Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die antike Familie, Staat und Kosmos

Siedentop zeigt deutlich auf, dass die Aufklärung versuchte, die Antike heller zu zeichnen und das Mittelalter dunkler als sie wirklich waren. Für das Studium des Altertums ist es aber unerlässlich, sich auf Zeugnisse zu stützen, die uns diese Epoche hinterlassen hat. Nur so können wir jede Epoche realistisch wahrnehmen und einschätzen. 1. Die antike Familie In der Antike waren aber die Gesellschaft und die Familie mit dem pater familias alles, denn er war auch Richter und Hohepriester. Die einzelne Person jedoch galt nichts. Der Vater hatte das heilige Feuer am häuslichen Herd zu hüten, der Herd erhielt somit altarähnliche Funktionen. Diese Aufgabe übergab er dem ältesten Sohn. Nur so konnten die göttlichen Ahnen unter der Erde ruhig gehalten werden. Erst wenn die Familie ausgestorben war, hörte auch das Feuer auf zu brennen. Religion war Familienkult und bestimmte Beziehungen, Besitz und Boden und bewahrte sie. Der Vater war gottähnlich, dem man verpflichtet, zugeneigt und ergeben war. Die Gesellschaft war ein Zusammenschluss von Familien, die je ein eigenes Recht und Kult hatten, die in der Familiensphäre gelebt wurden. 2. Der antike Staat Die Aufklärung idealisierte den antiken Staat, die res publica, obwohl diese vom Patriarchat bestimmt und geprägt worden war und Unterordnung verlangte. Die Entwicklung in der Antike ging von der Familie zum Clan, dann zum Stamm, die wiederum in Städten zusammengezogen wurden. So wurde alles grösser, auch die polytheistischen Götter und ihr Einfluss nahm zu. Ein Sohn wurde auch zuerst in der Familie aufgenommen, dann im Kult des Stammes und als erwachsener Bürger in der Stadt, der terra patria. Frauen und Sklaven hatten wenig Rechte, Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen. Erst im römischen Reich bekamen auch jüngere Söhne mehr Rechte. Wille der Götter und eine hohe Tugend war dagegen die Hingabe an das heilige Vaterland. Urbs war der physische Ort, civitas dagegen der moralische Kitt, der religiös-politische Zusammenhalt. 3. Der antike Kosmos Vernünftige und überzeugende Reden zeigten die soziale Überlegenheit und den hohen Status einer Person an. Arbeit und Handel waren in der Antike verachtet, dagegen wurde militärische Tapferkeit geachtet. Denn das Ziel war Ehre in der res publica. Hierarchische Vorstellungen wurden auch aufs Weltall projiziert. Dadurch wurde ein antikes Modell mit Kristallsphären gebildet, bei dem Logos und Aufstieg wichtiger waren als Beobachtung des realen Alls.

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Sonntag, Januar 04, 2015

8: Intolerance and War (Intoleranz und Krieg)

Gemäss Hart gerät oft in den Hintergrund, weshalb die Kreuzzüge durchgeführt wurden; (der erste wurde 1095 durch Papst Urban II (1035-1099) ausgerufen.) Die Jerusalem-Pilger sollten vor den herrschenden Seldschuken, dem sunnitischen Turkvolk, geschützt werden, und dem bedrängten Byzanz unter Alexius I (1081-1118) sollte geholfen werden. Generell liefen die Religionskriege der Neuzeit in Europa darauf hinaus, Territorien und Macht zu festigen. Je absoluter die Staaten wurden, desto totaler wurden die Kriege. Der Höhepunkt wurde im 20. Jahrhundert erreicht. Gleichzeitig wurden auch von Christen unterschiedlicher Konfessionen die Fundamente für die Menschenrechte (mit)entwickelt. Es waren dies besonders der spanische Dominikaner Francisco de Vitoria (1483-1546) und der reformierte Theologe und niederländische Jurist Hugo Grotius (1583-1645). Kapitel 9: An Age of Darkness (Ein Zeitalter der Dunkelheit) Der „Empirismus“ sei nicht erst in der Aufklärung, sondern bereits im Spätmittelalter entwickelt worden (Seite 100). Hart macht darauf aufmerksam, dass wir nicht überheblich sein sollten und denken, dass unsere Zeit und Kultur aufgeklärter sei als eine andere oder frühere. Materialismus sei kein Faktum von Experimenten oder ein Fazit von Logik, sondern es sei ein metaphysisches (Vor)Urteil, nichts mehr und irrationaler als vieles anderes (Seite 103); denn Vernunft sei eine unbeständige Sache. Wenn es je ein dunkles Zeitalter gegeben habe, dann sei es unseres (Seite 106): Eine Welt des Unglaubens werde dominiert von leeren und selbstbeweihräucherten Narzissten, die in Banalität, Selbstzufriedenheit, Konformität, Zynismus und Selbstbewunderung versinken. Dies entspreche dem letzten Menschen, wie ihn Nietzsche beschrieben habe. In der Moderne sei die Freiheit auf die Macht über die Natur zu herrschen reduziert worden. Wenn der Mensch nicht mehr als ein Geschöpf Gottes angeschaut werde, dann werde es möglich, die menschliche Zukunft mit beliebigen Idealen zu füllen: französische Revolutionsideen, sozialistische Eugenik, Nationalsozialismus und Stalinismus. Kapitel 10: The Great Rebellion (Die grosse Rebellion) Hart beschreibt hier, wie die Taufe im frühen Christentum durchgeführt wurde. Es war eine Demonstration, die den Herrschaftswechsel deutlich zum Ausdruck brachte. Es sei ein Mythos, dass Heiden (Polytheisten) toleranter als Monotheisten gewesen wären. Beispielsweise hörten Gladiatoren- und Arenakämpfe erst mit dem aufkommenden und dann vorherrschenden Christentum auf.

