Montag, Juli 23, 2018

Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt

Zum Autor: Arnold Angenendt wurde 1934 im nordrheinischen Goch geboren und ist ein katholischer Theologe und Priester geworden. Als Kirchenhistoriker hatte er den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Bochum 1983 bis 1999 inne. Er vertritt mentalitäts- und sozialgeschichtliche Ansätze, die in seinen kirchengeschichtlichen Werken zum Ausdruck kommen, so in der Geschichte der Religiosität im Mittelalter (1997). Seine Schrift: Das Frühmittelalter - Die abendländische Christenheit von 400–900 (1990) wurde sogar zum Standardwerk und löste damit die kirchengeschichtlichen Werke von Hans von Schubert ab, die dieser 1902 bis 1906 verfasst hatte. Mit Toleranz und Gewalt hat er erneut ein beachtetes Werk vorgelegt. Zum Buch: Das 799 Seiten dicke Buch mit dem Untertitel Das Christentum zwischen Bibel und Schwert ist 2018 bei Aschendorff in Münster mit der ISBN-Nummer: 978-3-402-00215-5. Es ist eine weitreichende Untersuchung zur Geschichte über das westliche Christentum, insbesondere wie es die Bibel bezüglich Frieden und Gewalt verstanden und umgesetzt hat. In Kürze lässt sich sagen, dass das erste Jahrtausend viel stärker von der Nächstenliebe und dem Gleichnis Jesu über den Weizen und das Unkraut geprägt und dadurch friedliebender und duldsamer gegenüber Andersgläubigen war als das zweite. Angenendt behauptet dies nicht nur, sondern belegt es mit Erkenntnissen aus Forschungen vieler historischer, theologischer und soziologischer Fachleute. So zeichnet er mit diesem Werk ein differenziertes Bild der Kirchengeschichte, das sowohl Sonn- und Schattenseiten aufweist.
Eine positive Auswirkung war die Abschaffung der Sklaverei in Europa um das Jahr 1000 (und er zitiert hier insbesondere den amerikanischen Soziologen Rodney Stark). Wegen der Gottesebenbildlichkeit der Menschen, Nächstenliebe und Brüderlichkeit und der gemeinsamen Kommunion beim Abendmahl in der Kirche liess sich die Sklavenhaltung nicht mehr rechtfertigen und halten, und sie wurde in Europa schrittweise geächtet und abgeschafft. In Spanien wurde 1542 bis 1573 auch viel theologische und politische Kritik am Kolonialismus geübt, aber die Ausbeutung und Verelendung der Indianer konnten die Kritiker dann doch nicht verhindern (S. 472). Jahrhunderte später haben William Wilberforce und die Dissenters im britischen Empire viel für die globale Sklavenbefreiung getan. Die Aufklärer übernahmen hier die Positionen der Quäker und Evangelikalen und nicht umgekehrt! Das fromme England hat weit mehr für die praktische Gleichheit der Menschen getan und erreicht als das aufklärerische Frankreich, was oft übersehen oder vergessen wird (S. 223-225). In calvinistisch geprägten Staaten waren der Bundesgedanken (Gottes) und das Naturrecht so wichtig, dass sich viele Bewohner aktiv an der Politik beteiligten, grobe Ungerechtigkeiten schneller beseitigt und die Anfälligkeit für autoritäre Regimes eliminiert werden konnten. Es sind keine kirchrechtlichen Ketzertötungen belegt bis ins Jahr 1022; erst damals liess der französische König Robert der Fromme an der Bischofssynode in Orléans einen Ketzer verbrennen. Damit wurde eine Grenze überschritten, die vorher über Jahrhunderte durch die Bibel und der aus ihr abgeleiteten gemeinsamen Moral entwickelt und gelebt wurde. Denn es galt Gottes Wort zu befolgen, seinen Sozialsinn einzuhalten, den Nächsten zu lieben und Gott das Urteil über Glauben und Unglauben zu überlassen. Christen war Heiliger Krieg wegen Friedensgebot und Missionskrieg wegen freier Entscheidung der Menschen verboten (S. 484). Für die Kreuzzüge ab 1091 waren auch durch theologisch neue und fragwürdigere Begründungen wie Rückgriffe auf Beispiele aus dem Alten Testament von Bernhard von Clairvaux und anderen diese vorher errungenen Limiten teilweise ausser Kraft gesetzt worden! Angenendt macht auch konkrete Angaben über die Anzahl der verfolgten Katharer in Südfrankreich: Etwa 20'000 Anhänger mussten sich vor der Inquisition verantworten. Doch sie verloren seiner Meinung nach eher wegen den gut funktionierenden Bettelorden an Einfluss und Bedeutung. Die Waldenser wurden vor allem in Böhmen hart verfolgt, mehr als 5'000 wurden angeklagt, etwa 250 davon wurden verbrannt. Der berüchtigten spanischen Inquisition sind 4'000 bis 6'000 Personen anzulasten, der römischen dagegen „nur“ 97 Hinrichtungen (1542-1761). Er stellt fest (und weist nach), dass die weltlichen Gerichte zur damaligen Zeit häufig viel unrechtmässiger, unfairer und brutaler vorgegangen waren. Sie waren auch für die ungefähr 50'000 Opfer der Hexenprozesse verantwortlich, die mehrheitlich nördlich der Alpen im germanischen Raum stattfanden; die Verantwortlichen in den romanischen Kulturen waren in dieser Hinsicht deutlich zurückhaltender.
