Donnerstag, Januar 08, 2015

15: Divine Humanity (Göttliche Menschheit)

Arius (250-336) war ein Häretiker und hat das Nizäaische Konzil heraufbeschworen. Er hatte gemäss seiner alexandrinischer Philosophie Jesus nicht als ewigen Gott gesehen, sondern nur als Teilnehmer der göttlichen Natur. Für den Orthodoxen Hart aber wurde Gott Mensch, damit der Mensch göttlich werden konnte, denn nur Gott selbst könne uns mit Gott verbinden. Die Revolution des Christentums bestand darin, dass es die antike Zivilisation absorbieren und eine neue Moral, Spiritualität und Intellektualität hineinbringen konnte. Die Welt wurde demystifiziert und neu definiert, und alles bekam eine neue Ethik mit fast unbegrenzter Würde.
Schlussteil: Reaction and Retreat. Modernity and the eclipse of the Human (Reaktion und Rückzug. Moderne und die Verdunkelung des Menschlichen) Der Vorwurf der neuen Atheisten sei, dass Religion alles vergifte, was Hart gründlich und vor allem geschichtlich in Frage stellt. Er ist dagegen der Meinung, dass sich Sensation besser verkaufe als Sinn. Materialismus sei eine metaphysische Theorie der Realität. Als historische Kraft war Religion nie nur gut oder schlecht, aber sie hat die menschliche Natur in all ihren Dimensionen reflektiert (Seite 221). Weil Gottes Reich nicht von dieser Welt sei, habe die christliche Kultur nie eine Bewegung produziert, die Rettung durch politische Aktion (allein) wollte. Der Aufstieg der Wissenschaften sei keine Leistung des Rationalismus gewesen, weil er bereits früher begonnen habe. In der Spätscholastik kam dann der Voluntarismus als neue theologische Position auf, die zum Aufstieg des Frühkapitalismus, der Mittelklasse, des Bildungsbürgertums und des zunehmenden Wohlstands gut gepasst habe. Die nachreligiösen Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit waren begleitet von über 100 Millionen Toten. Hart befürchtet, dass das nachchristliche Zeitalter banal werden könnte. Viele Wissenschaftler klammern sich (zu sehr) an die empirischen Wissenschaften nicht nur als Quelle des Wissen und der Hypothesen, sondern (fälschlicherweise) als Schiedsrichter der Werte, der Moral und der metaphysischen Wahrheit.

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Montag, Dezember 29, 2014

6: The Death and Rebirth of Science (Der Tod und die Wiedergeburt der Wissenschaft)

Die griechische Astronomie war eher mystisch bestimmt als ein wissenschaftlicher Vorgang. 200 vor Christus bis 300 nach Christus waren zudem Jahrhunderte der wissenschaftlichen und technischen Stagnation, weil die Römer kaum Neues kreierten, sondern nur ihre Macht demonstrierten und zementierten. Auch Potomeläus war mehr Philosoph als Wissenschaftler, der Grieche Proclus (410-485) war der letzte antike Mensch, der astronomische Entdeckungen machte. Die wissenschaftliche Revolution der Neuzeit bereitete dem griechischen astronomischen System ein jähes Ende, deren Vertreter alle Christen unterschiedlicher Konfession und Intensität waren. Als sich Galileo (1564-1642) 1613 zu Kopernikus (1473-1543) bekannte, wurde er nicht gleich von seinen Freunden abgelehnt oder von der Kirche zensuriert. Der Dominikaner Tommaso Campanella (1568-1616) verteidigte ihn, der Karmelit Paolo Antonio Foscarini (1562-1616) unterstützte seine Sicht; und Maffeo Barberini, als Papst Urban III, (1568-1644) bewunderte Galileo sogar. Auch der Astronom und evangelische Christ Johannes Kepler (1571-1630) wurde von den katholischen Jesuiten gefördert und geschützt, als die konfessionellen Differenzen oft gewaltsam ausgetragen wurden.

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Samstag, Oktober 12, 2013

Richard Dawkins: Wo es Bildung und Wohlstand gibt, wirds schwierig mit der Religion

Richard Dawkins hat am 7. Oktober 2013 eine erstaunlich grosse und prominente Plattform im schweizerischen "Migrosmagazin" erhalten, obwohl er mit seinen Thesen zur Religion äusserst umstritten ist und polarisiert. Nicht alles, was er dabei sagt, ist falsch; aber er behauptet auch einiges, wovon er kaum genug versteht und es plakativ behauptet, ohne Belege vorzulegen, zum Beispiel über die Religion in der Gegenwart. Das Kernproblem bei Dawkins ist, dass er als Naturwissenschaftler zu oft philosophische Aussagen macht und damit die Grenzen der Naturwissenschaften überschreitet. Das kam bereits zu früheren Zeiten selten gut! Das Gleiche gilt übrigens auch, wenn Theologen und Philosophen über naturwissenschaftliche Erkenntnisse urteilen, ohne sie wirklich zu verstehen. Auch da überschreiten sie bald einmal ihre Fähigkeiten und Kompetenzen. Gerade deshalb gäbe es im englischsprachigen Raum Personen, die beides studiert haben und deshalb zu Naturwissenschaft und Theologie etwas zu sagen hätten. John Polkinghorne und Alister McGrath wären kompetentere und differenzierte Gesprächspartner zu diesen Themen. Der 83jährige John Polkinghorne, Quantenphysiker und anglikanischer Theologe und Priester hat treffend gesagt: "Religion ohne Naturwissenschaft ist begrenzt; ihr misslingt es, für die Wirklichkeit völlig offen zu sein. Naturwissenschaft ohne Religion ist unvollständig; es misslingt ihr, das tiefste mögliche Verstehen zu erreichen."

