Dienstag, Dezember 13, 2005

Neues Leben wächst in Trümmern


Geistliches Leben ereignet sich mitten im Chaos unseres Lebens. Diese Wirklichkeit zu sehen und wahrzuhaben ist ein gewichtiger Meilenstein im Leben eines Menschen. So werden wir aufhören nach Perfektion zu streben, unsere Zerbrochenheit und Fehler akzeptieren und beginnen ernsthaft Gott zu suchen. Er ist derjenige, der mitten in unseren Brüchen und unserer Gespaltenheit da ist und dort auf uns wartet. Wir dürfen aufhören, Dinge nur zu spielen und etwas vorzutäuschen. Viele religiöse und fromme Leute tragen unmerklich eine Maske, haben eine zu hohe Selbstkontrolle und alles muss einfach stimmen. Das entspricht aber kaum der Lebensrealität. Es fördert das Verstecken von Fehlern und das Verdrängen von Sünden.
Etwas vortäuschen ist anfänglich unkompliziert, schnell und vor allem effizient. Es ist eindeutig leichter zu sagen "Es geht mir gut" als zuzugeben, dass ich eigentlich enttäuscht, frustriert, verunsichert oder verärgert bin. Ehrlichkeit erfordert eine grössere Investition an Zeit, weil ich mich wirklich mit mir selber und meinem Gegenüber auseinandersetzen muss. Zu oft bleiben wir im Alltag bei Oberflächlichkeiten und Täuschungsmanövern stehen. Sie sind wie Fett für Scharniere, damit keine störenden Geräusche auftreten und alles seinen gewohnten Gang nimmt. Die Folge sind Scheinbeziehungen, Beziehungen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren, sondern wo vieles nur gespielt wird. Wenn wir beginnen, echt zu werden, dann werden unsere Launen, Unausstehlichkeiten, unser Durcheinander und unsere Lebensbrüche spür- und sichtbar. Und die Wahrheit ist, dass wir alle ein Chaos sind. Keiner ist genau so, wie er erscheint. Wir alle haben unsere Geheimnisse, Probleme und Stolpersteine im Leben, keiner ist perfekt.
Geistliches Leben wächst dort, wo wir uns entscheiden, uns der Lüge und Täuschung zu verweigern und ihnen zu widerstehen beginnen. So erhält unser Image erste Kratzer und die Seifenblase des Scheins darf endlich zerplatzen. Wir stellen uns der Realität, die Gebrochenheit und Begrenztheit heisst. Weil jeder ein Gebrochener ist, hören wir auf mit guten, gar frommen Ratschlägen und geben lieber unsere Unwissenheit, Verunsicherung, Angst und Verwirrung zu. Dort entstehen neue Räume, Orte wo Fragen und authentische Gefühle Platz haben. Ich beginne auszudrücken, dass ich nicht mehr weiss und verstehe, warum und wie gewisse Dinge geschehen. Mein Bild von Gott ist unvollständig, ich lasse seine Wege stehen, ich schreibe ihm nichts mehr vor, Gott darf wieder Gott sein.
Geistliche Menschen geben zu, dass sie unvollkommen und unfertig sind. Dass vieles in ihrem Leben im Bau ist. Glaube ist nie nur Glattstrich und Glasur unseres Lebens, sondern eher ein Steinbruch, wo abgebaut und gemeisselt wird, wo Abfall und Staub entstehen. Das wertvolle Gestein ist bereits vorhanden, aber es muss mit viel Mühe und Arbeit herausgebrochen und bearbeitet werden. Gott hat in uns sein gutes Werk angefangen. Und sein Prozess mit uns schreitet lebenslänglich fort. Seine Arbeit an und mit uns ist erst nach unserem Tod zu Ende, wenn wir ihn von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Noch ist es nicht soweit, doch es geht darum, ihm ganz in unserer Unfertigkeit zu vertrauen. Schwierigkeiten werden zwar nicht einfach aufhören, aber Gott ist da und geht mit uns hindurch.
Vertrauen in Gott ist niemals Beruhigungstablette oder Aufputschmittel. Es zeigt uns eher unsere Unzulänglichkeit, Abhängigkeit und Entfernung von Gottes Massstäben, ohne jedoch zu resignieren und zu verzweifeln. Wir werden selber nie ein heiliges Leben schaffen. Und wie man richtig betet bleibt uns fremd. Meine Hingabe ist nicht völlig, meine Glaube versetzt keine Berge. Doch Jesus hört gerne solche Geständnisse und wird antworten. Er liebt Sehnsucht und Leidenschaft nach ihm. Wir können ihn nie mit Kompetenz beeindrucken. Er sieht unser Unvermögen schon längst, er fühlt mit unserem verwundeten Herz. Er hat sich unserer Sünde bereits angenommen, unsere Unfähigkeit schreckt ihn nicht ab. Er heilt unsere Wunden und Verletzungen, die wir ihm zeigen und entgegenhalten. Das macht uns frei und offen für Neues und barmherzig gegenüber andern Menschen und uns selbst.
(Inspiriert durch einen Artikel von Mike Yaconelli, der im Jahr 2003 durch einen Autounfall starb)

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