Angenendt schreibt in diesem Werk auch viel über das Verhältnis von Juden und Christen im Lauf der Kirchengeschichte. Oft wurde der christliche Glaube als Fortsetzung des jüdischen verstanden, denn die Ethisierung des Glaubens und die Spiritualisierung des Kultes hatten bereits mit den jüdischen Propheten begonnen (S. 491). Der Vorwurf des Gottesmordes an die Juden wurde von Personen wie Johannes Chrysostomos (344-407) und Augustinus (354-430) vertreten und verbreitet, was Origenes (184-253) dagegen noch deutlich ablehnt hatte. Denn wie in der Antike war auch im Christentum das Judentum grundsätzlich eine erlaubte Religion (S. 496). Während dem ersten Kreuzzug 1096 wurden 2'000 bis 2'500 Juden in Mainz, Worms und Köln ermordet, was knapp zehn Prozent aller Juden auf deutschem Gebiet waren; viele Juden in anderen Städten wurden damals von ihren christlichen Herrschern geschützt. Während der Pestepidemie 1348 bis 1350 fanden erneut Tausende Juden den Tod, weil man ihnen die Verbreitung dieser tödlichen Krankheit anlastete, so in Strassburg (2000? Personen), Erfurt (976), Basel (730), Worms (mehr als 580), Nürnberg (562), Konstanz (330), Trier (300) und Breslau (mehr als 250). Die Ritualmordlegende geht auf Simon von Trient im Jahr 1475 zurück, der damals vor Ostern ermordet und dann als Märtyrer verehrt wurde. Die Schuld wurde ungerechterweise den Juden zugeschoben, die ihn angeblich verspeist hätten. Die spanische Inquisition 1480 bis 1530 traf die Conversos, die vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertiert waren, besonders hart, weil man ihnen oft nicht Glauben schenken wollte. Um die 5'000 Personen fanden dadurch den Tod. 1492 wurden um die 50'000 Juden aus Spanien vertrieben, weil sie an ihrem Glauben festhalten wollten. Angenendt geht auch teilweise auf die Situation im 19. und 20. Jahrhundert ein. Er zeigt auf, dass sich auch ein säkularer, kultureller Antisemitismus entwickelt hatte, zu dem auch Voltaire und Marx zu zählen sind. Für Marx bestand das Judentum vor allem aus Eigennutz, Schacher und Geld (S. 544). Die evangelischen Theologen und Kirchen Deutschlands seien weit anfälliger für Judenfeindlichkeit und Nationalsozialismus gewesen, weil sie viel stärker national geprägt und ausgerichtet waren als die weltumspannende römisch-katholische Kirche. Die Pius-Päpste seien grundsätzlich judenfreundlich gewesen, wobei Pius VII zwar um die 100'000 Juden gerettet habe, aber nicht kommunikativ klar und eindeutig genug gegen den deutschen Antisemitismus und das Hitlerregime aufgetreten sei. Eine grundlegend neue Theologie nach Auschwitz wurde notwendig, die katholischen Gelehrten Johann Baptist Metz und Erich Zenger waren hier führend im deutschen Sprachraum, sie benutzten das Alte Testament nicht mehr als Kontrastfolie (für den christlichen Glauben), sondern zeigten dessen theologischen Eigenwert deutlich auf. Angenendt lässt auch durchblicken, dass der heutige Säkularismus wenig tragfähige Regeln und sinnvolle Lösungen für die (post)moderne Gesellschaft anzubieten habe. Deshalb zitiert er den deutschen Philosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde, der gesagt hat, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann (S. 344). Trotz teilweise berechtigter Kritik am Christentum, insbesondere wenn es sich nicht an seinen Gründer und die neutestamentlichen Schriften hielt, weist Angenendt ausführlich nach, dass der christliche Glaube und seine Vertreter mehr positive als negative Entwicklungen in Gang gebracht haben. Das lässt sich vielleicht auch an den gut entwickelten Werten wie Freiheit, Frieden und Fairness festmachen, die uns viel Wohlstand und zahlreiche Wahlmöglichkeiten gebracht haben, auf die wir ungern verzichten würden. Das Werk Toleranz und Gewalt ist für mich ein akribisch begründeter Beitrag zur Würdigung der langen christlichen Geschichte, die uns massgeblich geprägt hat, und die wir trotz dunklen Teilen nicht vorschnell verwerfen sollten. Denn wirklich tragfähige und sozialverträgliche Alternativen sind nicht in Sicht!