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Sonntag, April 22, 2012

Fergusons sechs Killerapps des Westens

Diese sechs Faktoren, Fergusons "Killerapps", führt er in sechs Buchkapiteln ausführlicher aus und beschreibt und begründet damit deren Bedeutung für den Aufstieg der westlichen Gesellschaft und Kultur: . . . . . · Wettbewerb: Am Beispiel Chinas zur Zeit der Ming-Dynastie 1368-1644 zeigt er Aufstieg, Blüte und Verfall. Durch mangelnden Wettbewerb und zunehmenden Selbstbezug nahm Chinas Bedeutung wieder ab und die Zeit der Vorherrschaft Europas 1500-1900 war gekommen. 1842 erzwangen die Briten sogar die Oeffnung Chinas für ihre Märkte. . . . . . . . . . . . . . . . · Wissenschaft: Von der Reformation 1530 bis zur französischen Revolution 1789 wurden in Europa durch Galileo, Pierre de Fermat, Robert Boyle und andere Wissenschaftler 29 bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen gemacht. Dagegen verbot der osmanische Sultan Selim I die Druckerpresse und schnitt sich so von der wissenschaftlichen Revolution und dem Fortschritt ab. Gerade nur ein Buch, eines über die Behandlung von Syphilis, wurde bis 1900 in eine orientalische Sprache übersetzt. Der agnostische preussische König Friedrich Wilhelm I (1688-1740) gewährte dagegen Religions- und Pressefreiheit in seinem Reich, was zu kultureller Blüte und Fortschritt führte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Eigentum: Die rasante Besiedlung und Entwicklung Nordamerikas in den letzten dreihundert Jahren wurde durch weit gestreute Eigentumsverhältnisse stark gefördert. Kurz nach der Besiedlung hatten hohe 75-87% der ansässigen Personen Landeigentum. Der blinde Flecken war jedoch die Sklaverei der Afrikaner. In Südamerika dagegen besass eine Elite von 2% den meisten Boden samt seinen Schätzen, was keine sinnvollen Eigentumsrechte und Rechtsstaatlichkeit gedeihen liessen. · Medizin: Die Lebenserwartung verdoppelte sich weltweit zwischen 1800 und 2000. In Europa geschah dies bereits früher von 1770 bis 1890; das erste Land, das diese Höhe erreichte, war Dänemark, das letzte Spanien. Asien erlebte von 1890 bis 1950 eine Verdoppelung der Lebenserwartung, Afrika 1920 bis 1950, wobei der Rückgang der Sklaverei den Effekt mitbeeinflusste. Cholera und Typhus waren bereits 1914 fast ausgerottet, dies geschah noch zur Zeit des westlichen Imperialismus und Kolonialismus. Negatives Begleitphänomen zum gesundheitlichen Fortschritt war der Rassismus, der pseudowissenschaftliche Kampf gegen die menschliche „Entartung“. Besonders stark war dies in Deutsch-Südwestafrika und Belgisch-Kongo der Fall, was als Vorlauf der Judenverfolgung und Slawenunterdrückung im dritten Reich angesehen werden kann. Ansonsten beschränkt sich Ferguson in diesem Kapitel mehr auf die Rolle Frankreichs und deren Kolonien.
· Konsum: ist ein ökonomisches System, das dem Menschen viel Auswahl gibt, aber am Ende die Menschheit doch vereinheitlicht. Die industrielle Revolution begann in England vor allem mit Textilprodukten, was die Wirtschaftsleistung ab 1830 deutlich erhöhte. Die Beschäftigung in der Landwirtschaft nahm ab, die in Industrie und Dienstleistung nahm zu, und der Reichtum erhöhte sich. Innovative und unternehmerische Personen trieben diesen kumulativen, evolutionären Verbesserungsprozess voran. Einige Eckdaten dazu: 1771: 1. Baumwollspinnerei durch Richard Arkwright in Cromford Derbyshire 1775: 1. Dampfmaschine von James Watt 1825: 1. Dampflokomotive fuhr von Stockton nach Darlington 1848/1867: Das Manifest/Das Kapital von Karl Marx (gegen einseitigen, ungleichen Reichtum) 1850: Singer-Nähmaschine durch Isaac Merritt S. in Boston (USA) 1873: Levi Strauss und Jacob Davis liessen den Gebrauch von Kupfernieten für Jeans patentieren 1929-32: Der Aktienmarkt brach durchschnittlich 89% ein, die Produktion 33%, die Preise 25% und der Welthandel 67%, was zu einer veritablen Weltwirtschaftskrise führte. Hauptgrund war die katastrophale Geldpolitik der damaligen US-Notenbank. 1939-45: Im Zweiten Weltkrieg siegten die Allierten vor allem wegen britischem Geheimdienst, sowjetischem Massenheer und amerikanischem Kapital. Für die Niederschlagung der Japaner war das „Manhattanprojekt“ 1942 entscheidend, das 1945 drei Atombomben hervorbrachte. Nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die Kosumgesellschaft in den USA (und etwas später in Europa) aus mit Kleidern, Autos, Telefone, Kühlschränke, Waschmaschinen, Tumbler, Fernseher und Geschirrspüler. Der französische Philosoph und Revolutionär Régis Debray sagte 1986 dazu: „Rockmusik, Videos, Blue Jeans, Fastfood und TV haben mehr Macht als die Rote Armee.“ Aber auch Asien erlebte einen kometenhaften Aufstieg, am schnellsten wuchs dabei Südkorea 1973-90.
· Arbeit(sethik): Der Deutsche Max Weber, geboren in Erfurt, Professor für Nationalökonomie an der Universität in Freiburg, hat als einer der Ersten pointiert festgestellt, dass die Protestanten leben, um zu arbeiten, und dass sie eine rastlose Berufsarbeit kennen, um sich der Erwählung Gottes zu vergewissern. Nach seinem Nervenzusammenbruch 1897, unternahm er 1904 eine Reise an die Weltausstellung in St. Louis USA und besuchte auch dieses aufstrebende Land. Das fand Niederschlag in seinem berühmten Buch „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Ferguson unterstützt grundsätzlich diese These, macht aber auch Einschränkungen, weil Weber gegenüber den noch erfolgreicheren Juden und teilweise Katholiken in Belgien, Frankreich und Italien blind war. Aber 1940 hatten die protestantischen Länder 40% mehr Einkommen als die katholischen Staaten. Nach Ferguson sind Hauptgründe in der Alphabetisierung durch protestantische Geistliche und Missionare fürs Bibellesen und in den Druckereien zu suchen. Er bezeichnet dies als protestantische Wortethik. Diese förderte zudem gegenseitiges Vertrauen, Treue, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Offenheit und ganz konkret Kreditnetzwerke. Heute scheint diese Ethik in Europa abgenommen zu haben, und die Europäer gelten als Faulpelze, Glaubenskritiker, Gottlose und Ueberalterte der Welt! Ferguson spricht von „Warnografy“, das sich aus Pornografie und Kriegsspielen zusammensetzt und Theologie und Jesusglaube abgelöst habe. Amerika erscheint noch als Ausnahme, Gründe dafür scheinen ihm der Wettbewerb unter den Kirchen und der Gottesdienst als Konsumform zu sein. Gott werde dort so zum Analytiker, Sorgenonkel und persönlichen Coach degradiert. Die Finanzkrise bezeichnet er als Kapitalismus ohne Sparen, Leben auf Pump, das auf die Dauer nicht funktionieren werde. Der Westen mit seiner hohlen Konsumgesellschaft und der Kultur des Relativismus wird bald vom aufstrebenden China überholt und vielleicht gar abgehängt werden. In China haben dagegen Werte wie Moralität, Recht und Eigentum heute einen hohen Stellenwert. Viele chinesische Unternehmer sind sogar Christen geworden, die Stadt Wenzhou gilt als chinesisches Jerusalem!

