Sonntag, Mai 22, 2016

Larry Siedentop: Europa findet zu seiner Identität

13. Warum der Feudalismus die antike Sklaverei nicht wieder einführte. Feudalismus kann als Vorstufe der Moderne angesehen werden. Im antiken Rom gab es Hörige mit nur minimalen Rechten, die keine Körperstrafen erdulden mussten. Diese Landarbeiter hiessen „Coloni“, weiter gab es „Rustici“ und „Tributari“. Sklaven hiessen dagegen „Servi“. Landbewohner und Bauern waren „Paganus“. Die Kirche förderte durch die Heiligkeit der Ehe und Achtung der Familie die Abschaffung der Sklaverei und die Einrichtung von Familienhöfen. Die Ehe war ein unauflösbares Band zweier Seelen geworden, das durch persönlichen Willensentscheid und unter Gottes Segen geschlossen wurde. 14. Den „Gottesfrieden“ fördern. Ab dem 10. Jahrhundert begannen Revolten von Landbewohner gegen ihre Grundherrn. 910 wurde die Abtei von Cluny durch Wilhelm I. gegründet. Sie richtete sich nach der Benediktregel, die das christliche Leben mit Würde, Arbeit, Selbstbestimmung, Lernen, Gebet und Gleichheit statt Herkunft prägte. Aus ihr kamen später auch die Mönchspäpste hervor. 15. Die Papstrevolution: Eine Verfassung für Europa. Das Minnewesen idealisierte die Geschlechterbeziehung. Höflichkeit und Ehre der Ritter verfeinerten die neue Identität. Erst die Kreuzzüge offenbarten das christliche Europa. Gregor VII. führte unter Einfluss christlicher Moralvorstellungen ein neues Modell von Gesellschaft und Regierung ein. Ein einheitliches Rechtssystem entstand, dieser Prozess dauerte bis 1250. 16. Naturrecht und natürliche Rechte. Da die Seele den Körper regiere, sei die geistliche Autorität der weltlichen Herrschaft überlegen. Daraus entstand um 1140 das „Decretum Concordia Discordantium Canonum“, das kanonische Recht des Mönchs Gratian. Das Naturrecht wurde mit der biblischen Offenbarung gleichgesetzt. Päpste, Theologen und Kirchenrechtler schufen eine Verbindung von antikem Recht und Evangelium. Sie scheiterten zwar, eine Verfassung für Europa durchzusetzen, aber sie legten die Fundamente für demokratische Gesellschaften im modernen Europa.

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Freitag, Mai 20, 2016

Larry Siedentop: Die Idee des Fundamentalgesetzes

9. Neue Einstellungen und Gewohnheiten. Als Kaiser Justinian die philosophischen Schulen Athens geschlossen hatte, ging das rationale Denken nicht zu Ende und wich dem christlichen Glauben, sondern es war bereits in die Lehren der Kirche eingegangen. Die Frauen erhielten eine zunehmend bessere soziale Stellung und auch Bildung, zuerst die reichen, dann auch alle andern. Was Paulus nur andeutungsweise gesagt hatte, betonte Gregor von Nyssa (335-394) unmissverständlich und klar: Sklavenhaltung ist gegen das Recht Gottes wegen der Gottesebenbildlichkeit der Menschen. Diese neuen Erkenntnisse und Einstellungen flossen auch in den Codex Theodosianus (438 unter Theodosius 2) und in den Corpus Iuris Civilis (529-533 unter Justinian). In der Folge konnten nicht nur römische Bürger Bischöfe werden, sondern jeder, der von der Gemeinde gewählt wurde! 10. Geistliche und weltliche Macht. 476 ging das weströmische Reich zu Ende und äusserer und innerer Zerfall setzte ein. Klerus und Bischöfe übernahmen nun auch politische Aufgaben wie Verwaltung, Verteidigung und Diplomatie. Klöster wurden zu Zufluchtsorten der Gemeinschaft, des Gebets, der Bildung und des Wissens. 11. Barbarische Gesetze, römisches Recht und christliche Anschauungen. Eine Verlagerung der moralischen Autorität von der Familie zum Klerus fand statt. Das Abendmahl wurde zum Messopfer, das nur Priester darbringen konnten. Karl der Grosse kam in eine Zwischenzeit hinein, nach dem Rom der Antike und vor dem Europa der Moderne. 12. Der karolingische Kompromiss. Karl der Grosse wollte ein christliches Reich schaffen. Er verpflichtete einzelne Menschen, nicht mehr Familien, für sich, sein Reich und den christlichen Glauben. Sein Berater und Bildungsreformer war der Mönch Alkuin von York. Je jenseitiger das Christentum wurde, desto bessere Voraussetzungen lieferte es paradoxerweise für soziale Reformen.

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Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die antike Familie, Staat und Kosmos

Siedentop zeigt deutlich auf, dass die Aufklärung versuchte, die Antike heller zu zeichnen und das Mittelalter dunkler als sie wirklich waren. Für das Studium des Altertums ist es aber unerlässlich, sich auf Zeugnisse zu stützen, die uns diese Epoche hinterlassen hat. Nur so können wir jede Epoche realistisch wahrnehmen und einschätzen. 1. Die antike Familie In der Antike waren aber die Gesellschaft und die Familie mit dem pater familias alles, denn er war auch Richter und Hohepriester. Die einzelne Person jedoch galt nichts. Der Vater hatte das heilige Feuer am häuslichen Herd zu hüten, der Herd erhielt somit altarähnliche Funktionen. Diese Aufgabe übergab er dem ältesten Sohn. Nur so konnten die göttlichen Ahnen unter der Erde ruhig gehalten werden. Erst wenn die Familie ausgestorben war, hörte auch das Feuer auf zu brennen. Religion war Familienkult und bestimmte Beziehungen, Besitz und Boden und bewahrte sie. Der Vater war gottähnlich, dem man verpflichtet, zugeneigt und ergeben war. Die Gesellschaft war ein Zusammenschluss von Familien, die je ein eigenes Recht und Kult hatten, die in der Familiensphäre gelebt wurden. 2. Der antike Staat Die Aufklärung idealisierte den antiken Staat, die res publica, obwohl diese vom Patriarchat bestimmt und geprägt worden war und Unterordnung verlangte. Die Entwicklung in der Antike ging von der Familie zum Clan, dann zum Stamm, die wiederum in Städten zusammengezogen wurden. So wurde alles grösser, auch die polytheistischen Götter und ihr Einfluss nahm zu. Ein Sohn wurde auch zuerst in der Familie aufgenommen, dann im Kult des Stammes und als erwachsener Bürger in der Stadt, der terra patria. Frauen und Sklaven hatten wenig Rechte, Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen. Erst im römischen Reich bekamen auch jüngere Söhne mehr Rechte. Wille der Götter und eine hohe Tugend war dagegen die Hingabe an das heilige Vaterland. Urbs war der physische Ort, civitas dagegen der moralische Kitt, der religiös-politische Zusammenhalt. 3. Der antike Kosmos Vernünftige und überzeugende Reden zeigten die soziale Überlegenheit und den hohen Status einer Person an. Arbeit und Handel waren in der Antike verachtet, dagegen wurde militärische Tapferkeit geachtet. Denn das Ziel war Ehre in der res publica. Hierarchische Vorstellungen wurden auch aufs Weltall projiziert. Dadurch wurde ein antikes Modell mit Kristallsphären gebildet, bei dem Logos und Aufstieg wichtiger waren als Beobachtung des realen Alls.

