Samstag, September 17, 2011

Lebensregeln

Durch einen Artikel von Thomas Härry im letzten AufAtmen-Heft 2-2011 bin ich erneut auf dieses Thema „Lebensregeln“ gestossen. Nicht das es völlig neu wäre, aber die Wichtigkeit der Reflektion und Fokussierung meiner Werte und Regeln ist mir neu bewusst geworden. Wir leben in einer besonderen Zeit, man spricht ja von einer „Multioptionsgesellschaft“, wir leben in materiellem Ueberfluss, in globaler Kommunikation und in einem kulturellen Traditionsabbruch, die uns mitprägen und bisweilen überfordern. Trotzdem oder gerade deshalb haben wir zunehmend Mangel an zweckfreier Zeit, an tragfähigen Beziehungen, langfristiger Orientierung und Kontinuität in der Generationenfolge.

· Wie können wir sinnvoll mit eigenen und fremden Grenzen umgehen?
· Wie, wann und wo können wir Ja und Nein sagen lernen, um konzentriert, effektiv und in der eigenen Berufung, Begabung und Lebenssituation zu leben?
· Getrauen wir uns, Ueberflüssiges wegzulassen?
. Wie bewusst gehe ich mit Konsumgütern um und setze ich Ressourcen gezielt und schonend ein?

Ja, Lebensregeln begrenzen und beschränken uns, aber sie sind auch Erziehungswerkzeug (Gottes) zur Stärkung der Identität, Formung des Charakters und Erhöhung unserer Lernbereitschaft und Effektivität. Gott möchte uns menschlich reifen und geistlich wachsen lassen. Er möchte unsere Blockierungen, die sich in Auflehnung oder Ueberanpassung gegen Erfahrenes zeigen, lösen und fruchtbar werden lassen.

· Sind meine unbewussten Werte und Regeln, die ich als Kind aufgenommen und entwickelt habe, alle lebenswert und förderlich?
. Habe ich die Auflehnung oder Ueberanpassung gegenüber übernommenen Werten und Regeln aus dem Elternhaus reflektiert und überwunden?
. Lässt mich diese Klärung wachsen, Veränderungen zulassen und Herausforderungen in gesundem Mass annehmen?
· Sind wir bescheiden und weitsichtig genug, um nicht alles neu erfinden und erfahren zu müssen, sondern gute Traditionen und bewährte Weisheiten zu prüfen, anzupassen und zu übernehmen?
· Wer bin ich und was ist meine Lebensaussage?
. Für was lebe ich eigentlich zutiefst?
· Geht es zuerst und immer nur um mich, oder kümmere ich mich auch echt um andere (meine Nächsten), diene ihnen und fördere sie?
· Spielen Gottes Ehre, sein Reich und „Ewigkeitswerte“ eine wesentliche Rolle in meinem Leben?
. Wie sehen deine Lebensregeln und dein persönliches „Mission Statement“ aus?

Höre auf Gott,
denke darüber nach,
rede mit andern, sofern dies hilfreich ist,
und formuliere sie!

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Sonntag, Januar 23, 2011

Vom Gewissen - wie es gebildet wird und wirkt


„Das Ziel der Unterweisung ist: Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ 1. Timotheus 1,5

Habt Ihr schon viele Predigten über das Gewissen gehört? Ich jedenfalls nicht, obwohl das Gewissen damals und heute eine wichtige Angelegenheit ist und doch jeder eines hat! Hier im Text des Paulus ist die Liebe das wichtigste, die aber auch von einem guten Gewissen genährt wird. Und über dieses Gewissen möchte ich heute reden:
Das Wort „Gewissen“, griechisch „syneidäsis“, kommt als Begriff ungefähr dreissig Mal im NT vor. Es könnte aber auch mit Bewusstsein, Gewahrwerdung und Mitwisser übersetzt werden. Vor allem der gebildete Paulus gebrauchte es in seinen Briefen recht häufig (Römer, Korinther, Timotheus, Titus und Hebräer).
Johannes dagegen verwendete stattdessen „Herz“, so wie es im AT, bei den Juden und Jesus gebräuchlich war. So steht in 1. Johannes 3,19b&20: „Und vor ihm werden wir unser Herz beschwichtigen, wenn unser Herz uns verurteilt, denn Gott ist grösser als unser Herz und weiss alles.“
Im AT galten zudem die „Nieren“ noch stärker als eigentlicher Ort oder Organ des Gewissens. David drückte dies ein paar Mal in den Psalmen so aus, beispielsweise in 26,2: „Prüfe mich, Jahwe, und durchforsche mich, erprobe mich auf Nieren und Herz.“

Gerade bei der Vorbereitung auf diese Botschaft fiel mir erneut auf, dass es nicht nur ausdrückliche (explizite) Bibelstellen zum Gewissen gibt, sondern auch umschreibende (implizite) Texte, die den Umgang mit dem Gewissen und Gewissensfragen beschreiben. Das gilt übrigens für andere Themen auch. Das Gewissen taucht erstmals in Genesis zwei und drei auf beim „Baum der Erkenntnis von gut und böse“ und dessen Frucht. Auch bei Jesus spielt es eine wesentliche Rolle, mir kommt das reine Herz in der Bergpredigt, Gleichnisse und Begegnungen im Lukas- und Johannesevangelium in den Sinn. In Johannes 21 wird beschrieben, wie Jesus den beschämten Jüngern begegnet und Petrus mit dem schlechtem Gewissen befreit. In der Apostelgeschichte behandelt Kapitel 15 mit dem Apostelkonzil in Jerusalem auch Gewissensfragen, ebenso Paulus im Römer- und 1. Korintherbrief, wo es um Reinheit, Gesetz, Essen und Rücksichtnahme geht.

