Donnerstag, Januar 05, 2017

Von der Steinwüste nach Zagora

Den neunten Trekking-Tag verbrachten wir zuerst auf der Hochebene des Jbel Bani. Das Biwak war in einer Senke, in der sich eine Oase gebildet hatte, die aus Dattelpalmen und einen gemauerten Brunnen bestand. Die letzte Wanderetappe ging durch die Steinwüste, die hier auf einer ausgedehnten Hochebene war. An einem Ort hatte es gar eine kleine Nomadensiedlung. Kurz darauf begegneten wir einer Ziegenherde, später stiessen wir noch auf einige Esel am Wegrand. Am Schluss ging der Trampelpfad doch noch etwas bergauf auf einen Pass zu. Von dort hatten wir herrliche Sicht aufs nächste Quertal, in dem sich auch die Stadt Zagora befand. Direkt vor uns war einerseits die Wüste, andererseits aber auch bewässerte rechteckige Felder mit grünen Palmen und braunen Äckern. Irgendwo dazwischen lag eine dorfähnliche Siedlung. Das Wasser wird aus dem Boden gepumpt. Der marokkanische Staat fördert solche Einrichtungen. Nach einem letzten Mittagessen in der Wüste stiegen wir hinab in die Zivilisation. Wir nahmen Abschied von unsern zuverlässigen und geduldigen Kameltreibern, und ich schenkte einem von ihnen meine weit gereisten Wanderschuhe. Ein Kleinbus brachte uns auf einer schnurgeraden Strasse in die dreissig Kilometer entfernte Stadt Zagora. Dort bezogen wir ein einfaches Hotel namens La Fibule am Stadtrand. Dann gingen einige von uns in einen der städtischen Hamam, den viele Marokkaner regelmässig wöchentlich besuchen. Dort gab es klar getrennte Frauen- und Männerbäder, wo sich Alt und Jung intensiv und konzentriert der Reinigung mit Wasser und Seife widmeten. Väter seiften ihre Söhne ein oder ihre Väter und sich selbst. Wer genug Geld übrig hatte, gönnte sich eine Gommage, ein Schrubben durch einen kräftigen Mitarbeiter des Hamans. Das war ein wunderbares Baden, das Zeit und Musse brauchte und so richtig gut tat nach neun Wüstentagen mit wenig Wasser!

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Samstag, Dezember 24, 2016

Von der Sandwüste zur Steinwüste

Sechs Tage verbrachten wir in der Sandwüste Erg Chegaga. Dann wanderten wir weiter in die Steinwüste des Jbel Bani hinein. Sandwüste heisst Schwemmland in Sand, Sandstein und Sanddünen, die sehr unterschiedlich hoch sein können. Die höchsten Sanddünen waren bis zu hundert Meter hoch. Das Besteigen bedeutete Kraftaufwand, da hier der Sand doch lose war und nachgab. Aber die Ausssicht in die weite Wüstenwelt war der Preis wert. Nachdem wir einen Seitenarm des leeren Draaflusslaufes überquert hatten, erreichten wir die Steinwüste. Das Wandern wurde etwas mühsamer, doch bald tauchten Trampelpfade auf, die sich über Jahrhunderte durch Karawanen gebildet hatten. Das erleichterte das Gehen und auch die Orientierung. Nach einigen Stunden erreichten wir ein Tal, das zu durchwandern war. Gegenüber einer Nomadensiedlung war unser Biwakplatz. Am nächsten Tag ging es weiter das Tal hinauf. Der Fluss hatte zwar kein Wasser, aber bald tauchten Tümpel im Flussbett auf und die Vegetation nahm etwas zu. Die Landschaft wurde wieder vielfältiger. Darauf folgte eine karge Hochebene. Der nächste Biwakplatz war eine Oase, die in einer Vertiefung gelegen war. Viele Palmen wuchsen hier. Zudem sahen wir wieder einen Brunnen, aus dem Wasser für Mensch und Tier geschöpft werden konnte, eine Wohltat!

