Freitag, September 30, 2016

Die moderne Welt: Lernen, die richtigen Fragen zu stellen

Einsichtig und fast amüsant stellen Hauerwas und Willimon im Kapitel eins dar, dass wir seit 1963 in einer veränderten Welt leben. 1963 ging der Jugendliche William Willimon in Greenville (South Carolina) eines Sonntags durch die Haupttüre in die Kirche hinein und gleich durch die Hintertüre wieder hinaus, um im Kino einen Film mit John Wayne zu sehen. Das Kino gewann ihn und die Jugend von damals gegen die Kirche. 313 nach Christus wurde das konstantinische Staatschristentum eingeführt, ungefähr 1650 Jahre haben wir Abschied davon genommen. Die Welt hat sich verändert, doch die protestantischen Traditionskirchen in Amerika (und Europa) taten, was sie immer tun: Sie machten einfach weiter, als ob nichts geschehen wäre (Seite 52).

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Stanley Hauerwas und William H. Willimon: Christen sind Fremdbürger

Dieses Buch erschien bereits 1989 in den USA unter dem Titel Resident Aliens. Es wurden über 100.000 Exemplare davon verkauft, was für ein theologisches Werk sehr viel ist. 2016 erschien es im fontis – Brunnenverlag in Basel unter der ISB-Nummer 978-3-03848-075-4. Der Untertitel heisst: Wie wir wieder werden, was wir sind: Abenteurer der Nachfolge in einer nachchristlichen Gesellschaft Zu den Autoren: Stanley Hauerwas ist in Europa kaum bekannt, obwohl er 30 Jahre Professor für theologische Ethik an der Duke Universität in Durham (North Carolina) war. Er wurde 1940 im texanischen Dallas geboren, wuchs in einer methodistischen Arbeiterfamilie auf, wo er zum christlichen Glauben fand, studierte Theologie in Yale, lehrte an lutherischen, katholischen, methodistischen und reformierten Hochschulen und gehört heute zu einer episkopalen Kirche. William H. Willimon war Bischof einer Methodistenkirche in Alabama und ist Professor für praktische Theologie an der Duke Universität in Durham. Zum Buchinhalt: Das unscheinbare Buch mit seinen 252 Seiten hat es in sich. Wie im Titel bereits angetönt, betonen die Autoren, dass die christliche Kirche heute eine Kolonie, eine Insel des Glaubens inmitten einer Kultur des Unglaubens sei (Seite 12) und begründen diese Sicht mit guten Beispielen, tiefgründig und intelligent. Dieses Buch will hoffnungsvoll und nützlich sein zum Dienst in und an der „Kolonie“. Es ist weder liberal noch konservativ, sondern will wie die Autoren christuszentriert sein.
Rezension und Zusammenfassung: Dieses unauffällige Buch mit dem einfachen Titel „Christen sind Fremdbürger“ war eine Entdeckung für mich. In den USA ist es bereits vor 27 Jahren unter dem Titel „Resident Aliens“ erschienen und hat eine grössere Verbreitung gefunden und Wellen geworfen. Die Autoren, Stanley Hauerwas und sein Kollege William Willimon, sind Methodisten und Theologieprofessoren an der Duke Universität in Durham in North Carolina im Osten der USA. Während Hauerwas Ethiker ist, war Willimon Bischof in Alabama. Beide sind kirchlich eingebunden, was auch im Buch deutlich zum Ausdruck kommt. Sie verstehen die christliche Kirche aber hauptsächlich als eine Kolonie, die inmitten einer Kultur des Unglaubens existiere. Dieses Bild – zunächst eine Behauptung - wird anschaulich beschrieben und mit guten Beispielen illustriert. Seit ungefähr fünfzig Jahren befinden wir uns im Westen in der nachchristlichen Ära, der Glaube ist sehr individuell und zur Privatsache geworden. Die lange Epoche des „konstantinischen Christentums“ ist zu Ende gegangen. Es war eine Zeit in der Staat, Kultur und christlicher Glaube eng verwoben und zugleich dominierend waren. Viele Kirchen machen aber gleich weiter, als ob nichts geschehen sei. Sie drehen sich wie moderne Firmen um Kundenbedürfnisse, statt Menschen in den Leib Christi einzufügen. Der Nationalstaat in den USA und bei uns der Wohlfahrtsstaat haben sich praktisch an die Stelle Gottes gesetzt. Die meisten unserer sozialen Programme beruhen auf der Annahme, dass wir keinen Gott brauchen, um eine friedliche und gerechte Welt zu erschaffen. Der Unglaube zeigt sich in Selbstsucht, Selbsterhaltung und Selbsterfüllung, die durch die Konsumgesellschaft gut genährt werden. Schon Stanley Jones, der von den Autoren zitiert wird, hat prophetisch gesagt: Wir haben die Welt mit einer abgeschwächten Form von Christentum infiziert, damit sie über kurz oder lang immun wird gegen alle Formen echten Christentums. Der christliche Glaube dagegen ist abhängig von Gott, von seiner Geschichte mit uns Menschen. Er schickt uns auf eine atemberaubende Reise, die Nachfolge heisst, und hat ein Ziel, das uneingeschränkte Freundschaft mit Gott bedeutet. Diese Reise kann nur in Gemeinschaft gelingen, alleine ist sie kaum umsetzbar. Die Autoren erachten unseren Individualismus daher als Sackgasse und machen Mut Kirche als echte Gemeinschaft zu verstehen und zu leben. Das hat auch Auswirkungen für Pfarrer, deren Aufgaben und Ausbildung. Diese sei zu sehr darauf bedacht, dem einzelnen Menschen zu helfen, mit seinem Leben besser zurechtzukommen. Die Kirche sei ein Ort der Verehrung Gottes und nicht ein Therapiezentrum für die Stillung von undisziplinierten und unhinterfragten Bedürfnissen (Seite 177). Ein klug geschriebenes Buch, das wichtige Fragen stellt, prägnante Aussagen macht und mutige Orientierung bietet in unserer diffusen Gegenwart.

