Montag, Juli 23, 2012

Wie Körper und Geist zusammenwirken

Interessant sind auch Boberts Ausführungen zu Körper und Geist, zuerst im speziellen zum Placeboeffekt: Das Wort „placebo“ werde in Psalm 116,9 verwendet, wo es „Gefallen“ bedeutet. Daraus sind Totenandacht, danach Scheinheiliges und heuchlerische Ersatzhandlung geworden. Zum medizinischen Begriff wurde es erst um 1900; der Placeboeffekt beschrieb Henry Beecher 1955, der Erfahrungen als Anästhesist im 2. Weltkrieg machte bei Schmerzmittelmangel und Placebos an verletzte Soldaten verteilte und Linderung feststellte. Herbert Benson schrieb 1997 in München zu „Heilung durch Glauben“. In der Materie wohne eine „schöpferische Potenz“, der Geist. Dieser Geist vermag den Körper umzugestalten durch biochemische Prozesse. Innere Bilder, Träume, Meditation und mantrisches Gebet lenken unsere Aufmerksamkeit, wirken positiv oder negativ durch das Gehirn auf den Körper ein. Das Bewusstsein steuert den Körper. Achtsamkeit ist das grundlegende Werkzeug zur Formung des Menschen. Leben in der Gegenwart, wirklich ganz da zu sein, gewahr zu sein, beeinflusst den Stoffwechsel positiv. Man spricht da von „Mindfulness-Based Cognitive Therapy MBCT“. In diesem Sinn bedeutet meditieren nicht leer werden, sondern Bewusstseinstraining und Gehirnbildung „brainbuilding“. Gehirne sind lebenslang modellier- und veränderbar, deshalb auch in einem gewissen Sinn frei und nicht vorherbestimmt. Alle wissenschaftlichen Ergebnisse sind und bleiben interpretationsbedürftig. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wesentliche Beschreibungen und grundlegende Entwicklungsschritte im Verhältnis von Mensch und Gott, Körper und Geist sind von folgenden Personen erzielt oder festgehalten worden: · Gregor von Nyssa, 330-395, wendete Bilderverbot auf das Gebet an, denn der unsichtbare Bräutigam sei da · Evagrius Ponticus, 345-399, ein Schüler von Gregor von Nazianz und gebildeter Mönch in der nitrischen Wüste Aegyptens, beobachtete seine eigenen Gedanken und lernte so „die Unterscheidung der Geister“. Er sah den Geist des Menschen auf Gottes- und Selbsterfahrung hin angelegt. Er empfahl zudem, nicht das Aussergewöhnliche und Spektakuläre zu suchen, weil dort die Dämonen der Ruhmsucht und des Stolzes seien. Generell haben die Wüstenmönche betont, dass man Jesus nur durch Anstrengung, Demut und unaufhörliches Gebet „besitzen“ könne · Cassian, 360-435, hinterliess in seinen „Collationes“ einen mantrischen, bildlosen Weg des Gebets · Bernhard von Clairvaux, 1090-1153, betete: „O jähe, heftige, brennende, ungestüme Liebe, die du keinen nicht auf dich bezogenen Gedanken duldest, ... alles ausser dir verschmähst (du) und mit dir allein zufrieden bist. Du lehnst alle Ordnung ab, kehrst dich an keine Schicklichkeit, kennst kein Mass. Ueber alles, was gute Zeit, Vernunft, Sitte, Rat und Ueberlegung zu sein scheint, setzest du dich siegreich hinweg. Alles, was die Braut denkt und spricht, tönt nach dir, duftet von dir und von nichts sonst. So sehr hast du Herz und Zunge in Beschlag gelegt.