Samstag, April 11, 2020

Han Byung-Chul: Die Austreibung des Anderen

Han Byung-Chul wurde 1959 in Südkorea geboren und hat Metallurgie, Philosophie und Theologie studiert. Er hat in Deutschland an verschiedenen Universitäten Philosophie gelehrt, zuletzt in Berlin. Er hat viele Aufsätze und Bücher auch zu sozio-ökonomischen Themen veröffentlicht, die eine weite Beachtung gefunden haben. In seinem kurzen Werk „Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute“, das 2016 im Fischer-Verlag unter der ISBN 978-3-1039-7212-2 erschienen ist, beschreibt er seine Beobachtungen von den negativen Folgen und Auswirkungen des Neoliberalismus, der schon 1938 vom deutschen Soziologen Alexander Rüstow so benannt worden war. Er behauptet, dass wir an zu viel vom Gleichen leiden, nämlich an Überkommunikation und Überkonsumation. Dies führe zu Autoaggression, Depression und Bulimie. Wir würden zwar Informationen und Daten anhäufen, aber ohne wirkliches Wissen und Weisheit zu erlangen. Unsere menschlichen Beziehungen würden eigentlich von Nähe und Ferne leben, doch die digitale Welt bewirke eine seltsame Abstandslosigkeit und Überbelichtung, die der dauernden Verfügbarkeit, der Pornographie und dem Voyeurismus gleichen würden. Auch in der Sexualität gehe es zunehmend um Leistung, Performance und Fitness; Schwäche, Verletztlichkeit und Rückzug sind nicht mehr vorgesehen. Ein gesundes Begehren, das manchmal auch nicht erfüllt werde, gebe es kaum mehr, und Aura, Mystik und Eros würden weitgehend ignoriert, niedergewalzt und zerstört. Der zunehmende Narzissmus lenke zudem die Libido krankhaft aufs eigene Ich statt auf den Anderen, den Fremden oder das noch unbekannte „Objekt“. Viele Menschen sind heute orientierungslos, verunsichert und haben Angst vor Entscheidungen, Fehlern, Versagen, Scheitern und Unterlegenheit. Dadurch werde Sicherheit zunehmend wieder in Nationalismus, Fremdenhass, Geld, Produktivität und Aktivität gesucht. Fremdenfeindlichkeit aber sei hässlich und unversöhnlich; Versöhnung dagegen freundlich und freiheitlich gestimmt. Geld biete ein vermeintliches Gefühl von Sicherheit und Ruhe an, jedoch keine wirkliche Identität und lebendige Beziehung. Der neoliberale Geist gaukle uns ein selbstverwirklichtes Leben vor, das in Wahrheit eher auf Ausbeutung und Ausgrenzung basiere und Leere und Sinnlosigkeit hinterlasse. Trotz hoher Produktivität können wir kein gesundes Selbstwertgefühl produzieren. Denn nur am Anderen, der mich liebt, lobt, anerkennt und schätzt werde ich zum Du. Gerade durch die Anerkennung und Bewältigung von Konflikten und dem Aushalten von Spannungen entstehen und wachsen stabile Beziehungen, starke Identitäten und ein gesunder Selbstwert. Reife Personen können auch mal ein Schweigen aushalten, weil sie es als eine wichtige Sprachform verstehen. Aber die digitale Welt spielt sich oftmals an der Oberfläche ab und entfremdet uns des Anderen, des Rätsels und des Geheimnisses. „Windows“ heisst zwar Fenster, aber es bietet uns keine realen Erfahrungen an; im Gegenteil, es schränkt die Möglichkeiten eher ein, wirkliche „Schwellenerfahrungen“ zu machen. Das sind Erfahrungen, die ängstigen und beglücken, weil sie uns als Personen in der Tiefe berühren. Unser Problem ist, dass wir geteilt und der Wirklichkeit entfremdet sind und uns nicht mehr richtig körperlich spüren. Erst wenn wir gegen eine Wand laufen oder fallen, werden wir den Aufprall hart und schmerzlich zu spüren bekommen. Aktiv zuhören können sei gerade heute und auch in Zukunft eine äusserst wichtige Tätigkeit, wenn nicht sogar eine Berufung, eine Begabung und eine Kunst. Denn zuhören heisst leer sein, einatmen und den andern unvoreingenommen und gastfreundlich aufnehmen. Zuhören kann nur ein Mensch, der seinen Körper spürt und Emotionen zeigen kann. Er spürt feine Widerstände, legt im richtigen Moment Pausen ein, kann reden und schweigen und seine und des andern Grenzen respektieren. Viele Sätze von Han Byung-Chul habe ich als verdichtete Gedanken, die zudem präzise formuliert sind, empfunden. Sie regen an, sich, sein Umfeld und die heutige Zeit, neu zu reflektieren und auch eigene Schlüsse zu ziehen. Er zeigt deutlich auf, dass es grundlegende und qualitative Unterschiede gibt zwischen Mensch und Maschine, zwischen menschlicher und digitaler Kommunikation, die nicht zu unterschätzen, zu vernachlässigen und zu bagatellisieren sind.

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Donnerstag, August 13, 2015

Die Schallmauer

Wachsender christlicher Glaube fängt oft mit zunehmendem Vertrauen zu Gott an. Ich nehme seine Sicht über mich an. Und ich beginne Jesus nachzufolgen, indem ich ihn ernst nehme und tue, was er sagt. Er leitet mich an, brauchbar zu werden und andern Menschen zu dienen. Aber meistens kommt irgendwann eine Ermüdung, eine Krise, die mich zwingt, die Reise nach innen anzutreten und den Glauben vertiefen zu lassen. Viele Christen sind diesen unangenehmen Weg gegangen und haben ihn auch beschrieben als „Nacht der Seele“ oder mit andern Begriffen. Peter Scazzero benutzt dafür das Wort Schallmauer, einen etwas eigenartigen Ausdruck, um den oft langen Weg der Grenzüberschreitung, den Gott mit uns gehen will, zu bezeichnen. Als Schallmauer wird der Übergang bei der Geschwindigkeit in den Überschallbereich bezeichnet. Als das erste Mal diese Grenze überschritten wurde, wusste man noch nicht, was genau dabei und danach passieren würde. Eigentlich ereignete sich dabei gar nicht so viel, aber es brauchte einen mutigen Piloten, der sich auf diesen unbekannten Vorgang eingelassen hatte. Das ist ein gutes Bild für Schritte, den Weg mit Gott in unbekanntes Land, in noch nie gemachte Erfahrungen. In der Regel sind das Ereignisse und Prozesse, die sich in der zweiten Lebenshälfte abspielen; denn die erste Lebenshälfte ist dazu da, das „Wir“ und das „Ich“ aufzubauen. Eine gefestigte Identität, mit entsprechenden Aufgaben und Rollen, ist auszubilden, einzunehmen und auszuüben. Diesen Prozess sollten wir bei uns und den uns Anvertrauten nicht eigenmächtig verkürzen. Es heisst nicht umsonst, dass Abraham 75 Jahre alt war, als er von Haran auszog. Auch Mose war 80 Jahre alt, als er am Dornbusch in der Halbwüste berufen wurde. Nur Josef wurde als junger Mann überraschend in die Sklaverei verkauft und erlebte dabei völlig Unvertrautes und Traumatisches. Es ist oft so, dass spezielle Umstände oder Lebensereignisse wie Beziehungsabbrüche, Arbeitsplatzverluste oder unerwartete Todesfälle, nie dagewesene Fragen und Prozesse in uns auslösen. Auch in der Bibel kommen solche Situationen vor, und sie beginnen ganz lapidar mit „da“, „und“, „eines Tages“ oder „und es geschah“. Eines der krassesten Beispiele ist Hiob. Seine Geschichte wird oft nur verkürzt gelesen und erzählt. Aber seine Verluste sind kaum zu überbieten, sein Erleben ist so notvoll und seine Aussprüche und sein Klagen vor Gott sind heftig. Doch am Schluss wird er und nicht seine frommen Freunde rehabilitiert! Er soll für sie opfern und beten, damit Gott gnädig gestimmt wird. Gott hat also mehr Gefallen an aufrichtiger Anklage und Wahrheit als an frommer Rechtschaffenheit und Korrektheit!

