Sonntag, Juni 01, 2014

Martin Schleske: Der Klang

Martin Schleske wurde 1965 geboren, ist ein deutscher Physiker und ein renommierter Geigenbauer der Gegenwart, der in der Nähe von München lebt und im eigenen Atelier arbeitet. In seinem Buch „Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens“ (Kösel, München 2010. ISBN 978-3-466-366883-9) nutzt er sein Wissen und seine Erfahrung im Geigenbau als Vergleich zur Gottesbeziehung. Er beschreibt darin den Menschen als Instrument, das Gott zum Klingen bringen will und so seine Bestimmung findet. Auch im Geigenbau ist nicht das Instrument an sich das Ziel, sondern der schöne Klang, den es erzeugen lässt. Im Vorwort zitiert er Friedensreich Hundertwasser (1928-2000), der gesagt hatte, dass wir nicht mehr fähig seien, Gleichnisse zum Leben zu schaffen. Viel früher hatte Bonaventura (121-1274) festgestellt, dass die Menschen die Fähigkeit verloren haben, das Buch, nämlich die Welt, zu lesen. Darum war es nötig, ihnen ein anderes Buch zu geben, das sie erleuchte, auf dass sie die Gleichnishaftigkeit der Dinge verstehen, die zu lesen sie nicht mehr fähig waren. Dieses andere Buch ist die Heilige Schrift, die uns Gleichnisse der Dinge vorlegt, die in der Welt geschrieben stehen. Mir scheint, dass es Schleske gelungen ist, mit seinem Buch „Der Klang“ ein neues, nachvollziehbares und inspirierendes Gleichnis geschaffen zu haben. Er führt uns in den Geigenbau ein, der mit der Beschaffung des Holzes anfängt. Jeder Teil der Geige hat seine spezifischen Anforderungen und Aufgaben, die sich in einer ganz bestimmten Materialwahl spiegelt: Bergfichte ist eines der wichtigen Hölzer, das für den Geigenboden verwendet wird. Es kann aber nur eine spezifische sein, ein sogenannter „Sänger“, der in einem rauen Klima knapp unter der Baumgrenze langsam gewachsen ist. Der Baum, der die klimatische Herausforderung bewältigt hat, wird zum klanglichen Segen für den zuhörenden Menschen. Der Geigenbauer hört die unterschiedlichen Klänge beim Herabrollen der Bäumstämme und wählt nur die am besten klingenden aus. Schleske vergleicht auf Seite 16-20: „Das Leben ist kein Weg im Flachland, wo die Dinge schnell wachsen und einfach zu finden sind, sonder es geht durch Brüche, Widrigkeiten und Unwegsamkeiten hindurch... Auch Gott suchen ist kein leichter Weg, aber denen wird das Herz aufleben, wie in Psalm 69,33 steht... Ein klingendes Leben erfordert Weisheit und Mut, glücklich der „Arme“, der sich nicht mehr alles erlaubt, denn er wird substanzieller, bewusster, konzentrierter, leidenschaftlicher und tragfähiger. Die wesentlichen Dinge kannst du jedoch nicht machen, sondern nur empfangen, aber du kannst dich empfänglich machen.“ Die ältesten Bäume der Welt sind die Grannenkiefern, die „Bristlecone Pines“, die in den kargen White Mountains im trockenen Osten Kaliforniens stehen, „Metuschelach“, die älteste Kiefer ist bereits 4'773 Jahre alt. Sie wachsen äusserst langsam, aber sie wachsen und leben und Wasser ist dabei unentbehrlich. Wasser steht in der Bibel für die Erkenntnis Gottes, und lebendiger Glaube ist Durst und Verlangen nach Gott. Andersartigkeit in der Schöpfung ist oft kein ästhetischer Luxus zur Förderung von Vielfalt, sondern lebensnotwendige Ergänzung. Auch wahre, echte Gemeinschaft beruht nicht darauf, dass wir einander verstehen, sondern