Sonntag, Oktober 04, 2015

Joseph-Marie Verlinde: Die verbotene Erfahrung - Vom Ashram ins Kloster

Dieses unauffällige Buch ist im Unio-Verlag im deutschen Fremdingen 1998 erschienen unter der ISBN-Nummer: 3-935189-12-5. Jospeh-Marie Verlinde wurde 1947 in eine belgische katholische Familie hineingeboren. Er studierte analytische Chemie an der Universität Gand/Gent, wo er 1971 in diesem Fach dissertierte. Bereits 1969 lernte er die Transzendentale Meditation TM kennen, die von Guru Maharishi Mahesh Yogi begründet wurde und in der vedantischen Tradition des Hinduismus steht. Neben seinem Beruf als Chemiker praktizierte er mediale Naturheilkunde und besuchte seinen Guru dann auch in Indien. 1974 stieg er nach fünf Jahren aus und kehrte nach Europa zurück. 1976-1978 besuchte er ein katholisches Seminar in Avignon, und 1978-1982 absolvierte er die Gregoriana in Rom. 1983 liess er sich in Mont-Rouge, dem Ort des heiligen Josefs, zum Priester für die Diözese Montpellier weihen. 1985-1987 studierte er weiter an der Universität in Lourain, und 1991 wurde er Mönch. Verlinde beschreibt verständlich, nachvollziehbar und lehrreich in diesem persönlich gefärbten Buch seinen Lebensweg. Dazu gehören sein Einstieg in die Transzendentale Meditation, seine Erfahrungen, insbesondere mit Yoga, und seinen Ausstieg aus dieser Bewegung. Prägnant und sehr schön sind auch seine Formulierungen zur Gottesbeziehung und christlichen Spiritualität. Auf Seite 44 nennt er das Hauptziel von Yoga, nämlich „Das spirituelle Sein von den Elementen der materiellen Natur befreien und reinigen.“ Verlinde legt auf Seite 66 dar, dass es mehr als nur eine Mystik gebe. Ausgangspunkt sei der Durst nach dem Absoluten, der bei aller Mystik gleich sei, aber dann gehen die Wege und Erfahrungen bald auseinander. Er unterscheidet die (übernatürliche) Transzendenzmystik und die Immananzmystik, die Seinsmystik, die von Mircea Eliade „Enstase“ genannt wurde, womit „ein ganz in sich versunken sein“ gemeint sei. Im innersten dieses Wegs, der mit rigorosem Yoga erreicht wird, sei kein Platz für Gnade und Gott. Der französische Pater Jules Monchanin sagte, dass nur wenn der Hinduist seine Gleichung atman gleich brahman verwerfe, könne Christus bei ihm Eingang finden. Auch buddhistische und christliche Nächstenliebe seien nicht deckungsgleich, weil Buddhisten kein Ich wirklich kennen, achten und lieben können, da es Illusion sei. Liebe sei in östlichen Religionen Hilfsmittel zum Leben, während es im christlichen Westen Lebensziel war, was Gottesverständnis und Menschenbild stark beeinflusst hatte. Die Übernahme östlicher Praktiken und Techniken durch den Westen verstärke nur dessen aktuelle Identitätskrise. Transzendentale Meditation machte Verlindes Wahrnehmung zwar intensiver, aber sie füllte seine innere Leere auch nicht aus (Seite 94). Nach ihm gibt es kein christliches Yoga, wie es ja auch kein hinduistisches Gebet gebe. Denn Körper- und Atemübungen allein seien noch nicht Yoga (Seite 124). Nach seiner Rückkehr zum christlichen Glauben beschreibt er Gott so: „Er ist zarter Tau und verzehrende Flamme, rücksichtsvolle Mutter und fordender Vater, zärtlicher Geist und zweischneidiges Schwert“ (Seite 103). Gnade bedeute, dass Gott sich in Freiheit uns zuwende. Daher heisse Glauben den Liebesbund eingehen, den Gott uns ungeschuldet anbietet, an seinem Herz zu ruhen, und alles zu tun, um dort zu bleiben. Gebet dagegen sei Schluchzen des Herzens, das von Glut der göttlichen Liebe in Brand gesetzt ist. Therese von Lisieux sagte es so: „Gebet ist ein Dialog der Liebe mit Gott; ein freundschaftlicher Umgang mit dem, vom dem man sich geliebt weiss.“ Echtes christliches Gebet sei die Begegnung zweier Freiheiten, der unendlichen Gottes und der begrenzten des Menschen. Echte christliche Mystik sei ein Geschenk Gottes, das ich unwürdig mich fühlend empfange, jedoch keine Technik und schon gar kein Automatismus. Herychasmus, die einsame Sammlung, die unter dem Titel Philokalie publiziert wurde, die im 14. Jahrhundert im Bergkloster Athos (weiter)entwickelt wurde, sei keine Technik, sondern nur Methode des Jesusgebets. Die katholische Tradition sei schon immer der Ansicht gewesen, dass „Saatkörner des Worts“ sich in allen grossen religiösen Strömungen finden; diese warten alle auf die Offenbarung, sie bereiten sie vor und rufen nach ihr und werden in ihr ihre Erfüllung finden. Jede christliche Meditation ist grundsätzlich christologisch ausgerichtet. Für den Glaubenden ist Jesus das wahre Antlitz Gottes. In ihm ist uns die Liebe des Vaters offenbart, die uns zu Söhnen (und Töchtern) im Geist macht. Gotteserfahrung sei kein biblisches Thema, jedoch Gottes Suche nach dem Menschen, um ihm Liebe und Freundschaft zu schenken. Daher ist Glaube ein Gottesgeschenk, das ich erwidere. Geistlichkeit misst sich nicht an intensiven mystischen Erfahrungen, die habe oder nicht, sondern an Glaubensreife, Treue, Gehorsam, Bruder- und Nächstenliebe. Verlinde geht auch vertieft auf den Buddhismus ein, nicht zuletzt weil er im Westen so populär geworden ist. Für Buddha waren Menschen nichtige Wesen der Begierde, deren Verlangen ausgeschaltet werden müssen. Der tibetanische Buddhismus, die kleinste und jüngste Richtung (aus dem 7. Jahrhundert nach Christus), mit etwa vier Millionen Anhängern, hat im Westen am meisten Zulauf gewonnen. Er ist eine Mischung aus Bon-Religion und Tantrismus, die magische Praktiken und okkulte Energien einschliessen. Theravada-Buddhismus ist eigentlich keine Religion, weil sie mit Gott, Kult und Gebet nichts zu tun hat; sie ist vielmehr Disziplin und Weisheit. Mahayana-Buddhismus dagegen ist jünger als Theravada und ist mit hinduistischen Kultelementen angereichert. Mitleid bewirkt hier Verdienste. Zen ist Meditation, Weckung und Bewusstwerdung transzendentaler Weisheit in uns, die aus Mahayana-Buddhismus und Tao-Weisheit entstanden ist, zuerst im 7. Jahrhundert nach Christus in China und im 12. Jhd. in Japan. Verlinde sieht die Menschen wie die Kirchenväter, sie seien Wesen voll gewaltigen und unendlichen Verlangens und Dursts, der nur in Gott ihre Erfüllung finden kann. Das Verlangen der ganzen Schöpfung ist auf Dich gerichtet, sagte bereits Gregor von Nazianz. Verlinde befürwortet gerade deshalb auch eine gesunde Stillung der körperlichen Bedürfnisse. Er schreibt auf Seite 173: Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung sind genussvolle Akte und Mittel der körperlichen Natur, denen wir in Dankbarkeit begegnen sollen und die Gott freuen. Nur Masslosigkeit machen sie zu Götzen. Körperlicher Genuss ist legitim, wenn er der psychischen Entfaltung und geistigem Glück förderlich ist. Die (westliche) Vaterkrise zeige sich im Zulauf zu Illusionen und zur Verschmelzungsmystik und in Abnahme von Freiheit und Verantwortung. Das Kreuz Christi sei nicht nur Todeszeichen, sondern auch Lebenssymbol durch die Auferstehung und die Geistausgiessung auf alles Fleisch. Das evolutionistische Paradigma und die unbewegliche Religion der Reinkarnation, dem „samsara“, dem endlosen Strom von Geburt und Tod, sei erst ab dem 6. Jahrhundert vor Christus in den Upanishaden, jedoch nicht in den Veden überliefert. Origenes befürwortete zwar die Präexistenz der Seelen, war aber gegen Reinkarnation eingestellt. Im Christentum wurde beim Edikt des Justian 543 nChr die Seelenwanderung, die Metempsychose, endgültig verworfen. Der Mensch wird im christlichen Glauben eingeladen, die heiligmachende Gnade in einem Akt freier Zustimmung zum Heilsangebot Jesu Christi anzunehmen. Der personale Charakter sei dabei keine Illusion, sondern Krönungswerk der Schöpfung als Abbild Gottes. Der Gott Abrahams, Isaak und Jakobs, der Gott, der uns seinen Namen und sein Gesicht in Jesus Christus enthüllt, lädt uns im Heiligen Geist zu einem Liebesbund ein. Biblische Anthropologie unterscheidet verschiedene Dimensionen und Ebenen des Menschen, aber scheidet sie nie und sie sind auch nicht austauschbar; der ganze Mensch ist zur Herrlichkeit bestimmt. Der Zeitpfeil verweist auf das singuläre Ereignis der Auferstehung, worin Heilsgeschichte des einzelnen und aller Menschen Erfüllung findet. Verlinde schliesst auf Seite 214 diesen Teil mit den Worten : Mit jedem Atemzug und Herzschlag bringe ich meine Sehnsucht und Dankbarkeit vor Dich, Herr, und dieser Lobpreis möge mir die Kraft schenken, demütig dein Wort zu bewahren und Dir so meine Liebe zu beweisen, damit Du in mir bleibst und ich in Dir bleibe. Christliches Yoga? (Seite 261-163) Aufschlussreich finde ich, was Verlinde dazu schreibt, nämlich einige positive und negative Aspekte; bei negativen Erfahrungen mit Yoga empfiehlt er sofortigen Abbruch: + Ablösung aus hinduistischem Rahmen ist möglich + körperliche Askese und Beherrschung der Sinne, Vorstellung und Erinnerung kann gelernt werden + Mystik wird erlebt, die Sammlung, Furchtlosigkeit und Leere einschliesst - entzieht alle körperlichen und geistigen Kräfte - nur die Erfahrung zählt, nicht jedoch Wahrheit, Kritik und Probleme - Unerschütterlichkeit, Unabhängigkeit & Willenskraft zählen anstelle von Gnade und Gott - Suggestion, Autosuggestion und Wunderkraft wirken - Yoga hat eine tantrische und atheistische Prägung

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Freitag, April 24, 2015

Eine Lebensregel entwickeln (Schluss)

