Sonntag, Juni 24, 2018

David Platt: Keine Kompromisse - Radical

Zum Autor: David Platt studierte Journalismus, Theologie und Philosophie. Das New Orleans Baptist Theological Seminary verlieh ihm einen Doktortitel in Philosophie. Er war baptistischer Pastor in Brook Hills, einer grossen Gemeinde in Birmingham in Alabama. Er ist als Bibelausleger weltweit tätig. Seit 2014 ist er Präsident der Southern Baptist International Mission Board (IMB). Er ist verheiratet mit Heather, sie haben vier Kinder und wohnen in Richmond, Virginia. Zum Buch: Es ist unscheinbar grün mit weissen Buchstaben gestaltet und heisst Keine Kompromisse. Jesus nachfolgen – um jeden Preis, einen für mich etwas unglücklich gewählten deutschen Titel. In Englisch heisst es passender Radical und war sogar auf der Bestsellerliste der New York Times. Nach dem Lesen des Buches würde ich es positiv Jesus nachfolgen um einen lohnenden Preis nennen. Denn David Platt versteht es, Wesentliches der Jesusnachfolge aufzuzeigen und dies in Kontrast zum heutigen westlichen Lebensstil und Kontext zu stellen. Darin zeigt er geistliche Leidenschaft, Klarheit, Unterscheidungsvermögen und Unbeirrbarkeit. Einige Lebensgewohnheiten der amerikanischen Evangelikalen stellt er radikal in Frage, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch viele europäische Christen sich genauso von Jesus, seinem Ruf und seinen Massstäben entfernt haben, ohne es wahrhaben zu wollen. So schreibt er auf Seite 41: Jesus ist nicht mehr der, der angenommen oder eingeladen werden soll, sondern der, der unseren sofortigen und völligen Unterwerfung unendlich würdig ist. Platt beschreibt und karikiert auch, wie eine „erfolgreiche“ westliche Gemeinde aussieht und was sie ausmacht auf Seite 50: Als Erstes brauchen wir eine gute Show. In unterhaltungsgesteuerten Kulturen brauchen wir jemand, der die Massen fesseln kann. Ohne einen charismatischen Redner sind wir dem Untergang geweiht… Wenn dann schliesslich die Massen kommen, brauchen wir etwas, damit sie wiederkommen. Also müssen wir Programme starten – erstklassige, spitzenmässige Programme – für Kinder, für Jugendliche, für Familien, für jedes Alter und jeden Stand. Um diese Programme zu realisieren, brauchen wir Profis, die sie durchführen. Dadurch können zum Beispiel Eltern ihre Kinder einfach an der Tür abgeben, und die Profis übernehmen den Dienst für sie. Wir möchten nicht, dass Eltern das zu Hause selber versuchen… Aber was komischerweise in diesem Bild der Präsentationen, Persönlichkeiten, Programme und Profis fehlt, ist unsere äusserste Sehnsucht nach der Kraft Gottes. Platt versucht ein möglichst biblisches Bild von Gott und den Menschen zu zeichnen, daher schreibt er auf Seite 66-75: Gott hat uns geschaffen, um eine enge Beziehung mit ihm zu geniessen, seinen Segen und seine Gnade; um sein Ebenbild zu sein, und es zu vervielfachen, und so seine Ehre zu verbreiten. Er macht uns aufmerksam, dass Gottes Gnade und Ehre nicht getrennt werden dürfen, sonst werde der Egoismus gefördert. Gott rettet uns mit einem Ziel. Jeder gerettete Mensch diesseits des Himmels schuldet das Evangelium jedem verlorenen Menschen diesseits der Hölle. Platt zeigt auch deutlich auf, dass das Neue Testament und im besonderen Jesus keinen Erfolg, keinen Wohlstand, kein Ansehen und auch keine sichtbare Kirche predigen, sondern das noch unsichtbare oder unscheinbare Reich Gottes. Auf Seite 115 schreibt er dazu: In der Morgendämmerung dieser neuen Phase der Heilsgeschichte verspricht keiner der Lehrer (einschliesslich Jesus) im Neuen Testament je materiellen Besitz als Belohnung für Gehorsam. Als wäre das nicht schon bestürzend genug für die Juden des ersten Jahrhunderts (und die Christen des 21. Jahrhunderts), sehen wir auch keinen Vers im Neuen Testament, in dem Gottes Volk je wieder aufgefordert würde, einen majestätischen Ort der Anbetung zu bauen. Stattdessen wird den Leuten Gottes gesagt, dass sie selbst der Tempel sein sollen – der Ort der Anbetung. Und ihre Besitztümer sollen nicht dafür eingesetzt werden, einen Ort zu bauen, an den Menschen kommen können, um Gottes Herrlichkeit zu sehen, sondern ein Volk zu bauen, das die Ehre Gottes in die Welt hinausträgt. Für Platt ist Jesus Christus die eine Stimme, die uns in allen Entscheidungen unseres Lebens leiten will, die uns viel Neues geben, aber auch das bisherige Gefühl von gewohnter Sicherheit und illusionärer Stabilität nehmen muss (S. 119-120). Ab Seite 139, gegen Ende des Buches, stellt Platt nochmals die sieben wichtigsten Wahrheiten des Römerbriefs dar, wie sie bereits der amerikanische presbyterianische Theologe R. C. Sproul in seinem 1982 erschienenen Buch: Reason to Believe – A Response to Common Objections to Christianity, vorgezeichnet hatte. 1. Alle Menschen wissen von Gott 2. Alle Menschen lehnen Gott ab (und betreiben somit Götzendienst) 3. Alle Menschen sind vor Gott schuldig (und es gibt keine Unschuldigen) 4. Alle Menschen sind verurteilt, weil sie Gott ablehnen 5. Gott hat einen Weg der Rettung für die Verlorenen geschaffen 6. Alle Menschen können im Glauben an Christus zu Gott kommen 7. Gott befiehlt seiner Gemeinde, das Evangelium allen Menschen zu verkündigen Wie in vielen christlichen Auslegungen fehlt auch hier eine angemessene Aussage zur Stellung und Aufgabe Israels, wie sie im Römerbrief in Kapitel 9 bis 11 von Paulus so eindrücklich beschrieben worden ist. Das ist die einzige wirkliche Schwäche an diesem Buch. Auf Seite 182 empfiehlt Platt als Umsetzung dieser Wahrheiten: 1. für die gesamte Welt zu beten 2. die ganze Bibel in einem Jahr durchzulesen 3. Geld für einen bestimmten Zweck zu opfern 4. Zeit ausserhalb des gewohnten Umfelds zu investieren 5. aktives Mitglied einer sich vervielfältigenden Gemeinschaft zu sein