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Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums

Der amerikanische Politwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop hat 2014 ein Buch geschrieben, das auch im deutschen Sprachraum in vielen Medien Beachtung gefunden hat. Es heisst im Original: Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism. Allen Lane 2014, ISBN 0-713-99644. 2015 ist es auch in Deutsch herausgekommen unter dem Titel: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Es ist im Verlag Klett-Cotta in Stuttgart unter der ISBN 978-3-608-94886-8 erschienen. Der 80jährige Siedentop lehrte Ideengeschichte an der englischen Universität von Sussex und politische Philosophie am Keble College in Oxford. Eine Summe seiner Erkenntnisse legt er in seinem neusten, 476-seitigen Werk vor. Er beschreibt und begründet, wie der westliche Liberalismus und Säkularismus aus christlichen Glaubensinhalten wie Gleichheit und Freiheit entstanden ist. Zu Beginn skizziert Siedentop die antike Familie mit dem „pater familias“ im Zentrum. Seine wichtigste Aufgabe war das Hüten des heiligen Feuers am Herd des Hauses. Diese Aufgabe übertrug er bei seinem Ableben dem ältesten Sohn. Der Vater hatte einen gottähnlichen Status, und die ganze Familie war ihm uneingeschränkt zugeneigt und ergeben. Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen, das galt später auch für die „res publica“, das antike Gemeinwesen, dem nur die Männer ganz zu dienen und etwas zu sagen hatten. Siedentop folgt dem Werk „Der antike Staat“ des französischen Historikers Fustel de Coulanges von 1864, das er noch heute für unübertroffen hält. Bereits der jüdische Glaube an einen Gott war im „Imperium Romanum“ interessant geworden, um aus der antiken Welt der Ungleichheit auszusteigen. Vor allem durch überzeugende Nächstenliebe hatte sich dann der christliche Glaube im spätrömischen Reich ausgebreitet. Kirchen und Klöster förderten nebst Bildung auch Gleichheit und Individualität der Personen und brachen die antiken Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit ihrer religiös motivierten Ungleichheit auf. Bereits im Mittelalter wurden Werte wie Gleichheit und Freiheit zunehmend akzeptiert und schufen die Basis für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit steigender Chancengleichheit. Siedentop kommt aber zum Schluss, dass heute diese Errungenschaften durch fundamentalistische Haltungen und autoritäre Regimes in Frage gestellt oder sogar zerstört würden.

