Sonntag, Mai 22, 2016

Larry Siedentop: Europa findet zu seiner Identität

13. Warum der Feudalismus die antike Sklaverei nicht wieder einführte. Feudalismus kann als Vorstufe der Moderne angesehen werden. Im antiken Rom gab es Hörige mit nur minimalen Rechten, die keine Körperstrafen erdulden mussten. Diese Landarbeiter hiessen „Coloni“, weiter gab es „Rustici“ und „Tributari“. Sklaven hiessen dagegen „Servi“. Landbewohner und Bauern waren „Paganus“. Die Kirche förderte durch die Heiligkeit der Ehe und Achtung der Familie die Abschaffung der Sklaverei und die Einrichtung von Familienhöfen. Die Ehe war ein unauflösbares Band zweier Seelen geworden, das durch persönlichen Willensentscheid und unter Gottes Segen geschlossen wurde. 14. Den „Gottesfrieden“ fördern. Ab dem 10. Jahrhundert begannen Revolten von Landbewohner gegen ihre Grundherrn. 910 wurde die Abtei von Cluny durch Wilhelm I. gegründet. Sie richtete sich nach der Benediktregel, die das christliche Leben mit Würde, Arbeit, Selbstbestimmung, Lernen, Gebet und Gleichheit statt Herkunft prägte. Aus ihr kamen später auch die Mönchspäpste hervor. 15. Die Papstrevolution: Eine Verfassung für Europa. Das Minnewesen idealisierte die Geschlechterbeziehung. Höflichkeit und Ehre der Ritter verfeinerten die neue Identität. Erst die Kreuzzüge offenbarten das christliche Europa. Gregor VII. führte unter Einfluss christlicher Moralvorstellungen ein neues Modell von Gesellschaft und Regierung ein. Ein einheitliches Rechtssystem entstand, dieser Prozess dauerte bis 1250. 16. Naturrecht und natürliche Rechte. Da die Seele den Körper regiere, sei die geistliche Autorität der weltlichen Herrschaft überlegen. Daraus entstand um 1140 das „Decretum Concordia Discordantium Canonum“, das kanonische Recht des Mönchs Gratian. Das Naturrecht wurde mit der biblischen Offenbarung gleichgesetzt. Päpste, Theologen und Kirchenrechtler schufen eine Verbindung von antikem Recht und Evangelium. Sie scheiterten zwar, eine Verfassung für Europa durchzusetzen, aber sie legten die Fundamente für demokratische Gesellschaften im modernen Europa.

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Donnerstag, Mai 12, 2016

Larry Siedentop: Eine moralische Revolution

Im zweiten Teil geht Larry Siedentop in fünf Kapiteln der Entwicklung, Ausgestaltung und Auswirkung des frühen Christentums in der römischen Spätantike nach: 4. Die Welt auf den Kopf gestellt: Paulus. Die Antike war eine Welt der Ungleichheit. Schon der jüdische Glaube an einen Gott wurde zur Zeit des Imperium Romanums als interessanter Ausweg gesehen. Jesus war ein Bussprediger und Prophet, der gekreuzigt wurde. Erst Paulus habe aber das Christentum als Religion erschaffen. Er setzte auf Gleichheit und Freiheit der Menschen. Der neue Mensch durch Christus mit Willen und Gewissen strebte mehr Gerechtigkeit an. 5. Die innere Wahrheit: Moralische Gleichheit. Paulus und Clemens von Alexandria bevorzugten das Bild des Abstiegs, der Einfachheit und der Torheit. Der Mitgewinn dadurch war die Schaffung einer Sphäre der persönlichen Gewissensentscheidung. Platon dagegen kannte viele Stufen und wollte zu Gott aufsteigen. 6. Heroismus in neuem Gewand. Christliche Märtyrer beugten sich nicht familiären und bürgerlichen Forderungen. Sie forderten damit Patriarchat und Staat heraus. Siedentop bezieht sich hier auf Peter Brown und sein Werk: Macht und Rhetorik in der Spätantike. Der Weg zu einem christlichen Imperium, Dtv München 1975. 7. Eine neue Form des Zusammenlebens: Das Mönchtum. Die frühe Kirche ging dem Konflikt mit Rom eher aus dem Weg. Dem Heidentum ging es mehr um äussere Konformität, um korrektes Verhalten. Dem Christentum war die innere Überzeugung wichtiger. Das zeigte sich auch darin, wie Tempel zu Basiliken umgeformt wurden. Die Mönchsbewegung begann am Berg Nitria in Ägypten als neue Gemeinschaftsform. So lebente bis 5'000 Männer im 4. Jahrhundert dort in Distanz zu antiker Familie und Polis. Pachomius und Basilius von Cäsarea waren die führenden Personen, die die Mönchsregel der Ostkirche begründeten. 8. Die Schwachheit des Willens: Augustinus. Die Schriften von Augustinus sind eigentlich Kommentare zu Paulus, trotzdem lassen sie sein neues und einzigartiges Ich-Bewusstsein erkennen. Alle Menschen können der Liebe Gottes teilhaftig werden, aber nicht alle machen davon Gebrauch, weil sie einen freien Willen hätten. Für ihn lag der Wille zwischen Vernunft und Begierde. Bei Augustinus geht es nicht mehr wie bei Platon um den Aufstieg der Seele zu Gott, sondern um Begegnung mit Gott im Innern. Durch Gebet öffnen Menschen sich der Gnade Gottes. Sein Werk Bekenntnisse sind Dialoge mit Gott, worin auch menschliche Schwächen zum Vorschein kommen dürfen.