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Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums

Der amerikanische Politwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop hat 2014 ein Buch geschrieben, das auch im deutschen Sprachraum in vielen Medien Beachtung gefunden hat. Es heisst im Original: Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism. Allen Lane 2014, ISBN 0-713-99644. 2015 ist es auch in Deutsch herausgekommen unter dem Titel: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Es ist im Verlag Klett-Cotta in Stuttgart unter der ISBN 978-3-608-94886-8 erschienen. Der 80jährige Siedentop lehrte Ideengeschichte an der englischen Universität von Sussex und politische Philosophie am Keble College in Oxford. Eine Summe seiner Erkenntnisse legt er in seinem neusten, 476-seitigen Werk vor. Er beschreibt und begründet, wie der westliche Liberalismus und Säkularismus aus christlichen Glaubensinhalten wie Gleichheit und Freiheit entstanden ist. Zu Beginn skizziert Siedentop die antike Familie mit dem „pater familias“ im Zentrum. Seine wichtigste Aufgabe war das Hüten des heiligen Feuers am Herd des Hauses. Diese Aufgabe übertrug er bei seinem Ableben dem ältesten Sohn. Der Vater hatte einen gottähnlichen Status, und die ganze Familie war ihm uneingeschränkt zugeneigt und ergeben. Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen, das galt später auch für die „res publica“, das antike Gemeinwesen, dem nur die Männer ganz zu dienen und etwas zu sagen hatten. Siedentop folgt dem Werk „Der antike Staat“ des französischen Historikers Fustel de Coulanges von 1864, das er noch heute für unübertroffen hält. Bereits der jüdische Glaube an einen Gott war im „Imperium Romanum“ interessant geworden, um aus der antiken Welt der Ungleichheit auszusteigen. Vor allem durch überzeugende Nächstenliebe hatte sich dann der christliche Glaube im spätrömischen Reich ausgebreitet. Kirchen und Klöster förderten nebst Bildung auch Gleichheit und Individualität der Personen und brachen die antiken Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit ihrer religiös motivierten Ungleichheit auf. Bereits im Mittelalter wurden Werte wie Gleichheit und Freiheit zunehmend akzeptiert und schufen die Basis für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit steigender Chancengleichheit. Siedentop kommt aber zum Schluss, dass heute diese Errungenschaften durch fundamentalistische Haltungen und autoritäre Regimes in Frage gestellt oder sogar zerstört würden.

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Sonntag, März 15, 2015

Kontemplative Spiritualität

Kontemplative Spiritualität ist eine Frömmigkeit, die von Gottes Liebe, Wertschätzung und Zuwendung lebt (Seite 50). Gott wird in der Bibel mit vielfältigen Emotionen wie Fröhlichkeit, Mitgefühl und auch Zorn beschrieben, warum sollten wir nicht auch so emotional sein? Unter all meinen Identitäten und hinter meinen Masken und auch nach den Folgen des Sündenfalls liegt meine wahre Identität, die lautet: Ich bin von Gott gewollt, gemacht, geliebt, wertgeschätzt, bedeutsam und einmalig! Annehmen der wirklichen Identität hilft gegen Versuchungen wie Erfolg, Besitz und Beliebtheit. Auch Familiengeheimnissen wie „ich gebe dir, dafür gibst du mir“ bin ich nicht mehr ausgeliefert. Sie können erkannt, hinterfragt und durchbrochen werden. Eine kontemplative Spiritualität orientiert sich dagegen an folgenden Kriterien: ·Gottes Liebe in allem suchen, erkennen und sich ihr überlassen ·Gottes Gegenwart suchen, auf ihn hören und bei ihm verweilen und ruhen ·Gott erlauben, in der Tiefe unseres Wesens zu wohnen ·Geistliche Übungen wie Stille und Einsamkeit zulassen, ein- und regelmässig ausüben ·Leben als Wachstumsprozess verstehen lernen, der auch Schmerzen einschliesst ·Andere Menschen lieben von Gott her und aus seiner Perspektive und Kraft ·Einen ausgeglichen Lebensstil und Lebensrhythmus entwickeln und pflegen ·Verbindliche Gemeinschaft leben Kontemplative Spiritualität will den Weg der Nachfolge Christi unterstützen und zielt daher auf konkrete Schritte: Stille, ehrliche Begleitende, Verlassen, Beten für Mut und Durchbrechen der „Schallmauer“. Die Geschichte Josefs ist ein gutes Beispiel für emotionale Gesundheit und spirituelles Wachstum. Er wuchs in einer Patchworkfamilie auf, wo Lüge und Betrug seit Generationen als Familiengeheimnis geherrscht hatten. Trotz herben Enttäuschungen und massiven Verlusterfahrungen (in seiner Jugend) hielt er an Gott fest. Josef war Gott treu im kleinen, um zu gegebener Zeit Grosses tun zu können. Gott führte ihn geheimnisvoll an die zweithöchste Stelle in Ägypten, damit seine Familie und er überleben konnten (Gen 45,7+8). Mehrmals weinte Josef laut, um seiner Trauer ohne Beschönigung Raum zu lassen. Er benannte seine Kinder Manasse und Ephraim, was Vergessen und Wachsen lassen bedeutet.

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Montag, Februar 10, 2014

Umarmung (Seiten 124-217)

