Montag, Juli 23, 2018

Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt

Zum Autor: Arnold Angenendt wurde 1934 im nordrheinischen Goch geboren und ist ein katholischer Theologe und Priester geworden. Als Kirchenhistoriker hatte er den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Bochum 1983 bis 1999 inne. Er vertritt mentalitäts- und sozialgeschichtliche Ansätze, die in seinen kirchengeschichtlichen Werken zum Ausdruck kommen, so in der Geschichte der Religiosität im Mittelalter (1997). Seine Schrift: Das Frühmittelalter - Die abendländische Christenheit von 400–900 (1990) wurde sogar zum Standardwerk und löste damit die kirchengeschichtlichen Werke von Hans von Schubert ab, die dieser 1902 bis 1906 verfasst hatte. Mit Toleranz und Gewalt hat er erneut ein beachtetes Werk vorgelegt. Zum Buch: Das 799 Seiten dicke Buch mit dem Untertitel Das Christentum zwischen Bibel und Schwert ist 2018 bei Aschendorff in Münster mit der ISBN-Nummer: 978-3-402-00215-5. Es ist eine weitreichende Untersuchung zur Geschichte über das westliche Christentum, insbesondere wie es die Bibel bezüglich Frieden und Gewalt verstanden und umgesetzt hat. In Kürze lässt sich sagen, dass das erste Jahrtausend viel stärker von der Nächstenliebe und dem Gleichnis Jesu über den Weizen und das Unkraut geprägt und dadurch friedliebender und duldsamer gegenüber Andersgläubigen war als das zweite. Angenendt behauptet dies nicht nur, sondern belegt es mit Erkenntnissen aus Forschungen vieler historischer, theologischer und soziologischer Fachleute. So zeichnet er mit diesem Werk ein differenziertes Bild der Kirchengeschichte, das sowohl Sonn- und Schattenseiten aufweist.
Eine positive Auswirkung war die Abschaffung der Sklaverei in Europa um das Jahr 1000 (und er zitiert hier insbesondere den amerikanischen Soziologen Rodney Stark). Wegen der Gottesebenbildlichkeit der Menschen, Nächstenliebe und Brüderlichkeit und der gemeinsamen Kommunion beim Abendmahl in der Kirche liess sich die Sklavenhaltung nicht mehr rechtfertigen und halten, und sie wurde in Europa schrittweise geächtet und abgeschafft. In Spanien wurde 1542 bis 1573 auch viel theologische und politische Kritik am Kolonialismus geübt, aber die Ausbeutung und Verelendung der Indianer konnten die Kritiker dann doch nicht verhindern (S. 472). Jahrhunderte später haben William Wilberforce und die Dissenters im britischen Empire viel für die globale Sklavenbefreiung getan. Die Aufklärer übernahmen hier die Positionen der Quäker und Evangelikalen und nicht umgekehrt! Das fromme England hat weit mehr für die praktische Gleichheit der Menschen getan und erreicht als das aufklärerische Frankreich, was oft übersehen oder vergessen wird (S. 223-225). In calvinistisch geprägten Staaten waren der Bundesgedanken (Gottes) und das Naturrecht so wichtig, dass sich viele Bewohner aktiv an der Politik beteiligten, grobe Ungerechtigkeiten schneller beseitigt und die Anfälligkeit für autoritäre Regimes eliminiert werden konnten. Es sind keine kirchrechtlichen Ketzertötungen belegt bis ins Jahr 1022; erst damals liess der französische König Robert der Fromme an der Bischofssynode in Orléans einen Ketzer verbrennen. Damit wurde eine Grenze überschritten, die vorher über Jahrhunderte durch die Bibel und der aus ihr abgeleiteten gemeinsamen Moral entwickelt und gelebt wurde. Denn es galt Gottes Wort zu befolgen, seinen Sozialsinn einzuhalten, den Nächsten zu lieben und Gott das Urteil über Glauben und Unglauben zu überlassen. Christen war Heiliger Krieg wegen Friedensgebot und Missionskrieg wegen freier Entscheidung der Menschen verboten (S. 484). Für die Kreuzzüge ab 1091 waren auch durch theologisch neue und fragwürdigere Begründungen wie Rückgriffe auf Beispiele aus dem Alten Testament von Bernhard von Clairvaux und anderen diese vorher errungenen Limiten teilweise ausser Kraft gesetzt worden! Angenendt macht auch konkrete Angaben über die Anzahl der verfolgten Katharer in Südfrankreich: Etwa 20'000 Anhänger mussten sich vor der Inquisition verantworten. Doch sie verloren seiner Meinung nach eher wegen den gut funktionierenden Bettelorden an Einfluss und Bedeutung. Die Waldenser wurden vor allem in Böhmen hart verfolgt, mehr als 5'000 wurden angeklagt, etwa 250 davon wurden verbrannt. Der berüchtigten spanischen Inquisition sind 4'000 bis 6'000 Personen anzulasten, der römischen dagegen „nur“ 97 Hinrichtungen (1542-1761). Er stellt fest (und weist nach), dass die weltlichen Gerichte zur damaligen Zeit häufig viel unrechtmässiger, unfairer und brutaler vorgegangen waren. Sie waren auch für die ungefähr 50'000 Opfer der Hexenprozesse verantwortlich, die mehrheitlich nördlich der Alpen im germanischen Raum stattfanden; die Verantwortlichen in den romanischen Kulturen waren in dieser Hinsicht deutlich zurückhaltender.
