Freitag, April 28, 2017

Enneagramm-Grundkurs

Seit 2005 leite und gestalte ich mit zwei Freundinnen einen Enneagramm-Grundkurs in der Casa Moscia. 28 Teilnehmende zwischen 25 und 72 Jahren aus der Schweiz und aus Deutschland haben ihn diesen Frühling besucht. Jedes Mal bringt dieser Grundkurs den Teilnehmenden tiefe Einsichten und befreiende Aha-Erlebnisse. Aber auch bei mir selber stellen sich jedesmal neue Erkenntnisse ein, was ich als äusserst wertvoll erachte. Viele Einsichten haben mit grundlegenden Festlegungen und Mustern zu tun, die wir in den ersten Lebenjahren erworben haben. Diese führen häufig zu Übertreibungen, Verzerrungen, Verabsolutierungen, Zwängen und Ängsten, die letztlich lebens- und beziehungsfeindlich sind. Gott sei Dank konnte ich solche Muster bei mir wahrnehmen, benennen, vor Gott bringen und loslassen, so dass ich freier, entspannter und wirksamer durchs Leben gehen darf. Aber auch immer wieder tauchen neue Erinnerungen auf, wo ich nur sagen kann: Kyrie eleison!
Austausch- und Reflektionszeit auf der Loggia der Casa Moscia mit Blick auf den Lago Maggiore bei schönstem Frühlingswetter

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Sonntag, April 16, 2017

4. Seelenführung, die Berufung des Geistes

Auf den Seiten 185-198 schreibt Schleske von seinen Erfahrungen und Erkenntnissen mit der Seelenführung. Er behauptet: Wer nicht unsicher sein könne, könne Gott nicht lieben. Unser Stolz und unsere Ängste verhinderten Gottes Inspiration; Empfänglichkeit und Vertrauen förderten sie. Gott möge weder unsere Religion, unser Judentum, unser Christentum, sondern unser geisterfülltes Menschentum! Sowohl junge, erwachsene und reife Liebe soll in uns wachsen und leben; so wie der junge Salomo das Hohelied, der mittlere die Sprüche und der alte den Kohelet geschrieben habe (Seite 187). Picasso sagte: Als ich dreizehn Jahre alt war, konnte ich malen wie die grossen Meister, aber ich habe ein Leben lang gebraucht, um zu malen wie ein Kind (Seite 189). Wir sollen nicht nach Gott, sondern mit Gott suchen. Wir bräuchten eine sogenannte zweite Naivität, die Dennoch-Liebe, die Reife und Verletzlichkeit beinhalte (Seite 192). Für ein erfülltes Dasein brauche der Körper Wohlbefinden, die Seele Freude und der Geist Sinn (Seite 198). Während unser Intellekt vor allem denke, könne aber unser Geist empfangen.

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Freitag, April 14, 2017

2. Musik, die Stimme der Seele

Im zweiten Kapitel, auf Seiten 37 bis 80, entfaltet Schleske seinen Geigenbauerberuf. Musiker sein heisse für ihn, dass er zum Instrument werde, mit Resonanzen kommuniziere und mit Klangfarben spiele (Seite 39). Nach ihm kann man die wesentlichen Dinge in unserer Welt nur durch Lieben und Leiden lernen (Seite 44). Die Kunst bestehe darin, sich empfänglich zu machen. Der Zugang zum Heiligen sei nur durch die Befreiung vom Zweckdienlichen möglich, Musik sei dafür das erste Zeugnis (Seite 50). Ohne Bereitschaft zur konzentrierten Selbstbegrenzung gebe es kein wirkliches Lernen. So haben ihn die kleinen Dinge in der Summe das Wesentliche gelehrt (Seite 54). Ein Geigenbauer müsse frei von falschem Ehrgeiz (Übertreibung) und falscher Ängstlichkeit (Untertreibung) sein, damit stimmige Verhältnisse und harmonische Instrumente entstehen können. Und Hören sei Liebe, eine radikale Abkehr vom Eigenen (Seite 76).

