Sonntag, September 11, 2016

Eine kurze Geschichte der Resilienz

Ein neuer Begriff macht die Runde: „Resilienz“. Es ist noch kein einheitlich gebrauchter Begriff, sondern er hat viel mit Salutogenese (Gesundheit), Hardiness (Widerstandsfähigkeit), Coping (Bewältigungsstrategie) und Autopoiesis (Selbsterhaltung) zu tun. Resilienz war ursprünglich in der Technik gebräuchlich und bedeutet dort Flexibilität und Elastizität eines Materials. Er stammt vom lateinischen Wort „resilire“, was mit abprallen und zurückspringen übersetzt werden kann. Um menschliche Resilienz besser verstehen zu können, werden auch drei Metaphern verwendet: • Gewicht, das die zunehmende Tragfähigkeit anzeigt • Behälter/Volumen, der die steigende Aufnahmefähigkeit andeutet • Netz, das die zunehmende Reissfestigkeit infolge guter Verteilung bedeutet . . . . . . . . . . Der Basler Psychiater Samuel Pfeifer hat Resilienz verwendet für psychische Widerstandskraft ohne zu verhärten (erstmals in der Zeitschrift „diakonie“ April 2008). Trotz schwerer Bedingungen haben gewisse Personen - etwa ein Drittel der Menschen - eine gesunde Mischung an Gelassenheit, Leichtigkeit, Zielorientierung, Disziplin und Konsequenz zugleich entwickelt. Unter Belastung können sie flexibel Denken, Bedürfnisse aufschieben, Ressourcen einteilen und haben dadurch psychische Gesundheit und Stärke gewonnen. Dahinter steckt ein „Lebensskript“, eine positiv-realistische Sichtweise, ein antineurotisches Verhalten, eine Problemlösungsorientierung und Selbstwirksamkeit. Solches Agieren ist in einer zunehmend narzisstischen westlichen Welt, die eher Vulnerabilität - Verletztlichkeit durch äussere Einflüsse - und psychische Erkrankungen begünstigt, von grossem Vorteil. In den Fünfzigerjahren hat Jack Block (1924-2010) den Begriff in die Psychologie eingeführt. Der amerikanische Soziologe und Psychologe Glen Elder (* 1934) hat 1961 herausgefunden, dass viele arme Kinder in den USA der Dreissigerjahren sich zu erfolgreichen Menschen entwickelt haben, weil sie zu Akteuren des eigenen Lebens wurden. Doch erst die amerikanische Psychologinnen Emmy Werner (* 1929) und Ruth Smith haben durch eine pionierhafte Studie an 698 Kinder auf Hawaii, die 1955 geboren wurden und unter erschwerten Bedingungen aufgewachsen waren, dem Resilienzbegriff 1971 zum Durchbruch verholfen. 1977 erschien ihr Buch „The children of Kauai“, worin sie den Schluss zogen, dass etwa ein Drittel dieser Kinder lebenstüchtige Erwachsene wurden und dass Resilienz erworben wird und erlernbar sei. Die Studie dauerte bis 1995, die 698 Personen wurden also 40 Jahre lang beobachtet. In den Achtzigerjahren ging der israelische Soziologe Dr. Aaron Antonovsky der Frage nach, was Menschen gesund hält (und nicht was sie krank macht) und begründete damit die „Salutogenese“. Er stellte in seinen Forschungen fest, dass erstaunlich viele Frauen, die den Holocaust überlebt hatten, auch die Menopause gut meisterten. Diesen Zusammenhang nannte er „Kohärenz“, genauer ist es: • die Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen • die Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können • der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat. Er hat 1987 zehn Faktoren bestimmt, die Menschen in schwierigen Lebensumständen schützen und ihnen zu Widerstandskraft verhelfen: 1. Stabile emotionale Beziehung zu einem Elternteil oder Bezugsperson 2. Soziale Unterstützung innerhalb und ausserhalb der Familie (Nachbarn, Lehrer oder Gleichaltrige) 3. Emotional warmes, offenes, strukturierendes und Norm orientiertes Erziehungsklima 4. Soziale Modelle, die zu konstruktiver Lebensbewältigung ermutigen (Elternhaus, Schule, Kirchgemeinde, Jugendgruppe, etc.) 5. Soziale Verantwortlichkeit (z.B. Sorge für Verwandte oder Freunde) und Leistungsanforderungen (z.B. Pflichten in Familie, Schule oder Arbeitsplatz) 6. Kognitive Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, durchschnittliche Intelligenz und realistische Zukunftsplanung 7. Temperamentseigenschaften, die effektive Problembewältigung begünstigen wie Flexibilität, Annäherungsverhalten und Impulskontrolle 8. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Überzeugungen, Selbstvertrauen und positives Selbstbild 9. Aktive Lösungssuche bei Problemen 10. Glaube: Erfahrung von Sinn, Struktur und Bedeutung in der eigenen Entwicklung. Der deutsche Psychologe und Psychiater Manfred Spitzer (* 1958), der 2012 das Buch „Digitale Demenz“ geschrieben hat, zeigt darin sehr eindrücklich und nachvollziehbar auf, dass die Gehirnbildung über die ganze Lebenszeit hinweg erfolgt. Er spricht dabei nicht von Resilienz, aber er zielt in die gleiche Richtung. Bei allen Menschen gibt es einen Aufstieg und einen Abstieg im Lauf des Lebens. Positive Faktoren wie Bildung (Zweisprachigkeit, Musik, Sport, Theater), Bewegung („die Welt mit Händen begreifen“), gesunde Ernährung, Geborgenheit und Gemeinschaft (Bindung, Familie und sinnvolle Arbeit), aktives Teilnehmen und Geben und Helfen (Enkelkinder, Ehrenamt, Freunde) fördern den Aufstieg und stärken die Gehirnbildung bis ins hohe Alter hinein. Er konnte feststellen, dass Zweisprachigkeit, Alzheimerkrankheiten um mindestens fünf Jahre hinauszögern. Dagegen führen Fernsehkonsum, Computerspiele, dauernd Online sein, Stress und Multitasking vermehrt und schneller zu Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Schulproblemen, geringer Bildung, falscher Ernährung, Sucht, Schlafmangel, Übergewicht, Arbeitslosigkeit, Krankheit, sozialem Abstieg, Vereinsamung, Depression und Demenz. Spitzer betont stark und zu Recht, dass wir (westlichen) Menschen für die Gestaltung und Formbarkeit unseres Lebens weitgehend selbst verantwortlich seien. Zusätzlich ist aber auch anzumerken, dass ein Spannungsfeld zwischen eigener Handlungsfähigkeit und vorgegebenen Rahmenbedingungen besteht, mit dem konstruktiv, kreativ und intelligent umgegangen werden will. Als hilfreiches Modell könnte hier das Wertequadrat mit den Begriffen „freier Wille“ – „Vorsehung“ und (im Negativen) Machbarkeitswahn – Fatalismus dienen. Wer dem Machbarkeitswahn zuneigt, dem hilft die Realität der Vorsehung zu akzeptieren und in sein Leben zu integrieren. Die Erforschung und die Entwicklung des Begriffs der Resilienz ist meiner Meinung nach noch nicht abgeschlossen. Die Entwicklung scheint mir vermehrt von der individuellen zur sozialen Resilienz, von der Eindimensionalität, der einfachen „Widerstandskraft“ gegenüber schwierigen Umständen in Richtung Komplexität, Beziehungsintelligenz und sozialer Vernetzung zu gehen: Wie können wir gemeinsam Probleme und Herausforderungen intelligent angehen und kreativ meistern? Welche Ressourcen stehen uns zur Verfügung und welche könnten wir suchen und miteinbeziehen? Wie können Aufgaben in einem Team besser verteilt werden, damit alle beteiligt sind und Erfolge gemeinsam erreicht und gefeiert werden können? Westliche Hochschulen wie beispielsweise die Universität Basel betreiben zusammen mit Universitäten in der Dritten Welt empirische Forschung zu Infrastruktur, sozialem Leben und Gesundheitsrisiken in den Städten Afrikas. Dabei haben sie festgestellt, dass intakte familiäre und soziale Beziehungen sehr viel zu Resilienz von Land- und Stadtbewohnern beitragen und schlechte Lebensbedingungen teilweise kompenisieren und sogar Gesundheitsprobleme wesentlich reduzieren können. Quellen: • Artikel Resilienz (Psychologie) in Wikipedia • Artikel von Samuel Pfeifer in Zeitschrift Diakonie. April 2008 • Einführungsvortrag von Dörthe Huth auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=0N6TaZAisaU • Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Droemer, München 2012. ISBN 978-3-426-27603-72012