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Freitag, April 20, 2012

The West and the Rest

Nicht jeder ist fähig, die wesentlichen Merkmale einer Zivilisation und Kultur herauszuschälen, der Autor Niall Ferguson ist es. Er hat als letztes "Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen." geschrieben. Es ist 2011 im Verlag Propyläen Berlin unter der ISBN-Nummer: 978-3-549-07411-4 erschienen. Der englische Ursprungstitel hiess: Civilization. The West and the Rest. Allen Lane. Penguin Books London. . . . . . . . Etwas zum Autor: Niall Ferguson wurde 1964 in Glasgow geboren. Heute ist er Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Finanz- und Wirtschaftsgeschichte an der Harvard Universität in Boston USA. Zudem ist er Senior Research Fellow der Universität in Oxford. Er gilt als einer der pointiertesten Historiker der Welt. Die letzten Bücher waren „Krieg der Welt“ (2006) und „Der Aufstieg des Geldes“ (2009). Er ist in zweiter Ehe mit der holländischen Somalierin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali verheiratet. . . . . . . . Zum Inhalt: Niall Ferguson gibt zu Beginn einige Grundsätze seines Geschichtsverständnisses weiter: Für ihn ist die Vergangenheit nicht einfach abgeschlossen, sondern sie lebt in der Gegenwart weiter in Form von Spuren wie Gegenständen und Dokumenten. Dabei geht es nicht um eine Sammlung von Beweisstücken, sondern um eine Geschichte des Denkens zu erkennen. Er will in seinem Geist das Denken der Menschen nachvollziehen, weil für ihn historisches Wissen vergangenes Denken ahnen lässt und sichtbar macht im Kontext der Gegenwart. Er versteht sich und die Historiker wie Wildhüter, die erfolgreich Spuren suchen und finden. Diese Erkenntnis klärt auch über die Gegenwart auf, weil sie ein Bestandteil der Geschichte ist. Wir studieren Geschichte, um die heutige Situation besser beurteilen zu können (nach R.G. Collingwood). . . . . . . . Ferguson hat klare Vorstellungen, weshalb der Westen eine solch globale Macht begründet und erhalten hat. Auf Seite 44 nennt er sechs entscheidende Faktoren dafür: . . . . . . . · Wettbewerb: durch Dezentralisierung, Gründung von Nationalstaaten und Kapitalismus . . . . . . . · Wissenschaft: Das Studieren, Verstehen und Verändern der Welt sicherte auch einen grossen militärischen Vorsprung . . . . . . . · Eigentumsrechte: Rechtsstaatlichkeit schützte Privateigentum und Freiheit, führte zu Frieden und Stabilität und brachte repräsentative Regierungen hervor . . . . . . . · Medizin: verbesserte die Gesundheit und erhöhte Lebenserwartung und Wachstum . . . . . . . · Konsumgesellschaft: Gebrauchsgüter wie Kleider spielten eine wesentliche Rolle in Wirtschaft und industrieller Revolution . . . . . . . · Arbeitsethik: Protestantismus bewirkte eine moralische Arbeitsweise, die zu höherer Leistung, besserem Zusammenhalt und grösserer Sparquote führte

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Mittwoch, August 04, 2010

Prozessdenken (Seiten 388-420)



Wir leben heute in einer Zeit konkurrierender Paradigmen. Das Mittelalter hatte noch eine feste und hierarchische Ordnung: Gott – Mann – Frau – Tiere – Pflanzen – unbelebte Materie. Die Neuzeit, die nach Barbour mit Newton begonnen hat, brach diese Ordnung auf, sie war deterministisch, atomistisch und reduktionistisch. Die Welt und das Universum wurde wie eine riesige Maschine angeschaut. Im 20. Jahrhundert zerbrach auch diese Sicht, denn es gelten sowohl Gesetzmässigkeit als auch Zufall. Die Komplexität der Welt zwingt uns zu einer ganzheitlichen, ökologischen, relationalen und systemischen Sichtweise. Das Universum als Netzwerk und Gemeinschaft zu sehen, erscheint uns angemessener. Vielstufigkeit hat die duale Weltsicht abgelöst.
In diesem Kapitel zitiert und verarbeitet Barbour oft den britischen Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead, der als Begründer des Prozessdenkens gelten kann, und macht dabei folgende Aussagen: „Jedes Wesen ist Gemeinschaftsprodukt vergangener Ursachen, göttlicher Absichten und der eigenen Aktivität des neuen Wesens... Vergänglichkeit, Unbestimmheit und Ganzheitlichkeit sind Merkmale der subatomaren Welt... Naturwissenschaften sind beschränkt, selektiv und abstrakt; individuelles Erleben in der Natur können sie nicht ausmachen, kein Ziel und keine Kreativität in der Natur finden. Deshalb sind sie ergänzungsbedürftig durch Einbezug von Metaphysik und Erfahrung.“

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Donnerstag, Juli 15, 2010

Evolution und fortdauernde Schöpfung (Seiten 310-348)


Evolutionstheorie stelle Heilige Schrift, teleologischer Gottesbeweis, Status des Menschen und christliche Ethik durch Sozialdarwinismus in Frage. Genetik und Evolutionstheorie wurden zu einem neo-darwinistischen System verbunden, das Julian Huxley zusammen mit Ernst Mayr, Theodosius Dobchansky und Gaylord Simpson 1942 „synthetische Evolutionstheorie“ nannte. Zentral dabei sind Spontanmutationen und Rekombinationen der Gene, die das Rohmaterial der Veränderung darstellen. So wie Theorien nie endgültig feststehen, weil sie widerlegt werden können, wird auch die Evolutionstheorie nie abgeschlossen sein und Erweiterungen nötig haben. Beispielsweise wird heute die natürliche Auslese differenzierter gesehen als früher, die sowohl durch Kooperation als auch Konkurrenz geschehen kann, und nicht mehr als alleinige richtungsweisende Kraft in der Evolution angeschaut wird. Stimmig und harmonisch zeigen sich dagegen heute Biochemie, Paläontologie und Taxonomie zueinander in der Evolutionsgeschichte. Epochal war auch die Entdeckung der DNA-Struktur durch Watson und Crick 1953, die „codierte Botschaft“ des menschlichen Lebens enthält. Information ist ein geordnetes Muster, die immer kontextabhängig ist, sie wird übermittelt, indem sie verschlüsselt, übertragen und entschlüsselt wird. In der DNA werden aus vier Basen A, C, G und T und drei Aminosäuren Tausende von Proteinen geformt. So wird der richtige Zelltyp zur richtigen Zeit und am richtigen Ort im wachsenden Embryo zum Zweck der fortlaufenden Funktionstüchtigkeit produziert. Zufall ist präsent bei Mutationen, genetischen Rekombinationen, Gendrift, Klimaveränderungen, etc. Mutationen ereignen sich durch Schäden oder fehlerhafte Replikation der DNA-Moleküle.
In der Molekularbiologie und Atomphysik hat sich „Reduktion“, die Zerlegung eines ganzen Komplexes in handlichere Bestandteile, als nützliche Forschungsstrategie erwiesen. Der einzige Nachteil ist der Ausschluss synthetischer Ansätze, wenn sie als einzig gültige Strategie gehalten wird. Materialismus ist unter modernen Biologen häufig Reaktion auf den Vitalismus, der eine unsterbliche Seele postuliert hat, ohne sie nachweisen zu können. Barbour definiert ähnlich wie Arthure Peacocke Evolution differenziert als Zusammenspiel von Zufall, Emergenz, Gesetzmässigkeiten und Geschichte. Daraus ergeben sich für ihn gewisse theologische Implikationen:
· Ist Evolution ein gerichteter Prozess?
· Warum gibt es eine Tendenz zu grösserer Komplexität, Reaktionsvermögen und Bewusstsein?
· Warum ist die Fähigkeit der Lebewesen gewachsen, Informationen zu sammeln, zu speichern und abzurufen?