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Dienstag, April 25, 2017

8. Agape, der Klang des Lebens (Schluss)

Im achten Kapitel, auf den Seiten 301 bis 323, geht es um Agape, den Klang des Lebens. Schleske schildert hier eindrücklich den Unterschied zwischen Sesshaften und Pilgern. Sesshafte würden über die richtige Exegese von Expetitionsberichten streiten; Pilger dagegen gingen aus dem Lager hinaus und würden auf den, der sie führt, hören (Seite 300). . . . . Die Tora gebiete Solidarität und nicht Selbstliebe und Sentimentalität. Die hebräische Unschärfe und ihre Mehrdeutigkeiten bezeugen den Respekt vor der Wirklichkeit; sie lassen sich ergänzen durch ein wahrhaftiges Leben (Seiten 303-304). Unsere Aufgabe sei nicht das Wesen, sondern die Anwesenheit Gottes in dieser Welt zu schützen (Seite 309). Der Glaube werde durch die Liebe und nicht durch Recht und Schwärmerei geschützt. Vertrauen und Verantwortung führten zu einem reifen Glauben (Seite 316). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epilog (auf Seiten 324 bis 326): Schleske glaubt an einen Gott, der in allem wirkt und durch alles spricht. Gott sei eine verletzliche Berufung, eine hörende Liebe und ein verletzbarer Sinn, um ihn zu erhören. . . . . . . Nachwort (auf Seiten 327 bis 329): Schleske bezeichnet Gott als überstrahlende Hauptperson seines Buches. Er schliesst mit einem Text von Martin Buber, den er verehrt, und der aus seinem vergessenem Buch „Gottesfinsternis“ von 1953 stammt. Darin geht es um den missbrauchten und richtig gebrauchten Namen Gottes, der ein Wort des Anrufs und zum Namen gewordenes Wort sein will, der echte und tiefe Gemeinschaft unter Menschen stiften kann.

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Freitag, November 25, 2016

Kapitel 3: Das Abenteuer der Nachfolge

Die Kirche existiere heute als Gemeinschaft von Fremdbürgern in der Welt, als eine Kolonie von Gläubigen in einer Gesellschaft des Unglaubens, die von Selbsterhaltung und Selbsterfüllung geprägt sei. Durch die Aufklärung hätten wir nicht wirklich die Freiheit des Selbsts bekommen, sondern vielmehr Selbstsucht, Einsamkeit, Oberflächlichkeit und Konsumorientierung. Jünger Jesu dagegen seien ein bewegliches Volk, das atemlos versuche, mit Jesus Schritt zu halten. Glaube beginne nicht im Entdecken, sondern in der Erinnerung an die Geschichte Gottes ohne uns. Die frühen Christen begannen nicht mit metaphysischen Spekulationen über die Inkarnation, mit einer Christologie in Abstraktion von den Erzählungen der Evangelien; sie begannen vielmehr mit den Geschichten über Jesus und das Leben derer, die in Jesu Leben verwickelt wurden. Wir können Jesus nicht kennen, ohne ihm nachzufolgen; und wir kennen Jesus, bevor wir uns selbst kennen (Seite 86). Eine Gemeinde lässt sich am besten von der Heiligen Schrift leiten, wenn sie ihre eigene Geschichte erzählt. Dies tat auch der Verfasser des Hebräerbriefs, er erzählte vom Glauben in Form von Glaubensgeschichten. Errettet sein heisst unterwegs sein (Seite 91). Die Gemeinschaft der Christen eröffnet uns eine Palette von neuen Möglichkeiten, Gottes Liebe in ihrer ganzen Tief zu erfahren, und gibt unserem Leben eine Richtung, die wir sonst nicht einschlagen könnten. Sich auf eine Reise zu begeben, heisst, sich auf ein Ziel hin zu bewegen. Nun wissen wir auf der Reise des Glaubens zwar nicht, wie das Ende aussehen wird, ausser dass es in irgendeiner Form auf die Vervollkommnung unserer Freundschaft mit Gott hinauslaufen wird. Ethik, die Jesus verkündigte, war durch und durch endzeitlich ausgerichtet. Ethik ist immer von einem „telos“ her bestimmt und auf dieses Ziel hin orientiert.

