Freitag, August 14, 2015

Die Schallmauer II

Wie deine persönliche Schallmauer, wie dein Weg mit Gott durch Krisen und Grenzen hindurch in ein neues, noch unbekanntes Land sein wird, kann ich nicht sagen. Oft wählen wir diesen schweren Weg nicht, sondern es geschieht einfach mit uns! Auch wissen wir kaum den Kairos, den Zeitpunkt Gottes, an dem er diesen Prozess auslösen wird, wie lange er dauern wird und wie intensiv er sein wird. Wie viel wird er uns zumuten? Was ich aber sagen kann, ist, dass Gott ein riesiges Interesse an uns und an unserer Verwandlung ins Bild von Jesus hat. Aber diese Verwandlung löst uns aus dem Vertrauten und aus dem Verhafteten, sie schafft vorerst Erschütterung, Unsicherheit und oft Schmerzen. Ich muss etwas loslassen, was mir vertraut oder gar lieb geworden ist, das ich nicht ohne weiteres hergeben würde. Es ist eine Entäusserung, wie sie im grössten Mass Jesus annehmen und durchleben musste bis zum entwürdigenden und beschämenden Tod am Kreuz. Im Philipperbrief 2,5-8 ist es so beschrieben: Seid unter euch so gesinnt wie in der Gemeinschaft mit Jesus Christus; der, in (der) Gestalt Gottes seiend, das Gleichsein (mit) Gott nicht für einen Raub gehalten hat, sondern sich entäussert hat, (die) Gestalt eines Knechts angenommen hat, in Gleichheit (der) Menschen geworden (ist)! Und an (der) äusseren Erscheinung erfunden (wurde) wie ein Mensch; er hat sich selbst erniedrigt, (ist) gehorsam geworden bis zum Tod, und (zwar) zum Tod am Kreuz. Der Tod Jesu war für seine Jünger eine unerwartete Katastrophe. Ihr Meister und Vorbild, auf den sie so viel gesetzt hatten, war nun tot. Maria war in tiefster Trauer, Thomas in starkem Zweifel und Simon Petrus tief beschämt über seinem Versagen. Mit diesen geknickten Drei hatte der auferweckte Jesus einzigartige, exemplarische Begegnungen. In ihrer Not und Enttäuschung begegnete er ihnen, konfrontierte sie ganz unterschiedlich und führte sie ihrer Situation und ihrer Art gemäss über die eigenen Grenzen hinaus. So konnte Neues, Unbekanntes und ein befreites und verwandeltes Leben beginnen. Eine dieser drei Personen kann auch dir zum Vorbild werden, wie Gott dich durch deine „Schallmauer“ leiten will und kann. Beachte und meditiere, was Jesus sagt und was sie tun: ·Johannes 20,16-18: Jesus sagt zu ihr: Maria! Sie hat sich umgewandt und sagt zu ihm auf hebräisch: Rabbuni, was heisst: Meister! Jesus sagt zu ihr: Fasse mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater; gehe aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott! Maria, die Magdalenerin geht (und) verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und dies habe er ihr gesagt! ·Johannes 20, 27-29: Dann sagte er (=Jesus) zu Thomas: Gib deinen Finger hierher und sieh meine Hände; und gib deine Hand her und lege (sie) in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagt zu ihm: Weil du mich gesehen hast, bist du gläubig geworden; selig (sind), die nicht gesehen haben und (doch) zum Glauben kommen! ·Johannes 21,15-19: Als sie nun gefrühstückt hatten, sagt(e) Jesus zu Simon Petrus: Simon, (Sohn des) Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er sagt(e) zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe! Er sagt(e) zu ihm: Weide meine Lämmer! Er sagt(e) zu ihm wiederum zum zweiten Mal: Simon, (Sohn des) Johannes, liebst du mich? Er sagt(e) zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe! Er sagt(e) zu ihm: Hüte meine Schafe! Er sagt(e) zu ihm das dritte Mal: Simon, (Sohn des) Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, dass er zu ihm gesagt hatte das dritte Mal: Hast du mich lieb? Und er sagte zu ihm: Herr, alles weißt du, du weißt (auch), dass ich dich lieb habe! Jesus sagt(e) zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jung warst, gürtetest du dich selbst und gingst umher, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst! Dies aber sagte er, (um) anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott verherrlichen werde; und dies gesagt habend, sagt er zu ihm: Folge mir!

