Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums

Der amerikanische Politwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop hat 2014 ein Buch geschrieben, das auch im deutschen Sprachraum in vielen Medien Beachtung gefunden hat. Es heisst im Original: Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism. Allen Lane 2014, ISBN 0-713-99644. 2015 ist es auch in Deutsch herausgekommen unter dem Titel: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Es ist im Verlag Klett-Cotta in Stuttgart unter der ISBN 978-3-608-94886-8 erschienen. Der 80jährige Siedentop lehrte Ideengeschichte an der englischen Universität von Sussex und politische Philosophie am Keble College in Oxford. Eine Summe seiner Erkenntnisse legt er in seinem neusten, 476-seitigen Werk vor. Er beschreibt und begründet, wie der westliche Liberalismus und Säkularismus aus christlichen Glaubensinhalten wie Gleichheit und Freiheit entstanden ist. Zu Beginn skizziert Siedentop die antike Familie mit dem „pater familias“ im Zentrum. Seine wichtigste Aufgabe war das Hüten des heiligen Feuers am Herd des Hauses. Diese Aufgabe übertrug er bei seinem Ableben dem ältesten Sohn. Der Vater hatte einen gottähnlichen Status, und die ganze Familie war ihm uneingeschränkt zugeneigt und ergeben. Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen, das galt später auch für die „res publica“, das antike Gemeinwesen, dem nur die Männer ganz zu dienen und etwas zu sagen hatten. Siedentop folgt dem Werk „Der antike Staat“ des französischen Historikers Fustel de Coulanges von 1864, das er noch heute für unübertroffen hält. Bereits der jüdische Glaube an einen Gott war im „Imperium Romanum“ interessant geworden, um aus der antiken Welt der Ungleichheit auszusteigen. Vor allem durch überzeugende Nächstenliebe hatte sich dann der christliche Glaube im spätrömischen Reich ausgebreitet. Kirchen und Klöster förderten nebst Bildung auch Gleichheit und Individualität der Personen und brachen die antiken Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit ihrer religiös motivierten Ungleichheit auf. Bereits im Mittelalter wurden Werte wie Gleichheit und Freiheit zunehmend akzeptiert und schufen die Basis für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit steigender Chancengleichheit. Siedentop kommt aber zum Schluss, dass heute diese Errungenschaften durch fundamentalistische Haltungen und autoritäre Regimes in Frage gestellt oder sogar zerstört würden.

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