Sonntag, Januar 04, 2015

8: Intolerance and War (Intoleranz und Krieg)

Gemäss Hart gerät oft in den Hintergrund, weshalb die Kreuzzüge durchgeführt wurden; (der erste wurde 1095 durch Papst Urban II (1035-1099) ausgerufen.) Die Jerusalem-Pilger sollten vor den herrschenden Seldschuken, dem sunnitischen Turkvolk, geschützt werden, und dem bedrängten Byzanz unter Alexius I (1081-1118) sollte geholfen werden. Generell liefen die Religionskriege der Neuzeit in Europa darauf hinaus, Territorien und Macht zu festigen. Je absoluter die Staaten wurden, desto totaler wurden die Kriege. Der Höhepunkt wurde im 20. Jahrhundert erreicht. Gleichzeitig wurden auch von Christen unterschiedlicher Konfessionen die Fundamente für die Menschenrechte (mit)entwickelt. Es waren dies besonders der spanische Dominikaner Francisco de Vitoria (1483-1546) und der reformierte Theologe und niederländische Jurist Hugo Grotius (1583-1645). Kapitel 9: An Age of Darkness (Ein Zeitalter der Dunkelheit) Der „Empirismus“ sei nicht erst in der Aufklärung, sondern bereits im Spätmittelalter entwickelt worden (Seite 100). Hart macht darauf aufmerksam, dass wir nicht überheblich sein sollten und denken, dass unsere Zeit und Kultur aufgeklärter sei als eine andere oder frühere. Materialismus sei kein Faktum von Experimenten oder ein Fazit von Logik, sondern es sei ein metaphysisches (Vor)Urteil, nichts mehr und irrationaler als vieles anderes (Seite 103); denn Vernunft sei eine unbeständige Sache. Wenn es je ein dunkles Zeitalter gegeben habe, dann sei es unseres (Seite 106): Eine Welt des Unglaubens werde dominiert von leeren und selbstbeweihräucherten Narzissten, die in Banalität, Selbstzufriedenheit, Konformität, Zynismus und Selbstbewunderung versinken. Dies entspreche dem letzten Menschen, wie ihn Nietzsche beschrieben habe. In der Moderne sei die Freiheit auf die Macht über die Natur zu herrschen reduziert worden. Wenn der Mensch nicht mehr als ein Geschöpf Gottes angeschaut werde, dann werde es möglich, die menschliche Zukunft mit beliebigen Idealen zu füllen: französische Revolutionsideen, sozialistische Eugenik, Nationalsozialismus und Stalinismus. Kapitel 10: The Great Rebellion (Die grosse Rebellion) Hart beschreibt hier, wie die Taufe im frühen Christentum durchgeführt wurde. Es war eine Demonstration, die den Herrschaftswechsel deutlich zum Ausdruck brachte. Es sei ein Mythos, dass Heiden (Polytheisten) toleranter als Monotheisten gewesen wären. Beispielsweise hörten Gladiatoren- und Arenakämpfe erst mit dem aufkommenden und dann vorherrschenden Christentum auf.

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Montag, Februar 10, 2014

Umarmung (Seiten 124-217)

