Samstag, April 14, 2012

Die vier grossen Rabbiner des Mittelalters: Raschi, Ramban, Rambam und Ramak

Zu den einzelnen dieser vier grossen, berühmten Rabbinern schrieb Krochmalnik folgendes, das ich zusammenfassend wiedergebe:

"Raschi"
ist die Abkürzung für Rabbi Schlomo ben Izchak, der von 1040-1105 vorwiegend in Troyes (Nordfrankreich) gelebt hatte. Der Vorkämpfer des Wortsinns hatte in Worms und Mainz studiert. Diese Städte waren wichtig fürs westliche Judentum und trugen wesentlich für einen Aufschwung in Bildung und Wirtschaft der damaligen Zeit bei. Raschi stand vermutlich auch im Austausch mit christlichen Gelehrten, den Scholastikern. Es war aber auch die Zeit des ersten Kreuzzuges, bei dem viele Juden durch brutale Gewalt der Kreuzfahrer und des Mobs getötet wurden, weil sie die Sündenböcke waren und zu „Blitzableitern“ wurden. Diese einschneidenden Ereignisse schlugen sich auch in seinem Psalmenkommentar nieder, beispielsweise zu Psalm 47.
Das Exil verstand er als Strafe (Gottes) und Sühne. Jesaja Kapitel 53 war bei ihm Typus für Israel, das jüdische Volk, (und nicht für den Messias!). "Besser als Jude Unrecht leiden, denn als Christ Unrecht tun." Dieser Satz von Jakob Katz könnte auch von Raschi stammen. Der Begriff „Holocaust“, der erst viel später, um 1955 durch Elie Wiesel eingebürgert wurde, geht auch auf ihn zurück, denn genau übersetzt heisst er „ganz verbrannt“. Das bezog sich ursprünglich auf das tägliche Abend- und Morgenopfer, das Brandopfer „olat tamid“, und Raschi verwendete es neu als Selbstbezeichnung für Massenmorde an und Suizide der Juden während dem ersten Kreuzzug. Nach seinem Verständnis büssen die jüdischen Nachkommen für die Vorfahren und opfern sich für die Nachfahren, sie werden so zum Sühnegeld und Schuldopfer (Gottes).

"Ramban"
steht für Rabbi Mosche ben Nachman, der 1195 im spanischen Gerona geboren wurde und ein sephardischer Jude war. Der Meister des Bildsinns orientierte sich aber nach Nordfrankreich und war auch mit der christlichen Typologie vertraut und davon beeinflusst, im speziellen mit Verheissung und Erfüllung, Schatten und Wirklichkeit, wie sie im Hebräerbrief 10,1 beschrieben wurde. Die Väter seien ein Zeichen für die Kinder. Bekannt wurde er auch für seine Interpretationen zu Genesis 26 und 32, zu Isaak und Jakob. Isaaks Erfolg, Aufstieg, Wohlstand, Verfolgung und Vertreibung sah er auch als Typus für die Juden im Exil und in der Diaspora. Jakobs Sicherheitsstrategie mit den zwei Lagern war auch die Ueberlebensstrategie des jüdischen Volks in der Zerstreuung, damit ein Rest gerettet werde. Als „Doppellager“ sah er auch Juda und Israel, den palästinensischen und den babylonischen Talmud, woraus die beiden Gruppierungen der „Aschkenasim“ und der „Sephardim“ entstanden sind.
Zu Genesis 14,8 sagte er: „Der Nabel ist die Mitte des Menschen, Israel ist die Mitte der Welt, Jerusalem die Mitte Israels, das Heiligtum die Mitte Jerusalems, der Tempel die Mitte des Heiligtums, die Bundeslade (mit den Gesetzestafeln) die Mitte des Tempels. Vom Grundstein vor dieser Lade ging die Gründung der ganzen Welt aus. Der Verlust des Tempels heisst der Verlust der Mitte, der „Schechina“, der Einwohnung und Gegenwart Gottes, es ist Gottverlassenheit. Die Tora ersetzt den Tempel nie ganz, sie verweist auch auf das himmlische Heiligtum und Jerusalem. Das Besiedeln des Landes Israels wiegt alle Gebote in der Tora auf.“
Nach einem Disput mit der mächtigen katholischen Elite in Barcelona wurde er 1267 ausgewiesen. Er kehrte nach Jerusalem zurück, wo er 1270 starb.

