Montag, Mai 20, 2019

N. T. Wright: Reich Gottes, Kreuz, Kirche.

2015 kam im Francke-Verlag in Marburg dieses Buch von Tom Wright heraus mit der ISB-Nummer: 978-3-86827-504-9. Es trug den Untertitel: Die vergessene Story der Evangelien. Das Original erschien 2013 bei HarperCollins mit dem Titel: How God became King. Etwas zum Autor: Der Brite Nicolas Thomas Wright wurde 1948 geboren. Er ist Professor für Neues Testament und frühes Christentum, und er war anglikanischer Bischof im englischen Durham. Er gilt als einer der führenden Forscher des Lebens von Jesus und ist ein profilierter Neutestamentler, der kaum in ein aktuelles theologisches Lager passt. Zum Buch: Wrights Bücher sind keine leichte Kost, das gilt auch für sein Werk Reich Gottes, Kreuz, Kirche. Es umfasst 336 Seiten, und ich brauchte etwas Zeit, um mich an seine Denkart und an seinen Schreibstil zu gewöhnen. Hilfreich war, dass Wright seine persönliche Entwicklung zum Thema teilt. Und er will uns eine umfassendere Sicht von Gottes Absichten in der Bibel und insbesondere in den Evangelien hinweisen. Es geht um das Reich Gottes, das oft übersehen oder in eine bestimmte Richtung umgedeutet wurde. Er braucht dazu im Buch das passende Bild der vier Lautsprecher, die gebraucht werden, um einen Innenraum harmonisch zu beschallen. Nur wenn alle vier Lautsprecher im richtigen Mass aufgedreht sind, kann Musik angemessen gehört werden. Nun gibt es in unserem Raum sowohl Lautsprecher, die zu laut eingestellt sind, als auch welche, die zu wenig oder gar nicht aufgedreht wurden. Beide Situationen wirken sich ungünstig auf eine gute Tonwiedergabe aus. Übertragen gilt das auch für die Evangelien: die vier Lautsprecher sind die vier Bedeutungsstränge. Diese sind: die Story Israels (im Sinn einer bedeutungsvollen Erzählung), die Story des Gottes Israels, das erneuerte Volk Gottes und der Zusammenstoss der Reiche. Nur wenn all diese vier Bedeutungen überhaupt und im richtigen Mass gehört werden, kann das Evangelium Gottes richtig verstanden werden. Wright behauptet, dass dies bei vielen Christen und zu vielen Zeiten der Kirchengeschichte nicht der Fall gewesen sei. Das Evangelium sei oft unvollständig und einseitig verstanden und gelebt worden. Alle Glaubensbekenntnisse würden zu Unrecht das Mittelstück der Evangelien, das Reich Gottes, ausklammern. Daher sei es ausserordentlich wichtig, die vier Evangelien nochmals vollständig zu lesen, genau hinzuhören, die vielfältigen Bedeutungen aufzunehmen und das verkannte Reich Gottes wahrzunehmen. Wright beschreibt die biblische Botschaft ab Seite 234 zusammengefasst etwa wie folgt: Gott ist der Schöpfer und der Erlöser der Welt. Er berief Israel, damit er die Welt retten konnte. Und er wurde sogar selbst Israel in der Person seines repräsentativen Messias, des Knechts Jahwes, wie er schon in Jesajabuch in Kapitel 40 bis 55 beschrieben wurde. Im Danielbuch Kapitel sieben wurde er zudem als Menschensohn dargestellt. Mit Jesus hat er definitiv das Reich Gottes eingeläutet, sein Königreich, seine Herrschaft im Himmel und auf Erden aufgerichtet. Für diesen zentralen Zweck kam Jesus auf die Erde, lebte hier und starb und ist auferstanden. Jesus verkündete das Reich Gottes und forderte seine Jünger auf, Anteil daran zu nehmen und es zu ihrem Lebensmuster zu machen, obwohl sie erst wenig davon verstanden hatten. Israel wurde nicht aufgegeben und ersetzt, sondern verwandelt. Mit seinem Kommen nach Jerusalem und seinem Kreuzestod hat Jesus den heruntergekommenen Tempel(dienst) ersetzt. Er hat sowohl menschliche Gewalten als auch geistliche Mächte besiegt; er hat gezeigt, wie Gott mit dem Bösen fertig wird. Deshalb ist der Tod Jesu am Kreuz mehr als Sühne und Stellvertretung, er ist auch Liebe, Erneuerung, Sturz der Weltreiche und Tür zur neuen Gartenstadt Gottes.

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Montag, Juli 23, 2018

Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt

Zum Autor: Arnold Angenendt wurde 1934 im nordrheinischen Goch geboren und ist ein katholischer Theologe und Priester geworden. Als Kirchenhistoriker hatte er den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Bochum 1983 bis 1999 inne. Er vertritt mentalitäts- und sozialgeschichtliche Ansätze, die in seinen kirchengeschichtlichen Werken zum Ausdruck kommen, so in der Geschichte der Religiosität im Mittelalter (1997). Seine Schrift: Das Frühmittelalter - Die abendländische Christenheit von 400–900 (1990) wurde sogar zum Standardwerk und löste damit die kirchengeschichtlichen Werke von Hans von Schubert ab, die dieser 1902 bis 1906 verfasst hatte. Mit Toleranz und Gewalt hat er erneut ein beachtetes Werk vorgelegt. Zum Buch: Das 799 Seiten dicke Buch mit dem Untertitel Das Christentum zwischen Bibel und Schwert ist 2018 bei Aschendorff in Münster mit der ISBN-Nummer: 978-3-402-00215-5. Es ist eine weitreichende Untersuchung zur Geschichte über das westliche Christentum, insbesondere wie es die Bibel bezüglich Frieden und Gewalt verstanden und umgesetzt hat. In Kürze lässt sich sagen, dass das erste Jahrtausend viel stärker von der Nächstenliebe und dem Gleichnis Jesu über den Weizen und das Unkraut geprägt und dadurch friedliebender und duldsamer gegenüber Andersgläubigen war als das zweite. Angenendt behauptet dies nicht nur, sondern belegt es mit Erkenntnissen aus Forschungen vieler historischer, theologischer und soziologischer Fachleute. So zeichnet er mit diesem Werk ein differenziertes Bild der Kirchengeschichte, das sowohl Sonn- und Schattenseiten aufweist.
Eine positive Auswirkung war die Abschaffung der Sklaverei in Europa um das Jahr 1000 (und er zitiert hier insbesondere den amerikanischen Soziologen Rodney Stark). Wegen der Gottesebenbildlichkeit der Menschen, Nächstenliebe und Brüderlichkeit und der gemeinsamen Kommunion beim Abendmahl in der Kirche liess sich die Sklavenhaltung nicht mehr rechtfertigen und halten, und sie wurde in Europa schrittweise geächtet und abgeschafft. In Spanien wurde 1542 bis 1573 auch viel theologische und politische Kritik am Kolonialismus geübt, aber die Ausbeutung und Verelendung der Indianer konnten die Kritiker dann doch nicht verhindern (S. 472). Jahrhunderte später haben William Wilberforce und die Dissenters im britischen Empire viel für die globale Sklavenbefreiung getan. Die Aufklärer übernahmen hier die Positionen der Quäker und Evangelikalen und nicht umgekehrt! Das fromme England hat weit mehr für die praktische Gleichheit der Menschen getan und erreicht als das aufklärerische Frankreich, was oft übersehen oder vergessen wird (S. 223-225). In calvinistisch geprägten Staaten waren der Bundesgedanken (Gottes) und das Naturrecht so wichtig, dass sich viele Bewohner aktiv an der Politik beteiligten, grobe Ungerechtigkeiten schneller beseitigt und die Anfälligkeit für autoritäre Regimes eliminiert werden konnten. Es sind keine kirchrechtlichen Ketzertötungen belegt bis ins Jahr 1022; erst damals liess der französische König Robert der Fromme an der Bischofssynode in Orléans einen Ketzer verbrennen. Damit wurde eine Grenze überschritten, die vorher über Jahrhunderte durch die Bibel und der aus ihr abgeleiteten gemeinsamen Moral entwickelt und gelebt wurde. Denn es galt Gottes Wort zu befolgen, seinen Sozialsinn einzuhalten, den Nächsten zu lieben und Gott das Urteil über Glauben und Unglauben zu überlassen. Christen war Heiliger Krieg wegen Friedensgebot und Missionskrieg wegen freier Entscheidung der Menschen verboten (S. 484). Für die Kreuzzüge ab 1091 waren auch durch theologisch neue und fragwürdigere Begründungen wie Rückgriffe auf Beispiele aus dem Alten Testament von Bernhard von Clairvaux und anderen diese vorher errungenen Limiten teilweise ausser Kraft gesetzt worden! Angenendt macht auch konkrete Angaben über die Anzahl der verfolgten Katharer in Südfrankreich: Etwa 20'000 Anhänger mussten sich vor der Inquisition verantworten. Doch sie verloren seiner Meinung nach eher wegen den gut funktionierenden Bettelorden an Einfluss und Bedeutung. Die Waldenser wurden vor allem in Böhmen hart verfolgt, mehr als 5'000 wurden angeklagt, etwa 250 davon wurden verbrannt. Der berüchtigten spanischen Inquisition sind 4'000 bis 6'000 Personen anzulasten, der römischen dagegen „nur“ 97 Hinrichtungen (1542-1761). Er stellt fest (und weist nach), dass die weltlichen Gerichte zur damaligen Zeit häufig viel unrechtmässiger, unfairer und brutaler vorgegangen waren. Sie waren auch für die ungefähr 50'000 Opfer der Hexenprozesse verantwortlich, die mehrheitlich nördlich der Alpen im germanischen Raum stattfanden; die Verantwortlichen in den romanischen Kulturen waren in dieser Hinsicht deutlich zurückhaltender.
Angenendt schreibt in diesem Werk auch viel über das Verhältnis von Juden und Christen im Lauf der Kirchengeschichte. Oft wurde der christliche Glaube als Fortsetzung des jüdischen verstanden, denn die Ethisierung des Glaubens und die Spiritualisierung des Kultes hatten bereits mit den jüdischen Propheten begonnen (S. 491). Der Vorwurf des Gottesmordes an die Juden wurde von Personen wie Johannes Chrysostomos (344-407) und Augustinus (354-430) vertreten und verbreitet, was Origenes (184-253) dagegen noch deutlich ablehnt hatte. Denn wie in der Antike war auch im Christentum das Judentum grundsätzlich eine erlaubte Religion (S. 496). Während dem ersten Kreuzzug 1096 wurden 2'000 bis 2'500 Juden in Mainz, Worms und Köln ermordet, was knapp zehn Prozent aller Juden auf deutschem Gebiet waren; viele Juden in anderen Städten wurden damals von ihren christlichen Herrschern geschützt. Während der Pestepidemie 1348 bis 1350 fanden erneut Tausende Juden den Tod, weil man ihnen die Verbreitung dieser tödlichen Krankheit anlastete, so in Strassburg (2000? Personen), Erfurt (976), Basel (730), Worms (mehr als 580), Nürnberg (562), Konstanz (330), Trier (300) und Breslau (mehr als 250). Die Ritualmordlegende geht auf Simon von Trient im Jahr 1475 zurück, der damals vor Ostern ermordet und dann als Märtyrer verehrt wurde. Die Schuld wurde ungerechterweise den Juden zugeschoben, die ihn angeblich verspeist hätten. Die spanische Inquisition 1480 bis 1530 traf die Conversos, die vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertiert waren, besonders hart, weil man ihnen oft nicht Glauben schenken wollte. Um die 5'000 Personen fanden dadurch den Tod. 1492 wurden um die 50'000 Juden aus Spanien vertrieben, weil sie an ihrem Glauben festhalten wollten. Angenendt geht auch teilweise auf die Situation im 19. und 20. Jahrhundert ein. Er zeigt auf, dass sich auch ein säkularer, kultureller Antisemitismus entwickelt hatte, zu dem auch Voltaire und Marx zu zählen sind. Für Marx bestand das Judentum vor allem aus Eigennutz, Schacher und Geld (S. 544). Die evangelischen Theologen und Kirchen Deutschlands seien weit anfälliger für Judenfeindlichkeit und Nationalsozialismus gewesen, weil sie viel stärker national geprägt und ausgerichtet waren als die weltumspannende römisch-katholische Kirche. Die Pius-Päpste seien grundsätzlich judenfreundlich gewesen, wobei Pius VII zwar um die 100'000 Juden gerettet habe, aber nicht kommunikativ klar und eindeutig genug gegen den deutschen Antisemitismus und das Hitlerregime aufgetreten sei. Eine grundlegend neue Theologie nach Auschwitz wurde notwendig, die katholischen Gelehrten Johann Baptist Metz und Erich Zenger waren hier führend im deutschen Sprachraum, sie benutzten das Alte Testament nicht mehr als Kontrastfolie (für den christlichen Glauben), sondern zeigten dessen theologischen Eigenwert deutlich auf. Angenendt lässt auch durchblicken, dass der heutige Säkularismus wenig tragfähige Regeln und sinnvolle Lösungen für die (post)moderne Gesellschaft anzubieten habe. Deshalb zitiert er den deutschen Philosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde, der gesagt hat, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann (S. 344). Trotz teilweise berechtigter Kritik am Christentum, insbesondere wenn es sich nicht an seinen Gründer und die neutestamentlichen Schriften hielt, weist Angenendt ausführlich nach, dass der christliche Glaube und seine Vertreter mehr positive als negative Entwicklungen in Gang gebracht haben. Das lässt sich vielleicht auch an den gut entwickelten Werten wie Freiheit, Frieden und Fairness festmachen, die uns viel Wohlstand und zahlreiche Wahlmöglichkeiten gebracht haben, auf die wir ungern verzichten würden. Das Werk Toleranz und Gewalt ist für mich ein akribisch begründeter Beitrag zur Würdigung der langen christlichen Geschichte, die uns massgeblich geprägt hat, und die wir trotz dunklen Teilen nicht vorschnell verwerfen sollten. Denn wirklich tragfähige und sozialverträgliche Alternativen sind nicht in Sicht!