Miroslav Volf zieht eine Theologie der Umarmung der Theologie der Befreiung vor; denn die Kategorien der Unterdrückung und Befreiung seien gut zum Kämpfen, nicht aber zum Verhandeln und Feiern (Seiten 129-133). Denn Sieger verwechseln (oft) Vergeltung mit Gerechtigkeit. Sogar für den Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez habe Liebe und nicht Freiheit die letzte Gültigkeit. "Und wie können wir in Frieden leben, solange die endgültige Versöhnung noch ausstehe? Jesus verbinde Hoffnung für die Unterdrückten mit der Forderung eines radikalen Wandels, die er Busse nenne. Dagegen diene die Religion der sündigen Seele missbräuchlich dazu, von der Oekonomie des schmutzigen Deals und von der Politik der unbarmherzigen Macht abzulenken." (Seite 146) Das Problem der Rache sieht Volf darin, dass sie versklavt. Jesus hatte Lamechs Logik ganz auf den Kopf gestellt, und er forderte seine Nachfolger auf, sooft zu vergeben wie Lamech sich rächen wollte. Und wir Menschen können uns nichts ausdenken, was das ursprüngliche Verbrechen bereinigen könnte (Seiten 154-157). Die Passion Christi war die Qual einer gemarterten Seele und eines geschundenen Leibes, der als ein Gebet für die Folterer dahingegeben wurde. Nach Bonhoeffer ist Vergebung eine Form des Leidens (Seite 161). Das Kreuz verwandelte die Beziehung zwischen dem Opfer und dem Täter. Empfänger der Gnade Gottes können wir nur dann sein, wenn wir uns auch nicht dagegen sträuben, ihre Agenten zu werden. So öffnen wir unsere Arme selbst für die Feinde; machen ihnen in uns Raum, weil der gekreuzigte Gott uns in seine ausgebreiteten Arme geschlossen hat. Denn Handeln ist die einzige angemessene Reaktion auf Leiden und lässt die Erinnerungen in den Hintergrund rücken. Und das Kreuz Christi ist ein paradoxes Denkmal des Vergessens, denn am Ende wird das Lamm auf dem Thron Gottes sitzen (Seite 168-181). Volf schreibt vom Drama der Umarmung, das er in vier Schritten einteilt: 1. Oeffnen der Arme: Raum schaffen für andern, Einladung zum Eintreten 2. Warten: auf eine Antwort, eine Reaktion 3. In Arme schliessen: es braucht zwei Arme für eine Umarmung 4. Arme wieder öffnen: erneut Raum schaffen und Differenz zulassen Die Kennzeichen der Umarmung sieht er in: 1. Fluidität der Identitäten: es gibt überlappende soziale Territorien 2. Nichtsymmetrie der Beziehungen und Anerkennung des andern („Selbstbestimmung ist eine westliche, imperialistische Zumutung, denn eigentlich sind wir alle nur Sklaven“ Daniel Boyarin) 3. Unterdeterminiertheit des Ergebnisses, das immer auch ein Risiko ist („Umarmung ist Gnade und Gnade ist Roulettspiel, immer“ Lewis B. Smedes) Volf erinnert uns auch daran, dass es wesentliche Unterscheide zwischen Verträgen und Bund gibt. Wir sind uns heute vielmehr an Verträge gewohnt, die leistungsorientiert, beschränkt verpflichtend, gegenseitig („reziprok“, spiegelnd) und zugleich instabil sind. Dagegen ist ein Bund unveräusserlich, fortwährend und hat einen hervorgehobenen Status. Er gilt auch noch, wenn er gebrochen wird. Die Identität jedes Bundespartners wird durch die Beziehung zum andern geformt. „Am Kreuz erneuert Gott den Bund, indem er der Menschheit Raum schafft in Gottes Selbst. Die offenen Arme Christi am Kreuz sind ein Zeichen, dass Gott nicht Gott sein möchte ohne die Menschheit. Und dass er die Gewalt der Menschen erleidet, um sie zu umarmen“ (Seite 200). Gott erneuert den Bund mit den Menschen durch Selbsthingabe auf ewig. Er kann seinen Bundespartner nicht aufgegeben, weil seine Verpflichtung unwiderruflich und unauflöslich ist. Der neue Bund ist Gottes Umarmung der Menschheit! Diese Theologie der Umarmung wurde angeregt von der Geschichte vom verlorenen Sohn. Hier schenkt sich der Vater dem entfremdeten Sohn und nimmt ihn wieder in sein Haus auf. Ein antiker Haushalt lebte vom Beschützen und Vermehren, von seinen Beziehungen und seiner Gemeinschaftsidentität. Beziehung beruhte nie auf moralischer Leistung, deshalb konnte der Vater seinen schmutzigen Sohn annehmen und umarmen. Durch das Schuldeingeständnis des Sohnes wurde die Beziehung geheilt. Der Vater rekonstruierte die Identität seines Sohnes, ohne ihn darum zu fragen. Der jüngere Bruder wählte zuerst den äusseren Ausschluss, der ältere jedoch den inneren. Dadurch wurde der jüngere für den älteren zum „Nicht-Bruder“, der Vater zum „Nicht-Vater“, ähnlich wie Abel bei Kain! Aber realistisch gesehen waren beide Söhne schlecht und gut, beide wurden vom Vater geliebt. Er passte seine Identität seinen Söhnen an, um sie beide zu gewinnen. Er wollte weiter ihr Vater sein, damit sie einander auch Bruder sein können. Der Vater brach die Regeln, das kausale Prinzip von „Saat und Ernte“, von „wenn-dann“. Noch heute können starre Regeln und zu stabile Identitäten zum Wahn werden und Selbstgerechtigkeit, Uebertreibung, Repression und Dämonisierung bewirken. Denn Beziehungen und Familienverhältnisse kommen vor allen Regeln, Umarmung anstelle Exklusion (Seite 217).

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Mittwoch, Januar 26, 2011

Die Hunde vom Ararat


Der Untertitel dieses 374seitigen Buches lautet: Eine armenische Kindheit in Amerika. Es ist auf deutsch im Paul Zsolnay Verlag Wien im Jahr 2000 unter der ISB-Nummer 3-552-04951-7 erschienen; "Black Dog of Fate. A Memoir." heisst die Originalausgabe, die 1997 bei Basic Books New York aufgelegt wurde.

Der Autor Peter Balakian wurde 1951 als Sohn von armenischen Einwanderern in New Jersey USA geboren. Wie viele Amerikaner erlebte er eine unbeschwerte Kindheit in einer typischen, wachsenden Vorstadt der Sechzigerjahre. Seine gebildeten Eltern wollten den amerikanischen Traum leben und deshalb nicht aus dem gesellschaftlichen Rahmen fallen. Nur das Zuhause war etwas anders, denn hier kümmerte sich seine Grossmutter rührend um ihn und sprach zwischendurch liebevoll in armenischer Sprache. Das rührte ihn zwar irgendwie an, blieb ihm aber auch zutiefst fremd und unerklärlich. Manchmal, in vertrauten Momenten beim gemeinsamen Kochen und Backen, begann sie einfach zu erzählen und sagte: „Es war einmal oder war nicht, vor langer Zeit.“ Worte waren für die Grossmutter wie Freunde, die ihr in schlechten Zeiten Gesellschaft leisteten (Seiten 21 und 22).

Nach seinen Schuljahren ging Balakian an die Universität, studierte im unruhigen Nachgang von 1968 Literatur und begann zu schreiben. Erst als Erwachsener und nach dem Tod seiner Grossmutter kam er ihrem streng gehüteten und eingeschlossenen Geheimnis auf die Spur: Denn sie überlebte 1915 als eine der wenigen den Völkermord der Türken an den Armeniern. Doch davon erzählte sie ihm nie, denn sie konnte nicht über den „aghet“, die grausame und traumatische Verwüstung, reden.
Peter Balakian begann, sich für seine Herkunft zu interessieren und entdeckte in alten Dokumenten die unsägliche Leidensgeschichte seines armenischen Volkes, die im Genozid von 1915 endete. Das armenische Volk wurde damals von den Jüngtürken und ihren Helfershelfer aus seiner alten Heimat vertrieben. Die Männer wurden gefangen genommen, meist schnell hingerichtet oder ausserhalb der Dörfer und Städte systematisch ermordet. Frauen und Kinder wurden schutzlos in Richtung syrischer Wüste geschickt, sie wurden aber unterwegs ausgeraubt und vergewaltigt, und viele starben wegen diesen Strapazen und Entbehrungen. Nur wenige erreichten das sinnlose Ziel, Balakians Grossmutter war eine davon.
Auch ein Verwandter, Bischof Krikoris Balakian (1873-1934), konnte aus einem Gefangenenlager fliehen und schrieb später das Buch „Armenisches Golgatha“, das aber erst 1977 neu aufgelegt wurde.