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Sonntag, Juni 24, 2018

David Platt: Keine Kompromisse - Radical

Zum Autor: David Platt studierte Journalismus, Theologie und Philosophie. Das New Orleans Baptist Theological Seminary verlieh ihm einen Doktortitel in Philosophie. Er war baptistischer Pastor in Brook Hills, einer grossen Gemeinde in Birmingham in Alabama. Er ist als Bibelausleger weltweit tätig. Seit 2014 ist er Präsident der Southern Baptist International Mission Board (IMB). Er ist verheiratet mit Heather, sie haben vier Kinder und wohnen in Richmond, Virginia. Zum Buch: Es ist unscheinbar grün mit weissen Buchstaben gestaltet und heisst Keine Kompromisse. Jesus nachfolgen – um jeden Preis, einen für mich etwas unglücklich gewählten deutschen Titel. In Englisch heisst es passender Radical und war sogar auf der Bestsellerliste der New York Times. Nach dem Lesen des Buches würde ich es positiv Jesus nachfolgen um einen lohnenden Preis nennen. Denn David Platt versteht es, Wesentliches der Jesusnachfolge aufzuzeigen und dies in Kontrast zum heutigen westlichen Lebensstil und Kontext zu stellen. Darin zeigt er geistliche Leidenschaft, Klarheit, Unterscheidungsvermögen und Unbeirrbarkeit. Einige Lebensgewohnheiten der amerikanischen Evangelikalen stellt er radikal in Frage, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch viele europäische Christen sich genauso von Jesus, seinem Ruf und seinen Massstäben entfernt haben, ohne es wahrhaben zu wollen. So schreibt er auf Seite 41: Jesus ist nicht mehr der, der angenommen oder eingeladen werden soll, sondern der, der unseren sofortigen und völligen Unterwerfung unendlich würdig ist. Platt beschreibt und karikiert auch, wie eine „erfolgreiche“ westliche Gemeinde aussieht und was sie ausmacht auf Seite 50: Als Erstes brauchen wir eine gute Show. In unterhaltungsgesteuerten Kulturen brauchen wir jemand, der die Massen fesseln kann. Ohne einen charismatischen Redner sind wir dem Untergang geweiht… Wenn dann schliesslich die Massen kommen, brauchen wir etwas, damit sie wiederkommen. Also müssen wir Programme starten – erstklassige, spitzenmässige Programme – für Kinder, für Jugendliche, für Familien, für jedes Alter und jeden Stand. Um diese Programme zu realisieren, brauchen wir Profis, die sie durchführen. Dadurch können zum Beispiel Eltern ihre Kinder einfach an der Tür abgeben, und die Profis übernehmen den Dienst für sie. Wir möchten nicht, dass Eltern das zu Hause selber versuchen… Aber was komischerweise in diesem Bild der Präsentationen, Persönlichkeiten, Programme und Profis fehlt, ist unsere äusserste Sehnsucht nach der Kraft Gottes. Platt versucht ein möglichst biblisches Bild von Gott und den Menschen zu zeichnen, daher schreibt er auf Seite 66-75: Gott hat uns geschaffen, um eine enge Beziehung mit ihm zu geniessen, seinen Segen und seine Gnade; um sein Ebenbild zu sein, und es zu vervielfachen, und so seine Ehre zu verbreiten. Er macht uns aufmerksam, dass Gottes Gnade und Ehre nicht getrennt werden dürfen, sonst werde der Egoismus gefördert. Gott rettet uns mit einem Ziel. Jeder gerettete Mensch diesseits des Himmels schuldet das Evangelium jedem verlorenen Menschen diesseits der Hölle. Platt zeigt auch deutlich auf, dass das Neue Testament und im besonderen Jesus keinen Erfolg, keinen Wohlstand, kein Ansehen und auch keine sichtbare Kirche predigen, sondern das noch unsichtbare oder unscheinbare Reich Gottes. Auf Seite 115 schreibt er dazu: In der Morgendämmerung dieser neuen Phase der Heilsgeschichte verspricht keiner der Lehrer (einschliesslich Jesus) im Neuen Testament je materiellen Besitz als Belohnung für Gehorsam. Als wäre das nicht schon bestürzend genug für die Juden des ersten Jahrhunderts (und die Christen des 21. Jahrhunderts), sehen wir auch keinen Vers im Neuen Testament, in dem Gottes Volk je wieder aufgefordert würde, einen majestätischen Ort der Anbetung zu bauen. Stattdessen wird den Leuten Gottes gesagt, dass sie selbst der Tempel sein sollen – der Ort der Anbetung. Und ihre Besitztümer sollen nicht dafür eingesetzt werden, einen Ort zu bauen, an den Menschen kommen können, um Gottes Herrlichkeit zu sehen, sondern ein Volk zu bauen, das die Ehre Gottes in die Welt hinausträgt. Für Platt ist Jesus Christus die eine Stimme, die uns in allen Entscheidungen unseres Lebens leiten will, die uns viel Neues geben, aber auch das bisherige Gefühl von gewohnter Sicherheit und illusionärer Stabilität nehmen muss (S. 119-120). Ab Seite 139, gegen Ende des Buches, stellt Platt nochmals die sieben wichtigsten Wahrheiten des Römerbriefs dar, wie sie bereits der amerikanische presbyterianische Theologe R. C. Sproul in seinem 1982 erschienenen Buch: Reason to Believe – A Response to Common Objections to Christianity, vorgezeichnet hatte. 1. Alle Menschen wissen von Gott 2. Alle Menschen lehnen Gott ab (und betreiben somit Götzendienst) 3. Alle Menschen sind vor Gott schuldig (und es gibt keine Unschuldigen) 4. Alle Menschen sind verurteilt, weil sie Gott ablehnen 5. Gott hat einen Weg der Rettung für die Verlorenen geschaffen 6. Alle Menschen können im Glauben an Christus zu Gott kommen 7. Gott befiehlt seiner Gemeinde, das Evangelium allen Menschen zu verkündigen Wie in vielen christlichen Auslegungen fehlt auch hier eine angemessene Aussage zur Stellung und Aufgabe Israels, wie sie im Römerbrief in Kapitel 9 bis 11 von Paulus so eindrücklich beschrieben worden ist. Das ist die einzige wirkliche Schwäche an diesem Buch. Auf Seite 182 empfiehlt Platt als Umsetzung dieser Wahrheiten: 1. für die gesamte Welt zu beten 2. die ganze Bibel in einem Jahr durchzulesen 3. Geld für einen bestimmten Zweck zu opfern 4. Zeit ausserhalb des gewohnten Umfelds zu investieren 5. aktives Mitglied einer sich vervielfältigenden Gemeinschaft zu sein