"Rambam"
ist Rabbi Moses ben Maimon, der 1138 in Cordova geboren wurde, zehn Jahre später mit seiner Familie flüchten musste durch Südeuropa und Nordafrika und 1204 in Kairo starb. Er war Arzt, Philosoph und auch ein „Possek“, ein Mufti oder Rechtsgelehrter, ein Führer der Verwirrten und Meister des Begriffsinns. „Jahwe“ verstand er als „Ich bin das Seiende, das existiert“, „dabbar“ als äusseres und inneres Reden (Gottes). Sprüche 25,11 war ihm deshalb wichtig: „Ein Wort zu seiner Zeit geredet, ist wie goldene Aepfel auf silbernen Schalen.“ Der Wortlaut der Worte Gottes sei nur „Silber“ oder wertlos, der Sinn dagegen das Gold oder der wahre Edelstein. Deshalb bekämpfte er auch den Anthropomorphismus: „Die Verdinglichung Gottes rächt sich in der Selbstentfremdung des Menschen. Wir können nicht sagen, was Gott ist, wohl aber, was er nicht ist. (Gottes) Einheit ist verneinte Vielfalt, (seine) Allmacht verneinte Ohnmacht. Durch die Verführung, wie sie in Genesis drei beschrieben ist, verlieren die Menschen die Gottesebenbildlichkeit. Gott und Mensch gleichen sich nicht in der Gestalt, sondern in der Gewalt.“
(Dem steht heute Abraham J. Heschel gegenüber mit folgenden Sätzen: „Behandle dich selbst als Symbol Gottes. Je menschlicher der Mensch handelt, desto göttlicher ist er. Wer nach dem Bild Gottes gemacht ist, der handelt danach: imago Dei – imitatio Dei“)

"Ramak"
steht für Rabbi Mosche Kordovero, der 1522 geboren wurde und 1570 in Safed starb. Als Meister des Geheimsinns gilt er als eigentlicher Schöpfer und Verfasser der „Pardes“. Zwar schrieb schon Ramban den ersten kabbalistischen Torakommentar, um damit Verborgenes zu offenbaren. Und Raschba, ein wichtiger Schüler Rambans, war der Erste, der den vierfachen Schriftsinn als Ganzes festhielt, und zwar als buchstäblichen, rabbinischen, philosophischen und kabbalistischen Schriftsinn. Ramak, der Meister des Geheimsinns, sah im letzten den wesentlichen, den „göttlichen“ Sinn. Die Philosophen sprachen hier von „Theogonie“, der Gottesentstehung; für die Juden waren dagegen die zehn „Sephirot“, die Attribute Gottes, zentral: keter – Krone, chochma – Weisheit, bina – Verstand, gedula/chessed – Güte, gewura – Macht, tiferet – Herrlichkeit, nezach – Triumph, hod – Majestät, jessod – Fundament und malchut - Reich. Diese sind verpackt und verschlüsselt in Zeichen und Zahlen, Zapfen und Zacken, Zinken und Zierden der Buchstaben. Durch andere Einteilung und Kombinatorik der Buchstaben können die kraftvollen Gottesnamen entziffert werden. Dabei hilft auch die „Gematria“ der Buchstabenzahlenvergleich, „Notarikon“, die Initialwortentwicklung, und die „Temura“, die Buchstabenversetzung.
Die Anfangsbuchstaben dieser vier Verfahren ergeben „GiNaT“, was übersetzt auch Garten bedeutet.
Ein Bespiel für Gematria: J (jod) hat den Zahlenwert 10, JH (jod he) 15, JHW (jod he waw) 21, JHWH 26, das Total beträgt 72; dies ist also der Zahlenwert des grossen, unbeschreiblichen Gottesnamen, der unheimliche Kräfte und unwiderstehlicher Liebeszauber beinhaltet; aber auch Exodus 14,19-21 umfasst je 72 Buchstaben.

