Sonntag, April 23, 2017

7. Mystik, die Quellen der Kraft

Ich überspringe das Kapitel 6: Eros, die Liebe zum Leben, die Schleske auf den Seiten 233 bis 247 beschreibt, da mich dieses Kapitel nicht sonderlich angesprochen hat. Im siebten Kapitel, auf den Seiten 248 bis 300, schreibt er dagegen treffsicher über Mystik. Er definiert Sünde als eine Art Gegenentwurf, der eigentlich bedeute, den Dialog des Geistes zu versäumen und die Ehrfurcht vor dem gemeinsamen Leben zu verlieren (Seite 256). Wer zum Staunen und Danken nicht fähig sei, der werde auch zum Glauben und Lieben kaum fähig sein. Die Bibel sei ein Instrument Gottes, das in uns einen Resonanzboden finden will. Sie bleibe stumm, wenn sie in uns kein hörendes Herz vorfindet, weil wir ihr Geheimnis nicht mehr lieben (Seite 260). Wissen sei wie der Notensatz, Erkenntnis dagegen wie der Klang. Schleske übertreibt dann etwas und ist meiner Meinung nach zu subjektiv, wenn er sagt: Nur im hörenden Herzen verwandle sich die Bibel zum Wort Gottes (Seite 264). Die Bibel entfalte eine reinigende Kraft, wenn wir die Worte in einem liebenden Geist lesen und in der Stille geniessen. Sie stärke, rate, inspiriere, tröste, korrigiere, verwandle und schaffe Neues in uns. Gebet solle in der Freude der Gottesliebe beginnen; denn Gebet sei vollkommenes Vertrauen. Lass es zu, dass Gott dich mit Vertrauen durchfluten könne (Seite 269-270). Wer Gott um etwas bitte, der lade ihn ein, einen Raum einzunehmen, der unserer Einwilligung bedürfe (Seite 273). Um nicht auszulaugen brauche es Brachland, das sei zweckfreie, urteilsfreie und erwartungsfreie Zeit. Wir sollen nicht nur hören, sondern müssen auch spüren, was wir eigentlich wollen. Glaube sei empfängliches, betendes Hinsehen und Kämpfen (Seite 278). Christus werde durch Wort, Werk und Wunder hörbar (Seite 288). Begegnung mit Gott sei ein Geschenk für sehnsüchtige Menschen, nicht Lohn für fromme Personen. Glauben sei Vertrauen, Leben in ungeschützter Offenheit für Gott; so werde Unmögliches möglich (Seite 295). Blaise Pascal hatte es so formuliert: Man muss die göttlichen Dinge lieben, um sie zu kennen, und man dringt nicht in die Wahrheit ein, es sei denn durch die Liebe zu Gott.
Innenraum mit Licht als Bild für Mystik aus christlicher Perspektive

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Mittwoch, März 08, 2017

Der traditionelle Koran: Die fehlerlose Kopie aus dem Himmel

Ein zentrales Dogma des Islam ist, dass der Koran unerschaffen sei. Muhammad habe den Text von Gott durch die Vermittlung des Erzengels Gabriel in 23 Jahren mündlich erhalten und so an seine Nachwelt überliefert. Jedes Wort sei darum korrekt, authentisch, unverrückbar, heilig und ewig gültig. Und es gäbe nichts auf der Welt, was nicht im Koran enthalten wäre. Der Koran in der Fassung des Kalifen Othman sei der einzig authentische, und die Fassung von Kairo 1924 entspreche diesem und sei somit die identische Kopie des im Paradies aufbewahrten Original (Seite 15). Fakt ist, dass der Koran aus 114 Suren à 4 bis 286 Versen besteht; die längste ist am Anfang, die kürzeste am Schluss angeordnet. Er ist arabisch verfasst, aber auch da schwer verständlich; er enthält zudem viele Fremdwörter aus dem Aramäischen, Persischen, Griechischen und Hebräischen, was aber von den meisten Koranlehrern nicht anerkannt wird. Frühere Verse können durch spätere aufgehoben werden; so werden mekkanische Suren durch medinische überholt und aufgehoben.