Was ich heute besonders herausschälen und erhellen möchte, ist Entstehung und Wirkung des Gewissens. Dazu habe ich viel vom Missionologen Hannes Wiher gelernt, der über zwanzig Jahre in Afrika tätig war. Gerade dort hat er erlebt, dass die Menschen häufig anders reagierten als Europäer. Herausgefunden hat er, dass sie über ein anders geprägtes Gewissen verfügen. Ueber diese unterschiedlichen Gewissensformen möchte ich nun reden. Leider gibt es zusätzlich noch Menschen, die über gar kein ausgebildetes Gewissen verfügen, weil sie keine Erzieher hatten und somit keine Werte vorgelebt erhielten. Das ist eine ganz gravierende Missbildung, die schwer zu korrigieren ist.

Viele Mittel- und Nordeuropäer, besonders Protestanten und Pietisten, verfügen über ein sogenannt „schuldorientiertes“ Gewissen. Sie wurden von einzelnen Personen, der Kleinfamilie, erzogen, die nach gleichen Normen und Werten gelebt und gehandelt hatten. Das Kleinkind konnte dank dem diese Regeln verinnerlichen und das Gewissen wurde festgelegt. (Mit dem Gewissen ist es ähnlich wie mit der Sprache, es ist eine Anlage da, die aber in den ersten Lebensjahren ausgebildet und ausgefüllt werden muss, sonst verkümmert es!)
Wenn nun das Kind die Norm verletzt, beginnt es ein Schuldgefühl, ein „schlechtes Gewissen“ zu empfinden! Dies passiert auch, wenn der Erzieher nicht mehr anwesend ist. Das ist zwar unangenehm, aber wichtig für die Bewältigung und Entwicklung. Durch Rechtfertigung, Schuldbekenntnis und/oder Korrektur bekommt es wieder ein „gutes Gewissen“. Das schlechte Gefühl ist weg, die Schwierigkeit ist bewältigt, und alles ist wieder gut! Das ist eine gute Lösung, bei der auch konstruktive Kritik, persönliches Lernen und Heiligung Raum gewinnen und möglich sind.
Ein Problem bleibt jedoch, denn das Gewissen ist durch den „Sündenfall“ (mir gefällt besser: „Beziehungszerfall“ nach Manfred Seitz) nicht mehr die objektive, unverfälschte Stimme Gottes und kann daher auch zu überempfindlich und einseitig werden, gerade bei ängstlichen, sehr gewissenhaften Menschen! Man wird in einzelnen Dingen und Themen zu detailversessen, pingelig oder pharisäerhaft, zu zwanghaft oder rechthaberisch. Ich muss immer alles richtig machen und alles muss sofort in Ordnung gebracht werden. Doch Rettung, Gerechtigkeit und geistliches Leben beruhen auf erfahrener Gnade Gottes und unverdienter Liebe, deren ich nie würdig sein werde und entsprechen kann und sie trotzdem von Gott erhalten habe und bekomme! Jesus spricht sich klar gegen pharisäische Haltungen aus (in der Bergpredigt Mt 7,12 „Splitter im Auge“ und in Lk 18,21: Der reiche Mann hat alle Gebote gehalten und trotzdem fehlt ihm etwas, nämlich der Schatz im Himmel). Ebenso wendet sich Paulus in seinen Briefen gegen Gesetzlichkeit (Rö, 1Ko 8,1-11,1; Gal, etc.).

Die meisten Menschen im Süden und Osten hingegen kennen obgenannte Gewissensform kaum, weil sie anders erzogen wurden und in einem andern Umfeld leben. Hier herrscht die Grossfamilie, bei der viele Personen zur Erziehung der Kleinkinder beitragen. (Das gleiche gilt übrigens auch für Kibbuz und Kinderkrippen. Die jüngere Generation im Westen ist daher viel gruppenbezogener und schamorientierter, das verändert Gesellschaft und Gemeinden).
Wenn die Mutter da ist, gilt x, die Oma dagegen bestimmt y und die Tante sagt z. So kann das kleine Kind die Normen und Regeln nicht mehr verinnerlichen. Es stellt sich darauf ein, dass der Massstab personenbezogen ist und bleibt, ein "schamgeprägtes" Gewissen entsteht. Eine Normverletzung ist ein Versagen gegenüber der anwesenden Person und bewirkt ein Schamgefühl oder ein Gesichtsverlust. Die Normalisierung geschieht durch Versöhnung oder Vermittlung einer Person, auf die man angewiesen ist. So bestimmt also die Grossfamilie, der Clan, die „Group“ die gültigen Werte, die gelebte Ethik. Gut und richtig ist, was die Gruppe gutheissen kann, nicht was individuell und objektiv wahr und richtig erscheint.