Zufall ist für Barbour Teil des göttlichen Schöpfungsplans, er hilft die potentiellen Formen der Materie zu entdecken. Gott hat die Stoffe der Erde mit kreativem Potential ausgestattet, das nach und nach enthüllt wird. Gott kontrolliert Ereignisse, und er bestimmt Unbestimmtheiten. Gott hat absichtsvoll eine System von Gesetz und Zufall erschaffen, er akzeptiert Zufall und Notwendigkeit, Kontingenz und Möglichkeit. Ein geduldiger Gott könnte die Materie mit verschiedenen Möglichkeiten ausgestattet haben, um sie selbst komplexere Formen erstellen zu lassen. Gott experimentiert und improvisiert in einem Prozess der fortdauernden Schöpfung. Er ist wie ein Choreograph oder Komponist, der eine aktive, fortdauernde Beziehung zu seinem Werk hat. Das Geschenk der Freiheit ist durch Liebe gekennzeichnet. Gott beeinflusst Ereignisse, ohne sie kontrollieren zu müssen!
Gott als Geist erscheint ihm besonders hilfreich wegen der Analogie in Lebendigkeit, Kreativität und im Geheimnis des menschlichen Geists. Gott als Künstler enthält Planung und Ueberraschung; der „Logos“ drückt immanente Schöpfungskraft aus.

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Mittwoch, Juli 07, 2010

Astronomie und Schöpfung (Seiten 275-309)



Nachdem im letzten Kapitel mehr die Physik im Vordergrund war, geht es hier um die Erforschung des Kosmos im 20. Jahrhundert. 1917 sagte Willem de Sitter aufgrund der Relativitätstheorie ein expandierendes Universum voraus. 1929 doppelte Edwin Hubble nach, indem er den expandierenden Raum – nicht nur Objekte - postulierte. Erst 1965 konnte dies durch Arno Penzias und Robert Wilson nachgewiesen werden, denn sie entdeckten eine gleichbleibende, schwache kosmische Hintergrundstrahlung, die 3-K-Reststrahlung. Diese war nach der Relativitätstheorie zu erwarten, da sie das Abkühlen resp. Nachglühen des kosmischen Feuerballs durch Expansion darstellte. 1992 zeigte der COBE-NASA-Satellit geringfügige Strahlungsabweichungen, die das Zusammenballen der Materie in Galaxien erklären konnte. Somit lässt sich die Geschichte des Kosmos plausibel rekonstruieren bis auf etwa drei Minuten nach dem Urknall, der sogenannten „Singularität“. Was aber in diesen drei Minuten genau passierte, bleibt (noch) spekulativ, denn es fehlt eine Theorie, die alle vier physikalischen Kräfte (elektromagnetische -, schwache -, starke Wechselwirkung und Gravitation) einheitlich erklären kann. Eine mögliche Erklärung bietet die „Stringtheorie“, aber sie ist nicht nachweisbar, weil die notwendige (Spalt)Energie für einen Nachweis zu gross ist. Bei der grossen vereinheitlichten Theorie (Wechselwirkungen ohne Gravitation) ist man durch die Entdeckung von C. Rubbia 1983 am CERN der W- und Z-Boson-„Teilchen“ bereits etwas weiter. Und die elektroschwache Theorie, die 1967 durch S. Weinberg und A. Salam aufgestellt wurde, fasst elektromagnetische und schwache Wechselwirkung zusammen. Die grossen kosmologischen Entwicklungen werden zeitlich wie folgt gesehen:

0 / unendliche Temperatur / Singularität
10 hoch -45 Sek / 10 hoch 32 Grad Celsius / Gravitation (=Anziehung Massen) entsteht
10 hoch -35 Sek / 10 hoch 28 ° C / starke Wechselwirkung (=Bindung Atomkern) entsteht
10 hoch -10 Sek / 10 hoch 15 ° C / schwache (=radioaktiver Zerfall) und elektromagnetische Wechselwirkung (=Licht) entsteht
10 hoch -4 Sek / 10 hoch 12 ° C / aus Quarks werden Protonen und Neutronen
3 Minuten / 10 hoch 9°C / erste Atomkerne (Wasserstoff, Helium)
500'000 Jahre / 2’000°C / erste Atome (leichte Elemente) entstehen
1 Mia Jahre / erste Galaxien (schwere Elemente) entstehen
10 Mia Jahre / erste Planeten entstehen
12 Mia Jahre / mikroskopische Lebensformen entstehen
15 Mia Jahre / heute

Der Kosmos ist extrem ausbalanciert in seiner:
- Expansionsgeschwindigkeit,
- Wechselwirkung zur Entstehung der Elemente,
- Teilchen – Antiteilchen (mit minimer präziser Asymmetrie)
- Homogenität oder Isotropie.


Beispielsweise Teilhard de Chardin fand nicht Grösse und Dauer, sondern Komplexität und Bewusstsein im Kosmos bedeutungsvoll. Im menschlichen Gehirn gibt es etwa 100 Billionen Synapsen und ein höheres Organisationsniveau und grösseren Erfahrungsreichtum als in 1'000 unbelebten Galaxien. Der Mensch ist die am weitesten entwickelte Lebensform (Seite 301).
Die Beobachtungen dieser Tatsachen führte zum antrophischen Prinzip, teleologischen Gottbeweis und religiösen Implikationen (oder numerischen Zufällen). Damit kommen wir zu Grenzfragen der Naturwissenschaften, die sie nicht wirklich beantworten können, weil sie keine Herkunfts- und Sinnfragen kennen:

- Warum ist der Kosmos rational?
- Warum verstehen wir den Kosmos?


Die Ueberzeugung, dass der Kosmos einheitlich und intelligibel sei, hat bereits biblische und griechische Wurzeln. Daraus folgen weitere Grundsatzfragen:
· Kontingente Existenz: Warum ist überhaupt etwas?
· Kontingente Rahmenbedingungen: Gab es einen singulären Anfang? Warum sind am Anfang unsere physikalische Gesetze ungültig?
· Kontingente Gesetze: Gibt es eine „Theorie für Alles“?
· Kontingente Ereignisse: Der Kosmos ist eine Abfolge von unumkehrbaren Ereignissen, trotzdem gibt es Unschärferelation, die Unbestimmtheit in der Welt spiegelt, warum?