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Freitag, September 30, 2016

Stanley Hauerwas und William H. Willimon: Christen sind Fremdbürger

Dieses Buch erschien bereits 1989 in den USA unter dem Titel Resident Aliens. Es wurden über 100.000 Exemplare davon verkauft, was für ein theologisches Werk sehr viel ist. 2016 erschien es im fontis – Brunnenverlag in Basel unter der ISB-Nummer 978-3-03848-075-4. Der Untertitel heisst: Wie wir wieder werden, was wir sind: Abenteurer der Nachfolge in einer nachchristlichen Gesellschaft Zu den Autoren: Stanley Hauerwas ist in Europa kaum bekannt, obwohl er 30 Jahre Professor für theologische Ethik an der Duke Universität in Durham (North Carolina) war. Er wurde 1940 im texanischen Dallas geboren, wuchs in einer methodistischen Arbeiterfamilie auf, wo er zum christlichen Glauben fand, studierte Theologie in Yale, lehrte an lutherischen, katholischen, methodistischen und reformierten Hochschulen und gehört heute zu einer episkopalen Kirche. William H. Willimon war Bischof einer Methodistenkirche in Alabama und ist Professor für praktische Theologie an der Duke Universität in Durham. Zum Buchinhalt: Das unscheinbare Buch mit seinen 252 Seiten hat es in sich. Wie im Titel bereits angetönt, betonen die Autoren, dass die christliche Kirche heute eine Kolonie, eine Insel des Glaubens inmitten einer Kultur des Unglaubens sei (Seite 12) und begründen diese Sicht mit guten Beispielen, tiefgründig und intelligent. Dieses Buch will hoffnungsvoll und nützlich sein zum Dienst in und an der „Kolonie“. Es ist weder liberal noch konservativ, sondern will wie die Autoren christuszentriert sein.
Rezension und Zusammenfassung: Dieses unauffällige Buch mit dem einfachen Titel „Christen sind Fremdbürger“ war eine Entdeckung für mich. In den USA ist es bereits vor 27 Jahren unter dem Titel „Resident Aliens“ erschienen und hat eine grössere Verbreitung gefunden und Wellen geworfen. Die Autoren, Stanley Hauerwas und sein Kollege William Willimon, sind Methodisten und Theologieprofessoren an der Duke Universität in Durham in North Carolina im Osten der USA. Während Hauerwas Ethiker ist, war Willimon Bischof in Alabama. Beide sind kirchlich eingebunden, was auch im Buch deutlich zum Ausdruck kommt. Sie verstehen die christliche Kirche aber hauptsächlich als eine Kolonie, die inmitten einer Kultur des Unglaubens existiere. Dieses Bild – zunächst eine Behauptung - wird anschaulich beschrieben und mit guten Beispielen illustriert. Seit ungefähr fünfzig Jahren befinden wir uns im Westen in der nachchristlichen Ära, der Glaube ist sehr individuell und zur Privatsache geworden. Die lange Epoche des „konstantinischen Christentums“ ist zu Ende gegangen. Es war eine Zeit in der Staat, Kultur und christlicher Glaube eng verwoben und zugleich dominierend waren. Viele Kirchen machen aber gleich weiter, als ob nichts geschehen sei. Sie drehen sich wie moderne Firmen um Kundenbedürfnisse, statt Menschen in den Leib Christi einzufügen. Der Nationalstaat in den USA und bei uns der Wohlfahrtsstaat haben sich praktisch an die Stelle Gottes gesetzt. Die meisten unserer sozialen Programme beruhen auf der Annahme, dass wir keinen Gott brauchen, um eine friedliche und gerechte Welt zu erschaffen. Der Unglaube zeigt sich in Selbstsucht, Selbsterhaltung und Selbsterfüllung, die durch die Konsumgesellschaft gut genährt werden. Schon Stanley Jones, der von den Autoren zitiert wird, hat prophetisch gesagt: Wir haben die Welt mit einer abgeschwächten Form von Christentum infiziert, damit sie über kurz oder lang immun wird gegen alle Formen echten Christentums. Der christliche Glaube dagegen ist abhängig von Gott, von seiner Geschichte mit uns Menschen. Er schickt uns auf eine atemberaubende Reise, die Nachfolge heisst, und hat ein Ziel, das uneingeschränkte Freundschaft mit Gott bedeutet. Diese Reise kann nur in Gemeinschaft gelingen, alleine ist sie kaum umsetzbar. Die Autoren erachten unseren Individualismus daher als Sackgasse und machen Mut Kirche als echte Gemeinschaft zu verstehen und zu leben. Das hat auch Auswirkungen für Pfarrer, deren Aufgaben und Ausbildung. Diese sei zu sehr darauf bedacht, dem einzelnen Menschen zu helfen, mit seinem Leben besser zurechtzukommen. Die Kirche sei ein Ort der Verehrung Gottes und nicht ein Therapiezentrum für die Stillung von undisziplinierten und unhinterfragten Bedürfnissen (Seite 177). Ein klug geschriebenes Buch, das wichtige Fragen stellt, prägnante Aussagen macht und mutige Orientierung bietet in unserer diffusen Gegenwart.

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Freitag, August 14, 2015

Die Schallmauer II

Wie deine persönliche Schallmauer, wie dein Weg mit Gott durch Krisen und Grenzen hindurch in ein neues, noch unbekanntes Land sein wird, kann ich nicht sagen. Oft wählen wir diesen schweren Weg nicht, sondern es geschieht einfach mit uns! Auch wissen wir kaum den Kairos, den Zeitpunkt Gottes, an dem er diesen Prozess auslösen wird, wie lange er dauern wird und wie intensiv er sein wird. Wie viel wird er uns zumuten? Was ich aber sagen kann, ist, dass Gott ein riesiges Interesse an uns und an unserer Verwandlung ins Bild von Jesus hat. Aber diese Verwandlung löst uns aus dem Vertrauten und aus dem Verhafteten, sie schafft vorerst Erschütterung, Unsicherheit und oft Schmerzen. Ich muss etwas loslassen, was mir vertraut oder gar lieb geworden ist, das ich nicht ohne weiteres hergeben würde. Es ist eine Entäusserung, wie sie im grössten Mass Jesus annehmen und durchleben musste bis zum entwürdigenden und beschämenden Tod am Kreuz. Im Philipperbrief 2,5-8 ist es so beschrieben: Seid unter euch so gesinnt wie in der Gemeinschaft mit Jesus Christus; der, in (der) Gestalt Gottes seiend, das Gleichsein (mit) Gott nicht für einen Raub gehalten hat, sondern sich entäussert hat, (die) Gestalt eines Knechts angenommen hat, in Gleichheit (der) Menschen geworden (ist)! Und an (der) äusseren Erscheinung erfunden (wurde) wie ein Mensch; er hat sich selbst erniedrigt, (ist) gehorsam geworden bis zum Tod, und (zwar) zum Tod am Kreuz. Der Tod Jesu war für seine Jünger eine unerwartete Katastrophe. Ihr Meister und Vorbild, auf den sie so viel gesetzt hatten, war nun tot. Maria war in tiefster Trauer, Thomas in starkem Zweifel und Simon Petrus tief beschämt über seinem Versagen. Mit diesen geknickten Drei hatte der auferweckte Jesus einzigartige, exemplarische Begegnungen. In ihrer Not und Enttäuschung begegnete er ihnen, konfrontierte sie ganz unterschiedlich und führte sie ihrer Situation und ihrer Art gemäss über die eigenen Grenzen hinaus. So konnte Neues, Unbekanntes und ein befreites und verwandeltes Leben beginnen. Eine dieser drei Personen kann auch dir zum Vorbild werden, wie Gott dich durch deine „Schallmauer“ leiten will und kann. Beachte und meditiere, was Jesus sagt und was sie tun: ·Johannes 20,16-18: Jesus sagt zu ihr: Maria! Sie hat sich umgewandt und sagt zu ihm auf hebräisch: Rabbuni, was heisst: Meister! Jesus sagt zu ihr: Fasse mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater; gehe aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott! Maria, die Magdalenerin geht (und) verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und dies habe er ihr gesagt! ·Johannes 20, 27-29: Dann sagte er (=Jesus) zu Thomas: Gib deinen Finger hierher und sieh meine Hände; und gib deine Hand her und lege (sie) in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagt zu ihm: Weil du mich gesehen hast, bist du gläubig geworden; selig (sind), die nicht gesehen haben und (doch) zum Glauben kommen! ·Johannes 21,15-19: Als sie nun gefrühstückt hatten, sagt(e) Jesus zu Simon Petrus: Simon, (Sohn des) Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er sagt(e) zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe! Er sagt(e) zu ihm: Weide meine Lämmer! Er sagt(e) zu ihm wiederum zum zweiten Mal: Simon, (Sohn des) Johannes, liebst du mich? Er sagt(e) zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe! Er sagt(e) zu ihm: Hüte meine Schafe! Er sagt(e) zu ihm das dritte Mal: Simon, (Sohn des) Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, dass er zu ihm gesagt hatte das dritte Mal: Hast du mich lieb? Und er sagte zu ihm: Herr, alles weißt du, du weißt (auch), dass ich dich lieb habe! Jesus sagt(e) zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jung warst, gürtetest du dich selbst und gingst umher, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst! Dies aber sagte er, (um) anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott verherrlichen werde; und dies gesagt habend, sagt er zu ihm: Folge mir!