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Sonntag, Februar 22, 2015

Peter Scazzero: Das Paulus-Prinzip

Peter Scazzero hat zusammen mit Warren Bird das Buch "The Emotionally Healthy Church" geschrieben. Es wurde in Deutsch mit dem eher unglücklichen Titel "Das Paulus-Prinzip. Warum Schwäche ein Gewinn sein kann" versehen und ist im Jahr 2008 im Francke-Verlag in Marburg unter der ISBN 978-3-8612-998-8 erschienen. Zum Autor: Peter Scazzero wurde in New York als Sohn von italienischen Einwanderern geboren. Er studierte Theologie, arbeitete danach für die christliche Studierendenorganisation Intervarsity und lernte in Costa Rica die spanische Sprache. Im New Yorker Stadtteil Queens gründetete er eine englisch- und eine spanischsprachige Gemeinde. Trotz vieler Arbeit und Erfolg wandte sich später ein Grossteil der Hispanics-Gemeinde ab und auch seine Ehe mit Geri war sehr angespannt, was ihn zum Umdenken zwang. Er begann mehr auf einen gesunden Lebensrhythmus und emotionale Reife und Stärke zu achten, das Sein vor Gott statt das Tun bekam Priorität. Zum Buch: Scazzero nimmt uns mit auf seine Lebensreise, die von seinen Eltern und den Idealen der heutigen westlichen Welt geprägt war. Er konnte dadurch einen grossen Arbeitseinsatz und eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit entwickeln. In seinem Dienst als Pastor stellte er aber fest, dass geistliche Mittel nicht für alle seelischen und Beziehungsprobleme helfen (Seite 20). Das Ziel sollte sein, Jesus als Menschen an die höchste Stelle des Lebens zu setzen, um andere wirklich zu lieben (Seite 24). Er begann, die Dynamik der Verbindung zwischen seelischer Gesundheit und geistlicher Reife zu begreifen. Wir brauchen geistliche Väter und Mütter. Das innere Leben eines Leiters ist wichtiger als sein Wissen, seine Gaben und seine Erfahrung (Seite 26). Durch unsere sündige, verletzte, verwundete und unreife Persönlichkeit stecken wir Gott (oft) unwissentlich in einen starren, engen Kasten statt ihn in den Tiefen unseres Innern wirken zu lassen und auch unsere tiefen Gefühle zuzulassen. Das führe zu seinem falschen Verständnis von geistlichen Begriffen wie demütig sein, Leiden, Kreuz auf sich nehmen und Sterben. Wenn wir unsere tiefsitzenden und negativen Gefühle verdrängen, werden wir zu zerrissenen Menschen, beispielsweise war Bob Pierce von Word Vision ein solch getriebener Mensch. Im Roman „Giftholzbibel“ wird Nathan Price als Missionar im Kongo ebenso beschrieben, der sogar das Leben seiner Familie aufs Spiel gesetzt hat, um seinen falsch verstandenen Missionsdienst weiter ausführen zu können. Eine der Ursache ist, dass die griechische Philosophie Platos über Augustinus und andere Kirchenlehrer in die christliche Kirche und viele Gemeinden gekommen ist. Alles Körperliche wurde dadurch entwertet, negative Gefühle wurden zu Sünden, Wut gar zu Unrecht zur Todsünde erklärt. Wir wurden aber zum Bild Gottes geschaffen, was den ganzen Menschen einschliesst. Gefühle sind eine Sprache der Seele (nach Dan Allender und Tremper Longman). Viele Christen können ihre Gefühle nicht (mehr) identifizieren, weil sie keinen wirklichen Zugang zu ihnen erlernen konnten. Sie sind dann wie eingefroren, was in der Folge zu Schauspielerei und Heuchelei führen kann. Geistliches Leben und Führung muss immer auch seelische Reifung einschliessen! Eigene Schwäche und Bedürftigkeit zu zeigen ist oft hilfreicher als andern nur helfen, ihre Probleme zu lösen (Seite 97). Das Evangelium sage, dass wir sündiger sind als wir je geglaubt haben, und dass wir geliebter sind, als wir je zu hoffen gewagt haben. Jesus biete uns einen Tausch an: Sünde zu- und abgeben und Gerechtigkeit erhalten (nach 2. Korintherbrief 5,21; Seite 101). Die Bibel berichtet auch ungeschminkt über Glaubenshelden wie Abraham, der mit seinen Nachkommen ein Wahrheitsproblem hatte, und David, der und seine Nachkommen ein Treueproblem hatten. Gerade Kleingruppen könnten schwierige Fragen wie Kontrollsucht, Aggression, Streitkultur, Konflikt-bewältigung, Vergebung und Wiederherstellung zu Themen machen, um diese in einem vertrauten Klima zu bearbeiten und über Erfahrungen auszutauschen. Die Herkunftsfamilie objektiv zu sehen ist schwer, gerade auch, weil wir ein Teil davon sind, und es Geheimnisse und ungeschriebene Regeln gibt, die schwer zu fassen sind. Aber die Wahrheit über uns selbst zuzugeben ist wichtig, weil es der Ausgangspunkt der Veränderung sein wird (Seite 148). Wenn wir uns dafür entscheiden, den unpopulären Weg der Schwäche und Zerbrochenheit zu wählen, werden Menschen von uns angezogen sein, so wie sie von Jesus angezogen wurden. Als Scazzero aus Verletzlichkeit heraus zu reden und zu leiten begann, stellten viele Menschen fest, dass sie ihm vertrauen konnten (Seite 156). Das Gebet des unbekannten Soldaten begleitete ihn dabei: „Ich bat Gott um Stärke, aber machte mich schwach, damit ich Bescheidenheit und Demut lernte. Ich erbat seine Hilfe, um grosse Taten zu vollbringen, aber er machte mich kleinmütig, damit ich gute Taten vollbrächte. Ich bat um Reichtum, um glücklich zu werden, aber er machte mich arm, damit ich weise würde. Ich bat Gott um alle Dinge, damit ich das Leben geniessen könne; aber ich erhielt nichts davon, was ich erbat; aber alles, was gut mich war. Gegen mich selbst wurden meine Gebete erhört. Ich bin unter allen Menschen ein gesegneter Mensch.“ Gott will, dass wir zu Vätern und Müttern des Glaubens heranwachsen, wie Jesus den Vater im Gleichnis des verlorenen Sohnes beschrieben hat: liebend, mitfühlend, umarmend, da seiend und freimütig vergebend und schenkend. Denn (nur) bedingungslose Liebe ist übernatürlich. Seelisch gesunde (oder vielleicht besser: geheilte) Menschen erkennen, verstehen und akzeptieren fröhlich Gaben und Grenzen der Persönlichkeit, Lebensphase, Lebenssituation und Belastbarkeit , die Gott ihnen gegeben und zugemutet hat. Sie anerkennen die Souveränität Gottes, das macht sie zufriedener und führt zu einer guten Selbsteinschätzung und -fürsorge. Scazzero bringt auch Beispiele amerikanischer Theologen, die Verluste erlitten und denen daraus Segen geworden ist, so Gerald Sittser: Trotzdem will ich das Leben lieben. Wie ein grosser Verlust zum Segen werden kann; und Nicholas Wolterstorff: Klage um einen Sohn. Letzter hat durch „das Prisma seiner Tränen einen leidenden Gott gesehen“. Verluste und Enttäuschungen sind eigentlich die Norm, nicht die Ausnahme. Wir brauchen Zeiten und Orte zum Trauern, der Verlust und der daraus entstandene Schmerz muss gespürt werden und darf nicht nur analysiert, verleugnet oder betäubt werden durch suchtartiges Verhalten wie Arbeiten und Konsumieren. Trauern macht barmherzig; und erst danach kann losgelassen werden. Wann wurde in ihrer Gemeinde das letzte Mal ein Klagelied gesungen? Es muss uns nicht wundern, dass Ängste und Depressionen heute stark zunehmen. In vielen Psalmen ist gemäss des amerikanischen Theologen Walter Brueggemann ein Ablauf und Muster vorgezeichnet: Es geht von Orientierung über Desorientierung zu Neuorientierung. Jesus hat drei Verhaltensweisen besonders gelebt und gezeigt: in die Welt der andern eintreten, an sich selbst festhalten und zwischen zwei Welten hängen. Es beginnt mit reflektivem Zuhören, der Gehörte erfährt diese Zuwendung als Liebe und wird zum Geliebten. Schon Jonathan Edwards hat gesagt: „Wenn wir in der Liebe leben, leben wir im Reich Gottes“. Und wenn wir wachsen wollen, müssen wir unsre Schutzpanzer sprengen lassen und ablegen.