Damit wechselt Barbour zu den biblischen Schöpfungsvorstellungen. Hier erscheint Schöpfung als Ordnung aus dem Chaos. Gott schuf strukturiertes, harmonisches Ganzes aus der Sicht einer vorwissenschaftlichen Kosmologie des fünften Jahrhunderts vor Christus. Es war ein Echo auf babylonische Vorstellungen und somit gegen Naturgottheiten gerichtet. Eine fortlaufende Schöpfung kommt in Psalm 104 zum Ausdruck, auch menschliche Gefühle wie Abhängigkeit, Endlichkeit und Kontingenz, Ehrfurcht, Vertrauen, Dankbarkeit für das Leben, Annahme, Ordnung und Schönheit der Welt. Die Welt ist gut, geordnet, kohärent und verstehbar, sie hängt von Gott ab, er ist der Herrscher, der frei, transzendent und zielorientiert ist. Das jüdische Morgengebet lautet deshalb wie folgt: „Gesegnet bist du, Adonai, unser Gott, Bildner des Lichts und Schöpfer der Finsternis, der Frieden stiftet und schafft das All... Herr der Wunder, er erneuert seine Güte an jedem Tag das Werk der Schöpfung.“

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Physik und Metaphysik (Seiten 233-269)


Babour skizziert die Geschichte der neueren Physik und ihre Folgen. Die klassische Mechanik war realistisch, deterministisch und reduktionistisch, alle drei Denkweisen wurden im 20. Jahrhundert in Frage gestellt. 1905 hat Einstein die spezifische Relativitätstheorie herausgefunden (E=mc2), die von einer konstanten Lichtgeschwindigkeit und einem Raum-Zeit-Kontinuum ausgeht. Zehn Jahre später hat er die allgemeine Relativitätstheorie formuliert, dabei wird das Universum als endlich, gekrümmt, grenzenlos und geschlossen angesehen. John Wheeler sagte es so: Der Raum sagt der Materie, wie sie sich bewegen soll, und die Materie sagt dem Raum, wie er sich krümmen soll. Diese wissenschaftliche Revolution, vor allem aber mit der Entdeckung der Quantentheorie, führte zu einem Paradigmenwechsel. Die Quantentheorie ist nicht anschaulich, arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und ist komplementär. Es findet eine Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt statt, dies drückt sich aus, indem entweder Kausalität oder Raumzeit, Wellen oder Teilchen, Position oder Impuls festgestellt und gemessen werden können vom Beobachter, jedoch nie beide Phänomene gleichzeitig. Analog dazu können auch Mechanismen in anderen Wissenschaften nun einfacher komplementär gesehen werden: mechanistische und organische Modelle in Biologie, behavioristische und introspektive in Psychologie, freier Wille und Determinismus in Philosophie und Gerechtigkeit und Liebe in der Theologie. Und letztlich sind Naturwissenschaften und Religion komplementäre Erklärungen der Realität.
Die Physik versucht natürlich die Quantentheorie genauer zu erforschen, zu bestimmen, zu verstehen und zu beschreiben. 1963 wurden die Elementarteilchen, die kleiner als Atome sind, Quarks genannt, jedoch können diese nicht eigenständig existieren, sondern nur innerhalb eines grösseren Ganzen. Es scheinen Manifestationen wechselnder Wellenmuster zu sein, die im Kontrast zum bisherigen reduktionistischen physikalischen Verständnis stehen und eine ganzheitliche Betrachtungsweise erfordern.
Barbour positioniert sich generell als kritischer Realist, Verfechter der Unbestimmtheit und eines begrenzten Holismus. Er formuliert dies beispielsweise so (auf Seite 254): „Dynamische Ereignisse konstituieren die Realität... Die Relativitätstheorie... zeigt unser Universum dynamisch und miteinander verbunden. Raum und Zeit sind untrennbar, Masse ist eine Form der Energie, und Schwerkraft und Beschleunigung sind ununterscheidbar. Es gibt ein Wechselspiel zwischen der Dynamik der Materie und der Form des Raum, eine Dialektik zwischen Vorgängen in der Zeit und der Geometrie des Raums. Wenn man so will, ist die Materie eine Falte im elastischen Raum-Zeit-Gewebe. Statt separater dauerhafter Dinge, die äusserlich in Beziehung zueinander stehen, haben wir eine einheitliches Fliessen interagierender Ereignisse...“
(auf Seiten 270-273): Es ist ein Fehler, Ideen aus Physik zur Formulierung theologischer Auffassungen zu übernehmen,... denn ihre Begriffe sind von begrenzter Reichweite. Es war fragwürdig, eine materialistische Metaphysik auf die klassische Mechanik zu gründen,... ebenso ist es fragwürdig, östliche Mystik auf moderne Physik zu beziehen...
Es gibt keine rein räumlichen Verhältnisse, sondern nur raumzeitliche... Die Geschichtlichkeit der Natur ist in allen Naturwissenschaften offensichtlich. Die Unschärferelation ist Hinweis auf objektive Unbestimmtheit in der Natur... Im Rückblick erscheint die Behauptung nicht abwegig, dass man sogar in der Physik den Beginn einer historischen, ökologischen und vielstufigen Sicht der Realität erkennen kann. Ich bin der Auffassung, dass diese drei Merkmalspaare – Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit, Zufall und Gesetzmässigkeit, Ganzheitlichkeit und Emergenz – in der Metaphysik der Prozessphilosophie eine besondere Rolle spielen.“

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Mittwoch, Juni 30, 2010

Modelle und Paradigmen


Im Kapitel „Modelle und Paradigmen“ von Seite 151-191 zeigt Barbour auch auf, dass die Naturwissenschaften nicht nur objektiv und zeitlos sind, sondern zugleich auch unvollständig, vorläufig und revisionsbedürftig gesehen werden müssen. Alle Wissenschaften unterliegen immer auch einem Paradigma, das er als Produkt spezifischer wissenschaftlicher Gemeinschaften zu spezifischen Zeitpunkten definiert. Er vertritt eher die Ansicht von Thomas Kuhn, der Naturwissenschaften kontextuell, relativ, historisch und kulturell beeinflusst einstufte. Karl Popper dagegen betonte eher deren Autonomie, Rationalität, eigene Logik und Eigenständigkeit. Barbour folgt hier Kuhn, indem er die Aehnlichkeit von naturwissenschaftlichen und religiösen Paradigmen aufzuzeigen versucht: beide arbeiten mit Begriffen, Theorien und Glaubenssätzen. Diese wiederum beeinflussen die Fragestellungen und Beobachtungen. Das führt zu Vorstellungen, Analogien und Modellen, die erdacht sind und als solche nicht beobachtet werden können. Daraus werden Annahmen getroffen und Forschungsbereiche und -gegenstände definiert, die dann beobachtet werden und mit Daten dokumentiert werden können (deduktiver Weg oder Reduktion).
Im religiösen Bereich ist das Vorgehen ähnlich, aber es sind dann eher Erfahrungen, Erzählungen und Rituale, die in heiligen Schriften festgehalten werden. Göttliche Offenbarung und menschliche Reaktion sind verbunden und bedingen sich; persönliche Beteiligung und Reflexion sollten sich abwechseln. Gott wird durch interpretierte Erfahrung erkannt. Im Christentum sind die zentralen Aussagen Gottes die Weltschöpfung, sein Bund mit Israel und das Leben Christi.
Zusammenfassend nochmals die Parallelen von Naturwissenschaft und Religion:
· Interaktion Daten mit Theorie (Naturwissenschaft) und Erfahrung mit Interpretation (Religion)
· Interpretationsgemeinschaft hat historischen Charakter und Einbettung
· Modelle werden sowohl von Naturwissenschaften als auch von Religionen verwendet
· Paradigmen haben Einfluss auf Naturwissenschaft und Religion

Eine naturwissenschaftliche Theorie wird heute nach folgenden Kriterien bewertet: Datenübereinstimmung, Kohärenz (Uebereinstimmung mit andern Theorien), Reichweite und Fruchtbarkeit für aktuelle und zukünftige Forschung. Modelle sind analog und tragen zur Veränderung und Erweiterung von Theorien bei, weil sie anregend sind.
Für die Paradigmen gilt: alle Daten sind theoriegeladen, alle Theorien sind paradigmengeladen und alle Paradigmen haben Beurteilungskriterien. Geschichtliche Ereignisse dagegen sind interpretationsgeladen.
Paradigmen im Christentum hat Hans Küng nach Epochen geordnet:
· Alexandrinisch (mit griechisch geprägter Theologie und Weltsicht)
· Augustinisch (mit römisch geprägter Theologie und Weltsicht)
· Thomistisch (mittelalterliche, scholastische Theologie und Weltsicht)
· Reformatorisch (mit Beginn der Neuzeit)
· Historisch-kritisch (Moderne mit aufgeklärter Weltsicht, Postmoderne mit Pluralismus und Ganzheitlichkeit ist vielleicht bereits ein neues Paradigma?)