Daniel in Babylon ist ein gutes Beispiel eines Menschen, der unter schwierigen Umständen eigene Lebensregeln festgelegt hatte. Gute Lebensregeln umfassen Elemente der Spiritualität (Gebet, Bibellese, Stille, Studium), der Ruhe (Sabbat, Einfachheit, Spielerisches), der Arbeit (Dienst, Körpertraining, Gesundheit) und der Beziehungen (Familie, Gemeinschaft, Freundschaft). Hiob ist ein Paradebeispiel für die Aufmerksamkeit seines inneren Lebens, ohne sich falschen Konventionen anzupassen (Seite 160). Er hat seinen Schmerz herausgeschrieen (Hi 3,3 & 6,2), er hat Gott angeschrieen (kämpfen, zweifeln, sich beschweren und weinen wie auch in den Psalmen, Klagelieger und 2. Samuel 1,17-27). Scazzero betont, dass wir Gott unsere Gefühle offenlegen müssen, ansonsten sickern sie langsam aus uns heraus durch passiv-aggressives Verhalten, Sarkasmus und strafendes Schweigen. Zudem sind verwirrende Wartezeiten auszuhalten, damit wir uns nicht überschätzen und die Sache nicht fälschlicherweise an die eigene Hand nehmen. Für uns alle gilt, dass wir das Geschenk der Begrenzung annehmen sollen und dürfen: · In Persönlichkeit und Temperament · Beim Körper und dessen Zerfall · Bezüglich Herkunftsfamilie, Familiensituation und Beziehungen · In Fähigkeiten, Talente und Gaben · Bei materiellen Ressourcen und Zeit · In der Arbeit und bei Erkenntnissen. Stufen der Demut nach Benedikt von Nursia sind: 1. Gottesfurcht, Gottes Gegenwart bewusst sein 2. Gottes Willen tun, Hingabe 3. Sich der Leitung anderer anvertrauen 4. Geduld mit Schwierigkeiten und Fehler anderer 5. Radikale Offenheit gegen andere bezüglich eigener Schwächen 6. Tiefe Einsicht in das eigene Sünder sein 7. Weniger sprechen und mehr Gott suchen bedeutet weise sein 8. Von der Liebe Gottes durchdrungen sein und alles als Gnade annehmen. Altes loslassen kann Neues bewirken: Trauer kann zum Segen werden, besonders wenn ich Verluste akzeptieren kann. "Denn das Weizenkorn muss in den Boden kommen und sterben, nur so kann es Frucht bringen." Die grösste Frucht ist eine vertraute und vertiefte Gottesbeziehung.
In einem Stadtturm im piemontesischen Alba

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Emotional erwachsen werden (Seiten 187-206)

Viele Christen wissen viel über die Bibel, aber sie haben Mühe mit negativen Emotionen konstruktiv umzugehen und nicht daran hängen zu bleiben. Das hat viel mit mangelnder emotionaler Reife zu tun. Scazzero unterscheidet vier Stufen der Reife: · Emotionaler Säugling: Erwartet alles von andern und braucht sofortige Bedürfnisbefriedigung durch andere · Emotionales Kind: ist zufrieden, wenn es bekommt, was es will, sonst reagiert es mit Betteln, Jammern oder Trotz; lässt sich leicht aus der Fassung bringen, ist leicht verletzbar · Emotional Heranwachsender: ist bedroht, verletzlich, verteidigend, kritisierend, verurteilend, eher konfliktscheu, schuldzuweisend und wenig anteilnehmend · Emotional Erwachsener: Wünsche und Bedürfnisse werden ehrlich und direkt geäussert; hat Selbstwert; erkennt und übernimmt Verantwortung für eigene Gedanken, Gefühle, Worte und Taten; kann eigene Werte vertreten; respektiert andere bedingungslos und gibt Wertschätzung; ist konfliktfähig, lösungsorientiert und fehlertolerant; kennt eigene Grenzen, Stärken und Schwächen Echte Spiritualität zeigt sich besonders in der Liebesfähigkeit; denn nur Liebe enthüllt Schönheit und Wert des andern (nach Jean Vanier) und schenkt ihm Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Sünde ist das Gegenteil von Liebe, nämlich in sich selbst verkrümmt sein (nach Augustinus). Respekt zeigt sich besonders darin, dass ich dem andern eine eigene Meinung und seine eigene Lebenswelt einräume. Gedanken neigen zur Verselbständigung, daher sind sie im Dialog zu äussern, zu prüfen und zu korrigieren. Erwartungen sind auszusprechen. Kirche kann ein Ort der Liebe, des Wachstums und der Reife sein, wenn wir zulassen, dass Gott da mit seiner Wahrheit herrschen darf!

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Mittwoch, März 25, 2015

Wege zu einer vertieften Spiritualität (Seiten 172-186)

Wir brauchen Hilfsmittel, sogenannte Seile, um unser Vertrauen und unsere Hingabe an Gott zu bekräftigen. Denn er möchte uns seinen Rhythmus schenken. Tagzeitengebete sind eine gute Übung, weil sie mein Tun unterbrechen, begrenzen und mich auf Gott ausrichten. Ich bin nicht immer verfügbar, und das Leben auf der Erde ist eine unvollendete Symphonie (Seite 182). In den Klöster gelten in der Regel folgende Zeiten: Vigil 03.45h – Laudes 6.00 – Prim (mit Messe) 6.25h – Sext 12.15h – Non 14.00h – Vesper 17.40h – Komplet 19.40h. Auch das Jesusgebet hilft gegen Abschweifungen; Schweigen unterbricht mein Reden und Schriftlesung, besonders die Psalmen, beeinflusst mein Denken und Fühlen und kann es in gesunde Bahnen lenken. Feiertagsruhe wurde von Gott geschaffen und zeichnete Israel gegenüber den umliegenden Völkern aus. Auch wir brauchen Entspannung und Freitzeitbeschäftigung, die uns zwecklos einfach nur erfreuen dürfen. Geniessen der Gaben Gottes mit allen Sinnen und in Gemeinschaft ist uns sogar aufgetragen und ist also kein unnötiger Luxus! Gotteslob und Gott „schauen“ in Gottesdienst und Stille seien ein Vorgeschmack aufs himmlische Fest.

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Sonntag, März 15, 2015

Kontemplative Spiritualität

Kontemplative Spiritualität ist eine Frömmigkeit, die von Gottes Liebe, Wertschätzung und Zuwendung lebt (Seite 50). Gott wird in der Bibel mit vielfältigen Emotionen wie Fröhlichkeit, Mitgefühl und auch Zorn beschrieben, warum sollten wir nicht auch so emotional sein? Unter all meinen Identitäten und hinter meinen Masken und auch nach den Folgen des Sündenfalls liegt meine wahre Identität, die lautet: Ich bin von Gott gewollt, gemacht, geliebt, wertgeschätzt, bedeutsam und einmalig! Annehmen der wirklichen Identität hilft gegen Versuchungen wie Erfolg, Besitz und Beliebtheit. Auch Familiengeheimnissen wie „ich gebe dir, dafür gibst du mir“ bin ich nicht mehr ausgeliefert. Sie können erkannt, hinterfragt und durchbrochen werden. Eine kontemplative Spiritualität orientiert sich dagegen an folgenden Kriterien: ·Gottes Liebe in allem suchen, erkennen und sich ihr überlassen ·Gottes Gegenwart suchen, auf ihn hören und bei ihm verweilen und ruhen ·Gott erlauben, in der Tiefe unseres Wesens zu wohnen ·Geistliche Übungen wie Stille und Einsamkeit zulassen, ein- und regelmässig ausüben ·Leben als Wachstumsprozess verstehen lernen, der auch Schmerzen einschliesst ·Andere Menschen lieben von Gott her und aus seiner Perspektive und Kraft ·Einen ausgeglichen Lebensstil und Lebensrhythmus entwickeln und pflegen ·Verbindliche Gemeinschaft leben Kontemplative Spiritualität will den Weg der Nachfolge Christi unterstützen und zielt daher auf konkrete Schritte: Stille, ehrliche Begleitende, Verlassen, Beten für Mut und Durchbrechen der „Schallmauer“. Die Geschichte Josefs ist ein gutes Beispiel für emotionale Gesundheit und spirituelles Wachstum. Er wuchs in einer Patchworkfamilie auf, wo Lüge und Betrug seit Generationen als Familiengeheimnis geherrscht hatten. Trotz herben Enttäuschungen und massiven Verlusterfahrungen (in seiner Jugend) hielt er an Gott fest. Josef war Gott treu im kleinen, um zu gegebener Zeit Grosses tun zu können. Gott führte ihn geheimnisvoll an die zweithöchste Stelle in Ägypten, damit seine Familie und er überleben konnten (Gen 45,7+8). Mehrmals weinte Josef laut, um seiner Trauer ohne Beschönigung Raum zu lassen. Er benannte seine Kinder Manasse und Ephraim, was Vergessen und Wachsen lassen bedeutet.

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Peter Scazzero: Glaubensriesen – Seelenzwerge

Das zweite Buch des New Yorker Pastors und Buchautors Peter Scazzero, das ich hier vorstellen möchte, heisst: Glaubensriesen - Seelenzwerge. Geistliches Wachstum und emotionale Reife. (Im amerikanischen Original: Emotionally Healthy Spirituality. Unleash a Revolution in Your Life in Christ.) Die deutsche Fassung ist im Brunnen-Verlag Giessen 2008 unter der ISBN-Nummer: 978-3-7655-1494-4 erschienen. Zum Inhalt: Scazzero stellt in diesem Buch eine Analyse ungesunder christlicher Spiritualität dar und legt Konzepte vor, die zu emotionaler Gesundheit und einer tieferen Spiritualität führen können, sofern man bei sich genau hinschaut und sich von Gott verändern lässt. Ungesunde Spiritualität sei eine Frömmigkeit, die nicht wirklich in die Tiefe gehe und von Gott wegführe (Seite 25). Sie zeige sich an folgenden Symptomen: . Gott benutzen, um vor ihm zu fliehen („Mein statt dein Wille geschehe“) . Negativ besetzte Gefühle ignorieren (wie Wut, Traurigkeit oder Angst) . Falschen Dingen absterben („Nur wer ein Ich ausgebildet hat, kann es auch hingeben; nur was lebenshindernd ist, soll losgelassen werden; das Lebensfördernde ist hingegen zu bejahen!) . Vergangenheit leugnen oder glorifizieren . Leben in säkulare und heilige Bereiche aufteilen (selektieren führt zu Doppelleben und Heuchelei) . Taten für Gott statt leben mit ihm (wie in unserer Leistungsgesellschaft) . Konflikte geistlich übertünchen (Selbstbetrug statt Wahrheit) . Gebrochenheit, Schwachheit und Versagen bemänteln und überdecken (statt dazu zu stehen wie in vielen Psalmen darüber gesprochen und weitere biblische Personen dargestellt werden) . Grenzenlos leben und immer verfügbar sein (nicht nein sagen können) . Andere verurteilen (Überheblichkeit). Emotionale Gesundheit definiert Scazzero wie folgt (Seite 49): . Gefühle erkennen, benennen und steuern . Mitgefühl für andere empfinden und entwickeln, ohne sie ändern zu wollen . Beziehungen eingehen und pflegen . Zerstörerische Muster erkennen und aufgeben . Vergangenes erkennen und einordnen können . Direkte Kommunikation einüben lernen, Bedürfnisse verbal artikulieren . Selbsteinschätzung vornehmen können (Stärken, Schwächen, Grenzen) . Konfliktlösung suchen, die beide Seiten berücksichtigt . Eigene Sexualität wahrnehmen, einordnen und ausdrücken lernen . Trauern zulassen und durchgehen

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Donnerstag, Januar 08, 2015

15: Divine Humanity (Göttliche Menschheit)