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Samstag, Dezember 19, 2015

Vishal Mangalwadi: Das Buch der Mitte

Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur. Das ist der Untertitel dieses lehrreichen Buchs von Vishal Mangalwadi, das 2014 im Fontis-Verlag Basel 2014 unter der ISB-Nummer 978-3-03848-004-4 erschienen ist. Der Originaltitel von 2011 lautete: The Book that Made Your World: How the Bible Created the Soul of Western Civilization. Zuerst etwas zum Autor: Der Inder Vishal Mangalwadi wurde 1949 im ländlichen Nordindien geboren und studierte 1967-1969 an der Universität von Allahabad Philosophie. 1971-1973 studierte er in Indore weiter, wo er 1973 seinen Master in Philosophie erwarb. Danach besuchte er hinduistische Aschrams und L’Abri Fellowship von Francis Schaeffer in der Schweiz. 1976 zogen seine Frau und er in die Farm seines Vaters im Dorf Gatheora im Bezirk Chhatarpur. Sie gründeten eine gemeinnützige Organisation zur ganzheitlichen Unterstützung und Befreiung der Armen auf dem Land. Weil dies der Kastenzugehörigkeit und der feudalen Gesellschaftsordnung entgegenstand, stiess ihre Arbeit auf heftigen Widerstand. So kam er 1980 kurz ins Gefängnis von Tikamgarh, 1984 wurde auch ihre Organisationszentrale niedergebrannt. Im gleichen Jahr wurde er zum Chef der Bauernkommission der Janata Party ernannt. 1987 initierte er eine nationale Bewegung gegen die Wiederbelebung der Witwenverbrennung. 1988-1994 arbeitete er als Assistent von Kanshi Ram, dem Gründer der Bahujan Samaj Party. Seit 1996 hält er weltweit Vorlesungen. 1999-2000 verbrachte er mit seiner Frau in der Bibliothek der Universität Cambridge, um die Rolle der Bibel beim Aufstieg der westlichen Kultur zu erforschen. 2003 erhielt er von der juristischen Fakultät der William Carey International Universität in Pasadena, Kalifornien, einen Doktortitel. 2009 veröffentlichte er in der US-amerikanischen Ausgabe von Truth and Transformation (deutsch: Wahrheit und Veränderung), dass die lokalen Kirchen in der ganzen Welt als Zentren des Lernens dienen und gebührenfreie, internetunterstützte Ausbildungen anbieten sollten. 2010 begann ein Pilotprojekt in Indonesien. Seit 2013 arbeitet er als Honorarprofessor für angewandte Theologie an der theologischen Fakultät des Sam Higginbottom Institut für Agrikultur, Technologie und Wissenschaft in Allahabad. . . . . . . . . . . . Zum Buch: Es beginnt mit der kurzen, tragischen Geschichte von Kurt Cobain, dem Leadsänger und Gitarrist der Rockband Nirvana, der 1994 Suizid verübte, vermutlich weil er vom Nihilismus geprägt war und sein Leben als sinnlos empfunden hat. Bereits Friedrich Nietzsche (1844-1900) hatte den Tod Gottes propagiert, der in seiner Konsequenz auch den Tod der menschlichen Seele beinhaltete, was wir hundert Jahre später im Westen nun teilweise erleben. Die Sichtweise auf das Leben war nicht immer so gewesen: Augustinus (354-430) hatte aufgrund seines christlichen Glaubens den Menschen als Körper, Seele und Geist definiert und beschrieben und war dadurch auch zum Wegbereiter für ein neues Musikverständnis geworden. Martin Luther hat dieses Musikverständnis vom Kloster unter das Volk gebracht. Der begabte und gebildete Johann Sebastian Bach (1685-1750) komponierte auf dieser Grundlage geniale Werke trotz Grausamkeit und Leid in seinem Leben. Das sind Beispiele, die den Einfluss der Bibel auf die westliche Kultur andeuten. Auch andere Arbeits- und Lebensbereiche wurden schon früh im Westen bearbeitet und vertieft, dabei spielten christliche Mönche in den Klöstern eine herausragende Rolle: ·Gregor von Tours (538-594) erfand die Wassermühle ·Johannes von Damaskus (676-749) betonte, dass die Vernunft die Quelle der Erkenntnis sei ·Der Philosoph Pico della Mirandola (1463-1494) schrieb 1486 ein Buch über die Würde des Menschen ·Bernhard von Clairvaux (1090-1153) schrieb nicht nur Geistliches, sondern interessierte sich wie seine Zeitgenossen auch für Technik und Handwerk ·Wilhelm von Auvergne (1228-1249) war Bischof von Paris und erfand die mechanische Uhr, um gemeinsame Gebetszeiten besser regeln zu können ·Brillengläser wurden 1280 in Pisa oder Lucca erfunden, damit Mönche besser Bibel lesen konnten

