Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die antike Familie, Staat und Kosmos

Siedentop zeigt deutlich auf, dass die Aufklärung versuchte, die Antike heller zu zeichnen und das Mittelalter dunkler als sie wirklich waren. Für das Studium des Altertums ist es aber unerlässlich, sich auf Zeugnisse zu stützen, die uns diese Epoche hinterlassen hat. Nur so können wir jede Epoche realistisch wahrnehmen und einschätzen. 1. Die antike Familie In der Antike waren aber die Gesellschaft und die Familie mit dem pater familias alles, denn er war auch Richter und Hohepriester. Die einzelne Person jedoch galt nichts. Der Vater hatte das heilige Feuer am häuslichen Herd zu hüten, der Herd erhielt somit altarähnliche Funktionen. Diese Aufgabe übergab er dem ältesten Sohn. Nur so konnten die göttlichen Ahnen unter der Erde ruhig gehalten werden. Erst wenn die Familie ausgestorben war, hörte auch das Feuer auf zu brennen. Religion war Familienkult und bestimmte Beziehungen, Besitz und Boden und bewahrte sie. Der Vater war gottähnlich, dem man verpflichtet, zugeneigt und ergeben war. Die Gesellschaft war ein Zusammenschluss von Familien, die je ein eigenes Recht und Kult hatten, die in der Familiensphäre gelebt wurden. 2. Der antike Staat Die Aufklärung idealisierte den antiken Staat, die res publica, obwohl diese vom Patriarchat bestimmt und geprägt worden war und Unterordnung verlangte. Die Entwicklung in der Antike ging von der Familie zum Clan, dann zum Stamm, die wiederum in Städten zusammengezogen wurden. So wurde alles grösser, auch die polytheistischen Götter und ihr Einfluss nahm zu. Ein Sohn wurde auch zuerst in der Familie aufgenommen, dann im Kult des Stammes und als erwachsener Bürger in der Stadt, der terra patria. Frauen und Sklaven hatten wenig Rechte, Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen. Erst im römischen Reich bekamen auch jüngere Söhne mehr Rechte. Wille der Götter und eine hohe Tugend war dagegen die Hingabe an das heilige Vaterland. Urbs war der physische Ort, civitas dagegen der moralische Kitt, der religiös-politische Zusammenhalt. 3. Der antike Kosmos Vernünftige und überzeugende Reden zeigten die soziale Überlegenheit und den hohen Status einer Person an. Arbeit und Handel waren in der Antike verachtet, dagegen wurde militärische Tapferkeit geachtet. Denn das Ziel war Ehre in der res publica. Hierarchische Vorstellungen wurden auch aufs Weltall projiziert. Dadurch wurde ein antikes Modell mit Kristallsphären gebildet, bei dem Logos und Aufstieg wichtiger waren als Beobachtung des realen Alls.

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Montag, Februar 10, 2014

Umarmung (Seiten 124-217)

Miroslav Volf zieht eine Theologie der Umarmung der Theologie der Befreiung vor; denn die Kategorien der Unterdrückung und Befreiung seien gut zum Kämpfen, nicht aber zum Verhandeln und Feiern (Seiten 129-133). Denn Sieger verwechseln (oft) Vergeltung mit Gerechtigkeit. Sogar für den Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez habe Liebe und nicht Freiheit die letzte Gültigkeit. "Und wie können wir in Frieden leben, solange die endgültige Versöhnung noch ausstehe? Jesus verbinde Hoffnung für die Unterdrückten mit der Forderung eines radikalen Wandels, die er Busse nenne. Dagegen diene die Religion der sündigen Seele missbräuchlich dazu, von der Oekonomie des schmutzigen Deals und von der Politik der unbarmherzigen Macht abzulenken." (Seite 146) Das Problem der Rache sieht Volf darin, dass sie versklavt. Jesus hatte Lamechs Logik ganz auf den Kopf gestellt, und er forderte seine Nachfolger auf, sooft zu vergeben wie Lamech sich rächen wollte. Und wir Menschen können uns nichts ausdenken, was das ursprüngliche Verbrechen bereinigen könnte (Seiten 154-157). Die Passion Christi war die Qual einer gemarterten Seele und eines geschundenen Leibes, der als ein Gebet für die Folterer dahingegeben wurde. Nach Bonhoeffer ist Vergebung eine Form des Leidens (Seite 161). Das Kreuz verwandelte die Beziehung zwischen dem Opfer und dem Täter. Empfänger der Gnade Gottes können wir nur dann sein, wenn wir uns auch nicht dagegen sträuben, ihre Agenten zu werden. So öffnen wir unsere Arme selbst für die Feinde; machen ihnen in uns Raum, weil der gekreuzigte Gott uns in seine ausgebreiteten Arme geschlossen hat. Denn Handeln ist die einzige angemessene Reaktion auf Leiden und lässt die Erinnerungen in den Hintergrund rücken. Und das Kreuz Christi ist ein paradoxes Denkmal des Vergessens, denn am Ende wird das Lamm auf dem Thron Gottes sitzen (Seite 168-181). Volf schreibt vom Drama der Umarmung, das er in vier Schritten einteilt: 1. Oeffnen der Arme: Raum schaffen für andern, Einladung zum Eintreten 2. Warten: auf eine Antwort, eine Reaktion 3. In Arme schliessen: es braucht zwei Arme für eine Umarmung 4. Arme wieder öffnen: erneut Raum schaffen und Differenz zulassen Die Kennzeichen der Umarmung sieht er in: 1. Fluidität der Identitäten: es gibt überlappende soziale Territorien 2. Nichtsymmetrie der Beziehungen und Anerkennung des andern („Selbstbestimmung ist eine westliche, imperialistische Zumutung, denn eigentlich sind wir alle nur Sklaven“ Daniel Boyarin) 3. Unterdeterminiertheit des Ergebnisses, das immer auch ein Risiko ist („Umarmung ist Gnade und Gnade ist Roulettspiel, immer“ Lewis B. Smedes) Volf erinnert uns auch daran, dass es wesentliche Unterscheide zwischen Verträgen und Bund gibt. Wir sind uns heute vielmehr an Verträge gewohnt, die leistungsorientiert, beschränkt verpflichtend, gegenseitig („reziprok“, spiegelnd) und zugleich instabil sind. Dagegen ist ein Bund unveräusserlich, fortwährend und hat einen hervorgehobenen Status. Er gilt auch noch, wenn er gebrochen wird. Die Identität jedes Bundespartners wird durch die Beziehung zum andern geformt. „Am Kreuz erneuert Gott den Bund, indem er der Menschheit Raum schafft in Gottes Selbst. Die offenen Arme Christi am Kreuz sind ein Zeichen, dass Gott nicht Gott sein möchte ohne die Menschheit. Und dass er die Gewalt der Menschen erleidet, um sie zu umarmen“ (Seite 200). Gott erneuert den Bund mit den Menschen durch Selbsthingabe auf ewig. Er kann seinen Bundespartner nicht aufgegeben, weil seine Verpflichtung unwiderruflich und unauflöslich ist. Der neue Bund ist Gottes Umarmung der Menschheit! Diese Theologie der Umarmung wurde angeregt von der Geschichte vom verlorenen Sohn. Hier schenkt sich der Vater dem entfremdeten Sohn und nimmt ihn wieder in sein Haus auf. Ein antiker Haushalt lebte vom Beschützen und Vermehren, von seinen Beziehungen und seiner Gemeinschaftsidentität. Beziehung beruhte nie auf moralischer Leistung, deshalb konnte der Vater seinen schmutzigen Sohn annehmen und umarmen. Durch das Schuldeingeständnis des Sohnes wurde die Beziehung geheilt. Der Vater rekonstruierte die Identität seines Sohnes, ohne ihn darum zu fragen. Der jüngere Bruder wählte zuerst den äusseren Ausschluss, der ältere jedoch den inneren. Dadurch wurde der jüngere für den älteren zum „Nicht-Bruder“, der Vater zum „Nicht-Vater“, ähnlich wie Abel bei Kain! Aber realistisch gesehen waren beide Söhne schlecht und gut, beide wurden vom Vater geliebt. Er passte seine Identität seinen Söhnen an, um sie beide zu gewinnen. Er wollte weiter ihr Vater sein, damit sie einander auch Bruder sein können. Der Vater brach die Regeln, das kausale Prinzip von „Saat und Ernte“, von „wenn-dann“. Noch heute können starre Regeln und zu stabile Identitäten zum Wahn werden und Selbstgerechtigkeit, Uebertreibung, Repression und Dämonisierung bewirken. Denn Beziehungen und Familienverhältnisse kommen vor allen Regeln, Umarmung anstelle Exklusion (Seite 217).