Arius (250-336) war ein Häretiker und hat das Nizäaische Konzil heraufbeschworen. Er hatte gemäss seiner alexandrinischer Philosophie Jesus nicht als ewigen Gott gesehen, sondern nur als Teilnehmer der göttlichen Natur. Für den Orthodoxen Hart aber wurde Gott Mensch, damit der Mensch göttlich werden konnte, denn nur Gott selbst könne uns mit Gott verbinden. Die Revolution des Christentums bestand darin, dass es die antike Zivilisation absorbieren und eine neue Moral, Spiritualität und Intellektualität hineinbringen konnte. Die Welt wurde demystifiziert und neu definiert, und alles bekam eine neue Ethik mit fast unbegrenzter Würde.
Schlussteil: Reaction and Retreat. Modernity and the eclipse of the Human (Reaktion und Rückzug. Moderne und die Verdunkelung des Menschlichen) Der Vorwurf der neuen Atheisten sei, dass Religion alles vergifte, was Hart gründlich und vor allem geschichtlich in Frage stellt. Er ist dagegen der Meinung, dass sich Sensation besser verkaufe als Sinn. Materialismus sei eine metaphysische Theorie der Realität. Als historische Kraft war Religion nie nur gut oder schlecht, aber sie hat die menschliche Natur in all ihren Dimensionen reflektiert (Seite 221). Weil Gottes Reich nicht von dieser Welt sei, habe die christliche Kultur nie eine Bewegung produziert, die Rettung durch politische Aktion (allein) wollte. Der Aufstieg der Wissenschaften sei keine Leistung des Rationalismus gewesen, weil er bereits früher begonnen habe. In der Spätscholastik kam dann der Voluntarismus als neue theologische Position auf, die zum Aufstieg des Frühkapitalismus, der Mittelklasse, des Bildungsbürgertums und des zunehmenden Wohlstands gut gepasst habe. Die nachreligiösen Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit waren begleitet von über 100 Millionen Toten. Hart befürchtet, dass das nachchristliche Zeitalter banal werden könnte. Viele Wissenschaftler klammern sich (zu sehr) an die empirischen Wissenschaften nicht nur als Quelle des Wissen und der Hypothesen, sondern (fälschlicherweise) als Schiedsrichter der Werte, der Moral und der metaphysischen Wahrheit.

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Montag, Juli 23, 2012

Wie Körper und Geist zusammenwirken

Interessant sind auch Boberts Ausführungen zu Körper und Geist, zuerst im speziellen zum Placeboeffekt: Das Wort „placebo“ werde in Psalm 116,9 verwendet, wo es „Gefallen“ bedeutet. Daraus sind Totenandacht, danach Scheinheiliges und heuchlerische Ersatzhandlung geworden. Zum medizinischen Begriff wurde es erst um 1900; der Placeboeffekt beschrieb Henry Beecher 1955, der Erfahrungen als Anästhesist im 2. Weltkrieg machte bei Schmerzmittelmangel und Placebos an verletzte Soldaten verteilte und Linderung feststellte. Herbert Benson schrieb 1997 in München zu „Heilung durch Glauben“. In der Materie wohne eine „schöpferische Potenz“, der Geist. Dieser Geist vermag den Körper umzugestalten durch biochemische Prozesse. Innere Bilder, Träume, Meditation und mantrisches Gebet lenken unsere Aufmerksamkeit, wirken positiv oder negativ durch das Gehirn auf den Körper ein. Das Bewusstsein steuert den Körper. Achtsamkeit ist das grundlegende Werkzeug zur Formung des Menschen. Leben in der Gegenwart, wirklich ganz da zu sein, gewahr zu sein, beeinflusst den Stoffwechsel positiv. Man spricht da von „Mindfulness-Based Cognitive Therapy MBCT“. In diesem Sinn bedeutet meditieren nicht leer werden, sondern Bewusstseinstraining und Gehirnbildung „brainbuilding“. Gehirne sind lebenslang modellier- und veränderbar, deshalb auch in einem gewissen Sinn frei und nicht vorherbestimmt. Alle wissenschaftlichen Ergebnisse sind und bleiben interpretationsbedürftig. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wesentliche Beschreibungen und grundlegende Entwicklungsschritte im Verhältnis von Mensch und Gott, Körper und Geist sind von folgenden Personen erzielt oder festgehalten worden: · Gregor von Nyssa, 330-395, wendete Bilderverbot auf das Gebet an, denn der unsichtbare Bräutigam sei da · Evagrius Ponticus, 345-399, ein Schüler von Gregor von Nazianz und gebildeter Mönch in der nitrischen Wüste Aegyptens, beobachtete seine eigenen Gedanken und lernte so „die Unterscheidung der Geister“. Er sah den Geist des Menschen auf Gottes- und Selbsterfahrung hin angelegt. Er empfahl zudem, nicht das Aussergewöhnliche und Spektakuläre zu suchen, weil dort die Dämonen der Ruhmsucht und des Stolzes seien. Generell haben die Wüstenmönche betont, dass man Jesus nur durch Anstrengung, Demut und unaufhörliches Gebet „besitzen“ könne · Cassian, 360-435, hinterliess in seinen „Collationes“ einen mantrischen, bildlosen Weg des Gebets · Bernhard von Clairvaux, 1090-1153, betete: „O jähe, heftige, brennende, ungestüme Liebe, die du keinen nicht auf dich bezogenen Gedanken duldest, ... alles ausser dir verschmähst (du) und mit dir allein zufrieden bist. Du lehnst alle Ordnung ab, kehrst dich an keine Schicklichkeit, kennst kein Mass. Ueber alles, was gute Zeit, Vernunft, Sitte, Rat und Ueberlegung zu sein scheint, setzest du dich siegreich hinweg. Alles, was die Braut denkt und spricht, tönt nach dir, duftet von dir und von nichts sonst. So sehr hast du Herz und Zunge in Beschlag gelegt.“ Deshalb sei jeder Mensch zur Liebe, ja zur Liebesvereinigung mit Gott bestimmt. Er sprach von fünf Liebesstufen: 1. Fleischliche Liebe: Der Mensch liebt sich selbst 2. Soziale Liebe: Der Mensch liebt Gott als Sklave 3. Funktionale Liebe: Der Mensch liebt Gott als Arbeiter 4. Faszinierende Liebe: Der Mensch liebt Gott als Kind 5. Bindende, innige, masslose, selbstlose, trunkene, verwandelnde Liebe: Mensch liebt Gott als Braut · Martin Luther, 1483-1546, definierte Glauben an Gott als von Gott geführtes Zusammensein von Gott und Mensch, das in lectio, oratio, meditatio und tentatio geübt werde · Ignatius von Loyola, 1491-1556, Gründer des Jesuitenordens, schrieb ein Exerzitienbuch. Darin macht er auf Gefahren der Egozentrik und Projektion beim Beten aufmerksam. In der Betrachtung Gottes, um Liebe zu erlangen, geht es um Verzicht auf äussere und mentale Aktivitäten (EB 234): „Nehmt, Herr, und empfangt meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Ihr habt es mir gegeben; Euch gebe ich es zurück. Alles ist Euer, verfügt nach Eurem ganzen Willen. Gebt mir Eure Liebe und Gnade, denn diese genügt mir.“ Er unterschied drei Stufen auf dem Weg zu Gott: 1. Reinigungsweg: Ruhig werden, Wahrnehmen und Unterscheiden von gedanklichen und gefühlten Prozessen: heilsamer Trost bewirkt Ruhe, Freude, Friede und Liebe in Gott; zerstörerische Trostlosigkeit führt zu Verzweiflung, Unruhe und Hass 2. Erleuchtungsweg: auf äussere Sinne verzichten, langsam beten und zunehmendes Verweilen in heilsamen Gedanken und Gefühlen: Indifferenz „Hesychia“ 3. Vereinigungsweg: blosses Schauen der göttlichen Personen ohne jegliche Aktivität mittels Jesus-Gebet, das an Atem gebunden ist; dauerhaftes Verweilen in heilsamen Gedanken und Gefühlen · Teresa von Avila, 1515-1582, unterschied vier Gebetsformen: 1. äusserliches, vorgesprochenes und nachahmendes Beten für Kinder 2. fragendes und reflektierendes Beten für Jugendliche 3. affektives und vertrauendes Beten wie zu einem Freund 4. kontemplatives, konzentrierendes und stilles Beten (das haben besonders Emmanuel Jungclaussen, Franz Jalics und Peter Dyckhoff in der Gegnewart aufgegriffen) . Johannes Maria Vianney (in Ars), 1786-1859, hat gesagt: „Ich schaue den guten Gott an, und der gute Gott schaut mich an“ · William James, 1842-1910, hat als einer der ersten 1890 über Neuroplastizität und Introspektion geschrieben · C. G. Jung, 1875-1961, forschte über das kollektive Unbewusste und das wahre Selbst des Menschen · Viktor Frankl, 1905-1997, machte auch überbewusste Erfahrungen · Abraham Maslow, 1908-1970, beschrieb überbewusste Erfahrungen in seiner Psychologie des Seins · John Main, 1926-1982 erneuerte die benediktinische Spiritualität mit Mantren, wie sie bereits Cassian in seinen Collationes als bildlosen Gebetsweg gelehrt hatte · Paul Virilio, geboren 1932, machte u.a. auf die Zeitrevolutionen aufmerksam: Transportwesen im 19. Jahrhundert, Uebertragungsmedien im 20. Jahrhundert und Entmaterialisierung und Körpervirtualität im 21. Jahrhundert · Mihaly Csikszentmihalyi, geboren 1934, schrieb ein Buch über „Flow“, worin er Zustände jenseits von Angst und Langeweile beschrieb, überwache Zustände mit hoher Konzentration. · Matthieu Ricard, geboren 1946, französischer Wissenschaftler und Buddhist, hat ein Buch über Glück geschrieben (München 2009). Er weist darauf hin, dass das Gehirn nicht äusseres und inneres Erleben unterscheide. Wir seien unseren eingeschliffenen Charaktermuster nicht schicksalhaft ausgeliefert. Die Lenkung der Aufmerksamkeit auf heilsame Bilder baue gesunde Charakterstrukturen auf.