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Mittwoch, Februar 21, 2018

Abendmahl – Zeichen des Zerbruchs und der Heilung

Über das Abendmahl ist schon viel geschrieben worden, ist es doch zentrales Geschehen im christlichen Glauben, weil Christus unter den Gläubigen gegenwärtig sein will. Dieser Text ist inspiriert von der kanadischen Mennonitin Ann Voskamp. Jesus wurde gebrochen, damit unsere Bruchstücke wieder zusammengefügt werden können. Wir essen Zerbrochenes und sind doch selbst zerbrochen. Wo etwas zerbrochen ist, sind wir dem gebrochenen Jesus am nächsten. Und nur aus Zerbruch kann Fülle und Überfluss werden; nur wer loslässt, der kann gewinnen; nur aus zerriebenen Weizen wird Brot. Ohne zu sterben bleiben wir einsam, nur unsere Hingabe des Lebens bringt Frucht. Wir werden gebrochen, und unser Leib und unsere Seele werden durch ihn gesättigt. Sünde wuchert in meinem Innern wie Rost oder Schimmel. Um mein Herz habe ich Mauern hochgezogen, die mich bedecken und mich von andern fernhalten. Aber eigentlich bin ich unansehnlich, nackt, bloss und beschämt. Christus legt seine Gnade wie eine Decke über mich und versichert mir so seine Liebe. Er kann alles Zerbrochene zusammenfügen, mich wieder ganz machen und eins mit ihm. Ich darf eine neue Einheit und Ganzheit erahnen. Im Essen und Trinken kommt sein Leben in mich hinein. Ich kaue und schlucke Brot und trinke Wein, in ihm sind meine Sünden verschlungen; und er ist mein "Lamm". Bäckerei und Brot im ländlichen afrikanischen Guinea

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Dienstag, Januar 09, 2018

Weghaben oder Wege gehen?