Aufgrund meiner Beschreibung könnte man meinen, dass ein schuldorientiertes Gewissen besser sei als ein schamgeprägtes Gewissen. Doch dem ist nicht so, denn das hat mehr mit der eigenen Kind-heit, der erfahrenen Erziehung und Kultur zu tun, in der wir leben! Unser Ziel sollte sein, beide Gewissenformen zu kennen und vom Heiligen Geist in uns ausbilden zu lassen. Die Basis dazu ist, dass das Blut Christi unser Gewissen von toten Werken reinigt, dass wir dem lebendigen Gott dienen (Heb 9,14b). Und Denn die Bibel und speziell Jesus kennen Beispiele für beide Ausformungen:
· Adam und Eva schämen sich nach dem Essen der verbotenen Frucht (Genesis 3)
· Jesus beschämt und stösst die gesetzestreuen, einseitigen und teilweise heuchlerischen Pharisäer mehrmals vor den Kopf
· Jesus erzählt in den Gleichnissen von Schuld und Scham. Beispielsweise in Lukas 15,21ff bekennt der jüngere Sohn dem Vater: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen.“ Der Vater dagegen spricht nur von Entfernung der Schande, Versöhnung und Wiederherstellung (und nicht von Sünde und Schuld!): „Holt schnell das beste Kleid heraus und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an die Hand und Schuhe an die Füsse...“
· Jesus ist voll Gnade und Wahrheit (Joh 1,14 & 17)
· Jesus ist für Schuld und Scham (Schande, Unehre, Zerstörung der Gottesebenbildlichkeit) der Menschen gestorben, er vergibt unsere Sünde und stellt uns wieder her (Ehre, Wert, Würde)

Einige Fragen zum Schluss:
· Wie bin ich aufgewachsen, wie ist mein Gewissen geprägt worden? Bin ich eher auf Schuld oder auf Scham ausgerichtet? Bin ich vielleicht sogar übermässig gewissenhaft?

· Ist Jesus sowohl für meine Schuld als auch für meine Scham gestorben, gibt er mir Vergebung und Ehre? Oder bin ich einseitig und habe gar einen blinden Fleck?

· Wie gehe ich mit Menschen um, die eine andere Gewissensprägung haben? Anerkenne und verstehe ich unterschiedliche „Kulturen“ an, gerade auch in Beziehungen, Kleingruppe und Gemeinde?

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Sonntag, Oktober 25, 2009

Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit

Dieses kleine und wertvolle Werk des Amerikaners Neil Postman ist in Deutsch bei Fischer Taschenbuch 3855 Frankfurt 1987 erschienen unter der ISBN 3-596-23855-2.
(Amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel: The Disappearance of Childhood). Neil Postman wurde 1931 geboren und starb im Jahr 2003. Er war Professor für Media Ecology (Medienökologie) an der New York University. Er war ein Querdenker, Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Grundsatz- und Erziehungsfragen und machte auf die kulturzerstörende Kommerzialisierung und Medialisierung aufmerksam.

Auf der Rückseite dieses Taschenbuchs steht zusammenfassend nur ein Satz: "...es ist für die elektronischen Medien unmöglich, irgendwelche Geheimnisse zu bewahren. Ohne Geheimnisse aber kann es so etwas wie Kindheit nicht geben."
Postman bricht mit "diesem Buch den faulen Frieden, den die Erwachsenen mit der Gleichgültigkeit geschlossen haben, um die Welt bis in die Nischen hinein nach ihrem Bilde einzurichten. Es handelt von dem vielleicht folgenschwersten kulturellen Kolonisierungsunternehmen in der Gegenwart: der Zerstörung der Kindheit durch Missachtung oder Destabilisierung ihrer Spielräume, ihrer inneren Geschichte und ihrer spezifischen Zeitrechnung.... Postmans Kritik gilt der Allianz von Kommerz, Ideologie und Gedankenlosigkeit gegen die Ansprüche der Kinder auf eine eigene, freie Lebenszeit: auf die Kindheit nicht als eine biologische, sondern vielmehr als eine kulturelle Erfahrung. Die Vorstellungs- und Empfindungswelt der Kindheit ist endgültig dann abgeschafft, wenn die Kinder und Jugendlichen nur noch zu Erwachsenen-Wünschen fähig sind."

Wer Postman kennt weiss, dass er einer ist, der geschichtlich denkt, nachvollziehbar argumentiert und sich pointiert ausdrückt. Er scheut sich nicht, problematische Entwicklungen der Gegenwart anzusprechen und alternative Denkansätze und Handlungsmuster aufzuzeigen. In der Einleitung auf Seite 7 fängt er so an: Kinder sind die lebenden Botschaften, die wir einer Zeit übermitteln, an der wir selbst nicht mehr teilhaben werden. Eine Kultur, die vergisst, dass sie sich reproduzieren muss, ist, biologisch gesehen, undenkbar. Aber eine Kultur kann sehr wohl Bestand haben, ohne über eine gesellschaftliche Vorstellung von Kindern zu verfügen. Anders als das Säuglingsalter ist die Kindheit eine gesellschaftliches Kunstprodukt, keine biologische Kategorie.