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Freitag, Juli 26, 2013

Siegfried Zimmer: Jesus von Nazaret

Dies ist eine Zusammenfassung von Vorträgen von Siegfried Zimmer, die auf der interessanten Homepage www.worthaus.org oder auch auf youtube zu finden sind. Siegfried Zimmer ist ein äusserst begabter deutscher Lehrer und evangelischer Theologe, der auf eine einfache, aber überzeugende Weise Wesentliches von Jesus neu beleuchten kann. Wichtigste Erlebnisse waren laut Zimmer zur Zeit Jesu die Gotteserfahrungen. Erfahrungen sind aber bereits gedeutete Erlebnisse. Zu Gott reden (im Gebet) ist aber etwas anderes als Reden über Gott. Die auffälligste Neuigkeit, die mit Jesus von Nazaret gekommen ist, ist seine neue, ungewohnte Vateranrede und –erfahrung Gottes. Vorher waren alle Vatererfahrungen patriarchalisch geprägt, denn die männliche Dominanz herrschte seit Jahrtausenden in allen Hochkulturen. Diese Kulturen hatten auch patriarchalische Religionen. Das Patriarchat geht auf den Hausvater oder Hausherr im Haus („bayit“) oder Haushalt („oikos“) mit den damals üblichen 30-50 Personen zurück. Alle Personen dieser Geschäftseinheit waren unter seiner Herrschaft, Vormundschaft und Fürsorge. Er hatte auch die Macht, dort über Leben und Tod zu verfügen. „Sein Angesicht leuchten lassen“ bedeutete einen Menschen das Leben schenken, ihn leben lassen. Die Realität des Hausvaters wurde auch zum Modell für die Rolle des Königs eines Landes und für Gott im Himmel. Der oberste Gott war immer ein Vatergott. Bei den Aegypter war dies Re, bei den Griechen Zeus und bei den Römern Jupiter. Der König war ein Repräsentant dieses Vatergottes, und er liess sich auch durch ihn legitimieren. Die Menschen eines Reichs waren Söhne und Töchter des Königs, diese Rollenverteilung und Repräsentation wirkte sehr stabilisierend. Hauptgrund für dieses Vaterbild war die physische Stärke der Männer, die nicht mit Schwangerschaft und Stillen beschäftigt waren. Auch die Sichtbarkeit des Spermas spielte eine Rolle, da erst 1843 erstmals eine Eizelle durchs Mikroskop sichtbar wurde. Somit war nur der Mann bis anhin Spender neuen Lebens, die Frau wurde mehr als “Nährboden“ des Samens gesehen. Wer Vatererfahrungen in Frage stellte, der veränderte das Gesellschaftssystem und somit die Kultur. Das Judentum lehrte eigentlich keinen Vatergott, denn die Tora demontierte sogar das damalige Vaterbild Gottes, das eher auf den Pharao als Gottkönig zutraf. Nur einmal in Deuteronomium 32,6 kommt Gott als Vater vor, aber das ist eigentlich ein Nachtrag zur Torah. In den Psalmen kommt Vater für Gott zweimal, im Profet Jesaja dreimal vor in 63,16 und 64,7. Diese „Klagelieder“ entstanden aber im heidnisch beeinflussten babylonischen Exil. JHWH dagegen, der 6'800 mal im Alten Testament vorkommt, ist der häufigste Name für Gott. Denn Elohim kommt „nur“ 2'500 mal vor, Adonay 450 und Zebaoth nur 250. JHWH ist der befreiende Gott, der Gott der Hebräer, die damals Zwangsarbeit in Aegypten leisten mussten. Der Name JHWH selbst ist nicht ganz einfach zu übersetzen, er kommt von „haja“, was „sein“ bedeutet. Das ist ein spezielles, ein „entklitisches“ Verb, das einen Adressaten braucht. JHWH wird am ehesten mit „Ich bin/werde für dich/euch da (sein)“ übersetzt, da im Hebräischen nicht zwischen Gegenwart und Zukunft unterschieden wird. Es ist ein autoritäres Sein, das aber nichts Unterdrückendes an sich hat, sondern die kraftvolle Zuwendungs- und Befreiungslust Gottes ausdrücken will! Beim Profeten Hosea kommt noch ein ganz neuer Aspekt Gottes dazu: Israel wird als Frau dargestellt, die zu einem andern Mann weggeht, und als Sohn, der sich vom Vater abwendet. Beide Verhaltensweisen waren damals im Orient das Schlimmste und Beschämendste, was man tun konnte! Gott ist der gedemütigte und blamierte Ehemann und Vater, der aber seine Frau und seinen Sohn nicht aufgibt! Generell wird Gott im Alten Testament bewusst nie als Vater angeredet, denn das galt als heidnisch. Erst die Pharisäer seit 150 vor Christus begannen, Gott als unser Vater, König, Gebieter und Herrscher im Himmel anzusprechen, dies kann bei Sirach nachgelesen werden. Das Gebet wurde dadurch persönlicher, innerlicher und intimer, aber Vater als Anrede allein wurde noch nicht gebraucht! Ganz anders wird Jesus in den Evangelien zitiert: 170 mal spricht er Gott als Vater ohne Zusatz an! Eine Ausnahme ist der Ausspruch am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Der verwendete Begriff „Abba“ ist aramäisch und wurde in der Familie als zärtliche Anrede verwendet, die Mutter war die „ima“. Sie schlossen Urvertrauen, Nähe, Geborgenheit und Unbeschwertheit mit ein. Diese Einsicht hat besonders der deutsche Theologe Joachim Jeremias herausgearbeitet und betont.... Ein weiterer Schwerpunkt der Verkündigung Jesu ist das „Malkut Jahwe“, das „Basileia Theu“, das auf deutsch mit Reich Gottes wiedergegeben wird. In Markus eins steht: „die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“. Das Reich Gottes ist also im Kommen, aber es kommt von anderswo. Das Reich Gottes wird in den Evangelien nie erklärt, weil es für Juden ein klarer Begriff war, der auf die Profeten zurückgeht. Es ist ein Wunder, dass die jüdische Religion im Untergang von Israel neu kreiert wurde. Was bedeutet denn „Malkut“ wirklich? Es kann mit Reich, Gebiet, Akt des Herrschens oder Willensausübung übersetzt werden. Gott gehört die Erde, aber er herrscht noch nicht ganz, er wird einmal eingreifen und für die Armen kommen. Das ist Hoffnung und Sehnsucht für Israel. Jesus war kühn, er hatte einen grossen Anspruch, indem er sich vor die Schrift stellt. Er proklamierte mit sich das Reich Gottes hier und jetzt, das auch politisch-gesellschaftliche Veränderungen bewirke. Leben, Wirken und Worte Jesu sind auch wichtig zu nehmen, nicht nur sein Tod und Auferstehung. Beides gehört untrennbar zusammen: Nur durch seinen Tod und seine Auferstehung wissen wir überhaupt etwas von seinem Leben. Jesus interessierte sich sehr für das alltägliche Leben der Menschen von damals, er war ein kontaktfreudiger, gewinnender Mensch und hatte oft Tischgemeinschaft mit unterschiedlichsten Menschen. Jesus hat auch die Risse und Klüfte der damaligen Gesellschaft überwunden. Er hielt sich nicht an die kleinkarierten familiären Konventionen und wurde dadurch von seiner Familie abgelehnt, wie es klar in Markus 3,20+21+33-35 beschrieben worden ist: ... Da kam seine Familie und wollte ihn mit Gewalt zurückholen, denn sie sagten: Er ist geistesgestört (oder nach Luther: von Sinnen)! Armut war ein existenzielles Problem im Umfeld von Jesus, das er sehr wohl wahrnahm. Nur gerade 5% gehörten zur Oberschicht, die Musse hatten und freie Künste erlernen und ausüben konnten. Auch nur 5% waren freie, wohlhabende Handwerker und Händler, die gut leben konnten. Normalerweise waren 80% „Penetes“, arme Handwerker und Kleinbauern, die nur mühsam durchs Leben kamen, und 10% waren „Ptochoi“, die wirklich Armen und Entwurzelten, die ums Ueberleben bettelten und kämpften. Zur Zeit Jeus erhöhte sich die Zahl der „Ptochoi“ auf 30% infolge römischer Herrschaft, Bauwut des Herodes des Grossen, Missernten und Hungersnöte in Palästina. Räuberei und Auswanderung nahmen dadurch auch zu. Jesus sprach „Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“, was am besten mit „zu gratulieren ist euch Armen“ wiederzugeben ist. Reichtum zählte nichts im Reich Gottes, und Jesus gab den „Ptochoi“ Würde und Wertschätzung. Die Jünger waren „Penetes“ und wurden aber durch die Nachfolge Jesu zu „Ptochoi“! . . . Auch Kinder, die in der damaligen Welt wenig galten, wurden von Jesus wahrgenommen, in Markus 10,13-16 steht: „Kinder wurden zu ihm gebracht, damit er sie berühre...“ Man weiss heute sehr viel über die Kinder der Antike, besonders Lloyd deMause hat ein Buch geschrieben, das „Hört ihr die Kinder weinen“ heisst und viel über die allgemeinen üblen Zustände von damals aufgedeckt hat: · Sie waren für die Erwachsenen da als Nutzen und Rohmaterial: Arbeitskräfte ab 4, 7 oder 10 Jahren; Verkauf von Kinder als Diener und Sklaven; Söhne waren potenzielle Soldaten; Altersversorgung für die Eltern; Kinderreichtum war göttlicher Segen · Kinder hatten keinen eigenen Wert und Rechte; Benachteiligung der weiblichen, unehelichen, kranken und behinderten Kinder · Waren Mängelwesen, die erst in der Vorstufe der Erwachsenen waren (keine Jugendzeit) · Gängelung und Gewalt an Kindern; Aussetzung und Kindertötung waren üblich wegen Hunger und Belästigung; es gab auch Kinderopfer.... Das Judentum schützte die Kinder bereits besser als die umliegenden Völker, besonders die Söhne waren eine Gabe Gottes. Es gab kaum Kindstötung und Aussetzung, denn Kinder waren Geschöpfe Gottes von Geburt an und fähig zur Gottesbeziehung: Aus dem Mund der Säuglinge hast du mir Lob zubereitet! Gott kümmerte sich um hilflose Säuglinge, und die Kinder waren Träger der Verheissung. Jesus ging noch weiter, bei ihm ging es um die Kinder an sich, egal welchen Geschlechts. Eltern und Status spielten bei der Begegnung mit Kindern keine Rolle. Jesus verlor seine Beherrschung gegenüber den Jüngern, nach Luther war er nur unwillig, als sie das Bringen und Anrühren der Kinder unterbinden wollten. Lasst die Kinder kommen bedeutet auch Freiraum für sie. Nur in Markus 9 und 10 wurde für Umarmen, Schmusen und Streicheln das zärtlichste Wort verwendet. Kinder wurden sogar Lehrmeister auf dem Weg zu Gott: Sie hatten keine Macht, keine Ehre, keine Titel, keinen Status und brauchten und nahmen Zuwendung und Geschenke an. Sie standen am Anfang des Lebens und hatten Erwartungen. Nur bei den Erwachsenen stellte Jesus Bedingungen oder schränkte deren Adressatenkreis ein: Arme, Verfolgte, kleine Herde, etc. Jesus aber liebte die Kinder grund- und bedingungslos, weil seine Liebe keinen Grund und kein Motiv kannte und (trotzdem) hielt. „Amen, wenn ihr das Reich Gottes nicht annehmt wie ein Kind...“ Hier nahm Jesus das Amen an den Anfang, um eine Offenbarung anzuzeigen. Generell sollte man die Bibel scharf und hart gegen sich sprechen lassen, um sie besser zu verstehen!