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Samstag, Oktober 18, 2008

Charakter


Das Wort „Charakter“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Prägestempel für Münzen und Siegel. Heute meint es hautsächlich die menschliche Prägung. Der Charakter eines Menschen wird meiner Meinung von mindestens fünf Hauptfaktoren bestimmt:
1. Kern: Personenmitte oder „Seele“, mein einmalig geschaffen sein von Gott, der mir Identität gibt
2. Gene: Vererbung von körperlichen und seelischen Wesenmerkmalen durch die leiblichen Eltern
3. Erziehung: Bezugspersonen der ersten Lebensjahre bestimmen durch Zuwendung die Ausbildung von Beziehungs-, Kommunikations-, Sprach-, Kooperations- und Konfliktfähigkeit wesentlich mit
4. Kultur: Umfeld, Milieu, Nachbarschaft, Schule und Freundeskreis tragen zum eigenen Wertesystem bei
5. Wille: früher oder später haben wir die Wahl zu eigenen Entscheidungen, die aber Folgen haben werden: „Säe einen Gedanken und du erntest eine Tat. Säe eine Tat und du erntest eine Gewohnheit. Säe eine Gewohnheit und du erntest einen Charakter. Säe einen Charakter und du erntest ein Schicksal.“

Wir Menschen haben generell mehr gemeinsam als dass uns unterscheidet und trennt. Die kollektiven Gemeinsamkeiten sind also grösser als die individuellen Eigenheiten. Deshalb kann es Sinn machen, Typologien als Modelle und Orientierungshilfen zu verwenden, um aus eigenen Verengungen, Verkrustungen und Sackgassen herauszufinden. Charaktertypen beschreiben dabei mögliche, unterschiedliche Persönlichkeits- oder Gemütsarten. Heute gibt es zahlreiche, teilweise ganz unterschiedlich gelagerte Charakterlehren und –typologien. Die meisten gehen auf die Griechen zurück, die ein besonderes Interesse am Menschen und seinen körperlichen und seelischen Fähigkeiten hatten.

Eine der bekanntesten, die „Vier-Elemente-Lehre“ stammt vom Griechen Empedokles. Aufgrund der vier „Elemente“ Wasser, Feuer, Erde und Luft stellte er auch vier Körperflüssigkeiten fest: Schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut. Diese Flüssigkeiten stehen wiederum für die vier Menschentypen:
· Melancholiker
· Choleriker
· Phlegmatiker
· Sanguiniker

Vor etwas weniger als hundert Jahren wurde diese Typologie vom norwegischen Theologen Ole Hallesbychristianisiert“ und nutzbar gemacht. Noch heute wird diese grobe Typologie angewendet, ich erachte sie aber nur anfänglich als hilfreich, da sie letztlich doch zu ungenau ist.

Eine ähnliche Typologie scheint mir das DISG-Persönlichkeitsmodell zu sein mit den vier Grundverhalten: dominant, initiativ, stetig und gewissenhaft. Es wird heute auch stark kommerziell genutzt, geht aber eigentlich auf den amerikanischen Psychologen William Moulton Marston zurück, der es 1930 entwickelt hat.

Zwei weitere Typologien:
Der Wiener Jude Sigmund Freud (1856-1939) hat die umstrittene Psychoanalyse entwickelt und eingeführt. Hier geht es um Abwehrmechanismen, die er festgestellt hat. Er unterscheidet:
1. narzisstisch (bedeutet: selbstverliebt): Spaltung drückt sich aus in Uebersteigerung
2. schizoid (bedeutet: abgespalten): Sublimierung (Vergeistigung) bewirkt Distanz
3. depressiv: Selbstagression bewirkt Abhängigkeit
4. zwanghaft: Reaktionsbildung bewirkt Kontrolle
5. hysterisch: Verdrängung zeigt sich in Geltungsbedürfnis

Der deutsche Psychologe Fritz Riemann (1902-1979) hat die Grundängste benennt, die Menschen bewegen und auch unterscheiden können:
1. Die Angst vor Nähe (beim schizoiden Menschen)
2. Die Angst vor Distanz (beim depressiven Menschen)
3. Die Angst vor Veränderung (beim zwanghaften Menschen)
4. Die Angst vor Beständigkeit (beim hysterischen Menschen)

Diese Grundängste, die häufig auf Erfahrungen und Reaktionen aus der Kindheit basieren, können sehr wohl auch bei Christen wirksam sein und ihre Gottesbeziehung prägen und mitbestimmen. Siehe auch die Zeitschrift "Bausteine" 5/07 Mit Angst Leben lernen (Seiten 6,7 und 17: Der Schizoide hat Angst vor einem zu nahen Gott, der Depressive vor einem grossen, zurückgezogenen und unerreichbaren Gott, der Zwanghafte vor einem unberechenbaren, strengen Gott. Diese ängstlichen Gottesvorstellungen hindern die Beziehung zu Gott. Sie können aber auch losgelassen, verändert und geheilt werden!) Viel Informationen zu all diesen Themen findet man heute auch unter www.wikipedia.org. Sie sind aber auch kritisch zu betrachten und zu ergänzen.