Miroslav Volf zieht eine Theologie der Umarmung der Theologie der Befreiung vor; denn die Kategorien der Unterdrückung und Befreiung seien gut zum Kämpfen, nicht aber zum Verhandeln und Feiern (Seiten 129-133). Denn Sieger verwechseln (oft) Vergeltung mit Gerechtigkeit. Sogar für den Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez habe Liebe und nicht Freiheit die letzte Gültigkeit. "Und wie können wir in Frieden leben, solange die endgültige Versöhnung noch ausstehe? Jesus verbinde Hoffnung für die Unterdrückten mit der Forderung eines radikalen Wandels, die er Busse nenne. Dagegen diene die Religion der sündigen Seele missbräuchlich dazu, von der Oekonomie des schmutzigen Deals und von der Politik der unbarmherzigen Macht abzulenken." (Seite 146) Das Problem der Rache sieht Volf darin, dass sie versklavt. Jesus hatte Lamechs Logik ganz auf den Kopf gestellt, und er forderte seine Nachfolger auf, sooft zu vergeben wie Lamech sich rächen wollte. Und wir Menschen können uns nichts ausdenken, was das ursprüngliche Verbrechen bereinigen könnte (Seiten 154-157). Die Passion Christi war die Qual einer gemarterten Seele und eines geschundenen Leibes, der als ein Gebet für die Folterer dahingegeben wurde. Nach Bonhoeffer ist Vergebung eine Form des Leidens (Seite 161). Das Kreuz verwandelte die Beziehung zwischen dem Opfer und dem Täter. Empfänger der Gnade Gottes können wir nur dann sein, wenn wir uns auch nicht dagegen sträuben, ihre Agenten zu werden. So öffnen wir unsere Arme selbst für die Feinde; machen ihnen in uns Raum, weil der gekreuzigte Gott uns in seine ausgebreiteten Arme geschlossen hat. Denn Handeln ist die einzige angemessene Reaktion auf Leiden und lässt die Erinnerungen in den Hintergrund rücken. Und das Kreuz Christi ist ein paradoxes Denkmal des Vergessens, denn am Ende wird das Lamm auf dem Thron Gottes sitzen (Seite 168-181). Volf schreibt vom Drama der Umarmung, das er in vier Schritten einteilt: 1. Oeffnen der Arme: Raum schaffen für andern, Einladung zum Eintreten 2. Warten: auf eine Antwort, eine Reaktion 3. In Arme schliessen: es braucht zwei Arme für eine Umarmung 4. Arme wieder öffnen: erneut Raum schaffen und Differenz zulassen Die Kennzeichen der Umarmung sieht er in: 1. Fluidität der Identitäten: es gibt überlappende soziale Territorien 2. Nichtsymmetrie der Beziehungen und Anerkennung des andern („Selbstbestimmung ist eine westliche, imperialistische Zumutung, denn eigentlich sind wir alle nur Sklaven“ Daniel Boyarin) 3. Unterdeterminiertheit des Ergebnisses, das immer auch ein Risiko ist („Umarmung ist Gnade und Gnade ist Roulettspiel, immer“ Lewis B. Smedes) Volf erinnert uns auch daran, dass es wesentliche Unterscheide zwischen Verträgen und Bund gibt. Wir sind uns heute vielmehr an Verträge gewohnt, die leistungsorientiert, beschränkt verpflichtend, gegenseitig („reziprok“, spiegelnd) und zugleich instabil sind. Dagegen ist ein Bund unveräusserlich, fortwährend und hat einen hervorgehobenen Status. Er gilt auch noch, wenn er gebrochen wird. Die Identität jedes Bundespartners wird durch die Beziehung zum andern geformt. „Am Kreuz erneuert Gott den Bund, indem er der Menschheit Raum schafft in Gottes Selbst. Die offenen Arme Christi am Kreuz sind ein Zeichen, dass Gott nicht Gott sein möchte ohne die Menschheit. Und dass er die Gewalt der Menschen erleidet, um sie zu umarmen“ (Seite 200). Gott erneuert den Bund mit den Menschen durch Selbsthingabe auf ewig. Er kann seinen Bundespartner nicht aufgegeben, weil seine Verpflichtung unwiderruflich und unauflöslich ist. Der neue Bund ist Gottes Umarmung der Menschheit! Diese Theologie der Umarmung wurde angeregt von der Geschichte vom verlorenen Sohn. Hier schenkt sich der Vater dem entfremdeten Sohn und nimmt ihn wieder in sein Haus auf. Ein antiker Haushalt lebte vom Beschützen und Vermehren, von seinen Beziehungen und seiner Gemeinschaftsidentität. Beziehung beruhte nie auf moralischer Leistung, deshalb konnte der Vater seinen schmutzigen Sohn annehmen und umarmen. Durch das Schuldeingeständnis des Sohnes wurde die Beziehung geheilt. Der Vater rekonstruierte die Identität seines Sohnes, ohne ihn darum zu fragen. Der jüngere Bruder wählte zuerst den äusseren Ausschluss, der ältere jedoch den inneren. Dadurch wurde der jüngere für den älteren zum „Nicht-Bruder“, der Vater zum „Nicht-Vater“, ähnlich wie Abel bei Kain! Aber realistisch gesehen waren beide Söhne schlecht und gut, beide wurden vom Vater geliebt. Er passte seine Identität seinen Söhnen an, um sie beide zu gewinnen. Er wollte weiter ihr Vater sein, damit sie einander auch Bruder sein können. Der Vater brach die Regeln, das kausale Prinzip von „Saat und Ernte“, von „wenn-dann“. Noch heute können starre Regeln und zu stabile Identitäten zum Wahn werden und Selbstgerechtigkeit, Uebertreibung, Repression und Dämonisierung bewirken. Denn Beziehungen und Familienverhältnisse kommen vor allen Regeln, Umarmung anstelle Exklusion (Seite 217).