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Mittwoch, April 09, 2014

Nimm und iss... Die Bibel als Lebensmittel

Von Eugene H. Peterson habe ich schon lange und immer wieder viel Gutes gehört, doch noch nie ein Buch von ihm gelesen. Nun hat der Neufeld-Verlag im süddeutschen Schwarzenfeld - den ich sehr schätze - dieses Jahr ein Buch unter der ISB-Nummer 978-3-86256-045-5 von Peterson aufgelegt. Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel: „Eat this book – A Conversation in the Art of Spiritual Reading“ bereits im Jahr 2006. Die vorzügliche Uebersetzung besorgte Evelyn Sternad. . . . . . . Zum Autor: Eugen H. Peterson wurde 1932 geboren. Er gründete 1962 eine presbyterianische Gemeinde in Maryland USA und leitete sie 29 Jahre. 1993 bis 1998 war er Professor für spirituelle Theologie am Regent College in Vancouver, Kanada. 2002 erschien seine Bibelübersetzung „The Message“, an der er zehn Jahre gearbeitet hatte. Mit dieser Uebersetzung, mit seinen Bücher und Predigten will er die Bibel wieder und neu in die Herzen der Menschen pflanzen. Er hat über dreissig Bücher geschrieben und mehrere Ehrendoktortitel erhalten. Seine Frau und er haben drei Kinder und sechs Enkel, sie leben heute in Montana, wo er auch aufgewachsen war. Zum Buch: Der Titel bezieht sich auf die Bibelstelle in Offenbarung 10,9, wo der Engel Johannes gebeten hat, das kleine Buch zu nehmen und zu essen. Das ist eine der zentralen Aussagen über das Wort Gottes, die sich über die ganze Bibel hinweg ziehen. Denn es geht darum, die Bibel, das aufgeschriebene Wort Gottes, geistlich zu lesen und wie ein Lebensmittel aufzunehmen und nicht nur als Informationsquelle, Wissensspeicher oder gar als Rechtsmittel zu verwenden. Auch im ersten Psalm ist davon die Rede, über die Weisung Gottes nachzusinnen (Vers zwei); aber es ist eine unzureichende Uebersetzung des hebräischen Verbs „hagah“. Denn es geht viel mehr um ein wohliges knurren, ein andauerndes kauen und ein sich verlieren in der Torah. Auch Bonventura hat gesagt: „Viel zu wissen und nichts zu schmecken – wozu soll das gut sein?“ „Christen zehren also von der Bibel. Die Heilige Schrift ernährt die heilige Gemeinschaft genauso, wie Nahrung unseren Körper ernährt. Christen erlernen, studieren oder verwenden die Bibel nicht nur. Wir verleiben sie uns ein, wir nehmen sie mit in unser Leben hinein. Sie wird verarbeitet zu Liebestaten, Bechern voll kühlen Wassers, Aussendungen in die Welt, Heilung, Evangelisation und Gerechtigkeit im Namen Jesu.“ So drückt sich Peterson auf Seite 33 aus. Die Erzählform sei das hauptsächliche sprachliche Mittel, womit Gott uns sein Wort nahe bringt, denn sie ist uns gut zugänglich. „Für uns Juden ist es wichtiger, die Bibel zu studieren, als ihr zu gehorchen, denn wenn du sie nicht richtig verstehst, dann gehorchst du ihr nicht richtig, und dein Gehorsam wird zum Ungehorsam“ (Seite 98). Die Bibel sei vor allem mündlich zu verstehen, das hat bereits der schottische Theologe James Barr festgestellt. Denn die aufgeschriebenen Worte wurden ihrem ursprünglichen Zusammenhang entrissen: Klang, Tonfall, Rhythmus, Stimmen, Töne und Düfte sind nicht mehr enthalten; sie sind der natürlichen Umgebung entzogen (Seite 114). . . . . . . . . . . Zentrales Anliegen von Peterson ist die „lectio divina“, das geistliche Lesen der Bibel. Sie umfasst die vier Elemente lectio, meditatio, oratio und contemplatio, die aber nicht nur linear zu verstehen und anzuwenden seien. Denn „Bibelverse sind keine Glückskekse, die man beliebig aufbricht... Meditation ist der beste Weg, um uns vor der Zerstückelung unseres Bibellesens in isolierte Orakel zu schützen... Beten (oratio) heisst in den Satzbau und die Grammatik des Wortes Gottes zu treten. Wir verlassen die enge Welt des Ichs und treten ein in die weite Welt Gottes. Kontemplation bedeutet nicht nur leben, sondern auch geschehen lassen, kontemplative Menschen seien insofern gescheiterte Schriftbetrachter" (Seiten 133-142). Peterson warnt vor der Gefahr, die Bibel zu haben, zu verteidigen und zu feiern, anstatt sie zu empfangen, sich ihr zu unterwerfen und sie zu beten. Es gebe eine Entweihung der Bibel nach unten und nach oben! Nach oben bedeute, dass man die ursprüngliche, meist einfache Sprache der Bibel ignoriere, die oft eine Sprache der Unterschicht gewesen sei. Gerade das Koine-Griechisch, in der die Evangelien und grosse Teile des Neuen Testaments aufgeschrieben wurden, war eine Sprache der Kinder, Arbeiter, Armen, Entrechteten und Ausgebeuteten. Das haben erst Moulton James Hope und Adolf Deissmann richtig entdeckt, weil im ägyptischen Oxyrhynchus 1896 in einem Müllhaufen erstmals Texte in Koine-Griechisch gefunden wurden. Zusammen mit Dale C. Alison hält Peterson die vierte Bitte des Unser Vater-Gebets für den Knackpunkt dieses Gebets von Jesus. "Unser tägliches Brot" sei die umstrittenste und schwierigste Bitte. Mit Hans Dieter Betz ist er überzeugt, dass es kaum einen Zweifel daran gebe, dass Jesus sich auf echtes, nicht nur geistliches Brot bezogen habe (wie Origenes und seine Nachfolger fälschlicherweise meinten und lehrten; Seiten 187-191). . . . . . . . . . Peterson zieht folgendes Fazit: „Jesus verkörpert das Herabsteigen Gottes in unser Leben, so wie es ist und in das Umfeld, in dem wir leben. Er verkörpert nicht den Aufstieg unseres Lebens zu Gott, von dem wir hoffen, dass er uns wohlgesonnen ist, sobald er sieht, wie sehr wir uns bemühen und wie höflich wir beten“ (Seite 193). Auch in Israel war Gott im Alltag gegenwärtig und handelte unter ihnen, oft aber unscheinbar. Gottes Zurückgezogenheit und sein Schweigen wurden auch respektiert und nicht mystifiziert wie bei den Nachbarvölkern Ugarit und Kanaan. Sie machten ihre Götter durch magische Manipulationen und religiöse Technologien dienstbar (Seiten 196-199). Am Schluss macht Peterson nochmals darauf aufmerksam, dass buchstabengetreue Bibelübersetzungen unzureichend seien, weil sie nonverbale Ebenen ausschliessen, und vorhandene Redewendungen, Bilder und Satzstrukturen in der Zielsprache nicht finden können. Daher seien Uebersetzungen ausnahmslos Interpretationen! Fazit: Das Buch von Peterson ist sehr informativ, gut zu lesen und gibt neue Impulse für einen gesunden Umgang mit der Bibel. Es eignet sich auch für Personen, die schon lange mit der Heiligen Schrift unterwegs sind.