Seite 19: Ohne entwickeltes Schamgefühl kann es Kindheit nicht geben.

Seite 23: In einer literalen Welt als Erwachsener zu leben bedeutet also, dass man Zugang zu kulturellen Geheimnissen hat, die in nicht-natürlichen Symbolen verschlüsselt sind. In einer literalen Welt müssen Kinder erst zu Erwachsenen werden; in einer nicht-literalen Welt dagegen ist es unnötig, zwischen Kindern und Erwachsenen genau zu unterscheiden, denn es gibt nur wenige Geheimnisse, und die Kultur braucht ihre Angehörigen nicht erst darin zu unterweisen, wie sie selbst zu begreifen ist.

Seite 28 und 29: Die Druckerpresse brachte eine neue Definition von Erwachsenheit hervor, die auf Lesenkönnen gründete, und entsprechend eine neue Auffassung von Kindheit, die auf dem Nichtlesenkönnen beruhte...: In der Welt des Mittelalters ist die Kindheit unsichtbar. Barbara Tuchman schreibt: "Von allen Eigenheiten, in denen sich das Mittelalter von der heutigen Zeit unterscheidet, ist keine so auffallend wie das fehlende Interesse an Kindern."

Seite 48: Seit der Erfindung des Buchdrucks musste die Erwachsenheit erworben werden. Sie wurde zu einer symbolischen Leistung, war nicht länger Resultat einer biologischen Entwicklung. Seit der Erfindung des Buchdrucks mussten die Kinder Erwachsene erst werden, und dazu mussten sie lesen lernen, die Welt der Typographie betreten. Damit ihnen das gelang, brauchten sie Erziehung. Deshalb erfand die europäische Zivilisation die Schule von neuem. Und damit machte sie aus der Kindheit eine Institution.

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Montag, Oktober 12, 2009

Erziehung: Warum sie so schwierig und trotzdem so wichtig ist



Als direkt und indirekt Betroffener, durch jahrelange Beobachtungen, Gespräche und die Internetseite www.elternkompetenz.de bin ich angeregt worden, Gedanken zu Erziehung heute aufzuschreiben:

Wir leben in bewegten Zeiten, kaum je hatte eine Gesellschaft so viele materielle und technische Möglichkeiten wie die unsere. Die daraus entstandene „Multioptionsgesellschaft“ mit Informationsflut und Hektik prägt sowohl uns Eltern, als auch unsere Kinder, Schule, Beruf, Kirchen und Freizeit. Wir können uns dieser Atmosphäre, diesem „Sog“ nicht ganz entziehen, trotzdem sollten wir den Zeitgeist kritisch betrachten und nicht einfach übernehmen. Sind wir noch in der Lage, unsere Zeit nüchtern und klar wahrzunehmen, um dann sinnvoll agieren, angemessen reagieren und auch Gegensteuer geben zu können? Nach meinem Verständnis trifft für die Gegenwart viel vom Gleichnis des Säemanns zu, der unter die Dornen säte: „Der in die Dornen Gesäte, das ist der, der das Wort hört, aber weltliche Sorgen und der Trug des Reichtums ersticken das Wort, und es bringt keine Frucht.“ (Mt 13,22).

Wir leben heute im Westen in einer Welt des materiellen Wohlstands, einer Welt des „Zuviels“, die uns bestimmen will und ersticken lässt: zu viel Optionen, zu viel Informationen, zu viel Tempo, zu viel Zeitdruck und zu viel ungesunder Stress. Zu häufig sind uns Auswirkungen und die daraus folgenden Mängel wenig bewusst:
· zu wenig zweckfreie Zeit
· zu wenig wirkliche Musse
· zu wenig zwecklose Beziehung
· zu wenig ungestörte Zuwendung
· letztlich einfach zu wenig echte Liebe

Gute Lösungen für dieses Dilemmas sind nicht leicht zu finden. Denn zurück zu den „guten alten Zeiten“ können wir nicht, zudem waren sie auch nicht nur gut! Die erfahrene eigene Erziehung kann nicht kopiert werden, da andere Zeiten und neue Herausforderungen für unsere Kinder vorhanden sind, beispielsweise der Umgang mit Internet und Handy.
Aus Gründen wie Narzissmus, Unübersichtlichkeit, Beanspruchung in Berufsalltag und aus Ueberforderung besteht die Tendenz, vieles laufen zu lassen. Statt Liebe und Zeit gibt es dann eher Geld, Gameboy und Gelati. "Kinder, die alles dürfen, sind eher die unglücklicheren Kinder", meint die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Annette Kast-Zahn. Auch sind sie häufig sich selbst überlassen und verunsichert und es fehlt ihnen an:
· ruhiger Zuwendung und Auseinandersetzung
· gegenseitigem Verstehen
· geduldigem Suche nach Ursachen, wenn es Probleme gibt
· Anstrengungsbereitschaft, und zwar von Vater und Mutter