Angenendt schreibt in diesem Werk auch viel über das Verhältnis von Juden und Christen im Lauf der Kirchengeschichte. Oft wurde der christliche Glaube als Fortsetzung des jüdischen verstanden, denn die Ethisierung des Glaubens und die Spiritualisierung des Kultes hatten bereits mit den jüdischen Propheten begonnen (S. 491). Der Vorwurf des Gottesmordes an die Juden wurde von Personen wie Johannes Chrysostomos (344-407) und Augustinus (354-430) vertreten und verbreitet, was Origenes (184-253) dagegen noch deutlich ablehnt hatte. Denn wie in der Antike war auch im Christentum das Judentum grundsätzlich eine erlaubte Religion (S. 496). Während dem ersten Kreuzzug 1096 wurden 2'000 bis 2'500 Juden in Mainz, Worms und Köln ermordet, was knapp zehn Prozent aller Juden auf deutschem Gebiet waren; viele Juden in anderen Städten wurden damals von ihren christlichen Herrschern geschützt. Während der Pestepidemie 1348 bis 1350 fanden erneut Tausende Juden den Tod, weil man ihnen die Verbreitung dieser tödlichen Krankheit anlastete, so in Strassburg (2000? Personen), Erfurt (976), Basel (730), Worms (mehr als 580), Nürnberg (562), Konstanz (330), Trier (300) und Breslau (mehr als 250). Die Ritualmordlegende geht auf Simon von Trient im Jahr 1475 zurück, der damals vor Ostern ermordet und dann als Märtyrer verehrt wurde. Die Schuld wurde ungerechterweise den Juden zugeschoben, die ihn angeblich verspeist hätten. Die spanische Inquisition 1480 bis 1530 traf die Conversos, die vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertiert waren, besonders hart, weil man ihnen oft nicht Glauben schenken wollte. Um die 5'000 Personen fanden dadurch den Tod. 1492 wurden um die 50'000 Juden aus Spanien vertrieben, weil sie an ihrem Glauben festhalten wollten. Angenendt geht auch teilweise auf die Situation im 19. und 20. Jahrhundert ein. Er zeigt auf, dass sich auch ein säkularer, kultureller Antisemitismus entwickelt hatte, zu dem auch Voltaire und Marx zu zählen sind. Für Marx bestand das Judentum vor allem aus Eigennutz, Schacher und Geld (S. 544). Die evangelischen Theologen und Kirchen Deutschlands seien weit anfälliger für Judenfeindlichkeit und Nationalsozialismus gewesen, weil sie viel stärker national geprägt und ausgerichtet waren als die weltumspannende römisch-katholische Kirche. Die Pius-Päpste seien grundsätzlich judenfreundlich gewesen, wobei Pius VII zwar um die 100'000 Juden gerettet habe, aber nicht kommunikativ klar und eindeutig genug gegen den deutschen Antisemitismus und das Hitlerregime aufgetreten sei. Eine grundlegend neue Theologie nach Auschwitz wurde notwendig, die katholischen Gelehrten Johann Baptist Metz und Erich Zenger waren hier führend im deutschen Sprachraum, sie benutzten das Alte Testament nicht mehr als Kontrastfolie (für den christlichen Glauben), sondern zeigten dessen theologischen Eigenwert deutlich auf. Angenendt lässt auch durchblicken, dass der heutige Säkularismus wenig tragfähige Regeln und sinnvolle Lösungen für die (post)moderne Gesellschaft anzubieten habe. Deshalb zitiert er den deutschen Philosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde, der gesagt hat, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann (S. 344). Trotz teilweise berechtigter Kritik am Christentum, insbesondere wenn es sich nicht an seinen Gründer und die neutestamentlichen Schriften hielt, weist Angenendt ausführlich nach, dass der christliche Glaube und seine Vertreter mehr positive als negative Entwicklungen in Gang gebracht haben. Das lässt sich vielleicht auch an den gut entwickelten Werten wie Freiheit, Frieden und Fairness festmachen, die uns viel Wohlstand und zahlreiche Wahlmöglichkeiten gebracht haben, auf die wir ungern verzichten würden. Das Werk Toleranz und Gewalt ist für mich ein akribisch begründeter Beitrag zur Würdigung der langen christlichen Geschichte, die uns massgeblich geprägt hat, und die wir trotz dunklen Teilen nicht vorschnell verwerfen sollten. Denn wirklich tragfähige und sozialverträgliche Alternativen sind nicht in Sicht!