Peter Balakian beschreibt die Ereignisse von damals ausführlich, verständlich und konkret, so dass einem zwischendurch fast der Atem stockt. Er zeichnet die Geschichte seiner Familie nach, interpretiert aber auch deren Schweigen und die Leugnung durch viele Türken und deren Einflussnahme auf Geschichtsschreibung und internationale Politik. Auf Seite 267 schreibt er treffend: „Und nach 1923 kümmerte sich niemand mehr um Armenien. Für die Armenier war es eine Pille, zu bitter, als dass sie sich hätte schlucken lassen, ein Schmerz, zu stark, als dass er sich hätte fühlen lassen.
Einer der Hauptgründe, weshalb es sich lohnt, dieses erschütternde Werk zu lesen, ist Balakians Umgang mit Erinnerungen und seine Beschreibungen der traumatischen Erfahrungen und dem Schweigen der Grossmutter. Er nennt diesen Vorgang „die steinerne Tür zu ihrer eigenen Vergangenheit schliessen“ (Seite 366). Judith Herman, die sich intensiv mit Trauma und Genesung auseinandergesetzt hatte, prägte den Satz: „Die bestimmende Reaktion auf Gräueltaten besteht darin, sie aus dem Bewusstsein zu verbannen. Das ist die Bedeutung des Wortes „unsäglich““. Auf Völkermord können Direktbetroffene eigentlich nur mit Betäubung reagieren, das tat Balakians Grossmutter mehr als zwei Jahrzehnte lang, was sich gegen aussen in Schweigen manifestierte. Nur zwischendurch tauten ihre eingefrorenen Emotionen bei ihrem Enkel ein wenig auf. Aber Peter Balakian ist mit diesem Buch zum respektvollen und würdigen Sprachrohr seiner schweigenden Grossmutter geworden! Ein wirklich informatives Buch über Armenien, Anatolien und Amerika, aber auch über Ahnenforschung, Achtundsechzig und Achtsamkeit.

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Montag, Oktober 12, 2009

Erziehung: Warum sie so schwierig und trotzdem so wichtig ist



Als direkt und indirekt Betroffener, durch jahrelange Beobachtungen, Gespräche und die Internetseite www.elternkompetenz.de bin ich angeregt worden, Gedanken zu Erziehung heute aufzuschreiben:

Wir leben in bewegten Zeiten, kaum je hatte eine Gesellschaft so viele materielle und technische Möglichkeiten wie die unsere. Die daraus entstandene „Multioptionsgesellschaft“ mit Informationsflut und Hektik prägt sowohl uns Eltern, als auch unsere Kinder, Schule, Beruf, Kirchen und Freizeit. Wir können uns dieser Atmosphäre, diesem „Sog“ nicht ganz entziehen, trotzdem sollten wir den Zeitgeist kritisch betrachten und nicht einfach übernehmen. Sind wir noch in der Lage, unsere Zeit nüchtern und klar wahrzunehmen, um dann sinnvoll agieren, angemessen reagieren und auch Gegensteuer geben zu können? Nach meinem Verständnis trifft für die Gegenwart viel vom Gleichnis des Säemanns zu, der unter die Dornen säte: „Der in die Dornen Gesäte, das ist der, der das Wort hört, aber weltliche Sorgen und der Trug des Reichtums ersticken das Wort, und es bringt keine Frucht.“ (Mt 13,22).

Wir leben heute im Westen in einer Welt des materiellen Wohlstands, einer Welt des „Zuviels“, die uns bestimmen will und ersticken lässt: zu viel Optionen, zu viel Informationen, zu viel Tempo, zu viel Zeitdruck und zu viel ungesunder Stress. Zu häufig sind uns Auswirkungen und die daraus folgenden Mängel wenig bewusst:
· zu wenig zweckfreie Zeit
· zu wenig wirkliche Musse
· zu wenig zwecklose Beziehung
· zu wenig ungestörte Zuwendung
· letztlich einfach zu wenig echte Liebe

Gute Lösungen für dieses Dilemmas sind nicht leicht zu finden. Denn zurück zu den „guten alten Zeiten“ können wir nicht, zudem waren sie auch nicht nur gut! Die erfahrene eigene Erziehung kann nicht kopiert werden, da andere Zeiten und neue Herausforderungen für unsere Kinder vorhanden sind, beispielsweise der Umgang mit Internet und Handy.
Aus Gründen wie Narzissmus, Unübersichtlichkeit, Beanspruchung in Berufsalltag und aus Ueberforderung besteht die Tendenz, vieles laufen zu lassen. Statt Liebe und Zeit gibt es dann eher Geld, Gameboy und Gelati. "Kinder, die alles dürfen, sind eher die unglücklicheren Kinder", meint die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Annette Kast-Zahn. Auch sind sie häufig sich selbst überlassen und verunsichert und es fehlt ihnen an:
· ruhiger Zuwendung und Auseinandersetzung
· gegenseitigem Verstehen
· geduldigem Suche nach Ursachen, wenn es Probleme gibt
· Anstrengungsbereitschaft, und zwar von Vater und Mutter

Im Zeitalter des Ueberflusses ist vermehrt Grenzen setzen angesagt. Der Familien- und Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge, Autor des Bestsellers "Kinder brauchen Grenzen" betont, dass junge Menschen ein Recht auf "begleitende Autorität" haben. Nur wer ihnen Grenzen setze, bringe ihnen bei, dass Konflikte zum Leben gehören. Diskussion und klare Argumente in der Familie bekommen Kindern besser als Harmonie und Nachgiebigkeit. Eltern sollen Sparringpartner, auch mal wie eine Mauer sein, gegen die die Kinder anrennen können und dürfen! Aus Angst vor der seelischen Zerbrechlichkeit und Schäden erdulden Eltern Demütigungen und Beleidigungen ihrer Kinder. Die Folge ist, dass Kinder ihre Eltern nicht (mehr) wirklich ernst nehmen. Holger Wyrwa, ein anderer Erziehungswissenschaftler meint dazu: "Kinder, die nicht die Erfahrung machen, dass ihrem Verhalten Grenzen gesetzt sind, wachsen mit einem unrealistischen Bewusstsein auf und halten sich für Riesen, wo sie nur Zwerge sind. Entmachten Sie die kleinen Tyrannen zu ihrem eigenen Besten."

Durch "produktiven Widerstand" gibt man Kindern Orientierung in einer Welt, die wenig Verlässichkeit und Stabilität kennt. Konkret heisst das liebevoll und dem Kind zugewandt zu sein, aber entschieden dort, wo festzulegen ist, was geht und was nicht. Kinder brauchen verbindliche und konsequente Eltern, nur so können diese in einer unübersichtlichen Kinderwelt Strukturen herstellen, die dann Halt und Sicherheit geben. Verabredungen mit Kindern sind einzuhalten, familiäre Regeln durchzusetzen und Wünsche sind zu begrenzen, vor allem die, die ständig auf Kosten anderer gehen. Ebenso sind Aufsässigkeit, Tyrannei und Aggressivität sinnvoll zu sanktionieren. Solche Sanktionen sind immer auf das Fehlverhalten zu beziehen, beispielsweise wird absichtliche Verschmutzung mit Entfernen derselben Verschmutzung geahndet.