darauf, dass wir einander vertrauen. So heisst charismatisch leben für Schleske andere Menschen zu unterstützen, die etwas vom Glauben leben, das ich (noch) nicht begreife. Der Entwurf: Von der Harmonie der Gegensätze Die Klänge einer Geige sind keine sichere Sache, sie bewegen sich zwischen Vertrautheit und Ueberraschung. Die negativen Extreme davon sind Starrheit oder Langeweile und Willkür oder Beliebigkeit. Töne kann man voraushören, beleben und zähmen laut Schleske. Ein Tropaion ist ein Zeichen am Ort der Entscheidung, Wende und Flucht. Nicolás Gomez Dávila habe treffend gesagt: Der Abstand zwischen Gott und dem menschlichen Vermögen ist so gewaltig, dass nur eine kindliche Theologie nicht kindisch ist (Seite 52). Schleske erwähnt noch weitere positive Gegensätze, auf die er achtet, und die mich an das Werte- und Entwicklungsquadrat von Paul Helwig und Friedemann Schulz von Thun erinnert haben: · Leidenschaft (Glaubensunruhe) – Gelassenheit (Glaubensruhe), die in Fanatismus – Gleichgültigkeit umschlagen können (Schleske: Der einzig ruhige Mensch ist der geliebte Mensch. Seite 81) · Treue/Verbindlichkeit – Freiheit, die in Gesetzlichkeit und Beliebigkeit abkippen können · Grosszügigkeit – Sparsamkeit, die in Verschwendung – Geiz ausarten können · Gnade/Verheissung – Arbeit/Forderung, die zu Schwärmerei – Getriebenheit werden können · Demut/Ohnmacht/Schwachheit – Segen/Vollmacht/Kraft werden zu Resignation und Triumphalismus · Erlauben/Zulassen – Wollen/Gestalten werden extremerweise zu Planlosigkeit und Zwanghaftigkeit · Hören – Tun werden zu Intellektualismus –Pragmatismus entwertet · Wahrheit – Güte werden zu Lieblosigkeit und Dumpfheit · Vollkommenheit – Vorläufigkeit werden zu Perfektionismus – Halbherzigkeit. Nebst eigenen Gedanken und gemachten Erfahrungen baut Schleske immer wieder auch passende Zitate ein, wie: Mein Herz bleibt unruhig, bis es dir, Christus, alles übergibt, was es fernhält von dir. Frère Roger Schutz Nur der Reine kann den Sünder annehmen, weil er zuerst das Geschöpf und nicht die Sünde sieht. Geri Keller Vollkommen ist Oeffnung zu Gott hin, jeder Ton ist ein Lobpreis Gottes. Gott ist mehr ein Künstler, der weise gestaltet und zulässt als ein Konstrukteur, der verbissen seinen Plan verfolgt. Viele Gleichnisse, die Jesus erzählt hatte, handeln vom Wachsen und nicht vom Bauen (Seite 99). Uebe, was Gott dir gebietet, so wirst du erkennen, wer er ist; verwirkliche, was dir geboten ist, so wirst du begreifen, wer du bist. Die Stimme Gottes wirst du nirgends klarer hören als in der inneren Stimmigkeit mit seinem Willen. Sünde ist Unstimmigkeit nach Genesis 3 (Seite 106). Gott hält nichts von Unterwürfigkeit, aber sehr viel von Demut. Der Geliebte lebt anders, er tanzt mit seiner Berufung. Gesetzlichkeit ersetzt Gottesliebe etwa wie der Automat das Instrument (Seite 118). Der Geliebte und die Gemeinschaft wird angegriffen von Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit, von Moral und Autonomie, die den breiten Weg verkörpern. Der schmale Weg dagegen lebt von Gebotenem, Gewordenem und Gegebenem. Die Wölbung der Geige repräsentiert Ehrfurcht vor Gott, der Faserlauf das Sein in Gottes Händen (Seite 121). „Per-sonum“ heisst durch den Ton; Gott will seine Anwesenheit durch uns Zerbrechliche zur Geltung bringen. In der Welt gibt er