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Sonntag, April 22, 2012

Fergusons sechs Killerapps des Westens

Diese sechs Faktoren, Fergusons "Killerapps", führt er in sechs Buchkapiteln ausführlicher aus und beschreibt und begründet damit deren Bedeutung für den Aufstieg der westlichen Gesellschaft und Kultur: . . . . . · Wettbewerb: Am Beispiel Chinas zur Zeit der Ming-Dynastie 1368-1644 zeigt er Aufstieg, Blüte und Verfall. Durch mangelnden Wettbewerb und zunehmenden Selbstbezug nahm Chinas Bedeutung wieder ab und die Zeit der Vorherrschaft Europas 1500-1900 war gekommen. 1842 erzwangen die Briten sogar die Oeffnung Chinas für ihre Märkte. . . . . . . . . . . . . . . . · Wissenschaft: Von der Reformation 1530 bis zur französischen Revolution 1789 wurden in Europa durch Galileo, Pierre de Fermat, Robert Boyle und andere Wissenschaftler 29 bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen gemacht. Dagegen verbot der osmanische Sultan Selim I die Druckerpresse und schnitt sich so von der wissenschaftlichen Revolution und dem Fortschritt ab. Gerade nur ein Buch, eines über die Behandlung von Syphilis, wurde bis 1900 in eine orientalische Sprache übersetzt. Der agnostische preussische König Friedrich Wilhelm I (1688-1740) gewährte dagegen Religions- und Pressefreiheit in seinem Reich, was zu kultureller Blüte und Fortschritt führte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . · Eigentum: Die rasante Besiedlung und Entwicklung Nordamerikas in den letzten dreihundert Jahren wurde durch weit gestreute Eigentumsverhältnisse stark gefördert. Kurz nach der Besiedlung hatten hohe 75-87% der ansässigen Personen Landeigentum. Der blinde Flecken war jedoch die Sklaverei der Afrikaner. In Südamerika dagegen besass eine Elite von 2% den meisten Boden samt seinen Schätzen, was keine sinnvollen Eigentumsrechte und Rechtsstaatlichkeit gedeihen liessen. · Medizin: Die Lebenserwartung verdoppelte sich weltweit zwischen 1800 und 2000. In Europa geschah dies bereits früher von 1770 bis 1890; das erste Land, das diese Höhe erreichte, war Dänemark, das letzte Spanien. Asien erlebte von 1890 bis 1950 eine Verdoppelung der Lebenserwartung, Afrika 1920 bis 1950, wobei der Rückgang der Sklaverei den Effekt mitbeeinflusste. Cholera und Typhus waren bereits 1914 fast ausgerottet, dies geschah noch zur Zeit des westlichen Imperialismus und Kolonialismus. Negatives Begleitphänomen zum gesundheitlichen Fortschritt war der Rassismus, der pseudowissenschaftliche Kampf gegen die menschliche „Entartung“. Besonders stark war dies in Deutsch-Südwestafrika und Belgisch-Kongo der Fall, was als Vorlauf der Judenverfolgung und Slawenunterdrückung im dritten Reich angesehen werden kann. Ansonsten beschränkt sich Ferguson in diesem Kapitel mehr auf die Rolle Frankreichs und deren Kolonien.
· Konsum: ist ein ökonomisches System, das dem Menschen viel Auswahl gibt, aber am Ende die Menschheit doch vereinheitlicht. Die industrielle Revolution begann in England vor allem mit Textilprodukten, was die Wirtschaftsleistung ab 1830 deutlich erhöhte. Die Beschäftigung in der Landwirtschaft nahm ab, die in Industrie und Dienstleistung nahm zu, und der Reichtum erhöhte sich. Innovative und unternehmerische Personen trieben diesen kumulativen, evolutionären Verbesserungsprozess voran. Einige Eckdaten dazu: 1771: 1. Baumwollspinnerei durch Richard Arkwright in Cromford Derbyshire 1775: 1. Dampfmaschine von James Watt 1825: 1. Dampflokomotive fuhr von Stockton nach Darlington 1848/1867: Das Manifest/Das Kapital von Karl Marx (gegen einseitigen, ungleichen Reichtum) 1850: Singer-Nähmaschine durch Isaac Merritt S. in Boston (USA) 1873: Levi Strauss und Jacob Davis liessen den Gebrauch von Kupfernieten für Jeans patentieren 1929-32: Der Aktienmarkt brach durchschnittlich 89% ein, die Produktion 33%, die Preise 25% und der Welthandel 67%, was zu einer veritablen Weltwirtschaftskrise führte. Hauptgrund war die katastrophale Geldpolitik der damaligen US-Notenbank. 1939-45: Im Zweiten Weltkrieg siegten die Allierten vor allem wegen britischem Geheimdienst, sowjetischem Massenheer und amerikanischem Kapital. Für die Niederschlagung der Japaner war das „Manhattanprojekt“ 1942 entscheidend, das 1945 drei Atombomben hervorbrachte. Nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die Kosumgesellschaft in den USA (und etwas später in Europa) aus mit Kleidern, Autos, Telefone, Kühlschränke, Waschmaschinen, Tumbler, Fernseher und Geschirrspüler. Der französische Philosoph und Revolutionär Régis Debray sagte 1986 dazu: „Rockmusik, Videos, Blue Jeans, Fastfood und TV haben mehr Macht als die Rote Armee.“ Aber auch Asien erlebte einen kometenhaften Aufstieg, am schnellsten wuchs dabei Südkorea 1973-90.
· Arbeit(sethik): Der Deutsche Max Weber, geboren in Erfurt, Professor für Nationalökonomie an der Universität in Freiburg, hat als einer der Ersten pointiert festgestellt, dass die Protestanten leben, um zu arbeiten, und dass sie eine rastlose Berufsarbeit kennen, um sich der Erwählung Gottes zu vergewissern. Nach seinem Nervenzusammenbruch 1897, unternahm er 1904 eine Reise an die Weltausstellung in St. Louis USA und besuchte auch dieses aufstrebende Land. Das fand Niederschlag in seinem berühmten Buch „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Ferguson unterstützt grundsätzlich diese These, macht aber auch Einschränkungen, weil Weber gegenüber den noch erfolgreicheren Juden und teilweise Katholiken in Belgien, Frankreich und Italien blind war. Aber 1940 hatten die protestantischen Länder 40% mehr Einkommen als die katholischen Staaten. Nach Ferguson sind Hauptgründe in der Alphabetisierung durch protestantische Geistliche und Missionare fürs Bibellesen und in den Druckereien zu suchen. Er bezeichnet dies als protestantische Wortethik. Diese förderte zudem gegenseitiges Vertrauen, Treue, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Offenheit und ganz konkret Kreditnetzwerke. Heute scheint diese Ethik in Europa abgenommen zu haben, und die Europäer gelten als Faulpelze, Glaubenskritiker, Gottlose und Ueberalterte der Welt! Ferguson spricht von „Warnografy“, das sich aus Pornografie und Kriegsspielen zusammensetzt und Theologie und Jesusglaube abgelöst habe. Amerika erscheint noch als Ausnahme, Gründe dafür scheinen ihm der Wettbewerb unter den Kirchen und der Gottesdienst als Konsumform zu sein. Gott werde dort so zum Analytiker, Sorgenonkel und persönlichen Coach degradiert. Die Finanzkrise bezeichnet er als Kapitalismus ohne Sparen, Leben auf Pump, das auf die Dauer nicht funktionieren werde. Der Westen mit seiner hohlen Konsumgesellschaft und der Kultur des Relativismus wird bald vom aufstrebenden China überholt und vielleicht gar abgehängt werden. In China haben dagegen Werte wie Moralität, Recht und Eigentum heute einen hohen Stellenwert. Viele chinesische Unternehmer sind sogar Christen geworden, die Stadt Wenzhou gilt als chinesisches Jerusalem!