Im Zeitalter des Ueberflusses ist vermehrt Grenzen setzen angesagt. Der Familien- und Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge, Autor des Bestsellers "Kinder brauchen Grenzen" betont, dass junge Menschen ein Recht auf "begleitende Autorität" haben. Nur wer ihnen Grenzen setze, bringe ihnen bei, dass Konflikte zum Leben gehören. Diskussion und klare Argumente in der Familie bekommen Kindern besser als Harmonie und Nachgiebigkeit. Eltern sollen Sparringpartner, auch mal wie eine Mauer sein, gegen die die Kinder anrennen können und dürfen! Aus Angst vor der seelischen Zerbrechlichkeit und Schäden erdulden Eltern Demütigungen und Beleidigungen ihrer Kinder. Die Folge ist, dass Kinder ihre Eltern nicht (mehr) wirklich ernst nehmen. Holger Wyrwa, ein anderer Erziehungswissenschaftler meint dazu: "Kinder, die nicht die Erfahrung machen, dass ihrem Verhalten Grenzen gesetzt sind, wachsen mit einem unrealistischen Bewusstsein auf und halten sich für Riesen, wo sie nur Zwerge sind. Entmachten Sie die kleinen Tyrannen zu ihrem eigenen Besten."

Durch "produktiven Widerstand" gibt man Kindern Orientierung in einer Welt, die wenig Verlässichkeit und Stabilität kennt. Konkret heisst das liebevoll und dem Kind zugewandt zu sein, aber entschieden dort, wo festzulegen ist, was geht und was nicht. Kinder brauchen verbindliche und konsequente Eltern, nur so können diese in einer unübersichtlichen Kinderwelt Strukturen herstellen, die dann Halt und Sicherheit geben. Verabredungen mit Kindern sind einzuhalten, familiäre Regeln durchzusetzen und Wünsche sind zu begrenzen, vor allem die, die ständig auf Kosten anderer gehen. Ebenso sind Aufsässigkeit, Tyrannei und Aggressivität sinnvoll zu sanktionieren. Solche Sanktionen sind immer auf das Fehlverhalten zu beziehen, beispielsweise wird absichtliche Verschmutzung mit Entfernen derselben Verschmutzung geahndet.

Das Internet, eine virtuelle Welt ohne Grenzen, ist bald in jeder Familie und Schule verfügbar. Seine Inhalte sind aber unkontrollierbar und jederzeit abrufbar. Es beeinflusst und verändert seine Nutzer und Konsumenten, gerade auch Kinder und Jugendliche! Positiv zu vermerken ist, dass auch Intelligenz, Kreativität und Selbstbewusstsein trainiert werden können. Kinder benötigen aber in der unübersichtlichen multimedialen Welt mehr Orientierung. Dazu gehören auch zeitliche Begrenzungen und altersgemässe Kontrolle. Eltern müssen sich gegen die Macht der Medien behaupten und durchsetzen können, obwohl ihre Kinder eher digitale Kenner und Experten sind. Angemessener Dialog, andauernder Gesprächsfaden und gut ausgeübte Autorität sind auch hier besonders gefragt.

Einige Fragen zum Schluss:
· Wo bin ich als Erziehender gefordert, von Gott und andern Menschen erzogen und geformt zu werden?
. Wo können Eltern Grenzsetzung lernen, die nicht auf Liebesentzug hinausläuft?
· Wie setzt man Regeln, ohne aggressiv zu werden?
· Wie vermeiden Eltern, zum Kumpel der Kinder zu werden?

Vermehrt bräuchten Eltern - gerade auch Akademiker - Training, weil sie mit der anspruchsvollen und kräfteraubenden Erziehungsaufgabe stark gefordert und teilweise überfordert werden.
Aus Australien kommt das Erziehungstraining "Triple P", bei dem die drei "P" für Positive Parenting Program stehen. Es macht Ernst mit dem Gedanken der pädagogischen Prävention. In einer grösseren deutschen Stadt soll es künftig flächendeckend durchgezogen werden.
Andere Pädagogen rufen nach Fortbildungskursen, die am Beginn jeder neuen Lebensphase der Kinder stehen sollten: wenn sie in den Kindergarten kommen, beim Schulanfang, vor der Pubertät.
Oder sollte man darüber nachdenken, dass nur Kindergeld bekommt, wer regelmäßig Elternkurse absolviert und so seinen Erziehungswillen bekundet?

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Donnerstag, August 24, 2006

John Bradschaw: Das Kind in uns

Da ich viel lese und sammle, möchte ich meine wichtigsten Zusammenfassungen all denen zur Verfügung stellen, die daran interessiert sind.
"Das Kind in uns" von John Bradshaw, das bei Droemer in Münschen 1992 erschienen ist, hat mich tief beeindruckt, so dass ich es zusammengefasst habe.

