Montag, Juli 23, 2012

Wie Körper und Geist zusammenwirken

Interessant sind auch Boberts Ausführungen zu Körper und Geist, zuerst im speziellen zum Placeboeffekt: Das Wort „placebo“ werde in Psalm 116,9 verwendet, wo es „Gefallen“ bedeutet. Daraus sind Totenandacht, danach Scheinheiliges und heuchlerische Ersatzhandlung geworden. Zum medizinischen Begriff wurde es erst um 1900; der Placeboeffekt beschrieb Henry Beecher 1955, der Erfahrungen als Anästhesist im 2. Weltkrieg machte bei Schmerzmittelmangel und Placebos an verletzte Soldaten verteilte und Linderung feststellte. Herbert Benson schrieb 1997 in München zu „Heilung durch Glauben“. In der Materie wohne eine „schöpferische Potenz“, der Geist. Dieser Geist vermag den Körper umzugestalten durch biochemische Prozesse. Innere Bilder, Träume, Meditation und mantrisches Gebet lenken unsere Aufmerksamkeit, wirken positiv oder negativ durch das Gehirn auf den Körper ein. Das Bewusstsein steuert den Körper. Achtsamkeit ist das grundlegende Werkzeug zur Formung des Menschen. Leben in der Gegenwart, wirklich ganz da zu sein, gewahr zu sein, beeinflusst den Stoffwechsel positiv. Man spricht da von „Mindfulness-Based Cognitive Therapy MBCT“. In diesem Sinn bedeutet meditieren nicht leer werden, sondern Bewusstseinstraining und Gehirnbildung „brainbuilding“. Gehirne sind lebenslang modellier- und veränderbar, deshalb auch in einem gewissen Sinn frei und nicht vorherbestimmt. Alle wissenschaftlichen Ergebnisse sind und bleiben interpretationsbedürftig. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wesentliche Beschreibungen und grundlegende Entwicklungsschritte im Verhältnis von Mensch und Gott, Körper und Geist sind von folgenden Personen erzielt oder festgehalten worden: · Gregor von Nyssa, 330-395, wendete Bilderverbot auf das Gebet an, denn der unsichtbare Bräutigam sei da · Evagrius Ponticus, 345-399, ein Schüler von Gregor von Nazianz und gebildeter Mönch in der nitrischen Wüste Aegyptens, beobachtete seine eigenen Gedanken und lernte so „die Unterscheidung der Geister“. Er sah den Geist des Menschen auf Gottes- und Selbsterfahrung hin angelegt. Er empfahl zudem, nicht das Aussergewöhnliche und Spektakuläre zu suchen, weil dort die Dämonen der Ruhmsucht und des Stolzes seien. Generell haben die Wüstenmönche betont, dass man Jesus nur durch Anstrengung, Demut und unaufhörliches Gebet „besitzen“ könne · Cassian, 360-435, hinterliess in seinen „Collationes“ einen mantrischen, bildlosen Weg des Gebets · Bernhard von Clairvaux, 1090-1153, betete: „O jähe, heftige, brennende, ungestüme Liebe, die du keinen nicht auf dich bezogenen Gedanken duldest, ... alles ausser dir verschmähst (du) und mit dir allein zufrieden bist. Du lehnst alle Ordnung ab, kehrst dich an keine Schicklichkeit, kennst kein Mass. Ueber alles, was gute Zeit, Vernunft, Sitte, Rat und Ueberlegung zu sein scheint, setzest du dich siegreich hinweg. Alles, was die Braut denkt und spricht, tönt nach dir, duftet von dir und von nichts sonst. So sehr hast du Herz und Zunge in Beschlag gelegt.“ Deshalb sei jeder Mensch zur Liebe, ja zur Liebesvereinigung mit Gott bestimmt. Er sprach von fünf Liebesstufen: 1. Fleischliche Liebe: Der Mensch liebt sich selbst 2. Soziale Liebe: Der Mensch liebt Gott als Sklave 3. Funktionale Liebe: Der Mensch liebt Gott als Arbeiter 4. Faszinierende Liebe: Der Mensch liebt Gott als Kind 5. Bindende, innige, masslose, selbstlose, trunkene, verwandelnde Liebe: Mensch liebt Gott als Braut · Martin Luther, 1483-1546, definierte Glauben an Gott als von Gott geführtes Zusammensein von Gott und Mensch, das in lectio, oratio, meditatio und tentatio geübt werde · Ignatius von Loyola, 1491-1556, Gründer des Jesuitenordens, schrieb ein Exerzitienbuch. Darin macht er auf Gefahren der Egozentrik und Projektion beim Beten aufmerksam. In der Betrachtung Gottes, um Liebe zu erlangen, geht es um Verzicht auf äussere und mentale Aktivitäten (EB 234): „Nehmt, Herr, und empfangt meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Ihr habt es mir gegeben; Euch gebe ich es zurück. Alles ist Euer, verfügt nach Eurem ganzen Willen. Gebt mir Eure Liebe und Gnade, denn diese genügt mir.“ Er unterschied drei Stufen auf dem Weg zu Gott: 1. Reinigungsweg: Ruhig werden, Wahrnehmen und Unterscheiden von gedanklichen und gefühlten Prozessen: heilsamer Trost bewirkt Ruhe, Freude, Friede und Liebe in Gott; zerstörerische Trostlosigkeit führt zu Verzweiflung, Unruhe und Hass 2. Erleuchtungsweg: auf äussere Sinne verzichten, langsam beten und zunehmendes Verweilen in heilsamen Gedanken und Gefühlen: Indifferenz „Hesychia“ 3. Vereinigungsweg: blosses Schauen der göttlichen Personen ohne jegliche Aktivität mittels Jesus-Gebet, das an Atem gebunden ist; dauerhaftes Verweilen in heilsamen Gedanken und Gefühlen · Teresa von Avila, 1515-1582, unterschied vier Gebetsformen: 1. äusserliches, vorgesprochenes und nachahmendes Beten für Kinder 2. fragendes und reflektierendes Beten für Jugendliche 3. affektives und vertrauendes Beten wie zu einem Freund 4. kontemplatives, konzentrierendes und stilles Beten (das haben besonders Emmanuel Jungclaussen, Franz Jalics und Peter Dyckhoff in der Gegnewart aufgegriffen) . Johannes Maria Vianney (in Ars), 1786-1859, hat gesagt: „Ich schaue den guten Gott an, und der gute Gott schaut mich an“ · William James, 1842-1910, hat als einer der ersten 1890 über Neuroplastizität und Introspektion geschrieben · C. G. Jung, 1875-1961, forschte über das kollektive Unbewusste und das wahre Selbst des Menschen · Viktor Frankl, 1905-1997, machte auch überbewusste Erfahrungen · Abraham Maslow, 1908-1970, beschrieb überbewusste Erfahrungen in seiner Psychologie des Seins · John Main, 1926-1982 erneuerte die benediktinische Spiritualität mit Mantren, wie sie bereits Cassian in seinen Collationes als bildlosen Gebetsweg gelehrt hatte · Paul Virilio, geboren 1932, machte u.a. auf die Zeitrevolutionen aufmerksam: Transportwesen im 19. Jahrhundert, Uebertragungsmedien im 20. Jahrhundert und Entmaterialisierung und Körpervirtualität im 21. Jahrhundert · Mihaly Csikszentmihalyi, geboren 1934, schrieb ein Buch über „Flow“, worin er Zustände jenseits von Angst und Langeweile beschrieb, überwache Zustände mit hoher Konzentration. · Matthieu Ricard, geboren 1946, französischer Wissenschaftler und Buddhist, hat ein Buch über Glück geschrieben (München 2009). Er weist darauf hin, dass das Gehirn nicht äusseres und inneres Erleben unterscheide. Wir seien unseren eingeschliffenen Charaktermuster nicht schicksalhaft ausgeliefert. Die Lenkung der Aufmerksamkeit auf heilsame Bilder baue gesunde Charakterstrukturen auf.