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Freitag, Juni 10, 2016

Larry Siedentop: Geburtswehen der modernen Freiheit

21. Volksbegehren und Ordensbrüder. Mönche hatten oft Ansehen bei den einfachen Leuten, da diese meist von unmoralischen Priestern betreut wurden. Franziskus belebte und förderte zu seiner Zeit und unter den Mönchen Armut, Demut und Nächstenliebe. 22. Verteidigung der egalitären Moralvorstellungen. Im 12. Jahrhundert wurde Aristoteles und seine Physik, Metaphysik und Ethik durch Bonaventura, Albert Magnus und Thomas von Aquin wiederentdeckt. Während sich die Dominikaner für Vernunft und Lehre einsetzten, hatten die Franziskaner Bedenken gegen Aristoteles. Augustinus hatte durch Paulus die heidnischen Grenzen seiner Bildung überwunden. Thomas von Aquin dagegen entdeckte als Christ Aristoteles und erweiterte seine Theologie mit Spekulationen wie, dass ewige Ideen im Geist Gottes seien. Der schottische Theologe und Philosoph Duns Scotus (1266-1308) stellte nüchtern fest, dass Freiheit die Voraussetzung für moralisches Verhalten sei. Im 13. Jahrhundert etablierten sich neue Fakultäten und Universitäten: Recht in Bologna, Theologie in Paris, Philosophie in Oxford und Medizin in Montpellier. 23. Gottes Freiheit und des Menschen Freiheit vereint: Ockham. Der Franziskaner Wilhelm von Ockham (1288-1347) lehrte einen Nominalismus, die „via moderna“, dass Gott als Schöpfer frei gewesen sei in seinen Entscheidungen. Er sei nicht gebunden gewesen an „ewige Ideen“ und rationale Notwendigkeiten. Der Mensch handle aus dem Ich, der Seele. Ockhams Rasiermesser, dass die sparsamste Erklärung die beste sei, richtete sich gegen die natürliche Theologie und rationalistische Philosophie. Der Nominalismus war die Basis für die empirische Wissenschaft und den liberalen Säkularismus. Die Fähigkeit zu rationalem Handeln ist Freiheit, wie sie bereits Paulus verkündet hatte. 1315 wurde die Leibeigenschaft in Frankreich abgeschafft. 24. Kampf um eine repräsentative Regierung in der Kirche. 1378-1417 kam es in der römisch-katholischen Kirche zu einem Schisma mit zwei Päpsten. Die Konziliarbewegung wollte den Konzilien mehr Befugnisse zumessen als dem Papst. Das liberale Denken entwickelte sich, als sich moralische christliche Vorstellungen gegen die autoritäre Kirche zu richten begann. 25. Abschied von der Renaissance. Liberalismus war eine Folge von Konfessionskriegen, bei denen versucht wurde, den richtigen Glauben gewaltsam durchzusetzen. Trennung zwischen Kirche und Staat bewirkte, dass Religion zunehmend zur Privatsache in der Privatsphäre wurde. Hugo Grotius (1583-1645), Thomas Hobbes(1588-1679), John Locke (1632-1704)und Charles de Secondat Baron de Montesquieu (1689-1755)waren die Hauptexponenten dieser Entwicklung. Die Renaissance wurde überbewertet, denn sie hat nicht die Neuzeit eingeläutet. Der Basler Historiker Jakob Burckhardt (1818-1897) hat begonnen, diese falsche Sicht zu portieren. Der Liberalismus beruht auf moralischen Voraussetzungen, die er vom Christentum übernommen hat. Er bewahrt die christliche Ontologie ohne die Metaphysik der Erlösung. Es fand ein Prozess von moralischen Forderungen zu sozialem Status statt. Bereits im 14. und im 15. Jahrhundert hatten die Kanonisten und Philosophen Voraussetzungen geschaffen, um eine Trennung geistlicher und weltlicher Sphäre vorzunehmen. Sie legten eine Basis für eine rechtlich abgesicherte Privatsphäre, in der sich Freiheit und Gewissen verbreiten und entfalten konnte. Diese Hinwendung zur Innerlichkeit haben Meister Eckhart, John Wycliffe und Jan Hus schon früh vorgelebt. Eine persönliche Beziehung zu Gott war ihre Grunderfahrung und Quelle der Moral und menschlicher Beziehungen. Sie kannten die Disziplin der Bibellektüre und verbreiteten sie und förderten dadurch die allgemeine Bildung. In Paris, Oxford, Heidelberg, Prag und Krakau setzte sich der Nominalismus durch. Monarchien in Frankreich, England und Spanien entstanden im 15. Jahrhundert. Epilog: Christentum und Säkularismus. Bei der Idee der Gleichheit spielte das Christentum eine entscheidende Rolle. Liberalismus und Säkularismus haben religiöse Wurzeln. Das Christentum hat menschliche Identität verändert, indem es den jüdischen Monotheismus mit seinem abstrakten Universalismus mit der spätgriechischen Philosophie verband. Das Christentum hat sich nicht durch Gewalt ausgebreitet, sondern durch Überzeugung. In Nordamerika, wo es keine dominierende Kirche gab, breitete sich eine christlicher Säkularismus aus, der bürgerliche Freiheit und Nächstenliebe ermöglichte. Er ist durch verschiedene Fundamentalisten und Radikale in Gefahr.