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Samstag, März 02, 2013

Amsterdamer Schule

Mit dem Begriff „Amsterdamer Schule“ werden auch bestimmte, vorwiegend reformierte Theologen der Niederlande im 20. Jahrhundert bezeichnet, die bewusst auch jüdische Sichtweisen zugelassen und Lernen von der Hebräischen Bibel gefördert haben. Dies hat im Speziellen für das Bibelverständnis und die Bibelwissenschaft gegolten. Denn Amsterdam war das sogenannte „Mokum“, in Hebräisch „Maqom Alef“, was den „ersten Ort“ bezeichnete. Diese holländische Stadt war für viele Juden nach der Vertreibung aus Spanien 1492 und etwas später aus Portugal zur neuen, sicheren Heimat, zum „Jerusalem des Westens“ geworden. Diese Heimat wurde erst 1942, als die Nazis die Juden aus den Niederlanden deportiert und vernichtet hatten, jäh unterbrochen und zerstört. Zum Bibelverständnis: Es geht um die Dialektik Lesen und Hören: · Literarisches Auge für den Text · Theologisches Ohr für das Wort · Hörend lesen, lesend hören und lernen · Text zum Klingen bringen, so dass er sich vernehmen lässt und zur Ansprache wird (=hören) Weiter sind folgende Prämissen und Punkte zu beachten: · Die Vielfalt der Bibel weist viele innere Beziehungen auf · Die biblischen Texte sind aus verschiedenen Elementen zusammengewachsen, trotzdem sind sich als organische Einheit zu begreifen (nach Martin Buber) · Wir werden immer im Defizit gegenüber dem Bibeltext bleiben · Die Schrift wird in jeder Situation neu zu Menschen sprechen · Gott spricht verstehbar durch biblische Texte · Wir können die Schrift nur deuten, wenn auch die Schrift uns selbst deutet · Der Text darf es sagen, er ist in seiner Endgestalt zu respektieren, er ist ein sinnvolles Ganzes, eine Einheit, auch wenn er zusammengefügt sein sollte. Er ist die Instanz, die unser Leben kritisiert. Durch ihn kommt Gottes Wort und Handeln zur Sprache. · Die Bibel legt sich selbst aus und kritisiert sich selbst · Der biblische Text in seiner Einheit ist wichtiger als jede Methode, das gilt auch für die historisch-kritische Methode. Denn es gibt keine wertfreie Interpretation! · Jeder der Schulung durch die Schrift sucht, kann zugleich lernen und lehren · Das Fächerübergreifende ist wichtig, das Gespräch zwischen den verschiedenen Richtungen Herangehensweise: · Vorläufige Uebersetzung · Kontext und Parallelstellen · Stilistische Erscheinungen hervorheben · Subjekte (Wer?) und Gliederung · Inhaltliche Fragen: Themen und Bedeutung · Thesen · Assoziationen und Anspielungen erkennen · Was geschieht mit mir beim Schreiben, Lesen und Hören? · Kommentare möglichst spät beiziehen, wenn überhaupt! Vertreter oder Nahestehende waren und sind: · Frans H. Breukelman, 1916-1993, Pfarrer und Theologieprofessor in Amsterdam · Karel A. Deurloo, geboren 1936, Theologieprofessor (und Nachfolger von Breukelman) in Amsterdam · Friedrich Wilhelm Marquardt, 1928-2002, Theologe, Pfarrer, Studentenpfarrer und Theologieprofessor in Berlin · Kornelis Heiko Miskotte, 1894-1976, Pfarrer und Theologieprofessor in Leiden · Huub Osterhuis, geboren 1933, Philosoph und Theologe, ehemaliger Jesuit und Priester, lebt in Amsterdam · Nico Ter Linden, geboren 1936, Pfarrer an der „Westerkerk“ in Amsterdam · Ton Veerkamp, geboren 1933, ehemaliger Jesuit und Priester, Studentenpfarrer in Berlin, Publizist, lebt heute in Norddeutschland · u.a.m. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellen: · Artikel von Uwe Bauer (2006) „Amsterdamer Schule“ im wissenschaftlichen Bibellexikon (WiBiLex) der deutschen Bibelgesellschaft: http://www.bibelwissenschaft.de/nc/wibilex/das-bibellexikon/details/quelle/WIBI/zeichen/a/referenz/10000/cache/65c4105abd290cea700ee2c87477a3d8/ · Infoseite der reformierten Kirche Potsdam: http://www.reformiert-potsdam.de/FrP-Arbeit%20mit%20der%20Bibel-Amsterdamer%20Schule.htm · Texte & Kontexte, exegetische Zeitschrift, Nr. 61, 64 (1994) und 90 (2001): www.texteundkontexte.de · Die theologische Zeitschrift „in de waagschaal“: http://www.karlbarth.nl/homepagina · Wikipedia in Niederländisch: http://nl.wikipedia.org/wiki/Amsterdamse_school_%28theologie%29

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Samstag, Juni 02, 2012

Anteil geben an gelebtem Wort

Folgende Sätze von Chiara Lubich finde ich sehr bedenkens-, lebenswert und berührend: "Es genügt nicht, dass jeder nur für sich aus dem Wort lebt. Wichtig ist, dass wir einander an den Erfahrungen mit dem gelebten Wort Anteil geben. Wir wollen uns vom Evangelium prägen lassen, indem wir uns bemühen, das Wort zu leben; aber auch dadurch, dass wir offen sind für das Licht, das aus der Erfahrung der anderen kommt." . . . . . . . . .

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Samstag, April 14, 2012

Die vier grossen Rabbiner des Mittelalters: Raschi, Ramban, Rambam und Ramak

Zu den einzelnen dieser vier grossen, berühmten Rabbinern schrieb Krochmalnik folgendes, das ich zusammenfassend wiedergebe:

"Raschi"
ist die Abkürzung für Rabbi Schlomo ben Izchak, der von 1040-1105 vorwiegend in Troyes (Nordfrankreich) gelebt hatte. Der Vorkämpfer des Wortsinns hatte in Worms und Mainz studiert. Diese Städte waren wichtig fürs westliche Judentum und trugen wesentlich für einen Aufschwung in Bildung und Wirtschaft der damaligen Zeit bei. Raschi stand vermutlich auch im Austausch mit christlichen Gelehrten, den Scholastikern. Es war aber auch die Zeit des ersten Kreuzzuges, bei dem viele Juden durch brutale Gewalt der Kreuzfahrer und des Mobs getötet wurden, weil sie die Sündenböcke waren und zu „Blitzableitern“ wurden. Diese einschneidenden Ereignisse schlugen sich auch in seinem Psalmenkommentar nieder, beispielsweise zu Psalm 47.
Das Exil verstand er als Strafe (Gottes) und Sühne. Jesaja Kapitel 53 war bei ihm Typus für Israel, das jüdische Volk, (und nicht für den Messias!). "Besser als Jude Unrecht leiden, denn als Christ Unrecht tun." Dieser Satz von Jakob Katz könnte auch von Raschi stammen. Der Begriff „Holocaust“, der erst viel später, um 1955 durch Elie Wiesel eingebürgert wurde, geht auch auf ihn zurück, denn genau übersetzt heisst er „ganz verbrannt“. Das bezog sich ursprünglich auf das tägliche Abend- und Morgenopfer, das Brandopfer „olat tamid“, und Raschi verwendete es neu als Selbstbezeichnung für Massenmorde an und Suizide der Juden während dem ersten Kreuzzug. Nach seinem Verständnis büssen die jüdischen Nachkommen für die Vorfahren und opfern sich für die Nachfahren, sie werden so zum Sühnegeld und Schuldopfer (Gottes).