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Sonntag, Januar 24, 2010

Einige Aspekte des Wiederauflebens der Vergangenheit in der Neuzeit (S. 239-249)

Im 19. Jahrhundert brach der wissbegierige Westen wie ein begeisternde und befruchtende Flut über den alten Orient herein. Das zeigte sich mit:
· westlichem Schulwesen
· moderner Medizin
· Geografischen Karten
· Eisenbahn und Industrialisierung


Die Vielfalt der Kulturen, die nationalen Unterschiede und die Bedingtheit der Werte wurden dabei stärker wahrgenommen. Das führte zum Machtzerfall im Orient, Demokratie und zu den universellen Menschenrechten, aber auch zur Kolonisation durch den Westen. Europa wollte Emanzipation, Rechtsgleichheit und Laizismus in die islamische Welt bringen. Mit dem Rückzug im 20. Jahrhundert verschwanden diese Werte weitgehend und ein antiwestlicher Islam breitete sich erneut aus. Das ist aber keine ganz neue Bewegung, denn sie ist gespeist vom Dschihad, geleitet von charismatischen religiösen Führern und eingebettet in den fortdauernden Strom der Geschichte. Koran und Scharia sollen wieder staatliche und rechtliche Grundlage sein, Umma soll wiederhergestellt und die Welt erobert werden! Es ist ein Kampf gegen Materialismus, Kolonialismus, Imperialismus, Zionismus und gegen Amerika, den grossen Satan! Dieser Dschihad gegen den Westen ist ein vielfältiger und mehrdimensionaler Kampf:
· Terrorismus
· Wirtschaftlicher Druck und Drohung, vor allem mit der Oelwaffe
· Psychologische Beeinflussung
· Geiselnahme und Flugzeugentführungen:
„Harbi“ (=Ungläubiger) kommt nur gegen Lösegeld oder im Gefangenenaustausch frei
Bat Ye’or stellt hier die Frage, ob wir mit unserer Antiterror-Infrastruktur in Europa nicht bereits in die Dhimmi-Phase eingetreten sind?

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Montag, Oktober 12, 2009

Erziehung: Warum sie so schwierig und trotzdem so wichtig ist



Als direkt und indirekt Betroffener, durch jahrelange Beobachtungen, Gespräche und die Internetseite www.elternkompetenz.de bin ich angeregt worden, Gedanken zu Erziehung heute aufzuschreiben:

Wir leben in bewegten Zeiten, kaum je hatte eine Gesellschaft so viele materielle und technische Möglichkeiten wie die unsere. Die daraus entstandene „Multioptionsgesellschaft“ mit Informationsflut und Hektik prägt sowohl uns Eltern, als auch unsere Kinder, Schule, Beruf, Kirchen und Freizeit. Wir können uns dieser Atmosphäre, diesem „Sog“ nicht ganz entziehen, trotzdem sollten wir den Zeitgeist kritisch betrachten und nicht einfach übernehmen. Sind wir noch in der Lage, unsere Zeit nüchtern und klar wahrzunehmen, um dann sinnvoll agieren, angemessen reagieren und auch Gegensteuer geben zu können? Nach meinem Verständnis trifft für die Gegenwart viel vom Gleichnis des Säemanns zu, der unter die Dornen säte: „Der in die Dornen Gesäte, das ist der, der das Wort hört, aber weltliche Sorgen und der Trug des Reichtums ersticken das Wort, und es bringt keine Frucht.“ (Mt 13,22).

