Mittwoch, August 16, 2006

Gott oder Götze

Wilfried Daim schrieb ab Seite 129:
Das Absolute ist für den Menschen unausweichlich. Es muss der Mensch ein Absolutes haben. Ohne ein Absolutes ist der Mensch existenzunfähig, wenn es ihm auch nicht bewusst ist. Doch ist noch unsere Frage nach einer objektiven Existenz eines Absoluten und dem subjektiven Verhältnis des Menschen dazu unbeantwortet.
Wir sind von der Existenz eines wirklichen und wahren Absoluten überzeugt. Und zwar schon aus psychologischen Gründen. Wäre dem nicht so, gäbe es also kein Absolutes, dann müssten wir die zentralste Fähigkeit des Menschen, seine Potenz, mit dem Absoluten zu kommunizieren, ihren objektiven Gegenstand nehmen und den Menschen schliesslich zur Verzweiflung verurteilen.
... Der Mensch wäre das einzige verfluchte Wesen, dessen zentralste Fähigkeit, die ihm in der Welt einen absoluten Halt verspricht, keinen wahren Gegenstand besitzt.
Wäre dem so, dann wäre aller Sinn eine Illusion. Wir haben nur die Wahl zwischen Sinnlosigkeit des Seelenlebens und psychologischem Gottesbeweis. Entweder das eine oder das andere. Wir entscheiden uns für das letztere und glauben an die Existenz eine objektiven Absoluten, das unabhängig von der Existenz des Menschen, an sich ist.
Das objektiv Absolute ist Gott. Des Menschen zentralste Potenz ist die Fähigkeit der Kommunikation mit ihm. Gott ist der Welt gegenüber transzendent, er ist nicht die Welt und nichts in der Welt. Wenn nun das subjektiv Absolute mit dem objektiv Absoluten zusammentrifft und sich deckt, dann ist das Absolutheitserleben situationsadäquat und der Mensch im wesentlichsten seines Seelenlebens, im Erleben des Absoluten und im Verhalten zu ihm, realitätsangepasst.
Subjektives Erkennen und Handeln erfolgt also dann der Realität gemäss.
Wird aber nicht das Absolute als absolut genommen, sondern als relativ, dafür aber etwas Relatives als Absolutes, dann entsteht ein zentraler Konflikt im Menschen. Jenes Relative, das verabsolutiert wurde, ist nun nicht Gott, sondern ein Götze. Der Götze entsteht also durch eine Vergötterung eines Relativen und geht mit einer Entthronung Gottes einher, der demgegenüber entgottet, also relativiert wurde.
Mit der Relativierung Gottes und der Verabsolutierung eines Götzen entsteht aber ein Zusammenstoss mit der Realität, der verhängnisvolle Folgen haben muss. Die faktische Orientierung der Welt auf Gott hin, wie sie objektiv besteht, weicht einer falschen Orientierung auf einen Götzen hin. Die ontologisch (Ontologie = Lehre des Seins) wahre Orientierung des menschlichen Seelenlebens wird einer falschen Orientierung geopfert.
Das wirkliche Sein der Dinge wird nur dann richtig gesehen, wenn sie in ihrer Ordnung auf das Absolute hin richtig eingeschätzt werden und die Dinge auch dahin richtig orientiert bleiben. Die Gegenstände der Realität werden so in ihrem richtigen Bezugssystem erkannt. Nicht nur die Dinge der Aussenwelt, sondern auch die der Innenwelt können dann in der richtigen Weise beurteilt werden.
Wird aber aus der Realität ein Sektor der Welt ausgeschnitten und zum Götzen erhoben, also verabsolutiert, dann tritt eine Verzerrung und Verrückung des Standpunktes sowohl der Dinge als auch der Person selber ein. Mensch und Welt sind zueinander verrückt, die gegebenen Ordnungen sind zerbrochen.
Der Götze selber wird dabei ungeheuer überschätzt, Gott aber im gleichen Masse unterschätzt. Verrückte Erkenntnisse aber führen auch zu einem verrückten Handeln. Das Handeln ist nicht wesensgemäss, nicht situationsadäquat und zielt an den Gegenständen vorbei. Dadurch entsteht ein Zusammenstoss mit der Wirklichkeit, der den wahren Grund der Neurose und vielleicht auch der Psychose darstellt.
Wir wollen unsere Thesen an einem mathematischen Gleichnis weiter ausführen.
... Die nächste Abbildung zeigt uns die Parabel als Gleichnis für die wirkliche und wahre, für die normale Struktur von der Person zur Welt. Die Person steht im Brennpunkt der Parabel. Die Gegenstände stehen an ihrem wahren Ort. Sie empfangen Strahlen aus dem Unendlichen, das wegen seiner Unendlichkeit als Symbol für Gott geeignet ist. Die Gegenstände empfangen also ihr Licht, das heisst sie werden in der richtigen Weise durchsichtig und klar von Gott her,und strahlen es weiter auf die Person hin, wo sich das Licht sammelt. Sie vermitteln so kraft ihres Standpunktes für die Person das Licht von Gott her. Sie sind Mittler, oder tiefenpsychologischer gesprochen, sie sind Symbole Gottes, die ihn repräsentieren.