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Mittwoch, Juli 04, 2012

Seccum esse

Ganz wichtig für Sabine Bobert ist „secum esse“, das bei sich sein und die Einsamkeit erlernen und aushalten können. Wahrscheinlich geht dieser Gedanke am stärksten auf Antonius, der 251 bis 356 gelebt hatte, zurück. Mit seinem einsamen Gang in die ägyptische Wüste und der damit verbundenen Askese etablierte er ein neues Lebensmodell, ja sogar einen Kulturtrend, die in der „Vita Antonii“ beschrieben worden ist. „Wer die himmlische Wirklichkeit wolle, der ziehe allein in die Wüste.“ Nachfolge bedeutete für ihn Zentrierung auf Jesus Christus, die Aufmerksamkeit lebenswirksam auf ihn lenken, Unwesentliches, Irrtümer und Zuschreibungen loslassen und auch sozial fremd sein und somit die Todeseinsamkeit vorwegnehmen. Dieses in Jesus zu ruhen, die „Hesychia“, brauche aber Training. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . In die gleiche Kerbe schlug später auch Ignatius von Loyola, der 1491 bis 1556 gelebt hatte, mit seinen geistlichen Uebungen. Besonders lehrte er, sich indifferent gegenüber dem Geschaffenen und Gegebenen zu machen. Noch heute sind seine grundlegenden Uebungen anwendbar und hilfreich, weil sie dem zu starken sozialen Zwang zur Individualisierung entgegenstehen. Christlicher Glaube lebt nach Bobert auch von Sozialisierung und Individualisierung durch spirituelle Techniken wie Einsamkeit, Schweigen, Fasten, Introspektion, Tagesstrukturen wie „ora et labora“, gemeinsames Singen und geistliche Begleitung. Schon die Wüstenväter achteten sowohl auf Erfüllung mit dem Heiligen Geist als auch gute Lebensweise, Herzenserkenntnis und Unterscheidung der Geister. . . . Als Beispiel für einen solchen gottgefälligen Lebensstil erwähnt Bobert Charles de Foucauld, 1858-1916, ein französischer Offizier und Lebemann, der 1881 wegen mangelnder Disziplin in die Armeereserve versetzt wurde und ein Jahr später von seiner Familie entmündigt wurde wegen Vermögensverschleuderung. In Kaplan Henri Huvelin fand er danach einen geistlichen Begleiter und kehrte um. 1901 wurde er Priester mit einer Sendung in die Sahara; bei den Tuareg war er dann „Bruder Karl“. 1902 schrieb er die Regeln der kleinen Schwestern vom Heiligsten Herz Jesu. In seinem abgelegenen Kloster wurde er aus Versehen von einem jungen Tuareg-Soldaten getötet. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auch Henri Nouwen, der begabte Psychologieprofessor, ging 1974 für sieben Monate ins Trappistenkloster, um seinen Zwängen und seiner Leere zu entkommen. Darüber schrieb er das Buch: Ich hörte auf die Stille. Abt John Endes Bamberger wurde im Kloster sein geistlicher Begleiter und verhalf Nouwen zu einer besseren Selbstwahrnehmung. Dazu gehören: . . . · eigene Grenzen akzeptieren, · Gottesbild verändern lassen, · Leidenschaften wahrnehmen und · den Kampf aufnehmen
Für Bobert sind Stufen des Glaubens jenseits materialistischer Reduktion wesentlich. Erfahrene und nicht nur geglaubte Liebe verwandle die Menschen. Einzelne Psychologen wie Fowler, Kohlberg und Graf haben dies aufgenommen und davon geschrieben: · James W. Fowler: Glaubensentwicklung. München 1989 · James W. Fowler: Stufen des Glaubens. München 1991 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt 1996 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Lebensspanne. Frankfurt 2000 · Stanislav Graf: Spirituelle Krisen. München 1990. Er hat einen transzendenzoffenen Ansatz ähnlich wie C.G. Jung. Spiritualität wird nicht nur negativ und krankmachend dargestellt, sondern auch reinigend, ekstatisch und umgestaltend erfahren, was sehr aufbauend sein kann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von diesen Stufen des Glaubens habe auch bereits Ambrosius von Mailand, 333 in Trier geboren und 397 in Mailand gestorben, gesprochen. Er war derjenige, der den Gemeindegesang in die Messe eingeführt hatte, ein pneumatisches und mystisches Eucharistieverständnis entwickelte, eine Abhandlung über den Heiligen Geist „de spiritu sancto“ schrieb, ein Kenner der Antike und Freund von Origenes war. Sein reifes theologisches Alterswerk war „De Isaac vel Anima“, worin er über Issak (Genesis 24 und 26), das Hohelied und die Seele sprach. Darin lassen sich vier Schritte unterscheiden: 1. Finden (oder Beginn; nach Ernst Dassmann, dem deutschen Ambrosiusbiograf) 2. Verlieren (Gefährdungen) 3. Wiederfinden (Läuterungen) 4. Vereinigen von Braut und Bräutigam (Vollendung)

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Samstag, Juni 30, 2012

Boberts Geschichte der christlichen Mystik

Ihre eigentlichen Ausführungen zur Mystik beginnt Bobert dann erstaunlicherweise mit Platon und seinem Stufenweg (Seite 44). Er unterschied zwischen 1. Reinigungsstufe (in Symposion 199-201) 2. Einweihung in die Ueberlieferung (201-209) 3. Schau (209-211) . . . . . Etwas gewagt und theologisch einseitig finde ich Boberts These, dass Paulus platonisch beeinflusst gewesen sei. Er verarbeitete Mysterientheologie in der Kultpraxis, seine Tauflehre werde im Römerbrief 6-8, Gal 3,26 und 1Ko 1,13-17 entsprechend beschrieben. Das hauptsächliche Mysterium sei Christus, der den Menschen in der Auferstehung verwandelte. Danach verweist sie auch stark auf Clemens von Alexandrien, der 150-215 gelebt hatte. Er christianisierte Platon, forderte Arkandisziplin von Christen, die sich analog zu Platon zeigte in 1. Reinigung 2. Unterweisung (kleine Mysterien) und 3. Schau (grosse Mysterien) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiter nimmt dann Bernhard von Clairvaux (1090-1153) viel Raum ein. Er lebte zur Zeit, als die Scholastik entstand, die besonders gut von Abelard (1079-1142) und Petrus Lombardus (1095-1160) verkörpert und vertreten wurde. Bernhard dagegen betonte Beziehung und Liebe zu Gott, besonders in seinen Hoheliedpredigten. Er plädierte für Gottes- und Selbsterkenntnis und Gottessuche in der Kontemplation. In (seinen) Klöstern wurde auch vieles aus Gottes unsichtbarer Welt abgebildet wie der quadratische Garten, der Kreuzgang, etc. So wurde Gott und seine Welt besser sichtbar, hörbar und fühlbar gemacht. Gruppenlernen und Dynamik der Klostergemeinschaften trugen noch Wesentliches zur Erfahrung von Transzendenz bei. Mönch Guigo II, der 1193 starb, lehrte folgende Methodenschritte fürs geistliche Leben: 1. Lectio (Bibel lesen) 2. Meditatio (meditieren) 3. Oratio (beten) 4. Contemplatio (schauen) . . . . . Auch Martin Luther lehrte einen ähnlichen geistlichen Weg und war von den Sakramenten und ihren Wirkungen überzeugt. Er legte vor allem die Erfahrungs- und Lebensfremdheit der Scholastik bloss. Der Benediktiner Odo Casel, der 1886 in Koblenz geboren wurde, und als Priester in Maria Laach tätig war bis er 1948 starb, wollte die Mysterientheologie erneuern. Das eigene Miterleben in der Eucharistiefeier wurde wichtiger, so kann „communio“ zur „unio“ werden. Er beachtete die Theologie der Kirchenväter stärker und verfasste religionsgeschichtliche Studien zu antiken Mysterienkulten. Bobert plädiert mit Manfred Josuttis (geboren 1936, ev. Theologe in Göttingen) hier gegen rationalistische Tendenzen und für pneumatische Prozesse. Die (westliche) Theologie greife heute oft zu kurz, denn das Wesen des Theologen sei die Glaubensschau, die von Christus ausgeht (Seite 74). Die Teilnahme am (Mess)Kult fördert das Verstehen. Bild Gottes zu sein sei das Wesen des Menschen, aber zugleich auch seine Aufgabe. Sünde störe Wahrnehmung(sfähigkeit) und Erkenntnis der Wahrheit. Je mehr das Ego zerstört werde, desto mehr entfalte sich Christus. Wandlung (in der Eucharistie) sei nicht religiöser Materialismus, sondern ein Sieg des Geistes; die Materie müsse Gott dienen. Wirksame Rituale hätten Gnadencharakter. Das Heilige sei eine Wirklichkeit, die immer präsent, aber nicht immer zugänglich sei, die man nicht auflösen darf. Durch rituelle Methoden werde ein atmosphärische Machtfeld realisiert, wo das Göttliche Menschen ergreife und Resonanz auslöse. Mystagogie sei die Kunst der Initiation, der Hineinführung in das Geheimnis der eigenen Existenz, anderer Menschen, des Kosmos und Gottes. Religiöse Phänomene seien möglichst wörtlich und wirklich zu nehmen. Christliche Mystik sei ein Erfahrungsweg, der auf ein gegenwärtiges Leben mit Gott ziele und echte Gotteserkenntnis bewirke. Sie sei personale Begegnung mit Jesus und dem dreieinigen Gott, die sogar erotische Komponenten umfassen könne, den Menschen reinige und verwandle zum Bild Gottes. Sie mache mit Jesus Christus heilsame Erfahrungen und lege anspruchsvolle Wege zurück. Die orthodoxe Theologie sei viel stärker Mysterientheologie geblieben, die mit kultischen Spiegelungen und Kommunikation und Kraftworten arbeite und mit Kraftteilhabe rechne. Ihre Spiritualität will den Geist materialisieren und die Materie spiritualisieren. Im Osten und Westen wurde durch die mystische Praxis die kulturelle Elite geformt und spezifisches „Kapital“ gebildet in Klöster, Kirchen und Schulen. Einige Definitionen von Sabine Bobert, da die Begriffe häufig noch unbekannt und zudem unscharf sind: 1. Christliche Mystagogik ist christliche Lehre vom mystischen Weg mit Jesus Christus; denn er ist das Urbild des Menschen 2. Praktische Mystagogik ist ästhetisch-kultische und individuell-übende Spiritualität 3. Mystagogische Theorie reflektiert mystische Tradition mit der Wissenschaft 4. Das (mystische) Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch vor allem ein geistiges Wesen ist, das zur persönlichen Vereinigung mit Gott bestimmt ist 5. Gesellschaftlicher Kontext: Postmoderne, Interreligiosität und Esoterik 6. Theo-Aesthetik bedeutet zentrierte Aufmerksamkeit und Gegenwart Gottes in allem sehen . . . . . Bobert sieht die westlichen Menschen als heilungsbedürftig und leidend unter metaphysischem Heimatverlust (Peter L. Berger). Die Folgen seien eine Risikogesellschaft (Ulrich Beck) und Ich-AG. Ausgelöst wurde dies durch die Reformation, die ein Autoritäts- und Freiheitsproblem bewirkt hatte. Alles musste danach im Glauben angeeignet werden, sogar die Taufe. Der Einzelne erhielt dadurch viel Verantwortung, mit der nicht immer zurecht komme. Es habe eher zum Laientum aller Priester als zum Priestertum aller Laien geführt. Dagegen betone Mystik im Rahmen von Dietrich Bonhoeffer und von Teilhard de Chardin: · Teilhabe am Vater bedeute Sein, Schaffen und Einheit · Teilhabe am Sohn bedeute Werden, Existieren und Lieben · Teilhabe am Geist bedeute Bewusstwerdung, Integration, Denken und Licht (orthodox) . . . . . Der russische Universalgelehrte und Priester Pavel Florenskij (1882-1937) bezeichnete den Menschen (tiefsinnig) als Maske, Gesicht und Antlitz Gottes. Durch die Erlösung kann die maskenhafte Abspaltung und die dämonische Fremdherrschaft überwunden, das wahre menschliche Gesicht wiederhergestellt und das Ziel als Ebenbild Gottes nach dem Urbild von Jesus erreicht werden.

