Freitag, Juli 26, 2013

Siegfried Zimmer: Jesus von Nazaret

Dies ist eine Zusammenfassung von Vorträgen von Siegfried Zimmer, die auf der interessanten Homepage www.worthaus.org oder auch auf youtube zu finden sind. Siegfried Zimmer ist ein äusserst begabter deutscher Lehrer und evangelischer Theologe, der auf eine einfache, aber überzeugende Weise Wesentliches von Jesus neu beleuchten kann. Wichtigste Erlebnisse waren laut Zimmer zur Zeit Jesu die Gotteserfahrungen. Erfahrungen sind aber bereits gedeutete Erlebnisse. Zu Gott reden (im Gebet) ist aber etwas anderes als Reden über Gott. Die auffälligste Neuigkeit, die mit Jesus von Nazaret gekommen ist, ist seine neue, ungewohnte Vateranrede und –erfahrung Gottes. Vorher waren alle Vatererfahrungen patriarchalisch geprägt, denn die männliche Dominanz herrschte seit Jahrtausenden in allen Hochkulturen. Diese Kulturen hatten auch patriarchalische Religionen. Das Patriarchat geht auf den Hausvater oder Hausherr im Haus („bayit“) oder Haushalt („oikos“) mit den damals üblichen 30-50 Personen zurück. Alle Personen dieser Geschäftseinheit waren unter seiner Herrschaft, Vormundschaft und Fürsorge. Er hatte auch die Macht, dort über Leben und Tod zu verfügen. „Sein Angesicht leuchten lassen“ bedeutete einen Menschen das Leben schenken, ihn leben lassen. Die Realität des Hausvaters wurde auch zum Modell für die Rolle des Königs eines Landes und für Gott im Himmel. Der oberste Gott war immer ein Vatergott. Bei den Aegypter war dies Re, bei den Griechen Zeus und bei den Römern Jupiter. Der König war ein Repräsentant dieses Vatergottes, und er liess sich auch durch ihn legitimieren. Die Menschen eines Reichs waren Söhne und Töchter des Königs, diese Rollenverteilung und Repräsentation wirkte sehr stabilisierend. Hauptgrund für dieses Vaterbild war die physische Stärke der Männer, die nicht mit Schwangerschaft und Stillen beschäftigt waren. Auch die Sichtbarkeit des Spermas spielte eine Rolle, da erst 1843 erstmals eine Eizelle durchs Mikroskop sichtbar wurde. Somit war nur der Mann bis anhin Spender neuen Lebens, die Frau wurde mehr als “Nährboden“ des Samens gesehen. Wer Vatererfahrungen in Frage stellte, der veränderte das Gesellschaftssystem und somit die Kultur. Das Judentum lehrte eigentlich keinen Vatergott, denn die Tora demontierte sogar das damalige Vaterbild Gottes, das eher auf den Pharao als Gottkönig zutraf. Nur einmal in Deuteronomium 32,6 kommt Gott als Vater vor, aber das ist eigentlich ein Nachtrag zur Torah. In den Psalmen kommt Vater für Gott zweimal, im Profet Jesaja dreimal vor in 63,16 und 64,7. Diese „Klagelieder“ entstanden aber im heidnisch beeinflussten babylonischen Exil. JHWH dagegen, der 6'800 mal im Alten Testament vorkommt, ist der häufigste Name für Gott. Denn Elohim kommt „nur“ 2'500 mal vor, Adonay 450 und Zebaoth nur 250. JHWH ist der befreiende Gott, der Gott der Hebräer, die damals Zwangsarbeit in Aegypten leisten mussten. Der Name JHWH selbst ist nicht ganz einfach zu übersetzen, er kommt von „haja“, was „sein“ bedeutet. Das ist ein spezielles, ein „entklitisches“ Verb, das einen Adressaten braucht. JHWH wird am ehesten mit „Ich bin/werde für dich/euch da (sein)“ übersetzt, da im Hebräischen nicht zwischen Gegenwart und Zukunft unterschieden wird. Es ist ein autoritäres Sein, das aber nichts Unterdrückendes an sich hat, sondern