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Donnerstag, Juni 09, 2016

Larry Siedentop: Ein neues Regierungsmodell

17. Zentralisierung und das neue Gerechtigkeitsgefühl: Das Papsttum entwickelte sich von 1050 bis 1300 von einer passiven Autorität zu einer aktiven Macht mit funktionierender Bürokratie. Es wurde zur ersten und letzten Instanz in Rechtsfragen. 1132 bis 1312 fanden sieben ökumenische Konzile statt. Kirchenrecht regte das philosophische Denken an und trug zur Abspaltung von der Theologie bei. 18. Die Demokratisierung der Vernunft: Der Amerikaner Harold J. Berman habe am besten beschrieben, wie sich das Papsttum im Mittelalter verändert hatte. Der moralische Status wurde zur sozialen Rolle; Gleichheit wurde zu natürlichem Recht für das dialektische Denken. Abaelard (1079-1142) hat mit seinem Werk „Sic et Non“ den theoretischen Analyserahmen festgelegt. Petrus Lombardus (1095-1160) hat mit „Sentenzen» eine systematische Theologie vorgelegt. Individuelles Handeln wurde zur Basis des Naturrechts. 19. Auf dem Weg zum Nationalstaat: Alle Menschen haben von Natur aus Rechte, Gleichheit und Gerechtigkeit sind universell. Das entspricht dem kanonistischen Denken, das sich aus griechischer Philosophie und christlichen Moralvorstellungen gespiesen hat. In der gregorianischen Reform wurde die Kurie in gesetzgebende, gerichtliche und administrative Bereiche aufgeteilt. 20. Aufruhr der Städte: Das Stadtleben erwachte erneut im 11. und 12. Jahrhundert, besonders in Italien, Südfrankreich und Katalanien. Vorher war es unsicher und zu ungeregelt gewesen. Es entstanden Marktplätze mit Handwerkern und Kaufleuten, Zünfte und Hansen wurden gegründet. In den Städten gab es Aufstände gegen die Feudalherren, und die Städte wurden zunehmend zu autonomen Rechtsgebilden, ein Bürgertum mit politischem Willen entstand.

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Sonntag, Mai 22, 2016

Larry Siedentop: Europa findet zu seiner Identität

13. Warum der Feudalismus die antike Sklaverei nicht wieder einführte. Feudalismus kann als Vorstufe der Moderne angesehen werden. Im antiken Rom gab es Hörige mit nur minimalen Rechten, die keine Körperstrafen erdulden mussten. Diese Landarbeiter hiessen „Coloni“, weiter gab es „Rustici“ und „Tributari“. Sklaven hiessen dagegen „Servi“. Landbewohner und Bauern waren „Paganus“. Die Kirche förderte durch die Heiligkeit der Ehe und Achtung der Familie die Abschaffung der Sklaverei und die Einrichtung von Familienhöfen. Die Ehe war ein unauflösbares Band zweier Seelen geworden, das durch persönlichen Willensentscheid und unter Gottes Segen geschlossen wurde. 14. Den „Gottesfrieden“ fördern. Ab dem 10. Jahrhundert begannen Revolten von Landbewohner gegen ihre Grundherrn. 910 wurde die Abtei von Cluny durch Wilhelm I. gegründet. Sie richtete sich nach der Benediktregel, die das christliche Leben mit Würde, Arbeit, Selbstbestimmung, Lernen, Gebet und Gleichheit statt Herkunft prägte. Aus ihr kamen später auch die Mönchspäpste hervor. 15. Die Papstrevolution: Eine Verfassung für Europa. Das Minnewesen idealisierte die Geschlechterbeziehung. Höflichkeit und Ehre der Ritter verfeinerten die neue Identität. Erst die Kreuzzüge offenbarten das christliche Europa. Gregor VII. führte unter Einfluss christlicher Moralvorstellungen ein neues Modell von Gesellschaft und Regierung ein. Ein einheitliches Rechtssystem entstand, dieser Prozess dauerte bis 1250. 16. Naturrecht und natürliche Rechte. Da die Seele den Körper regiere, sei die geistliche Autorität der weltlichen Herrschaft überlegen. Daraus entstand um 1140 das „Decretum Concordia Discordantium Canonum“, das kanonische Recht des Mönchs Gratian. Das Naturrecht wurde mit der biblischen Offenbarung gleichgesetzt. Päpste, Theologen und Kirchenrechtler schufen eine Verbindung von antikem Recht und Evangelium. Sie scheiterten zwar, eine Verfassung für Europa durchzusetzen, aber sie legten die Fundamente für demokratische Gesellschaften im modernen Europa.