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Montag, Juni 21, 2010

Barbour: Wissenschaft und Glaube

Im Moment bin ich daran, Grenzen und Verbindungen von Glaube und Wissenschaft besser zu verstehen und etwas auszuloten. Dabei kommt man meiner Meinung nicht an Ian G. Barbour vorbei, der 1998 "Religion and Science" in San Franscisco veröffentlicht hat, das 2003 bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen auf Deutsch unter der ISBN-Nummer: 3-525-56970-X erschienen ist.


Noch etwas mehr zum Autor:
Der Amerikaner Ian Graeme Barbour wurde 1923 geboren und hat Theologie und Physik studiert. Er war Professor am Carlton College in Northfield Minnesota für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft. 1999 erhielt er für das Buch „Religion and Science“ den Templetonpreis für Fortschritt in Religion. In Europa scheint er nicht so bekannt zu sein, aber er hat Wegweisendes und Hilfreiches zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube formuliert, damit diese völlig unterschiedlichen Denkweisen und Weltsichten überhaupt miteinander in Dialog treten können.


Nun zum Buch: In seiner deutschen Ausgabe umfasst dieses Werk 508 Seiten, aber es ist übersichtlich in Kapitel und Unterkapitel strukturiert und kann auch nur in diesen Teilen gelesen werden. Meistens gibt Barbour am Anfang bekannt, über was er schreiben wird, und am Schluss fasst er gar wichtige Erkenntnisse zusammen.

Der Physiker Barbour beginnt mit „Physik und Metaphysik im 17. Jahrhundert“, denn hier hat sich ein grundlegender Wechsel der Weltsicht und Forschungsmethoden ereignet. Davor war Naturwissenschaft Teil der Philosophie, an experimenteller Ueberprüfung von Hypothesen war man nicht sonderlich interessiert. Durch die grosse Bedeutung von Aristoteles, dessen Werke im 13. Jahrhundert vom Arabischen ins Lateinische übersetzt wurden, wurde die Natur weitgehend als statisch und fertig angesehen. Die mittelalterliche Scholastik fusste auf Vernunft und Offenbarung, sie kann als Synthese von griechischer Philosophie und biblischem Glauben gesehen werden. Der Gottesbegriff von Thomas von Aquin war geprägt vom unbewegten Beweger (Aristoteles) und vom persönlichen Vater (Bibel). Die wichtige Gotteserfahrung geschah durch natürliche und geoffenbarte Theologie. Der göttliche Plan wurde in Schöpfung, Bund, Christus, Kirche und Vollendung gesehen.
Galileo Galilei (1564-1642) wird von ihm als Vater der modernen Naturwissenschaft bezeichnet, weil er neue Methoden formulierte und anwandte. Masse, Raum und Zeit wurden zentral, während vorher mehr Gott, Seele und Leib das Interesse hervorgerufen hatten. Bei René Descartes (1596-1650) und seinem radikalen Dualismus von Geist und Materie zeigt sich das sehr eindrücklich, er sah alle Körper als Maschinen. Auch Isaac Newton (1642-1727), der epochale Entdeckungen in Mathematik, Mechanik, Gravitation und Optik machte, sah trotz tiefer Gottgläubigkeit die Natur als Mechanismus an. Sie war geschaffene Hierarchie, bewegte Teilchen und Gesetzen unterworfene Maschine. Religion musste in dieser Zeit dementsprechend vernünftig und universal sein (oder sie wurde von David Hume und Pierre Laplace als unnötig abgelehnt):
· Existenz eines höchsten Wesens
· Unsterblichkeit der Seele
· Verpflichtung zu ethisch-moralischem Verhalten
(Diesen Aspekt betonte Immanuel Kant, 1724-1804)

Charles Darwin (1809-82) wird mit seinen Hauptwerken „Ueber den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ (1859) und „Die Abstammung des Menschen“ (1871) erwähnt, wobei Barbour vermerkt, dass sein Gegenspieler Lamarck um 1900 gar noch mehr Bedeutung hatte. Erst mit der weiteren Entwicklung der Populationsgenetik und Molekularbiologie wurde Darwins Theorien eher bestärkt, aber auch über ihn hinaus weiter entwickelt. Abschliessend schreibt Barbour treffend auf Seite 108: „Das 19. Jahrhundert hat uns gelehrt, dass es gefährlich ist, wenn Theologen unüberlegt in naturwissenschaftliche Diskussionen eingreifen oder wenn Wissenschaftler voreilig über theologische Fragen urteilen.“

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Donnerstag, März 25, 2010

Aufkeimender Fundamentalismus


Armstrong betrachtet den Fundamentalismus generell als Phänomen der Moderne und als Reaktion auf Aufklärung und Säkularisierung, die dem Glauben viel Terrain abgerungen hatten. Die vormoderne ergänzende Zuordnung von Religion und Vernunft funktionierte daher nicht mehr. Fundamentalisten wollten aber weiterhin fürs ganze Leben zuständig sein und vertraten daher häufig einen rationalen Glauben, der möglichst alles erklären und einordnen konnte.