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Dienstag, April 10, 2012

Der vierfache Schriftsinn aus jüdischer Sicht


Das Buch "Im Garten der Schrift. Wie Juden die Bibel lesen."
ist im Verlag St. Ulrich Augsburg 2006 unter der ISBN-Nummer: 978-3-936484-67-0 erschienen.

Der Autor Daniel Krochmalnik wurde 1956 in München geboren. Heute ist er Professor für Philosophie, Geistesgeschichte und Religionspädagogik an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg. Zudem ist er Privatdozent für Philosophie an der Universität Heidelberg. Er ist Autor und moderiert die Radiosendung „Schalom“ im Bayrischen Rundfunk, ebenso ist er erster Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Heidelberg.

Zum Inhalt:
Daniel Krochmalnik führt in diesem Buch ins jüdische Verständnis der hebräischen Bibel ein. Er ist davon überzeugt, dass die Geschichten der Bibel zukunftsträchtig sind, weil sie wiederholungsgängig und vergangenheitsgesättigt sind. Er macht plausibel, dass es dabei um eine Lehre geht, die sich laufend erneuert und die methodisch wiederbelebt wird. So werden die Erzählfäden zu einem Gewebe mit wiederkehrenden Mustern und verkörpern dadurch das kollektive Gedächtnis.
Für die Bibelauslegung empfiehlt er vier Schritte, die auch dem "vierfachen Schriftsinn" entsprechen:
1. Literarierisierung – Wortsinn
2. Konzeptualisierung/Typologisierung – geistiger, allegorischer oder Bildsinn
3. Idealisierung – moralischer oder Begriffssinn
4. Hypostasierung – anagogischer oder Geheim- oder Hoffnungssinn


Diese vier Schritte sind auch im hebräischen Wort „PaRDeS“ oder ganz deutsch vokalisiert „Paradies“ enthalten, das besonders in der Kabbala die Bedeutung von Lernort und Lustgarten hat, worin der Baum die Weisheit der Tora selbst ist:
1. P = „Pschat“ = einfacher Sinn = Mischna = Chronik = Information = imitatio rerum
2. R = „Remes“ = angedeuteter Sinn = Maschal = Weisheit = Konnotation = imitatio naturae
3. D = „Drasch“ = belehrender Sinn = Midrasch“ = Weisung = Instruktion = imitatio veterum
4. S = „Sod“ = geheimer Sinn = Kabbala = Profetie = Intention = imitatio dei

Ein Beispiel: In Genesis 2,11 werden vier Flüsse erwähnt: Pischon, Gichon, Chidekel und Frat. Da lassen sich bereits drei der vier Sinne gut zeigen: Die vier Flüsse sind zuerst wörtlich zu verstehen; dann werden die vier Flüsse auch als die vier Exile gedeutet: Babylon, Persien, Griechenland und Rom; und die vier Flüsse werden im profetischen Sinn zu vier Reichen: Himmelreich, Messiasreich, Friedensreich und Weltreich.

Vier grosse Rabbiner des Mittelalters stehen auch für die vier Schriftsinne, weil sie besonders auf je diese hingewiesen haben in ihren Auslegungen der hebräischen Bibel:
1. RASCHI: Rabbi Schlomo ben Izchak (1040-1105) steht für den Wortsinn
2. RAMBAM: Rabbi Mosche ben Maimon (1138-1204) steht für den Bildsinn
3. RAMBAN: Rabbi Mosche ben Nachman (1194-1270) steht für den Begriffssinn
4. RAMAK: Rabbi Mosche Kordovero (1522-1570) steht für den Geheimsinn

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