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Mittwoch, Juli 04, 2012

Seccum esse

Ganz wichtig für Sabine Bobert ist „secum esse“, das bei sich sein und die Einsamkeit erlernen und aushalten können. Wahrscheinlich geht dieser Gedanke am stärksten auf Antonius, der 251 bis 356 gelebt hatte, zurück. Mit seinem einsamen Gang in die ägyptische Wüste und der damit verbundenen Askese etablierte er ein neues Lebensmodell, ja sogar einen Kulturtrend, die in der „Vita Antonii“ beschrieben worden ist. „Wer die himmlische Wirklichkeit wolle, der ziehe allein in die Wüste.“ Nachfolge bedeutete für ihn Zentrierung auf Jesus Christus, die Aufmerksamkeit lebenswirksam auf ihn lenken, Unwesentliches, Irrtümer und Zuschreibungen loslassen und auch sozial fremd sein und somit die Todeseinsamkeit vorwegnehmen. Dieses in Jesus zu ruhen, die „Hesychia“, brauche aber Training. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . In die gleiche Kerbe schlug später auch Ignatius von Loyola, der 1491 bis 1556 gelebt hatte, mit seinen geistlichen Uebungen. Besonders lehrte er, sich indifferent gegenüber dem Geschaffenen und Gegebenen zu machen. Noch heute sind seine grundlegenden Uebungen anwendbar und hilfreich, weil sie dem zu starken sozialen Zwang zur Individualisierung entgegenstehen. Christlicher Glaube lebt nach Bobert auch von Sozialisierung und Individualisierung durch spirituelle Techniken wie Einsamkeit, Schweigen, Fasten, Introspektion, Tagesstrukturen wie „ora et labora“, gemeinsames Singen und geistliche Begleitung. Schon die Wüstenväter achteten sowohl auf Erfüllung mit dem Heiligen Geist als auch gute Lebensweise, Herzenserkenntnis und Unterscheidung der Geister. . . . Als Beispiel für einen solchen gottgefälligen Lebensstil erwähnt Bobert Charles de Foucauld, 1858-1916, ein französischer Offizier und Lebemann, der 1881 wegen mangelnder Disziplin in die Armeereserve versetzt wurde und ein Jahr später von seiner Familie entmündigt wurde wegen Vermögensverschleuderung. In Kaplan Henri Huvelin fand er danach einen geistlichen Begleiter und kehrte um. 1901 wurde er Priester mit einer Sendung in die Sahara; bei den Tuareg war er dann „Bruder Karl“. 1902 schrieb er die Regeln der kleinen Schwestern vom Heiligsten Herz Jesu. In seinem abgelegenen Kloster wurde er aus Versehen von einem jungen Tuareg-Soldaten getötet. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auch Henri Nouwen, der begabte Psychologieprofessor, ging 1974 für sieben Monate ins Trappistenkloster, um seinen Zwängen und seiner Leere zu entkommen. Darüber schrieb er das Buch: Ich hörte auf die Stille. Abt John Endes Bamberger wurde im Kloster sein geistlicher Begleiter und verhalf Nouwen zu einer besseren Selbstwahrnehmung. Dazu gehören: . . . · eigene Grenzen akzeptieren, · Gottesbild verändern lassen, · Leidenschaften wahrnehmen und · den Kampf aufnehmen
Für Bobert sind Stufen des Glaubens jenseits materialistischer Reduktion wesentlich. Erfahrene und nicht nur geglaubte Liebe verwandle die Menschen. Einzelne Psychologen wie Fowler, Kohlberg und Graf haben dies aufgenommen und davon geschrieben: · James W. Fowler: Glaubensentwicklung. München 1989 · James W. Fowler: Stufen des Glaubens. München 1991 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt 1996 · Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Lebensspanne. Frankfurt 2000 · Stanislav Graf: Spirituelle Krisen. München 1990. Er hat einen transzendenzoffenen Ansatz ähnlich wie C.G. Jung. Spiritualität wird nicht nur negativ und krankmachend dargestellt, sondern auch reinigend, ekstatisch und umgestaltend erfahren, was sehr aufbauend sein kann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von diesen Stufen des Glaubens habe auch bereits Ambrosius von Mailand, 333 in Trier geboren und 397 in Mailand gestorben, gesprochen. Er war derjenige, der den Gemeindegesang in die Messe eingeführt hatte, ein pneumatisches und mystisches Eucharistieverständnis entwickelte, eine Abhandlung über den Heiligen Geist „de spiritu sancto“ schrieb, ein Kenner der Antike und Freund von Origenes war. Sein reifes theologisches Alterswerk war „De Isaac vel Anima“, worin er über Issak (Genesis 24 und 26), das Hohelied und die Seele sprach. Darin lassen sich vier Schritte unterscheiden: 1. Finden (oder Beginn; nach Ernst Dassmann, dem deutschen Ambrosiusbiograf) 2. Verlieren (Gefährdungen) 3. Wiederfinden (Läuterungen) 4. Vereinigen von Braut und Bräutigam (Vollendung)