"Ramban"
steht für Rabbi Mosche ben Nachman, der 1195 im spanischen Gerona geboren wurde und ein sephardischer Jude war. Der Meister des Bildsinns orientierte sich aber nach Nordfrankreich und war auch mit der christlichen Typologie vertraut und davon beeinflusst, im speziellen mit Verheissung und Erfüllung, Schatten und Wirklichkeit, wie sie im Hebräerbrief 10,1 beschrieben wurde. Die Väter seien ein Zeichen für die Kinder. Bekannt wurde er auch für seine Interpretationen zu Genesis 26 und 32, zu Isaak und Jakob. Isaaks Erfolg, Aufstieg, Wohlstand, Verfolgung und Vertreibung sah er auch als Typus für die Juden im Exil und in der Diaspora. Jakobs Sicherheitsstrategie mit den zwei Lagern war auch die Ueberlebensstrategie des jüdischen Volks in der Zerstreuung, damit ein Rest gerettet werde. Als „Doppellager“ sah er auch Juda und Israel, den palästinensischen und den babylonischen Talmud, woraus die beiden Gruppierungen der „Aschkenasim“ und der „Sephardim“ entstanden sind.
Zu Genesis 14,8 sagte er: „Der Nabel ist die Mitte des Menschen, Israel ist die Mitte der Welt, Jerusalem die Mitte Israels, das Heiligtum die Mitte Jerusalems, der Tempel die Mitte des Heiligtums, die Bundeslade (mit den Gesetzestafeln) die Mitte des Tempels. Vom Grundstein vor dieser Lade ging die Gründung der ganzen Welt aus. Der Verlust des Tempels heisst der Verlust der Mitte, der „Schechina“, der Einwohnung und Gegenwart Gottes, es ist Gottverlassenheit. Die Tora ersetzt den Tempel nie ganz, sie verweist auch auf das himmlische Heiligtum und Jerusalem. Das Besiedeln des Landes Israels wiegt alle Gebote in der Tora auf.“
Nach einem Disput mit der mächtigen katholischen Elite in Barcelona wurde er 1267 ausgewiesen. Er kehrte nach Jerusalem zurück, wo er 1270 starb.

"Rambam"
ist Rabbi Moses ben Maimon, der 1138 in Cordova geboren wurde, zehn Jahre später mit seiner Familie flüchten musste durch Südeuropa und Nordafrika und 1204 in Kairo starb. Er war Arzt, Philosoph und auch ein „Possek“, ein Mufti oder Rechtsgelehrter, ein Führer der Verwirrten und Meister des Begriffsinns. „Jahwe“ verstand er als „Ich bin das Seiende, das existiert“, „dabbar“ als äusseres und inneres Reden (Gottes). Sprüche 25,11 war ihm deshalb wichtig: „Ein Wort zu seiner Zeit geredet, ist wie goldene Aepfel auf silbernen Schalen.“ Der Wortlaut der Worte Gottes sei nur „Silber“ oder wertlos, der Sinn dagegen das Gold oder der wahre Edelstein. Deshalb bekämpfte er auch den Anthropomorphismus: „Die Verdinglichung Gottes rächt sich in der Selbstentfremdung des Menschen. Wir können nicht sagen, was Gott ist, wohl aber, was er nicht ist. (Gottes) Einheit ist verneinte Vielfalt, (seine) Allmacht verneinte Ohnmacht. Durch die Verführung, wie sie in Genesis drei beschrieben ist, verlieren die Menschen die Gottesebenbildlichkeit. Gott und Mensch gleichen sich nicht in der Gestalt, sondern in der Gewalt.“
(Dem steht heute Abraham J. Heschel gegenüber mit folgenden Sätzen: „Behandle dich selbst als Symbol Gottes. Je menschlicher der Mensch handelt, desto göttlicher ist er. Wer nach dem Bild Gottes gemacht ist, der handelt danach: imago Dei – imitatio Dei“)

"Ramak"
steht für Rabbi Mosche Kordovero, der 1522 geboren wurde und 1570 in Safed starb. Als Meister des Geheimsinns gilt er als eigentlicher Schöpfer und Verfasser der „Pardes“. Zwar schrieb schon Ramban den ersten kabbalistischen Torakommentar, um damit Verborgenes zu offenbaren. Und Raschba, ein wichtiger Schüler Rambans, war der Erste, der den vierfachen Schriftsinn als Ganzes festhielt, und zwar als buchstäblichen, rabbinischen, philosophischen und kabbalistischen Schriftsinn. Ramak, der Meister des Geheimsinns, sah im letzten den wesentlichen, den „göttlichen“ Sinn. Die Philosophen sprachen hier von „Theogonie“, der Gottesentstehung; für die Juden waren dagegen die zehn „Sephirot“, die Attribute Gottes, zentral: keter – Krone, chochma – Weisheit, bina – Verstand, gedula/chessed – Güte, gewura – Macht, tiferet – Herrlichkeit, nezach – Triumph, hod – Majestät, jessod – Fundament und malchut - Reich. Diese sind verpackt und verschlüsselt in Zeichen und Zahlen, Zapfen und Zacken, Zinken und Zierden der Buchstaben. Durch andere Einteilung und Kombinatorik der Buchstaben können die kraftvollen Gottesnamen entziffert werden. Dabei hilft auch die „Gematria“ der Buchstabenzahlenvergleich, „Notarikon“, die Initialwortentwicklung, und die „Temura“, die Buchstabenversetzung.
Die Anfangsbuchstaben dieser vier Verfahren ergeben „GiNaT“, was übersetzt auch Garten bedeutet.
Ein Bespiel für Gematria: J (jod) hat den Zahlenwert 10, JH (jod he) 15, JHW (jod he waw) 21, JHWH 26, das Total beträgt 72; dies ist also der Zahlenwert des grossen, unbeschreiblichen Gottesnamen, der unheimliche Kräfte und unwiderstehlicher Liebeszauber beinhaltet; aber auch Exodus 14,19-21 umfasst je 72 Buchstaben.

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Dienstag, April 10, 2012

Der vierfache Schriftsinn aus jüdischer Sicht


Das Buch "Im Garten der Schrift. Wie Juden die Bibel lesen."
ist im Verlag St. Ulrich Augsburg 2006 unter der ISBN-Nummer: 978-3-936484-67-0 erschienen.

Der Autor Daniel Krochmalnik wurde 1956 in München geboren. Heute ist er Professor für Philosophie, Geistesgeschichte und Religionspädagogik an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg. Zudem ist er Privatdozent für Philosophie an der Universität Heidelberg. Er ist Autor und moderiert die Radiosendung „Schalom“ im Bayrischen Rundfunk, ebenso ist er erster Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Heidelberg.