Rick Warren beschreibt in seinem Buch „Leben mit Visionn“ fünf Bereiche, die es als Christ zu beachten gilt, um das persönliche Profil zu entdecken, anzunehmen und einzusetzen. Ich habe sie mit entsprechenden Fragen ergänzt:

1. Persönlichkeit:
Wer bin ich? Was habe ich bereits an mir entdeckt? _____________________________________________________________________
Worin bin ich besonders, einmalig und einzigartig? _____________________________________________________________________
Kann ich mich ganz annehmen oder habe ich Vorbehalte? _____________________________________________________________________
Was weiss ich bereits über meine Identität und Lebensberufung? _____________________________________________________________________

2. Fähigkeiten:
Was kann ich gut, was nicht? _____________________________________________________________________
Was habe ich (leicht) erlernt und wie? _____________________________________________________________________
Was ist mir schwer gefallen und warum? ____________________________________________________________________
Wo und wie setze ich meine Fähigkeiten ein? _____________________________________________________________________

3. Geistliche Gaben:
Welche Gabe(n) habe ich (schon) entdeckt? _____________________________________________________________________
Was hilft mir, meine Gaben zu entdecken? _____________________________________________________________________
Was sagen mir andere Christinnen und Christen, wo ich begabt bin? _____________________________________________________________________
Wie setze ich sie ein, wo könnte ich mich und meine Gaben einsetzen? _____________________________________________________________________

4. Erfahrungen, Prägungen:
Wer und wie waren/sind meine Eltern? _____________________________________________________________________ Wie ist meine Geschwisterkonstellation? _____________________________________________________________________
In was für einem Umfeld, "Milieu" bin ich aufgewachsen, welche Werte galten dort? _____________________________________________________________________
Was habe ich in den Schulen gelernt, gefühlt und erfahren? _____________________________________________________________________
Wie habe ich meine Schulkameraden erlebt? _____________________________________________________________________
Was denke ich über meine Lehrer, Lehrmeister und meine Chefs, wie erlebte ich ihre Autorität? _____________________________________________________________________
Wie stark arbeite ich mit andern Menschen zusammen? _____________________________________________________________________
Wie waren meine ersten (Kirch)Gemeindeerfahrungen? _____________________________________________________________________
Wie habe ich meinen Pfarrer, Pastor oder Gemeindeleiter erlebt? _____________________________________________________________________
Was für Freundinnen und Freunde habe ich, wie pflege ich Beziehungen mit ihnen? _____________________________________________________________________

5. Neigungen:
Wofür schlägt mein Herz? _____________________________________________________________________
Bei welchen Tätigkeiten vergesse ich die Zeit? _____________________________________________________________________
Was möchte ich unbedingt erreichen und erleben?
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Montag, Oktober 16, 2006

Aspekte der Grundmuster 5-7

Grundmuster 5: Beobachter, Denker, Philosoph
· Programm: Wissen und Rückzug (oder schärfer formuliert: Habsucht und Absonderung)
· Welt der Objektivität, der Wissenschaft, des Forschens, der Systeme, der Segmentierung, der Isolierung, der Auseinandersetzung, der intellektuellen Argumentation, der Abhandlung, des Abstands und Gabe des Zuhörens; Motto: „Durch konzentriertes Arbeiten dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kommen“
· Weltsicht: „My home is my castle“ oder „Die Welt ist aufdringlich, ich brauche meine vier Wände, um nachzudenken und aufzutauchen“ Helen Palmer
· Grundgefühl: Sparsamkeit, Minimalismus: „Weniger ist mehr“ oder „Wenn ich den kleinen Finger gebe, nimmt man mir die ganze Hand“
· Vorgehen: subjektives Vermeiden, kontemplatives Abstandnehmen, Reduktion
· Integration: sich einlassen, teilen, Teilnahme, Anteil geben: „Geben ist seliger als Nehmen“ (Ap 20,35)
· Beispiele: René Descartes mit „Cogito ergo sum“; Gerhard Testeegen, evangelischer Dichter und Mystiker, „Geist des Kapitalismus“ (Max Weber)

Grundmuster 6: loyaler Skeptiker, produktiver Zweifler, „advocatus diaboli“
· Programm: Sicherheit und ängstlicher Zweifel
· Denkmuster und Weltsicht: Angst, Furcht, Misstrauen: Die Welt ist ein gefährlicher Ort; geht vom schlimmsten Fall auf; Sicherheitsdenken, Pflichtbewusstsein, Schutz, Kontrolle und Aufsicht; Abwehr-haltung, binäres Denken: Einteilung in Freund und Feind, Kampf zwischen Gut und Böse, Böse ausrotten (Beispiele: Hexenverfolgungen, Nazismus, Terrorismusängste nach 11-9-01, Fundamentalismus, „Achse des Bösen“)
· Tiefe Unentschlossenheit
· Sprachstil: warnende Begrenzung
· Identifizierung durch Abgrenzung und Aggression
· Verwechseln Gewissheit und Sicherheit (Götze)
· Kein Zugang zu verdrängten Aengsten: die phobische Reaktion ist Rückzug und Flucht, die kontra-phobische Reaktion ist Angriff und Kampf (aufgesetzte Härte verdrängt die Angst, z. B. Kampfsport)
· Einladung zu Vertrauen, Glaube und Mut: „Fürchte dich nicht!“
· Helen Palmer als Beispiel: sie ist seelenkundig aus Angst
· Watzlawicks: Geschichte mit dem Hammer

Grundmuster 7: Epikureer, Glücksucher, Massloser, Optimist, Träumer, Vielseitiger
· Programm: unbekümmerter Optimismus und nervöse Aktivität
· Welt der positiven Einreden führt zu Idealismus, Verblendung und Verdrängung
· mit grossem Energiepotential aktiv sein bis hin zur Masslosigkeit, Unersättlichkeit und „Völlerei“: Es ist die leidenschaftliche Suche nach Lust (Hedonismus) und Erfüllung durch oberflächliche Vergnügungssucht und bombardiert werden von sinnenhaften und sinnlichen Wahrnehmungen
· Sprachstil: heitere Geschichten erzählen und inszenieren
· Beispiele: Salomo (Beschreibung der eigenen Masslosigkeit im Prediger), Mozart, Peter Pan und das „magische Kind“, das nicht erwachsen werden will
· Integration: konstruktive Schmerzverarbeitung und realistischer Umgang mit Leiden lernen: Schmerz und Tragödie des eigenen Lebens zulassen und wahrnehmen, Theologie des Kreuzes; die eigene Mitte finden, Nüchternheit und Konzentration aufs Wesentliche, bleiben und standhalten, Mässigung und Engagement