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Freitag, Juni 10, 2016

Larry Siedentop: Geburtswehen der modernen Freiheit

21. Volksbegehren und Ordensbrüder. Mönche hatten oft Ansehen bei den einfachen Leuten, da diese meist von unmoralischen Priestern betreut wurden. Franziskus belebte und förderte zu seiner Zeit und unter den Mönchen Armut, Demut und Nächstenliebe. 22. Verteidigung der egalitären Moralvorstellungen. Im 12. Jahrhundert wurde Aristoteles und seine Physik, Metaphysik und Ethik durch Bonaventura, Albert Magnus und Thomas von Aquin wiederentdeckt. Während sich die Dominikaner für Vernunft und Lehre einsetzten, hatten die Franziskaner Bedenken gegen Aristoteles. Augustinus hatte durch Paulus die heidnischen Grenzen seiner Bildung überwunden. Thomas von Aquin dagegen entdeckte als Christ Aristoteles und erweiterte seine Theologie mit Spekulationen wie, dass ewige Ideen im Geist Gottes seien. Der schottische Theologe und Philosoph Duns Scotus (1266-1308) stellte nüchtern fest, dass Freiheit die Voraussetzung für moralisches Verhalten sei. Im 13. Jahrhundert etablierten sich neue Fakultäten und Universitäten: Recht in Bologna, Theologie in Paris, Philosophie in Oxford und Medizin in Montpellier. 23. Gottes Freiheit und des Menschen Freiheit vereint: Ockham. Der Franziskaner Wilhelm von Ockham (1288-1347) lehrte einen Nominalismus, die „via moderna“, dass Gott als Schöpfer frei gewesen sei in seinen Entscheidungen. Er sei nicht gebunden gewesen an „ewige Ideen“ und rationale Notwendigkeiten. Der Mensch handle aus dem Ich, der Seele. Ockhams Rasiermesser, dass die sparsamste Erklärung die beste sei, richtete sich gegen die natürliche Theologie und rationalistische Philosophie. Der Nominalismus war die Basis für die empirische Wissenschaft und den liberalen Säkularismus. Die Fähigkeit zu rationalem Handeln ist Freiheit, wie sie bereits Paulus verkündet hatte. 1315 wurde die Leibeigenschaft in Frankreich abgeschafft. 24. Kampf um eine repräsentative Regierung in der Kirche. 1378-1417 kam es in der römisch-katholischen Kirche zu einem Schisma mit zwei Päpsten. Die Konziliarbewegung wollte den Konzilien mehr Befugnisse zumessen als dem Papst. Das liberale Denken entwickelte sich, als sich moralische christliche Vorstellungen gegen die autoritäre Kirche zu richten begann. 25. Abschied von der Renaissance. Liberalismus war eine Folge von Konfessionskriegen, bei denen versucht wurde, den richtigen Glauben gewaltsam durchzusetzen. Trennung zwischen Kirche und Staat bewirkte, dass Religion zunehmend zur Privatsache in der Privatsphäre wurde. Hugo Grotius (1583-1645), Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1704)und Charles de Secondat Baron de Montesquieu (1689-1755)waren die Hauptexponenten dieser Entwicklung. Die Renaissance wurde überbewertet, denn sie hat nicht die Neuzeit eingeläutet. Der Basler Historiker Jakob Burckhardt (1818-1897) hat begonnen, diese falsche Sicht zu portieren. Der Liberalismus beruht auf moralischen Voraussetzungen, die er vom Christentum übernommen hat. Er bewahrt die christliche Ontologie ohne die Metaphysik der Erlösung. Es fand ein Prozess von moralischen Forderungen zu sozialem Status statt. Bereits im 14. und im 15. Jahrhundert hatten die Kanonisten und Philosophen Voraussetzungen geschaffen, um eine Trennung geistlicher und weltlicher Sphäre vorzunehmen. Sie legten eine Basis für eine rechtlich abgesicherte Privatsphäre, in der sich Freiheit und Gewissen verbreiten und entfalten konnte. Diese Hinwendung zur Innerlichkeit haben Meister Eckhart, John Wycliffe und Jan Hus schon früh vorgelebt. Eine persönliche Beziehung zu Gott war ihre Grunderfahrung und Quelle der Moral und menschlicher Beziehungen. Sie kannten die Disziplin der Bibellektüre und verbreiteten sie und förderten dadurch die allgemeine Bildung. In Paris, Oxford, Heidelberg, Prag und Krakau setzte sich der Nominalismus durch. Monarchien in Frankreich, England und Spanien entstanden im 15. Jahrhundert. Epilog: Christentum und Säkularismus. Bei der Idee der Gleichheit spielte das Christentum eine entscheidende Rolle. Liberalismus und Säkularismus haben religiöse Wurzeln. Das Christentum hat menschliche Identität verändert, indem es den jüdischen Monotheismus mit seinem abstrakten Universalismus mit der spätgriechischen Philosophie verband. Das Christentum hat sich nicht durch Gewalt ausgebreitet, sondern durch Überzeugung. In Nordamerika, wo es keine dominierende Kirche gab, breitete sich eine christlicher Säkularismus aus, der bürgerliche Freiheit und Nächstenliebe ermöglichte. Er ist durch verschiedene Fundamentalisten und Radikale in Gefahr.

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Donnerstag, Juni 09, 2016

Larry Siedentop: Ein neues Regierungsmodell

17. Zentralisierung und das neue Gerechtigkeitsgefühl: Das Papsttum entwickelte sich von 1050 bis 1300 von einer passiven Autorität zu einer aktiven Macht mit funktionierender Bürokratie. Es wurde zur ersten und letzten Instanz in Rechtsfragen. 1132 bis 1312 fanden sieben ökumenische Konzile statt. Kirchenrecht regte das philosophische Denken an und trug zur Abspaltung von der Theologie bei. 18. Die Demokratisierung der Vernunft: Der Amerikaner Harold J. Berman habe am besten beschrieben, wie sich das Papsttum im Mittelalter verändert hatte. Der moralische Status wurde zur sozialen Rolle; Gleichheit wurde zu natürlichem Recht für das dialektische Denken. Abaelard (1079-1142) hat mit seinem Werk „Sic et Non“ den theoretischen Analyserahmen festgelegt. Petrus Lombardus (1095-1160) hat mit „Sentenzen» eine systematische Theologie vorgelegt. Individuelles Handeln wurde zur Basis des Naturrechts. 19. Auf dem Weg zum Nationalstaat: Alle Menschen haben von Natur aus Rechte, Gleichheit und Gerechtigkeit sind universell. Das entspricht dem kanonistischen Denken, das sich aus griechischer Philosophie und christlichen Moralvorstellungen gespiesen hat. In der gregorianischen Reform wurde die Kurie in gesetzgebende, gerichtliche und administrative Bereiche aufgeteilt. 20. Aufruhr der Städte: Das Stadtleben erwachte erneut im 11. und 12. Jahrhundert, besonders in Italien, Südfrankreich und Katalanien. Vorher war es unsicher und zu ungeregelt gewesen. Es entstanden Marktplätze mit Handwerkern und Kaufleuten, Zünfte und Hansen wurden gegründet. In den Städten gab es Aufstände gegen die Feudalherren, und die Städte wurden zunehmend zu autonomen Rechtsgebilden, ein Bürgertum mit politischem Willen entstand.

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Mittwoch, August 19, 2015

Frank Crüsemann: Der Gott der jüdischen Bibel und die Messianiät Jesu (Teil 2)