Zum Inhalt:
Daniel Krochmalnik führt in diesem Buch ins jüdische Verständnis der hebräischen Bibel ein. Er ist davon überzeugt, dass die Geschichten der Bibel zukunftsträchtig sind, weil sie wiederholungsgängig und vergangenheitsgesättigt sind. Er macht plausibel, dass es dabei um eine Lehre geht, die sich laufend erneuert und die methodisch wiederbelebt wird. So werden die Erzählfäden zu einem Gewebe mit wiederkehrenden Mustern und verkörpern dadurch das kollektive Gedächtnis.
Für die Bibelauslegung empfiehlt er vier Schritte, die auch dem "vierfachen Schriftsinn" entsprechen:
1. Literarierisierung – Wortsinn
2. Konzeptualisierung/Typologisierung – geistiger, allegorischer oder Bildsinn
3. Idealisierung – moralischer oder Begriffssinn
4. Hypostasierung – anagogischer oder Geheim- oder Hoffnungssinn


Diese vier Schritte sind auch im hebräischen Wort „PaRDeS“ oder ganz deutsch vokalisiert „Paradies“ enthalten, das besonders in der Kabbala die Bedeutung von Lernort und Lustgarten hat, worin der Baum die Weisheit der Tora selbst ist:
1. P = „Pschat“ = einfacher Sinn = Mischna = Chronik = Information = imitatio rerum
2. R = „Remes“ = angedeuteter Sinn = Maschal = Weisheit = Konnotation = imitatio naturae
3. D = „Drasch“ = belehrender Sinn = Midrasch“ = Weisung = Instruktion = imitatio veterum
4. S = „Sod“ = geheimer Sinn = Kabbala = Profetie = Intention = imitatio dei

Ein Beispiel: In Genesis 2,11 werden vier Flüsse erwähnt: Pischon, Gichon, Chidekel und Frat. Da lassen sich bereits drei der vier Sinne gut zeigen: Die vier Flüsse sind zuerst wörtlich zu verstehen; dann werden die vier Flüsse auch als die vier Exile gedeutet: Babylon, Persien, Griechenland und Rom; und die vier Flüsse werden im profetischen Sinn zu vier Reichen: Himmelreich, Messiasreich, Friedensreich und Weltreich.

Vier grosse Rabbiner des Mittelalters stehen auch für die vier Schriftsinne, weil sie besonders auf je diese hingewiesen haben in ihren Auslegungen der hebräischen Bibel:
1. RASCHI: Rabbi Schlomo ben Izchak (1040-1105) steht für den Wortsinn
2. RAMBAM: Rabbi Mosche ben Maimon (1138-1204) steht für den Bildsinn
3. RAMBAN: Rabbi Mosche ben Nachman (1194-1270) steht für den Begriffssinn
4. RAMAK: Rabbi Mosche Kordovero (1522-1570) steht für den Geheimsinn

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Sonntag, November 14, 2010

B wie Begegnung mit Gott


Letzte Woche habe ich in idea Schweiz einen kürzeren Artikel über attraktive Gottesdienste in der reformierten Landeskirche gelesen. Dabei sind mir die vier darin enthaltenen Elemente von Pfarrer Alfred Aeppli eingefahren, die vier "B", die er für grundlegend hält:

- (Hör)Bereit sein für Gott
- Berührt von seinem Wort, der Bibel
- Bewegt zur Antwort
- Begleitet von Gottes Segen


Diese vier "B" scheinen mir elementar für jede Begegnung mit Gott zu sein, sei es nun im Gottesdienst, in einer Andacht, einer Besinnungs- oder in der persönlichen "Stillen Zeit". Ich wünsche mir, darauf zu achten.

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Sonntag, Februar 08, 2009

Prophetische „Uebertreibung“ (Seiten 402-405)


Es geht hier in Jesaja 54,7-10 um die Gemeinde, um Israel. Die Gemeinde ist angefochten. Das gibt der Predigt eine wohlangebrachte Begrenzung. Nicht der Einzelne mit seinem Glaubenskampf steht hier im Mittelpunkt.
Das gnadenvolle Handeln des Herrn ist in einer bestimmten Zeit unter dem Tumult der Ereignisse nicht mehr zu erkennen: Visionen, Stimmen und Zeichen, die von Gott kommen, fehlen; Exil wird nicht mehr als ein Gericht empfunden. Es gibt eine Parallele in Psalm 30,6. „Go’el“ ist ein juristischer Begriff, der die Freikaufpflicht verarmter Mitbürger meint; sinngemäss ist Gott rechtskräftig gebunden (unter Bundesrecht).
Ist dieser Text lyrische Uebertreibung oder zeitlose Idee der Treue Gottes?
Miskotte schreibt: „Man soll über einen solchen Text nicht predigen, wenn das prophetische Wort bereits von vornherein mit einem pastoralen Trost beantwortet... Es ist tatsächlich ein Verlassen werden gewesen. Ohne dies(e Not) ist das prophetische Wort nicht im vollen Sinn Gottes Wort... Er hat zerstreut, Er hat sein Angesicht verborgen. Gnade: in Aufhebung Gericht wird Gottes Gericht bestätigt. Zeit des Verlassenseins ist auch Gottes Zeit gewesen, aber zu sehen ist das nur... von der Zeit der Gegenwärtigkeit aus... Verkündigung braucht Uebertreibung.“

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Sonntag, Dezember 14, 2008

Vom Sinn der Bibel-Uebersetzung


Zur Bibelübersetzung meint Miskotte: „Die Bibelübersetzung zielt nicht in erster Linie darauf ab, ein literarisches Werk in eine andere Sprache zu „über-tragen“; sie ist spontan hervorgegangen aus der Notwendigkeit, die Aktualität des gesprochenen Wortes (von Predigt und Unterweisung) aus dem Buchstaben des geschriebenen zu verantworten. Auch die Ueber-setzung ist gemacht, um in der (kirchlichen oder häuslichen) Zusammenkunft vorgelesen zu werden...
Sie setzt darum auch eine theologische Glaubensentscheidung über die Einheit der Schriften voraus.