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Donnerstag, Februar 02, 2012

Geistliche Elternschaft


Ich glaube zusammen mit vielen Personen, dass wir in der heutigen Welt dringend geistliche Väter und Mütter brauchen. Menschen, die zur Ruhe gekommen sind in Gott, in der Liebe des Vaters. Sie sind heimgekommen und angenommen, gerechtfertigt und zunehmend heil geworden. Sie haben die Liebe und Heiligkeit des Vaters in sich aufgenommen, sind dadurch verwandelt worden, leben davon und strahlen etwas aus. Sie müssen sich nicht mehr zwingend darstellen und verwirklichen, und sie brauchen auch keine Ersatzlösungen mehr. Trotzdem bleiben sie geduldig in ihren Lebenssituationen dran, auch wenn es nicht gut geht und läuft. Sie sind versöhnt mit Söhnen und Töchtern und kommen ihnen sogar entgegen. Sie suchen die Verlorenen und werben um sie. Sie verhärten sich nicht mehr, sondern bieten Hilfe an, gerade auch weil sie hinter ablehnende Fassaden sehen. Sie halten an Beziehungen fest trotz Schwierigkeiten, und sie erkennen auch das Gute im andern. In Alltag und Schwierigkeiten rechnen sie mit Gottes Dimensionen und suchen seine Lösungen. Es geht ihnen nicht mehr um sich selbst, sondern um Gottes Reich und Sache. Wir brauchen mehr solche Menschen.
(Inspiriert durch "Neues Land"/Christoph Hässelbarth)

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Dienstag, Juni 07, 2011

Das „komponierte“ Evangelium nach Johannes


Alle Evangelien sind nicht nur und einfach chronologische Berichte vom Leben und Sterben Jesu, sondern sie haben einen bewusst gestalteten Aufbau und Ablauf, eine Komposition und Struktur, die auf eine Mitte, eine zentrale Botschaft zielen. Bei Johannes ist diese Mitte das Wort von Jesus: Ich bin die Auferstehung! Darauf folgt die Auferweckung des toten Lazarus, die das grösste der sieben ausgewählten Zeichen ist und ein starker Hinweis auf Jesu eigenen Tod und seine Auferstehung, auch zu unserer Rettung und Befreiung!