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Donnerstag, August 17, 2006

Gottesforderung und Götzenforderung

Wilfried Daim schrieb auf Seite 138-143:
Das Absolute erfordert ein Verhältnis zu ihm, das selbst absolut ist. Die Unverbindlichkeit wird ihm nicht geduldet. Moses vor dem Dornbusch ist es nicht erlaubt, zu sagen: "Das interessiert mich nicht!"
Im Motto unseres Buches haben wir Kierkegaard zitiert: "... dass der einzelne in einem absoluten Verhältnis zum Absoluten steht..." Das Absolute erfordert einfach ein unbedingtes Verhältnis zu ihm. So gewinnt der Mensch aus seinem Absoluten heraus eine von diesem geforderte Orientierung seines Handelns und Wirkens. Er erfährt und vernimmt von seinem Absoluten eine ganze Struktur von Forderungen, von Geboten und Verboten, die sein Leben auf das absolute hin abstellt und hinordnet. Die absolute Verbindlichkeit dieser Forderungen gestattet kein Kompromiss. Alles, was von diesem Absoluten herkommt, hat diesen absoluten Charakter. Es gibt hier keine Diskussionsbasis, die irgendein Ausweichen ermöglichen würde. Diese Forderungen haben einen unbedingten Charakter, sie geben nicht die Möglichkeit eines Abweges. Dieser unerbittliche Ernst der Forderungen ist insoferne existentiell, als sie ja das Absolute des Menschen selbst betreffen.
Die eigentliche (wir gebrauchen das Wort weiterhin im anfangs gebrauchten Sinn) absolute Forderung an den einzelnen erlebt er im Gewissen. Theologisch formuliert, ist das Gewissen die Stimme Gottes in uns. Ist Gott, wie in unserem Parabelgleichnis das, worauf der Mensch wahrhaft gerichtet ist, dann erfährt er einerseits dessen direkte Forderungen – der zentrale Strahl – als auch seine indirekten im Umweg über die Dinge. Da nur der, so auf Gott hin gerichtete Mensch ein wirklich sachliches Verhältnis zu den Dingen hat, ihnen also ihrem Wesen gemäss begegnet, so werden ihn auch die Gewisssensforderungen zum sachgemässen Handeln und Behandeln der Dinge auffordern. …
Das Gewissen stellt also letztlich nicht mehr und nicht weniger dar als die absolute Forderung nach einer sachlichen Begegnung mit Gott und Welt. Nur dann, wenn seine Forderungen erfüllt werden, besteht eine Uebereinstimmung zwischen Welt und Erkenntnis, aber auch zwischen Welt und Selbstverwirklichung. Die Erkenntnisse sind dann wahr, die Handlungen wahrhaftig. …