Das Internet, eine virtuelle Welt ohne Grenzen, ist bald in jeder Familie und Schule verfügbar. Seine Inhalte sind aber unkontrollierbar und jederzeit abrufbar. Es beeinflusst und verändert seine Nutzer und Konsumenten, gerade auch Kinder und Jugendliche! Positiv zu vermerken ist, dass auch Intelligenz, Kreativität und Selbstbewusstsein trainiert werden können. Kinder benötigen aber in der unübersichtlichen multimedialen Welt mehr Orientierung. Dazu gehören auch zeitliche Begrenzungen und altersgemässe Kontrolle. Eltern müssen sich gegen die Macht der Medien behaupten und durchsetzen können, obwohl ihre Kinder eher digitale Kenner und Experten sind. Angemessener Dialog, andauernder Gesprächsfaden und gut ausgeübte Autorität sind auch hier besonders gefragt.

Einige Fragen zum Schluss:
· Wo bin ich als Erziehender gefordert, von Gott und andern Menschen erzogen und geformt zu werden?
. Wo können Eltern Grenzsetzung lernen, die nicht auf Liebesentzug hinausläuft?
· Wie setzt man Regeln, ohne aggressiv zu werden?
· Wie vermeiden Eltern, zum Kumpel der Kinder zu werden?

Vermehrt bräuchten Eltern - gerade auch Akademiker - Training, weil sie mit der anspruchsvollen und kräfteraubenden Erziehungsaufgabe stark gefordert und teilweise überfordert werden.
Aus Australien kommt das Erziehungstraining "Triple P", bei dem die drei "P" für Positive Parenting Program stehen. Es macht Ernst mit dem Gedanken der pädagogischen Prävention. In einer grösseren deutschen Stadt soll es künftig flächendeckend durchgezogen werden.
Andere Pädagogen rufen nach Fortbildungskursen, die am Beginn jeder neuen Lebensphase der Kinder stehen sollten: wenn sie in den Kindergarten kommen, beim Schulanfang, vor der Pubertät.
Oder sollte man darüber nachdenken, dass nur Kindergeld bekommt, wer regelmäßig Elternkurse absolviert und so seinen Erziehungswillen bekundet?

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Samstag, August 15, 2009

Josef, eine Geschichte über Macht, Ohnmacht und Vollmacht


Josefs Geschichte in Genesis 37-50 ist ein grosses Beispiel, ein Prototyp ungeschminkter menschlicher Machenschaften. Es geht um Bedeutung und Ehre, die die Menschen suchen, aber noch mehr um Eifersucht, Neid, Demütigung, Unterdrückung, Machtmissbrauch, die Scham, Schande und Ohnmacht bewirken. Erst gegen Ende der Geschichte gibt es auch gute Machtausübung, Vollmacht, die Gott schenkt.
Auffallend finde ich generell, dass in der Bibel die Menschen so beschrieben werden, nämlich schön, gütig, gewalttätig und brutal, so wie sie eben sind und nicht so wie sie sein sollten! Es wird ein realistisches und nicht ein idealistisches Bild gezeichnet. So können wir uns heute in diesen Geschichten wiederfinden und daraus lernen.
Bis Josef in Aegypten landet, gibt es keine Erwähnung Gottes, es scheint sich um eine rein menschliche, familiäre Tragödie zu handeln, die geprägt ist von Missgunst, Intrigen und Gewalt ohne Gott! Kennen wir das, kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor, gerade auch heute?
Doch mir scheint, dass Gott wie eine unsichtbare Person da ist und dieses schwere Schicksal machtvoll lenkt. Man kann es vergleichen mit einem Film, bei dem der Regisseur eigentlich nie auftaucht. Josef selbst sagt am Schluss, dass Elohim Böses zum Guten gewendet/umgeplant hat (Gen 50,20).
Die Geschichte Josefs begann eigentlich ganz normal. Von Jakob, seinem Vater, war die Rede. Josefs junges Alter, siebzehn Jahre, und seine Arbeit, Kleinviehhirte, werden angegeben. Doch seine Stellung beim Vater und also in der Familie war eine Besondere: Er war der Liebling seines Vaters, denn er war der erste Sohn seiner Lieblingsfrau Rachel. Vielleicht sollte er gar der Erstgeborene und Haupterbe werden und an die Stelle Rubens treten, weil dieser moralisch versagt hatte, indem er mit einer Sklavenfrau seines Vater geschlafen hatte. Der Leibrock, das Aermelkleid, deuten jedenfalls daraufhin, denn es war zur damaligen Zeit etwas Aussergewöhnliches, das nur direkten Söhnen zustand. Alle übrigen trugen sackartige, grobe Gewänder. Kleider und Schuhe haben in der Bibel häufig auch eine zeichenhafte Bedeutung.
Die Bevorzugung Josefs bewirkte bei seinen Brüdern und Halbbrüdern Hass und Schweigen. Seine Träume können verschieden gesehen werden: als Profetie Gottes und oder als Einbildung und Ueberschätzung; der Text selber spricht nur über die Wirkung: Der Hass der Brüder wurde stärker, der Vater wies ihn zurecht, aber bewahrte die Träume. Hatte er eine Ahnung, dass es eine Profetie war?
In Josefs Geschichte gab es einen Abstieg, eine Abwärtsspirale: Auf Hass folgte Schweigen, dann stärkerer Hass, dann Eifersucht, dann Mordabsicht, dann Wurf in die Tiefe (Zisterne) und schlussendlich Verkauf: Josef musste verschwinden, aus dem Weg geräumt werden! Die Brüder nahmen ihm die Kleider weg, das war etwas vom schlimmsten, was man einem Menschen antun konnte, denn dadurch wurde er ganz entehrt und beschämt! Josef kam nur knapp mit dem Leben davon und landete in der Sklaverei Aegyptens. Stellen wir uns vor, er musste ein tiefes Ausgeliefertsein, eine Ohnmacht erlebt haben wie keiner von uns: Weg von Zuhause, abgeschnitten von Familie, Ansehen, Bedeutung und Ehre! Keine Rechte würden wir sagen heute. Was hat ihn am Leben erhalten, was gab ihm Kraft, was bewahrte ihn vor innerer Gebrochenheit und Lebensaufgabe? Wenn man vom Schluss her denkt, ist es sicher Gott, der über allem steht, der die Macht hat und alles seinem Ziel entgegenführt. Er verleiht allem Geschehen Sinn. Josef konnte dies erhoffen, aber erst nach seiner Einsetzung als Wesir erkennen, dass seine schlimme Vergangenheit Sinn machte.
In Aegypten hatte er zuerst „Glück“, weil seine Fähigkeiten belohnt wurden, und es ging wieder aufwärts. Dann aber brach erneut das Unglück über ihn herein: Die Frau Potifars begehrte ihn, wollte ihn verführen und für ihre Zwecke missbrauchen und von ihr abhängig machen. Er lehnte in Bezug auf Elohim ab. Diese Kränkung münzte sie in eine Verleumdung um: So konnte sie sich elegant aus der Affäre ziehen und Josef war „erledigt“ und landete im Gefängnis, also erneut ganz unten.
Dort ganz unten tauchte erstmals Jahwe, der Herr, auf (39,2 und 21): Er war mit Josef und neigte ihm Huld zu. Das ist Gnade, ein unverbrüchlicher Bund, ein unsichtbares Band, das nie zerreissen kann. Die Folge war Ansehen und Gunst beim Potifar und später beim Gefängnisaufseher.
Am Schluss von Kapitel 40 wird die letzte Ohnmacht erwähnt, die Josef zwei Jahre lang aushalten musste: Der Hofbeamte und Mitgefangene, der das Gefängnis verlassen konnte, vergass ihn einfach!
Insgesamt erlebte Josef über dreizehn Jahre hinweg Enttäuschungen, Ungerechtigkeiten, Unterdrückung und Machtmissbrauch. Er musste Aengste und Demütigungen durchstehen:
zuerst Verachtung, Verlust, Verkauf und Versklavung,
dann: Verführung und Verleumdung,
und schlussendlich Vergessenheit.