Absicht der sieben Zeichen von Jesus:
Jo 1,14: Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als (des) Einziggeborenen vom Vater, voll von Gnade und Wahrheit.

1. Zeichen: Weinwunder an der Hochzeit in Kana
Jo 2,1-11: Und am dritten Tag war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war dort... Als Anfang der Zeichen tat Jesus dieses in Kana in Galiläa und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.


2. Zeichen: Heilung des Beamtensohns bei Kana oder Kapharnaum
Jo 4,48-54: Da sagte Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, keinesfalls werdet ihr glauben. Sagt zu ihm der königliche (Beamte): Herr, komm herab, bevor mein Kind stirbt! ... Dies aber tat Jesus wieder als zweites Zeichen, (als er) aus Judäa nach Galiläa gekommen (war).


3. Zeichen: Heilung eines Kranken am Teich Betesda vor der Stadt Jerusalem
Jo 5,5-18: Aber ein Mann war dort, achtunddreissig Jahre hatte er seine Krankheit.... Aber Jesus antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke. Deswegen nun suchten die Juden ihn (noch) mehr zu töten, weil er nicht nur den Sabbat abschaffte, sondern auch Gott seinen Vater nannte, sich (also) Gott gleich machte!

4. Zeichen: Brot- und Fischwunder am See Genezaret
Jo 6,3-15: Jesus ging aber hinauf auf den Berg, und dort setzte er sich mit seinen Jüngern. Aber das Passa, das Fest der Juden, war nahe. Jesus hat nun die Augen aufgehoben und hat gesehen, dass eine zahlreiche Menge zu ihm kommt. (Er) sagt zu Philippus: Woher sollen wir Brote kaufen, damit diese essen können?... Die Leute nun, die gesehen hatten, welches Zeichen er getan hatte, sagten: Dieser ist wahrhaftig der in die Welt kommende Profet! Jesus nun, (als er) bemerkt hatte, dass sie kommen wollten und ihn ergreifen, damit sie (ihn) zum König machten, entwich wieder auf den Berg, er allein.

5. Zeichen: Jesus ging auf dem See Genezaret
Jo 6,19-21: (Als sie) nun etwa fünfundzwanzig oder dreissig Stadien gefahren (waren), sehen sie Jesus auf dem See wandeln und nahe an das Boot kommen, und sie gerieten in Furcht! Er aber sagt zu ihnen: Ich bin (es), fürchtet euch nicht! Da wollten sie ihn ins Boot nehmen, und sofort befand sich das Boot an dem Land, zu welchem sie hinfuhren.

6. Zeichen: Heilung eines Blindgeborenen in oder bei Jerusalem
Jo 9,1-7+35-41: Und (als er) vorüberging, sah er einen Mann, (der) blind seit Geburt (war).... Von den Pharisäern hörten (einige) dies und sagten zu ihm: Sind wir etwa auch blind? Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen, (deshalb) bleibt eure Sünde!

Wirkung der sieben Zeichen von Jesus:
Jo 10,41+42: Und viele kamen zu ihm und sagten: Johannes hatte zwar keine Zeichen getan, aber alles, was er gesagt hatte über diesen, war wahr! Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

7. Zeichen: Auferweckung des Lazarus in Betanien bei Jerusalem
Jo 11,1+17-27+38-47: Aber einer war krank gewesen, Lazarus von Betanien, aus dem Dorf (der) Maria und Marta, ihrer Schwester.... Viele nun von den Juden, (die) zu Maria gekommen (waren) und gesehen hatten, was er getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.


Oblicht Kapelle in Giova GR

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Mittwoch, Februar 09, 2011

Vater und Sohn

Immer wieder komme ich durch verschiedene Impulse auf das Gleichnis von Jesus zurück, das im Lukasevangelium Kapitel 15 überliefert worden ist über den Vater mit seinen beiden Söhnen. Diesmal ist mir aufgefallen, wie ungleich die Anteile von jüngerem Sohn und Vater bei dessen Rückkehr sind. Zwar hatte der Sohn mit Einsicht und Rückkehr begonnen, dann aber gingen Gefühle und Initiative auf den Vater über:

- Sohn ging in sich (Vers 17)
- Sohn brach auf und ging zu seinem Vater (19)
- Vater hat Mitleid (20)
- Vater lief Sohn entgegen (20)
- Vater fiel ihm um den Hals (20)
- Vater küsste ihn (20)
- Sohn bekannte seine Sünde (21)
- Vater liess das beste Kleid holen (22)
- Vater liess einen Ring an seine Hand stecken (22)
- Vater liess ihm Schuhe anziehen (22)
- Vater liess Mastkalb herbringen und schlachten (23)
- Wir wollen essen und fröhlich sein (23)


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Montag, Oktober 12, 2009

Erziehung: Warum sie so schwierig und trotzdem so wichtig ist



Als direkt und indirekt Betroffener, durch jahrelange Beobachtungen, Gespräche und die Internetseite www.elternkompetenz.de bin ich angeregt worden, Gedanken zu Erziehung heute aufzuschreiben:

Wir leben in bewegten Zeiten, kaum je hatte eine Gesellschaft so viele materielle und technische Möglichkeiten wie die unsere. Die daraus entstandene „Multioptionsgesellschaft“ mit Informationsflut und Hektik prägt sowohl uns Eltern, als auch unsere Kinder, Schule, Beruf, Kirchen und Freizeit. Wir können uns dieser Atmosphäre, diesem „Sog“ nicht ganz entziehen, trotzdem sollten wir den Zeitgeist kritisch betrachten und nicht einfach übernehmen. Sind wir noch in der Lage, unsere Zeit nüchtern und klar wahrzunehmen, um dann sinnvoll agieren, angemessen reagieren und auch Gegensteuer geben zu können? Nach meinem Verständnis trifft für die Gegenwart viel vom Gleichnis des Säemanns zu, der unter die Dornen säte: „Der in die Dornen Gesäte, das ist der, der das Wort hört, aber weltliche Sorgen und der Trug des Reichtums ersticken das Wort, und es bringt keine Frucht.“ (Mt 13,22).