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Donnerstag, Juni 28, 2012

Sabine Bobert: Jesus-Gebet und neue Mystik

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich vermehrt mit christlicher Mystik. Das hat vermutlich mit meiner Lebensmitte und der Ausschöpfung des diskursiven und kognitiven Zugangs zu Gott zu tun. Auf diesem Weg ist mir das äusserst informative und lesenswerte Buch von Sabine Bobert aufgefallen: Jesus-Gebet und neue Mystik. Grundlagen einer christlichen Mystagogik. (Verlag: Kiel Buchwerft Jahr 2010, 470 Seiten; www.buchwerft-verlag.de; ISBN-Nummer: 978-3-940900-22-7) . . . . . Etwas zur Autorin: Sabine Bobert wurde 1964 in Ostberlin geboren. Sie studierte Theologie an einem baptistischen Seminar, danach konvertierte sie zur evangelischen Kirche. Ab 1991 war sie zuerst Vikarin und dann Pfarrerin in Berlin. Sie promovierte mit einer Arbeit über Dietrich Bonhoeffer. Im Jahr 2000 war sie stellvertretende Theologieprofessorin in Marburg, ein Jahr später in Kiel. Sie ist Professorin für praktische Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Seelsorge, alter christlicher spiritueller Traditionen und postmoderner Spiritualität. Sie setzt sich dafür ein, dass die deutsche evangelische Messe wieder vollständig umgesetzt wird mit all ihren rituellen Handlungen. . . . . . . . . . . . . . . . Zum Inhalt: Sabine Bobert zeigt für mich zu Beginn ihrer Ausführungen eindrücklich auf, dass die akademische protestantische Theologie spirituelle Uebungswege, generell den Wert einer erfahrbaren Spiritualität heute neu kennen und vermehrt schätzen lernen muss und will. Bisher hat sie zunehmend auf säkulare Methoden der Sozialwissenschaften gesetzt, neu kommen religiöse Methoden, Symbole und Riten wieder stärker ins Blickfeld. Wenn wir weit genug zurückschauen, dann ist diese Entwicklung nicht neu, denn bis zur Scholastik war die Mystagogik, der Gottesdienstkult, die vorherrschende christliche Theologie. Im Westen haben jedoch die Scholastik, die Reformation, die Aufklärung und der Rationalismus die christliche Mystik und die geistlichen Uebungswege weitreichend marginalisiert. Im orthodoxen Osten war dies nicht geschehen, was Bobert als geistlichen Vorteil und Gewinn erachtet. . . . . Karl Rahner, der bedeutende deutsche katholische Theologe des 20. Jahrhunderts war ein Profet als er sagte: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein...“. Auch der Wissenssoziologe Peter L. Berger machte mit seinen Büchern „Wiederentdeckung des Uebernatürlichen in der modernen Gesellschaft“ (1970 und „Der Zwang zur Häresie“ (1980) auf dieses neue westliche Phänomen aufmerksam. Sabine Bobert unterscheidet drei Hauptarten von religiösem (christlichem) Wissen: . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Autoritäres Wissen, das sich aus der Tradition ableiten lässt. Bekanntester Vertreter dafür im 20. Jahrhundert war Karl Barth . . . . . . . . · Negierendes Wissen, das aus Anpassung an den damaligen Zeitgeist des Materialismus und der Entmythologisierung entwickelt wurde. Rudolf Bultmann steht für diese Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Erfahrendes Wissen, heute vorherrschend, das induktiv und individuell angeeignet wird. Die wichtigsten Personen dafür sind Friedrich Schleiermacher, Karl Rahner und Ulrich Beck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusätzlich gab bereits um 1900 und auch schon vorher alternative Religionsparadigmen in Europa. Zu erwähnen sind Emanuel Swedenborg 1688-1772, Franz Anton Mesmer 1734-1815 und Rudolf Steiner 1861-1925. Sie setzten viel stärker auf religiöse Empirie. Im 20. Jahrhundert waren in dieser Richtung, C. G. Jung, Thorwald Dethlefsen und Elisabeth Kübler-Ross tätig. Sie portierten Reinkarnationsvorstellungen infolge persönlicher Erfahrungen; letztere glaubte nur, was sie erfahren konnte. Tod gab es für Kübler-Ross nicht, sondern Unsterblichkeit, die jedoch pseudowissenschaftlich begründet wurde. Der Körper wird als Haus, Tempel oder Kokon angesehen. Aehnlich argumentierte auch Max Planck, als er sagte: „Es gibt keine Materie an sich. Sie entsteht und besteht nur durch eigene Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt und zusammenhält. Wir müssen hinter dieser Kraft einen bewussten und intelligenten Geist annehmen, der das Wahre ist.

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Donnerstag, Februar 02, 2012

Geistliche Elternschaft


Ich glaube zusammen mit vielen Personen, dass wir in der heutigen Welt dringend geistliche Väter und Mütter brauchen. Menschen, die zur Ruhe gekommen sind in Gott, in der Liebe des Vaters. Sie sind heimgekommen und angenommen, gerechtfertigt und zunehmend heil geworden. Sie haben die Liebe und Heiligkeit des Vaters in sich aufgenommen, sind dadurch verwandelt worden, leben davon und strahlen etwas aus. Sie müssen sich nicht mehr zwingend darstellen und verwirklichen, und sie brauchen auch keine Ersatzlösungen mehr. Trotzdem bleiben sie geduldig in ihren Lebenssituationen dran, auch wenn es nicht gut geht und läuft. Sie sind versöhnt mit Söhnen und Töchtern und kommen ihnen sogar entgegen. Sie suchen die Verlorenen und werben um sie. Sie verhärten sich nicht mehr, sondern bieten Hilfe an, gerade auch weil sie hinter ablehnende Fassaden sehen. Sie halten an Beziehungen fest trotz Schwierigkeiten, und sie erkennen auch das Gute im andern. In Alltag und Schwierigkeiten rechnen sie mit Gottes Dimensionen und suchen seine Lösungen. Es geht ihnen nicht mehr um sich selbst, sondern um Gottes Reich und Sache. Wir brauchen mehr solche Menschen.
(Inspiriert durch "Neues Land"/Christoph Hässelbarth)

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Montag, Dezember 05, 2011

Koscherer Sex

Dieses unauffällige Buch von Shmuley (Kosename für Samuel) Boteach wurde aus dem Amerikanischen von Margot Schürings übersetzt und ist im Adwaita-Verlag in D-82383 Hohenpeissenberg im Jahr 2001 unter der ISBN-Nummer 3-934281-01-X erschienen.

Shmuley Boteach wurde 1966 in den USA geboren. Er hat jüdische Theologie studiert und wurde 1988 bei „Chabad-Lubawitsch“ in New York als orthodoxer Rabbiner ordiniert. Er ist heute einer der berühmtesten chassidischen Rabbis. Er ist mit einer australischen Jüdin verheiratet, und sie haben sechs Kinder. Ueberall, wo er als Rabbiner tätig war, nämlich in Los Angeles, New York und Oxford GB, konnte er das Interesse für den jüdischen Glauben enorm erhöhen und viele, gerade auch junge Menschen anziehen.

Ich habe schon einige, vor allem christliche Bücher über Sexualität in der Ehebeziehung gelesen. Doch „Koscherer Sex. Ein Leitfaden für Leidenschaft und Intimität“ des Juden Shmuley Boteach gehört zum besten, was es heute im jüdisch-christlichen Bereich zu diesem Thema gibt. Obwohl das Buch 286 Seiten umfasst, ist es leicht zu lesen, denn es ist in thematische Kapitel eingeteilt. Zwar hat es einige Wiederholungen drin, doch scheint mir dies ein berechtigtes Stilmittel zu sein, um gewisse Sachverhalte zu vertiefen und Aussagen zu verstärken. Der Titel ist sicher etwas gewöhnungsbedürftig, er könnte auch verständlicher mit „gottgewollter, heiliger oder reiner Sex“ wiedergegeben werden.

Obwohl dieser Rabbi das Buch bereits mit 35 Jahren geschrieben hat, kann er mit vielen Beispielen aus seiner vielfältigen Beratungstätigkeit als Rabbiner aufwarten. Auch seine eigene Lebensgeschichte hat er glaubwürdig eingewoben, das seinem ganzheitlichen Glaubensverständnis und seiner Lebensweise entspricht. So schreibt er bereits am Anfang, dass er durch die Scheidung seiner Eltern tief verletzt, unsicher und orientierungslos geworden sei. Sein Traum sei es danach immer gewesen, dass seine Eltern wieder heiraten würden. So ist es ihm zum Herzensanliegen geworden, auch weitere Herzen zu flicken und Wunden zu heilen. Glücklich verheiratet sein und bleiben gehört wesentlich zu diesem Anliegen. Denn ein Partner bestätigt das Gefühl, wertvoll, besonders, einzigartig und ein Ebenbild Gottes zu sein. Er oder sie ist jemand, der mir zuhört, mich schön findet, Fehler akzeptiert, Mängel ausgleicht und gerne viel Zeit mit mir verbringt. Und ein Ehepartner ist jemand, mit dem man exklusiv Sex hat: „Sex ist einziges und wichtiges Mittel, um Mann und Frau ein Leben lang unter einem Dach glücklich zu halten.“ (Seite 20)

Ein gesundes Liebesleben führt zu einer gesunden Ehe. Befreit von Hemmungen offenbaren beide Partner einander ihr innerstes Wesen. Das Judentum rühmt die verpflichtende Liebe zwischen Mann und Frau und sieht die körperliche Komponente gar als Metapher für die Liebe und Interaktion zwischen Gott und Mensch. Das Judentum achtet und fördert gar „erotische Kanäle der Kommunikation“. Sex in der Ehe soll leidenschaftlich sein und langfristige Gefühle der Verpflichtung bewirken. Daher zerstören schnelle Befriedigung und zu freizügige Bilder echte Intimität, die in einer Ehe erst aufgebaut wird. Und wir täuschen uns, dass im Westen viele ein erfülltes sexuelles Leben haben, denn Liebe ist spiritueller und wählerischer als Sex allein, weil sie auch Ganzheit und Geborgenheit will.
Liebe kann durch sexuelle Interaktion erhalten bleiben und veranlasst Mann und Frau, sich aneinander zu binden. Nach jüdischem Verständnis gab Gott Mann und Frau die Sexualität zum Spass, zur Fortpflanzung und zur Einheit. Die körperliche Interaktion erzeugt emotionale Intimität und transformiert den Charakter.

Ob ein Partner zu mir passt oder nicht, hat nichts mit einem objektiven universalen Massstab zu tun, sondern mit dem Gefühl, glücklich zu sein. Die Frau oder der Mann, zu dem du dich hingezogen fühlst, der dich liebt und der dich respektiert, ist der Beste, den du finden kannst. Wer den objektiv Besten sucht, degradiert diesen Partner zu einer Sache. Er oder sie ignoriert die Vielschichtigkeit, Tiefgründigkeit, Einzigartigkeit und Spiritualität der Menschen. Jeder besitzt einen „inneren Punkt“, der am besten sein Wesen ausdrückt. Wir sollten nach jemandem Ausschau halten, der die zentrale Komponente in unserem Leben verkörpert, die uns am meisten mangelt.
Nur wer Unschuld und Naivität in der Sexualität erhalten hat, kann natürliche, unkomplizierte und angenehme Augenblicke körperlicher Liebe erleben. Erinnerungen an frühere Liebhaber dagegen beeinträchtigen eine Beziehung. Viele Menschen sind in ihrer natürlichen Bindungsfähigkeit gehemmt, weil sie dauernd vergleichen, gerade auch mit früheren Partnern. Sex jedoch ist die Kunst des Seins, nicht der Leistung, des Wettkampfs und der Technik. Unser wichtigstes Geschlechtsorgan ist der Geist, der Attraktivität, Empfänglichkeit, Initiative, Kreativität, Spontaneität und Abenteuerlust hervorbringt und steuert. Selbstvertrauen entsteht vor allem durch eine langfristige und stabile Beziehung. Sexuelle Kompatibilität muss erarbeitet werden durch Liebe und Aufmerksamkeit, Anziehung und Attraktivität, so dass Glanz und Einmaligkeit der beiden Persönlichkeiten sichtbar wird.