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Mittwoch, Dezember 21, 2016

Ein Tag in der Wüste

Etwa um sieben Uhr standen wir jeden Tag in der Wüste Erg Chegaga auf. Meist war ich froh aufzustehen, war doch das Gelieger nicht allzu bequem, und irgendein Körperteil schmerzte immer etwas. Das war nicht weiter schlimm. Mit dem Aufstehen war oft auch der Sonnenaufgang verbunden, ein wundervoller Moment, der alles in ein warmes Licht tauchte. Nun hiess es Anziehen, Einpacken, Zeltabbauen und dann Frühstücken. Etwas von den Zelten entfernt war schon unsere Bastmatte mit Geschirr und Frühstückssachen vorbereitet. Wir durften uns an einen gedeckten "Tisch" setzen, ein wunderschönes Bild mit grosser Symbolkraft! Ich hatte den Eindruck, dass alle diese Zeit des Seins und des Essens sehr genossen haben. Sie dauerte auch etwas länger als notwendig, um etwas von der besonderen Atmosphäre aufzunehmen. Die Chameliers, der Koch und unser marokkanischer Guide waren mit dem Abbau der grossen Zelte, aller Einrichtungen und dem Aufladen der Kamele beschäftigt. Um halbneun Uhr war Losmarsch, wobei in der Regel die Kamelkarawane losging, die auch schneller als wir unterwegs war. Wir wanderten langsamer und trotzdem stetig etwa zwei Stunden bis zur Znünipause. Salah, unser Guide, bot uns Nüsse, Datteln und Feigen an zur Stärkung. Bald ging es jeweils noch ein bis zwei Stunden weiter bis zum Mittagsrast. Nach zwei Stunden Essen und Ausruhen war die Nachmittagsetappe dran, die je nach Strecke zwei bis drei Stunden dauerte. Nachmittags oder früh abends erreichten wir das neue Biwak. Die Arbeit mit Zelt aufstellen, auspacken und Wasser filtrieren begann von neuem. Die Sonne ging unter, Schatten legten sich auf die Wüste und die Nacht brach herein.
So gingen insgesamt neun Tage wohltuend in fast gleichen Rhytmus vorüber. Anfänglich waren wir sehr beschäftigt mit den alltäglichen "Arbeiten" wie Wandern, Wasser filtrieren, Körperpflege, Auspacken, Einpacken, Zeltaufstellen, Essen und Schlafen. Es blieb mir gar nicht so viel Zeit und Energie zum Lesen und zum Nachdenken. Die Aufmerksamkeit war stark auf die Stillung der Grundbedürfnisse ausgerichtet. Erst mit etwas Gewöhnung an diesen Tagesablauf und Lebensstil stellte sich Routine und weniger Aufwand ein. Die innere Reise erhielt nun mehr Raum. In der weiten Wüste und unter dem grossen Sternenhimmel kam ich mir manchmal klein und unbedeutend vor. Wer bin ich eigentlich? Was ist mir wirklich wichtig? Was will ich noch in meinem Leben erreichen? Mit diesen Fragen halte ich mich Gott hin und erwarte, dass er Antworten und Ruhe geben wird.