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Freitag, Mai 20, 2016

Larry Siedentop: Die Idee des Fundamentalgesetzes

9. Neue Einstellungen und Gewohnheiten. Als Kaiser Justinian die philosophischen Schulen Athens geschlossen hatte, ging das rationale Denken nicht zu Ende und wich dem christlichen Glauben, sondern es war bereits in die Lehren der Kirche eingegangen. Die Frauen erhielten eine zunehmend bessere soziale Stellung und auch Bildung, zuerst die reichen, dann auch alle andern. Was Paulus nur andeutungsweise gesagt hatte, betonte Gregor von Nyssa (335-394) unmissverständlich und klar: Sklavenhaltung ist gegen das Recht Gottes wegen der Gottesebenbildlichkeit der Menschen. Diese neuen Erkenntnisse und Einstellungen flossen auch in den Codex Theodosianus (438 unter Theodosius 2) und in den Corpus Iuris Civilis (529-533 unter Justinian). In der Folge konnten nicht nur römische Bürger Bischöfe werden, sondern jeder, der von der Gemeinde gewählt wurde! 10. Geistliche und weltliche Macht. 476 ging das weströmische Reich zu Ende und äusserer und innerer Zerfall setzte ein. Klerus und Bischöfe übernahmen nun auch politische Aufgaben wie Verwaltung, Verteidigung und Diplomatie. Klöster wurden zu Zufluchtsorten der Gemeinschaft, des Gebets, der Bildung und des Wissens. 11. Barbarische Gesetze, römisches Recht und christliche Anschauungen. Eine Verlagerung der moralischen Autorität von der Familie zum Klerus fand statt. Das Abendmahl wurde zum Messopfer, das nur Priester darbringen konnten. Karl der Grosse kam in eine Zwischenzeit hinein, nach dem Rom der Antike und vor dem Europa der Moderne. 12. Der karolingische Kompromiss. Karl der Grosse wollte ein christliches Reich schaffen. Er verpflichtete einzelne Menschen, nicht mehr Familien, für sich, sein Reich und den christlichen Glauben. Sein Berater und Bildungsreformer war der Mönch Alkuin von York. Je jenseitiger das Christentum wurde, desto bessere Voraussetzungen lieferte es paradoxerweise für soziale Reformen.

