Sonntag, August 27, 2017

Jodi Picoult: Bis ans Ende der Geschichte

Dieser Roman der amerikanischen Schriftstellerin erschien 2013 unter dem Titel The Storyteller in den USA. Seit 2015 liegt die deutsche Übersetzung vor. Was die Romane Picoults besonders auszeichnen, sind die Perspektivenwechsel, die sie innerhalb der Story vornimmt. Verschiedene Protagonisten sprechen jeweils von sich her auf die Situation und lassen die Handlungen vielschichtig und lebendig werden. In diesem Roman sind die Personen Sage, eine junge Frau, Minka, ihre Grossmutter, Josef, ein alter Freund, und Leo, ein Anwalt, der bei einer Ermittlungsbehörde arbeitet. Die Themen dieses Buches sind der Holocaust, Schuld, Strafe, Sühne, Gnade, Vergebung und natürlich Beziehungen. Picoult erspart einem beim Lesen kaum etwas, in ihren Romanen kommen sowohl die schönsten Lebensmomente und schwierigsten Erfahrungen vor. Und in diesem Roman sind die schwer ertragbaren und unverarbeitbaren Lebenserfahrungen von Holocaustüberlebenden ausgedehnt. Trotzdem gibt die Autorin in der Stimme eines Priesters eine Art Fazit auf den Seiten 543 und 544 weiter: ... Aber er (der Täter) verdient es, dass du (Opfer) ihm vergibst, weil er ansonsten wie Unkraut in deinem Herzen wachsen wird, bis es erstickt und davon überzogen ist. Die Einzige, die leidet, wenn du diesen ganzen Hass hortest, bist du... Du (Täter) bist nicht wichtig genug, mich (Opfer) im Würgegriff zu halten. Du wirst mich nicht in der Vergangenheit gefangen halten. Ich bin es wert, eine Zukunft zu haben.

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Dienstag, Mai 02, 2017

Menschliche und göttliche Vergebung

Wir imitieren Gott als Werkzeuge Gottes und als seine Ebenbilder, deshalb sollen wir ähnlich geben und vergeben (Seite 214). Ähnlich wie beim Geben gibt es auch beim Vergeben einen Dreiklang: • Rache: vervielfacht das Böse. . . . • Gerechtigkeit: begrenzt das Böse. . . . • Vergebung: überwindet das Böse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gottes Zorn ist nicht ein emotionaler Zustand, sondern eine energische Zurückweisung der Sünde. Er verurteilt im Akt des Vergebens. Eines der Hauptmerkmale der Sünde ist es, dass sie sich weigert, sich Sünde zu nennen (Seite 239). Viele Täter sind in den Schlingen ihrer bösen Taten gefangen und sind nicht in der Lage, aus eigener Kraft wieder auf die Füsse zu kommen. Sie brauchen Hilfe ihre Opfer oder anderer Personen (Seite 242). Wiedergutmachung sei nicht Vorbedingung für die Vergebung, aber Frucht der Vergebung und als Zeichen, dass die Reue echt sei (Seite 243). Vergeben heisse, den Schuldigen anklagen, ihn von der Anklage entbinden, ihm die Schuld erlassen und das Vergehen dem Vergessen anheimgeben (Seite 252). Unser Vergeben sei nur ein Echo von Gottes Vergeben (Seite 261). Wir sind erschaffen worden, um Gott in dieser Welt zu widerspiegeln (Seite 270). Demut heisse, dass ich zugebe, dass ich falsch liegen könne (Seite 272). Die heutige prozesswütige Kultur in den USA stehe in Kontrast zu Gottes Vergebung (Seite 273). Wir sind auch als Opfer immer noch Sünder; und wir sind auch als Täter noch Gottes gute Geschöpfe. Unsere Taten werden durch die Neigung zur Sünde genährt und durch eine sündige Kultur verstärkt, deshalb gibt es keinen Gründ für Stolz. Unser Vergeben ist fehlerhaft, Gottes Vergeben dagegen fehlerlos; unser Vergeben ist provisorisch, Gottes Vergeben bleibt endgültig (Seite 283).

