Samstag, Oktober 07, 2006

Geistlicher Gehalt des Enneagramms

In Teil b) kommt Schulz schon mehr zum Kern der Sache, er stellt nämlich die Frage: Was ist der Gehalt des Enneagramms und wie ist es in die Theologie einzuordnen. Hier bringt Schulz den deutschen katholischen Theologen Romano Guardini als unbewussten Vorläufer des Enneagramms ins Spiel.
Dann kommen eingehende Ausführungen zur "Schuld-Sünde-Problematik", die der Bibel entlang sehr gut begründet werden. Er erklärt kurz die Hauptbegriffe des Alten Testaments "Päscha" – Auflehnung, "Awon" – Schuld und "Chata" – Zielverfehlung. Er kritisiert die allgemeinen - da meist wirkungslosen – Schuldbekenntnisse, wie sie in den evangelischen Kirchen üblich sind, und bringt hier den enneagrammatischen und frühchristlichen Begriff "Wurzelsünde" ein, der wesentlich tiefer reicht und jeden Menschen zutiefst betrifft. Diese Einsicht führt zu einer neuen, tiefen Bedürftigkeit nach Gnade und Rettung durch Jesus Christus. „Die Liebe Gottes soll nicht an der Oberfläche bleiben durch nur rationales Bejahen und Annehmen, sondern will ganz tief in uns einsickern und auch die tiefsten, unberührten und versteckten Schichten erreichen“ (Seite 225). Gerade deshalb hat für Schulz auch die Tiefenpsychologie Bedeutung und Berechtigung in der Theologie.

In der Arbeit mit dem Enneagramm geht es nicht um eine Umgehung der Gnade, sondern um die Vermeidung einer "billigen Gnade" (Seite 267). Wichtig "ist die Fähigkeit, wo immer man ist, voll präsent zu sein." aus Erich Fromm: Haben oder Sein (Seite 273). „Der nüchterne Alltag ist der Ort der Einübung in die Gegenwart Gottes.“ Bruder Lorenz (Seite 282). "Jeder ist also zum Wachstum in Heiligkeit berufen... Alle reifen Menschen sind zur Kontemplation berufen." Robert Fricy und Robert J. Wicks (Seite 290).

"Selbst wenn ich noch so entschlossen für den Frieden bin, muss ich mich fragen: Wieviel Angst habe ich und wieviel Angst mache ich? So lange ich Angst in mir habe, werde ich das zweite nicht ausschliessen können. Wer angstbesetzt ist, wird die Wirklichkeit, vor allen die politische, verzerrt sehen, er wird keine Phantasien aufbringen und nur an einseitigen Lösungen festhalten. Wer einigermassen angstfrei ist, wir neue Möglichkeiten schaffen, er wird Vertrauen beim aussen- und innenpolitischen Gegner gewinnen." Guido Kreppold (Seite 313).

Die Methode der Darstellung des Enneagramms ist heuristisch, das heisst annähernd, vergleichend und macht sich verschiedene Methoden dienstbar (Seite 326). Die wesentliche Intention des Enneagramms ist geistlicher Natur (Seite 328). Das Enneagramm lässt sich auch gut ergänzen und mit dem verbinden, was Eugene Gendlin, Schüler und Nachfolger von Carl R. Rogers an der Universität von Chicago, mit der Methode des "Focusing" entwickelt bzw. neu entdeckt hat (Seite 329).