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Sonntag, März 15, 2015

Kontemplative Spiritualität

Kontemplative Spiritualität ist eine Frömmigkeit, die von Gottes Liebe, Wertschätzung und Zuwendung lebt (Seite 50). Gott wird in der Bibel mit vielfältigen Emotionen wie Fröhlichkeit, Mitgefühl und auch Zorn beschrieben, warum sollten wir nicht auch so emotional sein? Unter all meinen Identitäten und hinter meinen Masken und auch nach den Folgen des Sündenfalls liegt meine wahre Identität, die lautet: Ich bin von Gott gewollt, gemacht, geliebt, wertgeschätzt, bedeutsam und einmalig! Annehmen der wirklichen Identität hilft gegen Versuchungen wie Erfolg, Besitz und Beliebtheit. Auch Familiengeheimnissen wie „ich gebe dir, dafür gibst du mir“ bin ich nicht mehr ausgeliefert. Sie können erkannt, hinterfragt und durchbrochen werden. Eine kontemplative Spiritualität orientiert sich dagegen an folgenden Kriterien: ·Gottes Liebe in allem suchen, erkennen und sich ihr überlassen ·Gottes Gegenwart suchen, auf ihn hören und bei ihm verweilen und ruhen ·Gott erlauben, in der Tiefe unseres Wesens zu wohnen ·Geistliche Übungen wie Stille und Einsamkeit zulassen, ein- und regelmässig ausüben ·Leben als Wachstumsprozess verstehen lernen, der auch Schmerzen einschliesst ·Andere Menschen lieben von Gott her und aus seiner Perspektive und Kraft ·Einen ausgeglichen Lebensstil und Lebensrhythmus entwickeln und pflegen ·Verbindliche Gemeinschaft leben Kontemplative Spiritualität will den Weg der Nachfolge Christi unterstützen und zielt daher auf konkrete Schritte: Stille, ehrliche Begleitende, Verlassen, Beten für Mut und Durchbrechen der „Schallmauer“. Die Geschichte Josefs ist ein gutes Beispiel für emotionale Gesundheit und spirituelles Wachstum. Er wuchs in einer Patchworkfamilie auf, wo Lüge und Betrug seit Generationen als Familiengeheimnis geherrscht hatten. Trotz herben Enttäuschungen und massiven Verlusterfahrungen (in seiner Jugend) hielt er an Gott fest. Josef war Gott treu im kleinen, um zu gegebener Zeit Grosses tun zu können. Gott führte ihn geheimnisvoll an die zweithöchste Stelle in Ägypten, damit seine Familie und er überleben konnten (Gen 45,7+8). Mehrmals weinte Josef laut, um seiner Trauer ohne Beschönigung Raum zu lassen. Er benannte seine Kinder Manasse und Ephraim, was Vergessen und Wachsen lassen bedeutet.

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Donnerstag, Februar 13, 2014

Geschlechtliche Identität (Seiten218-254)

Volf äussert sich auch sehr differenziert und sachlich zur geschlechtlichen Identität von Mann und Frau. Er unterstützt die These von Mary Stewart Van Leeuwen, dass „Männer und Frauen gleichermassen gerettet, geisterfüllt und gesandt sind“. Denn Gott steht jenseits geschlechtlicher Unterscheidungen, er ist radikal vielschichtig, beziehungsorientiert und aktiv (nach Seren Jones). Wir Menschen benutzen männliche und weibliche Metaphern, weil Gott persönlich ist, und die Sprache unweigerlich aus dem geschöpflichen Bereich entstammt. Meine geschlechtliche Identität kann ich nicht aus dem christlichen Gottesbild herleiten, sondern aus meinem geschaffenen, sexualisierten Körper. Was ich von Gott lernen kann, ist primär meine Verantwortung als Mensch, Vater- und Muttersein sind dagegen nicht direkt ablesbar. Nach Phyllis Bird hat Mann- und Frausein mehr mit den Tieren als mit Gott gemeinsam. Sexuelle Körper sind natürliche, biologische Wurzel, „Gender“ dagegen ist eine soziale und kulturelle Kategorie, die nur eingeschränkt möglich ist. „Gender“ ist eine fliessende Identität, die im Kontrast zur stabilen Differenz geschlechtlicher Körper steht (Seite 228). Jesus lebte völlige Selbsthingabe und auch Gegenwart des Vaters in ihm, was seine Identität prägte. Seine Selbsthingabe suchte Ehre der andern Person und schuf ihr Raum zur gegenseitigen Einwohnung, was in der Fachsprache „Perichorese“ heisst. Es geht dabei um Beziehung und Zusammenhang, nicht um Vermischung von Personen. Gott kam in diese Welt, um Gemeinschaft zu leben. Alle Menschen sind zum Bild des dreieinigen Gottes geschaffen, dessen Vision und Beziehungen uns als Mann und Frau leben lassen. In Christus wird nicht der geschlechtliche Leib gegenstandslos, sondern die Geschlechterrollen, die kulturellen Normen, die Mann und Frau zugewiesen sind, werden es zunehmend. Geschlechtliche Identitäten sind aufeinander bezogen: Der Mann ist nicht die ohne Frau, die Frau ist nicht ohne den Mann. Denn teilweise wohnt das Weibliche auch im Mann, trotzdem ist er ganz Mann; und umgekehrt wohnt auch Männliches in der Frau. Solange wir das verneinen, uns manipulieren, beherrschen und befeinden müssen, haben wir Gottes Wertschätzung und Liebe nicht ganz begriffen. Selbsthingabe bedeutet, dass ich Selbstsucht überwunden habe, mich auf den andern zu bewege, um ihn oder sie zu nähren, zu pflegen und ihn makellos und herrlich erscheinen zu lassen. Mann und Frau, beide sind weder Fülle noch nur Mangel, beide haben zu gebieten und zu gehorchen (Seite 248-250).

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Montag, Februar 10, 2014

Umarmung (Seiten 124-217)

Miroslav Volf zieht eine Theologie der Umarmung der Theologie der Befreiung vor; denn die Kategorien der Unterdrückung und Befreiung seien gut zum Kämpfen, nicht aber zum Verhandeln und Feiern (Seiten 129-133). Denn Sieger verwechseln (oft) Vergeltung mit Gerechtigkeit. Sogar für den Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez habe Liebe und nicht Freiheit die letzte Gültigkeit. "Und wie können wir in Frieden leben, solange die endgültige Versöhnung noch ausstehe? Jesus verbinde Hoffnung für die Unterdrückten mit der Forderung eines radikalen Wandels, die er Busse nenne. Dagegen diene die Religion der sündigen Seele missbräuchlich dazu, von der Oekonomie des schmutzigen Deals und von der Politik der unbarmherzigen Macht abzulenken." (Seite 146) Das Problem der Rache sieht Volf darin, dass sie versklavt. Jesus hatte Lamechs Logik ganz auf den Kopf gestellt, und er forderte seine Nachfolger auf, sooft zu vergeben wie Lamech sich rächen wollte. Und wir Menschen können uns nichts ausdenken, was das ursprüngliche Verbrechen bereinigen könnte (Seiten 154-157). Die Passion Christi war die Qual einer gemarterten Seele und eines geschundenen Leibes, der als ein Gebet für die Folterer dahingegeben wurde. Nach Bonhoeffer ist Vergebung eine Form des Leidens (Seite 161). Das Kreuz verwandelte die Beziehung zwischen dem Opfer und dem Täter. Empfänger der Gnade Gottes können wir nur dann sein, wenn wir uns auch nicht dagegen sträuben, ihre Agenten zu werden. So öffnen wir unsere Arme selbst für die Feinde; machen ihnen in uns Raum, weil der gekreuzigte Gott uns in seine ausgebreiteten Arme geschlossen hat. Denn Handeln ist die einzige angemessene Reaktion auf Leiden und lässt die Erinnerungen in den Hintergrund rücken. Und das Kreuz Christi ist ein paradoxes Denkmal des Vergessens, denn am Ende wird das Lamm auf dem Thron Gottes sitzen (Seite 168-181). Volf schreibt vom Drama der Umarmung, das er in vier Schritten einteilt: 1. Oeffnen der Arme: Raum schaffen für andern, Einladung zum Eintreten 2. Warten: auf eine Antwort, eine Reaktion 3. In Arme schliessen: es braucht zwei Arme für eine Umarmung 4. Arme wieder öffnen: erneut Raum schaffen und Differenz zulassen Die Kennzeichen der Umarmung sieht er in: 1. Fluidität der Identitäten: es gibt überlappende soziale Territorien 2. Nichtsymmetrie der Beziehungen und Anerkennung des andern („Selbstbestimmung ist eine westliche, imperialistische Zumutung, denn eigentlich sind wir alle nur Sklaven“ Daniel Boyarin) 3. Unterdeterminiertheit des Ergebnisses, das immer auch ein Risiko ist („Umarmung ist Gnade und Gnade ist Roulettspiel, immer“ Lewis B. Smedes) Volf erinnert uns auch daran, dass es wesentliche Unterscheide zwischen Verträgen und Bund gibt. Wir sind uns heute vielmehr an Verträge gewohnt, die leistungsorientiert, beschränkt verpflichtend, gegenseitig („reziprok“, spiegelnd) und zugleich instabil sind. Dagegen ist ein Bund unveräusserlich, fortwährend und hat einen hervorgehobenen Status. Er gilt auch noch, wenn er gebrochen wird. Die Identität jedes Bundespartners wird durch die Beziehung zum andern geformt. „Am Kreuz erneuert Gott den Bund, indem er der Menschheit Raum schafft in Gottes Selbst. Die offenen Arme Christi am Kreuz sind ein Zeichen, dass Gott nicht Gott sein möchte ohne die Menschheit. Und dass er die Gewalt der Menschen erleidet, um sie zu umarmen“ (Seite 200). Gott erneuert den Bund mit den Menschen durch Selbsthingabe auf ewig. Er kann seinen Bundespartner nicht aufgegeben, weil seine Verpflichtung unwiderruflich und unauflöslich ist. Der neue Bund ist Gottes Umarmung der Menschheit! Diese Theologie der Umarmung wurde angeregt von der Geschichte vom verlorenen Sohn. Hier schenkt sich der Vater dem entfremdeten Sohn und nimmt ihn wieder in sein Haus auf. Ein antiker Haushalt lebte vom Beschützen und Vermehren, von seinen Beziehungen und seiner Gemeinschaftsidentität. Beziehung beruhte nie auf moralischer Leistung, deshalb konnte der Vater seinen schmutzigen Sohn annehmen und umarmen. Durch das Schuldeingeständnis des Sohnes wurde die Beziehung geheilt. Der Vater rekonstruierte die Identität seines Sohnes, ohne ihn darum zu fragen. Der jüngere Bruder wählte zuerst den äusseren Ausschluss, der ältere jedoch den inneren. Dadurch wurde der jüngere für den älteren zum „Nicht-Bruder“, der Vater zum „Nicht-Vater“, ähnlich wie Abel bei Kain! Aber realistisch gesehen waren beide Söhne schlecht und gut, beide wurden vom Vater geliebt. Er passte seine Identität seinen Söhnen an, um sie beide zu gewinnen. Er wollte weiter ihr Vater sein, damit sie einander auch Bruder sein können. Der Vater brach die Regeln, das kausale Prinzip von „Saat und Ernte“, von „wenn-dann“. Noch heute können starre Regeln und zu stabile Identitäten zum Wahn werden und Selbstgerechtigkeit, Uebertreibung, Repression und Dämonisierung bewirken. Denn Beziehungen und Familienverhältnisse kommen vor allen Regeln, Umarmung anstelle Exklusion (Seite 217).