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Donnerstag, August 13, 2015

Die Schallmauer

Wachsender christlicher Glaube fängt oft mit zunehmendem Vertrauen zu Gott an. Ich nehme seine Sicht über mich an. Und ich beginne Jesus nachzufolgen, indem ich ihn ernst nehme und tue, was er sagt. Er leitet mich an, brauchbar zu werden und andern Menschen zu dienen. Aber meistens kommt irgendwann eine Ermüdung, eine Krise, die mich zwingt, die Reise nach innen anzutreten und den Glauben vertiefen zu lassen. Viele Christen sind diesen unangenehmen Weg gegangen und haben ihn auch beschrieben als „Nacht der Seele“ oder mit andern Begriffen. Peter Scazzero benutzt dafür das Wort Schallmauer, einen etwas eigenartigen Ausdruck, um den oft langen Weg der Grenzüberschreitung, den Gott mit uns gehen will, zu bezeichnen. Als Schallmauer wird der Übergang bei der Geschwindigkeit in den Überschallbereich bezeichnet. Als das erste Mal diese Grenze überschritten wurde, wusste man noch nicht, was genau dabei und danach passieren würde. Eigentlich ereignete sich dabei gar nicht so viel, aber es brauchte einen mutigen Piloten, der sich auf diesen unbekannten Vorgang eingelassen hatte. Das ist ein gutes Bild für Schritte, den Weg mit Gott in unbekanntes Land, in noch nie gemachte Erfahrungen. In der Regel sind das Ereignisse und Prozesse, die sich in der zweiten Lebenshälfte abspielen; denn die erste Lebenshälfte ist dazu da, das „Wir“ und das „Ich“ aufzubauen. Eine gefestigte Identität, mit entsprechenden Aufgaben und Rollen, ist auszubilden, einzunehmen und auszuüben. Diesen Prozess sollten wir bei uns und den uns Anvertrauten nicht eigenmächtig verkürzen. Es heisst nicht umsonst, dass Abraham 75 Jahre alt war, als er von Haran auszog. Auch Mose war 80 Jahre alt, als er am Dornbusch in der Halbwüste berufen wurde. Nur Josef wurde als junger Mann überraschend in die Sklaverei verkauft und erlebte dabei völlig Unvertrautes und Traumatisches. Es ist oft so, dass spezielle Umstände oder Lebensereignisse wie Beziehungsabbrüche, Arbeitsplatzverluste oder unerwartete Todesfälle, nie dagewesene Fragen und Prozesse in uns auslösen. Auch in der Bibel kommen solche Situationen vor, und sie beginnen ganz lapidar mit „da“, „und“, „eines Tages“ oder „und es geschah“. Eines der krassesten Beispiele ist Hiob. Seine Geschichte wird oft nur verkürzt gelesen und erzählt. Aber seine Verluste sind kaum zu überbieten, sein Erleben ist so notvoll und seine Aussprüche und sein Klagen vor Gott sind heftig. Doch am Schluss wird er und nicht seine frommen Freunde rehabilitiert! Er soll für sie opfern und beten, damit Gott gnädig gestimmt wird. Gott hat also mehr Gefallen an aufrichtiger Anklage und Wahrheit als an frommer Rechtschaffenheit und Korrektheit!