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Freitag, Juni 10, 2016

Larry Siedentop: Geburtswehen der modernen Freiheit

21. Volksbegehren und Ordensbrüder. Mönche hatten oft Ansehen bei den einfachen Leuten, da diese meist von unmoralischen Priestern betreut wurden. Franziskus belebte und förderte zu seiner Zeit und unter den Mönchen Armut, Demut und Nächstenliebe. 22. Verteidigung der egalitären Moralvorstellungen. Im 12. Jahrhundert wurde Aristoteles und seine Physik, Metaphysik und Ethik durch Bonaventura, Albert Magnus und Thomas von Aquin wiederentdeckt. Während sich die Dominikaner für Vernunft und Lehre einsetzten, hatten die Franziskaner Bedenken gegen Aristoteles. Augustinus hatte durch Paulus die heidnischen Grenzen seiner Bildung überwunden. Thomas von Aquin dagegen entdeckte als Christ Aristoteles und erweiterte seine Theologie mit Spekulationen wie, dass ewige Ideen im Geist Gottes seien. Der schottische Theologe und Philosoph Duns Scotus (1266-1308) stellte nüchtern fest, dass Freiheit die Voraussetzung für moralisches Verhalten sei. Im 13. Jahrhundert etablierten sich neue Fakultäten und Universitäten: Recht in Bologna, Theologie in Paris, Philosophie in Oxford und Medizin in Montpellier. 23. Gottes Freiheit und des Menschen Freiheit vereint: Ockham. Der Franziskaner Wilhelm von Ockham (1288-1347) lehrte einen Nominalismus, die „via moderna“, dass Gott als Schöpfer frei gewesen sei in seinen Entscheidungen. Er sei nicht gebunden gewesen an „ewige Ideen“ und rationale Notwendigkeiten. Der Mensch handle aus dem Ich, der Seele. Ockhams Rasiermesser, dass die sparsamste Erklärung die beste sei, richtete sich gegen die natürliche Theologie und rationalistische Philosophie. Der Nominalismus war die Basis für die empirische Wissenschaft und den liberalen Säkularismus. Die Fähigkeit zu rationalem Handeln ist Freiheit, wie sie bereits Paulus verkündet hatte. 1315 wurde die Leibeigenschaft in Frankreich abgeschafft. 24. Kampf um eine repräsentative Regierung in der Kirche. 1378-1417 kam es in der römisch-katholischen Kirche zu einem Schisma mit zwei Päpsten. Die Konziliarbewegung wollte den Konzilien mehr Befugnisse zumessen als dem Papst. Das liberale Denken entwickelte sich, als sich moralische christliche Vorstellungen gegen die autoritäre Kirche zu richten begann. 25. Abschied von der Renaissance. Liberalismus war eine Folge von Konfessionskriegen, bei denen versucht wurde, den richtigen Glauben gewaltsam durchzusetzen. Trennung zwischen Kirche und Staat bewirkte, dass Religion zunehmend zur Privatsache in der Privatsphäre wurde. Hugo Grotius (1583-1645), Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1704)und Charles de Secondat Baron de Montesquieu (1689-1755)waren die Hauptexponenten dieser Entwicklung. Die Renaissance wurde überbewertet, denn sie hat nicht die Neuzeit eingeläutet. Der Basler Historiker Jakob Burckhardt (1818-1897) hat begonnen, diese falsche Sicht zu portieren. Der Liberalismus beruht auf moralischen Voraussetzungen, die er vom Christentum übernommen hat. Er bewahrt die christliche Ontologie ohne die Metaphysik der Erlösung. Es fand ein Prozess von moralischen Forderungen zu sozialem Status statt. Bereits im 14. und im 15. Jahrhundert hatten die Kanonisten und Philosophen Voraussetzungen geschaffen, um eine Trennung geistlicher und weltlicher Sphäre vorzunehmen. Sie legten eine Basis für eine rechtlich abgesicherte Privatsphäre, in der sich Freiheit und Gewissen verbreiten und entfalten konnte. Diese Hinwendung zur Innerlichkeit haben Meister Eckhart, John Wycliffe und