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Donnerstag, Juni 24, 2010

Vier Verbindungen von Naturwissenschaft und Religion

Im Kapitel „Mögliche Verbindungen von Naturwissenschaft und Religion“ ab Seite 113 kommt Barbour nun zu seinen Kernaussagen, nämlich zu seinen vier grundsätzlichen Verhältnissen von Naturwissenschaft und Religion:


Vom Konfliktverhältnis sind heute im Westen am stärksten der wissenschaftliche Materialismus und der Biblizismus betroffen. Die heutigen Konflikte reichen auf Galileis Verurteilung zurück, zu dieser führten aristotelisches Denksystem, enge Bibelauslegung und römische Kirchenmacht.
Materialismus schliesst aber vereinnahmend von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen direkt auf philosophische Fragen. Er anerkennt nur naturwissenschaftliche Methoden für Erkenntnisse, zudem sind nur Materie und Energie grundlegende Realitäten im Kosmos. Das ist „Reduktionismus“, der die nicht durchschaubare Wirklichkeit auf naturwissenschaftlich Erkennbares reduziert. Naturwissenschaftler haben selten Ahnung von Philosophie, Geschichte der Naturwissenschaften, Relevanz der Naturwissenschaften und ethische und religiöse Implikationen.
Biblizismus dagegen schliesst unüberlegt von ihrer Theologie auf wissenschaftliche Fragen. Biblizistische Theologen haben selten wirkliche Ahnung von Naturwissenschaften. Sie überschätzen sich statt sich mit Aeusserungen dazu zurückzuhalten!


Unabhängigkeit wird durch dialektische Theologie, Existenzialismus und Sprachanalyse vertreten. Unabhängigkeit beider Bereiche lässt sich am einfachsten anhand ihrer unterschiedlichen Fragestellungen zeigen: Naturwissenschaften stellen häufig Wie-Fragen und streben nach Erklärungen objektiver, allgemein zugänglicher, wiederholbarer, quantitativen Daten durch Experimente. Sie liefern daher keine umfassende Weltanschauung, Lebensphilosophie und ethische Normen.
Religionen dagegen stellen eher Warum-Fragen und fragen nach dem Ursprung von Ordnung, Schönheit in der Welt und nach den inneren Erfahrungen der Menschen (Schuld, Angst, Sinn, Vertrauen und Ganzheit. Sie brauchen häufig Symbole und Analogien, weil Gott transzendent ist. Sie empfehlen gemeinschaftlichen und individuellen Lebensstil, Einstellungen, moralische Prinzipien, Rituale und Verhaltensweisen.


Dialog wird vorwiegend durch den Theismus vertreten. Zeitgenössische Vertreter des Dialogs sind Wolfhart Pannenberg und Karl Rahner. Letzterer sagte: „Schöpfung und Fleischwerdung sind Bestandteile des Prozesses der Selbstoffenbarung Gottes.“ Dialog braucht es, weil Naturwissenschaften nicht nur objektiv und Religion nicht nur subjektiv ist. Hinter beiden Bereichen stecken Theorien, die auf Vorstellungskraft, Analogien und Modellen beruhen. Thomas Kuhn würde diesem Sachverhalt „Paradigma“ sagen. Gerade naturwissenschaftliche Forscher sind nicht nur unbeteiligte Beobachter, sondern sind auch mit dem Objekt verbunden (gemäss Quantenphysik), Handelnde und tragen persönliche Verantwortung. Sowohl Experimente als auch Erfahrungen müssen interpretiert und bewertet werden!


Was Integration bedeutet, ist am schwierigsten zu beschreiben. Integartion wird durch natürliche Theologie und Prozessphilosophie vertreten. Sie hat in Ansätzen schon bei Thomas von Aquin mit seinen kosmologischen und teleologischen Gottesbeweisen ihren Anfang genommen. Im katholischen Glauben bereitet die natürliche Theologie auf die Offenbarung vor. Der orthodoxe englische Philosoph Swinburne meint, dass die vorhandenen bewussten Wesen sich nicht wissenschaftlich erklären lassen, es brauche etwas von aussen; die Ordnung der Welt erhöhe die theistische Hypothese.
Andere Wissenschaftler machen aufs antrophische Prinzip, die unglaubliche Feinabstimmung des Kosmos und die Gerichtetheit der Entwicklung aufmerksam, so auch Steven Hawking: „Wäre die Expansionsgeschwindigkeit eine Sekunde nach dem Urknall nur um ein 100’000millionstel kleiner gewesen, so wäre das Universum wieder in sich zusammengefallen, bevor es seine gegenwärtige Grösse erreicht hätte.“
Barbour unterscheidet vier zunehmende Stufen der Integration:
· Treuhänderschaft gegenüber der Natur, weil sie Gott gehört
· Lobpreis der Natur, weil Gott sie gut, vielfältig und mächtig gemacht hat (so in Genesis, Hiob, Psalmen und Gleichnissen Jesu)
· Heiligkeit der Natur, weil Gott sie gemacht hat und erlösen wird
· Heiliger Geist in der Natur, weil der Geist Gottes auf den Wassern schwebte und die Psalmen, besonders 104, Gottes Gegenwart in der Natur thematisieren

Barbour macht zu Recht auch darauf aufmerksam, dass man in der Regel nicht gleich mit Dialog und Integration beginnen sollte, sondern dass sowohl Wissenschaftler als auch Theologen zuerst über die eigenen Gebiete samt deren Möglichkeiten und Grenzen reflektieren sollten. Erst danach wird Dialog sinnvoll, und erst später vielleicht Integration möglich.

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Montag, Juni 21, 2010

Barbour: Wissenschaft und Glaube

Im Moment bin ich daran, Grenzen und Verbindungen von Glaube und Wissenschaft besser zu verstehen und etwas auszuloten. Dabei kommt man meiner Meinung nicht an Ian G. Barbour vorbei, der 1998 "Religion and Science" in San Franscisco veröffentlicht hat, das 2003 bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen auf Deutsch unter der ISBN-Nummer: 3-525-56970-X erschienen ist.


Noch etwas mehr zum Autor:
Der Amerikaner Ian Graeme Barbour wurde 1923 geboren und hat Theologie und Physik studiert. Er war Professor am Carlton College in Northfield Minnesota für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft. 1999 erhielt er für das Buch „Religion and Science“ den Templetonpreis für Fortschritt in Religion. In Europa scheint er nicht so bekannt zu sein, aber er hat Wegweisendes und Hilfreiches zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube formuliert, damit diese völlig unterschiedlichen Denkweisen und Weltsichten überhaupt miteinander in Dialog treten können.