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Samstag, Oktober 07, 2006

Geistlicher Gehalt des Enneagramms

In Teil b) kommt Schulz schon mehr zum Kern der Sache, er stellt nämlich die Frage: Was ist der Gehalt des Enneagramms und wie ist es in die Theologie einzuordnen. Hier bringt Schulz den deutschen katholischen Theologen Romano Guardini als unbewussten Vorläufer des Enneagramms ins Spiel.
Dann kommen eingehende Ausführungen zur "Schuld-Sünde-Problematik", die der Bibel entlang sehr gut begründet werden. Er erklärt kurz die Hauptbegriffe des Alten Testaments "Päscha" – Auflehnung, "Awon" – Schuld und "Chata" – Zielverfehlung. Er kritisiert die allgemeinen - da meist wirkungslosen – Schuldbekenntnisse, wie sie in den evangelischen Kirchen üblich sind, und bringt hier den enneagrammatischen und frühchristlichen Begriff "Wurzelsünde" ein, der wesentlich tiefer reicht und jeden Menschen zutiefst betrifft. Diese Einsicht führt zu einer neuen, tiefen Bedürftigkeit nach Gnade und Rettung durch Jesus Christus. „Die Liebe Gottes soll nicht an der Oberfläche bleiben durch nur rationales Bejahen und Annehmen, sondern will ganz tief in uns einsickern und auch die tiefsten, unberührten und versteckten Schichten erreichen“ (Seite 225). Gerade deshalb hat für Schulz auch die Tiefenpsychologie Bedeutung und Berechtigung in der Theologie.

In der Arbeit mit dem Enneagramm geht es nicht um eine Umgehung der Gnade, sondern um die Vermeidung einer "billigen Gnade" (Seite 267). Wichtig "ist die Fähigkeit, wo immer man ist, voll präsent zu sein." aus Erich Fromm: Haben oder Sein (Seite 273). „Der nüchterne Alltag ist der Ort der Einübung in die Gegenwart Gottes.“ Bruder Lorenz (Seite 282). "Jeder ist also zum Wachstum in Heiligkeit berufen... Alle reifen Menschen sind zur Kontemplation berufen." Robert Fricy und Robert J. Wicks (Seite 290).

"Selbst wenn ich noch so entschlossen für den Frieden bin, muss ich mich fragen: Wieviel Angst habe ich und wieviel Angst mache ich? So lange ich Angst in mir habe, werde ich das zweite nicht ausschliessen können. Wer angstbesetzt ist, wird die Wirklichkeit, vor allen die politische, verzerrt sehen, er wird keine Phantasien aufbringen und nur an einseitigen Lösungen festhalten. Wer einigermassen angstfrei ist, wir neue Möglichkeiten schaffen, er wird Vertrauen beim aussen- und innenpolitischen Gegner gewinnen." Guido Kreppold (Seite 313).

Die Methode der Darstellung des Enneagramms ist heuristisch, das heisst annähernd, vergleichend und macht sich verschiedene Methoden dienstbar (Seite 326). Die wesentliche Intention des Enneagramms ist geistlicher Natur (Seite 328). Das Enneagramm lässt sich auch gut ergänzen und mit dem verbinden, was Eugene Gendlin, Schüler und Nachfolger von Carl R. Rogers an der Universität von Chicago, mit der Methode des "Focusing" entwickelt bzw. neu entdeckt hat (Seite 329).

Aus dem Buch "Geistliche Begleitung bei den Wüstenvätern" von Anselm Grün zitiert Schulz auf Seite 346 und 347 längere Passagen, da unter den Wüstenvätern wichtige Vorläufer des heutigen Enneagramms zu finden sind: "Die eigentliche Heilung ist die Kontemplation, die Aufhebung der Identifizierung mit unseren Wunden, der Weg in den Seelengrund, in dem Gott in uns wohnt, der Weg in den Raum, wo Gott uns wahrhaft von allem befreit, was uns gefangenhalten möchte. Erst in der Kontemplation erfahren wir wahr Freiheit und wirkliche Heilung... Verwundet wird der Mensch nach der Erfahrung der Mönche vor allem durch die Leidenschaften, die ihn bedrängen und immer wieder daran hindern, das eigene Selbst zu finden und in Gott Halt und Ruhe zu erfahren... Hier (bei dem wichtigsten Gedanken und Leidenschaft) geht es darum, die eigene Wurzelsünde zu entdecken und dann systematisch gegen sie vorzugehen. Es hat keinen Zweck, gegen alle Leidenschaften auf einmal zu kämpfen. Das endet immer in der Niederlage und überfordert uns. Es ist gut, uns selbst genau zu beobachten und zu erkennen, was das Haupt unserer Leidenschaften ist... Ich muss beobachten, wohin meine Energie fliesst, was mich bindet und blockiert. Dort wo meine grösste Gefährdung ist, ist auch meine grösste Chance. Durch die Leidenschaft hindurch, die mich am meisten bedrängt, kann ich zu meiner Begabung vorstossen. Dann wird die Leidenschaft verwandelt, und in mir kann der Geist Gottes die Frucht bringen, die er mir zugedacht hat."

