Donnerstag, Juni 28, 2012

Sabine Bobert: Jesus-Gebet und neue Mystik

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich vermehrt mit christlicher Mystik. Das hat vermutlich mit meiner Lebensmitte und der Ausschöpfung des diskursiven und kognitiven Zugangs zu Gott zu tun. Auf diesem Weg ist mir das äusserst informative und lesenswerte Buch von Sabine Bobert aufgefallen: Jesus-Gebet und neue Mystik. Grundlagen einer christlichen Mystagogik. (Verlag: Kiel Buchwerft Jahr 2010, 470 Seiten; www.buchwerft-verlag.de; ISBN-Nummer: 978-3-940900-22-7) . . . . . Etwas zur Autorin: Sabine Bobert wurde 1964 in Ostberlin geboren. Sie studierte Theologie an einem baptistischen Seminar, danach konvertierte sie zur evangelischen Kirche. Ab 1991 war sie zuerst Vikarin und dann Pfarrerin in Berlin. Sie promovierte mit einer Arbeit über Dietrich Bonhoeffer. Im Jahr 2000 war sie stellvertretende Theologieprofessorin in Marburg, ein Jahr später in Kiel. Sie ist Professorin für praktische Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Seelsorge, alter christlicher spiritueller Traditionen und postmoderner Spiritualität. Sie setzt sich dafür ein, dass die deutsche evangelische Messe wieder vollständig umgesetzt wird mit all ihren rituellen Handlungen. . . . . . . . . . . . . . . . Zum Inhalt: Sabine Bobert zeigt für mich zu Beginn ihrer Ausführungen eindrücklich auf, dass die akademische protestantische Theologie spirituelle Uebungswege, generell den Wert einer erfahrbaren Spiritualität heute neu kennen und vermehrt schätzen lernen muss und will. Bisher hat sie zunehmend auf säkulare Methoden der Sozialwissenschaften gesetzt, neu kommen religiöse Methoden, Symbole und Riten wieder stärker ins Blickfeld. Wenn wir weit genug zurückschauen, dann ist diese Entwicklung nicht neu, denn bis zur Scholastik war die Mystagogik, der Gottesdienstkult, die vorherrschende christliche Theologie. Im Westen haben jedoch die Scholastik, die Reformation, die Aufklärung und der Rationalismus die christliche Mystik und die geistlichen Uebungswege weitreichend marginalisiert. Im orthodoxen Osten war dies nicht geschehen, was Bobert als geistlichen Vorteil und Gewinn erachtet. . . . . Karl Rahner, der bedeutende deutsche katholische Theologe des 20. Jahrhunderts war ein Profet als er sagte: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein...“. Auch der Wissenssoziologe Peter L. Berger machte mit seinen Büchern „Wiederentdeckung des Uebernatürlichen in der modernen Gesellschaft“ (1970 und „Der Zwang zur Häresie“ (1980) auf dieses neue westliche Phänomen aufmerksam. Sabine Bobert unterscheidet drei Hauptarten von religiösem (christlichem) Wissen: . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Autoritäres Wissen, das sich aus der Tradition ableiten lässt. Bekanntester Vertreter dafür im 20. Jahrhundert war Karl Barth . . . . . . . . · Negierendes Wissen, das aus Anpassung an den damaligen Zeitgeist des Materialismus und der Entmythologisierung entwickelt wurde. Rudolf Bultmann steht für diese Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Erfahrendes Wissen, heute vorherrschend, das induktiv und individuell angeeignet wird. Die wichtigsten Personen dafür sind Friedrich Schleiermacher, Karl Rahner und Ulrich Beck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusätzlich gab bereits um 1900 und auch schon vorher alternative Religionsparadigmen in Europa. Zu erwähnen sind Emanuel Swedenborg 1688-1772, Franz Anton Mesmer 1734-1815 und Rudolf Steiner 1861-1925. Sie setzten viel stärker auf religiöse Empirie. Im 20. Jahrhundert waren in dieser Richtung, C. G. Jung, Thorwald Dethlefsen und Elisabeth Kübler-Ross tätig. Sie portierten Reinkarnationsvorstellungen infolge persönlicher Erfahrungen; letztere glaubte nur, was sie erfahren konnte. Tod gab es für Kübler-Ross nicht, sondern Unsterblichkeit, die jedoch pseudowissenschaftlich begründet wurde. Der Körper wird als Haus, Tempel oder Kokon angesehen. Aehnlich argumentierte auch Max Planck, als er sagte: „Es gibt keine Materie an sich. Sie entsteht und besteht nur durch eigene Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt und zusammenhält. Wir müssen hinter dieser Kraft einen bewussten und intelligenten Geist annehmen, der das Wahre ist.