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Montag, Mai 01, 2017

Nehmen und Geben - Glauben und Empfangen

Volf zitiert die kanadische Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Natalie Zemon Davies, die drei Arten von Geben unterschieden hat: • Zwangsmodus: wir nehmen verbotenerweise. . . . • Kaufmodus: wir erwerben legal. . . . • Schenkmodus: wir geben grosszügig. . . . Gott sei nicht der selber empfangende Geber, sondern der unendliche und absolut liebende Geber (Seite 76). Wir sollen Gott ähnlich, aber nicht gleich werden. Weihnachten dürfe daher nicht zum gegenseitigen Schenken verkommen, sondern soll im Sinn Gottes auch ein einseitiges sein, das vom Empfänger nicht wirklich erwidert werden kann! Paulus hat von der Gemeinde, in der er jeweils tätig war, nie Geld für sich angenommen, sondern nur um an andere weiterzugeben. Der Philipperbrief ist ein einziges langes Dankeschön, aber Paulus dankte ihnen an keiner Stelle; denn der Geber war Gott, und die Philipper waren nur sein Kanal. Das biblische Verständnis von Gleichheit verträgt es, dass der eine mehr hat und der andere weniger; aber nicht, dass der eine Überfluss und der andere Mangel hat (Seite 104). Kain war wie Adam und Eva ein „Nehmer“, während Abel ein „Geber“ war. Kain scheute daher nicht zurück, Abel das Leben zu nehmen. Sünde ist eine Art Gegengabe, eine perverses Gegenmittel, das all die guten Gaben neutralisiert und verdirbt. Auch als Sünder sind wir noch Gottes gute Schöpfung; aber wir sind wie Wasser, das durch Tinte gefärbt und verschmutzt ist.
Gott sei weder ein unerbittlicher Richter noch ein alter Opa, sondern ein Gott, der gerne vergibt, weil er nichts brauche (Seite 169). Luthers Problem war nicht psychologischer Natur, sondern theologischer Art, weil er Gott als unbestechlichen Richter und zornig aus Liebe ansah (Seite 173). Rabbinisch gesprochen verdankt die Schöpfung ihre Existenz Gottes Vergebung (Seite 175). Luther hielt es für ein grosses Problem, dass die Menschen egozentrisch seien; Volf stellt daher die berechtigte Frage, wie wir das denn heute sehen würden? Bei der Vergebung gehe es in der Tiefe nicht darum, etwas zu sagen, sondern etwas zu tun. Gott vergab, indem er Jesus als Sühneopfer hinstellte. In Christus versöhnte Gott die Welt mit sich selber. Gott hat die Sünden der Menschen auf Gott gelegt; er trägt die Last unserer Vergehen (Seite 187). Nach Luther liegen unsere Sünden auf Christus und sind in Christus verschlungen; er bekleidet uns mit seiner Gerechtigkeit und verwandelt uns in christusähnliche Menschen auf dem Weg zur neuen Schöpfung. Der Glaube klammere sich an Christus wie ein Ring einen Edelstein umfasse. Im Glauben öffnen wir die Hände, um Christus zu empfangen. Unsere Grundsünde sei es, Gott nicht ganz zu vertrauen, und infolge dieses Versagens fallen wir in viele verschiedene konkrete Sünden. Zudem tun wir so, als ob wir das, was wir haben, nicht von Gott empfangen hätten (Seite 197). Schuld bekennen heisst, dass wir durch das Tor der Beschämung in das Land der Freiheit treten (Seite 199).

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Miroslav Volf: Umsonst

Miroslav Volf wurde 1956 in Osijek, im damaligen Jugoslawien und heutigen Kroatien, geboren. Er hat in Kroatien, im deutschen Tübingen und am Fuller Theologican Seminary im kalifornischen Pasadena Theologie studiert. Er ist heute einer der einflussreichsten anglikanischen Theologen, die zudem dem Evangelikalismus nahe stehen. Aufgrund seiner Erfahrungen im Jugoslawienkrieg und der Unabhängigkeit Kroatiens vertritt er bewusst eine Theologie der Befreiung, der Versöhnung und der Gewaltlosigkeit, ohne aber naiv zu sein. Gegenwärtig ist er Professor an der Yale University in New Haven, Connecticut, USA. . . . . . . . . . . . . . Zum Buch: Der Originaltitel heisst Free of Charge und ist 2005 bei Zondervan in Grand Rapids erschienen. 2012 ist das Werk mit dem Titel Umsonst - Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Kultur, im Brunnen Verlag Giessen unter der ISB-Nummer 978-3-7655-1185-1 erschienen. Das äusserlich eher unscheinbare Buch ist ein theologisch durchdachtes Buch, wie man es von Volf gewohnt ist! Es beginnt mit dem Präludium „Die Rose“, worin Volf viel Persönliches preisgibt, indem er beispielsweise über die bewegende Adoption seiner zwei Söhne schreibt. Er benutzt hier bewusst eine Sprache des Herzens, denn die Augen seien gemäss dem kleinen Prinzen von Saint Exupéry blind, man müsse mit dem Herzen suchen. Damit gibt er auch eine passende Haltung vor, mit der dieses Buch mit Gewinn gelesen und verstanden werden könne. . . Volf weist schon im ersten Kapitel darauf hin, dass unser Gottesbild nicht mit der Gottesrealität identisch sei. Gott sei weder ein Kuhhandelgott noch ein Weihnachtsmann, sondern ein rein Schenkender. Er brauche zwar nichts von uns, und doch verlange er mehr von uns, als wir ihm geben könnten. Alles, was wir ihm schenken können, hat er uns schon längst gegeben. Luther habe den Unterschied von Gottes und des Menschen Liebe betont: aus dem Nichts und durch Reflektion. Glauben heisse daher, Gottes Gaben bereitwillig empfangen; sich dem Geber gegenüber angemessen verhalten und Gott die leeren Hände hinhalten, dass er sie fülle (Seite 52). Von Gott im Glauben empfangen ist die höchste Würde des Menschen. Glaube ist ein Wohnen Gottes in uns und zum Wohl der Schöpfung wirken. Wer Gott dankt, sagt dem göttlichen Geber, dass er das, was er von ihm bekommen hat, wertschätzt; er gibt Gott die Ehre dafür.

