Mittwoch, Juli 07, 2010

Physik und Metaphysik (Seiten 233-269)


Babour skizziert die Geschichte der neueren Physik und ihre Folgen. Die klassische Mechanik war realistisch, deterministisch und reduktionistisch, alle drei Denkweisen wurden im 20. Jahrhundert in Frage gestellt. 1905 hat Einstein die spezifische Relativitätstheorie herausgefunden (E=mc2), die von einer konstanten Lichtgeschwindigkeit und einem Raum-Zeit-Kontinuum ausgeht. Zehn Jahre später hat er die allgemeine Relativitätstheorie formuliert, dabei wird das Universum als endlich, gekrümmt, grenzenlos und geschlossen angesehen. John Wheeler sagte es so: Der Raum sagt der Materie, wie sie sich bewegen soll, und die Materie sagt dem Raum, wie er sich krümmen soll. Diese wissenschaftliche Revolution, vor allem aber mit der Entdeckung der Quantentheorie, führte zu einem Paradigmenwechsel. Die Quantentheorie ist nicht anschaulich, arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und ist komplementär. Es findet eine Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt statt, dies drückt sich aus, indem entweder Kausalität oder Raumzeit, Wellen oder Teilchen, Position oder Impuls festgestellt und gemessen werden können vom Beobachter, jedoch nie beide Phänomene gleichzeitig. Analog dazu können auch Mechanismen in anderen Wissenschaften nun einfacher komplementär gesehen werden: mechanistische und organische Modelle in Biologie, behavioristische und introspektive in Psychologie, freier Wille und Determinismus in Philosophie und Gerechtigkeit und Liebe in der Theologie. Und letztlich sind Naturwissenschaften und Religion komplementäre Erklärungen der Realität.
Die Physik versucht natürlich die Quantentheorie genauer zu erforschen, zu bestimmen, zu verstehen und zu beschreiben. 1963 wurden die Elementarteilchen, die kleiner als Atome sind, Quarks genannt, jedoch können diese nicht eigenständig existieren, sondern nur innerhalb eines grösseren Ganzen. Es scheinen Manifestationen wechselnder Wellenmuster zu sein, die im Kontrast zum bisherigen reduktionistischen physikalischen Verständnis stehen und eine ganzheitliche Betrachtungsweise erfordern.
Barbour positioniert sich generell als kritischer Realist, Verfechter der Unbestimmtheit und eines begrenzten Holismus. Er formuliert dies beispielsweise so (auf Seite 254): „Dynamische Ereignisse konstituieren die Realität... Die Relativitätstheorie... zeigt unser Universum dynamisch und miteinander verbunden. Raum und Zeit sind untrennbar, Masse ist eine Form der Energie, und Schwerkraft und Beschleunigung sind ununterscheidbar. Es gibt ein Wechselspiel zwischen der Dynamik der Materie und der Form des Raum, eine Dialektik zwischen Vorgängen in der Zeit und der Geometrie des Raums. Wenn man so will, ist die Materie eine Falte im elastischen Raum-Zeit-Gewebe. Statt separater dauerhafter Dinge, die äusserlich in Beziehung zueinander stehen, haben wir eine einheitliches Fliessen interagierender Ereignisse...“
(auf Seiten 270-273): Es ist ein Fehler, Ideen aus Physik zur Formulierung theologischer Auffassungen zu übernehmen,... denn ihre Begriffe sind von begrenzter Reichweite. Es war fragwürdig, eine materialistische Metaphysik auf die klassische Mechanik zu gründen,... ebenso ist es fragwürdig, östliche Mystik auf moderne Physik zu beziehen...
Es gibt keine rein räumlichen Verhältnisse, sondern nur raumzeitliche... Die Geschichtlichkeit der Natur ist in allen Naturwissenschaften offensichtlich. Die Unschärferelation ist Hinweis auf objektive Unbestimmtheit in der Natur... Im Rückblick erscheint die Behauptung nicht abwegig, dass man sogar in der Physik den Beginn einer historischen, ökologischen und vielstufigen Sicht der Realität erkennen kann. Ich bin der Auffassung, dass diese drei Merkmalspaare – Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit, Zufall und Gesetzmässigkeit, Ganzheitlichkeit und Emergenz – in der Metaphysik der Prozessphilosophie eine besondere Rolle spielen.“

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