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Dienstag, Januar 28, 2014

Von der Ausgrenzung zur Umarmung

Miroslav Volf, der Kroate der in Amerika lebt, hat ein bedeutendes Buch geschrieben mit dem Originaltitel: Exclusion and Embrace: A Theological Exploration of Identity, Otherness, and Reconciliation. In Deutsch heisst es: Von der Ausgrenzung zur Umarmung. Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität. Es ist im Jahr 2012 Francke-Verlag Marburg mit der ISB-Nummer 978-3-86827-355-7 erschienen. Zum Autor: Miroslav Volf wurde 1956 in Osijek, Jugoslawien, heute Kroatien, geboren. Er hat Theologie in Kroatien, Deutschland und in den USA (Fuller Theologican Seminary) studiert. Er ist heute einer der einflussreichsten anglikanischen Theologen, die dem Evangelikalismus nahe stehen. Aufgrund seiner Erfahrungen im Jugoslawienkrieg und der Unabhängigkeit Kroatiens vertritt er bewusst eine Theologie der Befreiung, der Versöhnung und der Gewaltlosigkeit, ohne naiv zu sein. Gegenwärtig ist er Professor an der Yale University in New Haven, Connecticut, USA. Zum Buch: Das 461 seitige Werk von Volf ist ein durchdachtes, differenziertes Buch mit vielseitigem Inhalt, das sich nicht schnell lesen und leicht verstehen lässt. Es hat mich im Herbst 2013 wochenlang begleitet und bewegt. Denn es dauert eine Weile, bis man sich an den klaren Schreibstil und die konzentrierte Ausdrucks- und Argumentationsweise gewöhnt hat. Der Titel „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“ ist gut gewählt, nimmt er doch die Hauptgedanken Volfs treffend auf. Auf Seite 31 formuliert er es so: „Der Wille zur Umarmung kommt vor jeder Wahrheit über andere... (aber) ich gehe davon aus, dass der Kampf gegen Täuschung, Unrecht und Gewalt unverzichtbar ist.Exklusion (Seiten 65-123) Volf definiert auch, was aus seiner Sicht Sünde ist. Es gehe um das Selbst, das ständig zwanghaft dabei sei, seine eigene Mitte herzustellen. Er nennt Sünde Exklusion, was ja Auschluss bedeutet. Darunter versteht er das Streben nach falscher Reinheit, Unterwerfung, „Sich-Selbst-Ueberlassung“, Verzerrung, Weigerung, Verwicklung, Selbsthass und Selbstentfremdung. Im Kern der Sünde steckt die hartnäckige Weigerung, ein Bewusstsein von Sünde zuzulassen, da schliesst er sich dem amerikanischen Theologen und Philosophen Platinga an. Das geschieht durch Leugnung, Betrug, Uminterpretation und Selbsttäuschung (Seite 97). Die Wurzel der Sünde liegt im Wunsch oder in der Sucht nach (immer mehr oder zuviel) Identität. Der Wille, sich selbst zu sein, trägt den Keim der eigenen Krankheit, die grenzenlose Grundlage und Bezugspunkt aller Gegenstände zu werden und den Platz Gottes einzunehmen. So zitiert er zustimmend Wolfhart Pannenberg auf Seite 111 (und man lernt auch seine bevorzugten Referenzen kennen). Volf postuliert, dass das Selbst dialogisch konstruiert sei. Der andere ist von Beginn an Teil des Selbst. Ich bin, wer ich bin, im Verhältnis zu anderen. Daher muss der Wille, man selbst zu sein, wenn er gesund sein will, den Willen einschliessen dem anderen innerhalb des Selbst einen Platz zuzugestehen. „Der andere muss ein Teil von mir sein dürfen, wenn ich ich selbst sein will. Aber der andere ist oft nicht so, wie ich ihn gerne hätte. Anstatt mich selbst umzustellen, um dem anderen seinen Raum zu geben, versuche ich den anderen zu dem Menschen hinzubiegen, den ich gern hätte, damit ich der sein kann, der ich sein will“ (Seite 113). „Der Geist dringt in die Bastion des Selbst ein, dezentriert das Selbst, indem er es in das Bild des sich selbst gebenden Christus umgestaltet. In dieser Bastion des zerbrechlichen Selbst wird die neue Welt der Umarmung erstmals geschaffen“ (Seite 114). Sehr treffsicher drückt sich Volf auch zu Kain und Abel aus. Zuerst zitiert er Klaus Westermann, der gesagt hat, dass jeder Mensch potenziell Adam und Eva und Kain und Abel sei. Und René Girard, mit dem Volf zwar nicht in allem einverstanden ist, hat entdeckt, dass die Bibel anders als bei mythologischen Texten die Perspektive des Opfers einnimmt. Volf postuliert zusätzlich folgendes zur Person Kains: 1. Gott sagt, dass Abel ist, dann bin ich nicht der, als der ich mich verstehe 2. Ich bin der, als der ich mich verstehe 3. Ich kann Gottes Aussage über Abel nicht ändern 4. Daher darf Abel nicht mehr sein; und ich morde Abel, das Bild Gottes! Die Macht der Sünde beruht auf Gründen, die vom pervertierten Selbst vorgebracht werden, um eine falsche Identität aufrecht zu halten; dann ist die Erkenntnis der Sünde machtlos... (Seite 119). Volf verortet die Sünde auch als Feld, das ausserhalb der Gemeinschaft liegt. Die Ideologie der Sünde besteht in Lüge und Selbsttäuschung. Aus all dem „wird dich die Umarmung des Gekreuzigten nur heilen, wenn du dich anschickst, ihn zu lieben und in seine Fussstapfen zu treten“ (Seite 123).