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Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die antike Familie, Staat und Kosmos

Siedentop zeigt deutlich auf, dass die Aufklärung versuchte, die Antike heller zu zeichnen und das Mittelalter dunkler als sie wirklich waren. Für das Studium des Altertums ist es aber unerlässlich, sich auf Zeugnisse zu stützen, die uns diese Epoche hinterlassen hat. Nur so können wir jede Epoche realistisch wahrnehmen und einschätzen. 1. Die antike Familie In der Antike waren aber die Gesellschaft und die Familie mit dem pater familias alles, denn er war auch Richter und Hohepriester. Die einzelne Person jedoch galt nichts. Der Vater hatte das heilige Feuer am häuslichen Herd zu hüten, der Herd erhielt somit altarähnliche Funktionen. Diese Aufgabe übergab er dem ältesten Sohn. Nur so konnten die göttlichen Ahnen unter der Erde ruhig gehalten werden. Erst wenn die Familie ausgestorben war, hörte auch das Feuer auf zu brennen. Religion war Familienkult und bestimmte Beziehungen, Besitz und Boden und bewahrte sie. Der Vater war gottähnlich, dem man verpflichtet, zugeneigt und ergeben war. Die Gesellschaft war ein Zusammenschluss von Familien, die je ein eigenes Recht und Kult hatten, die in der Familiensphäre gelebt wurden. 2. Der antike Staat Die Aufklärung idealisierte den antiken Staat, die res publica, obwohl diese vom Patriarchat bestimmt und geprägt worden war und Unterordnung verlangte. Die Entwicklung in der Antike ging von der Familie zum Clan, dann zum Stamm, die wiederum in Städten zusammengezogen wurden. So wurde alles grösser, auch die polytheistischen Götter und ihr Einfluss nahm zu. Ein Sohn wurde auch zuerst in der Familie aufgenommen, dann im Kult des Stammes und als erwachsener Bürger in der Stadt, der terra patria. Frauen und Sklaven hatten wenig Rechte, Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen. Erst im römischen Reich bekamen auch jüngere Söhne mehr Rechte. Wille der Götter und eine hohe Tugend war dagegen die Hingabe an das heilige Vaterland. Urbs war der physische Ort, civitas dagegen der moralische Kitt, der religiös-politische Zusammenhalt. 3. Der antike Kosmos Vernünftige und überzeugende Reden zeigten die soziale Überlegenheit und den hohen Status einer Person an. Arbeit und Handel waren in der Antike verachtet, dagegen wurde militärische Tapferkeit geachtet. Denn das Ziel war Ehre in der res publica. Hierarchische Vorstellungen wurden auch aufs Weltall projiziert. Dadurch wurde ein antikes Modell mit Kristallsphären gebildet, bei dem Logos und Aufstieg wichtiger waren als Beobachtung des realen Alls.