uns Anteil an sich selbst durch seine Gegenwart. Wir hören Gott nicht pur, sondern einer durch den andern. Ein Musikinstrument ist nicht sichtbares Holz, sondern wirksamer Klang (Seite 131). Schleske beharrt darauf, dass wir geliebt und berufen sind, wir sind und sollen etwas tun, wir lieben und leiden. Die materiellen Bedürfnisse deines Nächsten sind dein spirituelles Anliegen, gemäss Israel von Salant. Jede herrschsüchtige Geste würde Gottes Antlitz entstellen. Frère Roger Schutz. Liebende werden wir, wenn wir die Sanftmut und Demut des Heiligen Geistes erahnen; denn im Geist Gottes ist auch etwas Verletzliches und Zartes. Glaube heisst, sich Gott zu stellen, und zwar nicht nur einer segnenden, sondern auch einer kritischen Instanz. Doch Gottes Geschichte mit der Welt ist keine Unterwerfungs-, sondern eine Berufungsgeschichte (Seite 158). Es gibt Dinge, die kann man nicht über Gott sagen, sondern nur zu Gott und eigentlich nur in Gott. Die Schöpfung selbst ist eine gewaltige Passion, Gott hat sein Sein verlassen, damit es eine Welt, ein Werden gibt. In Jesus geht es nicht um die Erlösungskraft des Leidens, sondern um die Leidensbereitschaft der erlösenden Liebe. Nicht Leiden hat Erlösungskraft, sondern die Liebe ist auch bereit zu leiden. Jesu Blut macht uns nicht deshalb gerecht, weil es Blut ist, sondern weil es sein Herz ist und sein gegebenes Leben zeigt. Mit der Erschaffung der Welt hat sich Gott seiner Macht entkleidet, nun sehen wir seine Machtlosigkeit am Kreuz nochmals konzentriert. Religiöse Dogmen hoffen auf unser schlechtes Gewissen, aber sie können uns weder Augen noch Ohren öffnen. Nur wenn wir Gottes Anwesenheit als etwas Verletzbares begreifen, werden wir beginnen, Gott und zugleich uns selbst ernst zu nehmen. Gnade ist der Raum, den wir dem andern bereiten. Gott offenbart sich dem Suchenden, er spricht zum Hörenden, und er bezeugt sich durch den Liebenden (Seiten 166-169). Schleske erachtet gute Gegenfragen als besser als eine banale Logik in der Sache der Allmacht Gottes zu haben. Der Gegensinn bestehe in der Verletzbarkeit Gottes und der Mündigkeit des Menschen. Gott und Menschen seien in einem untrennbaren Zusammenspiel. Wir müssen befreit werden von den Feindbildern gegen Gott, die wir in uns tragen: · vom Bild des zynischen Gottes, der nicht eingreifen will · vom Bild des rachsüchtigen Gottes, der Opfer will · vom Bild des abwesenden Gottes, der gar nichts will. Der verschlossene Klang gleicht dem Wegwerfen der Gnade, dies geschehe durch Verstockung in Stolz, sich in Angst verstecken oder sich in eine selbstentwertende Opferrolle zurückziehen. In der Eucharistie, im Abendmahl, kann ich dagegen jede Eigenmächtigkeit ablegen und nur noch aus Dank bestehen und mich so Gott ergeben. Durch den „Sündenfall“ (Genesis 3,16-17) haben wir diese Stimmigkeit verloren. Aber Gott kommt uns entgegen, er wird um unseres Bewusstseins willen Sinn, unserer Abgründigkeit willen der Heilige, unserer Heimatlosigkeit willen der Liebende, unserer Lieblosigkeit willen der Vergebende, unserer Endlichkeit willen der Ewige, unserer Empfänglichkeit willen der Heilige Geist und wegen unserem Ich zum Du. Gott ist die Liebe, die uns zu Personen macht und so zum Bild Gottes, seine Liebe atmet etwas vom Geist der Ewigkeit (Seiten 190-201). Schleske versteht christlicher