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Freitag, April 24, 2015

Eine Lebensregel entwickeln (Schluss)

Daniel in Babylon ist ein gutes Beispiel eines Menschen, der unter schwierigen Umständen eigene Lebensregeln festgelegt hatte. Gute Lebensregeln umfassen Elemente der Spiritualität (Gebet, Bibellese, Stille, Studium), der Ruhe (Sabbat, Einfachheit, Spielerisches), der Arbeit (Dienst, Körpertraining, Gesundheit) und der Beziehungen (Familie, Gemeinschaft, Freundschaft). Hiob ist ein Paradebeispiel für die Aufmerksamkeit seines inneren Lebens, ohne sich falschen Konventionen anzupassen (Seite 160). Er hat seinen Schmerz herausgeschrieen (Hi 3,3 & 6,2), er hat Gott angeschrieen (kämpfen, zweifeln, sich beschweren und weinen wie auch in den Psalmen, Klagelieger und 2. Samuel 1,17-27). Scazzero betont, dass wir Gott unsere Gefühle offenlegen müssen, ansonsten sickern sie langsam aus uns heraus durch passiv-aggressives Verhalten, Sarkasmus und strafendes Schweigen. Zudem sind verwirrende Wartezeiten auszuhalten, damit wir uns nicht überschätzen und die Sache nicht fälschlicherweise an die eigene Hand nehmen. Für uns alle gilt, dass wir das Geschenk der Begrenzung annehmen sollen und dürfen: · In Persönlichkeit und Temperament · Beim Körper und dessen Zerfall · Bezüglich Herkunftsfamilie, Familiensituation und Beziehungen · In Fähigkeiten, Talente und Gaben · Bei materiellen Ressourcen und Zeit · In der Arbeit und bei Erkenntnissen. Stufen der Demut nach Benedikt von Nursia sind: 1. Gottesfurcht, Gottes Gegenwart bewusst sein 2. Gottes Willen tun, Hingabe 3. Sich der Leitung anderer anvertrauen 4. Geduld mit Schwierigkeiten und Fehler anderer 5. Radikale Offenheit gegen andere bezüglich eigener Schwächen 6. Tiefe Einsicht in das eigene Sünder sein 7. Weniger sprechen und mehr Gott suchen bedeutet weise sein 8. Von der Liebe Gottes durchdrungen sein und alles als Gnade annehmen. Altes loslassen kann Neues bewirken: Trauer kann zum Segen werden, besonders wenn ich Verluste akzeptieren kann. "Denn das Weizenkorn muss in den Boden kommen und sterben, nur so kann es Frucht bringen." Die grösste Frucht ist eine vertraute und vertiefte Gottesbeziehung.
In einem Stadtturm im piemontesischen Alba

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Sonntag, März 15, 2015

Kontemplative Spiritualität

Kontemplative Spiritualität ist eine Frömmigkeit, die von Gottes Liebe, Wertschätzung und Zuwendung lebt (Seite 50). Gott wird in der Bibel mit vielfältigen Emotionen wie Fröhlichkeit, Mitgefühl und auch Zorn beschrieben, warum sollten wir nicht auch so emotional sein? Unter all meinen Identitäten und hinter meinen Masken und auch nach den Folgen des Sündenfalls liegt meine wahre Identität, die lautet: Ich bin von Gott gewollt, gemacht, geliebt, wertgeschätzt, bedeutsam und einmalig! Annehmen der wirklichen Identität hilft gegen Versuchungen wie Erfolg, Besitz und Beliebtheit. Auch Familiengeheimnissen wie „ich gebe dir, dafür gibst du mir“ bin ich nicht mehr ausgeliefert. Sie können erkannt, hinterfragt und durchbrochen werden. Eine kontemplative Spiritualität orientiert sich dagegen an folgenden Kriterien: ·Gottes Liebe in allem suchen, erkennen und sich ihr überlassen ·Gottes Gegenwart suchen, auf ihn hören und bei ihm verweilen und ruhen ·Gott erlauben, in der Tiefe unseres Wesens zu wohnen ·Geistliche Übungen wie Stille und Einsamkeit zulassen, ein- und regelmässig ausüben ·Leben als Wachstumsprozess verstehen lernen, der auch Schmerzen einschliesst ·Andere Menschen lieben von Gott her und aus seiner Perspektive und Kraft ·Einen ausgeglichen Lebensstil und Lebensrhythmus entwickeln und pflegen ·Verbindliche Gemeinschaft leben Kontemplative Spiritualität will den Weg der Nachfolge Christi unterstützen und zielt daher auf konkrete Schritte: Stille, ehrliche Begleitende, Verlassen, Beten für Mut und Durchbrechen der „Schallmauer“. Die Geschichte Josefs ist ein gutes Beispiel für emotionale Gesundheit und spirituelles Wachstum. Er wuchs in einer Patchworkfamilie auf, wo Lüge und Betrug seit Generationen als Familiengeheimnis geherrscht hatten. Trotz herben Enttäuschungen und massiven Verlusterfahrungen (in seiner Jugend) hielt er an Gott fest. Josef war Gott treu im kleinen, um zu gegebener Zeit Grosses tun zu können. Gott führte ihn geheimnisvoll an die zweithöchste Stelle in Ägypten, damit seine Familie und er überleben konnten (Gen 45,7+8). Mehrmals weinte Josef laut, um seiner Trauer ohne Beschönigung Raum zu lassen. Er benannte seine Kinder Manasse und Ephraim, was Vergessen und Wachsen lassen bedeutet.