In einer Fussnote schreibt er noch: „Wesen jedes wahren Midraschs (=Auslegung) ist Aktualisierung Bund, der Gott mit den Vätern geschlossen hat, erneuert er täglich für den, der sich mit Hingabe in sein Wort vertieft. Aus der Bibel ist die Stimme Gottes täglich neu vernehmbar.“ (S. 341)

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Samstag, Dezember 13, 2008

Weisung

Ab Seite 331 macht Miskotte Aussagen zur „Weisung“. Er sieht die Fragen „Was dünkt euch von dem Christus?“ und „Wie lest ihr das Alte Testament?“ eng miteinander verwandt. Er sieht auch die Gefahr einer Literaturisierung der Botschaft, denn die Schrift war nie als Buch zum Lesen gedacht, sondern als Text zum Vorlesen und zur mündlichen Anwendung: „Im gesprochenen Wort... begegnet dem Menschen die „Macht“ des Worts... Der Brief zielt auf eine Vergegenwärtigung – mehr: er ist ein Zeichen einer sehr bestimmten Gegenwärtigkeit. Hier ist Anrede, keine Lyrik... In der kultischen Handlung der Predigt wird das Wort aus den Fesseln der Schriftlichkeit erlöst, um, dergestalt befreit, einzutreten in eine Gemeinde, ein Volk, eine Welt. Alles hängt, nach reformierter Erkenntnis, daran, dass eben der Buchstabe sich zu Geist erhebt, das Geschehene zu Geschehen, die Erzählung zu Zeugnis, das Zeugnis zur Tat Gottes. Alles, was nicht diese Vergegenwärtigung meint, führt schliesslich zur Entleerung des Gottesdiensts...“ (S. 338 & 339)

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Montag, Dezember 01, 2008

Miskotte: Wenn die Götter schweigen


Einer meiner Lieblingstheologen, den ich zurzeit mit Gewinn lese, ist der holländische Autor Kornelis Heiko Miskotte. Er hat in den Sechzigerjahren ein überzeugendes Werk mit dem Titel: " Wenn die Götter schweigen. Vom Sinn des Alten Testaments" geschrieben. 1966 erschien es im Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh. 1995 wurde es durch Hartmut Spenner in D-45731 Waltrop neu aufgelegt (mit der ISBN 3-927718-66-1).

Kornelis Heiko Miskotte lebte von 1894 bis 1976. Er studierte 1914-20 in Leiden Theologie. Von 1921-45 war er Pfarrer in verschiedenen reformierten Gemeinden in Holland. Er war aber vermutlich mehr Denker und Literat als Pastor, denn das Leben als Pfarrer muss ihn ausgelaugt haben. Inspiration erhielt er aber durch Franz Rosenzweig und dessen Werk „Stern der Erlösung“ (1921) und durch Karl Barth und dessen „Römerbrief“ (1922). Von Karl Barth war er wesentlich beeinflusst und ab 1928 bis zu dessen Tod 1968 befreundet. Der Briefwechsel zwischen ihnen wurde später veröffentlicht. Barth bezeichnete Miskotte als „Seher und Dichter“ unter seinen Freunden. 1945-59 war Miskotte Theologieprofessor in Leiden. Er war verheiratet und hatte Kinder, wobei er seine erste Frau und eine Tochter recht früh durch eine tragische Lebensmittelvergiftung verlor.

Miskottes Hauptwerk wurde 1966 auch in Deutsch veröffentlicht. Sein Anliegen war es, die Einzigartigkeit, den Gehalt und Sinn des Alten Testaments aufzuzeigen. Darin ist Gott, der sich als „JHWH“ offenbart hat, im Mittelpunkt. „JHWH“ ist sein Name und sein Wesen zugleich. Er wird aber weder beschrieben (S. 139) noch erklärt, sondern im Handeln mit Israel erkannt, in Christus bezeugt und später durch die Worte der Bibel verkündigt. Bereits im Alten Testament ist „JHWHs“ Herabneigung und Menschenliebe enthalten: Er bestimmte und bereitete sich selbst, mit den Menschen zu sein (Seite 118) und hat wahrhaft menschliche Natur angenommen (Seite 136).
Die „Haggadisch“, die nachbiblische jüdische Lehre sah sieben präexistente Dinge vor der Schöpfung:
1. Thora
2. Thron Gottes
3. Patriarchen
4. Volk Gottes
5. Tabernakel
6. Name des Messias
7. Theschuba (was Antwort oder Umkehr bedeutet)

JHWH“ bezeichnet Miskotte als der unaussprechliche Name (S. 127). Er sei
1. kein israelitischer Name, wobei er darauf hinweist, dass dies umstritten sei
2. ein namenloser Name
3. ein Eigenname, um sich von der Welt der Götter zu unterscheiden
4. ein unübersetzbarer und unbegreiflicher Name

Miskotte setzt sich und den jüdisch-christlichen Glauben auch deutlich von der natürlichen Religion ab. Deshalb sagt er auf Seite 141 eher kritisch-negativ: „Heidentum ist identisch mit der Religion, die uns Menschen von Natur eigen ist. Das Griechische nämlich ist das geläuterte Klassisch-Menschliche; wir sind damit durchtränkt, und darin sehen wir... unseren europäischen Vorzug... antikes Lebensgefühl enthält ordnende und reinigende Kräfte, die wir stets mit erneuter Dankbarkeit annehmen dürfen.“

Um den Sinn des AT zu verstehen, sagt Miskotte zur jüdischen Einteilung folgendes:

1. Die „Thora“: ist eigentliche Basis, weil sie das Zeugnis von Gottes sich kümmern ist. Es ist ein „tragbares Heiligtum“, die heilige Lehre, Unterweisung für das erwählte Volk, denn Gott spricht inmitten des Schweigens der Götter. Sie lehrt uns beständig, die Gabe und die Aufgabe des Bundes betrachten; sie ist ein vorausgreifendes Geschehen: kommt von einem Geschehen her und richtet sich wieder auf eines. In der Thora ist nichts buchstäblich anwendbar, doch jeder Buchstabe hat Gehalt vom Hinweis auf einen intimen Kontakt mit der gnädigen Präsenz des Lehrers aus der Höhe. Die Spitze des Dekalogs ist: „Bleibt bei eurem Befreier mit der Tat!“ (S. 248)
2. Die Profeten rufen zur Erkenntnis des Bundes und des Gebots zurück. Der Profet ist Sprecher des konkreten Gotteswortes, er ist autoritativ und gleicht Gott in der Plötzlichkeit und Ueberraschung. Er leidet mit Gott, der verachtet, verworfen und dessen Bund geschändet wird. Im Profeten drückt sich das „Nomadische“, das souverän Freie, an JHWH aus (S. 290)
3. Die Schriften zeigen wie die Gemeinde auf Gottes Eingreifen reagiert hat


Er plädiert dafür, dass wir Gottes Allgegenwart von seiner besonderen Präsenz her verstehen, seine Allmacht von seiner besonderen Heilsmacht des Namens und Gottes Reich von seiner besonderen Herrschaft. „JHWH“ lasse sich nicht aus der Natur erkennen oder ableiten. Denn „Er“ ist primär der, der Israel in der Geschichte bei der Hand genommen und den Bund gestiftet hat, sekundär ist er auch der Bereiter des Raumes, in der die Geschichte stattgefunden hat. Es gebe keine allgemeine Moral und sittliche Weltordnung, denn das Gesetz begegne einem nirgends anders als im Wort. Der Wille JHWHs muss man hören und vernehmen, der Sinn ist:
1. beim Befreier (Israels) bleiben 2. die eigene Erwählung realisieren 3. sich nicht seiner Fürsorge entziehen 4. sich in Widerlegung des natürlichen Strebens schicken.
Dabei bedeutet Gnade Freispruch oder gemeinschaftsstiftende Gunst (Seite 161).