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Freitag, Juli 06, 2012

Pixcel-Ich

Die gegenwärtige Befindlichkeit der westlichen Menschen schätzt Bobert so ein: Im sogenannten „Pixcel-Ich“ zeigen sich ein übersättigtes Selbst, andauernde Identitätssuche und zu viele Umbrüche. Man spricht auch von „MPS“, dem multiplen Persönlichkeitssyndrom, das auf acht bis neun Teilpersönlichkeiten kommt. Eine grosse Zerbrechlichkeit zeichnet die Menschen heute im Westen aus, die zugleich oft auch Narzissmus ist. Sie kann sich auch in Wut äussern (nach Heinz Kohut). Narzisstische Personen sind auch verunsichert und häufig tragisch, sie pflegen verschmelzende, idealisierende und überlegene Beziehungen. Teddys, die sie haben, sind Uebergangsobjekte und Realsymbole für die Mutter. Sie haben daher auch viel eher ein mütterliches Gottesbild, das Ausdruck der Suche an Ansehen und Geborgenheit ist. Das Muttergesicht ist in der menschlichen Urerfahrung der primäre Ort der Gnade: „Wenn ich schaue, werde ich gesehen, also existiere ich.“ Diese nicht endende Spiegelung, das Bewahren des Muttergesichts, kann zur Fixierung, zum „Kokon“, zum Schauen in einen toten Spiegel werden. Tote Spiegel werden dann zu Drogen, Fetischen, dämonischen Symbolen, Selbstverletzungen, Götzen, falschen und selbstkonstruierten Gottesbilder. Gesund dagegen sind schöpferische Arbeit, Einfühlungskraft, Begrenztheit, Humor und Weisheit. Gott sprenge letztlich alle Bilder; und wir beten, weil wir (noch) nicht sehen und erkennen, Gottesschau erfolge durchs Auge der Kontemplation (Hugo von St. Viktor). Auch die Wissenschaft kenne seit der Entdeckung der Quantenmechanik 1927 keine Objektivität mehr, sie kann nicht mehr genau sagen, wie die Welt wirklich beschaffen ist. Das Universum wird eher und vermehrt als grosses Gewebe, als Einheit und Verbundenheit betrachtet. Rationalität allein genügt nicht mehr, auch Intuition hat wieder ihren Platz (frei nach Urich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. München 2008). Bobert verweist auch auf den englischen Landartkünstler Andy Goldsworthy, der eine Welt hinter Worten zeigt. Er sieht etwas, das immer schon da war, aber für das er bisher blind war. Die Kraft in der Materie sei Leben, sie mache sie zu Lebewesen. Mystische Erfahrung sei Einheit, Reinigung, Gegenwart, Zweckfreiheit und Unsagbarkeit. Zu Boberts Glaubenseintrittsverständnis: Für sie ist die Taufe das Bad der Wiedergeburt, eine Metamorphose, eine Erleuchtung durch den heiligen Geist. Das ist Christusgeburt in der Seele, „jeder Christ muss so zur Mutter Christi werden, zugleich ist Christus unser Wagenlenker“. Gott können wir nur durch geistliche Verwandlung erkennen, in Begegnungen mit Christus erhalten wir ein pneumatisches Gewand. So wie Kleider den Körper bedecken, bedecke der Körper bereits die Seele. Geisttrunken werden wir von der Eucharistie, von Christus im Wort und von der Eingiessung des Heiligen Geistes.

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Samstag, September 17, 2011

Lebensregeln

Durch einen Artikel von Thomas Härry im letzten AufAtmen-Heft 2-2011 bin ich erneut auf dieses Thema „Lebensregeln“ gestossen. Nicht das es völlig neu wäre, aber die Wichtigkeit der Reflektion und Fokussierung meiner Werte und Regeln ist mir neu bewusst geworden. Wir leben in einer besonderen Zeit, man spricht ja von einer „Multioptionsgesellschaft“, wir leben in materiellem Ueberfluss, in globaler Kommunikation und in einem kulturellen Traditionsabbruch, die uns mitprägen und bisweilen überfordern. Trotzdem oder gerade deshalb haben wir zunehmend Mangel an zweckfreier Zeit, an tragfähigen Beziehungen, langfristiger Orientierung und Kontinuität in der Generationenfolge.

· Wie können wir sinnvoll mit eigenen und fremden Grenzen umgehen?
· Wie, wann und wo können wir Ja und Nein sagen lernen, um konzentriert, effektiv und in der eigenen Berufung, Begabung und Lebenssituation zu leben?
· Getrauen wir uns, Ueberflüssiges wegzulassen?
. Wie bewusst gehe ich mit Konsumgütern um und setze ich Ressourcen gezielt und schonend ein?

Ja, Lebensregeln begrenzen und beschränken uns, aber sie sind auch Erziehungswerkzeug (Gottes) zur Stärkung der Identität, Formung des Charakters und Erhöhung unserer Lernbereitschaft und Effektivität. Gott möchte uns menschlich reifen und geistlich wachsen lassen. Er möchte unsere Blockierungen, die sich in Auflehnung oder Ueberanpassung gegen Erfahrenes zeigen, lösen und fruchtbar werden lassen.

· Sind meine unbewussten Werte und Regeln, die ich als Kind aufgenommen und entwickelt habe, alle lebenswert und förderlich?
. Habe ich die Auflehnung oder Ueberanpassung gegenüber übernommenen Werten und Regeln aus dem Elternhaus reflektiert und überwunden?
. Lässt mich diese Klärung wachsen, Veränderungen zulassen und Herausforderungen in gesundem Mass annehmen?
· Sind wir bescheiden und weitsichtig genug, um nicht alles neu erfinden und erfahren zu müssen, sondern gute Traditionen und bewährte Weisheiten zu prüfen, anzupassen und zu übernehmen?
· Wer bin ich und was ist meine Lebensaussage?
. Für was lebe ich eigentlich zutiefst?
· Geht es zuerst und immer nur um mich, oder kümmere ich mich auch echt um andere (meine Nächsten), diene ihnen und fördere sie?
· Spielen Gottes Ehre, sein Reich und „Ewigkeitswerte“ eine wesentliche Rolle in meinem Leben?
. Wie sehen deine Lebensregeln und dein persönliches „Mission Statement“ aus?

Höre auf Gott,
denke darüber nach,
rede mit andern, sofern dies hilfreich ist,
und formuliere sie!

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Sonntag, April 24, 2011

Sch'ma Israel

Höre (hebr. "sch’ma") Israel! JaHWeH, unser Gott, (ist) einzig ("echad")!

Dies ist das zentrale jüdische Glaubensbekenntnis, wie es in Deuteronomium Kapitel 6 Vers 4 überliefert worden ist. Kurz und knapp, aber bereits jedes einzelne Wort hat es eigentlich in sich, wieviel mehr das ganze Bekenntnis und seine Folgen:

"Höre": So fängt das Bekenntnis an, nicht mit reden oder bekennen! Mit einer passiven, empfangenden Haltung, nicht mit aktiven Handlungen. Dies ist einzigartig, denn wenn ich es richtig verstehe, waren die Gottheiten früher welche, die als Figuren angeschaut und angebetet wurden und denen aufwändige Opfer dargebracht werden mussten. Hören dagegen hat eine ganz andere Qualität, es ist viel mehr auf Aufmerksamkeit, Beziehung, Dialog und Nähe angelegt als das Sehen der Götterbilder. Und es hat einen endlosen Lernprozess in Gang gesetzt, in dem das jüdische Volk tief geprägt wurde und viele Denker und Forscher hervorgebracht hatte.

"Israel": Der Empfänger ist ein Volk, nicht nur ein Individuum. Die kollektive Identität ist wichtiger und wird der individuellen vorgezogen. Aber Israel war und ist ein eher kleines Volk, kein grosses wie Aegypten und Babylon. Israel konnte (und kann) sich kaum auf eigene Stärke und Macht verlassen, um zu überleben. Gott sucht eher Menschen und Völker, die nicht ihre eigene Stärke in der Vordergrund stellen, sondern die sich ihrer Kleinheit und Abhängigkeit bewusst sind.

"JaHWeH": ist der Gott Israels, wie er sich Mose beim Dornbusch in der Steppe Sinais offenbart hat. JaHWeH ist mehr als ein Name, er ist die (geheimnisvolle) Gegenwart von Zuverlässigkeit, Unverfügbarkeit, Ausschliesslichkeit und Unbegrenztheit, die den Gott Israels ausmachen. Er ist einfach da, für sie, für uns und auch für mich. Wir dürfen ihn so anrufen, er steht uns jederzeit zur Verfügung, bleibt aber unverfügbar! Wir sind nie mehr allein.

"einzig - echad": JaHWeH unser Gott ist einer; er ist der Einzige, der wirklich ist, der unerschaffen ist, der auf nichts zurückzuführen ist. Auf diese Einheit und Ausschliesslichkeit habe ich mich einzustellen und auszurichten. Es ist müssig, darüber zu philosophieren, wie Gott beschaffen ist und funktioniert, es übersteigt mein Denk- und Vorstellungsvermögen. Aber unser Herz ist so beschaffen, dass wir immer nur auf etwas fokussiert sein können. Das könnte vielleicht ein psychologischer Gotteshinweis sein. Entweder habe ich einen Gott oder es ist ein Götze, ein Idol, das an seine Stelle tritt und das ich anbete und verehre, wo ich meine Zeit und meine Energie hineinstecke (frei nach Wilfried Daim).

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Freitag, Oktober 22, 2010

Die drei grundlegenden Versuchungen


3,16 Aber getauft (geworden), stieg Jesus sofort herauf aus dem Wasser. Und siehe, (es) öffneten sich ihm die Himmel, und er sah den Geist Gottes herabkommen wie eine Taube und auf ihn kommen.
17 Und siehe, eine Stimme aus den Himmeln sagte: Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe!