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Sonntag, März 15, 2015

Kontemplative Spiritualität

Kontemplative Spiritualität ist eine Frömmigkeit, die von Gottes Liebe, Wertschätzung und Zuwendung lebt (Seite 50). Gott wird in der Bibel mit vielfältigen Emotionen wie Fröhlichkeit, Mitgefühl und auch Zorn beschrieben, warum sollten wir nicht auch so emotional sein? Unter all meinen Identitäten und hinter meinen Masken und auch nach den Folgen des Sündenfalls liegt meine wahre Identität, die lautet: Ich bin von Gott gewollt, gemacht, geliebt, wertgeschätzt, bedeutsam und einmalig! Annehmen der wirklichen Identität hilft gegen Versuchungen wie Erfolg, Besitz und Beliebtheit. Auch Familiengeheimnissen wie „ich gebe dir, dafür gibst du mir“ bin ich nicht mehr ausgeliefert. Sie können erkannt, hinterfragt und durchbrochen werden. Eine kontemplative Spiritualität orientiert sich dagegen an folgenden Kriterien: ·Gottes Liebe in allem suchen, erkennen und sich ihr überlassen ·Gottes Gegenwart suchen, auf ihn hören und bei ihm verweilen und ruhen ·Gott erlauben, in der Tiefe unseres Wesens zu wohnen ·Geistliche Übungen wie Stille und Einsamkeit zulassen, ein- und regelmässig ausüben ·Leben als Wachstumsprozess verstehen lernen, der auch Schmerzen einschliesst ·Andere Menschen lieben von Gott her und aus seiner Perspektive und Kraft ·Einen ausgeglichen Lebensstil und Lebensrhythmus entwickeln und pflegen ·Verbindliche Gemeinschaft leben Kontemplative Spiritualität will den Weg der Nachfolge Christi unterstützen und zielt daher auf konkrete Schritte: Stille, ehrliche Begleitende, Verlassen, Beten für Mut und Durchbrechen der „Schallmauer“. Die Geschichte Josefs ist ein gutes Beispiel für emotionale Gesundheit und spirituelles Wachstum. Er wuchs in einer Patchworkfamilie auf, wo Lüge und Betrug seit Generationen als Familiengeheimnis geherrscht hatten. Trotz herben Enttäuschungen und massiven Verlusterfahrungen (in seiner Jugend) hielt er an Gott fest. Josef war Gott treu im kleinen, um zu gegebener Zeit Grosses tun zu können. Gott führte ihn geheimnisvoll an die zweithöchste Stelle in Ägypten, damit seine Familie und er überleben konnten (Gen 45,7+8). Mehrmals weinte Josef laut, um seiner Trauer ohne Beschönigung Raum zu lassen. Er benannte seine Kinder Manasse und Ephraim, was Vergessen und Wachsen lassen bedeutet.

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Dienstag, November 12, 2013

Politik, Religion und Sexualität

Kapitel sechs: Jesus war kein bedeutender Mensch. Denn Jesus wusch Füsse, was damals nur heidnische Sklavenarbeit war, und er hatte ein Gespür für unbedeutende, unbeeindruckende Personen. Paulus wurde ein Nachfolger Jesu und nannte sich danach einen Knecht Jesu Christi in den Briefen, die er an die Gemeinden schrieb. Das war gesellschaftlicher Suizid, aber es war ihm gleichgültig, weil nicht mehr Selbsterfüllung, sondern aufopfernde Liebe sein höchster Wert geworden war. Kapitel sieben: Hilf deinen Freunden, strafe deine Feinde. Antike Götter waren dazu da, um den Menschen zu geben, was sie wollten. Und Verletzte wollten Vergeltung. Es ging um Ehre, Status und Schmach, nicht um Sünde, Sühne und Gnade. Schmerzvermeidung war weit wichtiger als Vergebung. „Vergebung und Feindesliebe sind christliche Beiträge zur Menschheitsgeschichte“ Hannah Arendt. Jesus liebte Insider und Outsider, die zwölf Stämme Israels ebenso wie die sieben Völker Kanaans, die in Dekapolis am andern Ufer des Sees Genezareth lebten. Kapitel acht: Es gibt Dinge, die dem Kaiser nicht zustehen. Die Existenz Gottes schränkt die Autorität der Machthaber ein. Als für Jesus Palmenzweige geschwungen wurden in Jerusalem, war das eine Kriegserklärung an Rom. „ Reich Gottes“ hatte in Israel die Intention vom eigenen Land mit intaktem Tempel. Es gab damals drei Hauptgruppen mit drei Verhaltensweisen in Israel zur Zeit der römischen Besatzung: ·Zeloten: standen gewaltsam gegen Rom auf ·Essener: zogen sich in ihre eigene Welt zurück ·Sadduzäer: passten sich Rom an und kollaborierten Philip Jenkins sagte: „Der christliche Glaube verbreitet sich wunderbar unter den Armen und Verfolgten, während er unter den Reichen und Gesicherten schwindet.“ Kapitel neun: Gutes Leben oder guter Mensch. Heuchler heisst auf griechisch „hypokritai“, was auch mit Schauspieler wiedergegeben werden kann. Griechische Götter lebten wie Menschen idealerweise sein sollten: jung, stark und unsterblich. Alle Menschen haben eine Innen- und Aussenseite, Gott interessiert sich vor allem für die Innenseite, das „Herz“. Kapitel zehn: Und die Welt ist doch klein. Jesus berief seine Jünger auch, um zu zeigen, dass Gott Menschen beruft. Nachfolge ist Gemeinschaft, die Gegenwart und Macht Gottes wiederspiegelt. Zuerst wurden die christlichen Gemeinden von Rom nicht als neue Religion angesehen, sondern als Beerdigungsgemeinschaft. Kapitel elf: Eine altmodische Sache namens Ehe. Sexuelle Aktivität ausserhalb eines Ehebündnisses ist das ältere gesellschaftliche Arrangement als die Ehe. Der Grieche Demosthenes hat es aus Männersicht so gesagt: „Mätressen sind zum Vergnügen, Konkubinen für Bedürfnisse und Ehefrauen für die Kinder.“ Im Matthäusevangelium werden im Stammbaum Jesu fünf Frauen erwähnt, drei davon waren in sexuelle Skandale verwickelt. Jesus war nie verheiratet, aber er hat das Eheverständnis am stärksten neu interpretiert und geprägt. Nach ihm ist die Ehe ein freiwillig gegebenes Versprechen, das freudig bezeugt und treu gehalten wird, auch wenn der andere nicht mehr attraktiv ist. Ausgeübte Sexualität ist eine Art Sakrament: ein äusserliches Zeichen, das auf eine innerliche Wirklichkeit deutet. In der Thora wird dafür „yada“ gebraucht, was persönliches Wissen aus Erfahrung bedeutet. Ein guter Mann ist also der, der Frauen nicht als Objekt der Begierde anschaut, sondern seine Frau immer mehr kennen und schätzen lernt. Deshalb wurde nach der Reformation die Familie zur wichtigsten geistlichen Gemeinschaft.