In der christlichen Welt war wiederum Nordamerika führend, wiewohl John Nelson Darby (1800-82) aus England stammte. Er entwickelte die Sicht einer siebenteiligen Heilsgeschichte, den „Prämillenarismus“. Cyrus Ingerson Scofield (1843-1921) übernahm diese sieben Epochen in seinen Erklärungen zur Scofield-Bibel 1909. Der einflussreiche Erweckungsprediger Dwight Moody (1837-99) gründete 1886 das Moody-Bibelinstitut Chicago.
1901-15 wurde eine zwölfteilige Reihe „The Fundamentals“ durch führende konservative Theologen verbreitet in einer Auflage von je drei Millionen Stück. 1910 veröffentlichten bedeutende Presbyterianer Princetons eine Liste mit den fünf massgeblichen, unaufgebbaren christlichen Dogmen:
1. Irrtumslosigkeit der Bibel
2. Geburt von Jesus Christus durch die Jungfrau Maria
3. Jesu Kreuzestod als stellvertretende Sühne für die Menschen
4. leibliche Auferstehung der Toten bei Wiederkunft Jesu
5. objektive Wirklichkeit der Wunder Jesu

Die jüdische Welt war im 19. Jahrhundert vom aufkeimenden Zionismus bestimmt. Der war häufig säkular orientiert, hatte aber trotzdem eine spirituelle Komponente und transzendente Bedeutung. Die Arbeit „awoda“ auf den Feldern Israels sei Spiritualität, die Ganzheit und Heiligkeit bringen wird. Einige Exponenten erkannten aber, dass diese säkulare Ausrichtung auch Gefahren birgt, die zu Nationalismus, Entgleisung, Entmenschlichung, Zerstörung und Dämonisierung führen können, (wie es später in der Türkei, Russland, Deutschland und China mit den Massenmorden auch geschah). Auch das Vokabular der Zionisten lehnte sich an religiöse Begriffe:
· „alija“ Aufstieg zu höherer Seinsweise wird zur Einwanderung
· „olim“ Aufsteigender und Pilger wird zum Einwanderer
· „chaluz“ Befreiter, Erlöster und Geretteter wird zum Pionier

Etwas andere Richtungen schlugen die Geistesgrössen Martin Buber (1878-1965), der den Chassidismus vermittelte, Franz Rosenzweig (1886-1929), der Tora, Symbole, Rituale und Mythologie aktualisierte und Gershom Scholem (1897-1982), der die Kabbala erklärte.

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Montag, März 15, 2010

Karen Armstrong: Im Kampf für Gott

Karen Armstrong wurde 1945 in England geboren. Sie war sieben Jahre katholische Nonne, bevor sie 1969 ihren Orden verliess. Danach ging sie nach Oxford und lehrte am Leo Baeck College for the Study of Judaism. Sie ist Religionswissenschaftlerin und verfasste zahlreiche internationale Bestseller, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Ihr Werk "Kampf für Gott. Fundamentalismus in Christentum, Judentum und Islam" erschien im Jahr 2000 bei HarperCollins Publishers in London und wurde 2007 bei Goldmann verlegt unter der ISBN-Nummer: 978-3-442-15496-8.

Als Religionswissenschaftlerin verfügt Karen Armstrong über profunde Kenntnisse des Judentums, des Christentums und des Islams, die sie mit ihrem weitgehend sachlichen und informativen Schreibstil vermittelt. Sie versteht es ausgezeichnet, mittels wesentlicher Personen und Ereignisse eine verständliche und überblickbare Geschichte dieser drei monotheistischen Religionen und deren Wirkungen zu skizzieren.
Der Hauptgedanke dieses Werk ist in den Begriffen „Mythos“ und „Logos“ zu finden, den sie auf die Geschichte anwendet. Ein Mythos war bis zur Aufklärung der tragende religiöse Grund aller Gesellschaften, die zudem stark von der Landwirtschaft und deren Zyklen geprägt waren. Sie behauptet, dass ein historisches Ereignis erst religiös werden kann, wenn es mythologisiert wird. Der Rationalismus setzte jedoch den „Logos“ absolut und verdrängte den Mythos weitgehend. In Form von Aberglauben, Ritualen und später der Psychoanalyse tauchte er teilweise fragwürdig aber wieder sinngebend auf.

Die neuere Geschichte des Judentums ist von folgenden tragischen Ereignissen geprägt:
1378 und 1391 überfielen Christen in Aragon und Kastilien Juden, 1449-74 folgten ähnliche Verfolgungen, häufig bestand für die Juden nur die Wahl zwischen Auswanderung und Bekehrung. Bekehrte Juden wurden Marranen genannt, die oft auch beärgwöhnt und verfolgt wurden. Auch anderswo in Europa wurden Juden vertrieben: 1421 aus Wien und Linz, 1424 aus Köln, 1439 aus Augsburg, 1442 aus Bayern, 1454 aus Mähren, 1485 aus Perugia, 1486 aus Vicenza, 1488 aus Parma, 1489 aus Mailand und Lucca und 1494 aus der Toskana.
1492 begann in Spanien eine folgenschwere ethnische Säuberung, gleichzeitig entdeckte Kolumbus Amerika.
1534-72 lebte der berühmte Kabbalist Isaak Luria in Safed, der dieser jüdischen Mystik entscheidende Impulse verlieh. Gott wurde „En Sof“ genannt, was „ohne Ende“ bedeutet. 1665 erklärte sich Sabbatai Zwi zum Messias, er verfügte über viele Anhänger im osmanischen Reich. Als er von den Osmanen gefangengenommen wurde, konvertierte er zum Islam und enttäuschte seine Nachfolger gewaltig.


Zum Islam vermerkte Armstrong, dass die Sunniten Mohammed mythologisierten, während die Schiiten das Gleiche mit seinen Nachkommen taten. Einschneidend war für den Islam 1798, als Napoleon Alexandria eroberte. Die islamisch geprägten Staaten waren den westlichen Eindringlingen nun nicht mehr gewachsen in verschiedenster Hinsicht, und die wissenschaftlich-säkulare Kultur des Westens bedrohte und veränderte die islamische Welt.


