Sonntag, Juni 20, 2010

Kein Platz für Gott?

Der Deutsche Patrick Becker wurde 1976 geboren und hat Theologie studiert in München, Aachen und Bamberg. Danach war er Dozent in Marburg. Er hat sich auch auf den Dialog mit den Naturwissenschaften spezialisiert. Becker versucht mit diesem Buch "Kein Platz für Gott? Theologie im Zeitalter der Naturwissenschaften", das im Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2009 unter der ISBN-Nummer: 978-3-7917-2207-8 erschienen ist, den Stand der Naturwissenschaften von heute kurz zu beschreiben, daraus Grundsatzfragen zu stellen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Es gelingt ihm dabei, Wesentliches herauszuschälen und relevante Fragen zu stellen. Am Schluss des hundertsechzigseitigen Buchs bringt er seine entscheidenden Ansätze auf den Punkt:

Wer ein reduktionistisches Weltbild vertritt, wird nicht nach Wirkmöglichkeiten des Geistes bzw. Gottes suchen. (Seite 152)
Aufgabe der Naturwissenschaften ist es, nüchtern empirische Daten zu sammeln und daraus Gesetzmässigkeiten abzuleiten. Aufgabe der Theologie ist es, das Weltbild zu reflektieren, innerhalb dessen die Daten gesammelt und interpretiert werden. (Seite 153)
Vielleicht wäre es hilfreich, an den Schnittpunkt der Ebenen die Naturphilosophie zu setzen, wie es Heinz-Hermann Peitz (geb. 1958) vorschlägt. Deren Aufgabe wäre der unvoreingenommene Umgang mit dem Datenmaterial der Naturwissenschaften sowie das Aufzeigen der Interpretationsmöglichkeiten.(Seite 154)



Am meisten hat mich sein Kapitel „Der Mensch – eine Maschine?“ überzeugt. Hier gelingt es ihm hervorragend die Diskussionen der Gegenwart darzustellen. Etliche Forscher, so auch Paul Churchland aus Kanada, versuchen im Gehirn Bewusstseinsfähigkeit und Geist zu lokalisieren (Grosshirnrinde). Das Gehirn wird als komplexes neuronales Netz mit paralleler Verarbeitung verstanden, das mustererkennend, fehlertolerant und autoassoziativ arbeitet.
Der lokalisierende Ansatz ist meistens Ausdruck eines Mechanismus und Naturalismus, die versuchen alles auf naturwissenschaftlich Erklärbares zu reduzieren. Das geht auf die Aufklärung zurück, als der Mensch nur noch als Maschine angeschaut wurde. Bei René Descartes war es immerhin noch ein Geist-Körper-Dualismus. Romantik und andere Strömungen wehrten sich im Vitalismus gegen diese eingeschränkte Sichtweise. Auch Becker plädiert dafür, dass Bewusstsein (in erster Person erlebt) nicht auf Gehirn (in dritter Person betrachtet) reduziert werden darf. Er schlägt dafür „Emergenz“ als Ausweg vor, das er wie folgt definiert: „Erreichen eine qualitativ neuen Status, der abhängig von der Basis ist, aber Einfluss darauf ausübt.“ Denn es ist nicht geklärt, wie genau ein Umstand einen Menschen zur Aktion bringt. Becker unterscheidet hier das physische Gehirn von mentalen Auswirkungen, die zu einem Willensentscheid führen. Dieser kann jedoch nicht lokalisiert werden, er bildet sich höchstens teilweise nur ab, denn menschliches Bewusstsein ist letztlich eine Einheit.

Auf Seite 116 stellt er die entscheidenden Fragen zum menschlichen Bewusstsein:
· Wie soll ein neuronales Netzwerk, das keine Zentrale kennt, eine Bewusstsein hervorbringen, bei dem all Informationen gebündelt vorliegen?
· Wie soll ein einheitliches Ich entstehen, wenn es dafür keine neuronale Basis gibt?
· Wie funktioniert der Auswahlprozess der verschiedenen Neuronenzusammenschlüssen?
· Wie wird das eine bewusst, das andere nicht?
· Warum erleben wir nicht viele verschiedene, voneinander unabhängige Bewusstseinszustände, sondern ein einheitliches Bewusstsein, das so auf neuronaler Ebene keinerlei Entsprechung besitzt?

Sein Fazit: Die Neurowissenschaften können diese Fragen nicht beantworten!

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