Die Dinge sind für den normalen Menschen, dessen Welt unverrückt ist, Symbole Gottes. Alles, was ist, ist auf den absoluten Gott hin strukturiert und steht erst dann, wenn es so gesehen wird, in der richtigen Ordnung.
Das Parabelgleichnis führt uns jedoch noch weiter. Der zentrale, aus dem Unendlichen kommende Strahl, der Achsstrahl der Parabel, trifft ungebrochen von einem Ding direkt auf die Person. Es ist dies ein Symbol für die mögliche direkte Beziehung eines Menschen zu Gott.
Die Unendlichkeit der Parabelbögen selber aber vermag die Tatsache zu symbolisieren, dass alle Gegenstände der Welt auf dieser Linie ihre Position besitzen können. Sie stehen im "richtigen Lichte" da, besitzen sämtlich eine Beziehung zu Gott und zur wahrnehmenden Person.
Schliesslich vermag die Parabel auch noch zu zeigen, dass die Person im Brennpunkt von allen Seiten her göttliches Licht empfangen kann und dass kein Gegenstand hierfür zu gering ist.
Auf diese Weise symbolisiert also der Brennpunkt die Person, die Parabel die Welt und ihre Gegenstände, und die aus dem Unendlichen her kommenden parallelen Strahlen symbolisieren die Beziehungen zu Gott. Der zentrale Strahl aber symbolisiert die direkte Beziehung der Person zu Gott.
Das Gleichnis hat aber seine Gleichniskraft noch nicht erschöpft. Der Brennpunkt empfängt nicht nur, sondern er vermag auch auszusenden. Wenn die Person in der richtigen Weise wirkt und die Gegenstände seinsgemäss behandelt, dann hat dies seine Auswirkungen in die Unendlichkeit.
Oder anders: Wenn die Person im Brennpunkt den Gegenstand in der richtigen Weise sieht und an dem Ort erkennt, an dem er wirklich steht, dann wird sie ihn auch so behandeln, wie es ihm zusteht.
Das heisst, um im Gleichnis zu bleiben, sie sendet seine Strahlen so aus, dass sie in die Unendlichkeit reflektiert werden, sie wird aber auch eine direkte Beziehung zu Gott haben, indem sie den zentralen Strahl auch ebenso zentral beantwortet.
Schliesslich ermöglicht das Parabelschema, auch noch gleichnishaft die unendliche Entwickelbarkeit menschlicher Existenz aufzuzeigen. Die Parabel ist ein offenes System, kein geschlossenes. In einem stetigen Entwicklungsprozess vermag so der Mensch seinen Welthorizont zu erweitern und fortzuschreiten.
Die Offenheit zum Absoluten konstituiert die Offenheit zur Welt. Es macht auch diese Offenheit zum Absoluten und zur Welt das Kriterium der menschlichen Existenz gegenüber der tierischen aus. Dies also wäre die normale Beziehung. Um die abnorme Beziehung darzutun, wählen wir als Gleichnis die Ellipse.
Wir sprachen davon, dass in der "verrückten Welt" ein Gegenstand verabsolutiert wird, das heisst, dass er die Rolle übernimmt, die eigentlich Gott zukäme. Im Falle unseres Beispiels wurde der Gegenstand zum Götzen erhoben. Es wird als der Strahl, der von Gott direkt kommt, nicht als solcher anerkannt, sondern der vom Gegenstand her kommende als der eigentlich göttliche erklärt.
Zunächst zeigt uns das Gleichnis, dass der Götzendiener nicht völlig unrecht hat. Denn tatsächlich kommt ja vom Gegenstand her ein göttlicher Strahl. Auch der verabsolutierte Gegenstand wird vom Strahl Gottes durchleuchtet. Auch er ist Symbol und Wegweiser für das gesendete Licht. Was ist aber nun eigentlich falsch?
Die Person P nimmt den Gegenstand als Götzen, das heisst, dass sie den von ihm herkommenden Strahl als den direkten göttlichen betrachtet und den Gegenstand selber zu Gott macht. Das Götzenhafte liegt in der Verwechslung von Symbol und Symbolisiertem. Das, was die Person davon profitiert, ist, dass sie Gott greifbar hat wie einen Gegenstand, doch entsteht dadurch ein falsches Bild der Realität, was die Verrückung ausmacht.
Lag nun bei der Parabel der zweite Brennpunkt im Unendlichen, daher die Parallelität der Strahlen, so hier im Endlichen. Damit wurde der auf Unendlichkeit hin veranlagte Mensch seiner zentralen Fähigkeit verlustig, das heisst sie wurde nicht anerkannt, wurde verdrängt.