7. „Erfüllung“ oder „Bestätigung“ der Schrift (Seiten 229-257) Nach Justin dem Märtyrer ist das Alte Testament prophetische Vorhersage des Lebens Jesu Christi. Was aber heissen eigentlich das hebräische male’ und das griechische pleróo, die oft mit erfüllen wiedergegeben werden? Sie bedeuten: voll machen, füllen (wörtlich und bildlich), erfüllen, halten der Gebote der Tora, ins Recht setzen, bestätigen, bekräftigen, unterstreichen und entsprechen. „Wer andere liebt, hat die Tora erfüllt“ entspricht auch, dass die Fülle der Tora die Liebe ist. Bei Paulus werden keine Verheissungen erfüllt, sondern die Tora wird erfüllt. Im Matthäusevangelium hat es viele Erfüllungszitate (1,22; 2,15-23; 4,14; 8,17; 12,17; 13,55; 21,4; 26,54-56; 27,9+35). Erfüllung heisst für Crüsemann vollmächtige Inkraftsetzung der Schrift (Seite 255); denn die Schrift lasse sich nicht auf das christologisch Relevante reduzieren. . . . 8. „Gibt es keine Auferstehung der Toten, dann ist auch Christus nicht auferstanden“ (1Kor 15,13). Auferstehung als Schriftauslegung (Seiten 258-287) Crüsemann beginnt hier mit der Feststellung, dass heute ein breiter Konsens im christlichen Glauben bestehe, dass die Auferstehung Jesu Dreh- und Angelpunkt sei. Viele finden, dass dies auch das Neue sei, doch Crüsemann weist dagegen auf die Kontuinität der Schriften hin, weil es „auferweckt nach den Schriften“ (1 Kor 15,3-5) oder „wie die Schriften sagen“ (Luk 24,27-45) heisse. Damit wird auf Stellen wie Gen 22,4; Ex 19,11-16; 2 Kön 20,5; Esth 5,1; Jes 53; Hes 37; Hos 6,2-4 und Jon 2,1 Bezug genommen. Die Totenauferstehung spielte in der jüdischen Tradition anfänglich kaum eine Rolle, in den Psalmen wurde der Tod ambivalent behandelt, aber in der spätjüdischen Apokalyptik hatte sie einen wichtigen Platz. Jesus gab den Sadduzäern, den Gegnern der Auferstehung, (Mt 22,23-33) und im Gleichnis vom reichen Mann (Lk 16,19-31) eine pharisäische Antwort, in der er von der Auferstehung ausging. Gottes Macht über den Tod war bereits im Alten Testament vielfach bezeugt, diese Fülle spiegelt sich dann auch im Neuen. Die Rede über die Auferstehung Jesu ist auf die Sprache, die Vorstellungen und auf die Verheissungen des Alten Testaments angewiesen, um sie richtig verankern zu können. . . . 9. „Zur Rechten Gottes“ – Die Erhöhung und Präexistenz des Christus und die Identität des Gottes Israels (Seiten 288-314) Psalm 110,1: „Setze dich zu meiner rechten Hand“ kommt 16 resp. 21 mal im Neuen Testament und ist somit das häufigste Zitat aus dem AT. Mit „sitzend zur Rechten Gottes“ hat es sogar Eingang ins Apostolikum gefunden. Die christlichen Theologen haben das Alte Testament zunehmend nur mehr im Horizont der Offenbarung Gottes in Christus gelesen, ausgelegt und dogmatisiert. Crüsemann dagegen plädiert dafür, dass das Neue Testament dem Alten die Wahrheit ganz zugestehe. Denn der Gott Israels war auch im AT schon immer ein Befreier und Gerechter, so wie er in Exodus 20,2 und anderswo beschrieben wurde. Christus handelte nicht von sich aus, sondern Gott handelte an Christus am Kreuz, in Auferstehung und Erhöhung, wie diese Machtübergabe im Matthäusevangelium 28,18-20 beschrieben wurde. Und der Messias wird am Ende Gott seine Macht übergeben respektiv zurückgeben (1Ko 15,28 u.a.). Deshalb war es falsch, Christus gegen das Judentum zu lesen. . . . 10. Der Wahrheitsraum der Schrift und das neutestamentliche „Jetzt“ des Heils (Seiten 315-341) Im Lukasevangelium wird von „heute“ gesprochen, während Paulus das „jetzt“ im Römerbrief (besonders 3,21) und die Fülle der Zeit im Galaterbrief (in 4,4) hervorstreicht. Im Hebräerbrief 3,7 wird dazu Psalm 95,7 zitiert. Geist und Schrift sind zuerst zwei unterschiedliche Sachen, die auf zwei Ebenen liegen; bei ersterem geht es um Geschehen und Handlung, beim zweiten um Lesung und Auslegung. Sie sind aber in einer Art Kreislauf miteinander verbunden und bewirken so Leben und Lebendigkeit. Denn die Geistkraft wirkt so, dass die in der Schrift bezeugten grossen Taten Gottes erzählt werden und Gott dadurch gross gemacht und gepriesen wird (Seite 333). Die Schrift ist durch Gottes Geist bewirkt und ist Grundlage des Glaubens und Heils. Paulus entfaltet seine Theologie als Mischung von alttestamentlichen Schriftzitaten und Schriftauslegung. Das Neue Testament beansprucht nirgends, selbst Produkt des Geistes zu sein.; sondern beschreibt die Lebendigkeit des Geistes, die untrennbar mit der inspirierenden Schrift zusammengehört. Erst im nachbiblischen zweiten Jahrhundert nach Christus ist es dann zur zweigeteilten christlichen Bibel gekommen, worin der erste Teil herabgesetzt wurde. Crüsemann leistet mit diesem Buch einen wertvollen Beitrag, um diese altkirchliche Einseitigkeit und fatale Fehlentwicklung mit grossen Auswirkungen bis in die Gegenwart zu korrigieren.

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Dienstag, August 18, 2015

Frank Crüsemann: Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen

Ein Freund hat mir dieses Buch empfohlen, das den Untertitel trägt: Die neue Sicht der christlichen Bibel. Es ist im Gütersloher Verlagshaus 2011 unter der ISBN 978-3-579-08122-9 erschienenen. Frank Crüsemann wurde 1938 geboren, studierte 1958-1964 evangelische Theologie in Hamburg, Heidelberg, Mainz und Erlangen. 1968 promovierte er in Mainz. 1980-2004 war er Professor für Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule in Bethel, Bielefeld. Er gilt als einer der profiliertesten evangelischen Alttestamentler der Gegenwart. . . . Zum Buch: Schon der Titel drückt etwas vom Anliegen des Autors aus, dass das Alte Testament die Basis, eben der Wahrheitsraum, des Neuen ist. Crüsemann, ein Schüler von Gerhard von Rad und Hans Walter Wolff, legt darin dar, dass er mit diesem Werk eine Grenzüberschreitung als Alttestamentler vornehmen werde. Aber mit Paulus und seinem Zitat: „Nicht über das hinaus, was geschrieben steht“ (1. Korintherbrief 4,6), und heute zunehmend mit weiteren Theologen vertritt er die Auffassung, dass die Schrift, wie sie vom Neuen Testament selbst bezeichnet wird, eigentlich vorerst nur das Alte Testament meine. Dieses muss für Christen, die christliche Theologie und den christlichen Glauben denselben theologischen Rang haben, den es im Neuen Testament für Jesus und die Verfasser der neutestamentlichen Schriften hatte. Zu Beginn weist er auch darauf hin, dass die Begebenheit, als Jesus bei den Lehrern im Tempel war, häufig ungenau gelesen und dann falsch interpretiert werde. Es heisst dort nämlich zu Beginn: Jesus sitzt dort mitten zwischen den Lehrenden und hört ihnen zu und befragt sie... (Lk 2,41-51). . . . 2. Teil: Bisherige Modelle und Aporien. 1. Kapitel: Typen der Zuordnung von Neuem und Altem Testament (Seiten 31-64). Crüsemann stellt folgende Modelle vor, die im Umgang mit dem Alten Testament wesentlich waren: · Ablehnung des Alten Testaments durch Marcion und die „deutschen Christen“ der Nazizeit. · Altes Testament als Christuszeugnis war bei Martin Luther und Wilhelm Vischer vorherrschend. · Relativierung und Selektion des Alten Testaments: Gotthold Ephraim Lessing, Julius Wellhausen, Gerhard von Rad, Hartmut Gese und Peter Stuhlmacher vertreten diese Sicht. Crüsemann stellt fest, dass sich eigentlich alle Richtungen seit dem 2. Jahrhundert nach Christus einig sind, dass · das Neue Testament das Alte übertrifft · das Neue Testament eigenständig ist · das Alte Testament ein Buch der Kirche geworden ist; Juden werden weder gefragt noch einbezogen. . . . 2. Kapitel: Biblische Theologie? – oder: Wie viel Systematik erlaubt die Schrift? (Seiten 65-78). Vor allem Dietrich Bonhoeffer, Gerhard von Rad und der Schotte James Barr (1924-2006) haben einen neuen Zugang zum Alten Testament eröffnet für die christliche Theologie. Barr hat 1999 in Minneapolis ein bahnbrechendes Werk herausgegeben, das diese alttestamentliche Sicht betont: Concept of Biblical Theology. An old Testament Perspective. . . . 3. Kapitel: Die Anerkennung Israels durch die christlichen Kirchen & die Notwendigkeit eines neuen Ansatzes. (Seiten 79-90) Ein dramatischer und beispielloser Wandel hat nach dem Holocaust in den christlich-jüdischen Beziehungen stattgefunden. Erstmals in der christlichen Geschichte wurde das Judentum theologisch anerkannt, und eine doppelte Hermeneutik wurde eingeführt und zunehmend akzeptiert. David Flusser von jüdischer Seite, Peter von der Osten-Sacken, Ekkehardt und Wolfgang Stegemann, Luise Schottroff, Gerd Theissen und Klaus Wengst waren führende Figuren im deutschsprachigen Raum. Und Erich Zenger (1939-2010) hatte 1991 begonnen, das Alte als Erstes Testament zu bezeichnen. Die christliche Identität begann sich zu verändern, so dass sie sich nicht mehr über die Ablehnung oder Entwertung des Judentums zu definieren brauchte. . . . 4. Kapitel: Was bedeutet das Alte für das Neue Testament? (Seiten 93-151). Im Neuen Testament gibt es viele Bezeichnungen für das Alte Testament, die meisten kommen auch oft vor: · Die Schrift · Die Schriften · Es steht geschrieben · Wie geschrieben steht · Gesetz/Tora, Propheten und Schriften (oder Psalmen) · Tora und Propheten. Das Neue Testament ist durchgängig, von Anfang bis zum Ende, auf das Alte bezogen. Besonders stark sind die Bezüge bei Matthäus, in den Passionsgeschichten mit Psalmzitaten, bei Paulus im Römerbrief, im Hebräerbrief und in der Apokalypse. Während Hieronymus sich aufs hebräische Alte Testament bezog und somit näher beim Judentum blieb, wollte Augustinus nur die Septuaginta, die griechisch-hellenistische Bibelversion, anerkennen und verstärkte damit Entfernung zur hebräischen Denk- und Glaubenswelt. Gerhard von Rad sprach von Abschattungen und Vorausdarstellungen und Hans W. Wolff von Analogien im Alten Testament; Crüsemann dagegen vertritt eine andere Position, er schreibt auf Seite 137: „Es gibt im Neuen Testament kein Substrat, keinen Kern, keine christliche Wahrheit, die nicht alttestamentlich gewonnen wäre.“ . . . 5. Kapitel: Was ist das Neue im Neuen Testament? (Seiten 152-191). Generell gilt die Meinung, dass das Neue dem Alten Testament überlegen sei, es gar ablöse. Doch für Crüsemann stellt sich die Frage, inwiefern dass es eine Bewusstheit der Neuheit gegeben habe. Ein grosser Teil der neutestamentlichen Aussagen über das Neue stammen nämlich aus dem Alten Testament, insbesondere aus dem Jesajabuch, Kapitel 42-65, und aus dem Jeremiabuch, Kapitel 31-38. Tertullian (150-230) war der Erste, der den Begriff des Neuen Testaments gebraucht hat, Vorläufer in diese Richtung waren aber Irenäus (135-202) und Klemens von Alexandria (150-215). Der Alte Bund bestand aus verschiedenen Bundesschlüssen (Noah, Sinai, etc.), die immer noch in Kraft sind, weil sie unkündbar sind. Der Neue Bund, wie er im Hebräerbrief bezeichnet wird, kann auch als innerjüdisches Gespräch über Christus angesehen werden. Das Alte Testament wird von Crüsemann als „Schrift der Schrift“ bezeichnet, wie sollte dann das Neue passend benannt werden? Darauf gibt es keine befriedigende Antwort! . . . 6. Kapitel: Der Gott Israels, die Völker und die Kirche (Seiten 192-223). Crüsemann hält fest: Wir sind nicht Abraham und Israel und dürfen uns nicht an ihren Platz stellen; wo dies geschah, wurde Kirchen- zur Fluchgeschichte. Israel ist als Ethnie das Volk Gottes. Das erwählte Volk ist Instrument Gottes zur Gewinnung der Nichterwählten, Israel ist auch Priestervolk für die Menschheit. Die Kirche dagegen ist „Ekklesia“, Versammlung, und Leib Christi, der Körper des Messias; sie ersetzt Israel als Volk Gottes nicht! Das ist erst nachbiblisch geschehen, dass Israel durch die Kirche ersetzt wurde. Die Tora wird im Neuen Testament als Gabe Gottes an Israel vorausgesetzt, sie wurde durch Jesus neu und effektiv in Kraft gesetzt (Seite 213). Das Matthäusevangelium kann als Portal zum Neuen Testament gesehen werden, besonders in 5,17-20 und 23,2 kommt diese Sichtweise am besten zur Geltung.