Wir leben heute im Westen in einer Welt des materiellen Wohlstands, einer Welt des „Zuviels“, die uns bestimmen will und ersticken lässt: zu viel Optionen, zu viel Informationen, zu viel Tempo, zu viel Zeitdruck und zu viel ungesunder Stress. Zu häufig sind uns Auswirkungen und die daraus folgenden Mängel wenig bewusst:
· zu wenig zweckfreie Zeit
· zu wenig wirkliche Musse
· zu wenig zwecklose Beziehung
· zu wenig ungestörte Zuwendung
· letztlich einfach zu wenig echte Liebe

Gute Lösungen für dieses Dilemmas sind nicht leicht zu finden. Denn zurück zu den „guten alten Zeiten“ können wir nicht, zudem waren sie auch nicht nur gut! Die erfahrene eigene Erziehung kann nicht kopiert werden, da andere Zeiten und neue Herausforderungen für unsere Kinder vorhanden sind, beispielsweise der Umgang mit Internet und Handy.
Aus Gründen wie Narzissmus, Unübersichtlichkeit, Beanspruchung in Berufsalltag und aus Ueberforderung besteht die Tendenz, vieles laufen zu lassen. Statt Liebe und Zeit gibt es dann eher Geld, Gameboy und Gelati. "Kinder, die alles dürfen, sind eher die unglücklicheren Kinder", meint die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Annette Kast-Zahn. Auch sind sie häufig sich selbst überlassen und verunsichert und es fehlt ihnen an:
· ruhiger Zuwendung und Auseinandersetzung
· gegenseitigem Verstehen
· geduldigem Suche nach Ursachen, wenn es Probleme gibt
· Anstrengungsbereitschaft, und zwar von Vater und Mutter

Im Zeitalter des Ueberflusses ist vermehrt Grenzen setzen angesagt. Der Familien- und Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge, Autor des Bestsellers "Kinder brauchen Grenzen" betont, dass junge Menschen ein Recht auf "begleitende Autorität" haben. Nur wer ihnen Grenzen setze, bringe ihnen bei, dass Konflikte zum Leben gehören. Diskussion und klare Argumente in der Familie bekommen Kindern besser als Harmonie und Nachgiebigkeit. Eltern sollen Sparringpartner, auch mal wie eine Mauer sein, gegen die die Kinder anrennen können und dürfen! Aus Angst vor der seelischen Zerbrechlichkeit und Schäden erdulden Eltern Demütigungen und Beleidigungen ihrer Kinder. Die Folge ist, dass Kinder ihre Eltern nicht (mehr) wirklich ernst nehmen. Holger Wyrwa, ein anderer Erziehungswissenschaftler meint dazu: "Kinder, die nicht die Erfahrung machen, dass ihrem Verhalten Grenzen gesetzt sind, wachsen mit einem unrealistischen Bewusstsein auf und halten sich für Riesen, wo sie nur Zwerge sind. Entmachten Sie die kleinen Tyrannen zu ihrem eigenen Besten."

Durch "produktiven Widerstand" gibt man Kindern Orientierung in einer Welt, die wenig Verlässichkeit und Stabilität kennt. Konkret heisst das liebevoll und dem Kind zugewandt zu sein, aber entschieden dort, wo festzulegen ist, was geht und was nicht. Kinder brauchen verbindliche und konsequente Eltern, nur so können diese in einer unübersichtlichen Kinderwelt Strukturen herstellen, die dann Halt und Sicherheit geben. Verabredungen mit Kindern sind einzuhalten, familiäre Regeln durchzusetzen und Wünsche sind zu begrenzen, vor allem die, die ständig auf Kosten anderer gehen. Ebenso sind Aufsässigkeit, Tyrannei und Aggressivität sinnvoll zu sanktionieren. Solche Sanktionen sind immer auf das Fehlverhalten zu beziehen, beispielsweise wird absichtliche Verschmutzung mit Entfernen derselben Verschmutzung geahndet.