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Mittwoch, Oktober 30, 2013

John Ortberg: Weltbeweger

Der Autor John Ortberg hat ein neues Buch geschrieben. Er wurde 1957 als schwedischstämmiger Amerikaner in Rockford (Illinois) geboren. Er ist verheiratet mit Nancy und hat erwachsene Kinder. Er studierte Theologie und Psychologie am Wheaton College, am Fuller Theological Seminary und an der University of Aberdeen. Er hat danach in verschiedenen Kirchen in den USA gearbeitet, vor allem als Lehrer, wozu er sehr begabt ist: in Simi Valley Community Church, Horizons Community Church Claremont, Willow Creek Community Church und Menlo Presbyterian Church. Seine Predigten werden zunehmend international beachtet, seine Bücher werden weltweit von vielen Menschen gelesen. Als seine Stärken erachte ich sein tiefes Verständnis für die Bibel und die Realität der Menschen. Er kann komplexe geistliche Sachverhalte verständlich erklären, spannend erzählen und humorvoll darstellen. Auch schätze ich seine Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Gespür und seine Präsenz sehr. Weltbeweger. Jesus - wer ist dieser Mensch? Das Buch umfasst 331 Seiten und ist in 15 Kapitel aufgeteilt. Es sind verschiedene Themenbereiche einer Predigtserie zum unbekannten Menschen Jesus, die weitgehend in sich abgeschlossen sind und auch gut einzeln gelesen werden können. Es empfiehlt sich sogar, gewisse Passagen zweimal zu lesen, weil Ortbergs Sprache und die gewählten Zitate zwar gut verständlich, aber doch dicht und tiefsinnig sind. Kapitel eins steht unter dem Titel: Der Mann, der einfach nicht von der Bildfläche verschwinden will. Hier schreibt Ortberg von der Lebensweise und den Auswirkungen von Jesus. Jesus war mysteriös und verwirrend, trotzdem zog er unterschiedlichste Menschen an. Sein Einfluss war nicht zufällig und ist heute noch ungeheuer gross, auch wenn sein Name nicht immer explizit genannt wird: 1. Jesus hatte keine Kinder, aber er gab den Kindern Raum und Wert 2. Jesus war nie verheiratet, aber er gab den Frauen Würde 3. Jesus schrieb nie ein Buch, aber über ihn wurden die meisten Bücher geschrieben und die westliche Bildung geht auf ihn zurück Ralph Waldo Emerson sagte zu diesem Sachverhalt: „Der Name Jesus ist in die Weltgeschichte hineingepflügt worden.“ Eigentlich nur zu viel Geld und Macht verdarb das Erbe Jesu, und der christliche Glaube wanderte jeweils in andere Weltregionen ab. Kapitel zwei heisst: Das Ende der Menschenwürde. Jesus war ein „mamser“, ein uneheliches jüdisches Kind. Er kam ohne Würde in diese Welt. Sein Kind-Sein betont vor allem der Evangelist Matthäus und setzt dies in Gegensatz zum König Herodes dem Grossen, dem Freund der Weltmacht Rom. Jesus dagegen war ein Freund der Unterdrückten, des Abschaums, der Sünder und zudem ein einfacher Bauarbeiter. Bei Gott und Jesus sind alle Menschen wertvoll und geliebt und können „Königskinder“ sein. Aus diesem Grund gab es bei Juden keine Kindsaussetzungen, in Rom wurden sie erst um 400 nach Christus verboten. Wahre Grösse wird uns geschenkt, und so müssen wir nicht mehr zwanghaft jemand sein und Geltung gieren. Kapitel drei behandelt: Eine Menschheitsrevolution. Jesus hatte Mitgefühl und Mitleid mit Geringen und Leidenden, aber er provozierte auch die Besitzenden und Mächtigen, obwohl er ein Rabbi war. Er tat dies durch : · Heilung am Sabbat · Menschliches Leben in seiner ganzen Form ist mehr wertschätzen als der Sabbat · Unehrenhaft Einladungen machen und annehmen: Arme, Behinderte, Kranke, Sklaven (waren Personen ohne Rechte und Gesicht) Seine Provokationen wurden später Anstösse zur Gründung und Entwicklung der Krankenpflege, der Spitäler, dem Roten Kreuz, der Sklavenbefreiung und der Gleichberechtigung. Kapitel vier hat den Titel: Was Frauen wollen. In Asien gibt es heute wieder 163 Millionen mehr Männer als Frauen, weil Frauen wie in der Antike gering geschätzt werden. Jesus war anders: mit ihm reisten auch Frauen, was damals unüblich war, und Johanna, (Susanna und andere) sorgten gar finanziell für die Jüngerschaft (siehe Lukasevangelium Kapitel acht). Für Jesus war das Geschlecht unwichtig, aber das Hören und Befolgen des Wortes Gottes entscheidend. Und Maria, Jesu Mutter, verhielt sich ihm gegenüber auch wie ein Jünger.