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Dienstag, März 01, 2011

Gott der Liebe - Geist der Wahrheit

Im Moment lese ich gerade ein etwas unbekannteres Buch "Sturm und Sonne" von Henri Boulad, einem Franzosen, der in Aegypten lebt. Er ist erstaunt über die Verkopfung und den "Szientismus" der bei uns herrscht und hält uns Europäern einen Spiegel vor.
Gleich zu Beginn kommt ein Gebet vor, das er von einer alten Frau erhalten hatte, das ich mir leicht abgeändert aufgeschrieben habe:


Gott der Liebe – Geist der Wahrheit, du bist unfassbar, aber du bist!
Allwissend, allgegenwärtig und allmächtig nach deinen Plänen.
Du sprichst zu mir: Sei still; erkenne, dass ich Gott bin, dein Geist der Wahrheit in dir!
Geschenk Gott – unsere Antenne:
Alles, was wahrhaftig ist in mir, das bist du! Alles, was heil ist in mir, das bist du!
Durchblute und weite meine Gefässe und gib dem treuen Herzmuskel Kraft!
Ich danke dir für mein Leben und deinen Schutz, so wie es war, so sollte es sein.
Ich habe gesündigt in allen Bereichen und viel Notwendiges Gut-Tun unterlassen.
Wenn du kannst, so mache mich rein, schenke mir diese Gnade!
Gestalte das Verhältnis mit meinen Nächsten harmonisch,
gib ihnen und mir Erkenntnis und Liebeskraft;
Lass mich gerecht sein mit ihnen und mit mir selbst.
Verleihe mir wahre Gedanken mit Einsichten ohne Ausreden und sei es im Unterbewussten.
Denn sie nisten sich leicht ein aus Bequemlichkeit und aus Eigenliebe.
Geist der Wahrheit in mir, wirke in mir immerdar,
wirke mit mir in allen meinen Wünschen.
Vor allem schenke mir Liebeskraft, Güte und Geduld!

Labels: , , , , , , , , , ,

Montag, Februar 07, 2011

Sein vor Gott


Nichts mehr müssen und nichts mehr wollen

einfach mal nichts von mir geben müssen

einfach sein und auch nichts brauchen

dasein vor Dir und so Liebe empfangen

getränkt werden von dir und überfliessen

das ist schön und dann auch wieder wollen

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sonntag, Mai 23, 2010

Warum

Man kann Gott nicht beweisen, aber es gibt gute Gründe an ihn zu glauben. Naturwissenschaften können Auskunft geben über das "Wie" des Kosmos, nicht aber über das "Warum", (das geben sie nicht her und darin sind sie sich nicht einig):
- Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?
- Warum ist die Erde so präzise lebensfreundlich abgestimmt? (Anthropisches Prinzip)
- Warum gibt es Schönheit?
- Warum haben die Menschen Bewusstsein?
- Warum glauben so viele unterschiedliche (und auch intelligente) Menschen an Gott?
- Warum glauben viele, dass Jesus der Christus ist?

Im Natuschutzgebiet zwischen Ascona und Aregno



So viele Farben und Formen - warum?
Das Glitzern der Sterne - warum?
Keine Schneeflocke gleicht genau der andern - warum?
Das Rieseln und Rauschen des Wassers - warum?
All das dient keinem sichtbaren Zweck!
Es ist einfach da - damit ich staune und danke und singe.

Frei nach Anton Rotzetter

Labels: , , , , , , , , , , , , , ,

Dienstag, Dezember 02, 2008

JHWH, der unaussprechliche Name

Der unaussprechliche NAME – so schreibt Miskotte für JHWH auf Seite 166 – ist nicht anders als in einem qualifizierten Geschehen erkennbar. Denn alles hängt an der Präsenz und dem schöpferischen Handeln JHWHs. Rosenzweig hat das als „erzählende Philosophie“ bezeichnet. Das Zusammentreffen von Name und Geschehen bringt etwas völlig Eigenständiges an Ereignis und Begegnung hervor. Diese Einzigartige, das Name, Geschehen und Gestalt umfasst, ist in der irdischen Wirklichkeit nicht ablesbar, sondern nur durch das enthüllende und dienende Wort. JHWH ist also exklusiv und universell zugleich, eine Art „Wüstengott“, der Nomaden, Pilger und Fremdlinge liebt und nicht menschliche Herrschaft und Macht.

Miskotte setzt auch Offenbarung und Gegenwart Gottes von unserer natürlichen Welt ab, denn das Heil Gottes lässt sich nicht von der Schöpfung ableiten, sondern umgreift sie. Dazu schreibt er auf Seite 187: „In der Schrift geht es... um eine existenzielle Offenbarung... Diese Offenbarung... ist Erfüllung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Erfüllung der Zeit. Gott „ist“ nicht „da“ wie der Kosmos und der Mensch „da sind“, wir können ihn nicht in einem allgemeinen Weltbild unterbringen... Eben diese „Grundlosigkeit“ ist es, die im AT so beunruhigend und faszinierend zutage tritt. Wo kommt JHWH plötzlich her? Alleine von der Mitte aus kann man auf den Anfang zurückblicken, um ihn von da aus „Schöpfung“ zu nennen, und vorausblicken kann auf die Endzeit, um sie von da aus das „Reich“ zu nennen.