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Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums

Der amerikanische Politwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop hat 2014 ein Buch geschrieben, das auch im deutschen Sprachraum in vielen Medien Beachtung gefunden hat. Es heisst im Original: Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism. Allen Lane 2014, ISBN 0-713-99644. 2015 ist es auch in Deutsch herausgekommen unter dem Titel: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Es ist im Verlag Klett-Cotta in Stuttgart unter der ISBN 978-3-608-94886-8 erschienen. Der 80jährige Siedentop lehrte Ideengeschichte an der englischen Universität von Sussex und politische Philosophie am Keble College in Oxford. Eine Summe seiner Erkenntnisse legt er in seinem neusten, 476-seitigen Werk vor. Er beschreibt und begründet, wie der westliche Liberalismus und Säkularismus aus christlichen Glaubensinhalten wie Gleichheit und Freiheit entstanden ist. Zu Beginn skizziert Siedentop die antike Familie mit dem „pater familias“ im Zentrum. Seine wichtigste Aufgabe war das Hüten des heiligen Feuers am Herd des Hauses. Diese Aufgabe übertrug er bei seinem Ableben dem ältesten Sohn. Der Vater hatte einen gottähnlichen Status, und die ganze Familie war ihm uneingeschränkt zugeneigt und ergeben. Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen, das galt später auch für die „res publica“, das antike Gemeinwesen, dem nur die Männer ganz zu dienen und etwas zu sagen hatten. Siedentop folgt dem Werk „Der antike Staat“ des französischen Historikers Fustel de Coulanges von 1864, das er noch heute für unübertroffen hält. Bereits der jüdische Glaube an einen Gott war im „Imperium Romanum“ interessant geworden, um aus der antiken Welt der Ungleichheit auszusteigen. Vor allem durch überzeugende Nächstenliebe hatte sich dann der christliche Glaube im spätrömischen Reich ausgebreitet. Kirchen und Klöster förderten nebst Bildung auch Gleichheit und Individualität der Personen und brachen die antiken Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit ihrer religiös motivierten Ungleichheit auf. Bereits im Mittelalter wurden Werte wie Gleichheit und Freiheit zunehmend akzeptiert und schufen die Basis für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit steigender Chancengleichheit. Siedentop kommt aber zum Schluss, dass heute diese Errungenschaften durch fundamentalistische Haltungen und autoritäre Regimes in Frage gestellt oder sogar zerstört würden.

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Donnerstag, Januar 08, 2015

15: Divine Humanity (Göttliche Menschheit)

Arius (250-336) war ein Häretiker und hat das Nizäaische Konzil heraufbeschworen. Er hatte gemäss seiner alexandrinischer Philosophie Jesus nicht als ewigen Gott gesehen, sondern nur als Teilnehmer der göttlichen Natur. Für den Orthodoxen Hart aber wurde Gott Mensch, damit der Mensch göttlich werden konnte, denn nur Gott selbst könne uns mit Gott verbinden. Die Revolution des Christentums bestand darin, dass es die antike Zivilisation absorbieren und eine neue Moral, Spiritualität und Intellektualität hineinbringen konnte. Die Welt wurde demystifiziert und neu definiert, und alles bekam eine neue Ethik mit fast unbegrenzter Würde.
Schlussteil: Reaction and Retreat. Modernity and the eclipse of the Human (Reaktion und Rückzug. Moderne und die Verdunkelung des Menschlichen) Der Vorwurf der neuen Atheisten sei, dass Religion alles vergifte, was Hart gründlich und vor allem geschichtlich in Frage stellt. Er ist dagegen der Meinung, dass sich Sensation besser verkaufe als Sinn. Materialismus sei eine metaphysische Theorie der Realität. Als historische Kraft war Religion nie nur gut oder schlecht, aber sie hat die menschliche Natur in all ihren Dimensionen reflektiert (Seite 221). Weil Gottes Reich nicht von dieser Welt sei, habe die christliche Kultur nie eine Bewegung produziert, die Rettung durch politische Aktion (allein) wollte. Der Aufstieg der Wissenschaften sei keine Leistung des Rationalismus gewesen, weil er bereits früher begonnen habe. In der Spätscholastik kam dann der Voluntarismus als neue theologische Position auf, die zum Aufstieg des Frühkapitalismus, der Mittelklasse, des Bildungsbürgertums und des zunehmenden Wohlstands gut gepasst habe. Die nachreligiösen Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit waren begleitet von über 100 Millionen Toten. Hart befürchtet, dass das nachchristliche Zeitalter banal werden könnte. Viele Wissenschaftler klammern sich (zu sehr) an die empirischen Wissenschaften nicht nur als Quelle des Wissen und der Hypothesen, sondern (fälschlicherweise) als Schiedsrichter der Werte, der Moral und der metaphysischen Wahrheit.