Ebenso leiht Schulz auf Seite 354 Teilhard de Chardin sein Ohr: Der göttliche Bereich. Olten 1962: "Ich empfange mich weit mehr, als ich mich selber schaffe... Die Tiefe, die Quelle und die Entstehung des Lebens sind uns letzten Endes vollständig unfassbar... Dir selbst begegne ich, Dir, der Du mich an Deinem Sein teilhaben lässt und mich knetest."
Schulz fasst seine Erkenntnis auf Seite 357 so zusammen: "Christsein, das wachstumsmässig geschieht und zu einem mündigen und reifen Wachsen im christlichen Glauben führt, bedarf in Zukunft mehr und mehr für möglichst viele Christen jener – wenn auch nur kleinen – kontemplativen Momente der Stille, des Innehaltens, des Atemholens und des Ehrlichwerdens." Er beschreibt den (christlichen) Fundamentalismus als schlechte Antwort auf die Angst und Aengste von heute.
„Ich bin eine EINS“ ist eine falsche oder zumindest unzureichende Redeweise, besser ist da die Aussage: „ich gehöre zum Grundmuster der EINS“ (Seite 366)
Enneagrammatische Arbeit wird auf Seite 371 „als kleiner möglicher Beitrag zur Entschleierung von Wirklichkeit wie auch von Sünde und geistiger Verengung. Wir dürfen darum bitten und zugleich einübend daran arbeiten, dass die Gnade der Lockerung von unseren nur eigenen Themen, Behauptungen, Erwartungen, Schuldzuweisungen, unseren nur eigenen Wegen des Fühlens, Denkens und Handelns durch das zunehmende Wach- und Lebendigwerden der inneren Achtsamkeit geschenkt werde. Wir sind zu unserer „Mitarbeit an uns selbst“ gerufen, aber die absolute Priorität liegt in der erbetenen Gnade Gottes. Wer den enneagrammatischen Weg in der Tiefe existentiell versteht – wird erkennen, dass es ein zutiefst christlicher Weg prozessualer lebenslanger Busse ist.“
Immer wieder taucht auch der Name der Enneagrammspezialistin Helen Palmer auf, so auch auf Seite 373, wo es um das Entdecken des Grundmusters geht. Ihre Fragen dazu lauten: „Wie verhalte ich mich emotional, mental, habituell unter Stress?
Auf Seite 381 zitiert er Dag Hammarskjöld: „Lass nie den Erfolg seine Leere verbergen, die Leistung ihre Wertlosigkeit; das Arbeitsleben seine Oede. So behalte den Sporn, um weiterzukommen, den Schmerz in der Seele, der uns über uns selbst hinaustreibt.“

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Donnerstag, August 24, 2006

John Bradschaw: Das Kind in uns

Da ich viel lese und sammle, möchte ich meine wichtigsten Zusammenfassungen all denen zur Verfügung stellen, die daran interessiert sind.
"Das Kind in uns" von John Bradshaw, das bei Droemer in Münschen 1992 erschienen ist, hat mich tief beeindruckt, so dass ich es zusammengefasst habe.

Etwas zum Autoren: John Bradshaw kann man nicht gerade als astreinen Christen bezeichnen. Er beruft sich auch relativ selten explizit auf den christlichen Glauben, das macht ihn mir symphatisch. Trotzdem habe ich viel von seinen grundsätzlichen Gedanken über Familiensysteme gelernt, weil er fähig ist, komplexe, schwer durchschaubare Zusammenhänge in klare Sätze zu fassen und starke Ausdrücke zu kleiden. Er ist heute eine Kapazität auf dem Gebiet der Familientherapie. Er wuchs in Houston, Texas, auf und erlebte eine schwierige Kindheit, weil sein Vater Alkoholiker war. Er studierte katholische Theologie in Kanada, wandte sich kurz vor der Ordinierung von der Kirche ab und war dann als Psychotherapeut und Managementberater tätig. Er versteht es wie nur wenige Personen, die Prozesse, die wir als Kinder durchleben, zu reflektieren und in tiefsinnige Aussagen zu packen: Keiner von uns hat eine ideale Kindheit erlebt, wir alle haben kleinere oder grössere Verletzungen abbekommen. Diese wirken oft weit ins Erwachsenenalter hinein und bestimmen uns und unsere Beziehungen wesentlich mit. Von diesen Verletzungen und von Heilungsprozessen, die möglich sind, schreibt John Bradshaw in seinem 384seitigen Buch, das vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt wurde. Nachfolgend gebe ich nur einige prägnante Aussagen, die er vorwiegend im ersten Teil dieses Buches macht, weiter:

Aus „Narzisstische Störungen“ auf Seite 31: „Jedes Kind braucht vorbehaltslose Liebe – zumindest zu Anfang. Das Kind muss sich in den Augen eines wohlwollenden Erwachsenen spiegeln können, sonst hat es keine Möglichkeit, zu erfahren, wer es ist. Jeder von uns war zuerst ein Wir, bevor er ein Ich wurde. Wir brauchten ein Gesicht, in dem wir alle Teile unseres Selbst wie in einem Spiegel erkennen können. Wir brauchten die Gewissheit, dass wir uns auf die Liebe der Bezugsperson, die sich um uns kümmerte, verlassen konnten, Das waren unsere gesunden narzisstischen Bedürfnisse. Wenn sie nicht befriedigt wurden, wurde unserem Gefühl für unsere Ichhaftigkeit Schaden zugefügt.“

Aus „Vertrauensprobleme“ auf Seite 32: „Wenn Bezugspersonen nicht vertrauenswürdig sind, entwickeln die Kinder mit der Zeit ein tiefes Gefühl des Misstrauens. Die Welt erscheint ihnen als ein gefährlicher, feindseliger und unberechenbarer Ort. Das Kind muss dann lernen, immer auf der Hut zu sein und die Situation unter Kontrolle zu behalten. Es ist schliesslich überzeugt, „wenn ich alles unter Kontrolle habe, kann mich niemand überraschen und verletzen“.“