Etwas zum Autoren: John Bradshaw kann man nicht gerade als astreinen Christen bezeichnen. Er beruft sich auch relativ selten explizit auf den christlichen Glauben, das macht ihn mir symphatisch. Trotzdem habe ich viel von seinen grundsätzlichen Gedanken über Familiensysteme gelernt, weil er fähig ist, komplexe, schwer durchschaubare Zusammenhänge in klare Sätze zu fassen und starke Ausdrücke zu kleiden. Er ist heute eine Kapazität auf dem Gebiet der Familientherapie. Er wuchs in Houston, Texas, auf und erlebte eine schwierige Kindheit, weil sein Vater Alkoholiker war. Er studierte katholische Theologie in Kanada, wandte sich kurz vor der Ordinierung von der Kirche ab und war dann als Psychotherapeut und Managementberater tätig. Er versteht es wie nur wenige Personen, die Prozesse, die wir als Kinder durchleben, zu reflektieren und in tiefsinnige Aussagen zu packen: Keiner von uns hat eine ideale Kindheit erlebt, wir alle haben kleinere oder grössere Verletzungen abbekommen. Diese wirken oft weit ins Erwachsenenalter hinein und bestimmen uns und unsere Beziehungen wesentlich mit. Von diesen Verletzungen und von Heilungsprozessen, die möglich sind, schreibt John Bradshaw in seinem 384seitigen Buch, das vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt wurde. Nachfolgend gebe ich nur einige prägnante Aussagen, die er vorwiegend im ersten Teil dieses Buches macht, weiter:

Aus „Narzisstische Störungen“ auf Seite 31: „Jedes Kind braucht vorbehaltslose Liebe – zumindest zu Anfang. Das Kind muss sich in den Augen eines wohlwollenden Erwachsenen spiegeln können, sonst hat es keine Möglichkeit, zu erfahren, wer es ist. Jeder von uns war zuerst ein Wir, bevor er ein Ich wurde. Wir brauchten ein Gesicht, in dem wir alle Teile unseres Selbst wie in einem Spiegel erkennen können. Wir brauchten die Gewissheit, dass wir uns auf die Liebe der Bezugsperson, die sich um uns kümmerte, verlassen konnten, Das waren unsere gesunden narzisstischen Bedürfnisse. Wenn sie nicht befriedigt wurden, wurde unserem Gefühl für unsere Ichhaftigkeit Schaden zugefügt.“

Aus „Vertrauensprobleme“ auf Seite 32: „Wenn Bezugspersonen nicht vertrauenswürdig sind, entwickeln die Kinder mit der Zeit ein tiefes Gefühl des Misstrauens. Die Welt erscheint ihnen als ein gefährlicher, feindseliger und unberechenbarer Ort. Das Kind muss dann lernen, immer auf der Hut zu sein und die Situation unter Kontrolle zu behalten. Es ist schliesslich überzeugt, „wenn ich alles unter Kontrolle habe, kann mich niemand überraschen und verletzen“.“

Aus „Störungen der Intimität“ auf Seite 38: „Viele erwachsene Kinder sind ständig zwischen der Angst vor dem Alleingelassenwerden und der Angst vor dem Verschlungenwerden hin und her gerissen. Die einen leben in ständiger Isolation, weil sie Angst haben, von einem anderen Menschen erdrückt zu werden. Die anderen sind nicht in der Lage, eine zerstörerische Beziehung zu beenden, weil sie panische Angst vor dem Alleinsein haben. Die meisten Menschen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen.“
Dazu weiter auf Seite 40: „Es ist unmöglich, Intimität zu realisieren, wenn man kein Selbstwertgefühl hat. Wie soll man sich einem anderen Menschen hingeben können, wenn man selbst nicht weiss, wer man ist? Wie soll man sich einem anderen mitteilen können, wenn man nicht weiss, wer man wirklich ist?
Eine Möglichkeit, ein starkes Gefühl für sich selbst zu entwickeln, besteht darin, feste Grenzen zu ziehen. Wie die Grenzen eines Landes beschützen uns auch die Grenzen unseres Körpers, indem sie uns signalisieren, wenn uns jemand zu nahe kommt oder versucht, uns in unangemessener Weise zu berühren.. Unsere selbstbestimmten Grenzen in der Sexualität sorgen dafür, dass wir uns sexuell sicher und geborgen fühlen. (Menschen, die instabile sexuelle Grenzen haben, haben häufig Sex, obwohl sie es gar nicht wollen.)“
Dazu weiter auf Seite 42: „Die Erniedrigung eines anderen Menschen zum Sexualobjekt ist die Geissel der wahren Intimität. Intimität erfordert zwei vollständige Menschen, von denen jeder den anderen als Individuum achtet.“

