Freitag, Juni 10, 2016

Larry Siedentop: Geburtswehen der modernen Freiheit

21. Volksbegehren und Ordensbrüder. Mönche hatten oft Ansehen bei den einfachen Leuten, da diese meist von unmoralischen Priestern betreut wurden. Franziskus belebte und förderte zu seiner Zeit und unter den Mönchen Armut, Demut und Nächstenliebe. 22. Verteidigung der egalitären Moralvorstellungen. Im 12. Jahrhundert wurde Aristoteles und seine Physik, Metaphysik und Ethik durch Bonaventura, Albert Magnus und Thomas von Aquin wiederentdeckt. Während sich die Dominikaner für Vernunft und Lehre einsetzten, hatten die Franziskaner Bedenken gegen Aristoteles. Augustinus hatte durch Paulus die heidnischen Grenzen seiner Bildung überwunden. Thomas von Aquin dagegen entdeckte als Christ Aristoteles und erweiterte seine Theologie mit Spekulationen wie, dass ewige Ideen im Geist Gottes seien. Der schottische Theologe und Philosoph Duns Scotus (1266-1308) stellte nüchtern fest, dass Freiheit die Voraussetzung für moralisches Verhalten sei. Im 13. Jahrhundert etablierten sich neue Fakultäten und Universitäten: Recht in Bologna, Theologie in Paris, Philosophie in Oxford und Medizin in Montpellier. 23. Gottes Freiheit und des Menschen Freiheit vereint: Ockham. Der Franziskaner Wilhelm von Ockham (1288-1347) lehrte einen Nominalismus, die „via moderna“, dass Gott als Schöpfer frei gewesen sei in seinen Entscheidungen. Er sei nicht gebunden gewesen an „ewige Ideen“ und rationale Notwendigkeiten. Der Mensch handle aus dem Ich, der Seele. Ockhams Rasiermesser, dass die sparsamste Erklärung die beste sei, richtete sich gegen die natürliche Theologie und rationalistische Philosophie. Der Nominalismus war die Basis für die empirische Wissenschaft und den liberalen Säkularismus. Die Fähigkeit zu rationalem Handeln ist Freiheit, wie sie bereits Paulus verkündet hatte. 1315 wurde die Leibeigenschaft in Frankreich abgeschafft. 24. Kampf um eine repräsentative Regierung in der Kirche. 1378-1417 kam es in der römisch-katholischen Kirche zu einem Schisma mit zwei Päpsten. Die Konziliarbewegung wollte den Konzilien mehr Befugnisse zumessen als dem Papst. Das liberale Denken entwickelte sich, als sich moralische christliche Vorstellungen gegen die autoritäre Kirche zu richten begann. 25. Abschied von der Renaissance. Liberalismus war eine Folge von Konfessionskriegen, bei denen versucht wurde, den richtigen Glauben gewaltsam durchzusetzen. Trennung zwischen Kirche und Staat bewirkte, dass Religion zunehmend zur Privatsache in der Privatsphäre wurde. Hugo Grotius (1583-1645), Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1704)und Charles de Secondat Baron de Montesquieu (1689-1755)waren die Hauptexponenten dieser Entwicklung. Die Renaissance wurde überbewertet, denn sie hat nicht die Neuzeit eingeläutet. Der Basler Historiker Jakob Burckhardt (1818-1897) hat begonnen, diese falsche Sicht zu portieren. Der Liberalismus beruht auf moralischen Voraussetzungen, die er vom Christentum übernommen hat. Er bewahrt die christliche Ontologie ohne die Metaphysik der Erlösung. Es fand ein Prozess von moralischen Forderungen zu sozialem Status statt. Bereits im 14. und im 15. Jahrhundert hatten die Kanonisten und Philosophen Voraussetzungen geschaffen, um eine Trennung geistlicher und weltlicher Sphäre vorzunehmen. Sie legten eine Basis für eine rechtlich abgesicherte Privatsphäre, in der sich Freiheit und Gewissen verbreiten und entfalten konnte. Diese Hinwendung zur Innerlichkeit haben Meister Eckhart, John Wycliffe und Jan Hus schon früh vorgelebt. Eine persönliche Beziehung zu Gott war ihre Grunderfahrung und Quelle der Moral und menschlicher Beziehungen. Sie kannten die Disziplin der Bibellektüre und verbreiteten sie und förderten dadurch die allgemeine Bildung. In Paris, Oxford, Heidelberg, Prag und Krakau setzte sich der Nominalismus durch. Monarchien in Frankreich, England und Spanien entstanden im 15. Jahrhundert. Epilog: Christentum und Säkularismus. Bei der Idee der Gleichheit spielte das Christentum eine entscheidende Rolle. Liberalismus und Säkularismus haben religiöse Wurzeln. Das Christentum hat menschliche Identität verändert, indem es den jüdischen Monotheismus mit seinem abstrakten Universalismus mit der spätgriechischen Philosophie verband. Das Christentum hat sich nicht durch Gewalt ausgebreitet, sondern durch Überzeugung. In Nordamerika, wo es keine dominierende Kirche gab, breitete sich eine christlicher Säkularismus aus, der bürgerliche Freiheit und Nächstenliebe ermöglichte. Er ist durch verschiedene Fundamentalisten und Radikale in Gefahr.