Identität und Wert kann man sich nicht wirklich selbst zusprechen, nicht einmal Jesus, der Sohn Gottes, tat dies! Sondern Gott sprach ihm Sohnschaft und Wohlgefallen zu. So auch uns: Unsere Eltern schenken uns Leben, Namen und Zuneigung. Und Gott spricht uns Wesentliches direkt und indirekt zu: nämlich Kindschaft und Zuwendung! Und ein Sprichwort sagt zu recht: Alles Wesentliche ist Geschenk.

Nach dem Zuspruch von Sohnschaft und Wohlgefallen wurde die Führung durch den Heiligen Geist konkret, gerade auch in schwierige Situationen und Entbehrung hinein. Jesus erlebte hier auch die grundlegend menschlichen Gefühle der Einsamkeit und des Hungers. Diese Mangelsituation will der Versucher ausnutzen.

Der Teufel/Versucher geht dabei nicht unmöglich vor, sondern schlägt zuerst etwas zutiefst Menschliches vor: Selbstversorgung. Doch dahinter steckt für mich das Motiv der Autonomie, Unabhängigkeit, die letztendlich Gott-los-igkeit ist. Ich werde selber schauen, dass meine Bedürfnisse gestillt werden. Jesus antwortet anders, indem er aus Dt/5Mo 8,3 zitiert: Und er dich beugte und liess dich Hunger leiden. Und er liess dich das Manna essen, das du nicht gekannt (hattest) und nicht gekannt hatten deine Väter. Damit er dich erfahren liesse, dass der Mensch (=adam) nicht von dem Brot allein lebt, sondern von allem, (was) ausgeht (vom) Mund JaHWeHs lebt der Mensch!
(Mir persönlich ist deshalb auch die Bitte Jesu zentral: „unser tägliches Brot gib uns heute!“)

Die nächste Versuchung ist bereits etwas subtiler. Hier geht es nach meinem Empfinden um das eigene Ansehen, Aufmerksamkeit, Aufsehen, Beachtung und Erfolg gegenüber der Volksmenge, die vor dem Tempel sein wird und es weiter erzählen wird. Jesus antwortet, indem er aus Dt/5Mo 6,16 zitiert: Ihr sollt JaHWeH, euren Gott, nicht erproben, so wie ihr (ihn) in Massa erprobt (habt).

Bei der letzten Versuchung geht es um irdische und menschliche Herrschaft und Macht. Vielleicht „fällt“ er hier herein, doch Jesus antwortet, indem er aus Dt/5Mo 6,13 zitiert: JaHWeH, deinen Gott, sollst du fürchten und ihm sollt du dienen, und bei seinem Namen sollst du schwören.

Auch uns Menschen begegnen heute diese drei Arten von Versuchungen, vielleicht nicht so konzentriert wie hier bei Jesus. Aber die Grundfragen stellen sich auch uns:
· Auf welche der drei Arten Versuchung bin ich anfällig?
· Wie reagiere ich auf Versuchungen?

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Sonntag, April 19, 2009

Gebete von Romano Guardini


Romano Guardini war katholischer Priester und Lehrer in Deutschland,
der bedeutende Werke zur menschlich-geistlichen Entwicklung und Reifung verfasst hat. Auch seine untenstehende Gebete zeugen davon:

Gott,
ich bitte dich, gib mir ein Auge,
das fähig ist, Jesus Christus zu sehen;
ein Ohr, das sein Wort versteht;
ein Herz, das von seinem Herzen berührt ist,
und lehre meine Hand,
sich vertrauend in die seine zu legen.

Herr und Gott,
du bist der Lebendige,
der alles durchwohnt und durchwaltet.
Ich will bei Dir eintreten und ausharren,
auch wenn ich meine, ich sei allein.
Lass mich erfahren,
dass ich bei Dir bin.
Die Offenbarung spricht von Deinem Angesicht,
das über uns leuchtet.
Zeige es mir, o Herr, dieses heilige Angesicht,
damit ich weiss, zu wem ich rede.
Ich glaube, dass Du mich liebst:
Lass mich Deines Herzens innewerden.

Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand.
Das ist meine Wahrheit und meine Freude.
Immerfort blickt mich dein Auge an,
und ich lebe aus deinem Blick,
du mein Schöpfer und mein Heil.
Lehre mich, in der Stille deiner Gegenwart
das Geheimnis zu verstehen, das ich bin.
Und dass ich durch dich und vor dir und für dich bin.

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Samstag, Oktober 18, 2008

Charakter


Das Wort „Charakter“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Prägestempel für Münzen und Siegel. Heute meint es hautsächlich die menschliche Prägung. Der Charakter eines Menschen wird meiner Meinung von mindestens fünf Hauptfaktoren bestimmt:
1. Kern: Personenmitte oder „Seele“, mein einmalig geschaffen sein von Gott, der mir Identität gibt
2. Gene: Vererbung von körperlichen und seelischen Wesenmerkmalen durch die leiblichen Eltern
3. Erziehung: Bezugspersonen der ersten Lebensjahre bestimmen durch Zuwendung die Ausbildung von Beziehungs-, Kommunikations-, Sprach-, Kooperations- und Konfliktfähigkeit wesentlich mit
4. Kultur: Umfeld, Milieu, Nachbarschaft, Schule und Freundeskreis tragen zum eigenen Wertesystem bei
5. Wille: früher oder später haben wir die Wahl zu eigenen Entscheidungen, die aber Folgen haben werden: „Säe einen Gedanken und du erntest eine Tat. Säe eine Tat und du erntest eine Gewohnheit. Säe eine Gewohnheit und du erntest einen Charakter. Säe einen Charakter und du erntest ein Schicksal.“

Wir Menschen haben generell mehr gemeinsam als dass uns unterscheidet und trennt. Die kollektiven Gemeinsamkeiten sind also grösser als die individuellen Eigenheiten. Deshalb kann es Sinn machen, Typologien als Modelle und Orientierungshilfen zu verwenden, um aus eigenen Verengungen, Verkrustungen und Sackgassen herauszufinden. Charaktertypen beschreiben dabei mögliche, unterschiedliche Persönlichkeits- oder Gemütsarten. Heute gibt es zahlreiche, teilweise ganz unterschiedlich gelagerte Charakterlehren und –typologien. Die meisten gehen auf die Griechen zurück, die ein besonderes Interesse am Menschen und seinen körperlichen und seelischen Fähigkeiten hatten.

Eine der bekanntesten, die „Vier-Elemente-Lehre“ stammt vom Griechen Empedokles. Aufgrund der vier „Elemente“ Wasser, Feuer, Erde und Luft stellte er auch vier Körperflüssigkeiten fest: Schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut. Diese Flüssigkeiten stehen wiederum für die vier Menschentypen:
· Melancholiker
· Choleriker
· Phlegmatiker
· Sanguiniker

Vor etwas weniger als hundert Jahren wurde diese Typologie vom norwegischen Theologen Ole Hallesbychristianisiert“ und nutzbar gemacht. Noch heute wird diese grobe Typologie angewendet, ich erachte sie aber nur anfänglich als hilfreich, da sie letztlich doch zu ungenau ist.

Eine ähnliche Typologie scheint mir das DISG-Persönlichkeitsmodell zu sein mit den vier Grundverhalten: dominant, initiativ, stetig und gewissenhaft. Es wird heute auch stark kommerziell genutzt, geht aber eigentlich auf den amerikanischen Psychologen William Moulton Marston zurück, der es 1930 entwickelt hat.

Zwei weitere Typologien:
Der Wiener Jude Sigmund Freud (1856-1939) hat die umstrittene Psychoanalyse entwickelt und eingeführt. Hier geht es um Abwehrmechanismen, die er festgestellt hat. Er unterscheidet:
1. narzisstisch (bedeutet: selbstverliebt): Spaltung drückt sich aus in Uebersteigerung
2. schizoid (bedeutet: abgespalten): Sublimierung (Vergeistigung) bewirkt Distanz
3. depressiv: Selbstagression bewirkt Abhängigkeit
4. zwanghaft: Reaktionsbildung bewirkt Kontrolle
5. hysterisch: Verdrängung zeigt sich in Geltungsbedürfnis

Der deutsche Psychologe Fritz Riemann (1902-1979) hat die Grundängste benennt, die Menschen bewegen und auch unterscheiden können:
1. Die Angst vor Nähe (beim schizoiden Menschen)
2. Die Angst vor Distanz (beim depressiven Menschen)
3. Die Angst vor Veränderung (beim zwanghaften Menschen)
4. Die Angst vor Beständigkeit (beim hysterischen Menschen)

Diese Grundängste, die häufig auf Erfahrungen und Reaktionen aus der Kindheit basieren, können sehr wohl auch bei Christen wirksam sein und ihre Gottesbeziehung prägen und mitbestimmen. Siehe auch die Zeitschrift "Bausteine" 5/07 Mit Angst Leben lernen (Seiten 6,7 und 17: Der Schizoide hat Angst vor einem zu nahen Gott, der Depressive vor einem grossen, zurückgezogenen und unerreichbaren Gott, der Zwanghafte vor einem unberechenbaren, strengen Gott. Diese ängstlichen Gottesvorstellungen hindern die Beziehung zu Gott. Sie können aber auch losgelassen, verändert und geheilt werden!) Viel Informationen zu all diesen Themen findet man heute auch unter www.wikipedia.org. Sie sind aber auch kritisch zu betrachten und zu ergänzen.