In der christlichen Welt war die Reformation und der Rationalismus einschneidend und prägend für die Menschen. Armstrong bezeichnet aber Luther als noch mittelalterlich und mythisch geprägt, denn Erkenntnisse aus Natur und Wissenschaft spielten bei ihm kaum eine Rolle, Gott und die Welt blieben getrennt. Dagegen war Calvin in seiner Theologie deutlich rationaler und wissenschaftsfreundlicher. Dies ermöglichte die Erforschung der Natur und des Weltalls, wobei Kopernikus, Kepler und Gallilei wichtige Entdeckungen machten kurz nach der Reformation. Descartes und Newton war von den ersten Personen, die eine ganz rationale Weltsicht hatten, weil sie vom rationalen Denken durchdrungen waren.
Auch die Entwicklungen in Nordamerika beschreibt sie anschaulich: Amerika war ursprünglich durch die Gründerväter stark vom Rationalismus und dem daraus folgenden Deismus beeinflusst. Erst etwa um 1734, als die erste grosse Erweckung stattfand, wobei der gebildete Calvinist Jonathan Edwards (1703-58) führend war, nahm der Einfluss der frommen Protestanten zu. Bei der zweiten grossen Erweckung war der Methodist George Whitefield (1714-70) an vorderster Front. Und mit der dritten Erweckung holte Charles Finney (1792-1875) den Mittelstand ins fromme, evangelikale Boot. Die Religionsfreiheit und der Calvinismus, der sich im Kongregationalismus manifestierte, liessen aber auch viel Raum für Individualisten, die Spekulationen lehrten und Sonderlehren verkündeten, wie der Gründer der Mormonen Joseph Smith (1805-1844) und auch weitere eigenwillige Propheten.

Zusammenfassend beschreibt Armstrong die Verschiebung vom Mythos zum Logos auf Seite 143 so: „Kopernikus hatte den Menschen aus dem Zentrum des Weltalls vertrieben, Descartes und Kant hatten ihn der natürlichen Welt entfremdet, und jetzt behauptete Darwin, der sei nichts als ein Tier, sei nicht eigens von Gott geschaffen worden, sondern habe sich entwickelt wie alles andere auch. Tatsächlich schien für Gott im Schöpfungsprozess kein Platz mehr zu sein, und die Welt, „blutig an Zähnen und Klauen“, hatte keinen göttlichen Zweck mehr.“

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Freitag, Februar 12, 2010

Gedanken zum Theodizee-Problem


Zwar lässt sich das Problem des Bösen (oder: Warum lässt Gott das Leid zu?) nicht lösen, trotzdem erlaube ich mir, einige gesammelten Gedanken dazu weiterzugeben. Ich habe die Argumente aus verschiedenen Quellen, auch Seiten wie www.wikipedia.org sind recht ergiebig für Interessierte.

Das Wort „Theodizee“ wurde 1710 von Gottfried Wilhelm von Leibniz eingeführt und bedeutet eigentlich die Rechtfertigung des Glaubens an Gottes allmächtige und allweise Güte angesichts der sinnlos scheinenden Übel in der von ihm geschaffenen Welt. Es handelt sich um ein schwieriges Thema der Philosophie- und Theologiegeschichte, das schon viele grosse Denker herausgefordert hat.

Als am 11. November 1755 Lissabon von einem Erdbeben zu zwei Dritteln dem Erdboden gleichgemacht wurde, war dies für das ganze aufgeklärte Europa «ein ähnlicher Schock wie der 11. September für unsere Zeit», betonte kürzlich der Zürcher Weihbischof und Philosoph Peter Henrici anlässlich einer Tagung zu diesem Thema: «Die Zerstörung einer Stadt, die an der Spitze des kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritts stand, versetzte dem Optimismus des Jahrhunderts einen harten Schlag.» Für Voltaire war nach diesem Ereignis der Glaube an einen guten und weisen Weltenlenker fortan unmöglich. Kant indessen sah die Sache anders. Er war der Ansicht, dass nicht Gott für die Katastrophe von Lissabon verantwortlich gemacht werden dürfe. Vielmehr sei es der Unvernunft der Menschen zuzuschreiben, die eine Grossstadt in einer Zone angelegt hatten, von der man wusste, dass sie erdbebengefährdet ist.
Peter Henrici warnte davor, für das Theodizee-Problem allzu einfache Antworten zu suchen. «Das Erdbeben von Lissabon war ein Naturereignis, das, wenn überhaupt, nur von der Hand Gottes gelenkt werden konnte. Der 11. September dagegen war einzig und allein das Werk von Menschen.» Nachfolgend einige möglichen Teilantworten für diese schwierige, kaum lösbare Problematik:

· Freiheit des Menschen, sein freier Wille schafft eben auch Böses (z.B. Deismus)

· Schöpfung ist unfertig. In der Bibel gibt es keine endgültige Antwort auf das Böse, sondern Gott rettet aus dem Bösen. Gott hat mit der Schöpfung dem lebensfeindlichen Chaos eine Ordnung abgerungen. Klaus Berger : „Gott ist nicht grausam, davon bin ich im Laufe meines Lebens als Neutestamentler zusehends überzeugt. Sondern, wenn ein Unglück passiert, ist es allemal die Eigengesetzlichkeit dieser Schöpfung. Wenn jemand vor das Auto läuft und überfahren wird, ist es kein grausamer Gott, sondern es sind die Naturgesetze. Wer so über die rote Ampel hinwegsieht, dem ist nicht zu helfen. Wunder sind für diese Fälle nicht vorgesehen. Es gibt kein Menschenrecht auf Wunder. Der Tod gehört zu dieser Schöpfung hinzu, weil sie schwach ist. Gott will die Überwindung des Todes in all seinen Formen."