Erst die Liebe schweisst wirklich zusammen, denn der Körper sei „das Fenster zur Seele“. Körper und Seele sind heilig, sie sind mit Respekt und Ehrfurcht zu behandeln, weil sie ein göttliches Gefäss sind. Sex sei heilig, weil er mystisch ist und eine Seele in die Welt bringen kann. Juden glauben, dass der Himmel nicht heiliger als die Erde ist, und dass das Transzendente im Immanenten zu entdecken und das Spirituelle im Körperlichen. Die Menschlichkeit ist ausgelassen zu feiern und zu zelebrieren, denn wir erfahren Gott auch durch die Nähe und Wärme eines andern Menschen. Und Gott gehört als spiritueller Partner in unsere Ehebeziehung, er wertet unser körperliches Vergnügen auf und heiligt es! Zu „koscherem“ Sex gehören Leidenschaft, Bescheidenheit und Respekt, sie fördern Intimität, Exklusivität und Privatheit. Diese Liebe enthält den Wunsch, jemand näher zu kommen, sich vertrauensvoll hinzugeben, zu teilen und nicht zu besitzen. Der Sexualakt ist auch eine Metapher für Gottes Schöpfung. Das Ziel dabei ist das Erreichen von Einheit und Symmetrie zwischen Mann und Frau (Seite 67), weil Persönlichkeit, Harmonie, Intimität und gemeinsamer Rhythmus betont werden. So verstanden ist Sex eine höhere Form von Kommunikation, bei der ständig das Reaktionstempo aufeinander abgestimmt wird. Das nennt man im Judentum Erkenntnis, Kenntnis oder Wissen. Besonders Frauen suchen nach tieferen und immer liebevolleren Ausdrucksmöglichkeiten. Die Zufriedenheit der Frau ist der Schlüssel für sexuelle Harmonie. Sexualität und Liebe dürfen einander nicht vorenthalten werden. Der Mann ist verpflichtet, seiner Frau Freude zu bereiten. Und Sexualität stellt die mächtigste Abhängigkeit des Mannes von der Frau dar. Eine Ehe eingehen ist immer ein Sprung ohne Garantie auf Glück und Dauer. Es ist ein vertrauensvolles und hoffnungsvolles Fallenlassen, was eine realistische und optimistische Sicht aufs Leben und die Menschen darstellt. Der Ehewunsch resultiert daher, dass wir unsere Verletztlichkeit einsehen, teilen und beschützen lassen wollen. Eheringe bedeuten beispielsweise, dass wir uns verpflichtet haben, dass wir zusammen gehören und ein gemeinsames Zuhause haben, dass wir exklusiv Sex miteinander haben und stolz auf unsern Partner sind. Und in diesem Zusammenhang noch ein typischer Satz von Boteach: „Es ist besser, die richtige Person zur falschen Zeit zu heiraten, statt die falsche Person zu richtigen Zeit.

Eine erfolgreiche Ehe braucht Leidenschaft und Intimität, Aufregung und Gelassenheit; wir sollen einander Geliebte und Freunde sein. Der Zyklus der Frau deutet diesen Wechsel bereits an: 16 Tage ist ausgeübte Sexualität möglich und 12 Tage nicht. Dann ist Kommunikation, Regeneration und Aufbau eines neues sexuellen Verlangens angesagt. Mann und Frau sollen lernen, eine libidinöse sexuelle Reserve aufzubauen.
Wir dürfen einander als ganze Personen betrachten, deshalb liegt der Fokus auch nicht bei bestimmten Körperteilen: Ein Mann soll die Genitalien seiner Frau nicht anstarren. Aber auch Prüderie ist Sünde in der Ehe, weil sie die Gefahr von Ehebruch erhöht. Masturbation ist nicht koscher und im Kontext der Ehe katastrophal, weil sie das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Sex mit dem Partner verringert (Seite 96).
Das gilt auch für Pornografie, denn sie ist fremdartig, ehebruchähnlich und erhöht Leidenschaft und Romanze eines Paares nicht. Denn entscheidend sei beim Liebesakt – so Boteach -, dass keiner der Partner an jemand andern denkt, sondern sich ganz auf seinen Partner konzentriert. Alles, was die sexuelle Energie stärker auf den Partner richtet und den Liebesakt aufregend macht, muss getan werden. Die Bibel wünscht sich Mann und Frau, die einander begehren. Sexualität in der Ehe muss eine Entdeckungsreise bleiben, die auch von andauernder Neugier aufeinander geschürt wird (Seite 125). Wir sollen uns immer wieder auf unseren Partner einlassen, der anders ist und fremd bleibt. Verhüllung zeigt Heiliges und Geheimes an. Beim Liebesakt selbst dagegen verbieten Rabbis Kleider, wozu auch Kondome gehören; hingegen ist Verhütung oft erlaubt, obwohl Kinder immer ein Segen sind. Der Vorteil des Liebesakts im Dunkeln ist, dass es die Vereinigung der ganzen Personen und nicht nur Körper unterstützt. Eine verdunkelte Umgebung fördert Ganzheitlichkeit, Phantasie und Kreativität. Dagegen gehören Fernseher und Computer nicht ins Liebesnest, weil sie das Zusammensein und die Einheit von Mann und Frau stören können.

Das Bedürfnis nach schneller Versöhnung nach Streit ist Ausdruck starker Liebe und weist auf eine gefestigte Ehe hin.
Juden anerkennen nur Gott als allmächtigen Herrscher, Satan dagegen wird als „gekaufter Agent Gottes“ angesehen. Das Ziel, gerade auch bei Versuchungen, besteht darin, das Gute und die moralische Stärke zu wählen, und sich nicht auf das Schlechte, das wir getan haben, zu konzentrieren. Jüdische Umkehr, Beichte und Busse zielen darauf ab, Falsches zu erkennen und zu bedauern, um in Zukunft das Gute zu tun. Deshalb ist Sünde Unterlassung des Guten. Eine einzige gute Tat, liebevolle Handlung oder romantische Geste kann bereits viel bewirken in einer Ehe und auch angehäuftes Leid beseitigen. Streitereien seien nicht zu schüren und damit aufzuwerten, denn sie sind es meistens nicht wert. Kommunikation ist kein Ersatz für Gefühle der Nähe, Sex jedoch kann ein Paar einander wieder näher bringen. Rabbis verbieten Sex nur bei Aerger und Wut; aber es ist auch nicht weise, Worte wie Oel ins Feuer zu giessen. Längere Gespräche sind dann wichtig, wenn sich beide bereits wieder etwas abgekühlt und beruhigt haben.

Die Ehe hilft uns, potentielle Tugenden und Talente zu manifestieren, sie ist auch ein Erziehungsinstrument, bei dem man lernt, sich von einer andern Person abhängig zu machen und einen anderen Menschen über sich zu stellen. „Wenn du deinen Partner als Besten behandelst, dann wird er zum Besten... Liebe besiegt fast alles: Ich liebe dich so sehr, dass ich bereit bin, Dinge zu tun, die ich nicht gerne tue.

Nach der Bibel und dem Judentum ist jeder Mensch unvollständig, das gilt sowohl körperlich als auch spirituell. Gott schuf die Frau aus der „Seite“, das ist eben nicht nur eine Rippe, er entfernte so die ganze weibliche Seite und vielleicht gar diesen Teil der Seele von Adam. Deshalb hat Gott dann gesagt: „Es ist nicht gut für den Menschen, alleine zu sein“, weil er durch die Trennung einsam und isoliert geworden ist. Sex kommt von „secare“, was in Teile schneiden oder aufteilen bedeutet. Es geht also darum, durch Sex das Getrennte und Geteilte wieder zusammenzuschweissen, zusammenzunähen und so zu heilen. Wirkliche Einsamkeit ist da am stärksten vorhanden, wenn dich niemand braucht. Eine wichtige Form der Liebe besteht darin, alleine hilflos zu sein, jemand zu brauchen und dies zu zeigen. Keiner kann alleine leben, und Leben heisst teilen, einander stärken und bereichern und so sensibel zu bleiben statt arrogant, paranoid, tyrannisch und unbeständig. Deshalb tun sich zu sichere, unabhängige Personen und deren Partner so schwer mit und in Beziehungen. „Beziehungen, die auf Unsicherheit aufgebaut sind, scheitern sicher.
Unser Partner ermöglicht, unser inneres Selbst zu vervollständigen. Er ist unsere andere Hälfte, die wir lieben und um die wir uns sorgen. „Dass es Menschen gibt, die an die Ehe glauben und verheiratet sind, ist ein grosser Hoffnungsschimmer und zeigt, dass es in dieser einsamen Welt immer noch Schönes gibt.“
Scheidung dagegen ist Trennung unserer selbst von uns selbst, sie ist perspektivelos wie Tod nach Schmerz und Leid. Jede Handlung und jede Beziehung, die zu viel Zeit und Energie vom Zusammenleben mit dem Partner abzieht, ist Untreue. Dazu gehören auch Arbeits- und Spielsucht und konkurrierende, ungesund starke emotionale Bindungen.
Diese menschliche Bedürftigkeit ist auch ein Hinweis auf Gott, den ich brauche, auf den ich vertraue als Fels meiner Rettung. Ohne Gottes Fürsorge und Gnade ist jede Anstrengung umsonst. Ich rufe nach der Liebe und dem Schutz meines Schöpfers (Seite 198).

Kinder vergrössern unsere Freiheit, sie konfrontieren uns mit ihrer Unschuld, wenn sie uns ihr unbedingtes Vertrauen schenken. Sie erinnern uns an die wichtigen Dinge im Leben, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit. Durch Kinder haben Mann und Frau etwas geschaffen, das Ausdruck ihrer Liebe und Verbindlichkeit ist und ihr Empfinden füreinander erhöht und verstärkt. Die Ehe der Eltern muss aber an erster Stelle kommen, Kinder müssen wissen, dass sich Mama und Papa innig lieben. Eltern müssen ihren Kindern Hoffnung geben, dass Liebe, Glück, Treue, Stabilität und Freundschaft erreichbare Ziele sind.