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Sonntag, Februar 22, 2015

Peter Scazzero: Das Paulus-Prinzip

Peter Scazzero hat zusammen mit Warren Bird das Buch "The Emotionally Healthy Church" geschrieben. Es wurde in Deutsch mit dem eher unglücklichen Titel "Das Paulus-Prinzip. Warum Schwäche ein Gewinn sein kann" versehen und ist im Jahr 2008 im Francke-Verlag in Marburg unter der ISBN 978-3-8612-998-8 erschienen. Zum Autor: Peter Scazzero wurde in New York als Sohn von italienischen Einwanderern geboren. Er studierte Theologie, arbeitete danach für die christliche Studierendenorganisation Intervarsity und lernte in Costa Rica die spanische Sprache. Im New Yorker Stadtteil Queens gründetete er eine englisch- und eine spanischsprachige Gemeinde. Trotz vieler Arbeit und Erfolg wandte sich später ein Grossteil der Hispanics-Gemeinde ab und auch seine Ehe mit Geri war sehr angespannt, was ihn zum Umdenken zwang. Er begann mehr auf einen gesunden Lebensrhythmus und emotionale Reife und Stärke zu achten, das Sein vor Gott statt das Tun bekam Priorität. Zum Buch: Scazzero nimmt uns mit auf seine Lebensreise, die von seinen Eltern und den Idealen der heutigen westlichen Welt geprägt war. Er konnte dadurch einen grossen Arbeitseinsatz und eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit entwickeln. In seinem Dienst als Pastor stellte er aber fest, dass geistliche Mittel nicht für alle seelischen und Beziehungsprobleme helfen (Seite 20). Das Ziel sollte sein, Jesus als Menschen an die höchste Stelle des Lebens zu setzen, um andere wirklich zu lieben (Seite 24). Er begann, die Dynamik der Verbindung zwischen seelischer Gesundheit und geistlicher Reife zu begreifen. Wir brauchen geistliche Väter und Mütter. Das innere Leben eines Leiters ist wichtiger als sein Wissen, seine Gaben und seine Erfahrung (Seite 26). Durch unsere sündige, verletzte, verwundete und unreife Persönlichkeit stecken wir Gott (oft) unwissentlich in einen starren, engen Kasten statt ihn in den Tiefen unseres Innern wirken zu lassen und auch unsere tiefen Gefühle zuzulassen. Das führe zu seinem falschen Verständnis von geistlichen Begriffen wie demütig sein, Leiden, Kreuz auf sich nehmen und Sterben. Wenn wir unsere tiefsitzenden und negativen Gefühle verdrängen, werden wir zu zerrissenen Menschen, beispielsweise war Bob Pierce von Word Vision ein solch getriebener Mensch. Im Roman „Giftholzbibel“ wird Nathan Price als Missionar im Kongo ebenso beschrieben, der sogar das Leben seiner Familie aufs Spiel gesetzt hat, um seinen falsch verstandenen Missionsdienst weiter ausführen zu können. Eine der Ursache ist, dass die griechische Philosophie Platos über Augustinus und andere Kirchenlehrer in die christliche Kirche und viele Gemeinden gekommen ist. Alles Körperliche wurde dadurch entwertet, negative Gefühle wurden zu Sünden, Wut gar zu Unrecht zur Todsünde erklärt. Wir wurden aber zum Bild Gottes geschaffen, was den ganzen Menschen einschliesst. Gefühle sind eine Sprache der Seele (nach Dan Allender und Tremper Longman). Viele Christen können ihre Gefühle nicht (mehr) identifizieren, weil sie keinen wirklichen Zugang zu ihnen erlernen konnten. Sie sind dann wie eingefroren, was in der Folge zu Schauspielerei und Heuchelei führen kann. Geistliches Leben und Führung muss immer auch seelische Reifung einschliessen! Eigene Schwäche und Bedürftigkeit zu zeigen ist oft hilfreicher als andern nur helfen, ihre Probleme zu lösen (Seite 97). Das Evangelium sage, dass wir sündiger sind als wir je geglaubt haben, und dass wir geliebter sind, als wir je zu hoffen gewagt haben. Jesus biete uns einen Tausch an: Sünde zu- und abgeben und Gerechtigkeit erhalten (nach 2. Korintherbrief 5,21; Seite 101). Die Bibel berichtet