die kraftvolle Zuwendungs- und Befreiungslust Gottes ausdrücken will! Beim Profeten Hosea kommt noch ein ganz neuer Aspekt Gottes dazu: Israel wird als Frau dargestellt, die zu einem andern Mann weggeht, und als Sohn, der sich vom Vater abwendet. Beide Verhaltensweisen waren damals im Orient das Schlimmste und Beschämendste, was man tun konnte! Gott ist der gedemütigte und blamierte Ehemann und Vater, der aber seine Frau und seinen Sohn nicht aufgibt! Generell wird Gott im Alten Testament bewusst nie als Vater angeredet, denn das galt als heidnisch. Erst die Pharisäer seit 150 vor Christus begannen, Gott als unser Vater, König, Gebieter und Herrscher im Himmel anzusprechen, dies kann bei Sirach nachgelesen werden. Das Gebet wurde dadurch persönlicher, innerlicher und intimer, aber Vater als Anrede allein wurde noch nicht gebraucht! Ganz anders wird Jesus in den Evangelien zitiert: 170 mal spricht er Gott als Vater ohne Zusatz an! Eine Ausnahme ist der Ausspruch am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Der verwendete Begriff „Abba“ ist aramäisch und wurde in der Familie als zärtliche Anrede verwendet, die Mutter war die „ima“. Sie schlossen Urvertrauen, Nähe, Geborgenheit und Unbeschwertheit mit ein. Diese Einsicht hat besonders der deutsche Theologe Joachim Jeremias herausgearbeitet und betont.... Ein weiterer Schwerpunkt der Verkündigung Jesu ist das „Malkut Jahwe“, das „Basileia Theu“, das auf deutsch mit Reich Gottes wiedergegeben wird. In Markus eins steht: „die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“. Das Reich Gottes ist also im Kommen, aber es kommt von anderswo. Das Reich Gottes wird in den Evangelien nie erklärt, weil es für Juden ein klarer Begriff war, der auf die Profeten zurückgeht. Es ist ein Wunder, dass die jüdische Religion im Untergang von Israel neu kreiert wurde. Was bedeutet denn „Malkut“ wirklich? Es kann mit Reich, Gebiet, Akt des Herrschens oder Willensausübung übersetzt werden. Gott gehört die Erde, aber er herrscht noch nicht ganz, er wird einmal eingreifen und für die Armen kommen. Das ist Hoffnung und Sehnsucht für Israel. Jesus war kühn, er hatte einen grossen Anspruch, indem er sich vor die Schrift stellt. Er proklamierte mit sich das Reich Gottes hier und jetzt, das auch politisch-gesellschaftliche Veränderungen bewirke. Leben, Wirken und Worte Jesu sind auch wichtig zu nehmen, nicht nur sein Tod und Auferstehung. Beides gehört untrennbar zusammen: Nur durch seinen Tod und seine Auferstehung wissen wir überhaupt etwas von seinem Leben. Jesus interessierte sich sehr für das alltägliche Leben der Menschen von damals, er war ein kontaktfreudiger, gewinnender Mensch und hatte oft Tischgemeinschaft mit unterschiedlichsten Menschen. Jesus hat auch die Risse und Klüfte der damaligen Gesellschaft überwunden. Er hielt sich nicht an die kleinkarierten familiären Konventionen und wurde dadurch von seiner Familie abgelehnt, wie es klar in Markus 3,20+21+33-35 beschrieben worden ist: ... Da kam seine Familie und wollte ihn mit Gewalt zurückholen, denn sie sagten: Er ist geistesgestört (oder nach Luther: von Sinnen)! Armut war ein existenzielles Problem im Umfeld von Jesus, das er sehr wohl wahrnahm. Nur gerade 5% gehörten zur Oberschicht, die Musse hatten und freie Künste erlernen und ausüben konnten. Auch nur 5% waren freie, wohlhabende Handwerker und