Das Internet, eine virtuelle Welt ohne Grenzen, ist bald in jeder Familie und Schule verfügbar. Seine Inhalte sind aber unkontrollierbar und jederzeit abrufbar. Es beeinflusst und verändert seine Nutzer und Konsumenten, gerade auch Kinder und Jugendliche! Positiv zu vermerken ist, dass auch Intelligenz, Kreativität und Selbstbewusstsein trainiert werden können. Kinder benötigen aber in der unübersichtlichen multimedialen Welt mehr Orientierung. Dazu gehören auch zeitliche Begrenzungen und altersgemässe Kontrolle. Eltern müssen sich gegen die Macht der Medien behaupten und durchsetzen können, obwohl ihre Kinder eher digitale Kenner und Experten sind. Angemessener Dialog, andauernder Gesprächsfaden und gut ausgeübte Autorität sind auch hier besonders gefragt.

Einige Fragen zum Schluss:
· Wo bin ich als Erziehender gefordert, von Gott und andern Menschen erzogen und geformt zu werden?
. Wo können Eltern Grenzsetzung lernen, die nicht auf Liebesentzug hinausläuft?
· Wie setzt man Regeln, ohne aggressiv zu werden?
· Wie vermeiden Eltern, zum Kumpel der Kinder zu werden?

Vermehrt bräuchten Eltern - gerade auch Akademiker - Training, weil sie mit der anspruchsvollen und kräfteraubenden Erziehungsaufgabe stark gefordert und teilweise überfordert werden.
Aus Australien kommt das Erziehungstraining "Triple P", bei dem die drei "P" für Positive Parenting Program stehen. Es macht Ernst mit dem Gedanken der pädagogischen Prävention. In einer grösseren deutschen Stadt soll es künftig flächendeckend durchgezogen werden.
Andere Pädagogen rufen nach Fortbildungskursen, die am Beginn jeder neuen Lebensphase der Kinder stehen sollten: wenn sie in den Kindergarten kommen, beim Schulanfang, vor der Pubertät.
Oder sollte man darüber nachdenken, dass nur Kindergeld bekommt, wer regelmäßig Elternkurse absolviert und so seinen Erziehungswillen bekundet?

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Samstag, Mai 26, 2007

Hans-Peter Raddatz: Von Gott zu Allah?

Der Untertitel dieses Werks lautet: Christentum und Islam in der liberalen Fortschrittsgesellschaft. Es ist im Herbig-Verlag München 2001, umfasst 528 Seiten und kostet "nur" CHF 26.80. ISBN: 3-7766-3010-8.
Zuerst etwas zum Autor dieses Buchs: Hans-Peter Raddatz wurde 1941 in Deutschland geboren. Er studierte Orientalistik, Volkswirtschaftslehre und Ethnologie. Er promovierte über das frühislamische Erbrecht 1967. Danach arbeitete für verschiedene Firmen in Nahen Osten und in den USA. Heute ist er Publizist, der den Islam kritisch betrachtet. Er vertritt und unterstützt die jüdisch-christlichen Werte Europas und das Existenzrecht Israels. Er tritt ein für die Trennung von Kirche und Staat und das staatliche Gewaltmonopol, das im Islam nicht vorgesehen und gewährleistet wird. Ein Anliegen ist ihm auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Er kritisiert den naiven Dialog des Westens, auch der christlichen Kirchen, mit den Moslems, und bekämpft die Anerkennung der Scharia, des islamischen Rechts, in Europa. Dadurch erhielt er 2005 Drohungen im Internetportal „Muslim-Markt“.

Zum Vorwort ab Seite 11:
Raddatz macht teilweise sehr prägnante Aussagen, über die es sich lohnt nachzudenken. Er behauptet beispielsweise folgendes: „Im Islam ist virtuelle Gewalt angelegt... Der moderne Fortschritt hat zu sozialer Inkompetenz, islamischer Radikalisierung und westlicher Korruption geführt.

Zur Einführung ab Seite 14:
Raddatz macht (zu Recht) auf den defizitären Informationsstand über die wichtigen Migrationsgruppen in Deutschland, Frankreich und England aufmerksam: Was wissen wir schon wirklich über die Türken, die Nordafrikaner und die Pakistaner? Das Wissen über den Islam steigt nicht wie die Expansion des Islams in Europa!
Der christliche Glaube war wesentlicher Impuls des europäischen Geistes. Wenn dieser Glaube verschwindet, wir auch dieser Geist verschwinden (Seite 24)!