Glaube als etwas Lebendiges und Dynamisches, deshalb können auch Phasen der Zweifel unser inneres Leben bilden und formen. Denn Zweifel erschüttert zu Recht alles, was nicht Liebe war. Kraft zur Ueberzeugung hat nicht, was ich glauben kann, sondern was ich lieben will. In Krisen wird das Tragende allein die Liebe sein. Für einen gesetzlichen Glauben ist dies undenkbar, ihm fehlt der Mut der Gottesferne. Glauben ist wachsames Stillesein und ein Hinsehen auf die Werke Gottes wie beim Propheten Jesaja. Unser Glaube soll eher ein innerer Lehrer als eine bekenntniskorrekte Lehre sein. Glaube heisst auch, dass wir hinsehen und fragen, was uns angesichts unserer täglichen Wirklichkeit geboten und verheissen ist, was Gott uns mit der Wirklichkeit sagen will. Glauben heisst in etwas Geschehenes einwilligen, etwas Gebotenes tun und einen neuen Weg bahnen (Seite 236-242). Person als Begriff ist uns bestens bekannt, aber wir wissen kaum, dass er aus „per sonum“ zusammengesetzt ist und eigentlich „für den Klang“ bedeutet. Unsere Aufgabe ist es also, ein Gottessänger zu sein. Darum kann Musik auch in Klang gegossenes Gebet sein. Der Glaube hat für Schleske denkende, betende, handelnde und feiernde Aspekte. Ich bitte und empfange, also bin ich. Und ich lasse mir von Jesus die Füsse waschen. Wir brauchen Gottes Reinheit, um empfindsam und empfänglich für Gott zu werden. Wenn wir innerlich aufgerichtet sind, können wir äusserlich aufrichtig leben. Ohne Dankbarkeit machen wir unser Leben zur Schwarzmalerei, ohne Reue zur Schönfärberei. Vergebung bedeutet im Tiefsten, dass Gott mich gegen mich selbst verteidigt. Durch Vertrauen in Gott muss ich nicht ständig Stärke und Schwache erspüren. Das lebendige Wasser des Evangeliums schuf sich demütig das Flussbett der Kirche (Seiten 246-302). . . . . . . . . . . . . Schleske vergleicht die verwendeten Harze für die Lackierung der Geige, die dem Schutz, Klang und der Schönheit dienen, mit dem geistlichen Leben: · Mastix glänzt und kann mit einer Gemeinschaft im Lobpreis verglichen werden · Myrrhe ist ein Heilmittel und wie die Frucht der Lippen (Jesaja 57,18) · Aloé ist wie eine helfende Gemeinschaft (Jesaja 45,13-18) · Schmelzkopale sind wie klärende Orientierung (Jesaja 48,17) · Venezianer Terpentin verhindert Risse, Härte und Sprödigkeit · Kopale sind hart, stark und bewahrend (Jesaja 26,2) · Benzoeharz ist ein Leuchtmittel (Jesaja 50,4) Das beste Buch zum Heiligen Geist sei das von Raniero Cantalamessa: Komm, Schöpfer Geist – Betrachtungen zum Hymnus Veni Creator Spiritus. Freiburg i.B. 1999 und 2007. Der symphonische Musiker ist in Komposition, Taktstock und Stimme ein Gleichnis dessen, der Gottes Wille lebt; er brauche Wort Gottes, den Heiligen Geist und die Charismen. Das Du der Gemeinschaft - nicht das Ich - ist das wahre Gegenüber Gottes. Jede Resonanz ist gekennzeichnet durch Frequenz, Schwingungsform und Gipfelbreite; so ist auch jeder Mensch eine Persönlichkeit, ein Dreiklang geformt aus Charisma, Charakter und Kompetenz. Das Geheimnis der geistlichen Gemeinschaft ist die Abkehr vom blossen Ich. Es geht im Leben darum, nicht nur zu begreifen, sondern ein ergriffener Mensch zu werden; das 351 seitige Buch von Martin Schleske kann dazu eine inspirierende, gehaltvolle Anregung sein!

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