Mann und Frau gehören einander, deshalb sollen sie einander eifersüchtig beobachten, besonders die Frau den Mann, mit dem Ziel, eine feurige Liebe zueinander zu fördern. Sie werden einander nie ganz verstehen und ein Rätsel bleiben, was ständiges Umwerben erfordert. Romanze und Romantik hat das Ziel, Liebe und Wertschätzung auszudrücken. Affären dagegen sind selbstsüchtig und bereiten dem Partner irreversibles Leid. Heutzutage wollen wir schnell die Sinne befriedigen, wodurch das Leben oberflächlich geworden ist. Die Tiefe bleibt uns verschlossen. Sex mit Gefühlen kann zur spirituellen Erfahrung werden, er verbindet erfüllend und führt zu echter Intimität. Spirituelle Werte dienen der Seele, gemeinsamer Glaube ist ein sinnvoller Begegnungspunkt für ein Paar. Gott wird so gleichwertiger Partner in der Beziehung.
Der Lebenskampf wird heute im Westen generell zu tief bewertet, wir möchten, dass alle Dinge glatt verlaufen, ansonsten sind wir heillos. Wahrer Erfolg ist jedoch nicht Sieg, sondern Ausdauer, nicht aufgeben gilt auch in der Ehe. Nicht im Streit verharren, sondern den Partner zurückgewinnen. "Ehe ist nicht einfach eine Facette deines Lebens, sie ist dein Leben, dein Glück und dein Segen!"

Als Kriterien zur Partnerwahl sind Boteach folgende Punkte wichtig:
· Atttraktivität, Andersartigkeit, Ergänzung und gegenseitige Anziehung (nicht primär Gemeinsamkeiten)
· Ein gutes Herz, Werte, Ueberzeugungen und Achtung
· Kinderliebe, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und Wohltätigkeit
· Vorurteilsfreiheit und Optimismus
· Bescheidenheit, Demut, Lernkapazität und Vergebungsbereitschaft
· Eifersuchtsfähigkeit (in einem umwerbenden und gewinnenden Sinn)

Zusammenfassend zum Schluss: Koscherer Sex erinnert dich an den Namen des Geliebten und verbindet dich mit seiner Seele! Er führt dich über die körperlichen Begrenzungen hinaus zu spiritueller Integration und Transzendenz und erzeugt bleibende Gefühle. Er überwindet die Trennung und führt zwei Hälften einer Seele zusammen. Er befreit zwei Menschen von ihren Hemmungen und enthüllt immer tiefere Schichten des einen Partners. Er macht Menschen verletzlich und Herzen offen. Er setzt eine Beziehung in Gang und führt zu Initimität.

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Samstag, August 15, 2009

Lukas 15 ist das Evangelium im Evangelium

Das Lukasevangelium zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschwerdung Gottes in Jesus sehr eindrücklich beschrieben wird. Gott wirkt durch seinen Geist an, in und mit den Menschen, gerade an Frauen, die damals nicht viel zählten. Menschliche Erfahrungen und Empfindungen wie Schwangerschaft und Geburt, Barmherzigkeit und Freude werden intensiv und detailliert beschrieben (siehe Kapitel 1).
Die Gleichnisse, die Lukas aufgezeichnet hat, zeigen vor allem das Wesen Gottes: Er ist ein barmherziger Vater, der das oder den Verlorenen sucht! Er sehnt sich danach, dass alle Menschen bei ihm ganz Zuhause sein können mit ihrem unterschiedlichen Erleben und Empfinden.
Gleichnisse waren die übliche Erzählform von damals. Sie haben aramäische Sprache und ländliche Lebensweise in Galiläa als Ausgangslage und Hintergrund. Es sind ausgebaute Vergleiche, bei denen eine Geschichte oder ein Bild für die eigentliche Sache, die geistliche oder himmlische Wahrheit steht. Gleichnisse sind an drei verschiedene Adressaten gerichtet: an die Jünger, an das Volk oder an die Pharisäer. Das Beachten der Adressaten ist wichtig, damit wir nicht falsche Schlüsse ziehen.
Gleichnisse sind zudem sprachliche Waffen, denn das Gegenüber kann schockiert und zur sofortigen Reaktion herausgefordert werden (frei nach Joachim Jeremias).
Gleichnisse sind auch ein Weg, um zu Menschen in "Trance", im Sinne von Verblendung, Fixiertheit und Verstockung zu sprechen; Menschen, die eigentlich sehen und hören können, es aber trotzdem nicht tun (nach Clarence Thomson).
Noch etwas zu den Titeln/Ueberschriften der Gleichnisse: Es sind immer menschliche Zusätze, die eine bestimmte, oft eine einseitige Sichtweise wiedergeben. Ueblich ist „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (Zürcher Bibel). Das finde ich etwas verkürzt, da eigentlich beide Söhne verloren waren. Und in der Hauptaussage geht es vermutlich noch mehr um den Vater! Einige Beispiele: - Der Vater und seine zwei Söhne (Gute Nachricht)- Verloren und wiedergefunden (Neue Genfer Uebers.)- Heimkehr der Verlorenen (Uebertrag. von Jörg Zink)- Der wartende Vater (Floyd McClung)- Das Gleichnis von der Liebe des Vaters (H. Nouwen)- Gott bietet sich als guter Vater an (Urs Scherrer) Ueberlegen Sie sich, wie Sie dieses Gleichnis benennen würden? Das sagt viel über Ihre Gottesbeziehung und Selbsteinschätzung aus!

Jedes Gleichnis hat eine oder mehrere "Pointen", einen springenden Punkt. Klaus Berger, der deutsche Theologe schreibt in seinem Buch "Jesus" auf Seite 238 dazu: Das Gleichnis (vom verlorenen Groschen in Lukas 15,8-10) handelt aber von Gott. Im Bild dieser Frau steht seine närrische Suche im Zentrum, seine, Gottes wahnsinnige Freude. Denn er, der Herr der Welten, ist auf der Suche nach jedem verlorenen kleinen Menschen. Er kehrt das Haus um, auf dass er den Letzten finden kann. Die normale Weltordnung ist hier verkehrt worden: Nicht wir müssen Gott suchen, den mächtigen und barmherzigen, sondern er sucht uns. Verzweifelt fast, um jeden Preis. Und wer sein Haus umkehrt, um einen Groschen zu suchen, der tut es auf Knien. Nicht wir knien hier, sondern Jesus schildert hier Gott auf Knien. Ein merkwürdiger Gott – versteht der denn gar nichts von Würde?

Im Gleichnis vom Vater und seinen Söhnen sehe ich drei zentrale Pointen:

1. Der Vater geht auf die Unverschämtheit des jüngeren Sohnes ein und lässt ihn ziehen: „Vater, gib mir den (mir) zukommenden Teil der Habe!“ Im Klartext von damals heisst das: Vater, ich möchte, dass du bereits tot wärest, damit ich mein Erbe erhalte. Eine solche Aussage war empörend, denn alle hatten Ehrfurcht vor alten Menschen und ihrem Vater, der bis an sein Lebensende über seine Familie zu bestimmen hatte. „Er aber teilte ihnen das Vermögen zu.“ Auch das war nicht denkbar damals, dass ein Vater vor seinem Ableben seinen Besitz verteilt hätte. Doch hier tut er es, er hält nicht an seiner Ehre, seinen Vorrechten fest, er lässt sich demütigen und erniedrigt sich selbst!

2. Der Vater empfindet Erbarmen für seinen heruntergekommenen Sohn und geht ihm entgegen: „Aber er war noch weit entfernt, (da) sah ihn sein Vater und empfand Erbarmen und (kam) gelaufen. Er fiel um seinen Hals und küsste ihn.“ Nachdem der Vater den unmöglichen Wünschen seines Sohnes nachgekommen war, waren keine Vorwürfe, kein Groll, keine Rache in seinem Herzen, sondern Sehnsucht nach dem Sohn. Dieser Sohn gehört trotz allem zu mir, ich habe ihn lieb! Die Vaterliebe ist stärker als Recht und unsere Vorstellung von Gerechtigkeit. Er hält Ausschau nach seinem Sohn. Als er ihn sieht, empfindet er Erbarmen oder Mitleid. Deshalb geht er ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsste ihn. Er setzt ihn wieder ein als Sohn mit allen Zeichen, die damals dazugehörten: das schönstes Kleid, ein Ring und Sandalen. Und dann wird ein fröhliches Festmahl gefeiert!

3. Der Vater geht auch zum älteren Sohn und bittet ihn: Es gibt zwei verlorene Söhne in diesem Gleichnis. Der Vater kümmert sich um beide, er möchte beide fröhlich und glücklich bei sich haben. Hier kommen wieder die Adressaten, die Pharisäer, ins Spiel, denn sie benehmen sich wie dieser ältere Sohn: „(Es) näherten sich ihm alle Zöllner und Sünder, (um) ihn zu hören. Sowohl die Pharisäer als auch die Schriftgelehrten murrten (und) sagten: Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen.“ Das gilt auch für uns: Egal ob du ein Sünder oder ein Frommer bist, Gott möchte dich lieben und in seiner Nähe haben. Sowohl Sünde als auch Frömmigkeit, Gesetzlichkeit und Rechtschaffenheit und die daraus entstehende Ueberheblichkeit trennen uns von Gott. Gott möchte, dass auch die Frommen ihre Verblendung einsehen und sich wie der Zöllner in Lk 18,13 benehmen: Aber der Zöllner stand von ferne (und) wollte nicht einmal die Augen aufheben zum Himmel, sondern schlug (an) seine Brust (und) sagte: O Gott, sei mir Sünder gnädig!

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Donnerstag, Mai 07, 2009

Ewigkeit?


Als ich ein Kind war, hörte ich viele Botschaften, in denen Himmel und Hölle einen wichtigen Platz einnahmen. Oft war mir aber unwohl dabei, vor allem weil in mir eine grosse Angst aufstieg, in der Hölle zu landen. Diese Angst konnte ich – Gott sei dank – weitgehend hinter mir lassen. Wenn ich jedoch heute um mich schaue, kann ich mich selten daran erinnern, dass in letzter Zeit ein Geistlicher viel über die Ewigkeit ausgesagt hätte. Begriffe wie Ewigkeit, Himmel und Hölle sind in meinem Umfeld rar geworden. Es besteht offenbar eine grosse Scheu, sie auszusprechen, wahrscheinlich weil viele Christen unsicher geworden sind, wie sie genau zu deuten und mit unserer beschränkten Sprache zu beschreiben sind. Angst sitzt vielen noch in den Knochen, weil früher zu viel spekuliert, manipuliert und Druck ausgeübt wurde. Diese Bedenken sind berechtigt und ernst zu nehmen, denn Angst ist meistens ein schlechter Ratgeber,und doch sollten wir "das Kind nicht mit dem Bad ausschütten". Gott hat uns eine Perspektive der Ewigkeit gegeben!
Denn die neue Einseitigkeit heute heisst Problemlösung sofort und Lebenshilfe um jeden Preis. Gefragt ist auch unter Christinnen und Christen häufig nur noch, was gleich zu gebrauchen und zu verwerten ist. Gut ist, was mir unmittelbar nützt: „Was bringt mir das?“ ist zu einer neuen Kultur geworden! Ob das langfristig gut ausgehen wird? Das bezweifle ich. Warum? Gott ist einfach kein Garant für Wohlstand und Wohlergehen, weil er an umfassender Liebe und andauerndem Frieden, dem „schalom“, interessiert ist. Gerade Paulus schrieb der Gemeinde in Korinth, einer problembeladenen Gemeinde, viel über die Liebe, den Himmel und die Ewigkeit und relativ wenig über konkrete Problemlösung!
Ob und wieviel es geholfen hat, weiss ich nicht. Was ich jedoch weiss, dass meine Problemorientierung häufig Ichbezogenheit ist. Und da bleibt Gott aussen vor, unser Miteinander wird überbelastet und soziale Strukturen zerbrechen. Ein lebendiger Glaube an den ewigen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, orientiert sich neu an der Bibel, die einen weiten, gar ewigen Raum öffnet und beschreibt: das Reich Gottes. In diesem Raum und mit dieser Perspektive kann ich von mir selbst wegblicken auf sein ewiges Reich. Zugleich ermutigt mich diese Sicht, bereits in dieser Welt verantwortungsvoll zu leben, denn sie ist entscheidender Ausgangspunkt einer grösseren Dimension.