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Sonntag, Januar 04, 2015

11: A Glorious Sadness (Eine herrliche Traurigkeit)

Hart benennt den spirituellen Ethos der Antike als eine Art von herrlicher Traurigkeit. Es sei ein geschlossenes System, bei dem der Kosmos ein fortwährendes Opfer darstelle, worin Götter und Tote bestimmte Plätze einnehmen und Menschen davon abhängig blieben. Es sei eine Oekonomie mit Zyklen der Schöpfung und der Zerstörung, der Ordnung und des Chaos, der Stabilität und der Gewalt und religiöser Transaktionen mit dem Tod. Die Götter nähmen unsere Opfer entgegen und gäben uns von ihrer Macht. Kapitel 12: A Liberating Message (Eine befreiende Botschaft) Das frühe Christentum war gegenüber dem Heidentum visionär und attraktiv, weil es den Zugang und Einbezug von Sklaven und Frauen im Gottesdienst und Gemeinde ermöglicht hatte. Barmherzigkeit, die konkrete Unterstützung aller Bedürftigen und Armen galt als wichtigste geistliche Aufgabe, wodurch schnell ein Netz der Wohltätigkeit entstanden war. Kapitel 13: The Face of the Faceless (Das Gesicht der Gesichtslosen) Die genaue Übersetzung des lateinischen Wortes „persona“ ist Maske und zeigt etwas vom römischen Menschenbild und Personenverständnis der damaligen Zeit. Die Gleichstellung der Menschen in der frühen Kirche hatte dagegen eine enorme subversive Kraft in der heidnischen Gesellschaft und hat eine moralische Revolution bewirkt. Das Feiern der Auferstehung Christi an Ostern war jeweils Höhepunkt des Jahres und hatte auch eine emanzipatorische Wirkung; denn Gott war zum Gesicht der Gesichtslosen geworden.

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Montag, Dezember 29, 2014

6: The Death and Rebirth of Science (Der Tod und die Wiedergeburt der Wissenschaft)

Die griechische Astronomie war eher mystisch bestimmt als ein wissenschaftlicher Vorgang. 200 vor Christus bis 300 nach Christus waren zudem Jahrhunderte der wissenschaftlichen und technischen Stagnation, weil die Römer kaum Neues kreierten, sondern nur ihre Macht demonstrierten und zementierten. Auch Potomeläus war mehr Philosoph als Wissenschaftler, der Grieche Proclus (410-485) war der letzte antike Mensch, der astronomische Entdeckungen machte. Die wissenschaftliche Revolution der Neuzeit bereitete dem griechischen astronomischen System ein jähes Ende, deren Vertreter alle Christen unterschiedlicher Konfession und Intensität waren. Als sich Galileo (1564-1642) 1613 zu Kopernikus (1473-1543) bekannte, wurde er nicht gleich von seinen Freunden abgelehnt oder von der Kirche zensuriert. Der Dominikaner Tommaso Campanella (1568-1616) verteidigte ihn, der Karmelit Paolo Antonio Foscarini (1562-1616) unterstützte seine Sicht; und Maffeo Barberini, als Papst Urban III, (1568-1644) bewunderte Galileo sogar. Auch der Astronom und evangelische Christ Johannes Kepler (1571-1630) wurde von den katholischen Jesuiten gefördert und geschützt, als die konfessionellen Differenzen oft gewaltsam ausgetragen wurden.