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Mittwoch, August 04, 2010

Prozessdenken (Seiten 388-420)



Wir leben heute in einer Zeit konkurrierender Paradigmen. Das Mittelalter hatte noch eine feste und hierarchische Ordnung: Gott – Mann – Frau – Tiere – Pflanzen – unbelebte Materie. Die Neuzeit, die nach Barbour mit Newton begonnen hat, brach diese Ordnung auf, sie war deterministisch, atomistisch und reduktionistisch. Die Welt und das Universum wurde wie eine riesige Maschine angeschaut. Im 20. Jahrhundert zerbrach auch diese Sicht, denn es gelten sowohl Gesetzmässigkeit als auch Zufall. Die Komplexität der Welt zwingt uns zu einer ganzheitlichen, ökologischen, relationalen und systemischen Sichtweise. Das Universum als Netzwerk und Gemeinschaft zu sehen, erscheint uns angemessener. Vielstufigkeit hat die duale Weltsicht abgelöst.
In diesem Kapitel zitiert und verarbeitet Barbour oft den britischen Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead, der als Begründer des Prozessdenkens gelten kann, und macht dabei folgende Aussagen: „Jedes Wesen ist Gemeinschaftsprodukt vergangener Ursachen, göttlicher Absichten und der eigenen Aktivität des neuen Wesens... Vergänglichkeit, Unbestimmheit und Ganzheitlichkeit sind Merkmale der subatomaren Welt... Naturwissenschaften sind beschränkt, selektiv und abstrakt; individuelles Erleben in der Natur können sie nicht ausmachen, kein Ziel und keine Kreativität in der Natur finden. Deshalb sind sie ergänzungsbedürftig durch Einbezug von Metaphysik und Erfahrung.“

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Mittwoch, Juni 30, 2010

Modelle und Paradigmen


Im Kapitel „Modelle und Paradigmen“ von Seite 151-191 zeigt Barbour auch auf, dass die Naturwissenschaften nicht nur objektiv und zeitlos sind, sondern zugleich auch unvollständig, vorläufig und revisionsbedürftig gesehen werden müssen. Alle Wissenschaften unterliegen immer auch einem Paradigma, das er als Produkt spezifischer wissenschaftlicher Gemeinschaften zu spezifischen Zeitpunkten definiert. Er vertritt eher die Ansicht von Thomas Kuhn, der Naturwissenschaften kontextuell, relativ, historisch und kulturell beeinflusst einstufte. Karl Popper dagegen betonte eher deren Autonomie, Rationalität, eigene Logik und Eigenständigkeit. Barbour folgt hier Kuhn, indem er die Aehnlichkeit von naturwissenschaftlichen und religiösen Paradigmen aufzuzeigen versucht: beide arbeiten mit Begriffen, Theorien und Glaubenssätzen. Diese wiederum beeinflussen die Fragestellungen und Beobachtungen. Das führt zu Vorstellungen, Analogien und Modellen, die erdacht sind und als solche nicht beobachtet werden können. Daraus werden Annahmen getroffen und Forschungsbereiche und -gegenstände definiert, die dann beobachtet werden und mit Daten dokumentiert werden können (deduktiver Weg oder Reduktion).
Im religiösen Bereich ist das Vorgehen ähnlich, aber es sind dann eher Erfahrungen, Erzählungen und Rituale, die in heiligen Schriften festgehalten werden. Göttliche Offenbarung und menschliche Reaktion sind verbunden und bedingen sich; persönliche Beteiligung und Reflexion sollten sich abwechseln. Gott wird durch interpretierte Erfahrung erkannt. Im Christentum sind die zentralen Aussagen Gottes die Weltschöpfung, sein Bund mit Israel und das Leben Christi.
Zusammenfassend nochmals die Parallelen von Naturwissenschaft und Religion:
· Interaktion Daten mit Theorie (Naturwissenschaft) und Erfahrung mit Interpretation (Religion)
· Interpretationsgemeinschaft hat historischen Charakter und Einbettung
· Modelle werden sowohl von Naturwissenschaften als auch von Religionen verwendet
· Paradigmen haben Einfluss auf Naturwissenschaft und Religion

Eine naturwissenschaftliche Theorie wird heute nach folgenden Kriterien bewertet: Datenübereinstimmung, Kohärenz (Uebereinstimmung mit andern Theorien), Reichweite und Fruchtbarkeit für aktuelle und zukünftige Forschung. Modelle sind analog und tragen zur Veränderung und Erweiterung von Theorien bei, weil sie anregend sind.
Für die Paradigmen gilt: alle Daten sind theoriegeladen, alle Theorien sind paradigmengeladen und alle Paradigmen haben Beurteilungskriterien. Geschichtliche Ereignisse dagegen sind interpretationsgeladen.
Paradigmen im Christentum hat Hans Küng nach Epochen geordnet:
· Alexandrinisch (mit griechisch geprägter Theologie und Weltsicht)
· Augustinisch (mit römisch geprägter Theologie und Weltsicht)
· Thomistisch (mittelalterliche, scholastische Theologie und Weltsicht)
· Reformatorisch (mit Beginn der Neuzeit)
· Historisch-kritisch (Moderne mit aufgeklärter Weltsicht, Postmoderne mit Pluralismus und Ganzheitlichkeit ist vielleicht bereits ein neues Paradigma?)

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