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Donnerstag, Januar 08, 2015

15: Divine Humanity (Göttliche Menschheit)

Arius (250-336) war ein Häretiker und hat das Nizäaische Konzil heraufbeschworen. Er hatte gemäss seiner alexandrinischer Philosophie Jesus nicht als ewigen Gott gesehen, sondern nur als Teilnehmer der göttlichen Natur. Für den Orthodoxen Hart aber wurde Gott Mensch, damit der Mensch göttlich werden konnte, denn nur Gott selbst könne uns mit Gott verbinden. Die Revolution des Christentums bestand darin, dass es die antike Zivilisation absorbieren und eine neue Moral, Spiritualität und Intellektualität hineinbringen konnte. Die Welt wurde demystifiziert und neu definiert, und alles bekam eine neue Ethik mit fast unbegrenzter Würde.
Schlussteil: Reaction and Retreat. Modernity and the eclipse of the Human (Reaktion und Rückzug. Moderne und die Verdunkelung des Menschlichen) Der Vorwurf der neuen Atheisten sei, dass Religion alles vergifte, was Hart gründlich und vor allem geschichtlich in Frage stellt. Er ist dagegen der Meinung, dass sich Sensation besser verkaufe als Sinn. Materialismus sei eine metaphysische Theorie der Realität. Als historische Kraft war Religion nie nur gut oder schlecht, aber sie hat die menschliche Natur in all ihren Dimensionen reflektiert (Seite 221). Weil Gottes Reich nicht von dieser Welt sei, habe die christliche Kultur nie eine Bewegung produziert, die Rettung durch politische Aktion (allein) wollte. Der Aufstieg der Wissenschaften sei keine Leistung des Rationalismus gewesen, weil er bereits früher begonnen habe. In der Spätscholastik kam dann der Voluntarismus als neue theologische Position auf, die zum Aufstieg des Frühkapitalismus, der Mittelklasse, des Bildungsbürgertums und des zunehmenden Wohlstands gut gepasst habe. Die nachreligiösen Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit waren begleitet von über 100 Millionen Toten. Hart befürchtet, dass das nachchristliche Zeitalter banal werden könnte. Viele Wissenschaftler klammern sich (zu sehr) an die empirischen Wissenschaften nicht nur als Quelle des Wissen und der Hypothesen, sondern (fälschlicherweise) als Schiedsrichter der Werte, der Moral und der metaphysischen Wahrheit.

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14: The Death and Birth of Words (Der Tod und die Geburt von Wörtern)

Der letzte gesamtrömische Kaiser Theodosius I (347-395) regierte 379 bis 395 und veränderte viel, was sich dogmatisch und institutionell - aus heutiger Sicht katastrophal - auf das Christentum auswirkte: ·380: Proklamation katholischer Glaube als offizielle Religion ·381: Verbot heidnischer Riten ·382 Umwandlung heidnischer Tempel in staatliche Museen ·385: Verbot heidnischer Traditionen ·389: Zerstörung heidnischer Tempel, Auflösung heidnischer Organisationen, Verbot Häretiker ·391: Ende Unterstützung heidnischer Feste und Bann auf Blutopfer ·392: Verbot Göttergaben, Opfer und Bilderanbetung ·393: Ende der olympischen Spiele Die (katholische) Kirche war zu seiner Zeit stärker als der römische Staat geworden, weil Transzendenz über Recht gestellt wurde. Daher musste sich Theodosius für den Mord an 7'000 Thessalonikern vor Ambros verantworten und diese Tat bereuen. Das Christentum bot nun umfassend eine persönliche Befreiung und Reinigung, eine einheitliche geistliche Kultur, eine wiederbelebte Zivilisation und moralische Erneuerung an. Das Christentum war zu einer Synthese aus Hellenismus und Judentum geworden (Seite 198; hier taucht plötzlich das Judentum auf, das sonst von Hart leider ausgeblendet wird und kaum eine Rolle spielt. Das wäre mein Hauptkritikpunkt an seinem Werk.)

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Mittwoch, Dezember 24, 2014

5: The Destruction of the Past (Die Zerstörung der Vergangenheit)

Hart zeigt nachvollziehbar auf, dass Christen des Ostens viel zum kulturellen Aufstieg beigetragen haben: So waren es syrische Christen in Edessa, Nisibis und Jundishapur, die griechische Werke der Philosophie und Wissenschaft in semitische Sprachen übersetzt hatten. Viele nestorianische Christen waren in der Medizin tätig und entwickelten sie auch weiter. Im "Haus der Weisheit" in Bagdad wurden ab 762 nach Christus wissenschaftliche und philosophische Werke vom Griechischen ins Arabische übersetzt. Hunayn ibn Ishaq (808-873) war dort die führende, herausragende Persönlichkeit. In den spanischen Städten Cordoba und Toledo waren es mozarabische Christen, die dann die arabischen Werke weiter ins Lateinische übersetzten. In Italien hatte der normannische Hof und die Städte Pisa und Venedig griechisch-, lateinisch- und arabischsprechende Gelehrte. Aus all diesen historischen Fakten kann der Schluss gezogen werden, dass der Islam vom östlichen Christentum profitierte, das westliche Christentum sowohl vom östlichen Christentum als auch vom Islam. Auf Seite 55 formuliert Hart es so: „Nur wenige heidnische Dichter (ihrer Zeit) können es mit dem kraftvollen Griechisch von Johannes Chrysostomos aufnehmen oder mit der klassischen Grösse von Gregor von Nazianz oder mit dem Latein von Augustinus oder mit der Eleganz und Präzision von Jerome und Ambrosius. Es gibt kaum etwas Intensiveres und Reichhaltigeres als Augustins Bekenntnisse oder Ehrlicheres und Bewegenderes als Nazianz autobiografische Dichtung. Die Klöster der Kirche allein haben die klassische Zivilisation vor dem Untergang gerettet. Und im Osten war es die christliche Kultur, welche die griechische Weisheit in Schulen und Bibliotheken aufbewahrt hat in Griechenland, Syrien und Kleinasien. Viele Leistungen des Hellenismus wurden von Christen in Philosophie, Theologie, Ethik und Kunst aufgenommen und verarbeitet.“

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David Bentley Hart: Atheist Delusions

Der amerikanische orthodoxe Theologe und Philosoph David Bentley Hart wurde 1965 in Maryland geboren. Er hat an der Universität in Maryland, im britischen Cambridge und in Virginia studiert. Seine Spezialgebiete sind philosophische Theologie, Religionswissenschaft, asiatische Religionen, Patristik und Ästhetik. Er lehrte an der Universität von Virginia, der Universität von St. Thomas in Saint Paul, Minnesota, der Duke-Universität in Durham und am Providence-College in Rhode Island. Er hat verschiedene anspruchsvolle und populäre Bücher geschrieben, so auch Atheist Delusions. The Christian Revolution and its fashionable Enemies. (Deutsch: Der Atheistenwahn. Die christliche Revolution und ihre modischen Feinde.) Es ist bei Yale University Press in New Haven und London unter der ISB-Nummer: 978-0-300-16429-9 erschienen. Bislang wurde nur Harts populäres Werk zur Kirchengeschichte ins Deutsche übersetzt, jedoch nicht Atheist Delusions, das eine wesentliche Stimme in der Diskussion mit Richard Dawkins und seinem Gotteswahn ist. Nun ausschnittweise zum Inhalt: Kapitel 4: The Night of Reason (Die Nacht der Vernunft) Hart ist ein "harter" Gegenspieler von Richard Dawkins, Daniel Dennet, Sam Harris, Christopher Hitchens und Philip Pullman. Denn er bietet Argumente und eine alternative Sicht auf Glaube, Vernunft und Freiheit an, die er im frühen Christentum verankert und bestätigt sieht. Viele Historiker – so auch Jaques Le Goff und Edward Gibbon - und Philosophen der Moderne hätten das Mittelalter einseitig als finster und verwirrt dargestellt, als „Glaubenszeitalter“, weil sie es zu ideologisch rekonstruiert hätten. Oft würden Errungenschaften des christlichen Ostens, von Byzanz und auch der italienischen Gelehrten und Mönche ungenügend wahrgenommen. So gab es im frühen Mittelalter allein in Westeuropa über Tausend Spitalgründungen. Herausragende Persönlichkeiten in dieser Hinsicht waren: Ephraim der Syrer (306-373) in Edessa, Basil der Grosse (329-379) in Kappadozien, Johannes Chrysostomus (347-407) in Konstantinopel, Fabiola (+399) in Rom und Benedikt von Nursia (480-547) in Monte Cassino. Mit dem amerikanischen Publizisten Jonathan Kirsch herrsche immer noch die irrige Meinung vor, dass Christen die antike Bibliothek Alexandrias angegriffen und ein reiches heidnisches Erbe um 390 nach Christus zerstört hätten. Die historische Wahrheit sei jedoch weit komplexer: Die erste königliche Bibliothek Alexandrias mit 700'000 Buchrollen, die durch Potolemäus II (304-246 vor Christus) etabliert wurde, wurde bereits 47 vor Christus durch die Römer unter Pompejus und Julius Cäsar zerstört. Die zweite Bibliothek auf Serapeum mit 42'000 Rollen, vermutlich durch Potolemäus III (246-221 vor Christus) errichtet, wurde durch römische Soldaten und christliche Zivilisten 391 nach Christus zerstört. Rufinus (345-411) und Socrates (380-450) beschrieben diese Zerstörung aber als Folge einer Christenverfolgung, die auf eine Zeit der Koexistenz folgte. Die „Schule von Alexandria“ wurde um 200 nach Christus in einer friedlichen Phase durch die Philosophen Pantaenus, Clemens von Alexandria (150-213) und Origenes (185-254) etabliert. Heiden und Christen lebten in Alexandria Seite an Seite und lernten gemeinsam ungefähr von 200-250 nach Christus. Erst Kaiser Decius, der 249-251 regierte, beendete diese befruchtende Kooperation und verlangte von den Christen die Verehrung der römischen Götter, was eine Christenverfolgung auslöste. Der folgende Gallus war wieder toleranter, Valerian verfolgte die Christen erneut ab 257, die schlimmsten Verfolgungen geschahen später jedoch unter Diocletian (245-316).

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Freitag, August 03, 2012

Mein Fazit zu Boberts Mystik

Informativ, treffend und hilfreich finde ich Sabine Boberts präzise Beschreibungen und Analysen der Gegenwart. Und im letzten Teil kommt nochmals ihr berechtigtes Anliegen zur Geltung: sie misst christlichen Symbolen und lutherischen Riten grosse Bedeutung zu, auch weil sie noch heute körperlich erfahrbar sind. Im Zeitalter der Information und Virtualität ist dies besonders wichtig und auch gut nachvollziehbar. Deshalb will sie die deutsche Messe wiederbeleben. Ich vermute, dass dies auch viel mit ihrer Konversion von einer baptistischen Freikirche zu der evangelisch-lutherischen Kirche zu tun hat. Freikirchen haben häufig viel Sinn für Inhalte und Lehre, jedoch wenig Ahnung für eine bewusste und passende Wahl von Formen und Liturgien im Gottesdienst, Glaubensstufen und Lebensentwicklung ihrer Mitglieder. Gerade auf sensible Menschen wirkt dies oft einengend, schablonenartig und platt. Manchmal hatte ich beim Lesen aber den Eindruck, dass Sabine Bobert dabei etwas übers Ziel hinausschiesst: sie stellt Entwicklungen, Personen und Kirchen nur positiv dar, die durchwegs auch negative Seiten hatten, die aber von ihr ignoriert und ausgeblendet werden, beispielsweise: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Die Verbindung von platonischer Philosophie und christlichem Glauben, die eine körperfeindliche und hierarchische Entwicklung in Theologie und Kirche begünstigte · Bernhard von Clairvaux, Martin Luther und Ignatius von Loyola haben sicher herausragende Leistungen erbracht, aber sie waren auch an unheilvollen Entwicklungen beteiligt, an Gewalt, Kreuzzügen, Machtpolitik und Antisemitismus · Die orthodoxen Kirchen sind häufig auch ein Machtfaktor und problematisch verquickt mit Politik und Militär in ihren jeweiligen Gesellschaften und Staaten. Dagegen ignoriert Bobert mehrheitlich gewaltlose christliche Bewegungen, die noch heute bedeutsam sind und deren Mystik rezipiert und weitergetragen werden sollte: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Jüdische Herkunft des christlichen Glaubens · Jüdische Mystik · Nicht (hoch)kirchliche Mystik, z.B. Pietismus, Quäker u.a, die viel bewirkt haben. Es wäre spannend, mit Sabine Bobert darüber ins Gespräch zu kommen.

