Donnerstag, November 09, 2006

Ein Vater und seine Söhne

Ich möchte einige meiner Gedanken zum bekannten Gleichnis von Jesus über den Vater und seine beiden Söhne festhalten. Der grosse Kirchenvater Augustinus hat es "das Evangelium im Evangelium genannt" und ich stimme ihm vollständig zu. Interessant ist, dass es ja nur im Lukasevangelium aufgeschrieben ist, und zwar in Lukas 15,11-32. (Andere Aussagen von Jesus sind ja jeweils mehrmals erwähnt, Lukas hat aber ein besonderes Sensorium für Jesus als Menschen und seine Beziehungen).
Aufschlussreich für das Verständnis des Textes sind auch die Adressaten und die Einbettung dieses Gleichnisses. In Lukas 15,1-3a steht: Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: ...
Danach folgen die drei Geschichten vom Verlorensein, Geschichten die einen tiefen innern Zusammenhang aufweisen. Diese Erzählungen sind also an Menschen gerichtet, die die Schriften des Alten Testaments äusserlich sehr gut kannten, aber nicht nach Gottes Herzen gelebt und gehandelt und sich daran gestossen haben, dass Jesus Gemeinschaft mit den verachteten Zöllnern und Sünder hatte. Man hatte nur Tischgemeinschaft mit Seinesgleichen und das ist ja heute noch so, oder?!?
Zum Gleichnis selbst: schon die von den Menschen eingefügten Titel machen es uns nicht gerade leicht. Wie soll eigentlich die Ueberschrift heissen? Ein paar gängige Varianten:
· Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Zürcher Bibel)
· Der Vater und seine zwei Söhne (Gute Nachricht)
· Drei Gleichnisse vom Erbarmen; der verlorene Sohn (Herdertext)
· Verloren und wiedergefunden (Neue Genfer Uebersetzung)
· Heimkehr der Verlorenen (Uebertragung von Jörg Zink)
· Der wartende Vater (Floyd McClung)
· Das Gleichnis von der Liebe des Vaters (Henri Nouwen)

Wie würdest du dieses Gleichnis benennen?
Gehe ich richtig in der Annahme, dass du den Inhalt dieses Gleichnisses kennst? Deshalb möchte ich einen kleinen Test machen, um zu schauen, wie genau du diese bekannte Geschichte verinnerlicht hast. Ich lege einen zentralen Satzteil aus dem Gleichnis vor und du schreibst diesen Satz weiter, so wir du ihn aus dem Gedächtnis kennst:
"Und er (=der jüngere Sohn) machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und ...
Wie geht dieser Satz weiter? Bitte schreib es auf, ohne in der Bibel nachzuschauen.

Die richtige Antwort lautet je nach Bibelübersetzung so:
· ... empfand Erbarmen (Interlinearübersetzung)
· ... es jammerte ihn (Luther Bibel)
· ... wurde innerlich bewegt (Elberfelder Bibel)
· ... es tat ihm weh, ihn so zu sehen, und er tat ihm leid. (Uebertragung von Jörg Zink)

Die meisten Reaktionen, die ich bis heute gehört habe, waren: ... ging ihm entgegen.
Das ist äusserst aufschlussreich, wie wir etwas ganz Wesentliches, das Jesus über seinen Vater sagen will, überlesen, unterschlagen oder ignorieren. Es kommt mir vor wie ein kollektiver blinder Fleck. Es gäbe noch einige biblische Beispiele, wo das ähnlich abläuft. Irgendwie wollen wir gleich zum Handeln kommen, ohne Gottes tiefes Erbarmen für uns Menschen wirklich ernst zu nehmen und auf uns einwirken zu lassen. Meister Eckhart hat es so formuliert: "Die Leute brauchen so viel nachzudenken, was sie tun sollen; sie sollen vielmehr bedenken, was sie seien."

In den nächsten Posts möchte ich den Inhalt dieses Gleichnisses über ein Bild erschliessen, das mir in den letzten Jahren sehr wichtig geworden ist. Das Thema des Vaters berührt mich seit Jahrzehnten, da ich selber ohne Vater aufgewachsen bin. Auch viele Kunstmaler haben die Szene des zurückkehrenden Sohnes und barmherzigen Vaters aufgegriffen und umgesetzt. Ein Gemälde ragt jedoch für mich aus den vielen heraus. Als visuell orientierter Mensch hat mich gerade dieses Bild und das auslegende Buch von Henri Nouwen "Nimm sein Bild in dein Herz" die Türe zu Gott und auch zu mir selbst weiter geöffnet. Es handelt sich um das Bild "Die Rückkehr des Verlorenen Sohnes" von Rembrandt Harmenszoon van Rijn, der von 1606-1669 in den Niederlanden gelebt hatte. Er hat das grossformatige (2.62x2.06m) Oelgemälde 1666-69, also kurz vor seinem Tod nach einem äusserst bewegten Leben gemalt.

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