Jan Hus schon früh vorgelebt. Eine persönliche Beziehung zu Gott war ihre Grunderfahrung und Quelle der Moral und menschlicher Beziehungen. Sie kannten die Disziplin der Bibellektüre und verbreiteten sie und förderten dadurch die allgemeine Bildung. In Paris, Oxford, Heidelberg, Prag und Krakau setzte sich der Nominalismus durch. Monarchien in Frankreich, England und Spanien entstanden im 15. Jahrhundert. Epilog: Christentum und Säkularismus. Bei der Idee der Gleichheit spielte das Christentum eine entscheidende Rolle. Liberalismus und Säkularismus haben religiöse Wurzeln. Das Christentum hat menschliche Identität verändert, indem es den jüdischen Monotheismus mit seinem abstrakten Universalismus mit der spätgriechischen Philosophie verband. Das Christentum hat sich nicht durch Gewalt ausgebreitet, sondern durch Überzeugung. In Nordamerika, wo es keine dominierende Kirche gab, breitete sich eine christlicher Säkularismus aus, der bürgerliche Freiheit und Nächstenliebe ermöglichte. Er ist durch verschiedene Fundamentalisten und Radikale in Gefahr.

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Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums

Der amerikanische Politwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop hat 2014 ein Buch geschrieben, das auch im deutschen Sprachraum in vielen Medien Beachtung gefunden hat. Es heisst im Original: Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism. Allen Lane 2014, ISBN 0-713-99644. 2015 ist es auch in Deutsch herausgekommen unter dem Titel: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Es ist im Verlag Klett-Cotta in Stuttgart unter der ISBN 978-3-608-94886-8 erschienen. Der 80jährige Siedentop lehrte Ideengeschichte an der englischen Universität von Sussex und politische Philosophie am Keble College in Oxford. Eine Summe seiner Erkenntnisse legt er in seinem neusten, 476-seitigen Werk vor. Er beschreibt und begründet, wie der westliche Liberalismus und Säkularismus aus christlichen Glaubensinhalten wie Gleichheit und Freiheit entstanden ist. Zu Beginn skizziert Siedentop die antike Familie mit dem „pater familias“ im Zentrum. Seine wichtigste Aufgabe war das Hüten des heiligen Feuers am Herd des Hauses. Diese Aufgabe übertrug er bei seinem Ableben dem ältesten Sohn. Der Vater hatte einen gottähnlichen Status, und die ganze Familie war ihm uneingeschränkt zugeneigt und ergeben. Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen, das galt später auch für die „res publica“, das antike Gemeinwesen, dem nur die Männer ganz zu dienen und etwas zu sagen hatten. Siedentop folgt dem Werk „Der antike Staat“ des französischen Historikers Fustel de Coulanges von 1864, das er noch heute für unübertroffen hält. Bereits der jüdische Glaube an einen Gott war im „Imperium Romanum“ interessant geworden, um aus der antiken Welt der Ungleichheit auszusteigen. Vor allem durch überzeugende Nächstenliebe hatte sich dann der christliche Glaube im spätrömischen Reich ausgebreitet. Kirchen und Klöster förderten nebst Bildung auch Gleichheit und Individualität der Personen und brachen die antiken Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit ihrer religiös motivierten Ungleichheit auf. Bereits im Mittelalter wurden Werte wie Gleichheit und Freiheit zunehmend akzeptiert und schufen die Basis für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit steigender Chancengleichheit. Siedentop kommt aber zum Schluss, dass heute diese Errungenschaften durch fundamentalistische Haltungen und autoritäre Regimes in Frage gestellt oder sogar zerstört würden.