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Samstag, Juni 30, 2012

Boberts Geschichte der christlichen Mystik

Ihre eigentlichen Ausführungen zur Mystik beginnt Bobert dann erstaunlicherweise mit Platon und seinem Stufenweg (Seite 44). Er unterschied zwischen 1. Reinigungsstufe (in Symposion 199-201) 2. Einweihung in die Ueberlieferung (201-209) 3. Schau (209-211) . . . . . Etwas gewagt und theologisch einseitig finde ich Boberts These, dass Paulus platonisch beeinflusst gewesen sei. Er verarbeitete Mysterientheologie in der Kultpraxis, seine Tauflehre werde im Römerbrief 6-8, Gal 3,26 und 1Ko 1,13-17 entsprechend beschrieben. Das hauptsächliche Mysterium sei Christus, der den Menschen in der Auferstehung verwandelte. Danach verweist sie auch stark auf Clemens von Alexandrien, der 150-215 gelebt hatte. Er christianisierte Platon, forderte Arkandisziplin von Christen, die sich analog zu Platon zeigte in 1. Reinigung 2. Unterweisung (kleine Mysterien) und 3. Schau (grosse Mysterien) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiter nimmt dann Bernhard von Clairvaux (1090-1153) viel Raum ein. Er lebte zur Zeit, als die Scholastik entstand, die besonders gut von Abelard (1079-1142) und Petrus Lombardus (1095-1160) verkörpert und vertreten wurde. Bernhard dagegen betonte Beziehung und Liebe zu Gott, besonders in seinen Hoheliedpredigten. Er plädierte für Gottes- und Selbsterkenntnis und Gottessuche in der Kontemplation. In (seinen) Klöstern wurde auch vieles aus Gottes unsichtbarer Welt abgebildet wie der quadratische Garten, der Kreuzgang, etc. So wurde Gott und seine Welt besser sichtbar, hörbar und fühlbar gemacht. Gruppenlernen und Dynamik der Klostergemeinschaften trugen noch Wesentliches zur Erfahrung von Transzendenz bei. Mönch Guigo II, der 1193 starb, lehrte folgende Methodenschritte fürs geistliche Leben: 1. Lectio (Bibel lesen) 2. Meditatio (meditieren) 3. Oratio (beten) 4. Contemplatio (schauen) . . . . . Auch Martin Luther lehrte einen ähnlichen geistlichen Weg und war von den Sakramenten und ihren Wirkungen überzeugt. Er legte vor allem die Erfahrungs- und Lebensfremdheit der Scholastik bloss. Der Benediktiner Odo Casel, der 1886 in Koblenz geboren wurde, und als Priester in Maria Laach tätig war bis er 1948 starb, wollte die Mysterientheologie erneuern. Das eigene Miterleben in der Eucharistiefeier wurde wichtiger, so kann „communio“ zur „unio“ werden. Er beachtete die Theologie der Kirchenväter stärker und verfasste religionsgeschichtliche Studien zu antiken Mysterienkulten. Bobert plädiert mit Manfred Josuttis (geboren 1936, ev. Theologe in Göttingen) hier gegen rationalistische Tendenzen und für pneumatische Prozesse. Die (westliche) Theologie greife heute oft zu kurz, denn das Wesen des Theologen sei die Glaubensschau, die von Christus ausgeht (Seite 74). Die Teilnahme am (Mess)Kult fördert das Verstehen. Bild Gottes zu sein sei das Wesen des Menschen, aber zugleich auch seine Aufgabe. Sünde störe Wahrnehmung(sfähigkeit) und Erkenntnis der Wahrheit. Je mehr das Ego zerstört werde, desto mehr entfalte sich Christus. Wandlung (in der Eucharistie) sei nicht religiöser Materialismus, sondern ein Sieg des Geistes; die Materie müsse Gott dienen. Wirksame Rituale hätten Gnadencharakter. Das Heilige sei eine Wirklichkeit, die immer präsent, aber nicht immer zugänglich sei, die man nicht auflösen darf. Durch rituelle Methoden werde ein atmosphärische Machtfeld realisiert, wo das Göttliche Menschen ergreife und Resonanz auslöse. Mystagogie sei die Kunst der Initiation, der Hineinführung in das Geheimnis der eigenen Existenz, anderer Menschen, des Kosmos und Gottes. Religiöse Phänomene seien möglichst wörtlich und wirklich zu nehmen. Christliche Mystik sei ein Erfahrungsweg, der auf ein gegenwärtiges Leben mit Gott ziele und echte Gotteserkenntnis bewirke. Sie sei personale Begegnung mit Jesus und dem dreieinigen Gott, die sogar erotische Komponenten umfassen könne, den Menschen reinige und verwandle zum Bild Gottes. Sie mache mit Jesus Christus heilsame Erfahrungen und lege anspruchsvolle Wege zurück. Die orthodoxe Theologie sei viel stärker Mysterientheologie geblieben, die mit kultischen Spiegelungen und Kommunikation und Kraftworten arbeite und mit Kraftteilhabe rechne. Ihre Spiritualität will den Geist materialisieren und die Materie spiritualisieren. Im Osten und Westen wurde durch die mystische Praxis die kulturelle Elite geformt und spezifisches „Kapital“ gebildet in Klöster, Kirchen und Schulen. Einige Definitionen von Sabine Bobert, da die Begriffe häufig noch unbekannt und zudem unscharf sind: 1. Christliche Mystagogik ist christliche Lehre vom mystischen Weg mit Jesus Christus; denn er ist das Urbild des Menschen 2. Praktische Mystagogik ist ästhetisch-kultische und individuell-übende Spiritualität 3. Mystagogische Theorie reflektiert mystische Tradition mit der Wissenschaft 4. Das (mystische) Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch vor allem ein geistiges Wesen ist, das zur persönlichen Vereinigung mit Gott bestimmt ist 5. Gesellschaftlicher Kontext: Postmoderne, Interreligiosität und Esoterik 6. Theo-Aesthetik bedeutet zentrierte Aufmerksamkeit und Gegenwart Gottes in allem sehen . . . . . Bobert sieht die westlichen Menschen als heilungsbedürftig und leidend unter metaphysischem Heimatverlust (Peter L. Berger). Die Folgen seien eine Risikogesellschaft (Ulrich Beck) und Ich-AG. Ausgelöst wurde dies durch die Reformation, die ein Autoritäts- und Freiheitsproblem bewirkt hatte. Alles musste danach im Glauben angeeignet werden, sogar die Taufe. Der Einzelne erhielt dadurch viel Verantwortung, mit der nicht immer zurecht komme. Es habe eher zum Laientum aller Priester als zum Priestertum aller Laien geführt. Dagegen betone Mystik im Rahmen von Dietrich Bonhoeffer und von Teilhard de Chardin: · Teilhabe am Vater bedeute Sein, Schaffen und Einheit · Teilhabe am Sohn bedeute Werden, Existieren und Lieben · Teilhabe am Geist bedeute Bewusstwerdung, Integration, Denken und Licht (orthodox) . . . . . Der russische Universalgelehrte und Priester Pavel Florenskij (1882-1937) bezeichnete den Menschen (tiefsinnig) als Maske, Gesicht und Antlitz Gottes. Durch die Erlösung kann die maskenhafte Abspaltung und die dämonische Fremdherrschaft überwunden, das wahre menschliche Gesicht wiederhergestellt und das Ziel als Ebenbild Gottes nach dem Urbild von Jesus erreicht werden.

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Freitag, Dezember 23, 2011

Waldes und Weihnachten

Anfang Dezember hatte ich die Gelegenheit, Torre Pellice südwestlich von Turin zu besuchen. Es ist heute das Zentrum der italienischen Waldenser, die zu den ersten Protestanten Europas gehörten. Sie gehen zurück auf (Petrus) Valdes, der 1140 in Lyon geboren wurde. Er war ein reicher Kaufmann, ähnlich wie Franziskus, der aufgrund von Worten der Bibel umkehrte und den Weg der Armut wählte. Er war nicht sonderlich gebildet, jedenfalls verstand er kaum Latein, und liess deshalb Bibelteile ins Romanische, eine südfranzösische Sprache, übersetzen. Es war die erste Bibelübersetzung in eine Volkssprache in Europa. Zudem predigte er Umkehr auf Lyons Strassen und Plätzen ab 1170 und scharte so Anhänger um sich, die sogenannten "Armen von Lyon". Er wollte "nackt dem nackten Christus nachfolgen". Der Bischof verbot ihm das Predigen, denn es war den gebildeten und geweihten Priestern in der Kirche vorbehalten. Valdes hielt sich nicht daran und kritisierte auch Kirche und Klerus, so dass er 1182 exkommuniziert und ausgewiesen wurde. Er wurde zum Wanderprediger mit Anhängern in Frankreich und Italien. Zusammen mit den lombardischen und böhmischen Brüdern verbreitete sich so die Botschaft dieses einfachen Evangeliums subversiv über ganz Mitteleuropa bis nach Polen. Das wurde zusammen mit anderen abtrünnigen Gruppierungen für die katholische Kirche zum ernsthaften Machtproblem. Mit der Einführung der Inquisition (und der Kreuzzüge) versuchten die Kirchenoberen, wieder Herr der Lage zu werden, was letztlich später die Reformation auslöste. Valdes starb etwa um 1206, er hat keine eigenen Schriften hinterlassen, aber trotzdem viel bewegt und bewirkt.


Höhlenkirche "Gheisa d'la Tana" im Agrognatal

Diese Geschichte und andere Eindrücke bewegten mich zu folgendem Gebet:

Gott,
du kommst von ganz unten zu uns.
Du kommst ganz klein zu uns,
und du kommst ganz arm zu uns.
In Jesus bist du uns ganz nah. Dafür danken wir dir.
Wir bitten dich um Vergebung, dass wir dich immer wieder
in Unscheinbarkeit, Kleinheit und Armut übersehen und verachten.
Erbarme dich über unseren Hochmut und unsere Blindheit.
Wir brauchen deine Liebe und dein Licht.
Danke, dass du uns trotzdem nah bleibst und dein Reich kommt!
Amen


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Montag, November 14, 2011

Zürich, warum ich es mag...




Schon früh war ich ein Aussenseiter. Einer, der die Dinge gerne etwas anders sieht als der Mainstream. Deshalb gilt meine Bewunderung auch Zürichs Geschichte und Dynamik, während mich Berns Behäbigkeit, Besitzstandwahrung und Beamtentum nie sonderlich begeisterte. Letzte Woche hatte ich nun die einmalige Gelegenheit im Rahmen der VCH-Tagung an einer Führung durchs Zürcher Grossmünster teilzunehmen. Noch war der kundige Führer, ein älterer Mann, anfänglich etwas zögerlich, kam aber immer mehr in Fahrt und begeisterte mich für Zürichs eindrückliche Stätte der Reformation. Von aussen nach innen führte uns der Weg in dieses monumentale romanische Bauwerk. Heute besuchen diese Kirche vor allem Touristen aus aller Welt wegen den Glasfenstern des deutschen Künstlers Sigmar Polke, die seit 2009 eingebaut sind. Gerade die Fenster, die aus durchscheinendem und farbigen Achatstein gefertigt sind, sind in verschiedener Weise einzigartig. Die Themenfenster drücken für mich dagegen mehr vom postmodernen Zeitgeist aus, der ganz unterschiedlichste Interpretationen offen und zulässt.
Meine Begeisterung und Faszination hat hingegen der Chorbereich erhalten: Hier ist unter anderem eine Zürcherbibel von 1531 ausgestellt, die Zwingli zusammen mit seinen Mitstreitern vorher übersetzt und diskutiert hatte. Es war ein Gemeinschaftswerk, daher heisst sie auch Zürcher- und nicht Zwinglibibel! Holbein der Jüngere hat sie farbig illustriert, die meisten Reformatoren waren also mitnichten Puristen und wütende Bilderstürmer wie häufig behauptet wird, und Froschauer hatte sie gedruckt. Ein Exemplar kostete damals ein Vermögen, etwa einen Halbjahreslohn eines Handwerkers. Doch bereits nach weniger Zeit waren die ersten siebenhundert Exemplare vergriffen, so dass nachgedruckt werden musste, das Interesse war riesig. Die Stadtbevölkerung betrug damals nur gut 5'000 Personen. Noch heute finde ich die Zürcherbibel von den besten im deutschen Sprachraum, mir gefällt ihre schnörkellose, präzise und feine Sprache sehr; und ich ziehe sie der "blumigeren" Lutherbibel vor.
Neben dem Chor ist eine Art Sakristei angeordnet, wo einfaches Abendmahlsgeschirr und riesige Bibeln und Folianten aus der Reformationszeit aufbewahrt werden. Ebenso sind Fotografien der Grossmünsterpfarrer der letzten Jahrhunderte aufgehängt. Die erste Frau darunter war die erste in Zürich ausgebildete Theologin, die aber nur Pfarrhelferin werden konnte damals Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich kam mir vor wie in einem lebendigen Museum, das noch viele Geschichten zu erzählen hätte. Dem Führer ist es jedenfalls gelungen, mir diese Gemäuer, Räume und Einrichtungen lebendig und bedeutsam zu machen mit seiner feinen Art und innerem Feuer. Zu guter Letzt war noch eine Turmbesteigung möglich, die uns eine schöne Novembernebelsicht auf die grösste Schweizer Stadt bescherte.