· Das Übel als Wille Gottes. Eine mögliche Sicht auf die Bibel verneint, dass Gott nur für das verantwortlich sein kann, was Menschen als „gut“ bewerten, sondern für alles verantwortlich ist, wenn man seine Allmacht ernst nehmen will. Einige Bibelstellen nach der konkordanten Uebersetzung dazu sind: "ALLES, d.h. ausnahmslos jedes Wesen, diene Gott" (Psalm 119:91). Gott mache alles zu seinem Zweck, auch den Gottlosen (Sprüche 16:4). "Ich [Gott] bilde das Licht und ERSCHAFFE das Finstere, bewirke das Gute und ERSCHAFFE das Unheil. Ich, Ieue Aluim, mache all dieses" (Jes. 45:7). "Oder geschieht ein Unglück in der Stadt, und der HERR hätte es nicht bewirkt?" (Amos 3:6). "Herodes wie auch Pontius Pilatus mit den Nationen und den Völkern Israels [waren versammelt], um alles auszuführen, was Deine Hand und Dein Ratschluss vorherbestimmt hatten, dass es geschehe" (Apg. 4:26-28). "Was wollen wir nun vorbringen? Doch nicht, es gebe Ungerechtigkeit bei Gott! Möge das nicht gefolgert werden! Denn zu Mose sagt Er: Erbarmen werde ich Mich, wessen ich mich erbarmen möchte; und Mitleid werde ich haben, mit wem ich Mitleid haben möchte. Demnach liegt es nicht an dem Wollenden noch an dem Rennenden, sondern an dem sich erbarmenden Gott. Denn die Schrift sagt zu Pharao: Ebendeshalb habe ich dich erweckt, damit Ich an dir Meine Kraft zur Schau stelle und damit Mein Name auf der gesamten Erde kundgemacht werde. Demnach erbarmt Er sich nun, wessen Er will, aber Er verhärtet auch wen Er will." (Römer 9:14-18, siehe dazu 2. Mose 4:21, 9:12, 14:4, 14:7). "Nun wirst du erwidern: Was tadelt Er dann noch? Wer hat je denn je Seiner Absicht widerstanden? - O Mensch, in der Tat, wer bist denn du, Gott gegenüber eine solche Antwort zu geben? Das Gebilde wird doch nicht dem Bildner erwidern: Warum hast du mich so gemacht? - Hat der Töpfer nicht Vollmacht über den Ton, aus derselben Knetmasse das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen?" (Römer 9: 19-21). "Gott gibt ihnen einen Geist der Betäubung, Augen die nicht erblicken ..." (Rö. 11:8). "es [unser Evangelium] ist denen verhüllt, die umkommen, in welchen der Gott dieses Äons die Gedanken der Ungläubigen blendet, damit ihnen der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus nicht erstrahle." (2. Kor. 4:4). "Er [ein Bote Gottes] bemächtigte sich des Drachen, der uralten Schlange (die der Widerwirker und der Satan ist) und band ihn für 1000 Jahre." (Offb. 20:1ff).

· Gott hat sich von den Menschen zurückgezogen, die ihn ablehnen (z. B. Pfarrer Wilhelm Busch) Dietrich Bonhoeffer sagte es so: "Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt hinausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns."

· Es gibt keine Lösung: Wir sind nicht berechtigt, Gott anzuklagen. Wir können nur dialektisch vom Paradoxon reden (Karl Barth: Das Böse ist die „unmögliche Möglichkeit“). Ähnlich äußern sich Theologen von heute, beispielsweise Alfred Buß: „Ehrliche Theologie gesteht ein, dass es auf die Frage nach dem Sinn des Leidens keine Antwort gibt. Wer sie trotzdem versucht, setzt nur Irrlichter auf.“ (Karsten Huhn: Wie kann Gott das zulassen?) Fast 2000 Jahre zuvor wird in den Sprüchen der Väter, einem Teil der Mischna und Hauptwerk der jüdischen Ethik formuliert: Rabbi Janai sagt: Es ist uns nicht gegeben zu wissen, warum Frevler in Wohlergehen und Gerechte in Leiden leben. (Kap. IV, Vers 19)

· Die Unabhängigkeit der Engel/Dämonen


Einige weitere Stimmen, die wirklich etwas zu sagen haben:

Schalom Ben-Chorin: Als Gott schwieg. Eine Theologie nach Auschwitz. Das Problem der Theodizee. Die Rechtfertigung Gottes angesichts der Uebel der Welt
...
Nun meine ich, dass wir keine zureichende Antwort auf diese Frage haben. Höchstens gewisse Hinweise. Der erste Hinweis ist der, dass die Sünde der Preis der Freiheit ist. Da der Mensch frei ist, kann er sich zum Guten und zum Bösen entscheiden. Auschwitz ist die extreme Entscheidung des Menschen gegen den Menschen, aus der Freiheit des Menschen heraus, der das Böse tun kann, obwohl er das Gute erkennt.
...
Von der Bibel her gibt es drei Antworten auf eine Katastrophe von solchem Ausmass. Alle drei können uns aber nicht genügen. Die Bibel versteht das Leiden als Strafe für das Brechen des Bundes, ausserdem als Prüfung – denken Sie an Abraham und Hiob. Und schliesslich gibt es das Leiden des Unschuldigen als Regulativ der Schöpfung. Jesaja 52 und 53, die Lieder vom Knechte Gottes, der leidet um der Sünden anderer willen – ein Gedanke, der dann im Christentum auf die Person Jesu projiziert wurde. Ich muss aber sagen, dass keine der Antworten ausreicht und wir wir letzten Endes wie Hiob sagen müssen: „Ich lege meine Hand auf meinen Mund“, ich kann nicht antworten.

Hanspeter Schmutz: Zwischen 9/11 und Kashmir. Wo war Gott? Fünf Stimmen aus der Bibel.
aus „Bausteine 8/2005“ (hier leicht gekürzt wiedergegeben)
...
9/11 und besonders Katrina haben in unserer globalisierten Welt zu einer kollektiven Unsicherheit geführt, die in etwa dem entsprechen dürfte, was mit dem Erdbeben von Lissabon vor 250 Jahren geschah: ein Weltbild wurde erschüttert...
Auch das Vertrauen in einen gnädigen und gerechten Gott ist erschüttert. In den Medien taucht die alte Frage wieder auf: Wo war Gott?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Bevor in der Katastrophenbewältigung Gott ins Spiel kommt, muss zuerst der Anteil der Menschen geklärt werden...
Katastrophen sind oft ein Feedback der Natur auf ein falsches menschliches Verhalten. Schwieriger ist es beim Tsunami einen menschlichen Anteil zu erkennen. Vielleicht hätte ein Warnsystem, das technisch schon länger möglich ist, die Folgen der Katastrophe gemildert. Trotzdem bleibt die Frage nach dem gerechten Gott. Sind Katastrophen eine Geissel Gottes oder Ausdruck der Abwesenheit Gottes?

Die erste Stimme ist Noah. Er predigt das Gericht Gottes mitten in einer Gesellschaft, die sich von Gott entfernt hatte. Trotz deutlicher Warnung kehrt nur eine kleine Schar zu Gott um und wird gerettet. Alle übrigen kommen um. Die Sintflut ist Folge eines göttlichen Gerichts.