“ Deshalb sei jeder Mensch zur Liebe, ja zur Liebesvereinigung mit Gott bestimmt. Er sprach von fünf Liebesstufen: 1. Fleischliche Liebe: Der Mensch liebt sich selbst 2. Soziale Liebe: Der Mensch liebt Gott als Sklave 3. Funktionale Liebe: Der Mensch liebt Gott als Arbeiter 4. Faszinierende Liebe: Der Mensch liebt Gott als Kind 5. Bindende, innige, masslose, selbstlose, trunkene, verwandelnde Liebe: Mensch liebt Gott als Braut · Martin Luther, 1483-1546, definierte Glauben an Gott als von Gott geführtes Zusammensein von Gott und Mensch, das in lectio, oratio, meditatio und tentatio geübt werde · Ignatius von Loyola, 1491-1556, Gründer des Jesuitenordens, schrieb ein Exerzitienbuch. Darin macht er auf Gefahren der Egozentrik und Projektion beim Beten aufmerksam. In der Betrachtung Gottes, um Liebe zu erlangen, geht es um Verzicht auf äussere und mentale Aktivitäten (EB 234): „Nehmt, Herr, und empfangt meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Ihr habt es mir gegeben; Euch gebe ich es zurück. Alles ist Euer, verfügt nach Eurem ganzen Willen. Gebt mir Eure Liebe und Gnade, denn diese genügt mir.“ Er unterschied drei Stufen auf dem Weg zu Gott: 1. Reinigungsweg: Ruhig werden, Wahrnehmen und Unterscheiden von gedanklichen und gefühlten Prozessen: heilsamer Trost bewirkt Ruhe, Freude, Friede und Liebe in Gott; zerstörerische Trostlosigkeit führt zu Verzweiflung, Unruhe und Hass 2. Erleuchtungsweg: auf äussere Sinne verzichten, langsam beten und zunehmendes Verweilen in heilsamen Gedanken und Gefühlen: Indifferenz „Hesychia“ 3. Vereinigungsweg: blosses Schauen der göttlichen Personen ohne jegliche Aktivität mittels Jesus-Gebet, das an Atem gebunden ist; dauerhaftes Verweilen in heilsamen Gedanken und Gefühlen · Teresa von Avila, 1515-1582, unterschied vier Gebetsformen: 1. äusserliches, vorgesprochenes und nachahmendes Beten für Kinder 2. fragendes und reflektierendes Beten für Jugendliche 3. affektives und vertrauendes Beten wie zu einem Freund 4. kontemplatives, konzentrierendes und stilles Beten (das haben besonders Emmanuel Jungclaussen, Franz Jalics und Peter Dyckhoff in der Gegnewart aufgegriffen) . Johannes Maria Vianney (in Ars), 1786-1859, hat gesagt: „Ich schaue den guten Gott an, und der gute Gott schaut mich an“ · William James, 1842-1910, hat als einer der ersten 1890 über Neuroplastizität und Introspektion geschrieben · C. G. Jung, 1875-1961, forschte über das kollektive Unbewusste und das wahre Selbst des Menschen · Viktor Frankl, 1905-1997, machte auch überbewusste Erfahrungen · Abraham Maslow, 1908-1970, beschrieb überbewusste Erfahrungen in seiner Psychologie des Seins · John Main, 1926-1982 erneuerte die benediktinische Spiritualität mit Mantren, wie sie bereits Cassian in seinen Collationes als bildlosen Gebetsweg gelehrt hatte · Paul Virilio, geboren 1932, machte u.a. auf die Zeitrevolutionen aufmerksam: Transportwesen im 19. Jahrhundert, Uebertragungsmedien im 20. Jahrhundert und Entmaterialisierung und Körpervirtualität im 21. Jahrhundert · Mihaly Csikszentmihalyi, geboren 1934, schrieb ein Buch über „Flow“, worin er Zustände jenseits von Angst und Langeweile beschrieb, überwache Zustände mit hoher Konzentration. · Matthieu Ricard, geboren 1946, französischer Wissenschaftler und Buddhist, hat ein Buch über Glück geschrieben (München 2009). Er weist darauf hin, dass das Gehirn nicht äusseres und inneres Erleben unterscheide. Wir seien unseren eingeschliffenen Charaktermuster nicht schicksalhaft ausgeliefert. Die Lenkung der Aufmerksamkeit auf heilsame Bilder baue gesunde Charakterstrukturen auf.

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