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Freitag, April 28, 2017

Enneagramm-Grundkurs

Seit 2005 leite und gestalte ich mit zwei Freundinnen einen Enneagramm-Grundkurs in der Casa Moscia. 28 Teilnehmende zwischen 25 und 72 Jahren aus der Schweiz und aus Deutschland haben ihn diesen Frühling besucht. Jedes Mal bringt dieser Grundkurs den Teilnehmenden tiefe Einsichten und befreiende Aha-Erlebnisse. Aber auch bei mir selber stellen sich jedesmal neue Erkenntnisse ein, was ich als äusserst wertvoll erachte. Viele Einsichten haben mit grundlegenden Festlegungen und Mustern zu tun, die wir in den ersten Lebenjahren erworben haben. Diese führen häufig zu Übertreibungen, Verzerrungen, Verabsolutierungen, Zwängen und Ängsten, die letztlich lebens- und beziehungsfeindlich sind. Gott sei Dank konnte ich solche Muster bei mir wahrnehmen, benennen, vor Gott bringen und loslassen, so dass ich freier, entspannter und wirksamer durchs Leben gehen darf. Aber auch immer wieder tauchen neue Erinnerungen auf, wo ich nur sagen kann: Kyrie eleison!
Austausch- und Reflektionszeit auf der Loggia der Casa Moscia mit Blick auf den Lago Maggiore bei schönstem Frühlingswetter

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Dienstag, April 25, 2017

8. Agape, der Klang des Lebens (Schluss)

Im achten Kapitel, auf den Seiten 301 bis 323, geht es um Agape, den Klang des Lebens. Schleske schildert hier eindrücklich den Unterschied zwischen Sesshaften und Pilgern. Sesshafte würden über die richtige Exegese von Expetitionsberichten streiten; Pilger dagegen gingen aus dem Lager hinaus und würden auf den, der sie führt, hören (Seite 300). . . . . Die Tora gebiete Solidarität und nicht Selbstliebe und Sentimentalität. Die hebräische Unschärfe und ihre Mehrdeutigkeiten bezeugen den Respekt vor der Wirklichkeit; sie lassen sich ergänzen durch ein wahrhaftiges Leben (Seiten 303-304). Unsere Aufgabe sei nicht das Wesen, sondern die Anwesenheit Gottes in dieser Welt zu schützen (Seite 309). Der Glaube werde durch die Liebe und nicht durch Recht und Schwärmerei geschützt. Vertrauen und Verantwortung führten zu einem reifen Glauben (Seite 316). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epilog (auf Seiten 324 bis 326): Schleske glaubt an einen Gott, der in allem wirkt und durch alles spricht. Gott sei eine verletzliche Berufung, eine hörende Liebe und ein verletzbarer Sinn, um ihn zu erhören. . . . . . . Nachwort (auf Seiten 327 bis 329): Schleske bezeichnet Gott als überstrahlende Hauptperson seines Buches. Er schliesst mit einem Text von Martin Buber, den er verehrt, und der aus seinem vergessenem Buch „Gottesfinsternis“ von 1953 stammt. Darin geht es um den missbrauchten und richtig gebrauchten Namen Gottes, der ein Wort des Anrufs und zum Namen gewordenes Wort sein will, der echte und tiefe Gemeinschaft unter Menschen stiften kann.