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Mittwoch, August 16, 2006

Gott oder Götze

Wilfried Daim schrieb ab Seite 129:
Das Absolute ist für den Menschen unausweichlich. Es muss der Mensch ein Absolutes haben. Ohne ein Absolutes ist der Mensch existenzunfähig, wenn es ihm auch nicht bewusst ist. Doch ist noch unsere Frage nach einer objektiven Existenz eines Absoluten und dem subjektiven Verhältnis des Menschen dazu unbeantwortet.
Wir sind von der Existenz eines wirklichen und wahren Absoluten überzeugt. Und zwar schon aus psychologischen Gründen. Wäre dem nicht so, gäbe es also kein Absolutes, dann müssten wir die zentralste Fähigkeit des Menschen, seine Potenz, mit dem Absoluten zu kommunizieren, ihren objektiven Gegenstand nehmen und den Menschen schliesslich zur Verzweiflung verurteilen.
... Der Mensch wäre das einzige verfluchte Wesen, dessen zentralste Fähigkeit, die ihm in der Welt einen absoluten Halt verspricht, keinen wahren Gegenstand besitzt.
Wäre dem so, dann wäre aller Sinn eine Illusion. Wir haben nur die Wahl zwischen Sinnlosigkeit des Seelenlebens und psychologischem Gottesbeweis. Entweder das eine oder das andere. Wir entscheiden uns für das letztere und glauben an die Existenz eine objektiven Absoluten, das unabhängig von der Existenz des Menschen, an sich ist.
Das objektiv Absolute ist Gott. Des Menschen zentralste Potenz ist die Fähigkeit der Kommunikation mit ihm. Gott ist der Welt gegenüber transzendent, er ist nicht die Welt und nichts in der Welt. Wenn nun das subjektiv Absolute mit dem objektiv Absoluten zusammentrifft und sich deckt, dann ist das Absolutheitserleben situationsadäquat und der Mensch im wesentlichsten seines Seelenlebens, im Erleben des Absoluten und im Verhalten zu ihm, realitätsangepasst.
Subjektives Erkennen und Handeln erfolgt also dann der Realität gemäss.
Wird aber nicht das Absolute als absolut genommen, sondern als relativ, dafür aber etwas Relatives als Absolutes, dann entsteht ein zentraler Konflikt im Menschen. Jenes Relative, das verabsolutiert wurde, ist nun nicht Gott, sondern ein Götze. Der Götze entsteht also durch eine Vergötterung eines Relativen und geht mit einer Entthronung Gottes einher, der demgegenüber entgottet, also relativiert wurde.
Mit der Relativierung Gottes und der Verabsolutierung eines Götzen entsteht aber ein Zusammenstoss mit der Realität, der verhängnisvolle Folgen haben muss. Die faktische Orientierung der Welt auf Gott hin, wie sie objektiv besteht, weicht einer falschen Orientierung auf einen Götzen hin. Die ontologisch (Ontologie = Lehre des Seins) wahre Orientierung des menschlichen Seelenlebens wird einer falschen Orientierung geopfert.
Das wirkliche Sein der Dinge wird nur dann richtig gesehen, wenn sie in ihrer Ordnung auf das Absolute hin richtig eingeschätzt werden und die Dinge auch dahin richtig orientiert bleiben. Die Gegenstände der Realität werden so in ihrem richtigen Bezugssystem erkannt. Nicht nur die Dinge der Aussenwelt, sondern auch die der Innenwelt können dann in der richtigen Weise beurteilt werden.
Wird aber aus der Realität ein Sektor der Welt ausgeschnitten und zum Götzen erhoben, also verabsolutiert, dann tritt eine Verzerrung und Verrückung des Standpunktes sowohl der Dinge als auch der Person selber ein. Mensch und Welt sind zueinander verrückt, die gegebenen Ordnungen sind zerbrochen.
Der Götze selber wird dabei ungeheuer überschätzt, Gott aber im gleichen Masse unterschätzt. Verrückte Erkenntnisse aber führen auch zu einem verrückten Handeln. Das Handeln ist nicht wesensgemäss, nicht situationsadäquat und zielt an den Gegenständen vorbei. Dadurch entsteht ein Zusammenstoss mit der Wirklichkeit, der den wahren Grund der Neurose und vielleicht auch der Psychose darstellt.
Wir wollen unsere Thesen an einem mathematischen Gleichnis weiter ausführen.
... Die nächste Abbildung zeigt uns die Parabel als Gleichnis für die wirkliche und wahre, für die normale Struktur von der Person zur Welt. Die Person steht im Brennpunkt der Parabel. Die Gegenstände stehen an ihrem wahren Ort. Sie empfangen Strahlen aus dem Unendlichen, das wegen seiner Unendlichkeit als Symbol für Gott geeignet ist. Die Gegenstände empfangen also ihr Licht, das heisst sie werden in der richtigen Weise durchsichtig und klar von Gott her,und strahlen es weiter auf die Person hin, wo sich das Licht sammelt. Sie vermitteln so kraft ihres Standpunktes für die Person das Licht von Gott her. Sie sind Mittler, oder tiefenpsychologischer gesprochen, sie sind Symbole Gottes, die ihn repräsentieren.
Die Dinge sind für den normalen Menschen, dessen Welt unverrückt ist, Symbole Gottes. Alles, was ist, ist auf den absoluten Gott hin strukturiert und steht erst dann, wenn es so gesehen wird, in der richtigen Ordnung.
Das Parabelgleichnis führt uns jedoch noch weiter. Der zentrale, aus dem Unendlichen kommende Strahl, der Achsstrahl der Parabel, trifft ungebrochen von einem Ding direkt auf die Person. Es ist dies ein Symbol für die mögliche direkte Beziehung eines Menschen zu Gott.
Die Unendlichkeit der Parabelbögen selber aber vermag die Tatsache zu symbolisieren, dass alle Gegenstände der Welt auf dieser Linie ihre Position besitzen können. Sie stehen im "richtigen Lichte" da, besitzen sämtlich eine Beziehung zu Gott und zur wahrnehmenden Person.
Schliesslich vermag die Parabel auch noch zu zeigen, dass die Person im Brennpunkt von allen Seiten her göttliches Licht empfangen kann und dass kein Gegenstand hierfür zu gering ist.
Auf diese Weise symbolisiert also der Brennpunkt die Person, die Parabel die Welt und ihre Gegenstände, und die aus dem Unendlichen her kommenden parallelen Strahlen symbolisieren die Beziehungen zu Gott. Der zentrale Strahl aber symbolisiert die direkte Beziehung der Person zu Gott.
Das Gleichnis hat aber seine Gleichniskraft noch nicht erschöpft. Der Brennpunkt empfängt nicht nur, sondern er vermag auch auszusenden. Wenn die Person in der richtigen Weise wirkt und die Gegenstände seinsgemäss behandelt, dann hat dies seine Auswirkungen in die Unendlichkeit.
Oder anders: Wenn die Person im Brennpunkt den Gegenstand in der richtigen Weise sieht und an dem Ort erkennt, an dem er wirklich steht, dann wird sie ihn auch so behandeln, wie es ihm zusteht.