auch ungeschminkt über Glaubenshelden wie Abraham, der mit seinen Nachkommen ein Wahrheitsproblem hatte, und David, der und seine Nachkommen ein Treueproblem hatten. Gerade Kleingruppen könnten schwierige Fragen wie Kontrollsucht, Aggression, Streitkultur, Konflikt-bewältigung, Vergebung und Wiederherstellung zu Themen machen, um diese in einem vertrauten Klima zu bearbeiten und über Erfahrungen auszutauschen. Die Herkunftsfamilie objektiv zu sehen ist schwer, gerade auch, weil wir ein Teil davon sind, und es Geheimnisse und ungeschriebene Regeln gibt, die schwer zu fassen sind. Aber die Wahrheit über uns selbst zuzugeben ist wichtig, weil es der Ausgangspunkt der Veränderung sein wird (Seite 148). Wenn wir uns dafür entscheiden, den unpopulären Weg der Schwäche und Zerbrochenheit zu wählen, werden Menschen von uns angezogen sein, so wie sie von Jesus angezogen wurden. Als Scazzero aus Verletzlichkeit heraus zu reden und zu leiten begann, stellten viele Menschen fest, dass sie ihm vertrauen konnten (Seite 156). Das Gebet des unbekannten Soldaten begleitete ihn dabei: „Ich bat Gott um Stärke, aber machte mich schwach, damit ich Bescheidenheit und Demut lernte. Ich erbat seine Hilfe, um grosse Taten zu vollbringen, aber er machte mich kleinmütig, damit ich gute Taten vollbrächte. Ich bat um Reichtum, um glücklich zu werden, aber er machte mich arm, damit ich weise würde. Ich bat Gott um alle Dinge, damit ich das Leben geniessen könne; aber ich erhielt nichts davon, was ich erbat; aber alles, was gut mich war. Gegen mich selbst wurden meine Gebete erhört. Ich bin unter allen Menschen ein gesegneter Mensch.“ Gott will, dass wir zu Vätern und Müttern des Glaubens heranwachsen, wie Jesus den Vater im Gleichnis des verlorenen Sohnes beschrieben hat: liebend, mitfühlend, umarmend, da seiend und freimütig vergebend und schenkend. Denn (nur) bedingungslose Liebe ist übernatürlich. Seelisch gesunde (oder vielleicht besser: geheilte) Menschen erkennen, verstehen und akzeptieren fröhlich Gaben und Grenzen der Persönlichkeit, Lebensphase, Lebenssituation und Belastbarkeit , die Gott ihnen gegeben und zugemutet hat. Sie anerkennen die Souveränität Gottes, das macht sie zufriedener und führt zu einer guten Selbsteinschätzung und -fürsorge. Scazzero bringt auch Beispiele amerikanischer Theologen, die Verluste erlitten und denen daraus Segen geworden ist, so Gerald Sittser: Trotzdem will ich das Leben lieben. Wie ein grosser Verlust zum Segen werden kann; und Nicholas Wolterstorff: Klage um einen Sohn. Letzter hat durch „das Prisma seiner Tränen einen leidenden Gott gesehen“. Verluste und Enttäuschungen sind eigentlich die Norm, nicht die Ausnahme. Wir brauchen Zeiten und Orte zum Trauern, der Verlust und der daraus entstandene Schmerz muss gespürt werden und darf nicht nur analysiert, verleugnet oder betäubt werden durch suchtartiges Verhalten wie Arbeiten und Konsumieren. Trauern macht barmherzig; und erst danach kann losgelassen werden. Wann wurde in ihrer Gemeinde das letzte Mal ein Klagelied gesungen? Es muss uns nicht wundern, dass Ängste und Depressionen heute stark zunehmen. In vielen Psalmen ist gemäss des amerikanischen Theologen Walter Brueggemann ein Ablauf und Muster vorgezeichnet: Es geht von Orientierung über Desorientierung zu Neuorientierung. Jesus hat drei Verhaltensweisen besonders gelebt und gezeigt: in die Welt der andern eintreten, an sich selbst festhalten und zwischen zwei Welten hängen. Es beginnt mit reflektivem Zuhören, der Gehörte erfährt diese Zuwendung als Liebe und wird zum Geliebten. Schon Jonathan Edwards hat gesagt: „Wenn wir in der Liebe leben, leben wir im Reich Gottes“. Und wenn wir wachsen wollen, müssen wir unsre Schutzpanzer sprengen lassen und ablegen.