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Donnerstag, Oktober 05, 2006

Der Westen, Papst Benedikt und der Islam

Seit dem 11. September 2001, den Karikaturen aus Dänemark und der Papstrede sind nun auch wir hier im Westen hellhöriger auf den radikalen Islam und seine Reaktionen geworden. Es hat etwas lange gedauert, bis wir entdeckt haben, welche Potenz im Islam steckt.
Papst Benedikt hat an der Universität Regensburg eine Vorlesung gehalten, die folgenden Titel trug: „Nicht vernunftgemäss handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“. Das tönt eigentlich ganz gut, und Benedikts Rede, die inzwischen schriftlich vorliegt, verfolgt diesen Gedanken schön und folgerichtig. Es zeigt die Liebe und Zugewandtheit des Papstes zum christlichen Glauben und zur griechischen Philosophie auf. Das ist keine neue Erkenntnis und Ausrichtung, denn die Geschichte der katholischen Kirche ist geprägt von der frühchristlichen Synthese der biblischen Offenbarungen und der neo-platonischen Weisheit. Ein katholischer Theologe hat es plakativ so ausgedrückt: Alle Philosophien Europas sind Anmerkungen zu Platon.
Unter diesen Vorzeichen ist die Rede vom „vernünftigen“ Gott sehr gut verständlich, aber nicht die einzige christliche Antwort. Die starke griechische Prägung war und ist zugleich Folge der christlichen Entfernung von der jüdischen Herkunft, die schon bald nach dem Tod von Jesus eingesetzt hatte. Gott wird aber im jüdisch-christlichen Verständnis nicht primär durch Vernunft erkannt, sondern die einzige Chance ist die Offenbarung Gottes, die mit Abraham begonnen hatte und in Jesus Christus ihren Höhepunkt erreicht hat. Gottes Offenbarungen haben ein Hauptziel, die Menschen aufzusuchen und sie zu Gott zurückzurufen. Gott macht immer den ersten Schritt auf uns Menschen zu, weil wir trotz Vernunft nicht imstande sind, ihn richtig zu erkennen und zu würdigen.
Ob es da nicht angebracht wäre, wenn Christen auf diese Sichtweise aufmerksam machen würden?
Auch die Reaktion der Moslems ist vor allem in einem geschichtlichen Zusammenhang zu sehen: Der Islam war wahrscheinlich nie nur eine einzige Grösse, sondern immer geprägt von verschiedenen Strömungen und Richtungen. Ungefähr 1970 haben aber „fundamentalistische“ Gruppierungen, die vor allem in Arabien und Nordafrika beheimatet sind, den „reformistischen“ Moslems die Vorherrschaft abgenommen. Fundamentalistische Moslems, wie die Wahabiten, Salafiten und die Moslembruderschaft, wollen vor allem zurück zum ursprünglichen Islam, wollen leben wie ihre Vorfahren, die in Einfachheit geglaubt haben. Die Zerstörung der dekadenten westlichen Zivilisation und Kultur dient diesem Ziel und ist daher legitim. Zudem war im islamischen Selbstverständnis Glaube nie nur eine private Angelegenheit, sondern immer eine öffentliche, politische Sache. Es geht um Unterwerfung, territoriale Herrschaft und schlussendlich um Weltherrschaft. Das islamische Reich wurde von Anfang an durch Feuer und Schwert, den Heiligen Krieg „Jihad“ ausgebreitet. Es ist ein Reich von dieser Welt (nach dem Islamkenner Dr. Heinz Gstrein). Deshalb ist auch das Recht, die „Scharia“ viel wichtiger als die islamische Theologie, der Rechtskundige, der „Mufti“, bedeutender als der Vorbeter, der „Imam“.
Aus diesen Gründen scheint es mir wichtig, islamischen Reaktionen auf die Papstrede nicht nachzugeben. Freiheit des Glaubens und des Denkens sind ein zu wertvolles Gut im Westen, als das sie vorschnell aufgegeben werden sollten! Gleichzeitig müssen Bemühungen verstärkt werden, den Islam in seinen verschiedenen Ausprägungen besser kennen und einschätzen zu lernen.

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