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Sonntag, Oktober 04, 2015

Joseph-Marie Verlinde: Die verbotene Erfahrung - Vom Ashram ins Kloster

Dieses unauffällige Buch ist im Unio-Verlag im deutschen Fremdingen 1998 erschienen unter der ISBN-Nummer: 3-935189-12-5. Jospeh-Marie Verlinde wurde 1947 in eine belgische katholische Familie hineingeboren. Er studierte analytische Chemie an der Universität Gand/Gent, wo er 1971 in diesem Fach dissertierte. Bereits 1969 lernte er die Transzendentale Meditation TM kennen, die von Guru Maharishi Mahesh Yogi begründet wurde und in der vedantischen Tradition des Hinduismus steht. Neben seinem Beruf als Chemiker praktizierte er mediale Naturheilkunde und besuchte seinen Guru dann auch in Indien. 1974 stieg er nach fünf Jahren aus und kehrte nach Europa zurück. 1976-1978 besuchte er ein katholisches Seminar in Avignon, und 1978-1982 absolvierte er die Gregoriana in Rom. 1983 liess er sich in Mont-Rouge, dem Ort des heiligen Josefs, zum Priester für die Diözese Montpellier weihen. 1985-1987 studierte er weiter an der Universität in Lourain, und 1991 wurde er Mönch. Verlinde beschreibt verständlich, nachvollziehbar und lehrreich in diesem persönlich gefärbten Buch seinen Lebensweg. Dazu gehören sein Einstieg in die Transzendentale Meditation, seine Erfahrungen, insbesondere mit Yoga, und seinen Ausstieg aus dieser Bewegung. Prägnant und sehr schön sind auch seine Formulierungen zur Gottesbeziehung und christlichen Spiritualität. Auf Seite 44 nennt er das Hauptziel von Yoga, nämlich „Das spirituelle Sein von den Elementen der materiellen Natur befreien und reinigen.“ Verlinde legt auf Seite 66 dar, dass es mehr als nur eine Mystik gebe. Ausgangspunkt sei der Durst nach dem Absoluten, der bei aller Mystik gleich sei, aber dann gehen die Wege und Erfahrungen bald auseinander. Er unterscheidet die (übernatürliche) Transzendenzmystik und die Immananzmystik, die Seinsmystik, die von Mircea Eliade „Enstase“ genannt wurde, womit „ein ganz in sich versunken sein“ gemeint sei. Im innersten dieses Wegs, der mit rigorosem Yoga erreicht wird, sei kein Platz für Gnade und Gott. Der französische Pater Jules Monchanin sagte, dass nur wenn der Hinduist seine Gleichung atman gleich brahman verwerfe, könne Christus bei ihm Eingang finden. Auch buddhistische und christliche Nächstenliebe seien nicht deckungsgleich, weil Buddhisten kein Ich wirklich kennen, achten und lieben können, da es Illusion sei. Liebe sei in östlichen Religionen Hilfsmittel zum Leben, während es im christlichen Westen Lebensziel war, was Gottesverständnis und Menschenbild stark beeinflusst hatte. Die Übernahme östlicher Praktiken und Techniken durch den Westen verstärke nur dessen aktuelle Identitätskrise. Transzendentale Meditation machte Verlindes Wahrnehmung zwar intensiver, aber sie füllte seine innere Leere auch nicht aus (Seite 94). Nach ihm gibt es kein christliches Yoga, wie es ja auch kein hinduistisches Gebet gebe. Denn Körper- und Atemübungen allein seien noch nicht Yoga (Seite 124). Nach seiner Rückkehr zum christlichen Glauben beschreibt er Gott so: „Er ist zarter Tau und verzehrende Flamme, rücksichtsvolle Mutter und fordender Vater, zärtlicher Geist und zweischneidiges Schwert“ (Seite 103). Gnade bedeute, dass Gott sich in Freiheit uns zuwende. Daher heisse Glauben den Liebesbund eingehen, den Gott uns ungeschuldet anbietet, an seinem Herz zu ruhen, und alles zu tun, um dort zu bleiben. Gebet dagegen sei Schluchzen des Herzens, das von Glut der göttlichen Liebe in Brand gesetzt ist. Therese von Lisieux sagte es so: „Gebet ist ein Dialog der Liebe mit Gott; ein freundschaftlicher Umgang mit dem, vom dem man sich geliebt weiss.