Erst dann erfolgte der Aufstieg aus der Tiefe:
- Der Obermundschenk erinnert sich an Josef und bekennt sein Vergessen vor dem Pharao (41,9)
- Der Pharao liess Josef rufen (41,14)
- Der Pharao setzte Josef über Aegypten ein (41,41)
- Josef erhielt einen Siegelring, wertvolle Byssusgewänder, eine goldene Kette und einen Wagen. Das sind ähnliche, sogar grössere Zeichen, die er Zuhause verloren hatte: Zeichen der Ehre und Macht; siehe auch Gleichnis vom verlorenen Sohn!
- Josef erhielt den Auftrag, Aegypten zu regieren und zu versorgen, zu sorgen, dass alle Menschen am Leben bleiben
- Josef bekam eine Frau, die ihm zwei Söhne gebar. Er erhielt eine neue, eigene Familie.

Hier können wir viel lernen, was Vollmacht bedeutet: es ist gegebene Macht von Gott, die er Menschen schenkt, die auf ihn hören, ihm vertrauen und auch warten und aushalten können. Es ist nie erarbeitete, verdiente oder erzwungene Stärke.
Vollmacht ist immer mit einem Auftrag, mit Aufgaben und auch mit Rechenschaft verbunden gegenüber Gott, oft auch gegenüber Menschen. Vollmacht dient der Lebenserhaltung und Lebensförderung in einem umfassenden Sinn. Vollmächtige Personen schaffen anderen Menschen Raum, damit diese leben und sich entfalten können.
Werden auch wir in unseren Familien, in unserem Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in der Schule, in der Firma, in der Gesellschaft zu solchen Lebensförderern!

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Lukas 15 ist das Evangelium im Evangelium

Das Lukasevangelium zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschwerdung Gottes in Jesus sehr eindrücklich beschrieben wird. Gott wirkt durch seinen Geist an, in und mit den Menschen, gerade an Frauen, die damals nicht viel zählten. Menschliche Erfahrungen und Empfindungen wie Schwangerschaft und Geburt, Barmherzigkeit und Freude werden intensiv und detailliert beschrieben (siehe Kapitel 1).
Die Gleichnisse, die Lukas aufgezeichnet hat, zeigen vor allem das Wesen Gottes: Er ist ein barmherziger Vater, der das oder den Verlorenen sucht! Er sehnt sich danach, dass alle Menschen bei ihm ganz Zuhause sein können mit ihrem unterschiedlichen Erleben und Empfinden.
Gleichnisse waren die übliche Erzählform von damals. Sie haben aramäische Sprache und ländliche Lebensweise in Galiläa als Ausgangslage und Hintergrund. Es sind ausgebaute Vergleiche, bei denen eine Geschichte oder ein Bild für die eigentliche Sache, die geistliche oder himmlische Wahrheit steht. Gleichnisse sind an drei verschiedene Adressaten gerichtet: an die Jünger, an das Volk oder an die Pharisäer. Das Beachten der Adressaten ist wichtig, damit wir nicht falsche Schlüsse ziehen.
Gleichnisse sind zudem sprachliche Waffen, denn das Gegenüber kann schockiert und zur sofortigen Reaktion herausgefordert werden (frei nach Joachim Jeremias).
Gleichnisse sind auch ein Weg, um zu Menschen in "Trance", im Sinne von Verblendung, Fixiertheit und Verstockung zu sprechen; Menschen, die eigentlich sehen und hören können, es aber trotzdem nicht tun (nach Clarence Thomson).
Noch etwas zu den Titeln/Ueberschriften der Gleichnisse: Es sind immer menschliche Zusätze, die eine bestimmte, oft eine einseitige Sichtweise wiedergeben. Ueblich ist „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (Zürcher Bibel). Das finde ich etwas verkürzt, da eigentlich beide Söhne verloren waren. Und in der Hauptaussage geht es vermutlich noch mehr um den Vater! Einige Beispiele: - Der Vater und seine zwei Söhne (Gute Nachricht)- Verloren und wiedergefunden (Neue Genfer Uebers.)- Heimkehr der Verlorenen (Uebertrag. von Jörg Zink)- Der wartende Vater (Floyd McClung)- Das Gleichnis von der Liebe des Vaters (H. Nouwen)- Gott bietet sich als guter Vater an (Urs Scherrer) Ueberlegen Sie sich, wie Sie dieses Gleichnis benennen würden? Das sagt viel über Ihre Gottesbeziehung und Selbsteinschätzung aus!

Jedes Gleichnis hat eine oder mehrere "Pointen", einen springenden Punkt. Klaus Berger, der deutsche Theologe schreibt in seinem Buch "Jesus" auf Seite 238 dazu: Das Gleichnis (vom verlorenen Groschen in Lukas 15,8-10) handelt aber von Gott. Im Bild dieser Frau steht seine närrische Suche im Zentrum, seine, Gottes wahnsinnige Freude. Denn er, der Herr der Welten, ist auf der Suche nach jedem verlorenen kleinen Menschen. Er kehrt das Haus um, auf dass er den Letzten finden kann. Die normale Weltordnung ist hier verkehrt worden: Nicht wir müssen Gott suchen, den mächtigen und barmherzigen, sondern er sucht uns. Verzweifelt fast, um jeden Preis. Und wer sein Haus umkehrt, um einen Groschen zu suchen, der tut es auf Knien. Nicht wir knien hier, sondern Jesus schildert hier Gott auf Knien. Ein merkwürdiger Gott – versteht der denn gar nichts von Würde?

Im Gleichnis vom Vater und seinen Söhnen sehe ich drei zentrale Pointen:

1. Der Vater geht auf die Unverschämtheit des jüngeren Sohnes ein und lässt ihn ziehen: „Vater, gib mir den (mir) zukommenden Teil der Habe!“ Im Klartext von damals heisst das: Vater, ich möchte, dass du bereits tot wärest, damit ich mein Erbe erhalte. Eine solche Aussage war empörend, denn alle hatten Ehrfurcht vor alten Menschen und ihrem Vater, der bis an sein Lebensende über seine Familie zu bestimmen hatte. „Er aber teilte ihnen das Vermögen zu.“ Auch das war nicht denkbar damals, dass ein Vater vor seinem Ableben seinen Besitz verteilt hätte. Doch hier tut er es, er hält nicht an seiner Ehre, seinen Vorrechten fest, er lässt sich demütigen und erniedrigt sich selbst!