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Samstag, Oktober 18, 2008

Amsterdamer Schule

In den Sommerferien im August habe ich das informative, unaufgeregte Buch von Michael Weyer über die Offenbarung gelesen. Dort bin ich erstmals der „Amsterdamer Schule“ begegnet. Damit werden reformierte Theologen der Niederlande im 20. Jahrhundert bezeichnet, die bewusst unter jüdischem Einfluss standen. Dies galt im Speziellen für das Bibelverständnis und die Bibelwissenschaft. Denn Amsterdam war das sogenannte „Mokum“, in Hebräisch „Maqom Alef“, was der erste Ort bezeichnete. Amsterdam war für viele Juden nach der Vertreibung aus Spanien 1492 zur neuen, sicheren Heimat, zum „Jerusalem des Westens“ geworden. Das wurde 1942, als die Nazis sie aus den Niederlanden deportierten und vernichteten, unterbrochen.
Der wichtigste Vertreter war Kornelis Heiko Miskotte, der zuerst Pfarrer und dann Theologieprofessor in Leiden war. Er war ein Zeitgenosse von Karl Barth, mit dem er auch korrespondiert hatte und befreundet war. Zwei seiner Werke wurden auch ins Deutsche übersetzt:
· Wenn die Götter schweigen. Vom Sinn des AT. H. Stoevesandt München 1963
· Biblisches ABC: wider das unbiblische Bibellesen. Neukirchen 1976

Zum Bibelverständnis der Amsterdamer Schule: Es geht um die Dialektik Lesen und Hören:
· Literarisches Auge für den Text
· Theologisches Ohr für das Wort
· Hörend lesen, lesend hören und lernen
· Text zum Klingen bringen, so dass er sich vernehmen lässt und zur Ansprache wird (=hören)

Weiter sind folgende Prämissen und Punkte zu beachten:
· Die Vielfalt der Bibel weist viele innere Beziehungen auf
· Die biblischen Texte sind aus verschiedenen Elementen zusammengewachsen, trotzdem sind sich als organische Einheit zu begreifen (nach Buber)
· Wir werden immer im Defizit gegenüber dem Bibeltext bleiben
· Die Schrift wird in jeder Situation aufs Neue zu Menschen sprechen
· Gott spricht verstehbar durch biblische Texte
· Wir können die Schrift nur deuten, wenn auch die Schrift uns selbst deutet
· Der Text darf es sagen, er ist in seiner Endgestalt zu respektieren, er ist ein sinnvolles Ganzes, eine Einheit, auch wenn er zusammengefügt sein sollte. Er ist die Instanz, die unser Leben kritisiert. Durch ihn kommt Gottes Wort und Handeln zur Sprache.
· Die Bibel legt sich selbst aus und kritisiert sich selbst
· Der biblische Text in seiner Einheit ist wichtiger als jede Methode, das gilt auch für die historisch-kritische Methode. Denn es gibt keine wertfreie Interpretation!
· Jeder der Schulung durch die Schrift sucht, kann zugleich lernen und lehren
· Das Fächerübergreifende ist wichtig, das Gespräch zwischen den verschiedenen Richtungen

Herangehensweise:
· Vorläufige Uebersetzung
· Kontext und Parallelstellen
· Stilistische Erscheinungen hervorheben
· Subjekte (Wer?) und Gliederung
· Inhaltliche Fragen: Themen und Bedeutung
· Thesen
· Assoziationen und Anspielungen erkennen
· Was geschieht mit mir beim Schreiben, Lesen und Hören?
· Kommentare möglichst spät beiziehen, wenn überhaupt!

Quellen:
www.bibelwissenschaft.de/wibilex
www.bb-evangelisch.de

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Freitag, Mai 23, 2008

Unterschiedliche Sichtweisen der Gottesoffenbarungen

Bevor ich mit dem Islam weiterfahre, möchte ich die unterschiedliche Sicht der Offenbarungen Gottes darstellen. Es geht dabei auch darum, die grundsätzlichen, kategoriellen Unterschiede und Sichtweisen zu entdecken und festzuhalten:

Jüdischer Glaube: Der einzige Gott: JAHWE. Bezeugt in Gen 4,26; Ex 3,14+15; Dt 6,4+5. Offenbart in TORA, dem Kleid, Schleier, Wort Gottes. Ueberbracht durch Mose (beschrieben in Exodus 3, 19, 20, 33, 34) an das Volk Israel.

Christlicher Glaube: Der dreieinige GOTT. Bezeugt in Mt 28,19; Röm 8; 2Ko 13,13. Offenbart in der Person JESUS CHRISTUS, dem Wort Gottes, Sohn Gottes, Herr, Erlöser (siehe: Joh 1,14; 3,16 & 14,6 u. a.). Davon zeugt die Bibel, das Wort & Zeugnis Gottes in Mt 1,1; Lk 1,1-4; Heb 1,1-4. Das wird sichtbar in Gemeinde Christi und im Reich Gottes, die letztlich aus einzelnen Menschen bestehen.

Islamischer Glaube: ALLAH. Aehnlich wie hebräisch "Eloah". Offenbart im KORAN, dem ewigen Wort Gottes. Vermittelt durch Mohammed, der der letzte Profet Gottes war, an die "Umma", die Gemeinschaft der Gläubigen.