Miskotte, der profunde Sprachkenner, macht darauf aufmerksam, dass die Sprache des AT keinen speziellen Begriff für unser Wort „denken“ hat, ebenso ist „hören“ zugleich „tun“, „nicht-tun“ also ein „nicht-hören“. Da kommt wieder Barth zum Zug mit der Aussage: „Gottes Sein ist in der Tat seiner Liebe“.
Die Schöpfung hat Israel stets als ersten Akt der heiligen Geschichte verstanden. Deshalb muss jeder, der darin lebt, davon reden. Er geht von der Naivität des Betrachtens über zur tieferen Kindlichkeit des Erzählens. Die Erzählung muss verkündet werden, dabei geht es im Kern um die Taten des Herrn. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind Attribute von Gottes Handeln. Die Bibel ist im wesentlichen eine Erzählung und trägt die Wahrheit, die Tat Gottes, weiter. Gott offenbart sich in seinem Kommen: „Doch nicht das Neue Testament ist die Realisierung, sondern die Offenbarung selbst ist es, das fleischgewordne Wort, die ewige Tat, die ewige Zeit der Gnade, durch welche Gott nach seinem ewigen Ratschluss uns mit sich selber versöhnt hat.“ (S. 215)

Gottesnamen: der Name sagt das jeweils Entscheidende. Der Eigenname, JHWH, bestimmt den allgemeinen Namen, Elohim, der in Wahrheit vielmehr für einen Beinamen zu halten ist. „Der Allmächtige“ kommt als Name im ganzen At nicht vor, auch wird er nicht so gelobt, obwohl Gottes Allmacht erkannt und bekannt werden darf als Macht dieses bestimmten menschlichen, menschwerdenden und mit der Menschheit sich vereinigenden Gott.
· JHWH Zebaot: hat kosmische Reichweite, denn er ist immer umwogt von Millionen von Seraphim und Cherubim.
· El Schadday: bedeutet Gott vom Berg, Götterberg oder Weltenberg und meint, dass Gott Macht ausübt und so mein Beschirmer ist.
· JHWH Zidkenu: ist Gott, der für uns die Dinge und der uns selbst zurechtbringt.

Gott ist gross, aber nicht absolut, Gott ist offenbar, aber nicht begreiflich. Daher heisst „Ich bin Gott und sonst keiner“ ausser Gott ist nichts, das Wesen und Wert hat, nichts, das helfen könnte und Hoffnung gäbe. JHWH ist gut, indem er der grosse Befreier ist. Bei ihm zu sein, ist ein Gehen, ein Aufstehen aus dem niedergesunkenen Stande der Natur oder Sitte, um im Fortgang der Tage und der Taten tätig bei ihm, dem Befreier, zu bleiben. Die gnädige Präsenz des Lehrer aus der Höhe wirkt fort.

Miskotte möchte auch den Rabbinismus rückgängig machen, weil der gnostische Züge angenommen hat. Er sagt ab Seite 237: „Der Pentateuch ist nicht das Ganze, er kommt ohne prophetische Interpretation nicht zum Klingen. Gesetzliche Teile (sollte man) nicht gegenüber Theophanie, den Zeichen und Wundern, isolieren, Ethisches nicht gegen Kultisches abwägen oder abschirmen... Von jedem Gebot haben wir zu Gott aufzublicken... Die Spitze des Dekalogs ist: Bleibt bei eurem Befreier mit der Tat. In der Thora ist nichts buchstäblich anwendbar, doch jeder Buchstabe hat Gehalt von Hinweis auf einen intimen Kontakt mit der gnädigen Präsenz des Lehrers aus der Höhe.“

Und weiter ab Seite 260: “Gott ist unbegreiflich, der eingeborene Sohn hat ihn uns erklärt... es kann für uns selber nur eine Sache des Staunens sein. JHWH muss auch der Verkannte, der Geschmähte, der erfolglos Werbende und Liebhaber, der Verworfene und Gehöhnte sein.“ Die Erfüllung ist in Verzug, der Gott Israels hält sich verborgen, es gibt eine niedrige Gestalt und verhüllte Präsenz Gottes. Glauben heisst hier für Miskotte, dass wir damit nicht zurecht kommen, aber dies akzeptieren.
Er plädiert für eine „besondere“ Gegenwart Gottes anstelle einer „Allgegenwart“. Das Liebesleben von Mann und Frau, das Geist und Leib umfasst, ist Abspiegelung der Liebe Gottes und Bild des göttlichen Bundes. So dringt geistliches Leben in die Realität, ins Sinnliche, ins Ganzheitliche und in die Fleischwerdung durch. Gott ist nach Israels Glauben eben so: willkürlich, „amoralisch“ in seiner Wahl, alles gebend und viel fordernd, eifersüchtig „el kana“, brennend, innig in seiner Umarmung und furchbar in seiner Abweisung. Und hier zitiert er Franz Rosenzweig aus dem Stern der Erlösung Seite 96: „Nur die Liebe des Liebenden ist diese jeden Augenblick erneute Selbsthingabe, nur er verschenkt sich in der Liebe. Die Geliebte empfängt das Geschenk; dies, dass sie es empfängt, ist ihre Gegengabe, aber im Empfangen bleibt sie bei sich und ganz ruhend und in sich selige Seele.“ (S. 272)

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Montag, Dezember 01, 2008

Miskotte: Wenn die Götter schweigen


Einer meiner Lieblingstheologen, den ich zurzeit mit Gewinn lese, ist der holländische Autor Kornelis Heiko Miskotte. Er hat in den Sechzigerjahren ein überzeugendes Werk mit dem Titel: " Wenn die Götter schweigen. Vom Sinn des Alten Testaments" geschrieben. 1966 erschien es im Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh. 1995 wurde es durch Hartmut Spenner in D-45731 Waltrop neu aufgelegt (mit der ISBN 3-927718-66-1).

