Mittwoch, Juni 14, 2006

Buber Martin: Uebersetzung der Hebräischen Bibel

Seit Jahren bin ich total begeistert, wie Martin Buber (teilweise gemeinsam mit Franz Rosenzweig) die jüdische Bibel verdeutscht und wie er seine Kriterien „Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift“ dargelegt hat in "Die fünf Bücher der Weisung". Das ganze Alte, oder besser: Erste oder Hebräische Testament ist in drei Bänden bei Lambrecht Schneider im Bleicher Verlag Gerlingen erschienen.
Buber schrieb: In zwei Hauptpunkten hebt sich das sogenannte Alte Testament von den grossen Bücher der Weltreligionen ab:
· Ereignis und Wort stehen im Volk, in der Geschichte und in der Welt. Es erhebt sich nicht über die Volksgeschichte, dringt in sie ein und ist trotzdem Vorbild für andere Völker und die Welt
· Das Gesetz gilt dem natürlichen Leben des Menschen und drückt eine lebensumschliessende Wirklichkeit aus: So sind Fleischessen und Tieropfer aneinander gebunden, die eheliche Reinheit wird monatlich im Heiligtum geweiht, der triebhafte und leidenschaftliche Mensch wird angenommen, wie er ist und geheiligt, damit er nicht süchtig werde. Besitz wird nicht verpönt, aber alles gehört Gott, der für Ausgleich sorgt, denn die wachsende Ungleichheit darf nicht die Gemeinschaft sprengen. Das Alte Testament ist nie nur religöses oder geistiges Schrifttum, das sich in einer Schublade unterbringen lässt und schweigt. Dann fasst man es nicht, und es erfasst einen nicht mehr! Seine rettende Kraft wird gelähmt.

Den Zugang zum Alten Testament sieht Buber so: „Der heutige Mensch ... kann sich diesem Buch auftun und sich von dessen Strahlen treffen lassen, wo sie ihn eben treffen, er kann sich, ohne Vorwegnahme und ohne Vorbehalt, hergeben und sich erproben lasse; er kann aufnehmen, und erwarten, was etwa an ihm geschehen wird, warten, ob nicht zu dem oder jenem in dem Buch eine neue Unbefangenheit in ihm aufkeimt. Dazu ums er freilich die Schrift vornehmen, als kennte er sie noch nicht; als hätte er sie nicht in der Schule und seither im Schein religiöser und wissenschaftlicher Sicherheiten vorgesetzt bekommen; als hätte er sie nicht zeitlebens allerlei auf sie berufende Scheinbegriffe und Scheinsätze erfahren; neu ums er sich dem neugewordenen Buch stellen, nichts von sich vorenthalten, alles zwischen jenem und ihm geschehen lassen, was geschehen mag.
Er weiss nicht, welcher Spruch, welches Bild ihn von dort aus angreifen und umschmelzen, woher der Geist brausen und in ihn fahren wird, um sich in seinem Leben neu zu verleiben; aber er ist aufgetan. Er glaubt nichts von vornherein, er glaubt nicht von vornherein nicht. Er liest laut, was dasteht, er hört das Wort, das er spricht, und es kommt zu ihm, nichts ist präjudiziert, der Strom der Zeiten strömt, und dieses Menschen Heutigkeit wird selber zum auffangenden Gefäss.“

Für Buber haben verschiedene Umstände die unmittelbare Kraft der Hebräischen Bibel überlagert und damit vermindert:
· Leser, die keine Hörer oder gar Lauschende mehr sind
· Begriffe, die durch Theologie und Literatur (einseitig) „besetzt“ sind
· Distanzierter Respekt ohne wirkliche Ehrfurcht, Anschauung und Erkenntnis
· Abendländisches Denken ohne hebräische Bildhaftigkeit, Bewegtheit & Leiblichkeit
· Inhalt ohne ursprüngliche Form (Inhalt und Form sind für Buber unauflösbar miteinander verbunden. Der Inhalt lässt sich nicht ohne Sinnverlust von der Form lösen. Mit diesem Dilemma hat jeder Bibelübersetzer zu leben, und sei er noch so begabt. Die bedeutendsten Uebersetzungen, die griechische der Siebzig (Septuaginta), die lateinische von Hieronymus (Vulgata) und die deutsche Martin Luthers verzichten weitgehend auf eigentümliche hebräische Formelemente, Strukturen und Dynamik. Die typischen hebräischen Wiederholungen fördern die dynamische Gesamtwirkung und erschliessen oder verdeutlichen einen Sinn des Textes.)


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