Wir leben heute im Westen in einer Welt des materiellen Wohlstands, einer Welt des „Zuviels“, die uns bestimmen will und ersticken lässt: zu viel Optionen, zu viel Informationen, zu viel Tempo, zu viel Zeitdruck und zu viel ungesunder Stress. Zu häufig sind uns Auswirkungen und die daraus folgenden Mängel wenig bewusst:
· zu wenig zweckfreie Zeit
· zu wenig wirkliche Musse
· zu wenig zwecklose Beziehung
· zu wenig ungestörte Zuwendung
· letztlich einfach zu wenig echte Liebe

Gute Lösungen für dieses Dilemmas sind nicht leicht zu finden. Denn zurück zu den „guten alten Zeiten“ können wir nicht, zudem waren sie auch nicht nur gut! Die erfahrene eigene Erziehung kann nicht kopiert werden, da andere Zeiten und neue Herausforderungen für unsere Kinder vorhanden sind, beispielsweise der Umgang mit Internet und Handy.
Aus Gründen wie Narzissmus, Unübersichtlichkeit, Beanspruchung in Berufsalltag und aus Ueberforderung besteht die Tendenz, vieles laufen zu lassen. Statt Liebe und Zeit gibt es dann eher Geld, Gameboy und Gelati. "Kinder, die alles dürfen, sind eher die unglücklicheren Kinder", meint die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Annette Kast-Zahn. Auch sind sie häufig sich selbst überlassen und verunsichert und es fehlt ihnen an:
· ruhiger Zuwendung und Auseinandersetzung
· gegenseitigem Verstehen
· geduldigem Suche nach Ursachen, wenn es Probleme gibt
· Anstrengungsbereitschaft, und zwar von Vater und Mutter

Im Zeitalter des Ueberflusses ist vermehrt Grenzen setzen angesagt. Der Familien- und Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge, Autor des Bestsellers "Kinder brauchen Grenzen" betont, dass junge Menschen ein Recht auf "begleitende Autorität" haben. Nur wer ihnen Grenzen setze, bringe ihnen bei, dass Konflikte zum Leben gehören. Diskussion und klare Argumente in der Familie bekommen Kindern besser als Harmonie und Nachgiebigkeit. Eltern sollen Sparringpartner, auch mal wie eine Mauer sein, gegen die die Kinder anrennen können und dürfen! Aus Angst vor der seelischen Zerbrechlichkeit und Schäden erdulden Eltern Demütigungen und Beleidigungen ihrer Kinder. Die Folge ist, dass Kinder ihre Eltern nicht (mehr) wirklich ernst nehmen. Holger Wyrwa, ein anderer Erziehungswissenschaftler meint dazu: "Kinder, die nicht die Erfahrung machen, dass ihrem Verhalten Grenzen gesetzt sind, wachsen mit einem unrealistischen Bewusstsein auf und halten sich für Riesen, wo sie nur Zwerge sind. Entmachten Sie die kleinen Tyrannen zu ihrem eigenen Besten."

Durch "produktiven Widerstand" gibt man Kindern Orientierung in einer Welt, die wenig Verlässichkeit und Stabilität kennt. Konkret heisst das liebevoll und dem Kind zugewandt zu sein, aber entschieden dort, wo festzulegen ist, was geht und was nicht. Kinder brauchen verbindliche und konsequente Eltern, nur so können diese in einer unübersichtlichen Kinderwelt Strukturen herstellen, die dann Halt und Sicherheit geben. Verabredungen mit Kindern sind einzuhalten, familiäre Regeln durchzusetzen und Wünsche sind zu begrenzen, vor allem die, die ständig auf Kosten anderer gehen. Ebenso sind Aufsässigkeit, Tyrannei und Aggressivität sinnvoll zu sanktionieren. Solche Sanktionen sind immer auf das Fehlverhalten zu beziehen, beispielsweise wird absichtliche Verschmutzung mit Entfernen derselben Verschmutzung geahndet.

Das Internet, eine virtuelle Welt ohne Grenzen, ist bald in jeder Familie und Schule verfügbar. Seine Inhalte sind aber unkontrollierbar und jederzeit abrufbar. Es beeinflusst und verändert seine Nutzer und Konsumenten, gerade auch Kinder und Jugendliche! Positiv zu vermerken ist, dass auch Intelligenz, Kreativität und Selbstbewusstsein trainiert werden können. Kinder benötigen aber in der unübersichtlichen multimedialen Welt mehr Orientierung. Dazu gehören auch zeitliche Begrenzungen und altersgemässe Kontrolle. Eltern müssen sich gegen die Macht der Medien behaupten und durchsetzen können, obwohl ihre Kinder eher digitale Kenner und Experten sind. Angemessener Dialog, andauernder Gesprächsfaden und gut ausgeübte Autorität sind auch hier besonders gefragt.

Einige Fragen zum Schluss:
· Wo bin ich als Erziehender gefordert, von Gott und andern Menschen erzogen und geformt zu werden?
. Wo können Eltern Grenzsetzung lernen, die nicht auf Liebesentzug hinausläuft?
· Wie setzt man Regeln, ohne aggressiv zu werden?
· Wie vermeiden Eltern, zum Kumpel der Kinder zu werden?

Vermehrt bräuchten Eltern - gerade auch Akademiker - Training, weil sie mit der anspruchsvollen und kräfteraubenden Erziehungsaufgabe stark gefordert und teilweise überfordert werden.
Aus Australien kommt das Erziehungstraining "Triple P", bei dem die drei "P" für Positive Parenting Program stehen. Es macht Ernst mit dem Gedanken der pädagogischen Prävention. In einer grösseren deutschen Stadt soll es künftig flächendeckend durchgezogen werden.
Andere Pädagogen rufen nach Fortbildungskursen, die am Beginn jeder neuen Lebensphase der Kinder stehen sollten: wenn sie in den Kindergarten kommen, beim Schulanfang, vor der Pubertät.
Oder sollte man darüber nachdenken, dass nur Kindergeld bekommt, wer regelmäßig Elternkurse absolviert und so seinen Erziehungswillen bekundet?

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Samstag, August 15, 2009

Lukas 15 ist das Evangelium im Evangelium

Das Lukasevangelium zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschwerdung Gottes in Jesus sehr eindrücklich beschrieben wird. Gott wirkt durch seinen Geist an, in und mit den Menschen, gerade an Frauen, die damals nicht viel zählten. Menschliche Erfahrungen und Empfindungen wie Schwangerschaft und Geburt, Barmherzigkeit und Freude werden intensiv und detailliert beschrieben (siehe Kapitel 1).
Die Gleichnisse, die Lukas aufgezeichnet hat, zeigen vor allem das Wesen Gottes: Er ist ein barmherziger Vater, der das oder den Verlorenen sucht! Er sehnt sich danach, dass alle Menschen bei ihm ganz Zuhause sein können mit ihrem unterschiedlichen Erleben und Empfinden.
Gleichnisse waren die übliche Erzählform von damals. Sie haben aramäische Sprache und ländliche Lebensweise in Galiläa als Ausgangslage und Hintergrund. Es sind ausgebaute Vergleiche, bei denen eine Geschichte oder ein Bild für die eigentliche Sache, die geistliche oder himmlische Wahrheit steht. Gleichnisse sind an drei verschiedene Adressaten gerichtet: an die Jünger, an das Volk oder an die Pharisäer. Das Beachten der Adressaten ist wichtig, damit wir nicht falsche Schlüsse ziehen.
Gleichnisse sind zudem sprachliche Waffen, denn das Gegenüber kann schockiert und zur sofortigen Reaktion herausgefordert werden (frei nach Joachim Jeremias).
Gleichnisse sind auch ein Weg, um zu Menschen in "Trance", im Sinne von Verblendung, Fixiertheit und Verstockung zu sprechen; Menschen, die eigentlich sehen und hören können, es aber trotzdem nicht tun (nach Clarence Thomson).
Noch etwas zu den Titeln/Ueberschriften der Gleichnisse: Es sind immer menschliche Zusätze, die eine bestimmte, oft eine einseitige Sichtweise wiedergeben. Ueblich ist „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (Zürcher Bibel). Das finde ich etwas verkürzt, da eigentlich beide Söhne verloren waren. Und in der Hauptaussage geht es vermutlich noch mehr um den Vater! Einige Beispiele: - Der Vater und seine zwei Söhne (Gute Nachricht)- Verloren und wiedergefunden (Neue Genfer Uebers.)- Heimkehr der Verlorenen (Uebertrag. von Jörg Zink)- Der wartende Vater (Floyd McClung)- Das Gleichnis von der Liebe des Vaters (H. Nouwen)- Gott bietet sich als guter Vater an (Urs Scherrer) Ueberlegen Sie sich, wie Sie dieses Gleichnis benennen würden? Das sagt viel über Ihre Gottesbeziehung und Selbsteinschätzung aus!