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Montag, Dezember 19, 2016

Von den Dörfern zu den Dünen

Um die Mittagszeit nach zwei bis drei Stunden Wanderung erreichten wir das nächste Dorf, Oulad Mhiya, das aus einer Kasbah und auch aus einigen Neubauten bestand. Das schönste Haus hier und vielerorts in Marokko war jeweils die Moschee mit dem farbig angemalten Minarett. Die Minarette sahen fast immer gleich aus: Es waren quadratische Türme von etwa vier Meter Seitenlänge, die ungefähr fünfzehn Meter hoch sind. Die Farbe war oft gebrochenes rosa mit weissen Rändern. Zuoberst war nochmals ein Türmchen aufgesetzt, worin der Lautsprecher für den Muezzinruf untergebracht war. Der Ruf des Muezzins zum Gebet muss aber gesprochen respektiv gesungen sein und wird niemals ab Gerät abgespielt. Er wird nur mit dem Lautsprecher verstärkt, damit er weit herum hörbar ist.
Etwas ausserhalb des Dorfs konnten wir eine Mittagspause einlegen. Unser marokkanischer Koch hatte ein einfaches, aber leckeres Mittagessen gekocht und die Bastmatte ausgebreitet im Schatten von Palmen. Wir sassen oder lagen zu Tisch und genossen Tee, Gemüse und Beilage. Vor uns lag eine Sanddüne, die sich vom stahlblauen Himmel abzeichnete. Nach zwei Stunde Pause ging die Wanderung über einige Sanddünen und eine steinige Ebene weiter. Das alte Nomadendorf Mhamid el Rhezlane lag vor uns. Einige Kinder spielten auf einem Platz vor dem Dorf. Im Dorf selber, in seinen engen Gassen trafen wir wieder auf vereinzelte verhüllte Frauen, die sich diskret bewegten und sich fast unsichtbar machten. Kommunikation war aus sprachlichen Gründen schwierig - sie sprechen berberisch - und wegen kulturellen Unterschieden unüblich. So durchquerten wir rasch das Dorf und kamen in die anschliessenden Felder. Palmhaine begleiteten uns noch kilometerweit. Irgendwann nahmen dann die Sanddünen wieder zu und nach einer Stunde Marsch hatten wir das Nachtquartier erreicht. Unsere Kameltreiber hatten bereits ein Biwak mit Koch-, Ess- und WC-Zelt aufgebaut. Unsere Zweierzelte stellten wir selber auf und legten unsere Matten, Schlafsäcke und persönliche Utensilien hinein. Bis zum Abendessen war freie Zeit zur Regeneration und Entdeckung der näheren Umgebung. Um halbsechs ging die Sonne unter, um sechs Uhr wurde es dunkel und um sieben Uhr gab es im Esszelt ein Essen mit Gemüsesuppe, Hauptgang und kleinem Dessert.

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Samstag, Dezember 17, 2016

Beginn des Trekkings

Nach dem Besuch des Nomadenhauses konnte das Trekking richtig losgehen. Zuerst gingen die drei Chameliers Abri, Achmed und Hemmi mit ihren sieben Lastkamelen und dem Koch Tiara los. Dahinter folgten wir als Reisegruppe aus der Schweiz mit neun Teilnehmenden und dem Schweizer Reiseleiter Matthias Rickli und dem marokkanischen Guide Salah. (Mehr zu Matthias Rickli und seinen Reisen findet man unter www.ricklireisen.ch.) Begleitet wurden wird von Mohammed und seinem Reitkamel, "le chameau selle", was aber genau Kamelsattel heisst. Zuerst gingen wir auf einem lehmigen Feldweg, der von Palmen, Lehmmauern und einigen Häusern gesäumt war. Kurz darauf tauchte eine Kasbah namens Bounou auf. Das ist eine traditionelle, ineinander geschachtelte Nomadensiedlung aus Lehmbauten, wie sie vielerorts in Nordafrika vorkommen. Teile davon waren intakt und bewohnt, daneben gab es Ruinen von Häusern, die am zerfallen waren. Denn diese traditionellen Lehmbauten brauchen viel Unterhalt, insbesondere nach Regenfällen muss der lehmhaltige Verputz wieder ausgebessert werden. Menschen sahen wir wenig, nur einzelne Frauen und Kinder tauchten auf, aber sie gingen zur Seite, wenn wir kamen oder verschwanden schnell hinter einer kleinen, dunklen Haustüre. Nachdem wir diese Kasbah verlassen hatten, lag nun die weite Wüste, der Rand der Sahara, vor uns. Ein erhebendes Gefühl, wenn man weiss, wie riesig diese Wüste ist. Immer weniger Bäume und Büsche begleiteten uns links und rechts. Manchmal sah man noch geflochtenes Schilf, das den Sand aufhalten sollte, jedoch nicht mehr intakt oder von Sand aufgefüllt war. Dann tauchte plötzlich vor uns ein grosses weisses Schild "militärische Sperrzone" auf, weil wir nur etwa dreissig Kilometer von Algerien entfernt waren. Die Grenze ist gesichert und überwacht. So drehten wir hier nach rechts, Richtung Südwesten, ab. Zwischendurch gab es wieder mehr Dattelpalmen, der Grund zeigte sich bald: ein Bewässerungskanal aus Beton, der zwar leer aber noch intakt war. Dattelpalmen sind eine wichtige Erwerbsquelle der Nomaden. Sie müssen aber hier bewässert und gepflegt werden. Dreimal im Jahr muss ein Arbeiter auf die Palmen hochsteigen; einmal zur Bestäubung, dann zur Ernte und schlussendlich zum Abschneiden dürrer Palmwedeln, damit wieder Freiraum für die Fruchtstände entsteht.

