Montag, Juni 21, 2010

Barbour: Wissenschaft und Glaube

Im Moment bin ich daran, Grenzen und Verbindungen von Glaube und Wissenschaft besser zu verstehen und etwas auszuloten. Dabei kommt man meiner Meinung nicht an Ian G. Barbour vorbei, der 1998 "Religion and Science" in San Franscisco veröffentlicht hat, das 2003 bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen auf Deutsch unter der ISBN-Nummer: 3-525-56970-X erschienen ist.


Noch etwas mehr zum Autor:
Der Amerikaner Ian Graeme Barbour wurde 1923 geboren und hat Theologie und Physik studiert. Er war Professor am Carlton College in Northfield Minnesota für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft. 1999 erhielt er für das Buch „Religion and Science“ den Templetonpreis für Fortschritt in Religion. In Europa scheint er nicht so bekannt zu sein, aber er hat Wegweisendes und Hilfreiches zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube formuliert, damit diese völlig unterschiedlichen Denkweisen und Weltsichten überhaupt miteinander in Dialog treten können.


Nun zum Buch: In seiner deutschen Ausgabe umfasst dieses Werk 508 Seiten, aber es ist übersichtlich in Kapitel und Unterkapitel strukturiert und kann auch nur in diesen Teilen gelesen werden. Meistens gibt Barbour am Anfang bekannt, über was er schreiben wird, und am Schluss fasst er gar wichtige Erkenntnisse zusammen.

Der Physiker Barbour beginnt mit „Physik und Metaphysik im 17. Jahrhundert“, denn hier hat sich ein grundlegender Wechsel der Weltsicht und Forschungsmethoden ereignet. Davor war Naturwissenschaft Teil der Philosophie, an experimenteller Ueberprüfung von Hypothesen war man nicht sonderlich interessiert. Durch die grosse Bedeutung von Aristoteles, dessen Werke im 13. Jahrhundert vom Arabischen ins Lateinische übersetzt wurden, wurde die Natur weitgehend als statisch und fertig angesehen. Die mittelalterliche Scholastik fusste auf Vernunft und Offenbarung, sie kann als Synthese von griechischer Philosophie und biblischem Glauben gesehen werden. Der Gottesbegriff von Thomas von Aquin war geprägt vom unbewegten Beweger (Aristoteles) und vom persönlichen Vater (Bibel). Die wichtige Gotteserfahrung geschah durch natürliche und geoffenbarte Theologie. Der göttliche Plan wurde in Schöpfung, Bund, Christus, Kirche und Vollendung gesehen.
Galileo Galilei (1564-1642) wird von ihm als Vater der modernen Naturwissenschaft bezeichnet, weil er neue Methoden formulierte und anwandte. Masse, Raum und Zeit wurden zentral, während vorher mehr Gott, Seele und Leib das Interesse hervorgerufen hatten. Bei René Descartes (1596-1650) und seinem radikalen Dualismus von Geist und Materie zeigt sich das sehr eindrücklich, er sah alle Körper als Maschinen. Auch Isaac Newton (1642-1727), der epochale Entdeckungen in Mathematik, Mechanik, Gravitation und Optik machte, sah trotz tiefer Gottgläubigkeit die Natur als Mechanismus an. Sie war geschaffene Hierarchie, bewegte Teilchen und Gesetzen unterworfene Maschine. Religion musste in dieser Zeit dementsprechend vernünftig und universal sein (oder sie wurde von David Hume und Pierre Laplace als unnötig abgelehnt):
· Existenz eines höchsten Wesens
· Unsterblichkeit der Seele
· Verpflichtung zu ethisch-moralischem Verhalten
(Diesen Aspekt betonte Immanuel Kant, 1724-1804)

Charles Darwin (1809-82) wird mit seinen Hauptwerken „Ueber den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ (1859) und „Die Abstammung des Menschen“ (1871) erwähnt, wobei Barbour vermerkt, dass sein Gegenspieler Lamarck um 1900 gar noch mehr Bedeutung hatte. Erst mit der weiteren Entwicklung der Populationsgenetik und Molekularbiologie wurde Darwins Theorien eher bestärkt, aber auch über ihn hinaus weiter entwickelt. Abschliessend schreibt Barbour treffend auf Seite 108: „Das 19. Jahrhundert hat uns gelehrt, dass es gefährlich ist, wenn Theologen unüberlegt in naturwissenschaftliche Diskussionen eingreifen oder wenn Wissenschaftler voreilig über theologische Fragen urteilen.

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