Jedes Gleichnis hat eine oder mehrere "Pointen", einen springenden Punkt. Klaus Berger, der deutsche Theologe schreibt in seinem Buch "Jesus" auf Seite 238 dazu: Das Gleichnis (vom verlorenen Groschen in Lukas 15,8-10) handelt aber von Gott. Im Bild dieser Frau steht seine närrische Suche im Zentrum, seine, Gottes wahnsinnige Freude. Denn er, der Herr der Welten, ist auf der Suche nach jedem verlorenen kleinen Menschen. Er kehrt das Haus um, auf dass er den Letzten finden kann. Die normale Weltordnung ist hier verkehrt worden: Nicht wir müssen Gott suchen, den mächtigen und barmherzigen, sondern er sucht uns. Verzweifelt fast, um jeden Preis. Und wer sein Haus umkehrt, um einen Groschen zu suchen, der tut es auf Knien. Nicht wir knien hier, sondern Jesus schildert hier Gott auf Knien. Ein merkwürdiger Gott – versteht der denn gar nichts von Würde?

Im Gleichnis vom Vater und seinen Söhnen sehe ich drei zentrale Pointen:

1. Der Vater geht auf die Unverschämtheit des jüngeren Sohnes ein und lässt ihn ziehen: „Vater, gib mir den (mir) zukommenden Teil der Habe!“ Im Klartext von damals heisst das: Vater, ich möchte, dass du bereits tot wärest, damit ich mein Erbe erhalte. Eine solche Aussage war empörend, denn alle hatten Ehrfurcht vor alten Menschen und ihrem Vater, der bis an sein Lebensende über seine Familie zu bestimmen hatte. „Er aber teilte ihnen das Vermögen zu.“ Auch das war nicht denkbar damals, dass ein Vater vor seinem Ableben seinen Besitz verteilt hätte. Doch hier tut er es, er hält nicht an seiner Ehre, seinen Vorrechten fest, er lässt sich demütigen und erniedrigt sich selbst!

2. Der Vater empfindet Erbarmen für seinen heruntergekommenen Sohn und geht ihm entgegen: „Aber er war noch weit entfernt, (da) sah ihn sein Vater und empfand Erbarmen und (kam) gelaufen. Er fiel um seinen Hals und küsste ihn.“ Nachdem der Vater den unmöglichen Wünschen seines Sohnes nachgekommen war, waren keine Vorwürfe, kein Groll, keine Rache in seinem Herzen, sondern Sehnsucht nach dem Sohn. Dieser Sohn gehört trotz allem zu mir, ich habe ihn lieb! Die Vaterliebe ist stärker als Recht und unsere Vorstellung von Gerechtigkeit. Er hält Ausschau nach seinem Sohn. Als er ihn sieht, empfindet er Erbarmen oder Mitleid. Deshalb geht er ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsste ihn. Er setzt ihn wieder ein als Sohn mit allen Zeichen, die damals dazugehörten: das schönstes Kleid, ein Ring und Sandalen. Und dann wird ein fröhliches Festmahl gefeiert!

3. Der Vater geht auch zum älteren Sohn und bittet ihn: Es gibt zwei verlorene Söhne in diesem Gleichnis. Der Vater kümmert sich um beide, er möchte beide fröhlich und glücklich bei sich haben. Hier kommen wieder die Adressaten, die Pharisäer, ins Spiel, denn sie benehmen sich wie dieser ältere Sohn: „(Es) näherten sich ihm alle Zöllner und Sünder, (um) ihn zu hören. Sowohl die Pharisäer als auch die Schriftgelehrten murrten (und) sagten: Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen.“ Das gilt auch für uns: Egal ob du ein Sünder oder ein Frommer bist, Gott möchte dich lieben und in seiner Nähe haben. Sowohl Sünde als auch Frömmigkeit, Gesetzlichkeit und Rechtschaffenheit und die daraus entstehende Ueberheblichkeit trennen uns von Gott. Gott möchte, dass auch die Frommen ihre Verblendung einsehen und sich wie der Zöllner in Lk 18,13 benehmen: Aber der Zöllner stand von ferne (und) wollte nicht einmal die Augen aufheben zum Himmel, sondern schlug (an) seine Brust (und) sagte: O Gott, sei mir Sünder gnädig!

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Freitag, Februar 02, 2007

Charles de Foucauld

Charles de Foucauld wurde 1858 geboren und hatte ein bewegtes Leben. Er wuchs als Waisenkind auf, erlebte also viele seelische Entbehrungen. Schon als jung kam er zur französischen Armee und machte dort Karriere und war ein Lebemann. Irgendwann kehrte er um zu Gott, fand in ihm die Erfüllung seiner Sehnsüchte und trat dann in einen katholischen Orden ein, der ihn auf Umwegen in ein kleines, abgelegenes Kloster im Süden Algeriens führte. Dort lebte und wirkte er bis zu seinem Lebensende: 1916 wurde er und seine Mitbrüder von islamischen Kriegern ermordet.
Eines seiner bekanntesten und eindrücklichsten Gebete lautet so:

"Mein Vater, ich überlasse mich Dir, mach mit mir, was dir gefällt.
Was Du auch mit mir tun magst, ich danke Dir.
Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an.
Wenn nur Dein Wille sich an mir erfüllt und an allen Deinen Geschöpfen, so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.
In deine Hände lege ich meine Seele.
Ich gebe sie Dir, mein Gott, mit der ganzen Liebe meines Herzens, weil ich Dich liebe, und weil diese Liebe mich treibt, mich Dir hinzugeben, mich in deine Hände zu legen ohne Mass, mit einem grenzenlosen Vertrauen; denn du bist mein Vater."

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Samstag, Dezember 16, 2006

Stille und Gebet

Ich war einige Tage in der Stille im Berner Oberland. Und zwar im "Läbeshuus" in Heiligenschwendi (siehe www.läbeshuus.ch). Das ist etwas, was ich jedem Menschen empfehlen kann: einmal weg von allem, was tagtäglich auf dich einstürmt, dich umgibt, dich besetzt und dich belastet. Keine Zeitung, kein Computer, kein Fernseher, keine Alltagssorgen, keine Auseinandersetzungen, und und und ... geworfen sein auf sich selbst, sich entspannen, genug schlafen, wandern, Gottes vielfältige Schöpfung bewusst wahrnehmen und geniessen und dabei mit Gottes Gegenwart rechnen und auf sein Reden warten. Durch Impulse und die Stille ist mir folgendes Gebet zugefallen:

Jesus Christus,
du bist unser Herr.
Darum anerkennen wir deine Herrschaft über uns.
Vater,
du hast uns geschaffen.
Darum anerkennen wir unsere Abhängigkeit von dir und von dem, das du gibst.
Das macht uns unabhängiger von Menschen und freier, sie zu achten, sie zu lieben und ihnen zu dienen.
Heiliger Geist,
hilf uns, unsere Berufungen zu erkennen, umzusetzen und auszuleben.
Wir freuen uns, dass du da bist.
Amen

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Mittwoch, November 15, 2006

Das Wesen des Vaters

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und wurde von Erbarmen bewegt, lief hin, fiel ihm um den Hals und küsste ihn ...
Sein Vater kam heraus und redete ihm gut zu ... Er sprach zu ihm: "Mein Kind, du bist allezeit bei mir, alles, was mein ist, ist dein. ...