Kornelis Heiko Miskotte lebte von 1894 bis 1976. Er studierte 1914-20 in Leiden Theologie. Von 1921-45 war er Pfarrer in verschiedenen reformierten Gemeinden in Holland. Er war aber vermutlich mehr Denker und Literat als Pastor, denn das Leben als Pfarrer muss ihn ausgelaugt haben. Inspiration erhielt er aber durch Franz Rosenzweig und dessen Werk „Stern der Erlösung“ (1921) und durch Karl Barth und dessen „Römerbrief“ (1922). Von Karl Barth war er wesentlich beeinflusst und ab 1928 bis zu dessen Tod 1968 befreundet. Der Briefwechsel zwischen ihnen wurde später veröffentlicht. Barth bezeichnete Miskotte als „Seher und Dichter“ unter seinen Freunden. 1945-59 war Miskotte Theologieprofessor in Leiden. Er war verheiratet und hatte Kinder, wobei er seine erste Frau und eine Tochter recht früh durch eine tragische Lebensmittelvergiftung verlor.

Miskottes Hauptwerk wurde 1966 auch in Deutsch veröffentlicht. Sein Anliegen war es, die Einzigartigkeit, den Gehalt und Sinn des Alten Testaments aufzuzeigen. Darin ist Gott, der sich als „JHWH“ offenbart hat, im Mittelpunkt. „JHWH“ ist sein Name und sein Wesen zugleich. Er wird aber weder beschrieben (S. 139) noch erklärt, sondern im Handeln mit Israel erkannt, in Christus bezeugt und später durch die Worte der Bibel verkündigt. Bereits im Alten Testament ist „JHWHs“ Herabneigung und Menschenliebe enthalten: Er bestimmte und bereitete sich selbst, mit den Menschen zu sein (Seite 118) und hat wahrhaft menschliche Natur angenommen (Seite 136).
Die „Haggadisch“, die nachbiblische jüdische Lehre sah sieben präexistente Dinge vor der Schöpfung:
1. Thora
2. Thron Gottes
3. Patriarchen
4. Volk Gottes
5. Tabernakel
6. Name des Messias
7. Theschuba (was Antwort oder Umkehr bedeutet)

JHWH“ bezeichnet Miskotte als der unaussprechliche Name (S. 127). Er sei
1. kein israelitischer Name, wobei er darauf hinweist, dass dies umstritten sei
2. ein namenloser Name
3. ein Eigenname, um sich von der Welt der Götter zu unterscheiden
4. ein unübersetzbarer und unbegreiflicher Name

Miskotte setzt sich und den jüdisch-christlichen Glauben auch deutlich von der natürlichen Religion ab. Deshalb sagt er auf Seite 141 eher kritisch-negativ: „Heidentum ist identisch mit der Religion, die uns Menschen von Natur eigen ist. Das Griechische nämlich ist das geläuterte Klassisch-Menschliche; wir sind damit durchtränkt, und darin sehen wir... unseren europäischen Vorzug... antikes Lebensgefühl enthält ordnende und reinigende Kräfte, die wir stets mit erneuter Dankbarkeit annehmen dürfen.“

Um den Sinn des AT zu verstehen, sagt Miskotte zur jüdischen Einteilung folgendes:

1. Die „Thora“: ist eigentliche Basis, weil sie das Zeugnis von Gottes sich kümmern ist. Es ist ein „tragbares Heiligtum“, die heilige Lehre, Unterweisung für das erwählte Volk, denn Gott spricht inmitten des Schweigens der Götter. Sie lehrt uns beständig, die Gabe und die Aufgabe des Bundes betrachten; sie ist ein vorausgreifendes Geschehen: kommt von einem Geschehen her und richtet sich wieder auf eines. In der Thora ist nichts buchstäblich anwendbar, doch jeder Buchstabe hat Gehalt vom Hinweis auf einen intimen Kontakt mit der gnädigen Präsenz des Lehrers aus der Höhe. Die Spitze des Dekalogs ist: „Bleibt bei eurem Befreier mit der Tat!“ (S. 248)
2. Die Profeten rufen zur Erkenntnis des Bundes und des Gebots zurück. Der Profet ist Sprecher des konkreten Gotteswortes, er ist autoritativ und gleicht Gott in der Plötzlichkeit und Ueberraschung. Er leidet mit Gott, der verachtet, verworfen und dessen Bund geschändet wird. Im Profeten drückt sich das „Nomadische“, das souverän Freie, an JHWH aus (S. 290)
3. Die Schriften zeigen wie die Gemeinde auf Gottes Eingreifen reagiert hat


Er plädiert dafür, dass wir Gottes Allgegenwart von seiner besonderen Präsenz her verstehen, seine Allmacht von seiner besonderen Heilsmacht des Namens und Gottes Reich von seiner besonderen Herrschaft. „JHWH“ lasse sich nicht aus der Natur erkennen oder ableiten. Denn „Er“ ist primär der, der Israel in der Geschichte bei der Hand genommen und den Bund gestiftet hat, sekundär ist er auch der Bereiter des Raumes, in der die Geschichte stattgefunden hat. Es gebe keine allgemeine Moral und sittliche Weltordnung, denn das Gesetz begegne einem nirgends anders als im Wort. Der Wille JHWHs muss man hören und vernehmen, der Sinn ist:
1. beim Befreier (Israels) bleiben 2. die eigene Erwählung realisieren 3. sich nicht seiner Fürsorge entziehen 4. sich in Widerlegung des natürlichen Strebens schicken.
Dabei bedeutet Gnade Freispruch oder gemeinschaftsstiftende Gunst (Seite 161).

Labels: , , , , , , , , , , ,

Mittwoch, April 25, 2007

Theologische Gesprächsfiguren und Motive

In den „Theologischen Gesprächsfiguren“ im Teil 3 ab Seite 210 entfaltet Bartels aus christlicher Sicht verschiedene Motive und Themen, die für den Gebrauch des Enneagramms relevant sind. Er beginnt mit dem „Sündenmotiv“ und schreibt dazu: „ In den Podiumsinterviews wird also eine kritische Selbstbeobachtung kultiviert... spirituelles Anliegen der Selbstfindung ist nicht frei von den Einflüssen des sündigen Egos... ein radikales Sündenverständnis durch moderne psychologische Sensibilisierung passt zum Sündenbegriff der Reformation.“

Ab Seite 219: Das „Gnadenmotiv“ erachtet er zu Recht als wichtig für Muster 1. Nicht umsonst hat Luther um einen „gnädigen Gott“ gebetet und gerungen. (Schuldorientierung und Leugnung von Schuld hat die deutsche Kultur geprägt bis in die Gegenwart)

Ab Seite 228: Das „Gottesmotiv“. „Gott ist. Gott ist nahe und gegenwärtig. Gottes Geist, Kraft, Wirkmacht reicht hinein in jedes Ding und Wesen der Schöpfung, reicht hinein auch in den Menschen, bis in das Innerste des Menschen.“ Eine Kurzfassung Meister Eckharts Mystik nach Jürgen Linnewedel 1983. Hier erläutert Bartels die mystische Tradition, die jedoch in Gefahr läuft, die Seele als überpersönliche Grösse zu verstehen. Der Gottesbegriff wird dann unscharf und oszilliert zwischen Gott, dem Seinsgrund und der Seele. Mystik hat deshalb Grenzen, weil Gott und Seele in Bartels (und meinem) Verständnis nicht identisch sind.