Das heisst, um im Gleichnis zu bleiben, sie sendet seine Strahlen so aus, dass sie in die Unendlichkeit reflektiert werden, sie wird aber auch eine direkte Beziehung zu Gott haben, indem sie den zentralen Strahl auch ebenso zentral beantwortet.
Schliesslich ermöglicht das Parabelschema, auch noch gleichnishaft die unendliche Entwickelbarkeit menschlicher Existenz aufzuzeigen. Die Parabel ist ein offenes System, kein geschlossenes. In einem stetigen Entwicklungsprozess vermag so der Mensch seinen Welthorizont zu erweitern und fortzuschreiten.
Die Offenheit zum Absoluten konstituiert die Offenheit zur Welt. Es macht auch diese Offenheit zum Absoluten und zur Welt das Kriterium der menschlichen Existenz gegenüber der tierischen aus. Dies also wäre die normale Beziehung. Um die abnorme Beziehung darzutun, wählen wir als Gleichnis die Ellipse.
Wir sprachen davon, dass in der "verrückten Welt" ein Gegenstand verabsolutiert wird, das heisst, dass er die Rolle übernimmt, die eigentlich Gott zukäme. Im Falle unseres Beispiels wurde der Gegenstand zum Götzen erhoben. Es wird als der Strahl, der von Gott direkt kommt, nicht als solcher anerkannt, sondern der vom Gegenstand her kommende als der eigentlich göttliche erklärt.
Zunächst zeigt uns das Gleichnis, dass der Götzendiener nicht völlig unrecht hat. Denn tatsächlich kommt ja vom Gegenstand her ein göttlicher Strahl. Auch der verabsolutierte Gegenstand wird vom Strahl Gottes durchleuchtet. Auch er ist Symbol und Wegweiser für das gesendete Licht. Was ist aber nun eigentlich falsch?
Die Person P nimmt den Gegenstand als Götzen, das heisst, dass sie den von ihm herkommenden Strahl als den direkten göttlichen betrachtet und den Gegenstand selber zu Gott macht. Das Götzenhafte liegt in der Verwechslung von Symbol und Symbolisiertem. Das, was die Person davon profitiert, ist, dass sie Gott greifbar hat wie einen Gegenstand, doch entsteht dadurch ein falsches Bild der Realität, was die Verrückung ausmacht.
Lag nun bei der Parabel der zweite Brennpunkt im Unendlichen, daher die Parallelität der Strahlen, so hier im Endlichen. Damit wurde der auf Unendlichkeit hin veranlagte Mensch seiner zentralen Fähigkeit verlustig, das heisst sie wurde nicht anerkannt, wurde verdrängt.
Um eine Umordnung der wahren Verhältnisse zu ermöglichen, müssen aber auch alle anderen Gegenstände umgestellt und aus ihrer wahren Ordnung herausgenommen werden. Sie werden dem Götzen gemäss verrückt. Auch sie werden nicht vollständig falsch gesehen. Die von ihnen herkommenden und von der Person hingesendeten Strahlen erfahren ein verschiedenes Schicksal, nur das nicht, welches ihnen kraft ihrer Wesenheit zukäme. Alle ihre möglichen Schicksale vermögen uns als Gleichnisse zu dienen.
Die Gegenstände werden, um ins Götzensystem zu passen, viel näher lokalisiert, als sie wirklich stehen. Die Gegenstände G liegen nun auf der Ellipse - allerdings nur in der Phantasie der Person P – und erhalten auch so scheinbar vom Götzen ihr Licht. ... Gott, der im parabolischen System seinen Platz im Unendlichen hat, wird im Götzensystem der Ellipse zu einem Ding unter anderen umgelogen.
Die Vergötzung lässt also die Welt zur Gänze verzerrt erscheinen, und zwar geschieht die Verrückung in der verschiedensten Weise.
Diese verzerrte Erscheinung der Welt bringt es mit sich, dass auch das Handeln der Person P, das ja so erfolgt, als ob die Welt eine Ellipse wäre und nicht eine Parabel, ganz andere Folgen hat, als sich die Person P träumen liess. ...
Die schlimmste Enttäuschung aber wird ihr der Götze bereiten. Sie erwartet von ihm alles, doch der Gegenstand ist nicht alles und gibt ihr zu wenig. Er selbst kann dafür gar nichts. So hasst sie ihn zuletzt deshalb, weil es ihr zu wenig ist, was ihr geboten wird. Jeder Götze hat noch seinen Diener enttäuscht. Dies hat einen tiefen Grund. Der aus dem Unendlichen und daher symbolisch direkt von Gott herkommende Strahl wird normalerweise mit einem in die gleiche Richtung laufenden Strahl beantwortet. Hier läuft also die göttliche Kundgabe und die menschliche Antwort nicht über einen symbolisierenden Gegenstand, sondern erfolgt direkt.
Dieser Antwortstrahl soll also direkt im Götzen einen Halt finden, wo er doch für die Unendlichkeit bestimmt ist. Dies hält auf die Dauer kein Götze aus. Dies ist die grösste Enttäuschung jedes Götzendieners. Den Mantel der Unendlichkeit und der Absolutheit kann kein Relatives tragen. Wer einem Gegenstand diesen Mantel umhängt, wird enttäuscht. Doch zuerst hat er sich selber getäuscht. Er hat das Relative mit dem Absoluten vertauscht und wurde dann, als dieses Relative sich diesen Tausch nicht gefallen liess, enttäuscht.
Welchen Gegenstand nun eine Person verabsolutiert, hängt von verschiedenen anderen Umständen ab, wesentlich ist jedoch, dass sie verabsolutiert. In der Enttäuschung durch die Wirklichkeit, in der Rache der Realität für ihre Vergötzung, die sie selber erfährt, kündet sich die "Eifersucht" Gottes. Auf die Dauer stürzen alle Götzen von selber. ...
Eines ist aber noch sehr bedeutsam. Die Vergötzung eines Weltgegenstandes geschieht vom Ich her. Es wird ein Privatgott konstituiert, der schliesslich von Gnaden der verabsoltierenden Person existiert. Dies bringt mit sich, dass dieser verabsolutierende Akt schliesslich ein hybrischer Akt ist, er kommt von der Person als ein Akt, der zugleich mit der Verabsolutierung des Götzengegenstandes auch eine ungeheure Selbstüberhebung enthält. Die verabsolutierende Person wird so zum Gottesproduzenten. Gott wird so zu einem Geschöpf der Menschen, und so setzt sich der Mensch dabei selber absolut. Es ist also schliesslich das "sicut Deus", was den Kern dieser Verabsolutierung ausmacht.
So bedeutet die Vergötzung schliesslich auch noch eine Verzerrung des eigenen Bildes. Die falsche einschätzung der eigenen Person ist mit eine Folge beziehungsweise eine notwendige Voraussetzung der Vergötzung. Die Person übernimmt sich hier in einem unendlichen Mass. Die Nichtanerkennung der Realität Gottes zugunsten eines selbstgesetzten Götzen beinhaltet immer das "sicut Deus". ... Zusammenfassend können wir sagen: Durch eine Vergötzung entsteht nicht nur ein Konflikt mit Gott (er ist das Primäre!), sondern auch mit der gesamten Realität, die dadurch verrückt wird. Das deutsche Wort ver-rückt meint das vollkommen Richtige und trifft den Sachverhalt mit ausserordentlicher Präzision.