2. Der Vater empfindet Erbarmen für seinen heruntergekommenen Sohn und geht ihm entgegen: „Aber er war noch weit entfernt, (da) sah ihn sein Vater und empfand Erbarmen und (kam) gelaufen. Er fiel um seinen Hals und küsste ihn.“ Nachdem der Vater den unmöglichen Wünschen seines Sohnes nachgekommen war, waren keine Vorwürfe, kein Groll, keine Rache in seinem Herzen, sondern Sehnsucht nach dem Sohn. Dieser Sohn gehört trotz allem zu mir, ich habe ihn lieb! Die Vaterliebe ist stärker als Recht und unsere Vorstellung von Gerechtigkeit. Er hält Ausschau nach seinem Sohn. Als er ihn sieht, empfindet er Erbarmen oder Mitleid. Deshalb geht er ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsste ihn. Er setzt ihn wieder ein als Sohn mit allen Zeichen, die damals dazugehörten: das schönstes Kleid, ein Ring und Sandalen. Und dann wird ein fröhliches Festmahl gefeiert!

3. Der Vater geht auch zum älteren Sohn und bittet ihn: Es gibt zwei verlorene Söhne in diesem Gleichnis. Der Vater kümmert sich um beide, er möchte beide fröhlich und glücklich bei sich haben. Hier kommen wieder die Adressaten, die Pharisäer, ins Spiel, denn sie benehmen sich wie dieser ältere Sohn: „(Es) näherten sich ihm alle Zöllner und Sünder, (um) ihn zu hören. Sowohl die Pharisäer als auch die Schriftgelehrten murrten (und) sagten: Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen.“ Das gilt auch für uns: Egal ob du ein Sünder oder ein Frommer bist, Gott möchte dich lieben und in seiner Nähe haben. Sowohl Sünde als auch Frömmigkeit, Gesetzlichkeit und Rechtschaffenheit und die daraus entstehende Ueberheblichkeit trennen uns von Gott. Gott möchte, dass auch die Frommen ihre Verblendung einsehen und sich wie der Zöllner in Lk 18,13 benehmen: Aber der Zöllner stand von ferne (und) wollte nicht einmal die Augen aufheben zum Himmel, sondern schlug (an) seine Brust (und) sagte: O Gott, sei mir Sünder gnädig!

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Mittwoch, Juni 10, 2009

Resilienz


Ein neuer Begriff macht die Runde: „Resilienz“. Dieser war ursprünglich in der Technik gebräuchlich und bedeutet Flexibilität und Elastizität. Beim Menschen wird er verwendet für psychische Widerstandskraft ohne zu verhärten gemäss Dr. Samuel Pfeifer in der Zeitschrift „diakonie“ 04.2008.
Bereits vor über zwanzig Jahren ging der israelische Soziologe Dr. Aaron Antonovsky der Frage nach, was Menschen gesund hält (und nicht was sie krank macht) und begründete damit die „Salutogenese“. Er stellte in Forschungen fest, dass erstaunlich viele Frauen, die den Holocaust überlebt hatten, auch die Menopause gut meisterten. Diesen Zusammenhang nannte er „Kohärenz“, genauer ist es:

· die Fähigkeit, Zusammenhänge des Lebens zu verstehen

· die Ueberzeugung, das eigene Leben gestalten zu können und

· der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat.

Er hat 1987 zehn Faktoren bestimmt, die Menschen in schwierigen Lebensumständen schützen und ihnen zu Widerstandskraft verhelfen:

1. Stabile emotionale Beziehung zu einem Elternteil oder Bezugsperson

2. Soziale Unterstützung innerhalb und ausserhalb der Familie (Nachbarn, Lehrer oder Gleichaltrige)

3. Emotional warmes, offenes, strukturierendes und Norm orientiertes Erziehungsklima

4. Soziale Modelle, die zu konstruktiver Lebensbewältigung ermutigen (Elternhaus, Schule, Kirchgemeinde, Jugendgruppe, etc.)

5. Soziale Verantwortlichkeit (z.B. Sorge für Verwandte oder Freunde) und Leistungsanforderungen (z.B. Pflichten in Familie, Schule oder Arbeitsplatz)

6. Kognitive Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, durchschnittliche Intelligenz und realistische Zukunftsplanung

7. Temperamentseigenschaften, die effektive Problembewältigung begünstigen wie Flexibilität, Annäherungsverhalten und Impulskontrolle

8. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Ueberzeugungen, Selbstvertrauen und positives Selbstbild

9. Aktive Lösungssuche bei Problemen

10. Glaube: Erfahrung von Sinn, Struktur und Bedeutung in der eigenen Entwicklung


“Resilienz bedeutet, den Glauben nicht aufzugeben –
trotz unerfüllter Wünsche und offener Fragen an Gott.
Resilienz bedeutet, die Liebe nicht aufzugeben –
trotz erfahrener Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit.
Resilienz bedeutet, die Hoffnung nicht aufzugeben –
trotz schier unüberwindbarer Hindernisse und Widerstände.
Resilienz brauchen wir alle.“ Dr. Samuel Pfeifer

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Sonntag, Oktober 22, 2006

Eine berührende Geschichte von Parker Palmer

Ein dreijähriges Mädchen war die Erstgeborene und das einzige Kind in ihrer Familie. Doch nun wurde ihre Mutter erneut schwanger, und das Mädchen war sehr aufgeregt, weil sie einen neuen Bruder oder eine neue Schwester bekommen sollte. Wenige Stunden, nachdem die Eltern mit dem neugeborenen Jungen aus der Klinik nach Hause kamen, hatte das
Mädchen eine Bitte: Sie wollte allein mit ihrem neuen Bruder in dessen Zimmer sein, bei
geschlossener Tür. Sie bestand darauf, dass sie allein mit ihm und die Tür geschlossen sein müsse, was zunächst ein wenig Unbehagen bei den Eltern verursachte. Dann fiel ihnen ein, dass sie in der Erwartung des Babys eine Gegensprechanlage installiert hatten. Also dachten sie, sie könnten der Bitte ihrer Tochter ruhig nachkommen, und bei der leisesten Andeutung, dass etwas Seltsames geschehe, wären sie im nächsten Augenblick im Zimmer. Sie liessen also das kleine Mädchen in das Zimmer des Babys, schlossen die Tür und eilten zur Gegensprechanlage. Sie konnten die Schritte ihrer Tochter durch das Zimmer hören, stellten sich vor, wie sie über die Wiege gebeugt stand, und dann hörten sie, wie sie zu ihrem drei Tage alten Bruder sagte: „Erzähle mir von Gott – ich kann mich kaum erinnern.

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Donnerstag, September 21, 2006

Zählen tut, was man nicht rechnen kann!

In der letzten Zeit stosse ich immer wieder auf Stimmen und Texte, die mich darauf hinweisen, dass unsere westliche und hyperkapitalistische Gesellschaft fehlgeleitet worden ist. "Geld" ist eigentlich nur ein banales und vereinfachendes Medium zum Tauschen von Waren und Dienstleistungen. Doch es ist zum bestimmenden Faktor unserer Gesellschaft geworden: Was bringt dies? Was kostet es? Rechnet sich das?
Zählen tut aber letztlich nur, was man nicht unbedingt sehen und berechnen kann: nämlich LIEBE! Liebe kann man nicht einfordern, kaufen, verkaufen und anhäufen. Liebe geschieht und ereignet sich. Liebe geht letztlich auf Gott zurück, der von sich sagt: ICH BIN DIE LIEBE! Und diese Liebe schenkt das Leben und alle wichtigen "Dinge" im Leben: Eltern, Geschwister, Bezugspersonen, Beziehungen, Freunde, Partner etc.
Wenn man schon immer über Kapital sprechen will und muss, sollte vielmehr über Sozialkapital gesprochen werden. Das sind Werte, von denen sehr viel abhängig ist, die man schnell beschädigen und zerstören, aber nicht auf Befehl aufbauen kann. Das sollte jeder Verantwortliche bedenken , da auch ihm alles Wesentliche geschenkt worden ist und wird!

