem der Syrer, 306-373, sah in den gewandelten Elementen Feuer, das vom Geist durchdrungen war · Johannes Chrystostomos, 344-407, sah den Priester im Kraftfeld pneumatischer Energien · Symeon der Neue Theologe, 949-1022, sah die Elemente vermischt mit Blut, eingetaucht in Gott und als Glieder am Leib Gottes · Carl Gustav Jung, 1875-1961, meinte, dass die Messe mit ihrem Aufbau bestehend aus Vormesse, Oblatio, Censecratio, Communio und Nachmesse ein Mysterium mit therapeutischer Kraft sei. Es sei eine rituelle und schöne Verdichtung des Lebens von Jesus Christus und der Selbsthingabe der Menschen durch die Gaben, die sie Gott darbringen. Vergeistigung geschehe durch die Anrufung des Heiligen Geistes, und Christus erscheine in den Elementen Brot und Wein, die Ewigkeit seines einzigen Opfers tritt dabei zutage. · Teilhard de Chardin und Wolfgang Pannenhart: Die Eucharistie ziele nicht auf Wandlung von Brot und Wein (Transsubstantiation), sondern auf die Verwandlung von Menschheit und Kosmos. Materie und Geist sind durch Gottes Gegenwart nicht mehr getrennt, sondern seine Gegenwart ist in allem Geschaffenen. Es gibt keine geistlose Materie mehr und nur noch eine Wirklichkeit. Materialismus ist eine Verabsolutierung der Wirklichkeit und greife zu kurz. Christus sei in der Welt umwandelnd gegenwärtig. Eucharistie sei Nahrung wie Milch und Energie, aber auch ein Uebergangsritual wie das Pascha, was hinübergehen heisst. Rituelle Symbolhandlungen werden leibhaftig durchlebt und seien so Prismen des Unsichtbaren oder „Landart des Heiligen“. . . . . . . . . . Zur lutherischen Taufe: Bobert plädiert stark dafür, die Taufe wieder so durchzuführen, wie sie Martin Luther praktiziert hatte, nämlich als Schwellenritual, das in die christliche Gemeinde eingliedert hatte, und aus folgenden Elementen bestand: 1. kleiner Exorzismus 2. Kreuzeszeichen 3. Gebete 4. grosser Exorzismus 5. Kinderevangelium verlesen 6. Vaterunser beten 7. „Abrenuntiatio“ Absage an das Böse (am Taufstein) 8. Glaubensbekenntnis 9. Waschritus (zur Eingliederung in die christliche Gemeinde) Seit 1800, als der Rationalismus vorherrschend wurde, wurde die Taufe fast nur mehr auf Worte reduziert und in bürgerlicher Umgebung gefeiert. Damit ging viel der rituellen Handlungen und vom symbolischen Gehalt verloren, das Herausnehmen des Täuflings aus der Finsternis und das Eingliedern in die Gemeinschaft, ins Licht.

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