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Sonntag, August 13, 2006

Wilfried Daim: Umwertung der Psychoanalyse

Wilfried Daim wurde 1923 in Wien geboren und ist Psychologe, Psychotherapeut und Schriftsteller. Er war 1940-45 in der katholischen Widerstandsbewegung gegen die Nazis aktiv.
1956 gründete er ein privates Institut für politische Psychologie. Leider habe ich noch niemanden gefunden, der Wilfried Daim persönlich gekannt hat oder kennt, aber er hat folgende Werke verfasst:
· Umwertung der Psychoanalyse 1951
· Tiefenpsychologie und Erlösung 1954
· Der Mann der Hitler die Ideen gab. Jörg Lanz von Liebenfels. 1958
· Totaler Untergang? 1959
· Die kastenlose Gesellschaft 1960
· Zur Strategie des Friedens. 1962
· Kirche und Zukunft 1963
· Linkskatholizismus. 1965
· Progressiver Katholizismus 1 & 2, 1967
· Christentum und Revolution. 1967
· Der Vatikan und der Osten 1967
· Analyse einer Illusion 1969
· Die Chinesen in Europa 1973
· Meine Kunstabenteuer 1997
· Franz Probst. Seine bittere Kunst
· Otto Rudolf Schatz. Gross im Kleiner, Miniaturen; Grafik; Kriegsbriefe

Nachfolgend einige Ausschnitte aus seinem Erstlingswerk "Umwertung der Psychoanalyse", die ich so zentral und treffend finde und daher mehr Menschen zugänglich machen möchte:
"Und Gott versuchte Abraham und sprach zu ihm: "Nimm Isaak, deinen eigenen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir zeigen will..."
Entweder es gibt ein solches Paradox, dass der einzelne in einem absoluten Verhältnis zum Absoluten steht – oder Abraham ist verloren. Sören Kierkegaard "Furcht und Zittern"