Aus "Denkstörungen" auf Seite 45 & 46: „Jean Piaget nannte Kinder „kognitive Fremdlinge“. Sie denken anders als Erwachsene und neigen zum Absoluten. Ihr Denken ist durch ein Alles-oder-Nichts-Prinzip gekennzeichnet. Wenn du mich nicht liebst, dann hasst du mich. Dazwischen gibt es nichts anderes. Wenn mein Vater mich verlässt, werden mich alle Männer verlassen. Kinder sind nicht logisch. Das lässt sich am besten an einem Phänomen zeigen, das man „emotionales Argumentieren“ nennt. Ich habe ein bestimmtes Gefühl, also muss es so sein. Wenn ich mich schuldig fühle, muss ich eine verderbte Person sein.
Kinder brauchen eine ausgewogene Erziehung, damit sie lernen, wie man das Denken vom Fühlen unterscheidet – wie man über Gefühle nachdenkt und ein Gefühl für seine Gedanken entwickelt. Kinder denken egozentrisch, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie alles personalisieren. Wenn Dad keine Zeit für mich hat, bedeutet das, dass mit mir irgend etwas nicht stimmt. Kinder interpretieren die meisten Beschimpfungen so. Sie sind von Natur aus egozentrisch, ohne dass das ein Zeichen für Egoismus im moralischen Sinn sein muss. Kindern fällt es eben noch schwer, den Standpunkt eines anderen Menschen einzunehmen.

Aus "Optimismus" auf Seite 56 & 57: „Der natürliche Lebensfunke des Kindes drängt es dazu, die Welt auf eine optimistische Art zu erforschen. Wenn seine Bezugspersonen auch nur in etwa berechenbar sind, lernt das Kind, der Aussenwelt zu vertrauen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Kinder gehen natürlicherweise davon aus, dass die Welt ihnen freundlich gesinnt ist; sie sind voller Hoffnung, und es erscheint ihnen nichts unmöglich zu sein. Dieser natürliche Optimismus und dieses Vertrauen sind der Kern dessen, was uns die Natur mitgegeben hat, und die Säulen des sogenannten „kindlichen Glaubens“.
Dieser natürliche Optimismus und das Vertrauen der Kinder machen sie so verwundbar. Wenn ein Kind seinen Bezugspersonen völlig vertraut, ist es sehr verletzlich, wenn es beschimpft oder auf andere Weise angegriffen wird.

Aus "Naivität" auf Seite 58: Die Eltern oder die anderen erwachsenen Bezugspersonen müssen Geduld haben und verständnisvoll sein. Wenn ihnen diese Eigenschaften fehlen, erwarten sie zuviel von ihrem Kind. In den meisten Fällen von Kindesmisshandlungen, die mir bekannt sind, war der misshandelnde Elternteil fest davon überzeugt, dass das Kind in böser Absicht gehandelt hatte. Alle diese Erwachsenen hatten von dem Kind einen Reifegrad erwartet, der seinem tatsächlichen Alter überhaupt nicht entsprach.“

Aus "Einzigartigkeit" auf Seite 65 & 66: „Das natürliche Gefühl eines Kindes für Werte und Würde ist sehr anfällig, da es ständig von der unmittelbaren Rückmeldung und dem Echo der Bezugsperson abhängt, von der es versorgt wird. Wenn die Bezugsperson dem Kind kein wirklichkeitsgetreues und liebevolles Feedback gibt, verliert es das Gefühl dafür, dass es etwas Besonderes und Einzigartiges ist.
Zur Spiritualität gehört etwas, das tief in uns verborgen liegt und unser authentischster Teil ist – unser wahres Selbst. Wenn wir spirituell sind, stehen wir im Kontakt mit unserer Einzigartigkeit und Besonderheit. Das ist unser elementares Sein, unsere Ichhaftigkeit. Zur Spiritualität gehört ausserdem ein Gefühl für die Verbindung mit etwas, was grösser ist als wir selbst, und auf das wir uns gründen. Kinder sind von Natur aus gläubig – sie wissen, dass es etwas gibt, was grösser ist als sie selbst.
Ich glaube, dass unsere Ichhaftigkeit der Wesenskern dessen ist, was unsere Aehnlichkeit mit Gott ausmacht. Wenn ein Mensch ein Gefühl für diese Qualität hat, ist er in Harmonie mit sich und kann sich selbst annehmen. Kinder können das von Natur aus. Schauen Sie sich irgendein gesundes Kind an, dann werden Sie bei ihm einen Ausdruck erkennen, der besagt: „Ich bin, wer ich bin.“ Interessanterweise sagt Gott zu Moses in der Theophanie des brennenden Dornbuschs (Exodus 3,14): „Ich bin der „Ich-bin-da“.“ In diesem ICH BIN liegt der tiefste Sinn menschlicher Spiritualität, der alle Eigenschaften einschliesst, die mit dem Wertvollen, Besonderen verbunden sind. Im Neuen Testament findet sich immer wieder eine Situation, in der Jesus dem „Einzelnen“ die Hand reicht: dem verirrten Lamm, dem verlorenen Sohn, dem Menschen, der es verdient, dass man sich bis zum letzten Atemzug für ihn einsetzt. Der „Einzelne“ ist der, der er ist; es hat ihn vorher nie gegeben und es wird ihn auch nicht noch einmal geben.“