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Sonntag, Oktober 16, 2011

Ein Grund für Antisemitismus in christlichen Kirchen

Der Hamburger Theologe Klaus-Peter Lehmann hat in der exegetischen Zeitschrift "Texte und Kontexte" Nr. 88 4/2000 unter dem Haupttitel „Blut ist Leben?“ einen beachtenswerten Artikel verfasst: "Der Born des Antisemitismus im Herzen der Kirche. Messtheologie & lutherische Gesetzeslehre weisen den Weg in eine antijudaistische Oekumene."
Er bringt das Problem der heutigen christlichen Oekumene auf den Punkt, sie ist nämlich unbewusst antijudaistisch! Die christlichen Konfessionen sind sich zwar weitgehend einig im Glauben an Jesus Christus. Sie sind sich aber uneins, was sie von Kirche und ihrer Autorität halten sollen. Die Kirchen sind sich wiederum häufig einig, dass Israel enterbt sei und sie an seiner Stelle getreten seien. Das wird zwar nicht mehr so explizit formuliert, aber unbewusst ausgelebt und davon sind sie geprägt. Das ist jedoch Oekumene auf unbiblischer Basis und mit antisemitischer Färbung.

Lehmann versucht plausibel nachzuweisen, dass dieses Problem eine lange Geschichte hat. Er weist auf das 4. Laterankonzil 1215 hin, das aufgrund seiner Grösse wesentlichen Einfluss und Wirkung auf die katholische Kirche und die westliche Gesellschaft hatte. Das Papsttum mit Innozenz III war auf seinem Höhepunkt, über 1'000 geistliche und weltliche Würdenträger und Abgesandte nahmen am Konzil teil. Einfluss und Macht zeigten sich darin, dass Albigenser, Waldenser, Joachim de Fiore und Amalrich von Bena verurteilt wurden und erfolgreich bekämpft werden konnten. Auch wurde Otto IV abgesetzt, die Inquisition eingeführt und die Beichtpflicht verordnet. Antijüdische Gesetze wurden formuliert, die die Juden kennzeichneten und diskriminierten, was zur Ghettoisierung führte. Dieser meist fiktive, kollektive Judenhass wuchs. Lehmann macht mit L. Poliakov darauf aufmerksam, dass Antisemitismus eigentlich noch schlimmer sei als Rassismus, weil Juden diabolisiert wurden, hingegen Farbige „nur“ bestialisiert.
Gleichzeitig nahmen anschliessend Vorwürfe der Hostienschändung und Ritualmorde zu. Das hat auch mit dem sakramentalen Verständnis des Abendmahls zu tun, dass Wein und Brot in Blut und Leib Christi gewandelt würden. Diese Hostien wurden natürlich verehrt und Hostienwunder immer wieder behauptet. Die Macht der Kirche begünstigte die materielle Gleichsetzung von Gott und Hostie, das Heil wurde vergötzt. Dieser Vorgang der Wandlung wurde Transsubstantiation genannt, lateinisch „consecratio“. Sprachlich vereinigt sie aber verschiedene hebräische Worte, deren Bedeutungen aber nicht austauschbar sind: Heiligung, Salbung, Weihung, Ueberführung und sogar Kinderverbrennung (Ez 16,21). Consecratio war zuerst ein Begriff der römischen Staatsreligion, bei dem Profanes zu Sakralem wurde. Das heidnische Denken vergötterte zunehmend den römischen Kaiser. Das hat aber nichts mehr mit dem jüdischen Verständnis zu tun, der Vorrang Israels wurde somit verneint und der Ethos der Bibel ignoriert.
Nicht nur die katholische Kirche hatte ein Judenproblem, leider war auch der Reformator Martin Luther ein Judenfeind. Das zeigte sich, indem er die Tora paganisierte (heidnisch interpretierte), sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnte und starke Vorurteile gegenüber Juden hatte.

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Donnerstag, Oktober 28, 2010

Was die Trennung von der Synagoge bewirkte


Fassade der Synagoge in Casale Monferrato (Italien)


Bereits im 1. Jahrhundert nach Christus haben sich Kirche und Synagoge getrennt. Kirche und christliche Theologie hat sich weitgehend von ihrem jüdischen Hintergrund gelöst und verabschiedet. Durch diese verhängnisvolle Trennung ist die Kirche eigensinige, und zum Teil falsche Wege gegangen und hat die griechische Philosophie aufgesogen, ist eine weltliche Macht geworden und hat auch eine Blutspur hinterlassen.
Die Folge davon ist, dass wir als Christen verlernt haben, das Aeltere und auch das Neuere Testament mit den Ohren der damaligen jüdischen Zuhörer zu hören und zu verstehen. Dadurch kam es zur irrtümlichen Meinung, dass Jesus etwas ganz Neues und Anderes gelehrt habe und das Judentum damit überholt und ungültig sei. Das ist leider die Haltung vieler Christen. Auf diese Weise hat sich viel unbewusste Ueberheblichkeit und Antisemitismus eingeschlichen und entwickelt. Viele Aussagen und Handlungen von Jesus können wir nicht mehr in ihrer Tiefe einordnen und verstehen, weil wir wenig Kenntnis der jüdischen Denk- und Lebensweise der damaligen Zeit haben. Aber auch das Neuere Testament ist ein jüdisches Buch, das in seinem Kontext verstanden und gedeutet werden will. Es gilt heute den reichen Schatz jüdischer Ueberlieferung zu entdecken, damit wir zu den Wurzeln der neutestamentlichen Ueberlieferung vordringen und davon viel lernen können.


Römisch-katholische Kirche in Vercelli (Italien)


Diese Zeilen sind inspiriert durch die evangelische Theologin Susanne Schmid-Grether, von der und deren Bücher ich viel gelernt und profitiert habe. Für ein vertiefteres Verständnis von Jesus halte ich ihre Werke im deutschen Sprachraum für unverzichtbar.

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Mittwoch, Oktober 27, 2010

Abraham Joschua Heschel


war einer der bedeutendsten jüdischen Rabbis des 20. Jahrhunderts in den USA und hatte gesagt:
"Der Prozess der Entjudaisierung in der christlichen Kirche bahnte den Weg für die Preisgabe ihres Ursprungs und die Entfremdung vom Kern ihrer Botschaft.
Heute steht die (christliche) Kirche vor der Frage, ob sie nach ihren Wurzeln im Judentum suchen und sich selbst als eine Erweiterung des Judentums verstehen soll oder sie ihre Wurzeln im hellenistischen Heidentum findet und sich selbst als Antithese zum Judentum versteht."

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Freitag, Februar 12, 2010

Gedanken zum Theodizee-Problem


Zwar lässt sich das Problem des Bösen (oder: Warum lässt Gott das Leid zu?) nicht lösen, trotzdem erlaube ich mir, einige gesammelten Gedanken dazu weiterzugeben. Ich habe die Argumente aus verschiedenen Quellen, auch Seiten wie www.wikipedia.org sind recht ergiebig für Interessierte.

Das Wort „Theodizee“ wurde 1710 von Gottfried Wilhelm von Leibniz eingeführt und bedeutet eigentlich die Rechtfertigung des Glaubens an Gottes allmächtige und allweise Güte angesichts der sinnlos scheinenden Übel in der von ihm geschaffenen Welt. Es handelt sich um ein schwieriges Thema der Philosophie- und Theologiegeschichte, das schon viele grosse Denker herausgefordert hat.

Als am 11. November 1755 Lissabon von einem Erdbeben zu zwei Dritteln dem Erdboden gleichgemacht wurde, war dies für das ganze aufgeklärte Europa «ein ähnlicher Schock wie der 11. September für unsere Zeit», betonte kürzlich der Zürcher Weihbischof und Philosoph Peter Henrici anlässlich einer Tagung zu diesem Thema: «Die Zerstörung einer Stadt, die an der Spitze des kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritts stand, versetzte dem Optimismus des Jahrhunderts einen harten Schlag.» Für Voltaire war nach diesem Ereignis der Glaube an einen guten und weisen Weltenlenker fortan unmöglich. Kant indessen sah die Sache anders. Er war der Ansicht, dass nicht Gott für die Katastrophe von Lissabon verantwortlich gemacht werden dürfe. Vielmehr sei es der Unvernunft der Menschen zuzuschreiben, die eine Grossstadt in einer Zone angelegt hatten, von der man wusste, dass sie erdbebengefährdet ist.
Peter Henrici warnte davor, für das Theodizee-Problem allzu einfache Antworten zu suchen. «Das Erdbeben von Lissabon war ein Naturereignis, das, wenn überhaupt, nur von der Hand Gottes gelenkt werden konnte. Der 11. September dagegen war einzig und allein das Werk von Menschen.» Nachfolgend einige möglichen Teilantworten für diese schwierige, kaum lösbare Problematik:

· Freiheit des Menschen, sein freier Wille schafft eben auch Böses (z.B. Deismus)

· Schöpfung ist unfertig. In der Bibel gibt es keine endgültige Antwort auf das Böse, sondern Gott rettet aus dem Bösen. Gott hat mit der Schöpfung dem lebensfeindlichen Chaos eine Ordnung abgerungen. Klaus Berger : „Gott ist nicht grausam, davon bin ich im Laufe meines Lebens als Neutestamentler zusehends überzeugt. Sondern, wenn ein Unglück passiert, ist es allemal die Eigengesetzlichkeit dieser Schöpfung. Wenn jemand vor das Auto läuft und überfahren wird, ist es kein grausamer Gott, sondern es sind die Naturgesetze. Wer so über die rote Ampel hinwegsieht, dem ist nicht zu helfen. Wunder sind für diese Fälle nicht vorgesehen. Es gibt kein Menschenrecht auf Wunder. Der Tod gehört zu dieser Schöpfung hinzu, weil sie schwach ist. Gott will die Überwindung des Todes in all seinen Formen."