“ Echtes christliches Gebet sei die Begegnung zweier Freiheiten, der unendlichen Gottes und der begrenzten des Menschen. Echte christliche Mystik sei ein Geschenk Gottes, das ich unwürdig mich fühlend empfange, jedoch keine Technik und schon gar kein Automatismus. Herychasmus, die einsame Sammlung, die unter dem Titel Philokalie publiziert wurde, die im 14. Jahrhundert im Bergkloster Athos (weiter)entwickelt wurde, sei keine Technik, sondern nur Methode des Jesusgebets. Die katholische Tradition sei schon immer der Ansicht gewesen, dass „Saatkörner des Worts“ sich in allen grossen religiösen Strömungen finden; diese warten alle auf die Offenbarung, sie bereiten sie vor und rufen nach ihr und werden in ihr ihre Erfüllung finden. Jede christliche Meditation ist grundsätzlich christologisch ausgerichtet. Für den Glaubenden ist Jesus das wahre Antlitz Gottes. In ihm ist uns die Liebe des Vaters offenbart, die uns zu Söhnen (und Töchtern) im Geist macht. Gotteserfahrung sei kein biblisches Thema, jedoch Gottes Suche nach dem Menschen, um ihm Liebe und Freundschaft zu schenken. Daher ist Glaube ein Gottesgeschenk, das ich erwidere. Geistlichkeit misst sich nicht an intensiven mystischen Erfahrungen, die habe oder nicht, sondern an Glaubensreife, Treue, Gehorsam, Bruder- und Nächstenliebe. Verlinde geht auch vertieft auf den Buddhismus ein, nicht zuletzt weil er im Westen so populär geworden ist. Für Buddha waren Menschen nichtige Wesen der Begierde, deren Verlangen ausgeschaltet werden müssen. Der tibetanische Buddhismus, die kleinste und jüngste Richtung (aus dem 7. Jahrhundert nach Christus), mit etwa vier Millionen Anhängern, hat im Westen am meisten Zulauf gewonnen. Er ist eine Mischung aus Bon-Religion und Tantrismus, die magische Praktiken und okkulte Energien einschliessen. Theravada-Buddhismus ist eigentlich keine Religion, weil sie mit Gott, Kult und Gebet nichts zu tun hat; sie ist vielmehr Disziplin und Weisheit. Mahayana-Buddhismus dagegen ist jünger als Theravada und ist mit hinduistischen Kultelementen angereichert. Mitleid bewirkt hier Verdienste. Zen ist Meditation, Weckung und Bewusstwerdung transzendentaler Weisheit in uns, die aus Mahayana-Buddhismus und Tao-Weisheit entstanden ist, zuerst im 7. Jahrhundert nach Christus in China und im 12. Jhd. in Japan. Verlinde sieht die Menschen wie die Kirchenväter, sie seien Wesen voll gewaltigen und unendlichen Verlangens und Dursts, der nur in Gott ihre Erfüllung finden kann. Das Verlangen der ganzen Schöpfung ist auf Dich gerichtet, sagte bereits Gregor von Nazianz. Verlinde befürwortet gerade deshalb auch eine gesunde Stillung der körperlichen Bedürfnisse. Er schreibt auf Seite 173: Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung sind genussvolle Akte und Mittel der körperlichen Natur, denen wir