Rembrandt folgte in seinem Gemälde nicht wortwörtlich dem Lukasevangelium. Er entschloss sich, einen stilleren Vater darzustellen. Das hat wahrscheinlich mit seiner Biografie zu tun: der äussere Glanz und die Aktivität ist aus seinem Leben gewichen, aber das innere Feuer der Liebe ist durch viel Leid gewachsen und stark geworden. Der Blick des Vaters ist der eines Blinden, er erkennt den Sohn nicht mit den Augen, sondern mit seinem Innern, dem Herzen. Und seine Hände sind Instrumente dieses Herzens, das voll ist von Liebe und Erbarmen. Und diese Hände sind ins Licht und in die Mitte des Bildes gerückt. Sie verkörpern Vergebung, Versöhnung und Heilung.
Rembrandt hat eine Vater- und eine Mutterhand gemalt. Auf der Schulter des Sohnes ruht die kräftige und muskulöse Vaterhand, die festhält. Auf dem Rücken die feingliedrige, sanfte und zärtliche Mutterhand, die streicheln und trösten will. Die Mutterhand ist das Echo auf die Worte aus Jesaja 49,15 "Vergisst denn ein Weib ihren Säugling, ohne Erbarmen für den Sohn ihres Leibes? Auch diese mögen vergessen, ich aber, ich vergesse dich nicht. Da, auf beide Handflächen habe ich dich eingegraben."
Nouwen schreibt über die Hände Gottes: "Sie hielten mich seit der Stunde meiner Empfängnis, sie hiessen mich bei meiner Geburt willkommen, hielten mich an die Brust meiner Mutter gedrückt, sie gaben mir Nahrung und deckten mich zu. Sie schützten mich in Zeiten der Gefahr und trösteten mich in Zeiten des Kummers. Sie winkten mir beim Abschied und begrüssten mich stets beim Wiederkommen. Diese Hände sind Gottes Hände. Es sind auch die Hände meiner Eltern, Lehrer, Freunde, Helfer und all derer, die Gott mir gab, um mich daran zu erinnern, wie sicher gehalten und geborgen ich bin."

Gott will, dass auch wir den Weg von der Kindschaft hin zu Vaterschaft und Mutterschaft gehen. Oft ist es ein langer Weg, bis wir die lähmende Furcht vor Gott wirklich ganz fallen lassen können. Aber Gott wandelt uns in sein Bild um, wenn wir Jesus Christus nachfolgen. "Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist" hat Jesus gesagt. Die gleiche Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung, die er uns schenkt, soll überfliessen auf unsere Nächsten. Das ist die grosse Herausforderung im Alltag: Kann ich bedingungslos lieben, kann ich geben, ohne etwas dafür zu erwarten? Dann können andere nicht mehr Konkurrenten, Rivalen, Gegner und Feinde bleiben, sondern Menschen, denen ich mit Liebe und Wertschätzung begegne und segnend meine Hände auf ihre Schultern lege.

Deshalb lautet die letzte Frage an uns: Identifiziere ich mich mit dem Vater? Bin ich auf dem Weg zur geistlichen Mutter- und Vaterschaft? Wem kann ich väterlich oder mütterlich begegnen?

Father (ein Lied von Adrian Snell 1990, dessen Vater 1988 starb)

My defender, my protector
My provider, Father
Friend and stranger – always there
Never danger when you're near
In the shadow of your love.

Always righeous teacher, pleased to learn
Still the child inside the man
Sometimes right and sometimes wrong
Sometimes weak and sometimes strong.

Now life ending, temple ageing
Sadness sometimes, scarred yet so kind
Sometimes certain, often not
Sometimes broken, sometimes lost
Still with laughter in your eyes.

Father, always, need you, miss you
Thank you deeply – you are in me
I can touch you, hear you, feel you
You are with me, I'll be with you.

strong in faith, living soul
Israel, going home
Whole in love, live complete
Deep in peace – this is love inteed.

Empfohlene Literatur:
· Zuerst Texte der Bibel in verschiedenen Uebersetzungen: besonders Psalmen, Jesajabuch & Lukasevangelium
· Floyd McClung: Das Vaterherz Gottes. JmeM Frankfurt 1986
· Henri J. M. Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz. Herder Freiburg 1991
· Geri Keller: Vater. Ein Blick in das Herz Gottes. Schleifeverlag Winterthur 2002
· Brennan Manning: Verwegenes Vertrauen. Ergreifen, was Gott uns schenkt. Brockhaus Wuppertal 2002
· Susanne Schmid Grether: Jesus der Jude. Schoresch Wetzikon 1997
· W. A.Visser't Hooft: Rembrandts Weg zum Evangelium. Zwingli-Verlag Zürich 1955
· ...und sei Dir des Vater im Himmel gewiss. Zeitschrift Salzkorn OJC 2/2002

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Dienstag, November 14, 2006

Der ältere Sohn

Da wurde der ältere Sohn zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu ... Er sprach zu ihm: "Mein Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. Jetzt aber müssen wir feiern und uns freuen, denn dieser da, dein Bruder, war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden."

Der Vater will beide Söhne zurück, auch den älteren! Der ältere Sohn hat es genauso nötig, gefunden zu werden und wirklich heimzukommen ins Haus der Vaterfreude. Er ist zu einem Fremden im eigenen Haus geworden, er ist vollkommen versteift und isoliert, obschon er der rechtmässige Erbe des Hofes ist. Echte Gemeinschaft hat er nicht mehr, sie ist unmöglich geworden. Er hat kein Vertrauen mehr, die pure Finsternis herrscht. Doch der Vater gibt ihn nicht auf und geht auch ihm entgegen, bittet, drängt und fleht: lass das vorwurfsvolle Klagen fallen, gib das Vergleichen und die Verbitterung auf und nimm meine Liebe an. Sie gilt auch dir!
Wie die ältere Sohn schlussendlich reagiert hat, wissen wir nicht. Jesus sagt nichts darüber. Auch im Bild ist der Ausgang offen. Die Liebe des Vaters zwingt nicht. Auch wir sind frei, unsere Wahl und Entscheidungen zu treffen, ob wir im Dunkeln bleiben oder in das Licht und die Liebe Gottes kommen wollen. Die Sünde wird unweigerlich unsere Sicht einengen und uns versklaven. Sie ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür.

Deshalb lautet die Frage gerade an uns langjährige und "brave" Christen:
Wann und wie stark habe ich mich schon mit dem älteren Sohn identifiziert?

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Donnerstag, November 09, 2006

Der jüngere Sohn

Der jüngere Sohn sagte zu dem Vater: "Vater, gib mir den Anteil des Vermögens, der mir zukommt." Da teilte er den Besitz unter sie. Wenige Tage darauf packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog fort in ein fernes Land."