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Montag, Dezember 17, 2012

Tomas Halik: Geduld mit Gott

Der Tscheche Tomas Halik hat die Geschichte von Zachäus originell aktualisiert. Sein Buch, das 2010 im Herderverlag Freiburg mit der ISBN-Nummer 978-3-451-30382-1 herausgekommen ist, heisst ganz einfach: "Geduld mit Gott". Etwas zum Autor: Tomas Halik wurde 1948 in der Tschechoslowakei geboren. Er wuchs also in einem kommunistischen Staat auf, der auch einen materialistischen Atheismus propagierte. Er studierte Soziologie und Religionsphilosophie, er konnte jedoch wegen seiner christlichen Gesinnung nicht Karriere machen und Dozent werden. 1978 wurde er in der DDR zum römisch-katholischen Priester geweiht. Nach der Wende studierte er in Rom weiter, später wurde er sogar externer Berater von Vaclav Havel. Heute ist er Professor für Soziologie in Prag und Rektor der Universitätskirche. Nun zum Inhalt: Tomas Halik setzte sich intensiv mit dem Atheismus in seiner Heimat auseinander. Aus diesen Erfahrungen kann er sagen: „Mit Atheisten bestimmter Prägung kann ich die Wahrnehmung der Abwesenheit Gottes in der Welt nachvollziehen. Ich erachte ihre Deutung dieses Gefühls jedoch für übereilt... Das Schweigen Gottes und die beklemmende Gottesferne bedrängen oft auch mich... Ich kenne drei Arten von Geduld angesichts der Abwesenheit Gottes: es sind dies Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Aus Ueberzeugung zitiert er Adel Bestavros, der gesagt hat: „Geduld mit andern ist Liebe, Geduld mit sich selbst ist Hoffnung, Geduld mit Gott ist Glaube.“ Zusammen mit dem Philosophen Slavoj Zizek möchte er das authentische Erbe des Christentums nicht fundamentalistischen Sonderlingen überlassen, weil es zu wertvoll sei. In der biblischen Person des Zöllner Zachäus erkennt er jene Menschen wieder, die Distanz wahren, aber durch Anrede und Dialog wahr werden und Gott nahe kommen. Dieses Geschehen sei auch geheimnisvoll, ein unerschöpfliches Geheimnis des Glaubens. Glaube sei Nachfolge, ein nie endender Weg durch diese Welt. Gott sei nicht leicht zu haben, mit ihm müsse man ringen. Man darf sich seiner nicht zu sicher, aber eben auch nicht zu gleichgültig sein. Die Liebe zu Gott lasse uns seltsame Gedanken und Prüfungen erdulden, Thérèse von Lisieux sprach in diesem Zusammenhang von der „Nacht des Nichts“, die eine Art Entkleidung des Glaubens sei. Den Unglauben überwältigen könne der Glaube nur, wenn er ihn umarmt. Der Gläubige zeige sich auch darin solidarisch mit dem Ungläubigen. Denn Atheismus sei nicht Lüge, sondern nicht zu Ende gesprochene Wahrheit. Gott sei stets grösser, mehr als es unsere Vorstellungen erlauben. „Glaube ist ein Weg der leidenschaftlichen Suche nach Gott“, das hat bereits Sören Kierkegaard festgestellt und gesagt. Und Gott sei deshalb so unbekannt, weil er eigentlich so nahe ist. Für Halik gilt deshalb: „Christi Auferstehung muss eine Provokation, eine Torheit, ein Skandal bleiben; wollten wir dieses zentrale Geheimnis unseres Glaubens beweisen, dann würden wir es um seine Kraft bringen.“ (Seite 174). Mit Martin Heidegger stellt Halik fest, dass die Technik fast alle Entfernungen überwunden hat, aber trotzdem keine wirkliche Nähe geschaffen hat. Zudem seien heute die Bilder der Medien eine Art „Antimeditation“. Das zwinge uns auch zur Erneuerung unserer religiöser Sprache. Verstaubte und abgenutzte Wörter sollten wir in jene ursprüngliche Quelle des Glaubens eintauchen. Diese befreiende und verwandelnde Freude durften bereits Thomas, Maria Magdalena, Zachäus und die blutflüssige Frau in ihrer Begegnung mit Jesus erfahren (S. 215). Das Privileg der Heiligen sei, die eigene Sündhaftigkeit wirklich scharf zu sehen. Das führe unweigerlich zum Weinen über die Sünde und zum Gott preisen für seine Barmherzigkeit. Denn nicht die schmerzvolle Reue sei wesentlicher Bestandteil der Umkehr, sondern Vertrauen in die Macht Gottes und Vergebung. Und wie Gott mir tut, so tue ich auch dir! Die bekannte Geschichte im Lukasevangelium Kapitel 15 nennt er das Gleichnis der verlorenen Söhne; denn der Weg beider Söhne gehe am Vater, der hier für Gott stehe, vorbei. Sowohl Beliebigkeit und Lasterhaftigkeit als auch Bravheit und Moralität seien falsche Wege; sich selbst und andere abwerten oder sich überheben verfehlen je das Ziel. Insgesamt ein spannendes, gut lesbares, apologetisches Werk mit schlüssigen und nachvollziehbaren Argumenten. Es passt bestens in unsere Zeit, in der Glaube an Gott stark in Frage gestellt wird. Halik dreht deshalb den Spiess um, indem er die Ungeduld, die Vorurteile und die Selbstgefälligkeit der Menschen kritisiert. Denn bereits früh war er dem rauen Wind seiner Zeit ausgesetzt, so dass er Worte und Formulierungen suchen musste, um neue, glaubwürdige Antworten für kritische und skeptische Zeitgenossen zu finden.