Im November 2017 hat Rolf Rietmann von Wüstenstrom Schweiz (siehe auch: www.wuestenstrom.ch) einen Artikel veröffentlicht unter obgenanntem Titel. Er beschrieb darin seinen Prozess in der Beratung. Menschen kommen zu ihm in die Beratung, um möglichst schnell ein Problem zu lösen und auch Vergebung zugesprochen zu erhalten. Man möchte eine Instantlösung, sein Problem oder etwas Lästiges rasch weghaben, warum es also nicht mit Gebet oder gar Dämonenaustreibung versuchen? Oft ist es aber so, dass der Klient bei sich genauer hinschauen muss, seine Motive genauer kennenlernen soll, sich seinen Empfindungen stellen muss und so einen Umwandlungsprozess einleiten kann. Aber das ist meist schmerzhaft, weil er und wir alle empfindliche Stellen haben, die wir möglichst abwehren, vermeiden und verdrängen. Auch bei Gott muss ich verweilen lernen, weil er mir (in der Stille) begegnen und mich beschenken will. Das Kreuz Christi ist nicht nur ein Geschehen und Ort, wo ich Schuld und Sünde abladen, sondern wo ich Gottes Gegenwart empfangen und erleben kann. Dazu gehört aber auch Schmerz und Schweigen aushalten. Gott wird wahrscheinlich dadurch zum treuen Wegbegleiter und nicht nur zum schnellen Problemlöser. Und ich gehe achtsamer durchs Leben. Afrikanisches Reisfeld nach Monaten des Wachstums und kurz vor der Reife

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Sonntag, August 27, 2017

Jodi Picoult: Bis ans Ende der Geschichte

Dieser Roman der amerikanischen Schriftstellerin erschien 2013 unter dem Titel The Storyteller in den USA. Seit 2015 liegt die deutsche Übersetzung vor. Was die Romane Picoults besonders auszeichnen, sind die Perspektivenwechsel, die sie innerhalb der Story vornimmt. Verschiedene Protagonisten sprechen jeweils von sich her auf die Situation und lassen die Handlungen vielschichtig und lebendig werden. In diesem Roman sind die Personen Sage, eine junge Frau, Minka, ihre Grossmutter, Josef, ein alter Freund, und Leo, ein Anwalt, der bei einer Ermittlungsbehörde arbeitet. Die Themen dieses Buches sind der Holocaust, Schuld, Strafe, Sühne, Gnade, Vergebung und natürlich Beziehungen. Picoult erspart einem beim Lesen kaum etwas, in ihren Romanen kommen sowohl die schönsten Lebensmomente und schwierigsten Erfahrungen vor. Und in diesem Roman sind die schwer ertragbaren und unverarbeitbaren Lebenserfahrungen von Holocaustüberlebenden ausgedehnt. Trotzdem gibt die Autorin in der Stimme eines Priesters eine Art Fazit auf den Seiten 543 und 544 weiter: ... Aber er (der Täter) verdient es, dass du (Opfer) ihm vergibst, weil er ansonsten wie Unkraut in deinem Herzen wachsen wird, bis es erstickt und davon überzogen ist. Die Einzige, die leidet, wenn du diesen ganzen Hass hortest, bist du... Du (Täter) bist nicht wichtig genug, mich (Opfer) im Würgegriff zu halten. Du wirst mich nicht in der Vergangenheit gefangen halten. Ich bin es wert, eine Zukunft zu haben.