Ab Seite 234: Das „Kontemplationsmotiv“ sieht er im Zusammenhang von Selbst- und Gotteserfahrung, Introspektion und Transzendenzerfahrung gehören eng zusammen. Wahrnehmungsgewohnheiten sind oft spirituelle Barrieren. Der Mensch muss Eingrenzungen seines Bewusstseins sprengen, dann werden wirkliche Zusammenhänge erfahrbar, nämlich Ruhen und Sein in Gott. (Meine Frage dazu ist, ob der Mensch in der Lage ist oder ob es nicht eher ein Geschenk Gottes ist!) Josef Sudbrack, ein Jesuit hat in seinem Werk „Was heisst christlich meditieren?“ (Mainz 1996) treffend vermerkt: „Je tiefer du in dein Selbst hineinsteigst, desto mehr wirst du gewahr, dass Gott allein es ist, der dich erfüllen und dir Verzeihung und Liebe schenken kann“

Ab Seite 241: Das „Transformationsmotiv“ geht von der Selbstverhaftung in Schritten zum befreiten Leben. Selbstwerdung (im christlichen Sinn) heisst nicht Selbstverwirklichung, sondern leer werden für Gott „vacare Deo“.

Labels: , , , , , , , , , ,

Dienstag, Oktober 10, 2006

Innere Achtsamkeit

Die Hinführung zur inneren Achtsamkeit, zum inneren Beobachter und zur Gnade des inneren Abstands (ab Seite 412) scheint Schulz ein zentrales Anliegen zu sein. Er greift nochmals Erich Fromm mit seiner „seinshaften Präsenz“ anstelle der Habsucht auf. Anselm Grün nennt das gleiche Geschehen „Einübung in die Nichtidentifikation“. Viel Raum nimmt dann die Auseinandersetzung mit (dem jüngeren) Christoph Blumhardt ein, da sich Schulz mit ihm seit über dreissig Jahren befasst hat und er ihn für einflussreich auf die Entwicklung der deutschsprachigen Theologie hält. Es geht hier spezifisch um die spirituelle Lebensgestaltung. „Merks“ heissen bei Blumhardt die Sensibilisierungen für den Willen Gottes durch beten, hören und tun, das „innerliche Reden Gottes“ wahrnehmen oder anders gesagt „aufmerksam sein auf die innere Stimme“. Denn der Geist Christi kann Eindrücke geben, auf die man sorgsam achten muss. Durch Folgsamkeit und Gehorsam wird das innerliche Reden Gottes immer vernehmlicher. Wir bekommen durch „nach innen gerichtetes Hören“ ein „Takt-, Fein- oder Zartgefühl“, ein geistliches Unterscheidungsvermögen, das durch Einübung zunimmt.
Im selben Unterkapitel (Seite 419) verweist Schulz auf das Buch von Richard Rohr: Von der Freiheit loszulassen. Es enthält u. a. eine Uebung von Thomas Keating, die eine didaktische und homiletische Einführung in die Kontemplation darstellt. Zusammenfassend definiert er Kontemplation so: „Kontemplation ist ein langer liebevoller Blick auf das, was wirklich ist. Dort wo wir nicht mehr urteilen und nicht mehr angreifen, sondern dort, wo wir einfach empfangen“.
Gesunder innerer Abstand stellt sich da ein, nach Francis Acharya, wo „Identifikationen nicht mehr die eine wesentliche und entscheidende Identifikation verdecken: die mit unserer Gottes-Kindschaft; ja, mit Gott und seiner Freiheit. Sie muss alles überstrahlen, ihr müssen sich alle anderen Identifikationen unterordnen“.
Jörg Zink hat es 1985 in seinem viel verbreiteten Buch „Wie wir beten können“ so formuliert: „Herr, mein Wort ist nicht genug. Ich will schweigen, damit ich lerne, dein und mein Wort zu unterscheiden. Denn ich möchte dein und nicht mein eigener Mund sein. Gib du mir dein Wort“.

Labels: , , , , , , , , , ,

Mittwoch, September 06, 2006

Spielen oder Sein?

Früher gab es in Mehrfamilienhäuser nur eine einzige Toilette draussen im Treppenhaus. An einem Samstagnachmittag beschloss ein kleiner Junge, er sei jetzt gross genug, um die Toilette alleine, ohne fremde Hilfe, zu benutzen. Er ging die Treppe hinauf, verriegelte hinter sich die Tür und kam sich für die nächsten Momente sehr erwachsen vor.
Dann wollte er wieder hinaus. Aber er bekam die Türe nicht mehr auf. Er versuchte mit ganzer Kraft, trotzdem schaffte er es nicht, den Schlüssel zurückzudrehen. Er geriet in Panik und dachte: „Ich muss den Rest meines Lebens in dieser Toilette verbringen!“ Und er fühlte sich plötzlich wieder wie ein kleiner Junge.
Die Eltern, Geschwister und Nachbarn hörten sein verzweifeltes Schreien. „Was ist los?“ rief die Mutter durch die Türe, die sich weder von innen noch von aussen wieder öffnen liess. „Bist du umgefallen? Hast du dir den Kopf angeschlagen?“
„Ich krieg die Tür nicht mehr auf!“ brüllte er.
Der Vater war bereits zur Garage gerannt, riss die Leiter runter, lehnte sie an die Hauswand genau unter dem Toilettenfenster. Er stieg hoch, stiess das Fenster auf und kletterte in die Toilette, in das Gefängnis des Jungen. Er ging an dem Jungen vorbei, drehte den Schlüssel zurück und machte die Türe auf. „Danke!“, sagte der Junge und lief zum Spielen davon.