Die zweite Stimme ist diejenige von Jona. Der rührige Prophet reist nach anfänglichem Zögern in die heidnische Stadt Ninive, prangert deren Sünden an und ruft zur Umkehr. Tatsächlich kehrt die Bevölkerung um und wendet sich dem Gott Jonas zu. Ninive steht für die Katastrophe als Aufruf zur Umkehr.

Eine dritte Stimme finden wir bei Hiob. Er ist ein gerechter Mann, der tut, was Gott gefällt. Gott lässt sich auf den teuflischen Vorschlag ein, Hiob zu versuchen. Hiob erlebt eine Katastrophe um die andere, verliert alle seine Sicherheiten, bis sein Glaube zu wanken beginnt. Zum Schluss aber geht er gestärkt aus dieser Anfechtung hervor. Hiob erlebte die Katastrophe als Glaubenstest.

Eine vierte Stimme ist Jesus Christus am Kreuz. Der Sohn Gottes - und damit Gott selbst – hängt am Kreuz, unschuldig zum Tod verurteilt. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus erfährt als Gottes Sohn Gottverlassenheit. Seit Karfreitag kann jeder ungerecht Leidende wissen, dass Jesus – und damit Gott – mit ihm leidet.

Und schliesslich gibt es noch die Stimme des Jüngsten Gerichtes: Hier treten alle Menschen vor den Thron Gottes. Ihre Taten werden vom Weltenrichter gewogen und – wen mag es erstaunen – als zu leicht befunden. Wer in seinem Leben trotz Verfehlungen den stellvertretenden Tod von Jesus für sich in Anspruch genommen hat, wird – dank Jesus – frei gesprochen. Wer sich aber als zu gut empfand, um auf das Angebot Jesu einzutreten, dem wird der göttliche Fürsprecher im Jüngsten Gericht fehlen. Hier nimmt die Gerechtigkeit ihren freien Lauf. Sie führt zum Tod des Ungerechten. Das jüngste Gericht steht für beides: absolute Gerechtigkeit und das Ende allen Leidens.

(Ich würde noch eine weitere, biblische Stimme anfügen, und zwar die von Josef. Er war ein Musterbeispiel, wie viel Unrecht man einem Menschen antun konnte: Seine Brüder verkauften ihn als Sklave; er wurde durch Potiphars Frau in Aegypten verleumdet und sass danach mehrere Jahre im Gefängnis. In diesen Tiefen hielt er trotzdem an Gott fest und dieser half ihm, liess seine Arbeit gelingen und beseitigte letztendlich sein ungerechtes Leiden und machte Josef zum zweitmächtigsten Mann Aegyptens. Gott verfolgte mit diesem Unrecht an Josef ein grösseres Ziel, nämlich die Rettung Jakobs und seiner Sippe, der Aegypter und weiterer Völker vor der grossen Hungersnot. In Genesis 50,20 sagte Josef nach dem Tod Jakobs in Aegypten zu seinen Brüdern: „Ja, ihr habt Böses gegen mich geplant, Elohim hat es zum Guten umgeplant, um zu tun wie an diesem Tag da, um lebendig zu erhalten ein grosses Volk.“)


Benedikt XVI.: Wo war Gott? Die Rede in Auschwitz. Mit Beiträgen von Elie Wiesel, Wladyslaw Bartoszewski und Johann Baptist Metz. Herder Freiburg im Breisgau 2006
„An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen – Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden“
„In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind; diese Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, dass er solches nie wieder geschehen lasse.“
Benedikt XVI. (auf dem Umschlag vorne und hinten)


Eine wahre Geschichte des Theologen und Krimiautoren Ulrich Knellwolf
«Eines Tages kommt die Gemeindeschwester zu mir und sagt, ich solle einen Mann besuchen, der an Krebs leidet. Ich gehe hin. Der Mann liegt im Bett, klagt über Schmerzen. Trotzdem reden wir gut miteinander. Er erzählt von Südamerika, wo er lange war und wo seine Frau her ist. Nach der Pensionierung wollten sie die Hälfte des Jahres drüben verbringen. Jetzt ist er pensioniert und liegt hier im Bett, statt in Rio in der Sonne zu sitzen. «Es ist zum Heulen», sagt er mit hörbarem Zorn. Bevor ich gehe, ziehe ich, junger Pfarrer, der ich damals bin, die kleine Bibel aus der Tasche und frage, ob ich ihm einen Psalm vorlesen dürfe. Er will nicht. «Sie haben gut schöne Sätze lesen», sagt er. «Ich aber bin auf den Tod krank. Zwischen Ihrer Welt und meiner steht eine Glaswand, und ich bin nicht in Ihrer Welt, und Sie können nicht in meine Welt.» Er hat Recht. Ich spüre die gläserne Wand. Er möchte dennoch, dass ich wiederkomme. Das nächste Mal ist es schon ein wenig dämmerig im Zimmer. Er hat eine Ansichtskarte bekommen, sie steht auf dem Nachttisch. «Ach, der gekreuzigte Jesus», sage ich. «Nein», sagt er, «das ist der segnende Christus über Rio.» Wieder verstehen wir uns gut; diesmal lasse ich die Bibel in der Tasche. Als ich gehen will, fragt er: «Wie war das mit dem gekreuzigten Jesus?» Worauf ich ihm in einem halben Dutzend Sätzen die Geschichte von Golgatha erzähle. Eine Woche später hängt die Ansichtskarte an der Wand dem Bett gegenüber. «Sie haben den segnenden Christus aufgehängt», bemerke ich. «Für mich ist er der Gekreuzigte», antwortet der Kranke. Und als ich etwas verwundert schaue, fügt er an: «Wissen Sie, jetzt habe ich endlich einen Kollegen in meiner Welt.»

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Montag, Oktober 26, 2009

Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert

Auf ein weiteres Buch von Neil Postman, das 2001 im Berliner Taschenbuch Verlag unter der ISBN 978-3-8333-0259-6 erschienen ist, möchte ich im Zusammenhang mit Erziehung etwas eingehen. (Die Amerikanische Originalausgabe hatte den Titel: Building a Bridge to the Eighteenth Century.)