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Dienstag, Mai 02, 2017

Menschliche und göttliche Vergebung

Wir imitieren Gott als Werkzeuge Gottes und als seine Ebenbilder, deshalb sollen wir ähnlich geben und vergeben (Seite 214). Ähnlich wie beim Geben gibt es auch beim Vergeben einen Dreiklang: • Rache: vervielfacht das Böse. . . . • Gerechtigkeit: begrenzt das Böse. . . . • Vergebung: überwindet das Böse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gottes Zorn ist nicht ein emotionaler Zustand, sondern eine energische Zurückweisung der Sünde. Er verurteilt im Akt des Vergebens. Eines der Hauptmerkmale der Sünde ist es, dass sie sich weigert, sich Sünde zu nennen (Seite 239). Viele Täter sind in den Schlingen ihrer bösen Taten gefangen und sind nicht in der Lage, aus eigener Kraft wieder auf die Füsse zu kommen. Sie brauchen Hilfe ihre Opfer oder anderer Personen (Seite 242). Wiedergutmachung sei nicht Vorbedingung für die Vergebung, aber Frucht der Vergebung und als Zeichen, dass die Reue echt sei (Seite 243). Vergeben heisse, den Schuldigen anklagen, ihn von der Anklage entbinden, ihm die Schuld erlassen und das Vergehen dem Vergessen anheimgeben (Seite 252). Unser Vergeben sei nur ein Echo von Gottes Vergeben (Seite 261). Wir sind erschaffen worden, um Gott in dieser Welt zu widerspiegeln (Seite 270). Demut heisse, dass ich zugebe, dass ich falsch liegen könne (Seite 272). Die heutige prozesswütige Kultur in den USA stehe in Kontrast zu Gottes Vergebung (Seite 273). Wir sind auch als Opfer immer noch Sünder; und wir sind auch als Täter noch Gottes gute Geschöpfe. Unsere Taten werden durch die Neigung zur Sünde genährt und durch eine sündige Kultur verstärkt, deshalb gibt es keinen Gründ für Stolz. Unser Vergeben ist fehlerhaft, Gottes Vergeben dagegen fehlerlos; unser Vergeben ist provisorisch, Gottes Vergeben bleibt endgültig (Seite 283).

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Montag, Mai 01, 2017

Nehmen und Geben - Glauben und Empfangen

Volf zitiert die kanadische Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Natalie Zemon Davies, die drei Arten von Geben unterschieden hat: • Zwangsmodus: wir nehmen verbotenerweise. . . . • Kaufmodus: wir erwerben legal. . . . • Schenkmodus: wir geben grosszügig. . . . Gott sei nicht der selber empfangende Geber, sondern der unendliche und absolut liebende Geber (Seite 76). Wir sollen Gott ähnlich, aber nicht gleich werden. Weihnachten dürfe daher nicht zum gegenseitigen Schenken verkommen, sondern soll im Sinn Gottes auch ein einseitiges sein, das vom Empfänger nicht wirklich erwidert werden kann! Paulus hat von der Gemeinde, in der er jeweils tätig war, nie Geld für sich angenommen, sondern nur um an andere weiterzugeben. Der Philipperbrief ist ein einziges langes Dankeschön, aber Paulus dankte ihnen an keiner Stelle; denn der Geber war Gott, und die Philipper waren nur sein Kanal. Das biblische Verständnis von Gleichheit verträgt es, dass der eine mehr hat und der andere weniger; aber nicht, dass der eine Überfluss und der andere Mangel hat (Seite 104). Kain war wie Adam und Eva ein „Nehmer“, während Abel ein „Geber“ war. Kain scheute daher nicht zurück, Abel das Leben zu nehmen. Sünde ist eine Art Gegengabe, eine perverses Gegenmittel, das all die guten Gaben neutralisiert und verdirbt. Auch als Sünder sind wir noch Gottes gute Schöpfung; aber wir sind wie Wasser, das durch Tinte gefärbt und verschmutzt ist.
Gott sei weder ein unerbittlicher Richter noch ein alter Opa, sondern ein Gott, der gerne vergibt, weil er nichts brauche (Seite 169). Luthers Problem war nicht psychologischer Natur, sondern theologischer Art, weil er Gott als unbestechlichen Richter und zornig aus Liebe ansah (Seite 173). Rabbinisch gesprochen verdankt die Schöpfung ihre Existenz Gottes Vergebung (Seite 175). Luther hielt es für ein grosses Problem, dass die Menschen egozentrisch seien; Volf stellt daher die berechtigte Frage, wie wir das denn heute sehen würden? Bei der Vergebung gehe es in der Tiefe nicht darum, etwas zu sagen, sondern etwas zu tun. Gott vergab, indem er Jesus als Sühneopfer hinstellte. In Christus versöhnte Gott die Welt mit sich selber. Gott hat die Sünden der Menschen auf Gott gelegt; er trägt die Last unserer Vergehen (Seite 187). Nach Luther liegen unsere Sünden auf Christus und sind in Christus verschlungen; er bekleidet uns mit seiner Gerechtigkeit und verwandelt uns in christusähnliche Menschen auf dem Weg zur neuen Schöpfung. Der Glaube klammere sich an Christus wie ein Ring einen Edelstein umfasse. Im Glauben öffnen wir die Hände, um Christus zu empfangen. Unsere Grundsünde sei es, Gott nicht ganz zu vertrauen, und infolge dieses Versagens fallen wir in viele verschiedene konkrete Sünden. Zudem tun wir so, als ob wir das, was wir haben, nicht von Gott empfangen hätten (Seite 197). Schuld bekennen heisst, dass wir durch das Tor der Beschämung in das Land der Freiheit treten (Seite 199).