Nun zum Buch: In seiner deutschen Ausgabe umfasst dieses Werk 508 Seiten, aber es ist übersichtlich in Kapitel und Unterkapitel strukturiert und kann auch nur in diesen Teilen gelesen werden. Meistens gibt Barbour am Anfang bekannt, über was er schreiben wird, und am Schluss fasst er gar wichtige Erkenntnisse zusammen.

Der Physiker Barbour beginnt mit „Physik und Metaphysik im 17. Jahrhundert“, denn hier hat sich ein grundlegender Wechsel der Weltsicht und Forschungsmethoden ereignet. Davor war Naturwissenschaft Teil der Philosophie, an experimenteller Ueberprüfung von Hypothesen war man nicht sonderlich interessiert. Durch die grosse Bedeutung von Aristoteles, dessen Werke im 13. Jahrhundert vom Arabischen ins Lateinische übersetzt wurden, wurde die Natur weitgehend als statisch und fertig angesehen. Die mittelalterliche Scholastik fusste auf Vernunft und Offenbarung, sie kann als Synthese von griechischer Philosophie und biblischem Glauben gesehen werden. Der Gottesbegriff von Thomas von Aquin war geprägt vom unbewegten Beweger (Aristoteles) und vom persönlichen Vater (Bibel). Die wichtige Gotteserfahrung geschah durch natürliche und geoffenbarte Theologie. Der göttliche Plan wurde in Schöpfung, Bund, Christus, Kirche und Vollendung gesehen.
Galileo Galilei (1564-1642) wird von ihm als Vater der modernen Naturwissenschaft bezeichnet, weil er neue Methoden formulierte und anwandte. Masse, Raum und Zeit wurden zentral, während vorher mehr Gott, Seele und Leib das Interesse hervorgerufen hatten. Bei René Descartes (1596-1650) und seinem radikalen Dualismus von Geist und Materie zeigt sich das sehr eindrücklich, er sah alle Körper als Maschinen. Auch Isaac Newton (1642-1727), der epochale Entdeckungen in Mathematik, Mechanik, Gravitation und Optik machte, sah trotz tiefer Gottgläubigkeit die Natur als Mechanismus an. Sie war geschaffene Hierarchie, bewegte Teilchen und Gesetzen unterworfene Maschine. Religion musste in dieser Zeit dementsprechend vernünftig und universal sein (oder sie wurde von David Hume und Pierre Laplace als unnötig abgelehnt):
· Existenz eines höchsten Wesens
· Unsterblichkeit der Seele
· Verpflichtung zu ethisch-moralischem Verhalten
(Diesen Aspekt betonte Immanuel Kant, 1724-1804)

Charles Darwin (1809-82) wird mit seinen Hauptwerken „Ueber den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ (1859) und „Die Abstammung des Menschen“ (1871) erwähnt, wobei Barbour vermerkt, dass sein Gegenspieler Lamarck um 1900 gar noch mehr Bedeutung hatte. Erst mit der weiteren Entwicklung der Populationsgenetik und Molekularbiologie wurde Darwins Theorien eher bestärkt, aber auch über ihn hinaus weiter entwickelt. Abschliessend schreibt Barbour treffend auf Seite 108: „Das 19. Jahrhundert hat uns gelehrt, dass es gefährlich ist, wenn Theologen unüberlegt in naturwissenschaftliche Diskussionen eingreifen oder wenn Wissenschaftler voreilig über theologische Fragen urteilen.

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Sonntag, Juni 20, 2010

Kein Platz für Gott?

Der Deutsche Patrick Becker wurde 1976 geboren und hat Theologie studiert in München, Aachen und Bamberg. Danach war er Dozent in Marburg. Er hat sich auch auf den Dialog mit den Naturwissenschaften spezialisiert. Becker versucht mit diesem Buch "Kein Platz für Gott? Theologie im Zeitalter der Naturwissenschaften", das im Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2009 unter der ISBN-Nummer: 978-3-7917-2207-8 erschienen ist, den Stand der Naturwissenschaften von heute kurz zu beschreiben, daraus Grundsatzfragen zu stellen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Es gelingt ihm dabei, Wesentliches herauszuschälen und relevante Fragen zu stellen. Am Schluss des hundertsechzigseitigen Buchs bringt er seine entscheidenden Ansätze auf den Punkt:

Wer ein reduktionistisches Weltbild vertritt, wird nicht nach Wirkmöglichkeiten des Geistes bzw. Gottes suchen. (Seite 152)
Aufgabe der Naturwissenschaften ist es, nüchtern empirische Daten zu sammeln und daraus Gesetzmässigkeiten abzuleiten. Aufgabe der Theologie ist es, das Weltbild zu reflektieren, innerhalb dessen die Daten gesammelt und interpretiert werden. (Seite 153)
Vielleicht wäre es hilfreich, an den Schnittpunkt der Ebenen die Naturphilosophie zu setzen, wie es Heinz-Hermann Peitz (geb. 1958) vorschlägt. Deren Aufgabe wäre der unvoreingenommene Umgang mit dem Datenmaterial der Naturwissenschaften sowie das Aufzeigen der Interpretationsmöglichkeiten.(Seite 154)



Am meisten hat mich sein Kapitel „Der Mensch – eine Maschine?“ überzeugt. Hier gelingt es ihm hervorragend die Diskussionen der Gegenwart darzustellen. Etliche Forscher, so auch Paul Churchland aus Kanada, versuchen im Gehirn Bewusstseinsfähigkeit und Geist zu lokalisieren (Grosshirnrinde). Das Gehirn wird als komplexes neuronales Netz mit paralleler Verarbeitung verstanden, das mustererkennend, fehlertolerant und autoassoziativ arbeitet.
Der lokalisierende Ansatz ist meistens Ausdruck eines Mechanismus und Naturalismus, die versuchen alles auf naturwissenschaftlich Erklärbares zu reduzieren. Das geht auf die Aufklärung zurück, als der Mensch nur noch als Maschine angeschaut wurde. Bei René Descartes war es immerhin noch ein Geist-Körper-Dualismus. Romantik und andere Strömungen wehrten sich im Vitalismus gegen diese eingeschränkte Sichtweise. Auch Becker plädiert dafür, dass Bewusstsein (in erster Person erlebt) nicht auf Gehirn (in dritter Person betrachtet) reduziert werden darf. Er schlägt dafür „Emergenz“ als Ausweg vor, das er wie folgt definiert: „Erreichen eine qualitativ neuen Status, der abhängig von der Basis ist, aber Einfluss darauf ausübt.“ Denn es ist nicht geklärt, wie genau ein Umstand einen Menschen zur Aktion bringt. Becker unterscheidet hier das physische Gehirn von mentalen Auswirkungen, die zu einem Willensentscheid führen. Dieser kann jedoch nicht lokalisiert werden, er bildet sich höchstens teilweise nur ab, denn menschliches Bewusstsein ist letztlich eine Einheit.