So ähnlich funktioniert auch das Leben als Christ, denken wir oft. Wenn ich irgendwo feststecke, versuche ich erst einmal, mich selber zu befreien. Wenn das nicht geht, rufe ich Gott im Gebet um Hilfe. Gott hört dann mein Geschrei: „Hol mich hier raus, ich will wieder spielen!“ Er kommt und öffnet die Türe.
Manchmal tut er das tatsächlich. Aber jetzt, wo wir nicht mehr jung, sondern älter geworden sind, erkennen wir, dass Glaube nicht mehr ganz so funktioniert. Und wir fragen uns: Sind wir mit Gott zufrieden, lieben wir ihn noch, auch wenn er die Türe nicht aufschliesst? Wenn eine Ehe nicht wiederhergestellt wird? Wenn Kinder nicht aufhören zu rebellieren? Wenn gute Freunde uns im Stich lassen? Wenn finanzielle Sorgen drücken? Wenn der Gesundheitszustand trotz unseres Betens sich verschlechtert? Wenn die Einsamkeit oder eine Depression nicht enden will? Wenn eine gute Arbeit aufgegeben werden muss?
Lieben wir Gott auch noch, wenn er zwar durch das kleine Fenster in unsere düstere Kammer klettert, aber dann nicht vorbeigeht, um den Schlüssel zu drehen? Stattdessen hockt er sich zu uns auf den Boden und sagt: „Komm, setz dich zu mir!“
Es scheint, dass er der Meinung ist, dass es für uns wichtiger sei, zu uns zu kommen und bei uns zu sein, statt uns schnell zum Spielen rauszulassen. Oft sehen wir das nicht so wie er. „Hol uns hier raus!“ jammern wir. „Wenn du uns lieb hast, schliesst du endlich die Türe auf!“

Hier liegt viel an uns. Wir können Gott entweder weiter bitten, uns zu geben, wovon wir Glück und Erfüllung erhoffen – raus aus dem dunklen Raum, hin zum Spielplatz. Oder wir nehmen seine Einladung an und setzen uns zu ihm. Wir sind zwar noch im Dunklen, aber wir erhalten die Gelegenheit, ihn besser kennenzulernen. Es wird eine Zeit kommen, wo wir für immer „spielen“ dürfen, weil wir ganz bei ihm zu Hause sind.

Grundlage ist eine Geschichte von Lawrence Crabb. Buchempfehlung: Lawrence J. Crabb: Christsein ohne Krampf. Brunnnen Basel 2004

Labels: , , , , , , , , , ,

Freitag, August 18, 2006

Das Herz und der Schatz

Im letzten Teil möchte ich Wilfried Daim ab Seite 151 und fortfolgende zu Wort kommen lassen:
Christi Wort: "Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz" zielt auf einen zentralen Sachverhalt des menschlichen Daseins. Der Schatz ist, wie Christus sagt, das Himmelreich. Die beiden Gleichnisse, die sich mit dem Schatz und der Perle beschäftigen, zeigen, dass der Schatz den Inbegriff des Wertvollen für einen Menschen darstellt. Er ist der für einen Menschen absolute Wert, der Wert, der den Inbegriff seines Strebens und Begehrens ausmacht: sein Schatz.
Credere kommt, wie wir an anderer Stelle bereits ausführten, von cor-dare, Sein-Herz-setzen. Das Herz ist hier ein Symbol für das Zentralste im Menschen. Es symbolisiert das organisierende Zentrum der menschlichen Kräfte, es ist das personale Zentrum, das Wichtigste im Menschen, das was seine Kräfte integriert. Man liebt, glaubt und hofft mit dem Herzen. Die zentralen positiven und negativen Affekte sind solche des Herzens: Liebe und Angst. Der Schatz nun steht zum Herzen in enger Beziehung. Das Herz wird "an etwas gehängt", wird auf etwas gesetzt. ...
Es mag eine Formulierung gewagt werden, die leicht falsch verstanden werden kann: Dem objektiven Gott entspricht das Göttliche in uns. Es ist diese Fähigkeit des Verhaltens zum Absoluten das Kernstück der menschlichen Persönlichkeit, und sein Symbol ist das Herz. Diese Fähigkeit, das Verhaltenkönnen zum Absoluten, ist das Wesentlichste eines Menschen und auch das Wertvollste seiner selbst. es ist das Selbst schlechthin.
Diese Fähigkeit muss in jedem Falle betätigt werden. Wie wir schon zitierten: Wer keinen Gott hat, hat einen Götzen. Der Mensch identifiziert sich mit seinem Schatz, das heisst, er steht und fällt mit seinem Absoluten. Der Schatz eines Menschen und sein Herz sind sozusagen miteinander verschmolzen, sind für den Menschen miteinander vertauschbar. Der Mensch hat sein Herz an sein Absolutes abgetreten, das ihn nun dirigiert, sich seiner Kräfte bemächtigt und diese auf sich hin zentriert, wie wir das schon darstellten.
Das Herz ist hingeordnet auf Gott, der sein eigentlicher Schatz ist. Daher ist das Herz auch unruhig "bis es ruht in Gott". Wird diese Hinordnung realisiert, dann besitzt der Mensch auch sich selber, so paradox es klingen mag. Er ist dann fähig, seine eigene Wirklichkeit zu leben und zu entfalten, da sein eigenes Zentrum in Ordnung ist. Der Mensch ist dann "er selber", wenn Gott sein Schatz ist.
Die Realisierung des eigenen Selbstwertes und damit auch die echte Selbständigkeit ist nur dann möglich, wenn das Herz des Menschen im realen Absoluten verankert ist. Das Herz eines Menschen ist sein subjektives Heiligtum, und es ist wichtig, was er dort verehrt. Man könnte das Herz auch "heiliges Selbst" oder "wahres Selbst" nennen, dem das bewusste Ich nur vorgebaut ist.