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Samstag, September 16, 2006

Informationsarbeit

Kapitel 4: Die neuen Spielregeln im Management (Seite 245-272)
Künftig überleben nur jene Firmen am Markt, in denen Menschen produktiver mit Informationen umgehen
Seite 252: „Qualitativ hochwertige Informationsarbeit dagegen braucht viel Zeit, bringt aber dann auch mehr, als die investierte Zeit kostet. Diese Zeit nehmen wir uns aber nicht, weil sie als vertane Arbeitszeit gilt. Wir sollten daher die Wochenarbeitszeit erhöhen – und mit mehr Kollegengesprächen und Pausen füllen. Reflexion und Innehalten muss zur Arbeitszeit gehören.“
Seite 260: „Zu viele und zu grosse Konflikte nehmen zwar die Sicherheit, die für jede Art des Zusammenlebens notwendig ist. Arbeit braucht ein Mindestmass an Stabilität. Werden Konflikte aber nur als Störung empfunden, dann fehlt die Chance einer Weiterentwicklung, die in jedem Konflikt steckt. Wer nicht anfängt, sich um eine redliche Streitkultur zu kümmern, der wird vom Markt verschwinden. Denn nur wer eine innerbetriebliche Meinungsvielfalt ermöglicht, wird das gesamte Organisationswissen und die unterschiedlichen Sichtweisen für das Ueberleben des Betriebs nutzen. Im Christentum hat das – entgegen mancher heutiger, fundamentalistischer Auslegung – eine lange praxiserprobte Tradition: „In alten Orden wurden und werden wichtige Entscheidungen immer unter Beteiligung aller gefällt – im Rat der Brüder, dem Konvent-Kapitel, der gewissermassen wie ein Aufsichtsrat funktioniert“, erklärt Benediktinerpater Josef Kastner vom Kloster Ettal die Benediktinerregel.
Seite 266: Die Menschen sind keine Rädchen mehr in Organisationsmaschinen, sondern – im günstigen Fall – mehrfachqualifiziert, mobil, mitgestaltend und menschlich.
Die Mitarbeiter sind besser informiert und kompetenter, die fachliche Weisungsbefugnis der Manager hat an Bedeutung verloren. Teams übernehmen Verantwortung auf allen Ebenen von der Produktion bis zum Marketing. Der Informationsfluss läuft nicht ständig über den Chefschreibtisch, sondern direkt. Führung heisst nun, den Informationsfluss zu moderieren, die informationelle Wertschöpfung zu koordinieren, Sinn zu stiften, Neugier und Fantasie, Ziele und Visionen für die Gruppe zu vitalisieren, die Geister zu motivieren du nicht konsensfähige Fälle zu entscheiden. Doch diese nötigen, flacheren Strukturen funktionieren noch nicht richtig, weil sich die Menschen nicht so schnell ändern wie die formalen Organisationsstrukturen.
Seite 268: Im sechsten Kondratieff (d. h. im zukünftigen Aufschwung) ist es genau umgekehrt: Je höher die Position, umso entscheidender wird das Beziehungs-Management.
· Wir brauchen mehr Reflexion und Ruhe für kreative und produktive Informationsarbeit
· Wir spüren Konflikte auf und lösen sie
· Nicht der „Chef“, sondern die Wirklichkeit führt
· Wir investieren in die Gesundheit der Mitarbeiter (genügend Bewegung/Fitness und gesunde Ernährung)
· Wir entwickeln Gesundheitsprodukte

Kapitel 5: Was wir uns künftig ersparen könnten (Seite 273-294)
Die grössten Produktivitätsreserven liegen in der Ueberwindung destruktiver Verhaltensweisen
Seite 273: „Es sind die wachsenden Innenweltprobleme, die die Aussenweltprobleme verursachen (sinngemäss nach Hans Millendorfer)“
Seite 284: „Es gibt kein eigenes Glück. Zum Glück gehören immer auch die anderen und die eigene Umwelt.“
Seite 288: „Längst ist die überzogene Orientierung am Eigennutz für die Wirtschaft der Informationsgesellschaft zum grössten innerbetrieblichen Wachstumshemmnis geworden...“
· Familienarbeit und Kindererziehung aufwerten
· Fragwürdige öffentliche Wertevermittlung (Materialismus, Oekonomisierung) kritisch filtern und entgegentreten
· Positive Entwicklungen fördern, stärken und unterstützen

Kapitel 6: Der Weg aus der Zahlungsunfähigkeit (Seite 295-338)
Wie Gesundheits-Innovationen und gesunderhaltende Strukturen zum Wachstumsmotor werden
· Gesundheitssystem völlig reorganisieren: Krankenkassen zahlen (mehr) für Gesundheitserhaltung und Patienten beteiligen sich (höher) im Krankheitsfall
· Höhere Gesundheitsausgaben für Gesunderhaltung führen zu niedrigeren Lohnkosten und zu längerer, produktiverer Lebensarbeitszeit
· Marktdynamik zwischen Anbietern im Krankheitswesen verstärken
· Investition in neue Produkte und Dienstleistungen zur Gesunderhaltung
· Private Ausgaben für Gesunderhaltung steuerlich absetzbar machen
· Gesundheitssysteme öffnen für private Zuzahlung bei neuen, teuren medizinischen Verfahren, die die Krankenkassen nicht finanzieren (können)

Kapitel 7: Börsenausblick (Seite 339-352)
Immaterielle Faktoren entscheiden, welche Aktien künftig Gewinn abwerfen
· Geschäftsleitungen dürfen nicht mehr primär nach der Rendite beurteilt werden
· Sozialbilanz wird Teil der Gesamtbewertung (eines Unternehmens)
· Investitionen in Menschen (Bildung, Gesundheit, Beziehungen)

Kapitel 8: Wissen für die Zukunft (Seite 353-378)
Wie wir lernen, effizient mit Informationen umzugehen

Kapitel 9: Chancen und Perspektiven (Seite 379-421)
Welche Regionen der Welt in den nächsten 20 Jahren prosperieren werden
Seite 381: „Was in Zukunft zählt, ist Sozialkapital: Dazu gehören eine legitime Regierung, ein funktionierendes Rechts- und Sozialsystem, Vereine und Initiativen, Nachbarschaftshilfen, Familienqualität.“
Seite 383: „Je stärker der Einfluss der Religion auf das Denken der Menschen, desto weniger staatlicher Zwang ist nötig, um in einer Gesellschaft ein erwünschtes soziales Verhalten herbeizuführen... Mit ihrer Transzendenz produziert Religion Vertrauen effizienter als der Staat: Geschäftsleute, die nicht ständig Angst haben müssen, über den Tisch gezogen zu werden, brauchen nicht jede Unwägbarkeit absichern. Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern vertrauen, müssen nicht jeden Arbeitsschritt überwachen. Der Markt kann ohne ethische Elemente nicht funktionieren.“

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