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Freitag, Juli 26, 2013

Siegfried Zimmer: Jesus von Nazaret

Dies ist eine Zusammenfassung von Vorträgen von Siegfried Zimmer, die auf der interessanten Homepage www.worthaus.org oder auch auf youtube zu finden sind. Siegfried Zimmer ist ein äusserst begabter deutscher Lehrer und evangelischer Theologe, der auf eine einfache, aber überzeugende Weise Wesentliches von Jesus neu beleuchten kann. Wichtigste Erlebnisse waren laut Zimmer zur Zeit Jesu die Gotteserfahrungen. Erfahrungen sind aber bereits gedeutete Erlebnisse. Zu Gott reden (im Gebet) ist aber etwas anderes als Reden über Gott. Die auffälligste Neuigkeit, die mit Jesus von Nazaret gekommen ist, ist seine neue, ungewohnte Vateranrede und –erfahrung Gottes. Vorher waren alle Vatererfahrungen patriarchalisch geprägt, denn die männliche Dominanz herrschte seit Jahrtausenden in allen Hochkulturen. Diese Kulturen hatten auch patriarchalische Religionen. Das Patriarchat geht auf den Hausvater oder Hausherr im Haus („bayit“) oder Haushalt („oikos“) mit den damals üblichen 30-50 Personen zurück. Alle Personen dieser Geschäftseinheit waren unter seiner Herrschaft, Vormundschaft und Fürsorge. Er hatte auch die Macht, dort über Leben und Tod zu verfügen. „Sein Angesicht leuchten lassen“ bedeutete einen Menschen das Leben schenken, ihn leben lassen. Die Realität des Hausvaters wurde auch zum Modell für die Rolle des Königs eines Landes und für Gott im Himmel. Der oberste Gott war immer ein Vatergott. Bei den Aegypter war dies Re, bei den Griechen Zeus und bei den Römern Jupiter. Der König war ein Repräsentant dieses Vatergottes, und er liess sich auch durch ihn legitimieren. Die Menschen eines Reichs waren Söhne und Töchter des Königs, diese Rollenverteilung und Repräsentation wirkte sehr stabilisierend. Hauptgrund für dieses Vaterbild war die physische Stärke der Männer, die nicht mit Schwangerschaft und Stillen beschäftigt waren. Auch die Sichtbarkeit des Spermas spielte eine Rolle, da erst 1843 erstmals eine Eizelle durchs Mikroskop sichtbar wurde. Somit war nur der Mann bis anhin Spender neuen Lebens, die Frau wurde mehr als “Nährboden“ des Samens gesehen. Wer Vatererfahrungen in Frage stellte, der veränderte das Gesellschaftssystem und somit die Kultur. Das Judentum lehrte eigentlich keinen Vatergott, denn die Tora demontierte sogar das damalige Vaterbild Gottes, das eher auf den Pharao als Gottkönig zutraf. Nur einmal in Deuteronomium 32,6 kommt Gott als Vater vor, aber das ist eigentlich ein Nachtrag zur Torah. In den Psalmen kommt Vater für Gott zweimal, im Profet Jesaja dreimal vor in 63,16 und 64,7. Diese „Klagelieder“ entstanden aber im heidnisch beeinflussten babylonischen Exil. JHWH dagegen, der 6'800 mal im Alten Testament vorkommt, ist der häufigste Name für Gott. Denn Elohim kommt „nur“ 2'500 mal vor, Adonay 450 und Zebaoth nur 250. JHWH ist der befreiende Gott, der Gott der Hebräer, die damals Zwangsarbeit in Aegypten leisten mussten. Der Name JHWH selbst ist nicht ganz einfach zu übersetzen, er kommt von „haja“, was „sein“ bedeutet. Das ist ein spezielles, ein „entklitisches“ Verb, das einen Adressaten braucht. JHWH wird am ehesten mit „Ich bin/werde für dich/euch da (sein)“ übersetzt, da im Hebräischen nicht zwischen Gegenwart und Zukunft unterschieden wird. Es ist ein autoritäres Sein, das aber nichts Unterdrückendes an sich hat, sondern die kraftvolle Zuwendungs- und Befreiungslust Gottes ausdrücken will! Beim Profeten Hosea kommt noch ein ganz neuer Aspekt Gottes dazu: Israel wird als Frau dargestellt, die zu einem andern Mann weggeht, und als Sohn, der sich vom Vater abwendet. Beide Verhaltensweisen waren damals im Orient das Schlimmste und Beschämendste, was man tun konnte! Gott ist der gedemütigte und blamierte Ehemann und Vater, der aber seine Frau und seinen Sohn nicht aufgibt! Generell wird Gott im Alten Testament bewusst nie als Vater angeredet, denn das galt als heidnisch. Erst die Pharisäer seit 150 vor Christus begannen, Gott als unser Vater, König, Gebieter und Herrscher im Himmel anzusprechen, dies kann bei Sirach nachgelesen werden. Das Gebet wurde dadurch persönlicher, innerlicher und intimer, aber Vater als Anrede allein wurde noch nicht gebraucht! Ganz anders wird Jesus in den Evangelien zitiert: 170 mal spricht er Gott als Vater ohne Zusatz an! Eine Ausnahme ist der Ausspruch am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Der verwendete Begriff „Abba“ ist aramäisch und wurde in der Familie als zärtliche Anrede verwendet, die Mutter war die „ima“. Sie schlossen Urvertrauen, Nähe, Geborgenheit und Unbeschwertheit mit ein. Diese Einsicht hat besonders der deutsche Theologe Joachim Jeremias herausgearbeitet und betont.... Ein weiterer Schwerpunkt der Verkündigung Jesu ist das „Malkut Jahwe“, das „Basileia Theu“, das auf deutsch mit Reich Gottes wiedergegeben wird. In Markus eins steht: „die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“. Das Reich Gottes ist also im Kommen, aber es kommt von anderswo. Das