Labels: , , , , , , , , ,

Freitag, Juli 14, 2006

lev

Hebräisch "Lev" bedeutet: Eifer, Entschluss, Geist, HERZ, Lust, Mut, Sinn, Vernunft, Verstand oder Wohlwollen.
"lev" kommt äusserst häufig im AT vor und meint meistens das Innere, den Kern, die Personenmitte, die tiefsten Beweggründe, die Aufmerksamkeit und Konzentration des Menschen, eines Volks oder Gottes. Es kann auch mit menschlichem Denken, Planen, Sinnen, Trachten, Ueberlegen und Entscheiden umschrieben werden. Das menschliche Herz verarbeitet und ordnet äussere Eindrücke. Das Herz kann auch für Teile der Schöpfung wie Tiere und das Meer stehen. Aehnliche Definitionen sind:
- Das Zentrum aller Eigenschaften, die uns zu Menschen machen; das wahre Selbst (John Eldredge)
- Der wesentliche Kern der menschlichen Persönlichkeit (James Houston)
- Die Entscheidungsmitte des Menschen (Josef Pieper)
- Ich (Oswald Chambers)
- Ureigenes, Zentrum der Lebenskraft, Ort der Gewissens, Sitz der Seele & Gefühle (Auffassung der westlichen Kultur nach Silvia Schroer & Thomas Staubli)
- Zentrum der inneren Persönlichkeit (Alfred Sonnenfeld)

Labels: , , , , , , , ,

Mittwoch, Dezember 14, 2005

Hektik als Wachstumskiller


John Ortberg, der bekannte geistliche Autor aus den USA schrieb in seinem Buch "Das Leben, nach dem du dich sehnst" folgendes:

Kurz nach meinem Umzug nach Chicago bat ich einen weisen Freund um geistliche Richtungsweisung. Ich beschrieb das viel zu hohe Tempo, in dem sich die Dinge in meiner gegenwärtigen Situation bewegten. Ich erklärte ihm den hektischen Rhythmus unseres Familienlebens und meine momentane innere Verfassung. Was, so fragte ich ihn, musste ich tun, um geistlich gesund zu sein?
Lange Pause.
"Du musst konsequent alle Hektik aus deinem Leben verbannen", sagte er schliesslich.
Wieder eine lange Pause.
"Okay, ich habe mir diesen Punkt notiert", erklärte ich ihm, schon etwas ungeduldig. "Das ist schon ganz gut. Was noch?"
Ich hatte noch eine Menge Dinge zu erledigen, ausserdem war es ein Ferngespräch. Ich wollte also so viel geistliche Weisheit wie möglich in so wenig Zeit wie nötig aus ihm herausquetschen.
Noch eine lange Pause.
"Es gibt nichts anderes", sagte er.

Hektik, Schnelllebigkeit und eine überhöhte Lebensgeschwindigkeit gehören meiner Meinung nach zu den grössten Gefahren der Gegenwart. Viele Menschen im Westen sind davon betroffen und diese schleichende Seuche macht auch vor uns Christen nicht halt. Wir lehnen zwar Gott nicht ab, aber wir haben fast keine ausschliessliche Zeit für ihn, weil wir zu beschäftigt sind.
Wer kennt das nicht: müde, erschöpft und ausgelaugt nach Hause kommen oder bereits dort sein, weil uns Alltag und Familienleben soviel abverlangen? Wir werden heute stark gefordert, aber das hat einen hohen Preis. Schnelllebigkeit ist niemals neutral. Früher bedeutete "fast living" nicht nur schnelllebig, sondern auch ausschweifend! Und das stimmt heute noch: ein zu schneller Lebensstil gefährdet unsere Beziehungen, beeinträchtigt unsere Gesundheit und bedroht unsere Seelen.
Genau gleich wie in der Physik erfordert eine hohe Lebensgeschwindigkeit letztlich viel mehr Aufwand, Energie und verursacht viel "Abgase" und Lärm. Es ist nicht mehr möglich im Flüsterton und entspannt miteinander zu sprechen. So auch im geistlichen Leben: die flüsternde Stimme des Heiligen Geistes wird übertönt und ist nur mehr schlecht zu hören oder wir sind zu angespannt.
Wenn wir Gott wirklich begegnen wollen, müssen wir die Geschwindigkeit herunterfahren. Jesus Christus hastet nicht einfach mit uns durchs Leben. Er ist nicht einer, der einfach alles mitmacht, sondern er fordert uns vielmehr immer wieder auf, umzukehren! Damit wir zur Ruhe kommen. Dort ist er besonders gegenwärtig und zeigt uns seine unendliche Liebe.
Das verlangt von uns Christen oft "nein" zu sagen! Ich verweigere dem Stress von Aussen den Zutritt zu meiner Personenmitte oder werfe diesen Eindringling möglichst bald wieder hinaus. Nein zu einer überhöhten Lebensgeschwindigkeit und zum Rasen durch Raum und Zeit. Die pulsierende Welt kommt auch ohne uns zurecht. Wir sind ganz gut im geölten Räderwerk zu ersetzen und das ist auch gut so. Selbst Gott ist nicht auf unsere Arbeit, Fleiss und Tüchtigkeit angewiesen. Aber er sehnt sich danach, dass wir als seine geliebten Kinder bei ihm sind und ihm wirklich zuhören.

"Errettet sein heisst, Gott in den Rhythmus meines täglichen Lebens hineinwirken zu lassen und ihm dann gehorsam zu sein. Das bedeutet, dass euer Leben anders ist, als es sonst sein würde." Daniel Taylor

Fragen zum Thema und zur Umsetzung in den Alltag:
 Ist mein Leben mehr von "sein" oder von "tun" und "haben" geprägt?
 Lasse ich mir von Gott wirklich etwas sagen oder laufe ich immer im gleichen Schema?
 Plane ich Zeiten mit Gott in meine Agenda ein?
 Was passiert, wenn ich einen Bus oder Zug verpasse oder gar ein Autopanne erleide?
 Erlaube ich mir zweckfreie Zeiten im Alltag?

Labels: , , , , , , , , , , ,