Aus „Störungen der Intimität“ auf Seite 38: „Viele erwachsene Kinder sind ständig zwischen der Angst vor dem Alleingelassenwerden und der Angst vor dem Verschlungenwerden hin und her gerissen. Die einen leben in ständiger Isolation, weil sie Angst haben, von einem anderen Menschen erdrückt zu werden. Die anderen sind nicht in der Lage, eine zerstörerische Beziehung zu beenden, weil sie panische Angst vor dem Alleinsein haben. Die meisten Menschen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen.“
Dazu weiter auf Seite 40: „Es ist unmöglich, Intimität zu realisieren, wenn man kein Selbstwertgefühl hat. Wie soll man sich einem anderen Menschen hingeben können, wenn man selbst nicht weiss, wer man ist? Wie soll man sich einem anderen mitteilen können, wenn man nicht weiss, wer man wirklich ist?
Eine Möglichkeit, ein starkes Gefühl für sich selbst zu entwickeln, besteht darin, feste Grenzen zu ziehen. Wie die Grenzen eines Landes beschützen uns auch die Grenzen unseres Körpers, indem sie uns signalisieren, wenn uns jemand zu nahe kommt oder versucht, uns in unangemessener Weise zu berühren.. Unsere selbstbestimmten Grenzen in der Sexualität sorgen dafür, dass wir uns sexuell sicher und geborgen fühlen. (Menschen, die instabile sexuelle Grenzen haben, haben häufig Sex, obwohl sie es gar nicht wollen.)“
Dazu weiter auf Seite 42: „Die Erniedrigung eines anderen Menschen zum Sexualobjekt ist die Geissel der wahren Intimität. Intimität erfordert zwei vollständige Menschen, von denen jeder den anderen als Individuum achtet.“

Aus "Denkstörungen" auf Seite 45 & 46: „Jean Piaget nannte Kinder „kognitive Fremdlinge“. Sie denken anders als Erwachsene und neigen zum Absoluten. Ihr Denken ist durch ein Alles-oder-Nichts-Prinzip gekennzeichnet. Wenn du mich nicht liebst, dann hasst du mich. Dazwischen gibt es nichts anderes. Wenn mein Vater mich verlässt, werden mich alle Männer verlassen. Kinder sind nicht logisch. Das lässt sich am besten an einem Phänomen zeigen, das man „emotionales Argumentieren“ nennt. Ich habe ein bestimmtes Gefühl, also muss es so sein. Wenn ich mich schuldig fühle, muss ich eine verderbte Person sein.
Kinder brauchen eine ausgewogene Erziehung, damit sie lernen, wie man das Denken vom Fühlen unterscheidet – wie man über Gefühle nachdenkt und ein Gefühl für seine Gedanken entwickelt. Kinder denken egozentrisch, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie alles personalisieren. Wenn Dad keine Zeit für mich hat, bedeutet das, dass mit mir irgend etwas nicht stimmt. Kinder interpretieren die meisten Beschimpfungen so. Sie sind von Natur aus egozentrisch, ohne dass das ein Zeichen für Egoismus im moralischen Sinn sein muss. Kindern fällt es eben noch schwer, den Standpunkt eines anderen Menschen einzunehmen.

Aus "Optimismus" auf Seite 56 & 57: „Der natürliche Lebensfunke des Kindes drängt es dazu, die Welt auf eine optimistische Art zu erforschen. Wenn seine Bezugspersonen auch nur in etwa berechenbar sind, lernt das Kind, der Aussenwelt zu vertrauen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Kinder gehen natürlicherweise davon aus, dass die Welt ihnen freundlich gesinnt ist; sie sind voller Hoffnung, und es erscheint ihnen nichts unmöglich zu sein. Dieser natürliche Optimismus und dieses Vertrauen sind der Kern dessen, was uns die Natur mitgegeben hat, und die Säulen des sogenannten „kindlichen Glaubens“.
Dieser natürliche Optimismus und das Vertrauen der Kinder machen sie so verwundbar. Wenn ein Kind seinen Bezugspersonen völlig vertraut, ist es sehr verletzlich, wenn es beschimpft oder auf andere Weise angegriffen wird.

Aus "Naivität" auf Seite 58: Die Eltern oder die anderen erwachsenen Bezugspersonen müssen Geduld haben und verständnisvoll sein. Wenn ihnen diese Eigenschaften fehlen, erwarten sie zuviel von ihrem Kind. In den meisten Fällen von Kindesmisshandlungen, die mir bekannt sind, war der misshandelnde Elternteil fest davon überzeugt, dass das Kind in böser Absicht gehandelt hatte. Alle diese Erwachsenen hatten von dem Kind einen Reifegrad erwartet, der seinem tatsächlichen Alter überhaupt nicht entsprach.“

Aus "Einzigartigkeit" auf Seite 65 & 66: „Das natürliche Gefühl eines Kindes für Werte und Würde ist sehr anfällig, da es ständig von der unmittelbaren Rückmeldung und dem Echo der Bezugsperson abhängt, von der es versorgt wird. Wenn die Bezugsperson dem Kind kein wirklichkeitsgetreues und liebevolles Feedback gibt, verliert es das Gefühl dafür, dass es etwas Besonderes und Einzigartiges ist.
Zur Spiritualität gehört etwas, das tief in uns verborgen liegt und unser authentischster Teil ist – unser wahres Selbst. Wenn wir spirituell sind, stehen wir im Kontakt mit unserer Einzigartigkeit und Besonderheit. Das ist unser elementares Sein, unsere Ichhaftigkeit. Zur Spiritualität gehört ausserdem ein Gefühl für die Verbindung mit etwas, was grösser ist als wir selbst, und auf das wir uns gründen. Kinder sind von Natur aus gläubig – sie wissen, dass es etwas gibt, was grösser ist als sie selbst.
Ich glaube, dass unsere Ichhaftigkeit der Wesenskern dessen ist, was unsere Aehnlichkeit mit Gott ausmacht. Wenn ein Mensch ein Gefühl für diese Qualität hat, ist er in Harmonie mit sich und kann sich selbst annehmen. Kinder können das von Natur aus. Schauen Sie sich irgendein gesundes Kind an, dann werden Sie bei ihm einen Ausdruck erkennen, der besagt: „Ich bin, wer ich bin.“ Interessanterweise sagt Gott zu Moses in der Theophanie des brennenden Dornbuschs (Exodus 3,14): „Ich bin der „Ich-bin-da“.“ In diesem ICH BIN liegt der tiefste Sinn menschlicher Spiritualität, der alle Eigenschaften einschliesst, die mit dem Wertvollen, Besonderen verbunden sind. Im Neuen Testament findet sich immer wieder eine Situation, in der Jesus dem „Einzelnen“ die Hand reicht: dem verirrten Lamm, dem verlorenen Sohn, dem Menschen, der es verdient, dass man sich bis zum letzten Atemzug für ihn einsetzt. Der „Einzelne“ ist der, der er ist; es hat ihn vorher nie gegeben und es wird ihn auch nicht noch einmal geben.“