Reich Gottes wird in den Evangelien nie erklärt, weil es für Juden ein klarer Begriff war, der auf die Profeten zurückgeht. Es ist ein Wunder, dass die jüdische Religion im Untergang von Israel neu kreiert wurde. Was bedeutet denn „Malkut“ wirklich? Es kann mit Reich, Gebiet, Akt des Herrschens oder Willensausübung übersetzt werden. Gott gehört die Erde, aber er herrscht noch nicht ganz, er wird einmal eingreifen und für die Armen kommen. Das ist Hoffnung und Sehnsucht für Israel. Jesus war kühn, er hatte einen grossen Anspruch, indem er sich vor die Schrift stellt. Er proklamierte mit sich das Reich Gottes hier und jetzt, das auch politisch-gesellschaftliche Veränderungen bewirke. Leben, Wirken und Worte Jesu sind auch wichtig zu nehmen, nicht nur sein Tod und Auferstehung. Beides gehört untrennbar zusammen: Nur durch seinen Tod und seine Auferstehung wissen wir überhaupt etwas von seinem Leben. Jesus interessierte sich sehr für das alltägliche Leben der Menschen von damals, er war ein kontaktfreudiger, gewinnender Mensch und hatte oft Tischgemeinschaft mit unterschiedlichsten Menschen. Jesus hat auch die Risse und Klüfte der damaligen Gesellschaft überwunden. Er hielt sich nicht an die kleinkarierten familiären Konventionen und wurde dadurch von seiner Familie abgelehnt, wie es klar in Markus 3,20+21+33-35 beschrieben worden ist: ... Da kam seine Familie und wollte ihn mit Gewalt zurückholen, denn sie sagten: Er ist geistesgestört (oder nach Luther: von Sinnen)! Armut war ein existenzielles Problem im Umfeld von Jesus, das er sehr wohl wahrnahm. Nur gerade 5% gehörten zur Oberschicht, die Musse hatten und freie Künste erlernen und ausüben konnten. Auch nur 5% waren freie, wohlhabende Handwerker und Händler, die gut leben konnten. Normalerweise waren 80% „Penetes“, arme Handwerker und Kleinbauern, die nur mühsam durchs Leben kamen, und 10% waren „Ptochoi“, die wirklich Armen und Entwurzelten, die ums Ueberleben bettelten und kämpften. Zur Zeit Jeus erhöhte sich die Zahl der „Ptochoi“ auf 30% infolge römischer Herrschaft, Bauwut des Herodes des Grossen, Missernten und Hungersnöte in Palästina. Räuberei und Auswanderung nahmen dadurch auch zu. Jesus sprach „Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“, was am besten mit „zu gratulieren ist euch Armen“ wiederzugeben ist. Reichtum zählte nichts im Reich Gottes, und Jesus gab den „Ptochoi“ Würde und Wertschätzung. Die Jünger waren „Penetes“ und wurden aber durch die Nachfolge Jesu zu „Ptochoi“! . . . Auch Kinder, die in der damaligen Welt wenig galten, wurden von Jesus wahrgenommen, in Markus 10,13-16 steht: „Kinder wurden zu ihm gebracht, damit er sie berühre...“ Man weiss heute sehr viel über die Kinder der Antike, besonders Lloyd deMause hat ein Buch geschrieben, das „Hört ihr die Kinder weinen“ heisst und viel über die allgemeinen üblen Zustände von damals aufgedeckt hat: · Sie waren für die Erwachsenen da als Nutzen und Rohmaterial: Arbeitskräfte ab 4, 7 oder 10 Jahren; Verkauf von Kinder als Diener und Sklaven; Söhne waren potenzielle Soldaten; Altersversorgung für die Eltern; Kinderreichtum war göttlicher Segen · Kinder hatten keinen eigenen Wert und Rechte; Benachteiligung der weiblichen, unehelichen, kranken und behinderten Kinder · Waren Mängelwesen, die erst in der Vorstufe der Erwachsenen waren (keine Jugendzeit) · Gängelung und Gewalt an Kindern; Aussetzung und Kindertötung waren üblich wegen Hunger und Belästigung; es gab auch Kinderopfer.... Das Judentum schützte die Kinder bereits besser als die umliegenden Völker, besonders die Söhne waren eine Gabe Gottes. Es gab kaum Kindstötung und Aussetzung, denn Kinder waren Geschöpfe Gottes von Geburt an und fähig zur Gottesbeziehung: Aus dem Mund der Säuglinge hast du mir Lob zubereitet! Gott kümmerte sich um hilflose Säuglinge, und die Kinder waren Träger der Verheissung. Jesus ging noch weiter, bei ihm ging es um die Kinder an sich, egal welchen Geschlechts. Eltern und Status spielten bei der Begegnung mit Kindern keine Rolle. Jesus verlor seine Beherrschung gegenüber den Jüngern, nach Luther war er nur unwillig, als sie das Bringen und Anrühren der Kinder unterbinden wollten. Lasst die Kinder kommen bedeutet auch Freiraum für sie. Nur in Markus 9 und 10 wurde für Umarmen, Schmusen und Streicheln das zärtlichste Wort verwendet. Kinder wurden sogar Lehrmeister auf dem Weg zu Gott: Sie hatten keine Macht, keine Ehre, keine Titel, keinen Status und brauchten und nahmen Zuwendung und Geschenke an. Sie standen am Anfang des Lebens und hatten Erwartungen. Nur bei den Erwachsenen stellte Jesus Bedingungen oder schränkte deren Adressatenkreis ein: Arme, Verfolgte, kleine Herde, etc. Jesus aber liebte die Kinder grund- und bedingungslos, weil seine Liebe keinen Grund und kein Motiv kannte und (trotzdem) hielt. „Amen, wenn ihr das Reich Gottes nicht annehmt wie ein Kind...“ Hier nahm Jesus das Amen an den Anfang, um eine Offenbarung anzuzeigen. Generell sollte man die Bibel scharf und hart gegen sich sprechen lassen, um sie besser zu verstehen!