· Das Übel als Wille Gottes. Eine mögliche Sicht auf die Bibel verneint, dass Gott nur für das verantwortlich sein kann, was Menschen als „gut“ bewerten, sondern für alles verantwortlich ist, wenn man seine Allmacht ernst nehmen will. Einige Bibelstellen nach der konkordanten Uebersetzung dazu sind: "ALLES, d.h. ausnahmslos jedes Wesen, diene Gott" (Psalm 119:91). Gott mache alles zu seinem Zweck, auch den Gottlosen (Sprüche 16:4). "Ich [Gott] bilde das Licht und ERSCHAFFE das Finstere, bewirke das Gute und ERSCHAFFE das Unheil. Ich, Ieue Aluim, mache all dieses" (Jes. 45:7). "Oder geschieht ein Unglück in der Stadt, und der HERR hätte es nicht bewirkt?" (Amos 3:6). "Herodes wie auch Pontius Pilatus mit den Nationen und den Völkern Israels [waren versammelt], um alles auszuführen, was Deine Hand und Dein Ratschluss vorherbestimmt hatten, dass es geschehe" (Apg. 4:26-28). "Was wollen wir nun vorbringen? Doch nicht, es gebe Ungerechtigkeit bei Gott! Möge das nicht gefolgert werden! Denn zu Mose sagt Er: Erbarmen werde ich Mich, wessen ich mich erbarmen möchte; und Mitleid werde ich haben, mit wem ich Mitleid haben möchte. Demnach liegt es nicht an dem Wollenden noch an dem Rennenden, sondern an dem sich erbarmenden Gott. Denn die Schrift sagt zu Pharao: Ebendeshalb habe ich dich erweckt, damit Ich an dir Meine Kraft zur Schau stelle und damit Mein Name auf der gesamten Erde kundgemacht werde. Demnach erbarmt Er sich nun, wessen Er will, aber Er verhärtet auch wen Er will." (Römer 9:14-18, siehe dazu 2. Mose 4:21, 9:12, 14:4, 14:7). "Nun wirst du erwidern: Was tadelt Er dann noch? Wer hat je denn je Seiner Absicht widerstanden? - O Mensch, in der Tat, wer bist denn du, Gott gegenüber eine solche Antwort zu geben? Das Gebilde wird doch nicht dem Bildner erwidern: Warum hast du mich so gemacht? - Hat der Töpfer nicht Vollmacht über den Ton, aus derselben Knetmasse das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen?" (Römer 9: 19-21). "Gott gibt ihnen einen Geist der Betäubung, Augen die nicht erblicken ..." (Rö. 11:8). "es [unser Evangelium] ist denen verhüllt, die umkommen, in welchen der Gott dieses Äons die Gedanken der Ungläubigen blendet, damit ihnen der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus nicht erstrahle." (2. Kor. 4:4). "Er [ein Bote Gottes] bemächtigte sich des Drachen, der uralten Schlange (die der Widerwirker und der Satan ist) und band ihn für 1000 Jahre." (Offb. 20:1ff).

· Gott hat sich von den Menschen zurückgezogen, die ihn ablehnen (z. B. Pfarrer Wilhelm Busch) Dietrich Bonhoeffer sagte es so: "Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt hinausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns."

· Es gibt keine Lösung: Wir sind nicht berechtigt, Gott anzuklagen. Wir können nur dialektisch vom Paradoxon reden (Karl Barth: Das Böse ist die „unmögliche Möglichkeit“). Ähnlich äußern sich Theologen von heute, beispielsweise Alfred Buß: „Ehrliche Theologie gesteht ein, dass es auf die Frage nach dem Sinn des Leidens keine Antwort gibt. Wer sie trotzdem versucht, setzt nur Irrlichter auf.“ (Karsten Huhn: Wie kann Gott das zulassen?) Fast 2000 Jahre zuvor wird in den Sprüchen der Väter, einem Teil der Mischna und Hauptwerk der jüdischen Ethik formuliert: Rabbi Janai sagt: Es ist uns nicht gegeben zu wissen, warum Frevler in Wohlergehen und Gerechte in Leiden leben. (Kap. IV, Vers 19)

· Die Unabhängigkeit der Engel/Dämonen


Einige weitere Stimmen, die wirklich etwas zu sagen haben:

Schalom Ben-Chorin: Als Gott schwieg. Eine Theologie nach Auschwitz. Das Problem der Theodizee. Die Rechtfertigung Gottes angesichts der Uebel der Welt
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Nun meine ich, dass wir keine zureichende Antwort auf diese Frage haben. Höchstens gewisse Hinweise. Der erste Hinweis ist der, dass die Sünde der Preis der Freiheit ist. Da der Mensch frei ist, kann er sich zum Guten und zum Bösen entscheiden. Auschwitz ist die extreme Entscheidung des Menschen gegen den Menschen, aus der Freiheit des Menschen heraus, der das Böse tun kann, obwohl er das Gute erkennt.
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Von der Bibel her gibt es drei Antworten auf eine Katastrophe von solchem Ausmass. Alle drei können uns aber nicht genügen. Die Bibel versteht das Leiden als Strafe für das Brechen des Bundes, ausserdem als Prüfung – denken Sie an Abraham und Hiob. Und schliesslich gibt es das Leiden des Unschuldigen als Regulativ der Schöpfung. Jesaja 52 und 53, die Lieder vom Knechte Gottes, der leidet um der Sünden anderer willen – ein Gedanke, der dann im Christentum auf die Person Jesu projiziert wurde. Ich muss aber sagen, dass keine der Antworten ausreicht und wir wir letzten Endes wie Hiob sagen müssen: „Ich lege meine Hand auf meinen Mund“, ich kann nicht antworten.

Hanspeter Schmutz: Zwischen 9/11 und Kashmir. Wo war Gott? Fünf Stimmen aus der Bibel.
aus „Bausteine 8/2005“ (hier leicht gekürzt wiedergegeben)
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9/11 und besonders Katrina haben in unserer globalisierten Welt zu einer kollektiven Unsicherheit geführt, die in etwa dem entsprechen dürfte, was mit dem Erdbeben von Lissabon vor 250 Jahren geschah: ein Weltbild wurde erschüttert...
Auch das Vertrauen in einen gnädigen und gerechten Gott ist erschüttert. In den Medien taucht die alte Frage wieder auf: Wo war Gott?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Bevor in der Katastrophenbewältigung Gott ins Spiel kommt, muss zuerst der Anteil der Menschen geklärt werden...
Katastrophen sind oft ein Feedback der Natur auf ein falsches menschliches Verhalten. Schwieriger ist es beim Tsunami einen menschlichen Anteil zu erkennen. Vielleicht hätte ein Warnsystem, das technisch schon länger möglich ist, die Folgen der Katastrophe gemildert. Trotzdem bleibt die Frage nach dem gerechten Gott. Sind Katastrophen eine Geissel Gottes oder Ausdruck der Abwesenheit Gottes?

Die erste Stimme ist Noah. Er predigt das Gericht Gottes mitten in einer Gesellschaft, die sich von Gott entfernt hatte. Trotz deutlicher Warnung kehrt nur eine kleine Schar zu Gott um und wird gerettet. Alle übrigen kommen um. Die Sintflut ist Folge eines göttlichen Gerichts.

Die zweite Stimme ist diejenige von Jona. Der rührige Prophet reist nach anfänglichem Zögern in die heidnische Stadt Ninive, prangert deren Sünden an und ruft zur Umkehr. Tatsächlich kehrt die Bevölkerung um und wendet sich dem Gott Jonas zu. Ninive steht für die Katastrophe als Aufruf zur Umkehr.

Eine dritte Stimme finden wir bei Hiob. Er ist ein gerechter Mann, der tut, was Gott gefällt. Gott lässt sich auf den teuflischen Vorschlag ein, Hiob zu versuchen. Hiob erlebt eine Katastrophe um die andere, verliert alle seine Sicherheiten, bis sein Glaube zu wanken beginnt. Zum Schluss aber geht er gestärkt aus dieser Anfechtung hervor. Hiob erlebte die Katastrophe als Glaubenstest.

Eine vierte Stimme ist Jesus Christus am Kreuz. Der Sohn Gottes - und damit Gott selbst – hängt am Kreuz, unschuldig zum Tod verurteilt. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus erfährt als Gottes Sohn Gottverlassenheit. Seit Karfreitag kann jeder ungerecht Leidende wissen, dass Jesus – und damit Gott – mit ihm leidet.

Und schliesslich gibt es noch die Stimme des Jüngsten Gerichtes: Hier treten alle Menschen vor den Thron Gottes. Ihre Taten werden vom Weltenrichter gewogen und – wen mag es erstaunen – als zu leicht befunden. Wer in seinem Leben trotz Verfehlungen den stellvertretenden Tod von Jesus für sich in Anspruch genommen hat, wird – dank Jesus – frei gesprochen. Wer sich aber als zu gut empfand, um auf das Angebot Jesu einzutreten, dem wird der göttliche Fürsprecher im Jüngsten Gericht fehlen. Hier nimmt die Gerechtigkeit ihren freien Lauf. Sie führt zum Tod des Ungerechten. Das jüngste Gericht steht für beides: absolute Gerechtigkeit und das Ende allen Leidens.

(Ich würde noch eine weitere, biblische Stimme anfügen, und zwar die von Josef. Er war ein Musterbeispiel, wie viel Unrecht man einem Menschen antun konnte: Seine Brüder verkauften ihn als Sklave; er wurde durch Potiphars Frau in Aegypten verleumdet und sass danach mehrere Jahre im Gefängnis. In diesen Tiefen hielt er trotzdem an Gott fest und dieser half ihm, liess seine Arbeit gelingen und beseitigte letztendlich sein ungerechtes Leiden und machte Josef zum zweitmächtigsten Mann Aegyptens. Gott verfolgte mit diesem Unrecht an Josef ein grösseres Ziel, nämlich die Rettung Jakobs und seiner Sippe, der Aegypter und weiterer Völker vor der grossen Hungersnot. In Genesis 50,20 sagte Josef nach dem Tod Jakobs in Aegypten zu seinen Brüdern: „Ja, ihr habt Böses gegen mich geplant, Elohim hat es zum Guten umgeplant, um zu tun wie an diesem Tag da, um lebendig zu erhalten ein grosses Volk.“)


Benedikt XVI.: Wo war Gott? Die Rede in Auschwitz. Mit Beiträgen von Elie Wiesel, Wladyslaw Bartoszewski und Johann Baptist Metz. Herder Freiburg im Breisgau 2006
„An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen – Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden“
„In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind; diese Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, dass er solches nie wieder geschehen lasse.“
Benedikt XVI. (auf dem Umschlag vorne und hinten)


Eine wahre Geschichte des Theologen und Krimiautoren Ulrich Knellwolf
«Eines Tages kommt die Gemeindeschwester zu mir und sagt, ich solle einen Mann besuchen, der an Krebs leidet. Ich gehe hin. Der Mann liegt im Bett, klagt über Schmerzen. Trotzdem reden wir gut miteinander. Er erzählt von Südamerika, wo er lange war und wo seine Frau her ist. Nach der Pensionierung wollten sie die Hälfte des Jahres drüben verbringen. Jetzt ist er pensioniert und liegt hier im Bett, statt in Rio in der Sonne zu sitzen. «Es ist zum Heulen», sagt er mit hörbarem Zorn. Bevor ich gehe, ziehe ich, junger Pfarrer, der ich damals bin, die kleine Bibel aus der Tasche und frage, ob ich ihm einen Psalm vorlesen dürfe. Er will nicht. «Sie haben gut schöne Sätze lesen», sagt er. «Ich aber bin auf den Tod krank. Zwischen Ihrer Welt und meiner steht eine Glaswand, und ich bin nicht in Ihrer Welt, und Sie können nicht in meine Welt.» Er hat Recht. Ich spüre die gläserne Wand. Er möchte dennoch, dass ich wiederkomme. Das nächste Mal ist es schon ein wenig dämmerig im Zimmer. Er hat eine Ansichtskarte bekommen, sie steht auf dem Nachttisch. «Ach, der gekreuzigte Jesus», sage ich. «Nein», sagt er, «das ist der segnende Christus über Rio.» Wieder verstehen wir uns gut; diesmal lasse ich die Bibel in der Tasche. Als ich gehen will, fragt er: «Wie war das mit dem gekreuzigten Jesus?» Worauf ich ihm in einem halben Dutzend Sätzen die Geschichte von Golgatha erzähle. Eine Woche später hängt die Ansichtskarte an der Wand dem Bett gegenüber. «Sie haben den segnenden Christus aufgehängt», bemerke ich. «Für mich ist er der Gekreuzigte», antwortet der Kranke. Und als ich etwas verwundert schaue, fügt er an: «Wissen Sie, jetzt habe ich endlich einen Kollegen in meiner Welt.»