Auf Seite 116 stellt er die entscheidenden Fragen zum menschlichen Bewusstsein:
· Wie soll ein neuronales Netzwerk, das keine Zentrale kennt, eine Bewusstsein hervorbringen, bei dem all Informationen gebündelt vorliegen?
· Wie soll ein einheitliches Ich entstehen, wenn es dafür keine neuronale Basis gibt?
· Wie funktioniert der Auswahlprozess der verschiedenen Neuronenzusammenschlüssen?
· Wie wird das eine bewusst, das andere nicht?
· Warum erleben wir nicht viele verschiedene, voneinander unabhängige Bewusstseinszustände, sondern ein einheitliches Bewusstsein, das so auf neuronaler Ebene keinerlei Entsprechung besitzt?

Sein Fazit: Die Neurowissenschaften können diese Fragen nicht beantworten!

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Donnerstag, Juni 10, 2010

Schlussfragen von Polkinghorne

Gegen Schluss seines Buchs "Theologie und Naturwissenschaften" auf Seiten 169 & 170 nennt John Polkinghorne nochmals Fragen, die einen zukünftigen Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaft beschäftigen sollten:


· Wie verstehen wir die natürliche Welt und unser Verhältnis zu ihr?

· Welche Art des Wissens können wir erreichen?

· Wie verhalten sich kosmische und biologische Evolution zu den Schöpfungsgeschichten?

· Sind die tiefe Verständlichkeit der physikalischen Welt und die „unbegründete Effektivität der Mathematik“ Hinweise auf einen im Kosmos verborgenen Plan?

· Verweist die anthropische Feinabstimmung der Naturgesetze in unserem Universum auf eine hinter dem kosmischen Prozess stehende Absicht?

· Wie beeinflussen die Einsichten der Neurophysiologie, der Psychologie und der Philosophie unser Verständnis der menschlichen Person, des menschlichen Selbst?

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Umfassendere Wirklichkeit


Polkinghorne plädiert in der Folge für eine umfassendere menschliche Wirklichkeit (Seite 111):
„Die Naturwissenschaften beschäftigen sich nur mit einem kleinen Teilbereich menschlicher Erfahrungen. Denn sie begrenzen ihr Interesse auf eine unpersönliche Darstellung der Wirklichkeit, auf die Welt als Objekt (als „Es“). Sie sprechen vom Licht einer gegebenen Wellenlänge, aber nicht von Farbe, von Vibrationen in der Luft, aber nicht von Musik, von kausalen Notwendigkeiten, aber nicht von moralischen Imperativen. Doch für die menschliche Erfahrung ist es fundamental, dass man der Wirklichkeit auch subjektiv begegnet, der Welt als einem „Du“ gegenübersteht. Zu dieser subjektiven Wahrnehmung der Welt gehören nicht nur zwischenmenschliche Begegnungen mit anderen Personen und die transzendentale Erfahrung des Göttlichen, sondern auch die allgemeine Erfahrung, dass wir in einer Welt leben, die voll von Werten ist. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese persönlich vermittelten Aspekte der Wirklichkeit von geringerer Bedeutung seien als die unpersönlich vermittelten Aspekte, welche die Naturwissenschaften interessieren....
Die Tatsache, dass die Naturwissenschaften Werte methodisch ignorieren, impliziert keineswegs, dass diese Nichtbeachtung zu einem metaphysischem Prinzip erhoben werden sollte. Im Gegenteil hat jede angemessene Metaphysik den wert-geladenen Charakter der Wirklichkeit ernst zu nehmen.


. Ethische Intuitionen und Verpflichtungen: Wir scheinen Zugang zu einem wirklichen moralischen Wissen zu haben. Unsere Moral öffnet uns ein Fenster in die Welt der menschlichen Wirklichkeit

. Aesthetische Erfahrungen: Farbarrangements und Geräuschwellensequenzen sind mehr als sinnlose Oberflächenphänomene und Gesellschaftswerte

„Der Theismus bietet eine Erklärung dieser vielfältigen Gegenwart von Werten in der Welt. Menschliche ethische Intuitionen entstehen in der Nachahmung von Gottes gutem und vollkommenem Willen; Erfahrungen von Schönheit entstehen, wenn Menschen in die Freude Gottes an seiner Schöpfung hineingenommen werden. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für die Erkenntnis, dass es Einen gibt, der unserer Anbetung und unseres Gehorsams würdig ist, welcher der Grund des ästhetischen und moralischen Wertes der Welt ist. Dieser theistische Hinweis auf die Werte ist eine Version des vierten Weges des Thomas von Aquin: „Deshalb muss etwas existieren, dass für alles, was ist, der Grund seines Seins, seiner Güte und Vollkommenheit ist – und diesen nennen wir Gott“.“

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Mittwoch, Mai 26, 2010

Theologie und Naturwissenschaften

Seit einigen Wochen beschäftige ich mich erneut intensiver mit der Frage des Verhältnisses von Theologie zu den Naturwissenschaften (oder umgekehrt). Zuerst bin ich bei Guy M. Clicqué: "Von Wissen und Weisheit" und später bei John Polkinghorne: "Theologie und Naturwissenschaften" auf vier mögliche Verhältnisse gestossen. Als erster hat sie der Amerikaner Jan Barbour beschrieben. Diese vier grundsätzlichen Modelle des Verhältnisses von Theologie und Naturwissenaften haben folgende Begriffe:
- Konflikt
- Unabhängigkeit
- Dialog
- Integration


· Konflikt: entsteht durch Uebergriffe auf und Vereinnahmung von fremden (Forschungs)Gebieten. Wenn man als Naturwissenschaftler nur Materialismus anerkennt, steht man in Gefahr, alles materialistisch zu sehen und zu interpretieren. Das gleiche Phänomen gilt umgekehrt auch für den Kreationismus.
Es gibt hier nur ein entweder oder und damit die Tendenz zu Aussagen und Behauptungen über Dinge und Phänomene, von denen man eigentlich wenig bis nichts wirklich versteht, weil es das eigene Wissensgebiet übersteigt!


· Unabhängigkeit: Diese Einstellung betrachtet Theologie und Naturwissenschaften als völlig getrennte Bereiche. Man ignoriert einander. Das ist heute üblich in vielen (säkularen) Schulen und Forschungsanstalten. Schwierigkeiten tauchen auf, sobald man nach der Anwendung, Sinn, Werten und Grenzen der Naturwissenschaften fragt.


· Dialog: setzt Erkenntnis voraus, dass beide Bereiche einander etwas mitzuteilen haben, beispielsweise: Geschichte des Universums, Entstehung des Lebens, Wesen des Menschen und Beziehung von Geist und Leib. Es muss jedoch ein Dialog auf Augenhöhe sein, der gleichberechtigt und herrschaftsfrei ist.


· Integration: drückt die Sehnsucht nach Einheit aus. Vereinheitlichung beider Gebiete durch Diskurs. Verbindung von Quantenmechanik und östlichen Religionen (beispielsweise durch Ken Wilber. Auch Teilhard de Chardin hat biologische Evolution und spirituelle Entwicklung in einem Ansatz beschrieben. Diese Ansätze sind aber meiner Meinung nach zu Recht umstritten!)

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