A. Die Struktur der menschlichen Beziehung zum Absoluten und ihre Perversion
6. Die menschliche Beziehung zum Absoluten (Seite 125 und fortfolgende)
Als Moses vor dem brennenden Dornbusch steht und von Gott angerufen wird, fragt er, wer denn zu ihm rede. Es wird ihm eine Antwort, die ihn in eine existentielle Schwebe versetzt: "Ich bin, der ich bin."
Rational gesehen, ist diese Antwort eine Tautologie (=Wiederholung in andern Worten), doch enthält diese Tautologie die zentralste und wesentlichste Forderung an den Menschen schlechthin. Negativ gesehen, bedeutet sie eine Ablehnung aller Einordnung und Gleichordnung in und mit den Gegenständen der Welt. Es bedeutet die Antwort also negativ zunächst: Ich bin mit nichts zu vergleichen, ich stehe über allem, ich bin nichts Relatives. Positiv heisst dies: ich bin absolut. Das "Ich bin, der ich bin", enthält also die unbedingte Forderung nicht nur auf Erkenntnis dessen, der die Forderung erhebt, sondern zugleich auch auf ein absolutes Anerkennen, auf absoluten Glauben, absolutes Vertrauen, auf gänzliche, totale, kompromisslose Uebergabe.
Dieser Anspruch wird nicht abgeleitet. Er besitzt aus sich heraus Recht auf Anerkennung. Er fordert vom Angesprochenen ein absolutes Verhalten.
Dieses absolute Verhalten ist die Forderung nach Hingabe seiner selbst an das Absolute. Dieses sich absolut zum Absoluten Verhaltenkönnen, ist das Wesentlichste am Menschen, es ist das, was ihn eigentlich vom Tier abhebt.
Das erste Gebot wird im Dekalog ganz besonders betont: "Ich bin der Herr, dein Gott... Du sollst keine fremden Götter neben mir haben... Du sollst sie nicht anbeten, noch ihnen dienen; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott..." Auch hier die alleinige, absolute Anerkennung, die da gefordert wird. Der Dekalog beginnt mit einer gewaltigen Feststellung. Es wird dann verboten, etwas ausser Gott zum Gott zu machen.
Zwischen dem Absoluten und dem Relativen besteht ein unüberbrückbarer Wesensunterschied. Gott ist aus sich, unableitbar aus anderem. Demgegenüber steht das Abgeleitete, nicht aus sich selbst Seiende, das Relative, das Bezogene. Etwas, das nur absolut nebengeordnet werden kann, darf es nicht geben. ...
Das Absolute als Ziel, Erlebnis, Ursprung, das Absolute in allen seinen Wirkungen unterscheidet sich wesentlich vom Relativen. Ein qualitativer, durch keinerlei Quantität überbrückbarer Sprung führt vom Relativen zum Absoluten, eine qualitativer Sprung, der durch nicht vergleichbar ist. Dies ist im Erlebnis ebenso wie im Denken und Handeln. Jedes Erlebnis hat ein Analoges in der Beziehung zum Absoluten, trotzdem aber ist das Analoge unendlich verschieden. So wird das Schreckhafte zum Entsetzlichen, das Gewaltige zum Allmächtigen usw.
Im Bereich des Absoluten gibt es kein Paktieren, kein Relativieren, kein Nachgeben und auch kein Herumdeuten. Das Absolute ist unantastbar.
Es ist nun unsere These, dass jeder Mensch eine Sphäre besitzt, in der es zunächst für ihn absolut zugeht. Jeder hat solch eine Absolutsphäre (Scheler). Die Inhalte dieser Absolutsphäre unterscheiden sich für den Menschen qualitativ vollständig von allen übrigen Erlebnisinhalten. Hat ein Mensch Gegenstände innerhalb seiner Absolutsphäre, dann unterscheiden sich diese Gegenstände völlig von den relativen. Sie haben für ihn eine ganz andersartige Bedeutung als für einen anderen Menschen, für den diesselben Gegenstände nicht im Bereich seiner Absolutsphäre liegen.
Die Kenntnis dieser Absolutsphäre müssen wir als ausserordentlich wesentlich betrachten, ja als das Wesentliche eines Menschen schlechthin: "Was für einen Gott einer hat, das macht den Menschen aus", sagt Jaspers richtig, und er meint damit, dass ein Mensch von seinem Absoluten her verständlich wird.
Das, was für einen Menschen absolut ist, zieht alles andere an sich. Das Relative, Bezogene gewinnt seine Bedeutung vom Absoluten her; wie ein Strahlenbündel zielt alles auf das Absolute hin und erhält in seinem System seinen Bezug. Alles ist Mittel, Weg, Zeichen, Symbol des Absoluten. Alles Relative ist hingeordnet auf das Absolute als sein Zentrum, um das sich "alles dreht". Für einen Menschen ist nichts wirklich notwendig und unabdingbar. Mit seinem Absoluten steht und fällt der Mensch, es ist ihm das allein wirklich und endgültig Interessante und Wichtige.
Das Absolute ist da, womit der Mensch sich absolut identifiziert. Es ist das, was seinen eigentlichen "Lebensinhalt" ausmacht, worauf er "alle Hoffnung" setzt, womit er "steht und fällt". Ohne sein Absolutes ist er nichts, er selbst erhält von diesem Absoluten her seinen Wert.
Diese Absolute ist seine grösste, einzige Kostbarkeit, sein "Schatz", worauf er "sein Herz setzte", wie eine wörtliche Uebersetzung von credere cor-dare lauten würde. ...