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Sonntag, April 12, 2009

Gebete von Augustinus



Augustinus, der 354-430 nach Christus gelebt hat, war ein grosser Gottsucher und Menschenkenner. Er hat heute einen eher zweifelhaften Ruf wegen seiner Nähe zu Platon und der damit verbundenen Körper- und Lustfeindlichkeit. Aber seine Gebete sind trotzdem etwas vom schönsten und tiefsten, das es gibt:

Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten,
lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht!
Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde,
und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht!

Gross bist du, Herr...
Denn geschaffen hast du uns zu dir,
und ruhelos ist unser Herz,
bis dass es seine Ruhe hat in dir.

Du hast gerufen, geschrieen und meine Taubheit übertönt.
Du hast geleuchtet, gelodert und meine Blindheit überstrahlt.
Du hast deinen Duft verbreitet, ich habe einen tiefen Atemzug genommen,
und jetzt lechze ich nach dir.
Ich habe dich geschmeckt,
und jetzt habe ich Hunger und Durst.
Du hast mich berührt,
und jetzt brennt in mir das Verlangen nach deinem Frieden.

Herr, mein Gott,
du kennst meine Kraft, hilf meiner Schwachheit auf.
Bist du mir Stärke, so bin ich wahrhaft stark.
Verlasse ich mich auf eigene Kraft, so bin ich kraftlos.
Dich, o Herr, kann nur verlieren, wer dich verlässt.
Meine ganze Hoffnung ruht auf deinem Erbarmen.

Herr, mein Gott, Du, die eine Hoffnung, die ich habe,
erhöre mich, dass ich nicht müde werde, nach Dir zu fragen,
sondern allzeit brennend nach Deinem Antlitz suche.
Gib Du mir Kraft, nach Dir zu fragen,
denn Du liessest Dich finden und gabst mir Hoffnung,
Dich immer mehr zu finden.
Vor Dir ist meine Stärke, vor Dir ist meine Schwachheit.
Jene bewahre, dieser hilf auf.
Vor Dir ist mein Wissen, vor Dir ist mein Unwissen.
Wo Du mir auftust, nimm mich auf, wenn ich eintrete.
Wo Du verschlossen hältst, tu mir auf, wenn ich anklopfe.
Dich will ich im Sinn haben, Dich verstehen, Dich lieben.
Das alles mehre in mir, bis Du mich umgestaltest zur Vollendung.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, Heiliger Geist, dass ich das Heilige behüte.
Hüte mich, Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.

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Donnerstag, April 24, 2008

Christliche Literatur unter islamischer Herrschaft?

Hinweise auf eine neue Religion in der christlichen Literatur „unter islamischer Herrschaft“? schreibt Karl-Heinz Ohlig auf Seiten 223-325. Er beginnt mit grundlegenden Vorbemerkungen zu diesem Thema:
· islamische Grossreiche haben ausser dem Koran keine literarischen Zeugnisse hinterlassen von 620-820nChr, danach erst gab es Biografien und Historiografien
· es gibt keine religiösen Zeugnisse der Araber als Vasallen in Byzanz
· es gibt eine Fülle von christlich-missionarischer Literatur bis 800, aber keine Erwähnung islamischer Herrschaft; keine kritischen Editionen
· wenig Fakten (für Frühzeit) – viel Interpretation in Richtung Islam, mit zeitlich grosser Distanz

Dann folgen Erklärungen für „die Bezeichnungen Araber, Sarazenen, Ismaeliten und Hagarener vor dem 7. Jh.“ So bedeutet „’arab“ auf syrisch Nomade, „’arba“ Schaf respektiv Schafzüchter. „’arabi“ waren Steppenbewohner, wie es auch im Jesajabuch 13,20 überliefert worden ist. „arabah“ war die Steppe oder Wüste. Arabien kommt in einigen Stellen des Alten Testaments vor (Dt 1,1+2; 4,49; Jos 3,16; 2Ch 17,11; 21,16; Jer 3,2; Ez 27,21) und meint auch das Jordanufer, den Negev oder den Süden von Damaskus. Eigentlich war es „Arabia deserta“, das das südliche Arabien umfasste. Die Bewohner Arabiens sprachen arabisch, syro-aramäisch oder griechisch und das syrische Christentum war die vorherrschende Religion. Eine Volksgruppe waren die Ghassaniden, die monophysitische Jakobiten waren. Ab 750 bestand ein Heiligtum in Medina und erst ab 800 eines in Mekka.
Sarazenen „saraceni“ war die römische Bezeichnung aller Nomaden zwischen Euphrat und Sinai ab dem 2. Jh. Man geht davon aus, dass es ursprünglich Midianiter waren. 106nChr eroberten die Römer das Nabatäerreich. Die Herkunft des Namens Sarazenen ist nicht ganz gesichert: „sark“ heisst auf arabisch Westen, „sarik“ Plünderer oder Räuber, „s(a)r(i)k(a)t“ Konföderation und „serak“ auf aramäisch Leere, Oede, Wüste, leer machen, räumen, rauben oder stehlen. Ab dem 4. Jh. sind nomadische Gruppen als Plünderer und Räuber belegt. Sie galten zudem als Heiden, die Steine und den Morgenstern, die Venus, verehrten.

Die „christlichen Zeugnisse unter der Herrschaft der Ararber bis gegen Ende des 8. Jh.“ sind vielfältig. Auf diesen Tatbestand verweist Ohlig, obschon diese Literatur noch nicht wirklich vollständig erfasst und ausgewertet ist. Er listet dazu 29 verschiedene Textbeispiele auf und beschreibt sie kurz:
1. Weihnachtspredigt des Sophronius, des Patriarchen von Jerusalem 634-638. Er beschreibt, wie gottlose Sarazenen den Weg nach Bethlehem versperren
2. Doctrina Jacobi nuper baptizati (um 640): falscher Profet sei mit Sarzenen gekommen (Harald Suermann hält ihn für Muhammad) Ohlig sieht darin eher eine antijüdische Endzeiterwartung syrischer und arabischer Christen in der Tradition Daniels, zudem scheint Karthago als Ort fiktiv zu sein
3. Maximus Confessor, 580-662, verbannter Streiter gegen den Monoeletismus und Monoenergetismus, schrieb im Brief an Petros Illustrios vom barbarischen Volk der Wüste in antijüdischer Polemik und Stereotypen
4. Dialog zwischen Patriarch Johannes und einem Emir (syrisch, 876) enthält die Fragen: ein Evangelium, aber verschiedener Glaube? Ist Jesus Gott oder Gottes Sohn? Trinität? (Es gab damals grosse christliche Gegensätze zwischen Monophysiten: allmächtiger Gott ist am Kreuz gestorben und Ostsyrern: Messias Jesus ist am Kreuz gestorben) Gesetze der Christen einhalten oder arabische übernehmen?
5. Iso’yaw III, gestorben 659, bezeugt christliches Leben unter arabischer Herrschaft Mu’awiyas
6. Johannes Moschus (540/550-619/628 in Rom) schrieb von syrischer Kirche, der “midzgitha”
7. Pseudo-Sebeos schrieb die Geschichte des Heraklius, ein antijüdisches Programm
8. Anastasius Sinaita (610-701) war Mönchspriester im Sinai
9. Jakob von Edessa (633-708) schrieb über Exegese, Kirchenrecht und Philologie; übersetzte Aristoteles ins Syrische; sah die Araberherrschaft als Strafe für Sünde der christlichen Spaltungen (z.B. Monophysitismus kontra Chalkedonismus)

Aehnlich geht es weiter, viele Schriften hatten apokalyptische Züge, die Hoffnung, Trost und Durchhalten in grosser Not vermitteln wollten. Denn der Frevel hatte sich vermehrt auf Erden, Geschrei war aufgestiegen zu Gott, der dann eingegriffen hatte. Modell dafür war Daniel, was auch zur syrischen Danielapokalypse um 500 geführt hatte. Ephräm der Syrer, gestorben 373, hatte im Sermo 5 vom „Räubervolk, das siegen wird“ geschrieben.
Pseudo-Methodius verfasste auch eine syrische Apokalypse um 680, die zehn Jahr später ins Griechische und 727 ins Lateinische übersetzt wurde (G.J. Reinink übersetzte sie 1993 ins Deutsche). Sie umfasst 14 Strophen, die eine verworrene Weltgeschichte darstellen von Adam bis zum Weltende. Kuschiter, Makedonier, Griechen, Römer und Söhne Ismaels, der Arm des Südens (aus Daniel 11,15), kommen vor, ebenso der Abfall der Christen und die Herrschaft der Byzantiner als christliches Endreich. Ziel war es, eine Hoffnungsperspektive für Christen unter arabischer Herrschaft aufzuzeigen. Weiter gibt es ein syrisches „Evangelium der zwölf Apostel zusammen mit den Apokalypsen eines jeden von ihnen“, das um 790 in Edessa verfasst wurde. Darin steht: „Ismael dienen alle Enden der Erde, viele Herrschaften sind ihm unterworfen“.
Des weiteren gibt es koptische Quellen und griechische Texte aus dem 8. Jh. Dazu gehören Germanus, der Patriarch von Konstantinopel (bis 730) und Bilderverehrer. Dann Johannes von Damaskus, geboren 650, byzantinischer Theologe und katholischer Lehrer. 750 verfasste er „Ueber die Häresien“, worin hundert Häresien behandelt wurden in einer Disputation zwischen einem Sarazenen und einem Christen. Der „Islam“ ist dort die 100. christliche Häresie, denn die frühen Suren haben eine syrische, vornizenische Theologie.

Zur Religion der Araber
Erst im 9. Jh. erfolgte christliche Auseinandersetzung mit dem Islam. In Ostsyrien herrschte ein vornizenisches, syrisch-aramäisches Christentum, das die Gottessohnschaft Jesu ablehnte (wird auch unitarischer Monotheismus oder Monarchianismus genannt). Auch (viele) Araber waren christianisiert, heidnische Bräuche blieben bestehen (gemäss Predigt von Isaak von Antiochien im 5. Jh., Hieronymus und Johannes Damacenus).
Ohlig vertritt die These, dass ein „basic monotheism“ die Gemeinsamkeit von Judentum, Christentum, Zoroastrismus und Randäismus war mit einer Orientierung an der Figur „Abrahams“. Nach 750 erschien sie dann als neue Religion der Araber, indem eine Abkehr von der Letztrelevanz und Einzigartigkeit Jesu erfolgte. Dies ist bezeugt in der apokalyptischen Literatur. Nach 850 wurde Jesus als Messias durch Mohammeds Verkündigung des Korans abgelöst.
(Ohlig verweist in diesem Zusammenhang auch auf sein Werk Fundamentalchristologie, München 1986, worin er unter anderem die unterschiedliche Bedeutung des Kreuzestodes Jesu darlegt. Für das lateinische (westliche) Christentum ist es der Angelpunkt. Er spricht von „Staurozentrischer Christologie“. Augustinus und Tertullian: „Das Kreuz ist die einzige Hoffnung der ganzen Welt“ waren die wichtigsten Begründer dieser Sicht. Für das griechische Christentum war das Kreuz ein Zeichen der Inkarnation, also Inkarnationschristologie. Für die syrischen Christen war es Gehorsam gegen Gott, also Bewährungschristologie. Die Kreuzesinschriften waren in griechisch, lateinisch und hebräisch gehalten, nicht aber in syrisch. Denn die Syrer hatten mit dem Tod Jesu nichts zu tun, daher war er ihnen auch nicht so wichtig.)
Wer war der arabische Profet? Klar ist, dass er Prediger, Händler, Krieger und namenlos war, denn „Mohammed“ war zuerst ein christologisches Prädikat. War er vielleicht ein christlicher Wanderprediger? Literarische Aeusserungen widersprechen traditionellen islamischen Berichten, die rückwirkend konstruiert wurden. Die Islamwissenschaft hat sich der Historie kaum gestellt.

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