Rick Warren beschreibt in seinem Buch „Leben mit Visionn“ fünf Bereiche, die es als Christ zu beachten gilt, um das persönliche Profil zu entdecken, anzunehmen und einzusetzen. Ich habe sie mit entsprechenden Fragen ergänzt:

1. Persönlichkeit:
Wer bin ich? Was habe ich bereits an mir entdeckt? _____________________________________________________________________
Worin bin ich besonders, einmalig und einzigartig? _____________________________________________________________________
Kann ich mich ganz annehmen oder habe ich Vorbehalte? _____________________________________________________________________
Was weiss ich bereits über meine Identität und Lebensberufung? _____________________________________________________________________

2. Fähigkeiten:
Was kann ich gut, was nicht? _____________________________________________________________________
Was habe ich (leicht) erlernt und wie? _____________________________________________________________________
Was ist mir schwer gefallen und warum? ____________________________________________________________________
Wo und wie setze ich meine Fähigkeiten ein? _____________________________________________________________________

3. Geistliche Gaben:
Welche Gabe(n) habe ich (schon) entdeckt? _____________________________________________________________________
Was hilft mir, meine Gaben zu entdecken? _____________________________________________________________________
Was sagen mir andere Christinnen und Christen, wo ich begabt bin? _____________________________________________________________________
Wie setze ich sie ein, wo könnte ich mich und meine Gaben einsetzen? _____________________________________________________________________

4. Erfahrungen, Prägungen:
Wer und wie waren/sind meine Eltern? _____________________________________________________________________ Wie ist meine Geschwisterkonstellation? _____________________________________________________________________
In was für einem Umfeld, "Milieu" bin ich aufgewachsen, welche Werte galten dort? _____________________________________________________________________
Was habe ich in den Schulen gelernt, gefühlt und erfahren? _____________________________________________________________________
Wie habe ich meine Schulkameraden erlebt? _____________________________________________________________________
Was denke ich über meine Lehrer, Lehrmeister und meine Chefs, wie erlebte ich ihre Autorität? _____________________________________________________________________
Wie stark arbeite ich mit andern Menschen zusammen? _____________________________________________________________________
Wie waren meine ersten (Kirch)Gemeindeerfahrungen? _____________________________________________________________________
Wie habe ich meinen Pfarrer, Pastor oder Gemeindeleiter erlebt? _____________________________________________________________________
Was für Freundinnen und Freunde habe ich, wie pflege ich Beziehungen mit ihnen? _____________________________________________________________________

5. Neigungen:
Wofür schlägt mein Herz? _____________________________________________________________________
Bei welchen Tätigkeiten vergesse ich die Zeit? _____________________________________________________________________
Was möchte ich unbedingt erreichen und erleben?
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Montag, Januar 21, 2008

Der obdachlose Gott

Der deutsche Theologe und Autor Eugen Biser hat ein kurzes Büchlein mit dem Titel "Der obdachlose Gott" geschreiben. Der Untertitel lautet: Für eine Neubegegnung mit dem Unglauben. Es ist 2005 im Herderverlag Freiburg mit der ISB-Nummer: 3-451-28866-5 erschienen. Eugen Biser wurde 1918 geboren, studierte Theologie und war Professor in Passau, Marburg, Bochum, Würzburg und in München Dekan. Er ist päpstlicher Ehrenprälat.
Biser skizziert hier kurz eine europäische Geschichte des Unglaubens. Darin spielen Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud und Mackie eine Hauptrolle. Er zeigt aber zugleich auch auf, dass menschliche Grundängste da mitspielen und das Verhältnis zu Gott, zum andern und zu sich selbst beeinträchtigen. So ist eben auch Unglaube eine Form von Glauben! Papst Johannes Paul II hat es so zugespitzt: „Du bist frömmer, als du glaubst, mit einem solchen Unglauben.“.
Bei Martin Luther lautete vor der Reformation die Grundfrage „wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ (Seite 36). Später bei Kierkegaard verlagerte sie sich zu „Warum muss ich sein?“. Reinhold Schneider stellte fest, dass ohne Lebenswille kein Glaube möglich ist. Wir werden zum Glauben bewogen, nicht erzogen. Buber hat uns den jüdischen Vertrauensglauben anstelle eines „Für-wahr-Haltens“ wieder nahe gebracht. Es geht eben nicht nur um ein richtiges Bekenntnis, sondern auch um Erfahrungen im Glauben. Ebenso geht es nicht um Leistung, sondern um Verantwortung, wie Romano Guardini betont hat.
Im Akt der Offenbarung lässt sich Gott zum Menschen herab, um ihn ins Einvernehmen mit sich zu ziehen (Seite 92). Die Auferstehung Jesus ist Angel- und Drehpunkt des ganzen Christentums, so Ulrich Wilckens. Diese Tatsache muss aber verinnerlicht werden: Nur so wird der Gegenstand des Glaubens zur Identität. Biser sagt es so: „Der Geglaubte mischt sich selbst in den Glaubensvollzug ein und führt ihn in mystischer Interaktion zum Ziel... Ziel dieser Glaubensmystik besteht nach Paulus in einem Identitätstausch... die Zurücknahme des menschlichen Ich soll seiner, Christus in mir, Anwesenheit Tür und Tor öffnen.“
Seit Imanuel Kant gibt es im westlichen Christentum eine Schieflage, die sich in Kopflastigkeit ausdrückt. Das Hauptgewicht des Christentums verlegte sich so hin zur Ethik. Biser hält dem entgegen, dass das Christentum eine zutiefst therapeutische und mystische Religion sei. Sie zielt auf Heilung, Erhebung und Verwandlung des Menschen und will Sinnfindung im Leiden möglich machen. Gegen Schluss (Seite 96) zitiert er nochmals Kierkegaard, der sagte: „Jesus ist die leibhaftige Verkörperung seiner Botschaft... er bleibt mit den Seinen gleichzeitig, er wohnt als mystische Sinnmitte ein und... verhilft dadurch zur vollen Identität.“
Der obdachlose Gott ist ein wertvoller Beitrag zur gegenwärtigen Atheismusdebatte. Ein kurzes, unscheinbares Büchlein, das zum Nachdenken anregt, weil es unaufgeregt und gut formuliert die Anfragen an den christlichen Glauben aufgreift, auf Wesentliches hinweist und die persönliche Verflochtenheit in Sachen Glauben aufzeigt. Es ist für Menschen zu empfehlen, die bereit sind, ihren Unglauben und Glauben zu überdenken und intellektuell zu verantworten. Es beantwortet in seiner Kürze aber nicht alle Fragen, die in diesem Zusammenhang gestellt werden können. Zudem ist der gewählte Titel „Der obdachlose Gott“ etwas verwirrend, geht es Biser doch eher um den entwurzelten, verwirrten, gekränkten und verängstigen Menschen, der dadurch seinen Unglauben vor sich her schiebt und nicht zu einem persönlichen Glauben an einen offenbarten und vertrauensvollen Gott findet.

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Donnerstag, April 26, 2007

Ansätze zur Vertiefung, Leben als Fragment

Im letzten Teil ab Seite 267 kommt die Synthese mit Ansätzen zur Vertiefung. Zusammenfassend legt Bartels nochmals die wichtigsten Definitionen und Sichtweisen des Enneagramms dar:
Gurdjieff: Das Enneagramm ist universales Symbol, Wissen oder Gesetz
Richard Rohr: Das Enneagramm ist einfach und schön wie die Wahrheit
Andreas Ebert und W. Trillhaas (Internationale Enneagramm-Gesellschaft): Das Enneagramm ist heuristisch zu gebrauchen als Suchhilfe und Wegweiser
Bartels: Das Enneagramm soll als offenes System gesehen werden und darf nicht gesetzlich und zwanghaft angewendet werden. Triaden, Flügel und Pfeile dürfen deshalb nicht zu stark gewichtet werden, sonst entsteht ein Systemzwang. Gesetzmässigkeiten können überschätzt werden und machen verkrampft, humorlos und unfrei. Er verweist auf das Buch von Bernhard Grom: Wer bin ich? Reichweite und Grenzen von Charaktertypen in Psychologie und Esoterik. Köln 2000.