Aus "Liebe" auf Seite 66 & 67: „Kinder sind von Natur aus prädestiniert, zu lieben und ihre Zuneigung auszudrücken. Trotzdem muss jedes Kind erst geliebt werden, bevor es selbst lieben kann. Es lernt lieben, indem es selbst geliebt wird. Montagu schreibt: “Von allen menschlichen Bedürfnissen ist das Bedürfnis, geliebt zu werden ... das elementarste ... Es ist ein Bedürfnis, das uns menschlich werden lässt.“
Kein Säugling besitzt die Fähigkeit zu einer reifen, altruistischen Liebe. Er liebt auf eine Art, die seinem Alter entspricht. Die gesunde Entwicklung des Kindes hängt davon ab, dass es von einem Menschen geliebt wird, der es vorbehaltlos akzeptiert. Wenn dieses Bedürfnis befriedigt wird, wird die Liebeseneregie des Kindes freigesetzt, so dass es andere lieben kann.
Wenn das Kind in der Seele des Erwachsenen so schwer verletzt worden ist und unter solchen entbehrungen leiden musste, kann der Erwachsene später nur noch einen schwachen Widerhall aus der Welt der anderen Menschen wahrnehmen. Sein Hunger nach Liebe lässt ihn nie los. Das Bedürfnis bleibt bestehen, und das verletzte Kinde in ihm füllt diese Leere auf die Weise aus, die ich beschrieben habe.“

Aus "Sexueller Missbrauch" auf Seite 70: „Darunter versteht man, dass das Kind von einem Erwachsenen zur Befriedigung seiner sexuellen Lust missbraucht wird. Das Kind lernt dadurch, dass es für den Erwachsenen nur dann eine Bedeutung hat, wenn es sich sexuell betätigt. Die Folge einer solchen Verletzung ist, dass der Mensch als Erwachsener glaubt, er könne wahre Liebe eines anderen Menschen nur dann erringen, wenn er ein phantastischer Liebhaber oder ein sexuell ungewöhnlich attraktiver Mensch ist. Es gibt viele Formen des sexuellen Missbrauchs. Die nichtkörperlichen sind die, die am häufigsten nicht erkannt werden und das Opfer auf die schlimmste Weise neurotisieren.
Um nichtkörperlichen oder emotionalen sexuellen Missbrauch richtig verstehen zu können, müssen wir begreifen, dass die Familie ein soziales System ist, das seine eigenen Gesetze hat...
Das Familiensystem besteht ausserdem aus Komponten, von denen die wichtigste die Ehe ist. Wenn die Intimbeziehung der Ehe gestört ist, übernimmt das Familienprinzip des Gleichgewichts und des Ausgleichs das Regiment. Die Familie braucht eine gesunde Ehe, um im Gleichgewicht bleiben zu können. Wenn das Gleichgewicht gestört ist, drängt die Dynamik die Kinder dazu, es wiederherzustellen.
Die Faustregel lautet: Wenn ein Kind für einen Elternteil wichtiger ist als der eigene Partner, entsteht die Gefahr sexuellen Missbrauchs, der darin besteht, dass der Vater oder die Mutter das Kind für seine eigenen Bedürfnisse benützen. Ein derartiges Verhalten kehrt die natürlichen Verhältnisse um. Die Eltern sind dazu da, den Kindern Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen Orientierungen zu vermitteln, nicht, um sie zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu benützen, denn benützen bedeutet soviel wie missbrauchen.“

Aus Epilog „Nach Hause, Elliott, nach Hause!“ auf Seite 381: „Wie sehr wir uns auch anstrengen, um das Kind in uns zurückzugewinnen und zu beschützen, es bleibt trotzdem in jedem von uns eine gewisse Leere. Ich nenne das den „metaphysischen Blues“. Es ist natürlich ein freudiges Ereignis, wenn wir das Kind in uns zurückgewinnen und in unsere Obhut nehmen. Für viele von uns ist es ein Gefühl, als ob sie zum erstenmal wirklich nach Hause kämen. Aber auch wenn wir uns sicher fühlen und einander verbunden sind, haben wir alle doch noch eine Reise durch die Finsternis vor uns. Und so erschreckend das auch sein mag, es sehnt sich trotzdem jeder von uns tief in seinem Innersten danach. Denn gleichgültig, welche Träume in Erfüllung gehen, immer erleben wir auch so etwas wie eine kleine Enttäuschung, wenn wir an einem dieser Ziele angelangt sind. Dann sagen wir mit Dante, Shakespeare und Mozart: War das alles?
Ich glaube, dass dieses Gefühl der Enttäuschung dadurch entsteht, dass wir alle noch ein anderes Zuhause haben, wo wir wirklich hingehören. Ich glaube daran, dass wir alle aus der Tiefe des Seins kommen und dass dieses Sein uns wieder zurückruft. Ich glaube, dass wir von Gott kommen und dass wir Gottes Geschöpfe sind. Gleichgültig, wie gut es uns geht, wir sind nie wirklich zu Hause. Augustinus, auch ein verletztes Kind, hat das schön ausgedrückt: „Du hast uns für Dich selbst erschaffen, O Herr, und unsere unruhigen Herzen finden erst Frieden, wenn sie in Dir ruhen.“ Das wird dann endlich unsere wahre Heimkehr sein.“


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