Donnerstag, Juni 24, 2010

Vier Verbindungen von Naturwissenschaft und Religion

Im Kapitel „Mögliche Verbindungen von Naturwissenschaft und Religion“ ab Seite 113 kommt Barbour nun zu seinen Kernaussagen, nämlich zu seinen vier grundsätzlichen Verhältnissen von Naturwissenschaft und Religion:


Vom Konfliktverhältnis sind heute im Westen am stärksten der wissenschaftliche Materialismus und der Biblizismus betroffen. Die heutigen Konflikte reichen auf Galileis Verurteilung zurück, zu dieser führten aristotelisches Denksystem, enge Bibelauslegung und römische Kirchenmacht.
Materialismus schliesst aber vereinnahmend von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen direkt auf philosophische Fragen. Er anerkennt nur naturwissenschaftliche Methoden für Erkenntnisse, zudem sind nur Materie und Energie grundlegende Realitäten im Kosmos. Das ist „Reduktionismus“, der die nicht durchschaubare Wirklichkeit auf naturwissenschaftlich Erkennbares reduziert. Naturwissenschaftler haben selten Ahnung von Philosophie, Geschichte der Naturwissenschaften, Relevanz der Naturwissenschaften und ethische und religiöse Implikationen.
Biblizismus dagegen schliesst unüberlegt von ihrer Theologie auf wissenschaftliche Fragen. Biblizistische Theologen haben selten wirkliche Ahnung von Naturwissenschaften. Sie überschätzen sich statt sich mit Aeusserungen dazu zurückzuhalten!


Unabhängigkeit wird durch dialektische Theologie, Existenzialismus und Sprachanalyse vertreten. Unabhängigkeit beider Bereiche lässt sich am einfachsten anhand ihrer unterschiedlichen Fragestellungen zeigen: Naturwissenschaften stellen häufig Wie-Fragen und streben nach Erklärungen objektiver, allgemein zugänglicher, wiederholbarer, quantitativen Daten durch Experimente. Sie liefern daher keine umfassende Weltanschauung, Lebensphilosophie und ethische Normen.
Religionen dagegen stellen eher Warum-Fragen und fragen nach dem Ursprung von Ordnung, Schönheit in der Welt und nach den inneren Erfahrungen der Menschen (Schuld, Angst, Sinn, Vertrauen und Ganzheit. Sie brauchen häufig Symbole und Analogien, weil Gott transzendent ist. Sie empfehlen gemeinschaftlichen und individuellen Lebensstil, Einstellungen, moralische Prinzipien, Rituale und Verhaltensweisen.


Dialog wird vorwiegend durch den Theismus vertreten. Zeitgenössische Vertreter des Dialogs sind Wolfhart Pannenberg und Karl Rahner. Letzterer sagte: „Schöpfung und Fleischwerdung sind Bestandteile des Prozesses der Selbstoffenbarung Gottes.“ Dialog braucht es, weil Naturwissenschaften nicht nur objektiv und Religion nicht nur subjektiv ist. Hinter beiden Bereichen stecken Theorien, die auf Vorstellungskraft, Analogien und Modellen beruhen. Thomas Kuhn würde diesem Sachverhalt „Paradigma“ sagen. Gerade naturwissenschaftliche Forscher sind nicht nur unbeteiligte Beobachter, sondern sind auch mit dem Objekt verbunden (gemäss Quantenphysik), Handelnde und tragen persönliche Verantwortung. Sowohl Experimente als auch Erfahrungen müssen interpretiert und bewertet werden!


Was Integration bedeutet, ist am schwierigsten zu beschreiben. Integartion wird durch natürliche Theologie und Prozessphilosophie vertreten. Sie hat in Ansätzen schon bei Thomas von Aquin mit seinen kosmologischen und teleologischen Gottesbeweisen ihren Anfang genommen. Im katholischen Glauben bereitet die natürliche Theologie auf die Offenbarung vor. Der orthodoxe englische Philosoph Swinburne meint, dass die vorhandenen bewussten Wesen sich nicht wissenschaftlich erklären lassen, es brauche etwas von aussen; die Ordnung der Welt erhöhe die theistische Hypothese.
Andere Wissenschaftler machen aufs antrophische Prinzip, die unglaubliche Feinabstimmung des Kosmos und die Gerichtetheit der Entwicklung aufmerksam, so auch Steven Hawking: „Wäre die Expansionsgeschwindigkeit eine Sekunde nach dem Urknall nur um ein 100’000millionstel kleiner gewesen, so wäre das Universum wieder in sich zusammengefallen, bevor es seine gegenwärtige Grösse erreicht hätte.“
Barbour unterscheidet vier zunehmende Stufen der Integration:
· Treuhänderschaft gegenüber der Natur, weil sie Gott gehört
· Lobpreis der Natur, weil Gott sie gut, vielfältig und mächtig gemacht hat (so in Genesis, Hiob, Psalmen und Gleichnissen Jesu)
· Heiligkeit der Natur, weil Gott sie gemacht hat und erlösen wird
· Heiliger Geist in der Natur, weil der Geist Gottes auf den Wassern schwebte und die Psalmen, besonders 104, Gottes Gegenwart in der Natur thematisieren

Barbour macht zu Recht auch darauf aufmerksam, dass man in der Regel nicht gleich mit Dialog und Integration beginnen sollte, sondern dass sowohl Wissenschaftler als auch Theologen zuerst über die eigenen Gebiete samt deren Möglichkeiten und Grenzen reflektieren sollten. Erst danach wird Dialog sinnvoll, und erst später vielleicht Integration möglich.

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