Aus "Liebe" auf Seite 66 & 67: „Kinder sind von Natur aus prädestiniert, zu lieben und ihre Zuneigung auszudrücken. Trotzdem muss jedes Kind erst geliebt werden, bevor es selbst lieben kann. Es lernt lieben, indem es selbst geliebt wird. Montagu schreibt: “Von allen menschlichen Bedürfnissen ist das Bedürfnis, geliebt zu werden ... das elementarste ... Es ist ein Bedürfnis, das uns menschlich werden lässt.“
Kein Säugling besitzt die Fähigkeit zu einer reifen, altruistischen Liebe. Er liebt auf eine Art, die seinem Alter entspricht. Die gesunde Entwicklung des Kindes hängt davon ab, dass es von einem Menschen geliebt wird, der es vorbehaltlos akzeptiert. Wenn dieses Bedürfnis befriedigt wird, wird die Liebeseneregie des Kindes freigesetzt, so dass es andere lieben kann.
Wenn das Kind in der Seele des Erwachsenen so schwer verletzt worden ist und unter solchen entbehrungen leiden musste, kann der Erwachsene später nur noch einen schwachen Widerhall aus der Welt der anderen Menschen wahrnehmen. Sein Hunger nach Liebe lässt ihn nie los. Das Bedürfnis bleibt bestehen, und das verletzte Kinde in ihm füllt diese Leere auf die Weise aus, die ich beschrieben habe.“

Aus "Sexueller Missbrauch" auf Seite 70: „Darunter versteht man, dass das Kind von einem Erwachsenen zur Befriedigung seiner sexuellen Lust missbraucht wird. Das Kind lernt dadurch, dass es für den Erwachsenen nur dann eine Bedeutung hat, wenn es sich sexuell betätigt. Die Folge einer solchen Verletzung ist, dass der Mensch als Erwachsener glaubt, er könne wahre Liebe eines anderen Menschen nur dann erringen, wenn er ein phantastischer Liebhaber oder ein sexuell ungewöhnlich attraktiver Mensch ist. Es gibt viele Formen des sexuellen Missbrauchs. Die nichtkörperlichen sind die, die am häufigsten nicht erkannt werden und das Opfer auf die schlimmste Weise neurotisieren.
Um nichtkörperlichen oder emotionalen sexuellen Missbrauch richtig verstehen zu können, müssen wir begreifen, dass die Familie ein soziales System ist, das seine eigenen Gesetze hat...
Das Familiensystem besteht ausserdem aus Komponten, von denen die wichtigste die Ehe ist. Wenn die Intimbeziehung der Ehe gestört ist, übernimmt das Familienprinzip des Gleichgewichts und des Ausgleichs das Regiment. Die Familie braucht eine gesunde Ehe, um im Gleichgewicht bleiben zu können. Wenn das Gleichgewicht gestört ist, drängt die Dynamik die Kinder dazu, es wiederherzustellen.
Die Faustregel lautet: Wenn ein Kind für einen Elternteil wichtiger ist als der eigene Partner, entsteht die Gefahr sexuellen Missbrauchs, der darin besteht, dass der Vater oder die Mutter das Kind für seine eigenen Bedürfnisse benützen. Ein derartiges Verhalten kehrt die natürlichen Verhältnisse um. Die Eltern sind dazu da, den Kindern Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen Orientierungen zu vermitteln, nicht, um sie zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu benützen, denn benützen bedeutet soviel wie missbrauchen.“

Aus Epilog „Nach Hause, Elliott, nach Hause!“ auf Seite 381: „Wie sehr wir uns auch anstrengen, um das Kind in uns zurückzugewinnen und zu beschützen, es bleibt trotzdem in jedem von uns eine gewisse Leere. Ich nenne das den „metaphysischen Blues“. Es ist natürlich ein freudiges Ereignis, wenn wir das Kind in uns zurückgewinnen und in unsere Obhut nehmen. Für viele von uns ist es ein Gefühl, als ob sie zum erstenmal wirklich nach Hause kämen. Aber auch wenn wir uns sicher fühlen und einander verbunden sind, haben wir alle doch noch eine Reise durch die Finsternis vor uns. Und so erschreckend das auch sein mag, es sehnt sich trotzdem jeder von uns tief in seinem Innersten danach. Denn gleichgültig, welche Träume in Erfüllung gehen, immer erleben wir auch so etwas wie eine kleine Enttäuschung, wenn wir an einem dieser Ziele angelangt sind. Dann sagen wir mit Dante, Shakespeare und Mozart: War das alles?
Ich glaube, dass dieses Gefühl der Enttäuschung dadurch entsteht, dass wir alle noch ein anderes Zuhause haben, wo wir wirklich hingehören. Ich glaube daran, dass wir alle aus der Tiefe des Seins kommen und dass dieses Sein uns wieder zurückruft. Ich glaube, dass wir von Gott kommen und dass wir Gottes Geschöpfe sind. Gleichgültig, wie gut es uns geht, wir sind nie wirklich zu Hause. Augustinus, auch ein verletztes Kind, hat das schön ausgedrückt: „Du hast uns für Dich selbst erschaffen, O Herr, und unsere unruhigen Herzen finden erst Frieden, wenn sie in Dir ruhen.“ Das wird dann endlich unsere wahre Heimkehr sein.“


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