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Sonntag, Oktober 22, 2006

Die Bibel als Sakrament verstehen

Ab Seite 67 entfaltet Marcus Borg den Gedanken, dass wir die Bibel als Sakrament verstehen sollten. Einleitend beschreibt er in kürzester Form die drei wichtigsten Abendmahlsverständnisse:
· Transsubstantiation: Brot und Wein wird in Leib und Blut Christi verwandelt (katholisch)
· Konsubstantiation: In, mit und unter Brot und Wein ist Jesus Christus anwesend (lutheranisches und anglikanisches Verständnis)
· Anamnese: Erinnerungsmahl (reformierte und freikirchliche Sichtweise)
Er kommt zum Schluss, dass es in allen drei zentral um die Vergegenwärtigung von Jesus Christus geht. Um die gleiche Intention geht es ihm bei der These von der Bibel als Sakrament:
So ist auch die Bibel ein Sakrament, ein menschliches Produkt, durch das Gott uns gegenwärtig wird. Ihre Worte werden zu einem Mittel, durch das der Geist zu uns in der Gegenwart spricht. Die Funktion der Bibel als Sakrament ist im privaten religiösen Gebrauch vielen Christen vertraut. Gemeint ist die innige Beschäftigung mit einer Bibelstelle. Man liest diese Passage nicht möglichst schnell oder zur Informationsentnahme, sondern gibt ihr Platz in der Hoffnung, dass ein Ausdruck oder ein Satz zum Medium des Geistes wird und zu uns in der Besonderheit und Alltäglichkeit unseres eigenen Lebens spricht.
Auch in einem gemeindlichen Rahmen übernimmt die Bibel sakramentale Funktion. „Lectio divina“ ist ein alter christlicher Brauch der Besinnung, wobei man eine Passage der Bibel wiederholt liest und zwischen den Wiederholungen Momente des Schweigens einlegt. Auch in christlichen Andachten kann das Lesen biblischer Texte zu einem Sakrament werden. Die Worte – menschliche Erzeugnisse – werden zu Trägern des Wortes Gottes.
Daher sagen in den Gottesdiensten vieler Konfessionen die Lektoren nach der Schriftlesung: „Wort des lebendigen Gottes“. Noch deutlicher wird es in der neuseeländischen Version des anglikanischen Book of Common Prayer. Dort sagt der Lektor: „Hört, was der Geist zur Kirche spricht.“ In diesen Beispielen fungiert die Bibel mittels Sprechen und Hören als ein Sakrament: Wir hören den Geist durch diese alten Worte zu uns sprechen.
Die sakramentale Funktion der Bibel wird auch durch die Sprache angedeutet: Es ist von „essen“, genährt werden“ und „verdauen“ die Rede. In der Bibel selbst sprechen Jeremia, Ezechiel und der Autor der Offenbarung davon, Gottes Worte zu „essen“.* Eines der traditionellen Gebete der Kirche sagt über die Worte der Bibel: „Gewähre und, dass wir sie hören, lesen, befolgen, lernen und innerlich verdauen.“ (Tagesgebet Mitte November). Die Bibel wird zur Nahrung, Gottes Wort wird zum täglichen Brot. Wie Jesus ist auch die Bibel sowohl das „Wort Gottes“ als auch das Brot des Lebens.“

* Jeremia 15,16: Dein Wort ward meine Speise, sooft ich’s empfing ...
* Ezechiel 2,9-3,3: ... da ass ich sie (=Rolle), und sie war in meinem Munde so süss wie Honig.
* Of 10,9+10: ... und ich nahm das Büchlein aus der Hand des Engels und verschlang’s ...

Zu Recht streicht Borg meiner Meinung den sakramentalen Aspekt der Bibel hervor, denn es gibt viele weitere Bibelstellen, die den nährenden Charakter des Wortes Gottes betonen und uns somit auffordern, diese Worte aufzunehmen und anzuwenden zu unserem Wohl:
· Lev 18,5: ... der Mensch, der sie (=Gottes Satzungen & Rechte) tut, wird durch sie leben;
· Dt 8,3: ... der Mensch lebt nicht vom Brot allein, vielmehr von allem, was aus dem Mund Jahwes ergeht.
· Dt 32,46+47: ... es ist nicht leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben, ...
· Ps 19,13: ... süsser sind seine Worte als Honig, als Honigseim aus der Wabe.
· Ps 119,103: Deine Rede, wie ist sie meinem Gaumen süss, meinem Munde süsser als Honig.
· weitere ähnliche Stellen sind: Neh 9,29; Ez 20,11; Mt 19,17; Lk 10,28; Röm 7,10 und Gal 3,12;

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Dienstag, Oktober 10, 2006

Innere Achtsamkeit

Die Hinführung zur inneren Achtsamkeit, zum inneren Beobachter und zur Gnade des inneren Abstands (ab Seite 412) scheint Schulz ein zentrales Anliegen zu sein. Er greift nochmals Erich Fromm mit seiner „seinshaften Präsenz“ anstelle der Habsucht auf. Anselm Grün nennt das gleiche Geschehen „Einübung in die Nichtidentifikation“. Viel Raum nimmt dann die Auseinandersetzung mit (dem jüngeren) Christoph Blumhardt ein, da sich Schulz mit ihm seit über dreissig Jahren befasst hat und er ihn für einflussreich auf die Entwicklung der deutschsprachigen Theologie hält. Es geht hier spezifisch um die spirituelle Lebensgestaltung. „Merks“ heissen bei Blumhardt die Sensibilisierungen für den Willen Gottes durch beten, hören und tun, das „innerliche Reden Gottes“ wahrnehmen oder anders gesagt „aufmerksam sein auf die innere Stimme“. Denn der Geist Christi kann Eindrücke geben, auf die man sorgsam achten muss. Durch Folgsamkeit und Gehorsam wird das innerliche Reden Gottes immer vernehmlicher. Wir bekommen durch „nach innen gerichtetes Hören“ ein „Takt-, Fein- oder Zartgefühl“, ein geistliches Unterscheidungsvermögen, das durch Einübung zunimmt.
Im selben Unterkapitel (Seite 419) verweist Schulz auf das Buch von Richard Rohr: Von der Freiheit loszulassen. Es enthält u. a. eine Uebung von Thomas Keating, die eine didaktische und homiletische Einführung in die Kontemplation darstellt. Zusammenfassend definiert er Kontemplation so: „Kontemplation ist ein langer liebevoller Blick auf das, was wirklich ist. Dort wo wir nicht mehr urteilen und nicht mehr angreifen, sondern dort, wo wir einfach empfangen“.
Gesunder innerer Abstand stellt sich da ein, nach Francis Acharya, wo „Identifikationen nicht mehr die eine wesentliche und entscheidende Identifikation verdecken: die mit unserer Gottes-Kindschaft; ja, mit Gott und seiner Freiheit. Sie muss alles überstrahlen, ihr müssen sich alle anderen Identifikationen unterordnen“.
Jörg Zink hat es 1985 in seinem viel verbreiteten Buch „Wie wir beten können“ so formuliert: „Herr, mein Wort ist nicht genug. Ich will schweigen, damit ich lerne, dein und mein Wort zu unterscheiden. Denn ich möchte dein und nicht mein eigener Mund sein. Gib du mir dein Wort“.

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