Bartels unterstützt auch die Sicht von Henning Luther, der das Leben als Fragment versteht. Dann heisst Reife auch, die eigene Gebrochenheit und Endlichkeit annehmen statt (krampfhaft) Ganzheit und Selbsterlösung suchen. Ganzheit, eine volle Identität ist nur bei Verzicht auf Trauer, Hoffnung und Liebe möglich! Wie Gott sein wollen, das ist die Sünde! Das Kreuz zeigt uns Jesus gerade als gebrochenen Menschen!
Als evangelischer Theologe weist Bartels auch darauf hin, dass Sünde „Sund“, Tod und grundsätzliche Trennung von Gott bedeutet. Es geht um mehr als Barrieren, Blockaden, Dilemma, dunkle Seiten, Einseitigkeiten, Fallen, Fehlhaltungen, Hindernisse, Lieblingslaster und Zwänge, wie sie im Enneagramm beschrieben werden. Es geht um die Stellung des Menschen vor Gott und um grundsätzlichen Unglauben, Gott nicht zu vertrauen. Das ist die eigentliche „Todsünde“.
Bartels plädiert daher für eine Vertiefung des Sündenbekenntnisses: „Ich habe nicht nur eine dunkle Seite, sondern ich bin als Person, Natur und Wesen ein Sünder“. „Superbia“ ist die sündige Selbstüberschätzung, gerade auch in Form sittlicher Leistungen, und führt zu Selbstgerechtigkeit, spirituellem Hochmut und elitärem Selbstbewusstsein. Der Mensch ist verkrümmt in sich selbst, das war schon Martin Luthers Erkenntnis. Sündenerkenntnis mit Gotteserkenntnis macht uns lebendig. So ist eine Gemeinschaft der Verwundbarkeit, ein Anteilgeben an eigenen Schwächen möglich (nach Ulrich Bach und Samuel Jakob), eine Gefährtenschaft der Nackten kann beginnen (Henning Luther) und ein kommunikativer Suchprozess wird eingeleitet (Ch. Meier).
Das trifft den Nagel auf den Kopf, falls man wie ich den christlichen Glauben als Weg und Weggemeinschaft versteht!

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Donnerstag, November 09, 2006

Der jüngere Sohn

Der jüngere Sohn sagte zu dem Vater: "Vater, gib mir den Anteil des Vermögens, der mir zukommt." Da teilte er den Besitz unter sie. Wenige Tage darauf packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog fort in ein fernes Land."

So kurz und schlicht beschreibt Lukas, was der jüngere Sohn sagt und tut. Doch die Tragweite ist gross, die Beziehung zum Vater und zum Zuhause wird dramatisch abgebrochen: Der jüngere Sohn wünscht sich zutiefst, dass der Vater tot sei. Er verlangt nicht nur die Teilung des Erbes, sondern auch das sofortige Verfügungsrecht. Beide Forderungen wurden damals wie heute und in allen Kulturen als hartherzig, brutal, anstössig und ungeheuerlich empfunden. Sie setzen stillschweigend voraus: "Vater, ich kann nicht warten bis du tot bist!" (nach Kenneth Bailey)
Der Sohn trennt sich von allem, was ihm der Vater gelehrt und beigebracht hat: Werte, Denkweise, Lebensstil, etc. Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass er dann in seiner Armut und Not nicht zu einem Juden oder zur jüdischen Gemeinde geht, wie es damals üblich war, sondern zu einem Bürger des dortigen Landes.
Wenn ich vom Vaterhause weggehe, bedeutet das auch, dass ich das Geschaffen- und Geliebtsein von Gott, dem Vater, ablehne. Die feine Stimme Gottes, die mich als Geliebter ansprechen will, ist dann weit weg und stirbt gar langsam ab. Andere Stimmen treten an seine Stelle auf: "Zeige, dass du liebenswert bist! Zeige, dass du ein braver Junge, ein gutes Mädchen bist! Zeige, dass du leistungsfähig bist! Zeige, dass du besser als die andern bist! Zeige, dass du das Leben meisterst, dass du es alleine schaffst! Nimm dein Leben an die Hand! etc."
Nouwen schreibt: "Sucht ist das vielleicht treffendste Wort für die Verlorenheit, die unsere heutige Gesellschaft durchdringt. Es geht um Macht, Reichtum, Geltungsdrang und Verschwendung, doch diese stillen niemals unsere tiefsten Bedürfnisse."
Doch es gibt einen Weg heraus und zurück, auch wenn er uns alles abverlangt. Er fängt mit der Einsicht an, dass ich meine wahre Identität als Sohn oder Tochter verspielt habe. Ich muss bereit werden, meine falsche Identität aufzugeben und den Vater, um Vergebung zu bitten. Ich muss so weit kommen, dass ich keine Forderungen und Bedingungen mehr stelle. Ich kann nicht mehr abschätzen, was mit mir dann passieren wird. Zu Gott kann ich nur leer, demütig und als Verlorener kommen. Der Zöllner schlug sich an die Brust und betete: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" (Lk 18,13b). Um beim Bild zu bleiben: Fast alles ist dem jüngeren Sohn genommen oder verschlissen worden auf seinem falschen Weg: Haare, Kleider (Mantel) und Schuhe. Die Sünde nimmt uns letztlich alles, aber sie gibt uns nichts wirklich.

Die Frage an dich lautet: Wann und wie stark habe ich mich schon mit dem jüngeren Sohn identifiziert?

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Sonntag, Oktober 22, 2006

Ein Gedicht von Billy Collins

Zehn werden

Die blosse Vorstellung lässt mich so fühlen
als ob ich mir etwas einfange
das schlimmer ist als jeder Magenschmerz
oder das Kopfweh, das ich bekomme, wenn ich in schlechtem Licht lese –
Eine Art Masern des Geistes,
Mumps der Psyche,
hässliche Seelen-Windpocken.

Du sagst, es sei zu früh für einen Rückblick,
aber das liegt daran, dass du vergessen hast:
die vollkommene Schlichtheit, eins zu sein,
und die wundervolle Komplexität, die die Zwei bringt.
Aber ich kann in meinem Bett liegen und mich an jede Ziffer erinnern.
Mit vier war ich eine arabischer Zauberer.
Ich konnte mich unsichtbar machen,
indem ich ein Glas Milch auf eine bestimmte Weise trank.
Mit sieben war ich Soldat, mit neun Prinz.

Aber jetzt stehe ich meistens am Fenster und schaue in das Licht des Spätnachmittags.
Früher fiel es nie so feierlich auf mein Baumhaus,
und mein Fahrrad stand nie an die Garage gelehnt, so wie heute,
die ganze dunkelblaue Geschwindigkeit herausgetropft.

Das ist der Beginn der Traurigkeit, sage ich mir,
während ich das Universum in meinen Turnschuhen durchquere.
Es ist Zeit, meine imaginären Freunde zu verabschieden,
Zeit für die erste grosse Zahl.

Es kommt mir so vor, als hätte ich noch gestern geglaubt,
dass es unter meiner Haut nichts als Licht gäbe.
Wenn du mich geschnitten hättest, hätte ich geleuchtet.
Aber wenn ich jetzt auf die Gehwege des Lebens falle,
schürfe ich mir die Knie auf. Ich blute.

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Montag, Oktober 16, 2006

Aspekte der Grundmuster 5-7

Grundmuster 5: Beobachter, Denker, Philosoph
· Programm: Wissen und Rückzug (oder schärfer formuliert: Habsucht und Absonderung)
· Welt der Objektivität, der Wissenschaft, des Forschens, der Systeme, der Segmentierung, der Isolierung, der Auseinandersetzung, der intellektuellen Argumentation, der Abhandlung, des Abstands und Gabe des Zuhörens; Motto: „Durch konzentriertes Arbeiten dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kommen“
· Weltsicht: „My home is my castle“ oder „Die Welt ist aufdringlich, ich brauche meine vier Wände, um nachzudenken und aufzutauchen“ Helen Palmer
· Grundgefühl: Sparsamkeit, Minimalismus: „Weniger ist mehr“ oder „Wenn ich den kleinen Finger gebe, nimmt man mir die ganze Hand“
· Vorgehen: subjektives Vermeiden, kontemplatives Abstandnehmen, Reduktion
· Integration: sich einlassen, teilen, Teilnahme, Anteil geben: „Geben ist seliger als Nehmen“ (Ap 20,35)
· Beispiele: René Descartes mit „Cogito ergo sum“; Gerhard Testeegen, evangelischer Dichter und Mystiker, „Geist des Kapitalismus“ (Max Weber)