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Donnerstag, Mai 12, 2016

Larry Siedentop: Eine moralische Revolution

Im zweiten Teil geht Larry Siedentop in fünf Kapiteln der Entwicklung, Ausgestaltung und Auswirkung des frühen Christentums in der römischen Spätantike nach: 4. Die Welt auf den Kopf gestellt: Paulus. Die Antike war eine Welt der Ungleichheit. Schon der jüdische Glaube an einen Gott wurde zur Zeit des Imperium Romanums als interessanter Ausweg gesehen. Jesus war ein Bussprediger und Prophet, der gekreuzigt wurde. Erst Paulus habe aber das Christentum als Religion erschaffen. Er setzte auf Gleichheit und Freiheit der Menschen. Der neue Mensch durch Christus mit Willen und Gewissen strebte mehr Gerechtigkeit an. 5. Die innere Wahrheit: Moralische Gleichheit. Paulus und Clemens von Alexandria bevorzugten das Bild des Abstiegs, der Einfachheit und der Torheit. Der Mitgewinn dadurch war die Schaffung einer Sphäre der persönlichen Gewissensentscheidung. Platon dagegen kannte viele Stufen und wollte zu Gott aufsteigen. 6. Heroismus in neuem Gewand. Christliche Märtyrer beugten sich nicht familiären und bürgerlichen Forderungen. Sie forderten damit Patriarchat und Staat heraus. Siedentop bezieht sich hier auf Peter Brown und sein Werk: Macht und Rhetorik in der Spätantike. Der Weg zu einem christlichen Imperium, Dtv München 1975. 7. Eine neue Form des Zusammenlebens: Das Mönchtum. Die frühe Kirche ging dem Konflikt mit Rom eher aus dem Weg. Dem Heidentum ging es mehr um äussere Konformität, um korrektes Verhalten. Dem Christentum war die innere Überzeugung wichtiger. Das zeigte sich auch darin, wie Tempel zu Basiliken umgeformt wurden. Die Mönchsbewegung begann am Berg Nitria in Ägypten als neue Gemeinschaftsform. So lebente bis 5'000 Männer im 4. Jahrhundert dort in Distanz zu antiker Familie und Polis. Pachomius und Basilius von Cäsarea waren die führenden Personen, die die Mönchsregel der Ostkirche begründeten. 8. Die Schwachheit des Willens: Augustinus. Die Schriften von Augustinus sind eigentlich Kommentare zu Paulus, trotzdem lassen sie sein neues und einzigartiges Ich-Bewusstsein erkennen. Alle Menschen können der Liebe Gottes teilhaftig werden, aber nicht alle machen davon Gebrauch, weil sie einen freien Willen hätten. Für ihn lag der Wille zwischen Vernunft und Begierde. Bei Augustinus geht es nicht mehr wie bei Platon um den Aufstieg der Seele zu Gott, sondern um Begegnung mit Gott im Innern. Durch Gebet öffnen Menschen sich der Gnade Gottes. Sein Werk Bekenntnisse sind Dialoge mit Gott, worin auch menschliche Schwächen zum Vorschein kommen dürfen.

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Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die antike Familie, Staat und Kosmos

Siedentop zeigt deutlich auf, dass die Aufklärung versuchte, die Antike heller zu zeichnen und das Mittelalter dunkler als sie wirklich waren. Für das Studium des Altertums ist es aber unerlässlich, sich auf Zeugnisse zu stützen, die uns diese Epoche hinterlassen hat. Nur so können wir jede Epoche realistisch wahrnehmen und einschätzen. 1. Die antike Familie In der Antike waren aber die Gesellschaft und die Familie mit dem pater familias alles, denn er war auch Richter und Hohepriester. Die einzelne Person jedoch galt nichts. Der Vater hatte das heilige Feuer am häuslichen Herd zu hüten, der Herd erhielt somit altarähnliche Funktionen. Diese Aufgabe übergab er dem ältesten Sohn. Nur so konnten die göttlichen Ahnen unter der Erde ruhig gehalten werden. Erst wenn die Familie ausgestorben war, hörte auch das Feuer auf zu brennen. Religion war Familienkult und bestimmte Beziehungen, Besitz und Boden und bewahrte sie. Der Vater war gottähnlich, dem man verpflichtet, zugeneigt und ergeben war. Die Gesellschaft war ein Zusammenschluss von Familien, die je ein eigenes Recht und Kult hatten, die in der Familiensphäre gelebt wurden. 2. Der antike Staat Die Aufklärung idealisierte den antiken Staat, die res publica, obwohl diese vom Patriarchat bestimmt und geprägt worden war und Unterordnung verlangte. Die Entwicklung in der Antike ging von der Familie zum Clan, dann zum Stamm, die wiederum in Städten zusammengezogen wurden. So wurde alles grösser, auch die polytheistischen Götter und ihr Einfluss nahm zu. Ein Sohn wurde auch zuerst in der Familie aufgenommen, dann im Kult des Stammes und als erwachsener Bürger in der Stadt, der terra patria. Frauen und Sklaven hatten wenig Rechte, Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen. Erst im römischen Reich bekamen auch jüngere Söhne mehr Rechte. Wille der Götter und eine hohe Tugend war dagegen die Hingabe an das heilige Vaterland. Urbs war der physische Ort, civitas dagegen der moralische Kitt, der religiös-politische Zusammenhalt. 3. Der antike Kosmos Vernünftige und überzeugende Reden zeigten die soziale Überlegenheit und den hohen Status einer Person an. Arbeit und Handel waren in der Antike verachtet, dagegen wurde militärische Tapferkeit geachtet. Denn das Ziel war Ehre in der res publica. Hierarchische Vorstellungen wurden auch aufs Weltall projiziert. Dadurch wurde ein antikes Modell mit Kristallsphären gebildet, bei dem Logos und Aufstieg wichtiger waren als Beobachtung des realen Alls.

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