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Sonntag, Juli 02, 2006

Gottesnamen im Alten Testament

"Jahwe, unser Herr! Wie wunderbar ist dein Name auf der ganzen Erde!" Ps 8,2 & 10.

"Suchen sollen sie deinen Namen, Jahwe. Und erkennen sollen sie dich, dessen Name Jahwe:

Ueber alle Welt bist du allein der Höchste." Ps 83,17b & 19.

Manchmal bin ich ganz hin: Gottes Offenbarungen, wie sie in der Bibel, insbesondere im Alten Testament, aufgezeichnet sind, sind erstaunlich vielfältig. Dabei sind auch zahlreiche Gottesnamen enthalten. Diese Bezeichnungen wurden oft nur reduziert und undifferenziert mit "Gott" und "Herr" übersetzt. Dadurch ging viel vom Reichtum der Offenbarung und der hebräischen Sprache verloren. Jeder Gottesname hat nämlich seine spezifische Bedeutung, die meistens eine Eigenschaft Gottes ausdrückt, mit denen er sich damals den Menschen offenbart hatte. Zudem lebt die hebräische Ausdrucksweise stark von Bildern und Parallelismen. Das sind Wiederholungen, die gleiche Sachverhalte und Aussagen durch andere Worte machen und dadurch nochmals bestärken. In den Psalmen findet man zahlreiche dieser Parallelismen.

Im ersten Schöpfungsbericht des Genesisbuches wird „Gott“ oft mit „Elohim“ bezeichnet. Später bei Abram offenbarte Er sich als „El Schaddai“, der Allgenügsame oder Gewaltige, der mit ihm einen Bund eingegangen war. Der einzigartigste Name ist mit Sicherheit „JHWH“, der mit Jahwe oder seltener und fälschlicherweise mit Jehova vokalisiert wurde. (Die Juden hatten damals in ihrer Schrift keine Vokale, erst die Masoreten „vokalisierten“ sie.) Die zentralste Bedeutung wird allgemein mit "sein" oder „ich bin (da)“ wiedergegeben. Sie weist darauf hin, dass Gott einfach ist, gegenwärtig, unerklärlich, unergründlich und auf gar nichts zurückzuführen ist. Dieser Name wurde erstmals Mose beim brennenden Dornbusch in der Wüste offenbart (2 Mo 3, 14). Aus Scheu und Ehrfurcht vor Gott, seiner Grösse und Heiligkeit wurde JHWH von den Juden nicht ausgesprochen, stattdessen wurde "Adonai" gelesen. In 2 Mo 20,7, im dritten der Zehn Gebote, verbietet Gott den Missbrauch seines Namens. Was konkret damit gemeint ist, wird dann in 3 Mo 19,12 ausgesagt: „Ihr sollt nicht bei meinem Namen falsch schwören, so dass du den Namen Gottes entweihst.“

Die Häufigkeit der Gottesnamen und des Gebrauchs sagt deshalb noch nichts über die Intensität einer Gottesbeziehung aus. Nicht jeder, der viel von Gott redet, steht ihm auch wirklich nahe. So kommt z. B. im Buch Esther kein Name für Gott vor, obschon der Inhalt viel über das Vertrauen und die Abhängigkeit gegenüber Gott aussagt. Gott ist letztlich so anders, heilig und unverfügbar, dass er nicht mit unserem Verstand zu fassen und mit menschlichen Worten zu beschreiben ist. Er ist und bleibt für uns der Unsichtbare, Verborgene und Unaussprechliche. Darum ist auch Jesus Christus, Gottes Sohn, gekommen als Mensch, um den unsichtbaren Gott zu offenbaren ihm ein Bild und Gesicht zu geben (Joh 17,6). Paulus nimmt dieses Ereignis in seinen Briefen auf, insbesondere im 2. Korintherbrief.

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