Um eine Umordnung der wahren Verhältnisse zu ermöglichen, müssen aber auch alle anderen Gegenstände umgestellt und aus ihrer wahren Ordnung herausgenommen werden. Sie werden dem Götzen gemäss verrückt. Auch sie werden nicht vollständig falsch gesehen. Die von ihnen herkommenden und von der Person hingesendeten Strahlen erfahren ein verschiedenes Schicksal, nur das nicht, welches ihnen kraft ihrer Wesenheit zukäme. Alle ihre möglichen Schicksale vermögen uns als Gleichnisse zu dienen.
Die Gegenstände werden, um ins Götzensystem zu passen, viel näher lokalisiert, als sie wirklich stehen. Die Gegenstände G liegen nun auf der Ellipse - allerdings nur in der Phantasie der Person P – und erhalten auch so scheinbar vom Götzen ihr Licht. ... Gott, der im parabolischen System seinen Platz im Unendlichen hat, wird im Götzensystem der Ellipse zu einem Ding unter anderen umgelogen.
Die Vergötzung lässt also die Welt zur Gänze verzerrt erscheinen, und zwar geschieht die Verrückung in der verschiedensten Weise.
Diese verzerrte Erscheinung der Welt bringt es mit sich, dass auch das Handeln der Person P, das ja so erfolgt, als ob die Welt eine Ellipse wäre und nicht eine Parabel, ganz andere Folgen hat, als sich die Person P träumen liess. ...
Die schlimmste Enttäuschung aber wird ihr der Götze bereiten. Sie erwartet von ihm alles, doch der Gegenstand ist nicht alles und gibt ihr zu wenig. Er selbst kann dafür gar nichts. So hasst sie ihn zuletzt deshalb, weil es ihr zu wenig ist, was ihr geboten wird. Jeder Götze hat noch seinen Diener enttäuscht. Dies hat einen tiefen Grund. Der aus dem Unendlichen und daher symbolisch direkt von Gott herkommende Strahl wird normalerweise mit einem in die gleiche Richtung laufenden Strahl beantwortet. Hier läuft also die göttliche Kundgabe und die menschliche Antwort nicht über einen symbolisierenden Gegenstand, sondern erfolgt direkt.
Dieser Antwortstrahl soll also direkt im Götzen einen Halt finden, wo er doch für die Unendlichkeit bestimmt ist. Dies hält auf die Dauer kein Götze aus. Dies ist die grösste Enttäuschung jedes Götzendieners. Den Mantel der Unendlichkeit und der Absolutheit kann kein Relatives tragen. Wer einem Gegenstand diesen Mantel umhängt, wird enttäuscht. Doch zuerst hat er sich selber getäuscht. Er hat das Relative mit dem Absoluten vertauscht und wurde dann, als dieses Relative sich diesen Tausch nicht gefallen liess, enttäuscht.
Welchen Gegenstand nun eine Person verabsolutiert, hängt von verschiedenen anderen Umständen ab, wesentlich ist jedoch, dass sie verabsolutiert. In der Enttäuschung durch die Wirklichkeit, in der Rache der Realität für ihre Vergötzung, die sie selber erfährt, kündet sich die "Eifersucht" Gottes. Auf die Dauer stürzen alle Götzen von selber. ...
Eines ist aber noch sehr bedeutsam. Die Vergötzung eines Weltgegenstandes geschieht vom Ich her. Es wird ein Privatgott konstituiert, der schliesslich von Gnaden der verabsoltierenden Person existiert. Dies bringt mit sich, dass dieser verabsolutierende Akt schliesslich ein hybrischer Akt ist, er kommt von der Person als ein Akt, der zugleich mit der Verabsolutierung des Götzengegenstandes auch eine ungeheure Selbstüberhebung enthält. Die verabsolutierende Person wird so zum Gottesproduzenten. Gott wird so zu einem Geschöpf der Menschen, und so setzt sich der Mensch dabei selber absolut. Es ist also schliesslich das "sicut Deus", was den Kern dieser Verabsolutierung ausmacht.
So bedeutet die Vergötzung schliesslich auch noch eine Verzerrung des eigenen Bildes. Die falsche einschätzung der eigenen Person ist mit eine Folge beziehungsweise eine notwendige Voraussetzung der Vergötzung. Die Person übernimmt sich hier in einem unendlichen Mass. Die Nichtanerkennung der Realität Gottes zugunsten eines selbstgesetzten Götzen beinhaltet immer das "sicut Deus". ... Zusammenfassend können wir sagen: Durch eine Vergötzung entsteht nicht nur ein Konflikt mit Gott (er ist das Primäre!), sondern auch mit der gesamten Realität, die dadurch verrückt wird. Das deutsche Wort ver-rückt meint das vollkommen Richtige und trifft den Sachverhalt mit ausserordentlicher Präzision.

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