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Dienstag, Februar 01, 2011

Vom Gewissen in der deutschen Geschichte und Kultur


Paulus hat den griechischen Begriff des Gewissens in die christliche Theologie eingeführt. Aber erst Origenes setzt das Gewissen mit dem Geist gleich, der im Menschen wohnt nach 1Ko 2,11. Dabei war er vom griechischen Menschenbild geprägt, das den Gegensatz von Materie und Geist betont hatte.

Erstaunlicherweise sprach der deutsche Reformator Luther dem Gewissen kaum einen Eigenwert zu, weil der Mensch nach ihm keine Verfügungsgewalt über sich selbst hat. Nur die Rechtfertigung Gottes durch die Erlösungstat von Christus macht aus dem angefochtenen, verzagten, erschrockenen und schuldigen Gewissen ein getröstetes, stilles, mutiges und friedsames! Die Orientierung am Evangelium befreie das Gewissen, und der so befreite Mensch sei frei zum sittlichen Handeln.

Seit gut hundert Jahren werden im deutschen Sprachraum zwar die Phänomene des Gewissens noch anerkannt und gewürdigt, aber deren sittlicher Wert ist umstritten geworden, weil eine objektive, ethische Instanz angezweifelt wird. Es gibt seither verschiedene, teilweise gegensätzliche Gewissensmodelle, weil Philosophen und Ideologen das grundlegende jüdisch-christliche Menschenbild und die damit tradierten Werte in Frage gestellt oder abgelehnt haben.
Besonders seit Nietzsche und seinem Nihilismus nahmen Wertlosigkeit, Leere und Fraglichkeit zu: Eine Wahrheit kann es nicht geben, Gewissheit und gesichertes Wissen kaum mehr. Dieser Skeptizismus entwurzelte die Menschen zunehmend, liess alles in der Schwebe und entzog auch dem Gewissen seine Basis.
Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg mit den unsäglichen Gräueltaten der Nazis gab es auch keinen Konsens mehr darüber, was mit dem Gewissen genau gemeint sein könnte. Und der Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem hat diesen Dissens noch weiter verschärft. Hannah Arendt hat in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ 1964 aufgezeigt, dass Eichmann nicht einfach als gewissenloser Scherge bezeichnet werden kann, sondern eher als „pflichtbewusste“ Person, deren Gewissen aber fehl- oder irregeleitet war und dadurch unbrauchbar wurde. Der Philosoph Paul Dauner bezeichnet diese Zeit als Zeit des „Gewissenskollaps“. Diese Zäsur, die weitere Entwicklung und die Fortschritte in Wissenschaften und Medizin führten zur Individualisierung und Abwertung des traditionellen Gewissens als naturrechtliche Ordnung oder Stimme Gottes. Dabei entstand ein Vakuum, durch abnehmende Innensteuerung des Einzelnen gefördert, wird es nun zunehmend gefüllt von staatlicher, gesellschaftlicher und medialer Aussensteuerung mit neuen Werten und andern Zwängen. Auch die Geisteswissenschaften wollen den für sie widersprüchlichen Gewissensbegriff nicht mehr gebrauchen im Zeitalter der Spätmoderne, Säkularismus und Pluralismus. Denn es gibt auch für sie keine objektive Wahrheit und wirkliche Güte mehr, die massgebliche Wertsphäre fehlt und Verortung und Sinngebung des Gewissens sind somit entschwunden. Wir sind fast unmerklich in eine „Kultur des Nichtwissens“ geraten, die wir irgendwie selber ertragen und bewältigen müssen. Als Ersatz steht der Begriff „Verantwortung“ im Vordergrund, der mehr das äussere Tun als die innere Gesinnung gewichtet.
Im alltäglichen Sprachgebrauch ist weiter von „Gewissen“ als einer sittlichen Instanz die Rede, die aber sehr subjektiv sein kann. Dietrich Rüdiger unterscheidet heute noch vier Hauptrichtungen in der Gewissenstheorie, die sich aber nicht mehr so leicht zusammenführen lassen:
· "vox-dei"-Gewissen (Theologie)
· Regelgewissen (Soziologie)
· Vernunftgewissen (Pflichtethik)
· Schuldgewissen (Psychologie)