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Miroslav Volf: Umsonst

Miroslav Volf wurde 1956 in Osijek, im damaligen Jugoslawien und heutigen Kroatien, geboren. Er hat in Kroatien, im deutschen Tübingen und am Fuller Theologican Seminary im kalifornischen Pasadena Theologie studiert. Er ist heute einer der einflussreichsten anglikanischen Theologen, die zudem dem Evangelikalismus nahe stehen. Aufgrund seiner Erfahrungen im Jugoslawienkrieg und der Unabhängigkeit Kroatiens vertritt er bewusst eine Theologie der Befreiung, der Versöhnung und der Gewaltlosigkeit, ohne aber naiv zu sein. Gegenwärtig ist er Professor an der Yale University in New Haven, Connecticut, USA. . . . . . . . . . . . . . Zum Buch: Der Originaltitel heisst Free of Charge und ist 2005 bei Zondervan in Grand Rapids erschienen. 2012 ist das Werk mit dem Titel Umsonst - Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Kultur, im Brunnen Verlag Giessen unter der ISB-Nummer 978-3-7655-1185-1 erschienen. Das äusserlich eher unscheinbare Buch ist ein theologisch durchdachtes Buch, wie man es von Volf gewohnt ist! Es beginnt mit dem Präludium „Die Rose“, worin Volf viel Persönliches preisgibt, indem er beispielsweise über die bewegende Adoption seiner zwei Söhne schreibt. Er benutzt hier bewusst eine Sprache des Herzens, denn die Augen seien gemäss dem kleinen Prinzen von Saint Exupéry blind, man müsse mit dem Herzen suchen. Damit gibt er auch eine passende Haltung vor, mit der dieses Buch mit Gewinn gelesen und verstanden werden könne. . . Volf weist schon im ersten Kapitel darauf hin, dass unser Gottesbild nicht mit der Gottesrealität identisch sei. Gott sei weder ein Kuhhandelgott noch ein Weihnachtsmann, sondern ein rein Schenkender. Er brauche zwar nichts von uns, und doch verlange er mehr von uns, als wir ihm geben könnten. Alles, was wir ihm schenken können, hat er uns schon längst gegeben. Luther habe den Unterschied von Gottes und des Menschen Liebe betont: aus dem Nichts und durch Reflektion. Glauben heisse daher, Gottes Gaben bereitwillig empfangen; sich dem Geber gegenüber angemessen verhalten und Gott die leeren Hände hinhalten, dass er sie fülle (Seite 52). Von Gott im Glauben empfangen ist die höchste Würde des Menschen. Glaube ist ein Wohnen Gottes in uns und zum Wohl der Schöpfung wirken. Wer Gott dankt, sagt dem göttlichen Geber, dass er das, was er von ihm bekommen hat, wertschätzt; er gibt Gott die Ehre dafür.

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Freitag, April 28, 2017

Enneagramm-Grundkurs

Seit 2005 leite und gestalte ich mit zwei Freundinnen einen Enneagramm-Grundkurs in der Casa Moscia. 28 Teilnehmende zwischen 25 und 72 Jahren aus der Schweiz und aus Deutschland haben ihn diesen Frühling besucht. Jedes Mal bringt dieser Grundkurs den Teilnehmenden tiefe Einsichten und befreiende Aha-Erlebnisse. Aber auch bei mir selber stellen sich jedesmal neue Erkenntnisse ein, was ich als äusserst wertvoll erachte. Viele Einsichten haben mit grundlegenden Festlegungen und Mustern zu tun, die wir in den ersten Lebenjahren erworben haben. Diese führen häufig zu Übertreibungen, Verzerrungen, Verabsolutierungen, Zwängen und Ängsten, die letztlich lebens- und beziehungsfeindlich sind. Gott sei Dank konnte ich solche Muster bei mir wahrnehmen, benennen, vor Gott bringen und loslassen, so dass ich freier, entspannter und wirksamer durchs Leben gehen darf. Aber auch immer wieder tauchen neue Erinnerungen auf, wo ich nur sagen kann: Kyrie eleison!
Austausch- und Reflektionszeit auf der Loggia der Casa Moscia mit Blick auf den Lago Maggiore bei schönstem Frühlingswetter