Aus dem Buch "Geistliche Begleitung bei den Wüstenvätern" von Anselm Grün zitiert Schulz auf Seite 346 und 347 längere Passagen, da unter den Wüstenvätern wichtige Vorläufer des heutigen Enneagramms zu finden sind: "Die eigentliche Heilung ist die Kontemplation, die Aufhebung der Identifizierung mit unseren Wunden, der Weg in den Seelengrund, in dem Gott in uns wohnt, der Weg in den Raum, wo Gott uns wahrhaft von allem befreit, was uns gefangenhalten möchte. Erst in der Kontemplation erfahren wir wahr Freiheit und wirkliche Heilung... Verwundet wird der Mensch nach der Erfahrung der Mönche vor allem durch die Leidenschaften, die ihn bedrängen und immer wieder daran hindern, das eigene Selbst zu finden und in Gott Halt und Ruhe zu erfahren... Hier (bei dem wichtigsten Gedanken und Leidenschaft) geht es darum, die eigene Wurzelsünde zu entdecken und dann systematisch gegen sie vorzugehen. Es hat keinen Zweck, gegen alle Leidenschaften auf einmal zu kämpfen. Das endet immer in der Niederlage und überfordert uns. Es ist gut, uns selbst genau zu beobachten und zu erkennen, was das Haupt unserer Leidenschaften ist... Ich muss beobachten, wohin meine Energie fliesst, was mich bindet und blockiert. Dort wo meine grösste Gefährdung ist, ist auch meine grösste Chance. Durch die Leidenschaft hindurch, die mich am meisten bedrängt, kann ich zu meiner Begabung vorstossen. Dann wird die Leidenschaft verwandelt, und in mir kann der Geist Gottes die Frucht bringen, die er mir zugedacht hat."

Ebenso leiht Schulz auf Seite 354 Teilhard de Chardin sein Ohr: Der göttliche Bereich. Olten 1962: "Ich empfange mich weit mehr, als ich mich selber schaffe... Die Tiefe, die Quelle und die Entstehung des Lebens sind uns letzten Endes vollständig unfassbar... Dir selbst begegne ich, Dir, der Du mich an Deinem Sein teilhaben lässt und mich knetest."
Schulz fasst seine Erkenntnis auf Seite 357 so zusammen: "Christsein, das wachstumsmässig geschieht und zu einem mündigen und reifen Wachsen im christlichen Glauben führt, bedarf in Zukunft mehr und mehr für möglichst viele Christen jener – wenn auch nur kleinen – kontemplativen Momente der Stille, des Innehaltens, des Atemholens und des Ehrlichwerdens." Er beschreibt den (christlichen) Fundamentalismus als schlechte Antwort auf die Angst und Aengste von heute.
„Ich bin eine EINS“ ist eine falsche oder zumindest unzureichende Redeweise, besser ist da die Aussage: „ich gehöre zum Grundmuster der EINS“ (Seite 366)
Enneagrammatische Arbeit wird auf Seite 371 „als kleiner möglicher Beitrag zur Entschleierung von Wirklichkeit wie auch von Sünde und geistiger Verengung. Wir dürfen darum bitten und zugleich einübend daran arbeiten, dass die Gnade der Lockerung von unseren nur eigenen Themen, Behauptungen, Erwartungen, Schuldzuweisungen, unseren nur eigenen Wegen des Fühlens, Denkens und Handelns durch das zunehmende Wach- und Lebendigwerden der inneren Achtsamkeit geschenkt werde. Wir sind zu unserer „Mitarbeit an uns selbst“ gerufen, aber die absolute Priorität liegt in der erbetenen Gnade Gottes. Wer den enneagrammatischen Weg in der Tiefe existentiell versteht – wird erkennen, dass es ein zutiefst christlicher Weg prozessualer lebenslanger Busse ist.“
Immer wieder taucht auch der Name der Enneagrammspezialistin Helen Palmer auf, so auch auf Seite 373, wo es um das Entdecken des Grundmusters geht. Ihre Fragen dazu lauten: „Wie verhalte ich mich emotional, mental, habituell unter Stress?
Auf Seite 381 zitiert er Dag Hammarskjöld: „Lass nie den Erfolg seine Leere verbergen, die Leistung ihre Wertlosigkeit; das Arbeitsleben seine Oede. So behalte den Sporn, um weiterzukommen, den Schmerz in der Seele, der uns über uns selbst hinaustreibt.“

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