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Donnerstag, Juni 09, 2016

Larry Siedentop: Ein neues Regierungsmodell

17. Zentralisierung und das neue Gerechtigkeitsgefühl: Das Papsttum entwickelte sich von 1050 bis 1300 von einer passiven Autorität zu einer aktiven Macht mit funktionierender Bürokratie. Es wurde zur ersten und letzten Instanz in Rechtsfragen. 1132 bis 1312 fanden sieben ökumenische Konzile statt. Kirchenrecht regte das philosophische Denken an und trug zur Abspaltung von der Theologie bei. 18. Die Demokratisierung der Vernunft: Der Amerikaner Harold J. Berman habe am besten beschrieben, wie sich das Papsttum im Mittelalter verändert hatte. Der moralische Status wurde zur sozialen Rolle; Gleichheit wurde zu natürlichem Recht für das dialektische Denken. Abaelard (1079-1142) hat mit seinem Werk „Sic et Non“ den theoretischen Analyserahmen festgelegt. Petrus Lombardus (1095-1160) hat mit „Sentenzen» eine systematische Theologie vorgelegt. Individuelles Handeln wurde zur Basis des Naturrechts. 19. Auf dem Weg zum Nationalstaat: Alle Menschen haben von Natur aus Rechte, Gleichheit und Gerechtigkeit sind universell. Das entspricht dem kanonistischen Denken, das sich aus griechischer Philosophie und christlichen Moralvorstellungen gespiesen hat. In der gregorianischen Reform wurde die Kurie in gesetzgebende, gerichtliche und administrative Bereiche aufgeteilt. 20. Aufruhr der Städte: Das Stadtleben erwachte erneut im 11. und 12. Jahrhundert, besonders in Italien, Südfrankreich und Katalanien. Vorher war es unsicher und zu ungeregelt gewesen. Es entstanden Marktplätze mit Handwerkern und Kaufleuten, Zünfte und Hansen wurden gegründet. In den Städten gab es Aufstände gegen die Feudalherren, und die Städte wurden zunehmend zu autonomen Rechtsgebilden, ein Bürgertum mit politischem Willen entstand.

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Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums

Der amerikanische Politwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop hat 2014 ein Buch geschrieben, das auch im deutschen Sprachraum in vielen Medien Beachtung gefunden hat. Es heisst im Original: Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism. Allen Lane 2014, ISBN 0-713-99644. 2015 ist es auch in Deutsch herausgekommen unter dem Titel: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Es ist im Verlag Klett-Cotta in Stuttgart unter der ISBN 978-3-608-94886-8 erschienen. Der 80jährige Siedentop lehrte Ideengeschichte an der englischen Universität von Sussex und politische Philosophie am Keble College in Oxford. Eine Summe seiner Erkenntnisse legt er in seinem neusten, 476-seitigen Werk vor. Er beschreibt und begründet, wie der westliche Liberalismus und Säkularismus aus christlichen Glaubensinhalten wie Gleichheit und Freiheit entstanden ist. Zu Beginn skizziert Siedentop die antike Familie mit dem „pater familias“ im Zentrum. Seine wichtigste Aufgabe war das Hüten des heiligen Feuers am Herd des Hauses. Diese Aufgabe übertrug er bei seinem Ableben dem ältesten Sohn. Der Vater hatte einen gottähnlichen Status, und die ganze Familie war ihm uneingeschränkt zugeneigt und ergeben. Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen, das galt später auch für die „res publica“, das antike Gemeinwesen, dem nur die Männer ganz zu dienen und etwas zu sagen hatten. Siedentop folgt dem Werk „Der antike Staat“ des französischen Historikers Fustel de Coulanges von 1864, das er noch heute für unübertroffen hält. Bereits der jüdische Glaube an einen Gott war im „Imperium Romanum“ interessant geworden, um aus der antiken Welt der Ungleichheit auszusteigen. Vor allem durch überzeugende Nächstenliebe hatte sich dann der christliche Glaube im spätrömischen Reich ausgebreitet. Kirchen und Klöster förderten nebst Bildung auch Gleichheit und Individualität der Personen und brachen die antiken Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit ihrer religiös motivierten Ungleichheit auf. Bereits im Mittelalter wurden Werte wie Gleichheit und Freiheit zunehmend akzeptiert und schufen die Basis für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit steigender Chancengleichheit. Siedentop kommt aber zum Schluss, dass heute diese Errungenschaften durch fundamentalistische Haltungen und autoritäre Regimes in Frage gestellt oder sogar zerstört würden.

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