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Donnerstag, Juni 12, 2014

DSM 5

DSM 5 ist das neuste Standardwerk der Psychiatrie. Am 4. Janaur 2014 hat Allen Frances, ein emeritierter Psychiatrieprofessor aus den USA ein beachtenswertes und verständliches Interview in der Schweizer Tageszeitung "Der Bund" dazu gegeben. Er prognostizierte, dass DSM 5 zur Hyperinflation psychischer Krankheiten führen werde. Depressionen bei Kindern haben bereits in den letzten zwanzig Jahren um das Vierzigfache zugenommen, Autismus um das Zwanzigfache und Aufmerksamkeitdefizit (Attention Deficit Disorder ADD) um das Dreifache. Eine Studie hat aber festgestellt, dass das Alter der Kinder in einer Schulklasse mitentscheidend sei, ob ein Kind ein solches Defizit habe. Die jüngsten einer Klasse seien fast doppelt so häufig unruhig und hyperaktiv wie die ältesten, weil sie einfach unreifer sind und sich behaupten müssten. Frances empfiehlt Aerzten, ein schrittweises Vorgehen und eine allfällige Diagnose erst am Ende eines Begleitprozesses zu geben. Umgebungsveränderungen wie Klassenwechsel können manchmal viel helfen und sollten gegenüber Medikamenten vorgezogen werden. Auch Burn-out ist keine eigentliche Erkrankung, früher hiess die Diagnose "Neurasthenie", heute eher "Depression". Burn-out kommt vorwiegend in Wohlstandgesellschaften vor, wo das Leben bereits gut funktioniert, aber trotzdem als stressig empfunden wird. Stress und die darauffolgende Reaktion jedoch sollten nicht als medizinische Störung angesehen, sondern als Teil unserer menschlichen Existenz angenommen werden. Ebenso ist Trauer keine Krankheit, die mit Pillen zu behandeln wäre, sondern eine gemachte Verlusterfahrung, die andauern könne und durchlebt werden müsse, um bewältigt zu werden! Süchte wurden früher als Sünde angesehen und bezeichnet, die man bereuen konnte; heute sind es Krankheiten, die behandelt werden müssen! Nicht für jedes Problem gibt es aber eine Pille! Psychiatrische Diagnosen sollten nicht voreilig abgegeben werden, denn sie sind auch zeitbedingt, sie brauchen viel Zeit zur sorgfältigen Erstellung; und man sollte daran denken, dass man sie kaum wieder los wird!
"Und mängisch trifft z'Glück eim!"

