Dienstag, April 10, 2012

Der vierfache Schriftsinn aus jüdischer Sicht


Das Buch "Im Garten der Schrift. Wie Juden die Bibel lesen."
ist im Verlag St. Ulrich Augsburg 2006 unter der ISBN-Nummer: 978-3-936484-67-0 erschienen.

Der Autor Daniel Krochmalnik wurde 1956 in München geboren. Heute ist er Professor für Philosophie, Geistesgeschichte und Religionspädagogik an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg. Zudem ist er Privatdozent für Philosophie an der Universität Heidelberg. Er ist Autor und moderiert die Radiosendung „Schalom“ im Bayrischen Rundfunk, ebenso ist er erster Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Heidelberg.

Zum Inhalt:
Daniel Krochmalnik führt in diesem Buch ins jüdische Verständnis der hebräischen Bibel ein. Er ist davon überzeugt, dass die Geschichten der Bibel zukunftsträchtig sind, weil sie wiederholungsgängig und vergangenheitsgesättigt sind. Er macht plausibel, dass es dabei um eine Lehre geht, die sich laufend erneuert und die methodisch wiederbelebt wird. So werden die Erzählfäden zu einem Gewebe mit wiederkehrenden Mustern und verkörpern dadurch das kollektive Gedächtnis.
Für die Bibelauslegung empfiehlt er vier Schritte, die auch dem "vierfachen Schriftsinn" entsprechen:
1. Literarierisierung – Wortsinn
2. Konzeptualisierung/Typologisierung – geistiger, allegorischer oder Bildsinn
3. Idealisierung – moralischer oder Begriffssinn
4. Hypostasierung – anagogischer oder Geheim- oder Hoffnungssinn


Diese vier Schritte sind auch im hebräischen Wort „PaRDeS“ oder ganz deutsch vokalisiert „Paradies“ enthalten, das besonders in der Kabbala die Bedeutung von Lernort und Lustgarten hat, worin der Baum die Weisheit der Tora selbst ist:
1. P = „Pschat“ = einfacher Sinn = Mischna = Chronik = Information = imitatio rerum
2. R = „Remes“ = angedeuteter Sinn = Maschal = Weisheit = Konnotation = imitatio naturae
3. D = „Drasch“ = belehrender Sinn = Midrasch“ = Weisung = Instruktion = imitatio veterum
4. S = „Sod“ = geheimer Sinn = Kabbala = Profetie = Intention = imitatio dei

Ein Beispiel: In Genesis 2,11 werden vier Flüsse erwähnt: Pischon, Gichon, Chidekel und Frat. Da lassen sich bereits drei der vier Sinne gut zeigen: Die vier Flüsse sind zuerst wörtlich zu verstehen; dann werden die vier Flüsse auch als die vier Exile gedeutet: Babylon, Persien, Griechenland und Rom; und die vier Flüsse werden im profetischen Sinn zu vier Reichen: Himmelreich, Messiasreich, Friedensreich und Weltreich.

Vier grosse Rabbiner des Mittelalters stehen auch für die vier Schriftsinne, weil sie besonders auf je diese hingewiesen haben in ihren Auslegungen der hebräischen Bibel:
1. RASCHI: Rabbi Schlomo ben Izchak (1040-1105) steht für den Wortsinn
2. RAMBAM: Rabbi Mosche ben Maimon (1138-1204) steht für den Bildsinn
3. RAMBAN: Rabbi Mosche ben Nachman (1194-1270) steht für den Begriffssinn
4. RAMAK: Rabbi Mosche Kordovero (1522-1570) steht für den Geheimsinn

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