Händler, die gut leben konnten. Normalerweise waren 80% „Penetes“, arme Handwerker und Kleinbauern, die nur mühsam durchs Leben kamen, und 10% waren „Ptochoi“, die wirklich Armen und Entwurzelten, die ums Ueberleben bettelten und kämpften. Zur Zeit Jeus erhöhte sich die Zahl der „Ptochoi“ auf 30% infolge römischer Herrschaft, Bauwut des Herodes des Grossen, Missernten und Hungersnöte in Palästina. Räuberei und Auswanderung nahmen dadurch auch zu. Jesus sprach „Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“, was am besten mit „zu gratulieren ist euch Armen“ wiederzugeben ist. Reichtum zählte nichts im Reich Gottes, und Jesus gab den „Ptochoi“ Würde und Wertschätzung. Die Jünger waren „Penetes“ und wurden aber durch die Nachfolge Jesu zu „Ptochoi“! . . . Auch Kinder, die in der damaligen Welt wenig galten, wurden von Jesus wahrgenommen, in Markus 10,13-16 steht: „Kinder wurden zu ihm gebracht, damit er sie berühre...“ Man weiss heute sehr viel über die Kinder der Antike, besonders Lloyd deMause hat ein Buch geschrieben, das „Hört ihr die Kinder weinen“ heisst und viel über die allgemeinen üblen Zustände von damals aufgedeckt hat: · Sie waren für die Erwachsenen da als Nutzen und Rohmaterial: Arbeitskräfte ab 4, 7 oder 10 Jahren; Verkauf von Kinder als Diener und Sklaven; Söhne waren potenzielle Soldaten; Altersversorgung für die Eltern; Kinderreichtum war göttlicher Segen · Kinder hatten keinen eigenen Wert und Rechte; Benachteiligung der weiblichen, unehelichen, kranken und behinderten Kinder · Waren Mängelwesen, die erst in der Vorstufe der Erwachsenen waren (keine Jugendzeit) · Gängelung und Gewalt an Kindern; Aussetzung und Kindertötung waren üblich wegen Hunger und Belästigung; es gab auch Kinderopfer.... Das Judentum schützte die Kinder bereits besser als die umliegenden Völker, besonders die Söhne waren eine Gabe Gottes. Es gab kaum Kindstötung und Aussetzung, denn Kinder waren Geschöpfe Gottes von Geburt an und fähig zur Gottesbeziehung: Aus dem Mund der Säuglinge hast du mir Lob zubereitet! Gott kümmerte sich um hilflose Säuglinge, und die Kinder waren Träger der Verheissung. Jesus ging noch weiter, bei ihm ging es um die Kinder an sich, egal welchen Geschlechts. Eltern und Status spielten bei der Begegnung mit Kindern keine Rolle. Jesus verlor seine Beherrschung gegenüber den Jüngern, nach Luther war er nur unwillig, als sie das Bringen und Anrühren der Kinder unterbinden wollten. Lasst die Kinder kommen bedeutet auch Freiraum für sie. Nur in Markus 9 und 10 wurde für Umarmen, Schmusen und Streicheln das zärtlichste Wort verwendet. Kinder wurden sogar Lehrmeister auf dem Weg zu Gott: Sie hatten keine Macht, keine Ehre, keine Titel, keinen Status und brauchten und nahmen Zuwendung und Geschenke an. Sie standen am Anfang des Lebens und hatten Erwartungen. Nur bei den Erwachsenen stellte Jesus Bedingungen oder schränkte deren Adressatenkreis ein: Arme, Verfolgte, kleine Herde, etc. Jesus aber liebte die Kinder grund- und bedingungslos, weil seine Liebe keinen Grund und kein Motiv kannte und (trotzdem) hielt. „Amen, wenn ihr das Reich Gottes nicht annehmt wie ein Kind...“ Hier nahm Jesus das Amen an den Anfang, um eine Offenbarung anzuzeigen. Generell sollte man die Bibel scharf und hart gegen sich sprechen lassen, um sie besser zu verstehen!

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