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Dienstag, April 30, 2013

Eine jüdische Sicht auf die Theodizee-Frage

In der exegetischen Zeitschrift „Texte und Kontexte“ 2-4/2012 habe ich durch Martin Vahrenhorst neue Sichtweisen zur Theodizee-Frage gefunden. Oft geht man einfach davon aus, dass die Frage des Leids bei einem gütigen Gott christlich beantwortet werden muss. Dem aber ist nicht zwingend so. Endgültige Antworten gibt es auch im Judentum keine, aber andere Ansätze; und es wird ausdrücklicher vorausgesetzt und gesagt, dass es in dieser Frage keine abschliessende Antworten geben kann. Diese Offenheit soll uns zum Weiter- und Nachdanken und zum Schweigen anregen, bevor wir voreilig sprechen! Ein grundlegender Text zur Theodizee-Frage steht erstaunlicherweise in Levitikus 10,1-3, wo das jähe Ende von Nadab und Abihu, den Söhnen Aarons, beschrieben ist: „Die Söhne Aarons, Nadab und Abihu, nahmen jeder seine Räucherpfanne. Sie legten Feuer auf, taten Räucherwerk darauf und brachten vor dem Herrn ein unerlaubtes Feuer dar, eines, das er ihnen nicht befohlen hatte. Da ging vom Herrn ein Feuer aus, das sie verzehrte, und sie kamen vor dem Herrn um. Da sagte Mose zu Aaron: Das ist es, was der Herr meinte, als er sprach: An denen, die mir nahe sind, erweise ich mich heilig und vor dem ganzen Volk zeige ich mich herrlich. Und Aaron schwieg.“ Häufig wird bei der christlichen Auslegung dieses Textes betont, dass die Söhne Aarons absichtlich falsch gehandelt hätten. Nicht unbedingt so in der jüdischen Tradition. Hier gibt es vier andere Möglichkeiten der Auslegung (Midrasch), wobei jeweils mit anderen Stellen aus der hebräischen Bibel argumentiert wird: 1. Midrasch: Rabbi Schimon sagte: Alles gilt für alle gleich. In Prediger 9,2 steht: „Aber ein und dasselbe Geschick trifft den Gesetzestreuen und den Gesetzesbrecher.“ Noah war ein Gerechter (Gen 6,9) und der Pharao ein Ungerechter, Josia opferte (2Ch 35,7) und Ahab opferte nicht, sondern er schlachtete (2Ch 18,2); David war ein Guter (1Sa 16,12) und Nebukadnezar ein Sünder (Dan 4,24), Zedekia schwörte (2Ch 36,13) und Simson nicht (Ri 16,21), Levi war ein Gerechter (Mal 2,6) und die Rotte Korach ungerecht (Num 16,26). Es gibt also ein gleiches, blindes Schicksal für alle, denn Gott schweigt. 2. Midrasch: Rabbi Levi sagte: Auch Gott freut sich nicht in (dieser) seiner Welt. In Psalm 75,5 steht: „Den Prahlenden sage ich: Lasst euer Prahlen!“ Adam freute sich nicht in dieser Welt, auch Abraham und Israel nicht. In Psalm 149,2 steht: „Israel wird sich freuen.“ Das bezieht sich erst auf die kommende Welt. Diese Welt ist ein Jammertal, erst in der Zukunft wird es sich auszahlen. Auch der Heilige Israels wird sich freuen in jener Welt. Die Gerechten freuen sich nicht in dieser Welt, weil Gott noch nicht am Ziel angekommen ist und auf Erlösung wartet. 3. Midrasch: Rabbi Abba bar Kahana sagte: Was nützt die Freude? In Prediger 2,2 steht: „Zum Lachen sprach ich: Es ist unsinnig.“ Wenn Freude durch Leid getrübt wird, welchen Sinn hat es, sich zu freuen? 4. Midrasch: Wo Erschlagene sind, da ist er. In Hiob 39,27-30 steht: „Erhebt sich auf dein Geheiss hin der Geier in die Höhe? Den Fels bewohnt er und nächtigt dort, auf der Felsenzacke und der Bergfeste. Von dort aus sucht er Nahrung, in die Ferne blicken seine Augen. Seine Jungen saugen Blut; wo Erschlagene sind, da ist er.Gott trauert auch mit Aaron um seine Söhne! Denn in Psalm 34,18 steht: „Nahe ist der Herr denen, die zerbrochenen Herzens sind.“ Und in Jesaja 57,15: „In der Höhe und im Heiligen wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist.

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