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Mittwoch, Mai 06, 2009

Gebete von Antje Sabine Naegeli-Schrade


Antje Sabine Naegeli-Schrade wurde 1948 geboren. Sie studierte zuerst evangelische Theologie und später Psychotherapie, im speziellen Logotherapie und Existenzanalyse. Sie war Spitalseelsorgerin in St. Gallen. Heute hat sie eine eigene psychotherapeutische Praxis. Sie schreibt Lyrik, spirituelle und psychologische Texte. Zudem hat sie einige einfühlsame und tiefgründige Gebete verfasst:

Die ausgetretenen Wortwege verlasse ich, um einzutreten in den Raum des Schweigens.
Warten will ich, bis die Stille das Laute überwächst, und ich ganz Ohr werde für deine Gegenwart.
(aus Christ in der Gegenwart)

Du bist ein Gott, der das Zerbrochene heilt.
Ich bitte dich, erfülle du mich mit dem Vertrauen,
dass du auch meiner Lebensgeschichte einen unverlierbaren Sinn verliehen hast.
Heile alles Enttäuschte, alles Erschreckte und Verwundete in den Tiefen meiner Seele.

Ein neuer Tag liegt vor mir.
Lass mich,
mein Gott,
die Möglichkeiten erkennen,
die mir heute geschenkt sind.
Nimm Besitz von meinen Gedanken,
von meinem Fühlen und Wollen,
dann wird dieser Tag fruchtbar sein.

Herr, mein Gott, es gibt Tage, an denen alles versandet ist:
die Freude, die Hoffnung, der Glaube, der Mut.
Es gibt Tage, an denen ich meine Lasten nicht mehr zu tragen vermag:
Meine Krankheit, meine Einsamkeit, meine ungelösten Fragen, mein Versagen.
Herr, mein Gott, lass mich an solchen Tagen erfahren,
dass ich nicht allein bin,
dass ich nicht durchhalten muss aus eigener Kraft,
dass du mitten in der Wüste einen Brunnen schenkst und meinen übergrossen Durst stillst.
Lass mich erfahren,
dass du alles hast und bist, dessen ich bedarf.
Lass mich glauben,
dass du meine Wüste in fruchtbares Land verwandeln kannst.

Manchmal träume ich, Herr, von einem neuen Herzen:
Ein Herz ersehne ich mir, das sich ganz an dich verliert.
Ein Herz, das für dich brennt und deinen Willen liebt.
Ein Herz voll Vertrauen.
Ein Herz, in dem Raum ist für die Leidenden.
Ein Herz, das sich nicht ängstlich einmauert,
sondern wagt,
seine Verwundbarkeit anzunehmen,
weil es aus deiner heilenden Liebe lebt.
Ein Herz, das mitten im Lärm deine Stimme erkennt,
in dem dein Lobpreis lebendig ist.
Lass mich nicht müde werden,
mein Gott,
ein solches Herz von dir zu erbitten.

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Montag, April 27, 2009

Gebete von Dag Hammarskjöld


Dag Hammarsköld war Schwede und Generalsekretär der Vereinigten Nationen. Er kam auf einer Mission bei einem Flugzeugabsturz in Afrika ums Leben. Seine Gebete zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit Gott und einer tiefgründig erlebten Spiritualität (Quellen: Christ in der Gegenwart, Buch "Vater unser" und unbekannt):

Du, der über uns ist,
du, der einer von uns ist.
Du, der ist – auch in uns:
Dass alle dich sehen – auch in mir,
dass ich den Weg bereite für dich,
dass ich danke für alles, was mir widerfuhr,
dass ich dabei nicht vergesse der anderen Not.
Behalte mich in deiner Liebe, so wie du willst,
dass andere bleiben in der meinen.
Möchte sich alles in meinem Wesen zu deiner Ehre wenden,
und möchte ich nie verzweifeln,
denn ich bin in deiner Hand,
und alle Kraft und Güte sind in dir!


Erbarme dich unser.
Erbarme dich unseres Strebens,
dass wir vor dir,
in Liebe und Glauben, Gerechtigkeit und Demut dir folgen mögen,
in Selbstzucht und Treue und Mut und in Stille dir begegnen.

Gib uns reinen Geist, damit wir dich sehen,
demütigen Geist, damit wir dich hören,
liebenden Geist, damit wir dir dienen,
gläubigen Geist, damit wir dich leben.
Du, den ich nicht kenne,
dem ich doch zugehöre.
Du, den ich nicht verstehe,
der dennoch mich weihte meinem Geschick.
Du!


Ich sitze hier vor dir, Herr,
aufrecht und entspannt, mit geradem Rückgrat.
Ich lasse mein Gewicht senkrecht durch meinen Körper hinuntersinken
auf den Boden, auf dem ich sitze.
Ich halte meinen Geist fest in meinem Körper.
Ich widerstehe dem Drang, aus dem Fenster zu entweichen,
an jedem anderen Ort zu sein als an diesem hier,
in der Zeit nach vorn und hinten auszuweichen,
um der Gegenwart zu entkommen.
Sanft und fest halte ich meinen Geist dort,
wo mein Körper ist: hier in diesem Raum.

In diesem gegenwärtigen Augenblick
lasse ich alle meine Pläne, Sorgen und Aengste los.
Ich lege sie jetzt in deine Hände, Herr.
Ich lockere den Griff, mit dem ich sie halte, und lasse sie dir.
Für den Augenblick überlasse ich sie dir.
Ich warte auf dich – erwartungsvoll.
Du kommst auf mich zu, und ich lasse mich von dir tragen.
Ich beginne die Reise nach innen.
Ich reise in mich hinein, zum innersten Kern meines Seins,
wo du wohnst.
An diesem tiefsten Punkt meines Wesens
bist du immer schon vor mir da,
schaffst und belebst,
stärkst ohne Unterlass meine ganze Person.

Und nun öffne ich meine Augen,
um dich in der Welt der Dinge und Menschen zu schauen.
Ich nehme die Verantwortung für meine Zukunft wieder auf mich.
Ich nehme meine Pläne, meine Sorgen, meine Aengste wieder auf.
Ich ergreife aufs Neue den Pflug.
Aber nun weiss ich,
dass deine Hand über der meinen liegt
und sie mit der meinen ergreifst.
Mit neuer Kraft trete ich die Reise nach aussen wieder an,
nicht mehr allein,
sondern mit meinem Schöpfer zusammen.

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Sonntag, April 19, 2009

Gebete von Romano Guardini


Romano Guardini war katholischer Priester und Lehrer in Deutschland,
der bedeutende Werke zur menschlich-geistlichen Entwicklung und Reifung verfasst hat. Auch seine untenstehende Gebete zeugen davon:

Gott,
ich bitte dich, gib mir ein Auge,
das fähig ist, Jesus Christus zu sehen;
ein Ohr, das sein Wort versteht;
ein Herz, das von seinem Herzen berührt ist,
und lehre meine Hand,
sich vertrauend in die seine zu legen.

Herr und Gott,
du bist der Lebendige,
der alles durchwohnt und durchwaltet.
Ich will bei Dir eintreten und ausharren,
auch wenn ich meine, ich sei allein.
Lass mich erfahren,
dass ich bei Dir bin.
Die Offenbarung spricht von Deinem Angesicht,
das über uns leuchtet.
Zeige es mir, o Herr, dieses heilige Angesicht,
damit ich weiss, zu wem ich rede.
Ich glaube, dass Du mich liebst:
Lass mich Deines Herzens innewerden.

Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand.
Das ist meine Wahrheit und meine Freude.
Immerfort blickt mich dein Auge an,
und ich lebe aus deinem Blick,
du mein Schöpfer und mein Heil.
Lehre mich, in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis zu verstehen, das ich bin.
Und dass ich durch dich und vor dir und für dich bin.

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Donnerstag, April 16, 2009

Gebete von Franz von Assisi


Höchster, glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens.
Schenke mir rechten Glauben, feste Hoffnung und vollkommene Liebe.
Gib mir Herr, Gespür und Erkenntnis,
dass ich (erfassen und) erfüllen möge
deinen heiligen und wahrhaften Auftrag.

O Herr,
in deinen Armen bin ich sicher.
Wenn du mich hältst, habe ich nichts zu fürchten.
Ich weiss nichts von der Zukunft, aber ich vertraue dir.

O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens:
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, da wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich dein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.
Ach Herr, lass du mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste,
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe,
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer da hingibt, der empfängt,
wer sich selbst vergisst, der findet,
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer da stirbt,
der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

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Sonntag, April 12, 2009

Gebete von Augustinus



Augustinus, der 354-430 nach Christus gelebt hat, war ein grosser Gottsucher und Menschenkenner. Er hat heute einen eher zweifelhaften Ruf wegen seiner Nähe zu Platon und der damit verbundenen Körper- und Lustfeindlichkeit. Aber seine Gebete sind trotzdem etwas vom schönsten und tiefsten, das es gibt:

Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten,
lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht!
Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde,
und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht!

Gross bist du, Herr...
Denn geschaffen hast du uns zu dir,
und ruhelos ist unser Herz,
bis dass es seine Ruhe hat in dir.

Du hast gerufen, geschrieen und meine Taubheit übertönt.
Du hast geleuchtet, gelodert und meine Blindheit überstrahlt.
Du hast deinen Duft verbreitet, ich habe einen tiefen Atemzug genommen,
und jetzt lechze ich nach dir.
Ich habe dich geschmeckt,
und jetzt habe ich Hunger und Durst.
Du hast mich berührt,
und jetzt brennt in mir das Verlangen nach deinem Frieden.

Herr, mein Gott,
du kennst meine Kraft, hilf meiner Schwachheit auf.
Bist du mir Stärke, so bin ich wahrhaft stark.
Verlasse ich mich auf eigene Kraft, so bin ich kraftlos.
Dich, o Herr, kann nur verlieren, wer dich verlässt.
Meine ganze Hoffnung ruht auf deinem Erbarmen.

Herr, mein Gott, Du, die eine Hoffnung, die ich habe,
erhöre mich, dass ich nicht müde werde, nach Dir zu fragen,
sondern allzeit brennend nach Deinem Antlitz suche.
Gib Du mir Kraft, nach Dir zu fragen,
denn Du liessest Dich finden und gabst mir Hoffnung,
Dich immer mehr zu finden.
Vor Dir ist meine Stärke, vor Dir ist meine Schwachheit.
Jene bewahre, dieser hilf auf.
Vor Dir ist mein Wissen, vor Dir ist mein Unwissen.
Wo Du mir auftust, nimm mich auf, wenn ich eintrete.
Wo Du verschlossen hältst, tu mir auf, wenn ich anklopfe.
Dich will ich im Sinn haben, Dich verstehen, Dich lieben.
Das alles mehre in mir, bis Du mich umgestaltest zur Vollendung.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, Heiliger Geist, dass ich das Heilige behüte.
Hüte mich, Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.

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