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Donnerstag, Dezember 15, 2016

Besuch eines Nomadenhauses in Mhamid

Bevor unser Trekking nun losgeht, konnten wir das Haus der Nomaden besichtigen. Es ist ein typisches Lehmhaus mit zwei Geschossen, Dachterrasse und einem gedeckten Innenhof. Dicke Mauern und schilfgedeckte Lehmdächer halten Haus und Innenhof auch im Sommer angenehm kühl, da die Aussentemperaturen hier bis zu 60 Grad Celsius betragen können. Zurzeit sind es tagsüber 25 Grad und nachts ungefähr zehn Grad Celsius; im Winter können die Nachttemperatur auf null Grad fallen. Wie bei den meisten Nomadenhäusern gibt es nur eine Eingangstüre und kaum weitere Fenster nach draussen. Im Innenhof herrschte angenehmes, gedämpftes Licht, das von seitlich oben einfiel. In die Schlafgemächer konnten wir natürlich nicht besichtigen, dafür jedoch in andere Seitenräume, wo Gegenstände des Alltags, der Arbeit und Schmuck ausgestellt sind. Es sind eindrückliche Zeugen einer Berberkultur, die traditionelle Arbeitsgeräte und farbenfrohe Feste kennen.
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Mittwoch, Dezember 14, 2016

Zagora und Mhamid - Tore zur Wüste

In Zagora, der letzten richtigen Stadt auf unserem Weg, wurde nochmals eingekauft: vor allem Wasser, aber auch drei Meter lange Stoffbahnen für den Schesch, die traditionelle Kopfbedeckung der Wüstenbewohner, die einem Turban gleicht. Nach Zagora wurde unsere Strasse zunehmend schmäler und auch der Verkehr nahm allmählich ab; Dörfer wurden seltener. Wenn Neubausiedlungen auftauchten, waren es meist staatlich unterstützte und militärisch genutzte Anlagen, weil wir nun der algerischen Grenze nahekamen. Vor dem letzten richtigen Dorf Mhamid bogen wir links ab. Ein holpriger Feldweg führte uns zu einer Nomadensiedlung. Ein stattliches Lehmhaus war von Gärten, Acker und Palmen umgeben und mit Lehmmauern abgegrenzt. Hier begann unser Trekking. Rote Zweierzelte standen schon, und bald tauchten auch Kamele und ihre Treiber, die Chameliers, auf. Es war abends, und die Nacht brach schnell herein. Wir waren müde, da kam das Abendessen gerade richtig. Ein Bastteppich war ausgelegt, rotes Plastikgeschirr bereit. Wir knieten oder sassen auf kleinen Hockern. Mit einer Gemüsesuppe begann das Essen, dann folgten Fleisch, Gemüse und Teigwaren. Zum Nachtisch gab es Früchte, Äpfel oder Mandarinen. Nun wurde vieles rudimentärer und ursprünglicher, so auch die sanitären Anlagen, die aus Stehklosett und Aussenlavabo bestanden. Danach gings ins Zweierzelt zum Schlafen. Eine dünne Schaumstoffmatte und ein dreilagiger Schlafsack dienten als Schlafutensilien. Wir fielen in einen tiefen, bleiernen Schlaf. Bei Sonnenaufgang, morgens um sieben Uhr standen wir auf, das war auch in den nächsten Tagen so. Warmes Licht streifte über den gelbbrauen Boden, alle Gegenstände warfen lange Schatten und eine wunderschöne Szenerie entstand vor unseren Augen.

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