Postman versucht mit diesem Werk eine Brücke ins 18. Jahrhundert zu schlagen, so jedenfalls lautet auch die Ueberschrift von Kapitel eins. Er versucht den Sinn und Wert der Aufklärung darzustellen, die er als ein Kind des Christentums bezeichnet, weil sie gegen dessen Erstarrung und Orthodoxie gerichtet war. Er tut dies vor allem aus amerikanischer Perspektive, die doch eine etwas andere ist als die europäische. Denn dort waren weder König, Papst noch daraus folgende starre Hierarchie, fixe Tradition und statische Gesellschaftsordnung dominant. Andere Herausforderungen und kürzere Traditionen bedeuteten unkompliziertere staatliche, flachere kirchliche und durchlässigere gesellschaftliche Strukturen. Landeroberung, Besiedlung, technischer Fortschritt, Industrialisierung und Bildung waren äusserst wichtig und erwünscht und brachten Zielorientiertheit, Dynamik, Leistungsbereitschaft und gesellschaftlichen Fortschritt. Postman versteht es ausgezeichnet, diese komplexen Zusammenhänge einfach darzustellen, kritsch zu bewerten und würdigen und Errungenschaften und Gefährdungen herauszuschälen. So heissen seine Kapitel: Fortschritt, Technologie, Sprache, Information, Erzählungen, Kinder, Demokratie und Erziehung. Auf einige dieser Themen möchte ich näher eingehen:

Zu Technologie stellt er beispielsweise folgende Grundsatzfragen, die vorgängig zu beantworten wären:
· Was ist das Problem, für das diese Technologie die Lösung bietet?
· Wessen Problem ist es?
· Welche Leute und Institutionen werden durch eine neue technologische Lösung am stärksten geschädigt?
· Welche neuen Probleme könnten daraus entstehen, dass wir dieses Problem gelöst haben?
· Welche Art Leute und Institutionen könnten in der Folge technologischen Wandels zu besonderer wirtschaftlicher und politischer Macht gelangen?
· Welche sprachlichen Veränderungen werden durch neue Technologien erzwungen und was wird durch derlei Veränderungen gewonnen und was verloren?


Bei Sprache geht es Postman aufzuzeigen, „weshalb die aufklärerische Sicht der Sprache der postmodernen vorzuziehen ist“. Er bezeichnet das Zeitalter der Aufklärung auch Zeitalter der Prosa. Er meint dies im Sinn eines Darlegungsstils, des Essays, der Meinungsprosa, um in einer verständlichen Sprache beispielsweise für die Wichtigkeit der Naturwissenschaften werben zu können. Dieser Stil verbreitete sich am stärksten im englischen Sprachraum. (Postmoderne Philosophen wie Derrida dagegen stellen den eindeutigen Sinn von Sprache und Text in Frage.)

Zu Kinder schreibt Postman unter anderem ab Seite 162:
„Wenn Eltern ihren Kindern die Kindheit bewahren wollen, müssen sie ihre Elternschaft als einen Akt der Rebellion gegen die zeitgenössische Kultur begreifen. Das gilt vor allem für Amerika. Allein schon, dass man als Eltern beisammen bleibt, ist ein Akt der Verweigerung und ein Verstoss gegen den Geist der Wegwerfkultur, der Kontinuität wenig gilt. Es ist schon fas unamerikanisch, dass man in der Nähe seiner Familie im weiteren Sinne bleibt, so dass die Kinder tagtäglich die Bedeutung von Verwandtschaft und den Wert der Ehrerbietung und Verantwortung gegenüber den Alten erfahren. Aehnliches gilt, wenn man von seinen Kindern verlangt, dass sie die Disziplin der aufgeschobenen Befriedigung oder Enthaltsamkeit in ihrer Sexualität oder Zurückhaltung in Benehmen, Sprache und Stil erlernen. Auch dann steht man in Opposition zu so ziemlich jedem gesellschaftlichen Trend. Der Gipfel der Widergesetzlichkeit ist freilich der Versuch, den Zugang der Medien zu unseren Kindern zu kontrollieren...
Diese Eltern, die sich dem Zeitgeist widersetzen, werden zu etwas beitragen, was man Kloster-Effekt nennen könnte, weil sie mithelfen werden, eine humane Tradition am Leben zu halten...
In Amerika ist die fundamentalistische Bewegung (die früher die Moralische Mehrheit genannt wurde) sich des Verfalls der Kindheit bewusster als jede andere gesellschaftliche Gruppe. Ihre Versuche, Wirtschaftsboykotts gegen die Sponsoren bestimmter Fernsehprogramme zu organisieren, der Sexualität wieder Anstand und Achtung zurückzugeben und Schulen zu gründen, die auf rigorosen Verhaltensregeln bestehen, sind Beispiele für ein aktives Programm, das sich die Erhaltung der Kindheit zum Ziel gesetzt hat...
Denjenigen von uns, die die Arroganz des Fundamentalismus ablehnen, ist es nicht verboten, sich einige von seinen Formeln auszuleihen...

Die moderne Schule war ein Geschöpf der Druckerpresse mit beweglichen Lettern, denn dorthin brachte man die Kinder, damit sie lesen und schreiben und somit auch lernen, was es heisst, erwachsen zu sein. Ist es denkbar, dass der Computer einen vergleichbaren Effekt haben könnte? Nach meiner Meinung nicht, wenn wir uns darauf beschränken, dass die Kinder nur lernen sollen, wie man Computer benutzt, insbesondere weil uns an ihrer künftigen „Karriere“ gelegen ist. Das lässt sich leicht machen und ist unnötig, da die meisten jungen Leute ohne Hilfe seitens der Schule lernen werden, wie man Computer bedient. Aber angenommen, wir wünschten uns, dass sie lernen (in der Schule; Seite 166 Mitte):
· Wie werden Computer programmiert?
· Was leisten unterschiedliche Computersprachen?
· Wie drängen uns Computer eine bestimmte Weltsicht auf?
· Wie verändern Computer, was wir unter einem Urteil verstehen?
· Wie formen Computer unseren Begriff von Information und Wissen?


Unter „Erziehung“ meint Postman vor allem Bildung und schlägt unter anderem auf Seite 202 vor:
„Ich meine die Möglichkeit, dass wir tatsächlich Kindern etwas von der Kunst und Wissenschaft des Fragestellens beibrächten. Niemand, nehme ich an, wird bestreiten, dass all unser Wissen aus dem Fragen reultiert, ja, dass das Fragen das bedeutsamste geistige Werkzeug, das dem Menschen zur Verfügung steht. Ist es aber dann nicht seltsam, dass das bedeutsamste geistige Werkzeug, das Menschen zur Verfügung steht, nicht in der Schule gelehrt wird?“

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