in Dankbarkeit begegnen sollen und die Gott freuen. Nur Masslosigkeit machen sie zu Götzen. Körperlicher Genuss ist legitim, wenn er der psychischen Entfaltung und geistigem Glück förderlich ist. Die (westliche) Vaterkrise zeige sich im Zulauf zu Illusionen und zur Verschmelzungsmystik und in Abnahme von Freiheit und Verantwortung. Das Kreuz Christi sei nicht nur Todeszeichen, sondern auch Lebenssymbol durch die Auferstehung und die Geistausgiessung auf alles Fleisch. Das evolutionistische Paradigma und die unbewegliche Religion der Reinkarnation, dem „samsara“, dem endlosen Strom von Geburt und Tod, sei erst ab dem 6. Jahrhundert vor Christus in den Upanishaden, jedoch nicht in den Veden überliefert. Origenes befürwortete zwar die Präexistenz der Seelen, war aber gegen Reinkarnation eingestellt. Im Christentum wurde beim Edikt des Justian 543 nChr die Seelenwanderung, die Metempsychose, endgültig verworfen. Der Mensch wird im christlichen Glauben eingeladen, die heiligmachende Gnade in einem Akt freier Zustimmung zum Heilsangebot Jesu Christi anzunehmen. Der personale Charakter sei dabei keine Illusion, sondern Krönungswerk der Schöpfung als Abbild Gottes. Der Gott Abrahams, Isaak und Jakobs, der Gott, der uns seinen Namen und sein Gesicht in Jesus Christus enthüllt, lädt uns im Heiligen Geist zu einem Liebesbund ein. Biblische Anthropologie unterscheidet verschiedene Dimensionen und Ebenen des Menschen, aber scheidet sie nie und sie sind auch nicht austauschbar; der ganze Mensch ist zur Herrlichkeit bestimmt. Der Zeitpfeil verweist auf das singuläre Ereignis der Auferstehung, worin Heilsgeschichte des einzelnen und aller Menschen Erfüllung findet. Verlinde schliesst auf Seite 214 diesen Teil mit den Worten : Mit jedem Atemzug und Herzschlag bringe ich meine Sehnsucht und Dankbarkeit vor Dich, Herr, und dieser Lobpreis möge mir die Kraft schenken, demütig dein Wort zu bewahren und Dir so meine Liebe zu beweisen, damit Du in mir bleibst und ich in Dir bleibe. Christliches Yoga? (Seite 261-163) Aufschlussreich finde ich, was Verlinde dazu schreibt, nämlich einige positive und negative Aspekte; bei negativen Erfahrungen mit Yoga empfiehlt er sofortigen Abbruch: + Ablösung aus hinduistischem Rahmen ist möglich + körperliche Askese und Beherrschung der Sinne, Vorstellung und Erinnerung kann gelernt werden + Mystik wird erlebt, die Sammlung, Furchtlosigkeit und Leere einschliesst - entzieht alle körperlichen und geistigen Kräfte - nur die Erfahrung zählt, nicht jedoch Wahrheit, Kritik und Probleme - Unerschütterlichkeit, Unabhängigkeit & Willenskraft zählen anstelle von Gnade und Gott - Suggestion, Autosuggestion und Wunderkraft wirken - Yoga hat eine tantrische und atheistische Prägung

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Sonntag, Februar 26, 2012

Tagesrückblick mit Henri Nouwen


Henri Nouwen bleibt einer meiner Lieblingstheologen und Vorbilder. Als Massstab für einen erfüllten und gelungenen Tag hat er folgendes, sehr treffend gesagt:
- Habe ich heute Frieden angeboten?
- Habe ich jemand zum Lächeln gebracht?
- Habe ich heilende Worte gebraucht?
- Habe ich meinen Aerger und Abneigung losgelassen?
- Habe ich vergeben und geliebt?

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