So kurz und schlicht beschreibt Lukas, was der jüngere Sohn sagt und tut. Doch die Tragweite ist gross, die Beziehung zum Vater und zum Zuhause wird dramatisch abgebrochen: Der jüngere Sohn wünscht sich zutiefst, dass der Vater tot sei. Er verlangt nicht nur die Teilung des Erbes, sondern auch das sofortige Verfügungsrecht. Beide Forderungen wurden damals wie heute und in allen Kulturen als hartherzig, brutal, anstössig und ungeheuerlich empfunden. Sie setzen stillschweigend voraus: "Vater, ich kann nicht warten bis du tot bist!" (nach Kenneth Bailey)
Der Sohn trennt sich von allem, was ihm der Vater gelehrt und beigebracht hat: Werte, Denkweise, Lebensstil, etc. Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass er dann in seiner Armut und Not nicht zu einem Juden oder zur jüdischen Gemeinde geht, wie es damals üblich war, sondern zu einem Bürger des dortigen Landes.
Wenn ich vom Vaterhause weggehe, bedeutet das auch, dass ich das Geschaffen- und Geliebtsein von Gott, dem Vater, ablehne. Die feine Stimme Gottes, die mich als Geliebter ansprechen will, ist dann weit weg und stirbt gar langsam ab. Andere Stimmen treten an seine Stelle auf: "Zeige, dass du liebenswert bist! Zeige, dass du ein braver Junge, ein gutes Mädchen bist! Zeige, dass du leistungsfähig bist! Zeige, dass du besser als die andern bist! Zeige, dass du das Leben meisterst, dass du es alleine schaffst! Nimm dein Leben an die Hand! etc."
Nouwen schreibt: "Sucht ist das vielleicht treffendste Wort für die Verlorenheit, die unsere heutige Gesellschaft durchdringt. Es geht um Macht, Reichtum, Geltungsdrang und Verschwendung, doch diese stillen niemals unsere tiefsten Bedürfnisse."
Doch es gibt einen Weg heraus und zurück, auch wenn er uns alles abverlangt. Er fängt mit der Einsicht an, dass ich meine wahre Identität als Sohn oder Tochter verspielt habe. Ich muss bereit werden, meine falsche Identität aufzugeben und den Vater, um Vergebung zu bitten. Ich muss so weit kommen, dass ich keine Forderungen und Bedingungen mehr stelle. Ich kann nicht mehr abschätzen, was mit mir dann passieren wird. Zu Gott kann ich nur leer, demütig und als Verlorener kommen. Der Zöllner schlug sich an die Brust und betete: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" (Lk 18,13b). Um beim Bild zu bleiben: Fast alles ist dem jüngeren Sohn genommen oder verschlissen worden auf seinem falschen Weg: Haare, Kleider (Mantel) und Schuhe. Die Sünde nimmt uns letztlich alles, aber sie gibt uns nichts wirklich.

Die Frage an dich lautet: Wann und wie stark habe ich mich schon mit dem jüngeren Sohn identifiziert?

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Ein Vater und seine Söhne

Ich möchte einige meiner Gedanken zum bekannten Gleichnis von Jesus über den Vater und seine beiden Söhne festhalten. Der grosse Kirchenvater Augustinus hat es "das Evangelium im Evangelium genannt" und ich stimme ihm vollständig zu. Interessant ist, dass es ja nur im Lukasevangelium aufgeschrieben ist, und zwar in Lukas 15,11-32. (Andere Aussagen von Jesus sind ja jeweils mehrmals erwähnt, Lukas hat aber ein besonderes Sensorium für Jesus als Menschen und seine Beziehungen).
Aufschlussreich für das Verständnis des Textes sind auch die Adressaten und die Einbettung dieses Gleichnisses. In Lukas 15,1-3a steht: Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: ...
Danach folgen die drei Geschichten vom Verlorensein, Geschichten die einen tiefen innern Zusammenhang aufweisen. Diese Erzählungen sind also an Menschen gerichtet, die die Schriften des Alten Testaments äusserlich sehr gut kannten, aber nicht nach Gottes Herzen gelebt und gehandelt und sich daran gestossen haben, dass Jesus Gemeinschaft mit den verachteten Zöllnern und Sünder hatte. Man hatte nur Tischgemeinschaft mit Seinesgleichen und das ist ja heute noch so, oder?!?
Zum Gleichnis selbst: schon die von den Menschen eingefügten Titel machen es uns nicht gerade leicht. Wie soll eigentlich die Ueberschrift heissen? Ein paar gängige Varianten:
· Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Zürcher Bibel)
· Der Vater und seine zwei Söhne (Gute Nachricht)
· Drei Gleichnisse vom Erbarmen; der verlorene Sohn (Herdertext)
· Verloren und wiedergefunden (Neue Genfer Uebersetzung)
· Heimkehr der Verlorenen (Uebertragung von Jörg Zink)
· Der wartende Vater (Floyd McClung)
· Das Gleichnis von der Liebe des Vaters (Henri Nouwen)

Wie würdest du dieses Gleichnis benennen?
Gehe ich richtig in der Annahme, dass du den Inhalt dieses Gleichnisses kennst? Deshalb möchte ich einen kleinen Test machen, um zu schauen, wie genau du diese bekannte Geschichte verinnerlicht hast. Ich lege einen zentralen Satzteil aus dem Gleichnis vor und du schreibst diesen Satz weiter, so wir du ihn aus dem Gedächtnis kennst:
"Und er (=der jüngere Sohn) machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und ...
Wie geht dieser Satz weiter? Bitte schreib es auf, ohne in der Bibel nachzuschauen.

Die richtige Antwort lautet je nach Bibelübersetzung so:
· ... empfand Erbarmen (Interlinearübersetzung)
· ... es jammerte ihn (Luther Bibel)
· ... wurde innerlich bewegt (Elberfelder Bibel)
· ... es tat ihm weh, ihn so zu sehen, und er tat ihm leid. (Uebertragung von Jörg Zink)

Die meisten Reaktionen, die ich bis heute gehört habe, waren: ... ging ihm entgegen.
Das ist äusserst aufschlussreich, wie wir etwas ganz Wesentliches, das Jesus über seinen Vater sagen will, überlesen, unterschlagen oder ignorieren. Es kommt mir vor wie ein kollektiver blinder Fleck. Es gäbe noch einige biblische Beispiele, wo das ähnlich abläuft. Irgendwie wollen wir gleich zum Handeln kommen, ohne Gottes tiefes Erbarmen für uns Menschen wirklich ernst zu nehmen und auf uns einwirken zu lassen. Meister Eckhart hat es so formuliert: "Die Leute brauchen so viel nachzudenken, was sie tun sollen; sie sollen vielmehr bedenken, was sie seien."

In den nächsten Posts möchte ich den Inhalt dieses Gleichnisses über ein Bild erschliessen, das mir in den letzten Jahren sehr wichtig geworden ist. Das Thema des Vaters berührt mich seit Jahrzehnten, da ich selber ohne Vater aufgewachsen bin. Auch viele Kunstmaler haben die Szene des zurückkehrenden Sohnes und barmherzigen Vaters aufgegriffen und umgesetzt. Ein Gemälde ragt jedoch für mich aus den vielen heraus. Als visuell orientierter Mensch hat mich gerade dieses Bild und das auslegende Buch von Henri Nouwen "Nimm sein Bild in dein Herz" die Türe zu Gott und auch zu mir selbst weiter geöffnet. Es handelt sich um das Bild "Die Rückkehr des Verlorenen Sohnes" von Rembrandt Harmenszoon van Rijn, der von 1606-1669 in den Niederlanden gelebt hatte. Er hat das grossformatige (2.62x2.06m) Oelgemälde 1666-69, also kurz vor seinem Tod nach einem äusserst bewegten Leben gemalt.

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