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Sonntag, April 23, 2017

7. Mystik, die Quellen der Kraft

Ich überspringe das Kapitel 6: Eros, die Liebe zum Leben, die Schleske auf den Seiten 233 bis 247 beschreibt, da mich dieses Kapitel nicht sonderlich angesprochen hat. Im siebten Kapitel, auf den Seiten 248 bis 300, schreibt er dagegen treffsicher über Mystik. Er definiert Sünde als eine Art Gegenentwurf, der eigentlich bedeute, den Dialog des Geistes zu versäumen und die Ehrfurcht vor dem gemeinsamen Leben zu verlieren (Seite 256). Wer zum Staunen und Danken nicht fähig sei, der werde auch zum Glauben und Lieben kaum fähig sein. Die Bibel sei ein Instrument Gottes, das in uns einen Resonanzboden finden will. Sie bleibe stumm, wenn sie in uns kein hörendes Herz vorfindet, weil wir ihr Geheimnis nicht mehr lieben (Seite 260). Wissen sei wie der Notensatz, Erkenntnis dagegen wie der Klang. Schleske übertreibt dann etwas und ist meiner Meinung nach zu subjektiv, wenn er sagt: Nur im hörenden Herzen verwandle sich die Bibel zum Wort Gottes (Seite 264). Die Bibel entfalte eine reinigende Kraft, wenn wir die Worte in einem liebenden Geist lesen und in der Stille geniessen. Sie stärke, rate, inspiriere, tröste, korrigiere, verwandle und schaffe Neues in uns. Gebet solle in der Freude der Gottesliebe beginnen; denn Gebet sei vollkommenes Vertrauen. Lass es zu, dass Gott dich mit Vertrauen durchfluten könne (Seite 269-270). Wer Gott um etwas bitte, der lade ihn ein, einen Raum einzunehmen, der unserer Einwilligung bedürfe (Seite 273). Um nicht auszulaugen brauche es Brachland, das sei zweckfreie, urteilsfreie und erwartungsfreie Zeit. Wir sollen nicht nur hören, sondern müssen auch spüren, was wir eigentlich wollen. Glaube sei empfängliches, betendes Hinsehen und Kämpfen (Seite 278). Christus werde durch Wort, Werk und Wunder hörbar (Seite 288). Begegnung mit Gott sei ein Geschenk für sehnsüchtige Menschen, nicht Lohn für fromme Personen. Glauben sei Vertrauen, Leben in ungeschützter Offenheit für Gott; so werde Unmögliches möglich (Seite 295). Blaise Pascal hatte es so formuliert: Man muss die göttlichen Dinge lieben, um sie zu kennen, und man dringt nicht in die Wahrheit ein, es sei denn durch die Liebe zu Gott.
Innenraum mit Licht als Bild für Mystik aus christlicher Perspektive

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Sonntag, April 16, 2017

5. Weisheit, das neue Denken

Im fünften Kapitel, auf den Seiten 199 bis 232 schreibt Schleske über die Weisheit Gottes, ein erneuertes und verändertes Denken. Er behauptet beispielsweise, dass die Schechina, das Wohnen Gottes, dem Heiligen Geist entspreche. Ein liebender Glaube gleiche mehr einem aufgeschlagenen Zelt als einem unumstösslichen Tempel (Seite 215). Es tue der Wahrheit Gottes keinen Abbruch, wenn unser Glaube sie färbe. Gottes Anwesenheit sei in unsere Hände gelegt, wir können sie annehmen oder ihr ausweichen. Schleske interessiert jeweils nicht, was jemand von Gott weiss, sondern wie er Gott liebt, ihn erkennt und tut (Seite 222). Jesus im Purpurkleid stehe als geschändete Schechina da. Schon in der Bergpredigt warb Jesus in neun Schichten für die Nähe Gottes, um eine Zunahme der Gottespräsenz in jedem Menschen (Seite 225-228). Wenn das Leben an Stimmigkeit und Gottespräsenz gewinne, so werde es weiter, verbindlicher, inniger und auch wirksamer.
Zelt und "Heiligtum" in der Wüste Marokkos

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4. Seelenführung, die Berufung des Geistes

Auf den Seiten 185-198 schreibt Schleske von seinen Erfahrungen und Erkenntnissen mit der Seelenführung. Er behauptet: Wer nicht unsicher sein könne, könne Gott nicht lieben. Unser Stolz und unsere Ängste verhinderten Gottes Inspiration; Empfänglichkeit und Vertrauen förderten sie. Gott möge weder unsere Religion, unser Judentum, unser Christentum, sondern unser geisterfülltes Menschentum! Sowohl junge, erwachsene und reife Liebe soll in uns wachsen und leben; so wie der junge Salomo das Hohelied, der mittlere die Sprüche und der alte den Kohelet geschrieben habe (Seite 187). Picasso sagte: Als ich dreizehn Jahre alt war, konnte ich malen wie die grossen Meister, aber ich habe ein Leben lang gebraucht, um zu malen wie ein Kind (Seite 189). Wir sollen nicht nach Gott, sondern mit Gott suchen. Wir bräuchten eine sogenannte zweite Naivität, die Dennoch-Liebe, die Reife und Verletzlichkeit beinhalte (Seite 192). Für ein erfülltes Dasein brauche der Körper Wohlbefinden, die Seele Freude und der Geist Sinn (Seite 198). Während unser Intellekt vor allem denke, könne aber unser Geist empfangen.