Grundmuster 6: loyaler Skeptiker, produktiver Zweifler, „advocatus diaboli“
· Programm: Sicherheit und ängstlicher Zweifel
· Denkmuster und Weltsicht: Angst, Furcht, Misstrauen: Die Welt ist ein gefährlicher Ort; geht vom schlimmsten Fall auf; Sicherheitsdenken, Pflichtbewusstsein, Schutz, Kontrolle und Aufsicht; Abwehr-haltung, binäres Denken: Einteilung in Freund und Feind, Kampf zwischen Gut und Böse, Böse ausrotten (Beispiele: Hexenverfolgungen, Nazismus, Terrorismusängste nach 11-9-01, Fundamentalismus, „Achse des Bösen“)
· Tiefe Unentschlossenheit
· Sprachstil: warnende Begrenzung
· Identifizierung durch Abgrenzung und Aggression
· Verwechseln Gewissheit und Sicherheit (Götze)
· Kein Zugang zu verdrängten Aengsten: die phobische Reaktion ist Rückzug und Flucht, die kontra-phobische Reaktion ist Angriff und Kampf (aufgesetzte Härte verdrängt die Angst, z. B. Kampfsport)
· Einladung zu Vertrauen, Glaube und Mut: „Fürchte dich nicht!“
· Helen Palmer als Beispiel: sie ist seelenkundig aus Angst
· Watzlawicks: Geschichte mit dem Hammer

Grundmuster 7: Epikureer, Glücksucher, Massloser, Optimist, Träumer, Vielseitiger
· Programm: unbekümmerter Optimismus und nervöse Aktivität
· Welt der positiven Einreden führt zu Idealismus, Verblendung und Verdrängung
· mit grossem Energiepotential aktiv sein bis hin zur Masslosigkeit, Unersättlichkeit und „Völlerei“: Es ist die leidenschaftliche Suche nach Lust (Hedonismus) und Erfüllung durch oberflächliche Vergnügungssucht und bombardiert werden von sinnenhaften und sinnlichen Wahrnehmungen
· Sprachstil: heitere Geschichten erzählen und inszenieren
· Beispiele: Salomo (Beschreibung der eigenen Masslosigkeit im Prediger), Mozart, Peter Pan und das „magische Kind“, das nicht erwachsen werden will
· Integration: konstruktive Schmerzverarbeitung und realistischer Umgang mit Leiden lernen: Schmerz und Tragödie des eigenen Lebens zulassen und wahrnehmen, Theologie des Kreuzes; die eigene Mitte finden, Nüchternheit und Konzentration aufs Wesentliche, bleiben und standhalten, Mässigung und Engagement

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Mittwoch, Oktober 11, 2006

Aspekte des Grundmusters 1

In Teil c) bei Schulz geht es um "Sprachstil und Aspekte geistlicher Begleitung im Rahmen einzelner Grundmuster". Es geht ihm hier um praktische Theologie, um reflektierte Praxis der Seelsorge und geistliche Begleitung, um Rezipierung "pathologischer" Blindheiten einzelner Muster und um eine "therapeutisch-heilsame Grundhaltung". Jesus als Heiland und Therapeut steht da im Vordergrund. „Störung und Charisma, Verblendung und Begabung sind in der Sicht des Enneagramms aufs Engste miteinander verwoben“ (Seite 557). Zudem hält Schulz viel von Claudio Naranjo, dessen Buch "Erkenne dich selbst im Enneagramm, die neun Typen der Persönlichkeit" 1994 in München erschienen ist und bezeichnet es als "elementares Bussbuch". Auch Helen Palmer und Suzanne Zuercher, die seit Jahrzehnten mit dem Enneagramm arbeiten, werden im Rahmen der Grundmuster häufig zitiert. Nun folgt eine stichwortartige Zusammenfassung der einzelnen Grundmuster:

Grundmuster 1: Perfektionist, Reformer
· Programm: Perfektion und Groll
· Tendenz zu moralischer Ueberlegenheit, moralisch gefärbte Rechtschaffenheit (Suzanne Zuercher)
· "Predigender" Tonfall; höfliche Worte mit schneidender Stimme und Lächeln mit steifer Körperhaltung (Helen Palmer)
· aristokratisches Selbstbild und erlesenes, gönnerhaftes und herablassendes Benehmen (Claudio Naranjo)
· Positives Ziel: "Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist" Mt 5,48
· Negativbild: zu urteilendes und beurteilendes Denken und Reden, wie es Jesus in Mt 7,1-6 dargestellt hat
· lebt nach Maxime: "zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen... fürs Vergnügen reicht es dann aber kaum mehr"
· innerer Gutachter, Kritiker oder Richter ist zu stark ausgeprägt (integrativer Umgang mit dem inneren Kritiker lautet etwa so: „du gehörst zu mir, mit Humor schaue ich dich an“)
· Paulus und Luther sind die grössten Theologen mit Einser-Muster: „Lass dir an meiner Gnade genügen“ (2Ko 12,9) war die befreiende Antwort für sie. Reformatorische Erkenntnis ist auch vor EINER-Hintergrund zu sehen
· Hilfreiche Meditation: Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (Mk 4,26-29)

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Dienstag, Oktober 10, 2006

Innere Achtsamkeit

Die Hinführung zur inneren Achtsamkeit, zum inneren Beobachter und zur Gnade des inneren Abstands (ab Seite 412) scheint Schulz ein zentrales Anliegen zu sein. Er greift nochmals Erich Fromm mit seiner „seinshaften Präsenz“ anstelle der Habsucht auf. Anselm Grün nennt das gleiche Geschehen „Einübung in die Nichtidentifikation“. Viel Raum nimmt dann die Auseinandersetzung mit (dem jüngeren) Christoph Blumhardt ein, da sich Schulz mit ihm seit über dreissig Jahren befasst hat und er ihn für einflussreich auf die Entwicklung der deutschsprachigen Theologie hält. Es geht hier spezifisch um die spirituelle Lebensgestaltung. „Merks“ heissen bei Blumhardt die Sensibilisierungen für den Willen Gottes durch beten, hören und tun, das „innerliche Reden Gottes“ wahrnehmen oder anders gesagt „aufmerksam sein auf die innere Stimme“. Denn der Geist Christi kann Eindrücke geben, auf die man sorgsam achten muss. Durch Folgsamkeit und Gehorsam wird das innerliche Reden Gottes immer vernehmlicher. Wir bekommen durch „nach innen gerichtetes Hören“ ein „Takt-, Fein- oder Zartgefühl“, ein geistliches Unterscheidungsvermögen, das durch Einübung zunimmt.
Im selben Unterkapitel (Seite 419) verweist Schulz auf das Buch von Richard Rohr: Von der Freiheit loszulassen. Es enthält u. a. eine Uebung von Thomas Keating, die eine didaktische und homiletische Einführung in die Kontemplation darstellt. Zusammenfassend definiert er Kontemplation so: „Kontemplation ist ein langer liebevoller Blick auf das, was wirklich ist. Dort wo wir nicht mehr urteilen und nicht mehr angreifen, sondern dort, wo wir einfach empfangen“.
Gesunder innerer Abstand stellt sich da ein, nach Francis Acharya, wo „Identifikationen nicht mehr die eine wesentliche und entscheidende Identifikation verdecken: die mit unserer Gottes-Kindschaft; ja, mit Gott und seiner Freiheit. Sie muss alles überstrahlen, ihr müssen sich alle anderen Identifikationen unterordnen“.
Jörg Zink hat es 1985 in seinem viel verbreiteten Buch „Wie wir beten können“ so formuliert: „Herr, mein Wort ist nicht genug. Ich will schweigen, damit ich lerne, dein und mein Wort zu unterscheiden. Denn ich möchte dein und nicht mein eigener Mund sein. Gib du mir dein Wort“.

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Montag, September 25, 2006

Das ist etwas für die Verrückten

Die Aussenseiter.
Die Rebellen.
Die Schwierigen.
Die Pflöcke, die am falschen Platz stehen.
Die, die Dinge anders sehen.
Die, die Rollen nicht lieben.
Und die, die keinen Respekt vor dem "Status quo" haben.

Du kannst sie loben,
ihnen widersprechen,
sie zitieren,
ihnen nicht glauben,
sie verherrlichen oder
sie verabscheuen.
Aber das Einzige, was du nicht kannst ist, sie ignorieren.
Weil sie Dinge verändern.
Sie erfinden.
Sie haben Vorstellungen.
Sie heilen.
Sie erforschen.
Sie kreieren.
Sie inspirieren.
Sie bringen die menschliche Rasse vorwärts.
Vielleicht sind sie verückt.
Wer sonst kann auf eine leere Leinwand starren und ein Kunstwerk sehen?
Oder in der Stille sitzen und ein Lied hören, das nie aufgeschrieben wurde?
Oder einen roten Planeten anstarren und ein Labor auf Räder sehen?
Wir machen Tools für diese Art von Leuten.
Weil einige sie als die Verrückten ansehen, deshalb sehen wir sie als genial.
Weil nur Leute, die genug verückt denken, können die Welt ändern,
es sind die Einzigen, die es tun.

(Der englische Text wurde im August 2005 von Danny Gandy geschrieben)

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