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Dienstag, April 25, 2017

8. Agape, der Klang des Lebens (Schluss)

Im achten Kapitel, auf den Seiten 301 bis 323, geht es um Agape, den Klang des Lebens. Schleske schildert hier eindrücklich den Unterschied zwischen Sesshaften und Pilgern. Sesshafte würden über die richtige Exegese von Expetitionsberichten streiten; Pilger dagegen gingen aus dem Lager hinaus und würden auf den, der sie führt, hören (Seite 300). . . . . Die Tora gebiete Solidarität und nicht Selbstliebe und Sentimentalität. Die hebräische Unschärfe und ihre Mehrdeutigkeiten bezeugen den Respekt vor der Wirklichkeit; sie lassen sich ergänzen durch ein wahrhaftiges Leben (Seiten 303-304). Unsere Aufgabe sei nicht das Wesen, sondern die Anwesenheit Gottes in dieser Welt zu schützen (Seite 309). Der Glaube werde durch die Liebe und nicht durch Recht und Schwärmerei geschützt. Vertrauen und Verantwortung führten zu einem reifen Glauben (Seite 316). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epilog (auf Seiten 324 bis 326): Schleske glaubt an einen Gott, der in allem wirkt und durch alles spricht. Gott sei eine verletzliche Berufung, eine hörende Liebe und ein verletzbarer Sinn, um ihn zu erhören. . . . . . . Nachwort (auf Seiten 327 bis 329): Schleske bezeichnet Gott als überstrahlende Hauptperson seines Buches. Er schliesst mit einem Text von Martin Buber, den er verehrt, und der aus seinem vergessenem Buch „Gottesfinsternis“ von 1953 stammt. Darin geht es um den missbrauchten und richtig gebrauchten Namen Gottes, der ein Wort des Anrufs und zum Namen gewordenes Wort sein will, der echte und tiefe Gemeinschaft unter Menschen stiften kann.

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Sonntag, April 23, 2017

7. Mystik, die Quellen der Kraft

Ich überspringe das Kapitel 6: Eros, die Liebe zum Leben, die Schleske auf den Seiten 233 bis 247 beschreibt, da mich dieses Kapitel nicht sonderlich angesprochen hat. Im siebten Kapitel, auf den Seiten 248 bis 300, schreibt er dagegen treffsicher über Mystik. Er definiert Sünde als eine Art Gegenentwurf, der eigentlich bedeute, den Dialog des Geistes zu versäumen und die Ehrfurcht vor dem gemeinsamen Leben zu verlieren (Seite 256). Wer zum Staunen und Danken nicht fähig sei, der werde auch zum Glauben und Lieben kaum fähig sein. Die Bibel sei ein Instrument Gottes, das in uns einen Resonanzboden finden will. Sie bleibe stumm, wenn sie in uns kein hörendes Herz vorfindet, weil wir ihr Geheimnis nicht mehr lieben (Seite 260). Wissen sei wie der Notensatz, Erkenntnis dagegen wie der Klang. Schleske übertreibt dann etwas und ist meiner Meinung nach zu subjektiv, wenn er sagt: Nur im hörenden Herzen verwandle sich die Bibel zum Wort Gottes (Seite 264). Die Bibel entfalte eine reinigende Kraft, wenn wir die Worte in einem liebenden Geist lesen und in der Stille geniessen. Sie stärke, rate, inspiriere, tröste, korrigiere, verwandle und schaffe Neues in uns. Gebet solle in der Freude der Gottesliebe beginnen; denn Gebet sei vollkommenes Vertrauen. Lass es zu, dass Gott dich mit Vertrauen durchfluten könne (Seite 269-270). Wer Gott um etwas bitte, der lade ihn ein, einen Raum einzunehmen, der unserer Einwilligung bedürfe (Seite 273). Um nicht auszulaugen brauche es Brachland, das sei zweckfreie, urteilsfreie und erwartungsfreie Zeit. Wir sollen nicht nur hören, sondern müssen auch spüren, was wir eigentlich wollen. Glaube sei empfängliches, betendes Hinsehen und Kämpfen (Seite 278). Christus werde durch Wort, Werk und Wunder hörbar (Seite 288). Begegnung mit Gott sei ein Geschenk für sehnsüchtige Menschen, nicht Lohn für fromme Personen. Glauben sei Vertrauen, Leben in ungeschützter Offenheit für Gott; so werde Unmögliches möglich (Seite 295). Blaise Pascal hatte es so formuliert: Man muss die göttlichen Dinge lieben, um sie zu kennen, und man dringt nicht in die Wahrheit ein, es sei denn durch die Liebe zu Gott.
Innenraum mit Licht als Bild für Mystik aus christlicher Perspektive

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