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Samstag, April 15, 2017

3. Inspiration, das hörende Herz

Im dritten Kapitel, auf den Seiten 81-184, beschreibt Schleske die vier Wege der Erkenntnis: Ratio, Empirie, Intuition und Inspiration. . . . Alle diese vier Wege haben ihre Berechtigung, denn es ist mehr die Frage, welche Liebe wir haben als welchen Weg wir gehen. Ratio kann denkende und fragende Liebe sein; Empirie forschende und handelnde Liebe, die immer wieder aufsteht und nicht aufgibt. Intuition sei erfahrende und spürende Liebe; Inspiration dagegen prophetische und empfangende Liebe und ein Wunder der Gottesgemeinschaft. . . . Nichts sei praktischer als eine gute Theorie, habe Tódor Kámán gesagt. Gute Wissenschaft ist für Schleske stets ein Lobpreis der Weisheit Gottes (Seite 86). Wesentliches bleibt Schleske im Geigenbau bei Messungen jedoch verborgen. Es sei wichtiger, etwas Gutes zu schaffen, als unentwegt mit sich zufrieden zu sein; denn man kann seine Seele nicht durch Zufriedenheit, sondern (nur) durch Dankbarkeit schützen (Seite 93). Intuitives Erkennen und Kreativität können durch Ängste und Sorgen zerstört werden. Nichtwissen kann sowohl zu Vertrauen als auch zu Verzweiflung führen (Seite 101). Ein vertrauendes Herz sei ein Resonanzkörper für Gott; und Gott erlaubt, dass wir ihn durch die Resonanzen unseres Glaubens färben dürfen (Seite 104). Gott offenbare sich dem Suchenden, er spreche zum Hörenden, und er bezeuge sich durch den Liebenden (Seite 105). Manchmal hätten wir gar eine Betäubung durch Wissen, dann bräuchten wir die hörende Leere, eine in den Himmel hineinhorchende Stille (Seite 112). Es gehe oft weniger darum, was theologisch richtig ist, als was in Gottes Augen aufrichtig sei (Seite 146). Nach Teresa von Avila sei der Weg zur Heiligkeit keine von mystischem Himmelslicht überstrahlte Strasse, sondern der alltägliche Trampelpfad unserer Ängste und Frustationen. Er wolle mit ganzer Seele beten lernen, nicht nur mit den guten und frommen oder unterwürfigen, sondern auch mit den queren, sorgenvollen, bitteren, schmerzlichen und ängstlichen Gedanken und Gefühlen. Unser Glaube sei oft so mutlos, weil wir uns Gott nicht zumuten. Weil wir uns nicht zumuten, wie wir sind, hören wir die ermutigende Stimme Gottes nicht; denn wir hören, wem wir gehören (Seite 162-164).

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Freitag, April 14, 2017

2. Musik, die Stimme der Seele

Im zweiten Kapitel, auf Seiten 37 bis 80, entfaltet Schleske seinen Geigenbauerberuf. Musiker sein heisse für ihn, dass er zum Instrument werde, mit Resonanzen kommuniziere und mit Klangfarben spiele (Seite 39). Nach ihm kann man die wesentlichen Dinge in unserer Welt nur durch Lieben und Leiden lernen (Seite 44). Die Kunst bestehe darin, sich empfänglich zu machen. Der Zugang zum Heiligen sei nur durch die Befreiung vom Zweckdienlichen möglich, Musik sei dafür das erste Zeugnis (Seite 50). Ohne Bereitschaft zur konzentrierten Selbstbegrenzung gebe es kein wirkliches Lernen. So haben ihn die kleinen Dinge in der Summe das Wesentliche gelehrt (Seite 54). Ein Geigenbauer müsse frei von falschem Ehrgeiz (Übertreibung) und falscher Ängstlichkeit (Untertreibung) sein, damit stimmige Verhältnisse und harmonische Instrumente entstehen können. Und Hören sei Liebe, eine radikale Abkehr vom Eigenen (Seite 76).

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