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Mittwoch, Juni 18, 2008

Griechische Philosophie und Wissenschaft: Ihr Einfluss auf den Islam (Seiten 359-377)

Die klassische Antike wurde vom 8.-10. Jahrhundert in den Islam assimiliert und war die Renaissance des Islams. „Ohne Antike keine islamische Zivilisation“ F. R. Rosenthal.
Der orthodoxe sunnitische Islam hat aber das philosophische Denken nie begrüsst, denn es führe zu Ketzerei, Zweifel und Unglauben. Der abbassidische Kalif al-Ma’mun, der 813-33 regierte, förderte die Uebersetzungen griechischer Werke, um zu medizinischem und astronomischem Wissen zu gelangen. Die meisten Uebersetzer waren jedoch Christen.
Ibn Warraq unterscheidet zwei Epochen:
Erste Epoche war Versöhnung zwischen Philosophie und Offenbarung im 9.-11. Jahrhundert: Al-Kindi führte den Neoplatonismus in den Islam ein. Sein Schüler war Al-Sarakhasi, der 899 vom Kalifen al-Mu’tadid hingerichtet wurde. Al-Farabi (870-950) war Aristoteles verpflichtet und vertrat, dass der göttliche Geist die Welt regiert und die Vernunft den Menschen. Ibn Sina, 980-1037, auch bekannt unter dem Namen „Avicenna“, versuchte Islam und Philosophie durch allegorische Interpretation zu versöhnen.
Al-Ghazzali gebrauchte aristotelische Logik und neoplatonische Methoden. Aber in „Die Zerstörung der Philosophen“ verurteilte er 1095 die philosophische Spekulation, die ewige Stofflichkeit und Leugnung der leiblichen Auferstehung. Er wollte zum wörtlichen Koranverständnis zurückkehren, weil die Vernunft die Wahrheit nicht erreiche und nur die Offenbarung zur Gewissheit führe.
Der Perser Al-Razi, 865-925, war Arzt, Freidenker und Agnostiker und schuf die Enzyklopädie „al-Hani“, die 1279 ins Lateinische übersetzt wurde. Sein geistige Heilkunde „al-tibb al ruhani“ umfasste Aspekte des Schöpfers, Seele, Materie, Zeit und Raum.

Zweite Periode war die eigentliche islamische Philosophie und Wissenschaft. Hauptfigur war „Abu al-Walid Muhammad b. Ahmad ibn Rushd“, genannt „Averroes“, der 1126-98 gelebt hatte. Er war Jurist und Richter in Sevilla und Cordoba, schrieb einen Kommentar zu Aristoteles. Man weiss jedoch nicht genau, wie weit er Rationalist war.
Leistungen der islamischen Wissenschaft gab es vor allem in Trigonometrie und Optik (al-Haitham 1039 und al-Farisi 1320). Sie wurden vorwiegend durch Perser, Christen und Juden vollbracht, Araber waren fast keine darunter! Medizin, Algebra, Arithmetik, Geometrie, Mechanik und Astronomie wurden als fremde Wissenschaften angeschaut und waren deshalb gefährlich. Religion, Sprache, Exegese, Recht, Theologie (Scholastik), Grammatik, Rhetorik und Literatur galten als eigentliche islamische Wissenschaften. Sie waren erwünscht, sofern sie im Einklang mit dem Qur’an waren.

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