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Mittwoch, Juli 04, 2012

Seccum esse

Ganz wichtig für Sabine Bobert ist „secum esse“, das bei sich sein und die Einsamkeit erlernen und aushalten können. Wahrscheinlich geht dieser Gedanke am stärksten auf Antonius, der 251 bis 356 gelebt hatte, zurück. Mit seinem einsamen Gang in die ägyptische Wüste und der damit verbundenen Askese etablierte er ein neues Lebensmodell, ja sogar einen Kulturtrend, die in der „Vita Antonii“ beschrieben worden ist. „Wer die himmlische Wirklichkeit wolle, der ziehe allein in die Wüste.“ Nachfolge bedeutete für ihn Zentrierung auf Jesus Christus, die Aufmerksamkeit lebenswirksam auf ihn lenken, Unwesentliches, Irrtümer und Zuschreibungen loslassen und auch sozial fremd sein und somit die Todeseinsamkeit vorwegnehmen. Dieses in Jesus zu ruhen, die „Hesychia“, brauche aber Training. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . In die gleiche Kerbe schlug später auch Ignatius von Loyola, der 1491 bis 1556 gelebt hatte, mit seinen geistlichen Uebungen. Besonders lehrte er, sich indifferent gegenüber dem Geschaffenen und Gegebenen zu machen. Noch heute sind seine grundlegenden Uebungen anwendbar und hilfreich, weil sie dem zu starken sozialen Zwang zur Individualisierung entgegenstehen. Christlicher Glaube lebt nach Bobert auch von Sozialisierung und Individualisierung durch spirituelle Techniken wie Einsamkeit, Schweigen, Fasten, Introspektion, Tagesstrukturen wie „ora et labora“, gemeinsames Singen und geistliche Begleitung. Schon die Wüstenväter achteten sowohl auf Erfüllung mit dem Heiligen Geist als auch gute Lebensweise, Herzenserkenntnis und Unterscheidung der Geister. . . . Als Beispiel für einen solchen gottgefälligen Lebensstil erwähnt Bobert Charles de Foucauld, 1858-1916, ein französischer Offizier und Lebemann, der 1881 wegen mangelnder Disziplin in die Armeereserve versetzt wurde und ein Jahr später von seiner Familie entmündigt wurde wegen Vermögensverschleuderung. In Kaplan Henri Huvelin fand er danach einen geistlichen Begleiter und kehrte um. 1901 wurde er Priester mit einer Sendung in die Sahara; bei den Tuareg war er dann „Bruder Karl“. 1902 schrieb er die Regeln der kleinen Schwestern vom Heiligsten Herz Jesu. In seinem abgelegenen Kloster wurde er aus Versehen von einem jungen Tuareg-Soldaten getötet. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auch Henri Nouwen, der begabte Psychologieprofessor, ging 1974 für sieben Monate ins Trappistenkloster, um seinen Zwängen und seiner Leere zu entkommen. Darüber schrieb er das Buch: Ich hörte auf die Stille. Abt John Endes Bamberger wurde im Kloster sein geistlicher Begleiter und verhalf Nouwen zu einer besseren Selbstwahrnehmung. Dazu gehören: . . . · eigene Grenzen akzeptieren, · Gottesbild verändern lassen, · Leidenschaften wahrnehmen und · den Kampf aufnehmen
Für Bobert sind Stufen des Glaubens jenseits materialistischer Reduktion wesentlich. Erfahrene und nicht nur geglaubte Liebe verwandle die Menschen. Einzelne Psychologen wie Fowler, Kohlberg und Graf haben dies aufgenommen und davon geschrieben: · James W. Fowler: Glaubensentwicklung. München 1989 · James W. Fowler: Stufen des Glaubens. München 1991 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt 1996 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Lebensspanne. Frankfurt 2000 · Stanislav Graf: Spirituelle Krisen. München 1990. Er hat einen transzendenzoffenen Ansatz ähnlich wie C.G. Jung. Spiritualität wird nicht nur negativ und krankmachend dargestellt, sondern auch reinigend, ekstatisch und umgestaltend erfahren, was sehr aufbauend sein kann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von diesen Stufen des Glaubens habe auch bereits Ambrosius von Mailand, 333 in Trier geboren und 397 in Mailand gestorben, gesprochen. Er war derjenige, der den Gemeindegesang in die Messe eingeführt hatte, ein pneumatisches und mystisches Eucharistieverständnis entwickelte, eine Abhandlung über den Heiligen Geist „de spiritu sancto“ schrieb, ein Kenner der Antike und Freund von Origenes war. Sein reifes theologisches Alterswerk war „De Isaac vel Anima“, worin er über Issak (Genesis 24 und 26), das Hohelied und die Seele sprach. Darin lassen sich vier Schritte unterscheiden: 1. Finden (oder Beginn; nach Ernst Dassmann, dem deutschen Ambrosiusbiograf) 2. Verlieren (Gefährdungen) 3. Wiederfinden (Läuterungen) 4. Vereinigen von Braut und Bräutigam (Vollendung)

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Sonntag, September 10, 2006

Jesus und das Geld

S. 473: Es gibt drei "misslungene" Taten Jesu: Mk 6,4-6: keine Wunder unter skeptischen Landsleuten; Mk 10: Berufung des reichen jungen Mannes und die Katastrophe der Berufung des Judas Iskariot.
S. 474: So exklusiv wie Gott als Einziger angebetet werden will und Gehorsam verlangt, ja auch auf Mehrung aus ist, wie im Gleichnis von den anvertrauten Talenten, so exklusiv verfügt sonst nur noch die Liebe oder eben das Geld über Menschen. ...
Baal steht für Fruchtbarkeit und Reichtum ... Wer dem irdischen Kreislauf von Geben und Nehmen folgt, der hat kein Guthaben im Himmel. Denn Jesus sieht die Chance zur Veränderung der Welt zweifellos darin, dass der Kreislauf von Arbeit und Lohn durchbrochen wird. Wer sich für alles bezahlen lässt, der denkt rein diesseitig und kann kein Jünger Jesu sein.
S. 475: Der christliche Weg zum Glücklichwerden lässt sich am besten mit einer Umleitung im Strassenverkehr vergleichen ... Verschenkte Zeit, also solche, die wir anderen widmen, ist in Jesu Sinn doppelt und dreifach gewonnene Zeit.
S. 477: Geistlicher Tausch
Bürgerliche Normalität und Besitz gibt man weg. Freiheit und geistlichen Spielraum gewinnt man dafür.
S. 478: Spiritualität gibt es nicht zum Nulltarif. Sie muss jeden Tag erkauft werden durch Verzicht auf normale Lebensvollzüge und Annehmlichkeiten des "bürgerlichen" Daseins.
S. 483: In den drei ersten Evangelien, besonders im Werk des Lukas (Evangelium und Apostelgeschichte) tritt die Reichtumskritik Jesu deutlich hervor. Auffälligerweise fehlt sie im Johannesevangelium ebenso wie bei Paulus und im Rest der kanonischen Schriften, sieht man von wenigen Stellen in der Offenbarung des Johannes ab.
S. 484: Es ist aber interessant, dass Jesus auf das Verkaufen der Habe grösseren Wert legt als darauf, dass der Erlös dann den Armen zukommt. Denn für Jesus ist nur eines wirklich wichtig: Die Freiheit zu haben, den Willen Gottes tun zu können. Das meint Jesus mit "Suchen der Gerechtigkeit Gottes", zu dem alles andere hinzugegeben wird. Diese "alles andere" ist daher Zugabe, nicht Hauptziel. Die Aenderung der sozialen Verhältnisse ist daher sicher auf Dauer ein Ziel der Herrschaft Gottes.
S. 488 "Seid klug, kauft euch mit dem Geld aus der ungerechten Welt Freunde, die euch dann in die ewigen Häuser im Himmel aufnehmen, wenn hier alles vorbei ist." (Lk 16,9).
Es geht um nichts Anstössigeres als darum, sich mit Geld Freunde zu schaffen.
S. 489 Das Geld, das ihr habt, kommt immer aus Unrecht, das an ihm kleben. Irgendwo hat immer einer jemanden ausgebeutet, Zinsen genommen, Lohn geraubt oder zuviel verdient.
Kirche besteht nicht darin, dass einige für sich etwas Frommes denken. Vielmehr kann sie nur Wirklichkeit werden und die für sie geltende Verheissung nur dann lebendig werden, wenn Christen ganz real etwas Kostbares miteinander teilen. Zum Beispiel Zeit, Freude, Bewegug, Geld, Speise, Hobbys und Freunde. Je konkreter das ist, was ihr teilt, umso kompakter die Gemeinschaft. Jesus geht es immer um das übermorgen.

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