Sonntag, August 13, 2006

Wilfried Daim: Umwertung der Psychoanalyse

Wilfried Daim wurde 1923 in Wien geboren und ist Psychologe, Psychotherapeut und Schriftsteller. Er war 1940-45 in der katholischen Widerstandsbewegung gegen die Nazis aktiv.
1956 gründete er ein privates Institut für politische Psychologie. Leider habe ich noch niemanden gefunden, der Wilfried Daim persönlich gekannt hat oder kennt, aber er hat folgende Werke verfasst:
· Umwertung der Psychoanalyse 1951
· Tiefenpsychologie und Erlösung 1954
· Der Mann der Hitler die Ideen gab. Jörg Lanz von Liebenfels. 1958
· Totaler Untergang? 1959
· Die kastenlose Gesellschaft 1960
· Zur Strategie des Friedens. 1962
· Kirche und Zukunft 1963
· Linkskatholizismus. 1965
· Progressiver Katholizismus 1 & 2, 1967
· Christentum und Revolution. 1967
· Der Vatikan und der Osten 1967
· Analyse einer Illusion 1969
· Die Chinesen in Europa 1973
· Meine Kunstabenteuer 1997
· Franz Probst. Seine bittere Kunst
· Otto Rudolf Schatz. Gross im Kleiner, Miniaturen; Grafik; Kriegsbriefe

Nachfolgend einige Ausschnitte aus seinem Erstlingswerk "Umwertung der Psychoanalyse", die ich so zentral und treffend finde und daher mehr Menschen zugänglich machen möchte:
"Und Gott versuchte Abraham und sprach zu ihm: "Nimm Isaak, deinen eigenen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir zeigen will..."
Entweder es gibt ein solches Paradox, dass der einzelne in einem absoluten Verhältnis zum Absoluten steht – oder Abraham ist verloren. Sören Kierkegaard "Furcht und Zittern"

A. Die Struktur der menschlichen Beziehung zum Absoluten und ihre Perversion
6. Die menschliche Beziehung zum Absoluten (Seite 125 und fortfolgende)
Als Moses vor dem brennenden Dornbusch steht und von Gott angerufen wird, fragt er, wer denn zu ihm rede. Es wird ihm eine Antwort, die ihn in eine existentielle Schwebe versetzt: "Ich bin, der ich bin."
Rational gesehen, ist diese Antwort eine Tautologie (=Wiederholung in andern Worten), doch enthält diese Tautologie die zentralste und wesentlichste Forderung an den Menschen schlechthin. Negativ gesehen, bedeutet sie eine Ablehnung aller Einordnung und Gleichordnung in und mit den Gegenständen der Welt. Es bedeutet die Antwort also negativ zunächst: Ich bin mit nichts zu vergleichen, ich stehe über allem, ich bin nichts Relatives. Positiv heisst dies: ich bin absolut. Das "Ich bin, der ich bin", enthält also die unbedingte Forderung nicht nur auf Erkenntnis dessen, der die Forderung erhebt, sondern zugleich auch auf ein absolutes Anerkennen, auf absoluten Glauben, absolutes Vertrauen, auf gänzliche, totale, kompromisslose Uebergabe.
Dieser Anspruch wird nicht abgeleitet. Er besitzt aus sich heraus Recht auf Anerkennung. Er fordert vom Angesprochenen ein absolutes Verhalten.
Dieses absolute Verhalten ist die Forderung nach Hingabe seiner selbst an das Absolute. Dieses sich absolut zum Absoluten Verhaltenkönnen, ist das Wesentlichste am Menschen, es ist das, was ihn eigentlich vom Tier abhebt.
Das erste Gebot wird im Dekalog ganz besonders betont: "Ich bin der Herr, dein Gott... Du sollst keine fremden Götter neben mir haben... Du sollst sie nicht anbeten, noch ihnen dienen; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott..." Auch hier die alleinige, absolute Anerkennung, die da gefordert wird. Der Dekalog beginnt mit einer gewaltigen Feststellung. Es wird dann verboten, etwas ausser Gott zum Gott zu machen.
Zwischen dem Absoluten und dem Relativen besteht ein unüberbrückbarer Wesensunterschied. Gott ist aus sich, unableitbar aus anderem. Demgegenüber steht das Abgeleitete, nicht aus sich selbst Seiende, das Relative, das Bezogene. Etwas, das nur absolut nebengeordnet werden kann, darf es nicht geben. ...
Das Absolute als Ziel, Erlebnis, Ursprung, das Absolute in allen seinen Wirkungen unterscheidet sich wesentlich vom Relativen. Ein qualitativer, durch keinerlei Quantität überbrückbarer Sprung führt vom Relativen zum Absoluten, eine qualitativer Sprung, der durch nicht vergleichbar ist. Dies ist im Erlebnis ebenso wie im Denken und Handeln. Jedes Erlebnis hat ein Analoges in der Beziehung zum Absoluten, trotzdem aber ist das Analoge unendlich verschieden. So wird das Schreckhafte zum Entsetzlichen, das Gewaltige zum Allmächtigen usw.
Im Bereich des Absoluten gibt es kein Paktieren, kein Relativieren, kein Nachgeben und auch kein Herumdeuten. Das Absolute ist unantastbar.
Es ist nun unsere These, dass jeder Mensch eine Sphäre besitzt, in der es zunächst für ihn absolut zugeht. Jeder hat solch eine Absolutsphäre (Scheler). Die Inhalte dieser Absolutsphäre unterscheiden sich für den Menschen qualitativ vollständig von allen übrigen Erlebnisinhalten. Hat ein Mensch Gegenstände innerhalb seiner Absolutsphäre, dann unterscheiden sich diese Gegenstände völlig von den relativen. Sie haben für ihn eine ganz andersartige Bedeutung als für einen anderen Menschen, für den diesselben Gegenstände nicht im Bereich seiner Absolutsphäre liegen.
Die Kenntnis dieser Absolutsphäre müssen wir als ausserordentlich wesentlich betrachten, ja als das Wesentliche eines Menschen schlechthin: "Was für einen Gott einer hat, das macht den Menschen aus", sagt Jaspers richtig, und er meint damit, dass ein Mensch von seinem Absoluten her verständlich wird.
Das, was für einen Menschen absolut ist, zieht alles andere an sich. Das Relative, Bezogene gewinnt seine Bedeutung vom Absoluten her; wie ein Strahlenbündel zielt alles auf das Absolute hin und erhält in seinem System seinen Bezug. Alles ist Mittel, Weg, Zeichen, Symbol des Absoluten. Alles Relative ist hingeordnet auf das Absolute als sein Zentrum, um das sich "alles dreht". Für einen Menschen ist nichts wirklich notwendig und unabdingbar. Mit seinem Absoluten steht und fällt der Mensch, es ist ihm das allein wirklich und endgültig Interessante und Wichtige.
Das Absolute ist da, womit der Mensch sich absolut identifiziert. Es ist das, was seinen eigentlichen "Lebensinhalt" ausmacht, worauf er "alle Hoffnung" setzt, womit er "steht und fällt". Ohne sein Absolutes ist er nichts, er selbst erhält von diesem Absoluten her seinen Wert.
Diese Absolute ist seine grösste, einzige Kostbarkeit, sein "Schatz", worauf er "sein Herz setzte", wie eine wörtliche Uebersetzung von credere cor-dare lauten würde. ...

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