Freitag, September 23, 2011

Jacques Ellul: Apokalypse: Die Offenbarung des Johannes – Enthüllung der Wirklichkeit.


Dieses wert- und gehaltvolle Buch ist bereits vor 30 Jahren, also 1981, im Neukirchener-Verlag erschienen und ist heute leider vergriffen. Der Autor, der französische protestantische Theologe und Soziologe aus Bordeaux, der von 1912-94 gelebt hatte, hat einen glasklaren und nüchternen Blick auf die Offenbarung. Er kann sehr gut Ordnungen, Strukturen und Wiederholungen erkennen, benennen und deuten, ohne unzulässig zu vereinfachen. Er gibt auch Symmetrien an, die zu einer Mitte führen, die er in Of 12,10-12 erkennt. Ihr gehen 205 Verse voraus und 207 folgen, obwohl er dieser Angabe keine besondere Beachtung schenken will. Wiederholungen dagegen sind meist Ankündigungen oder Vorblenden. Er beschreibt Zusammenhänge und Motive meist jenseits des Wortsinns. Er unterscheidet die Apokalypse von den Profetenbücher, weil das „Sehen“ wichtiger geworden ist als das Hören, die Hoffnung bedeutender als die Historie und der Streit kräftiger als der Trost. Aber er setzt sich klar von Mythos, Gnosis und Reinkarnation ab, weil die Apokalypse sich einem geschichtlichen Ereignis unterordnet, den Herrn im Blick hat und zu einem Ziel kommt. Sie ist in Bewegung, überraschend, schillernd, mehrdeutig, vielschichtig und lässt sich schwer verkürzt wiedergeben. Denn unsere Zeitabläufe und Denkschemen sind dazu schlecht in der Lage. Ungefähr je ein Drittel besteht aus Aussagen über Gott und Jesus, den Herrn; aus Anbetung, Hoffnung & Trost und aus Unglücksfällen und Katastrophen.
Er behauptet, dass das hebräische Denken beim Ziel ansetzt und vom Ende her kommt. „Was bald geschehen muss“ meint die Zwischenzeit zwischen Schöpfung und Neuschöpfung, die das Vorspiel zum Gericht ist. Schöpfung und Gericht sind eine unauflösliche Einheit. Gott handelt und hat Macht und Herrschaft Jesus Christus, dem Triumphator und Herr der Geschichte und der Kirche, übertragen. Er ruft und nimmt das Leben. Dabei ist nirgends das Spektakuläre entscheidend, sondern es ist Gleichnis, Illustration oder Allegorie. Der Weg des Verstehens geht vom Text zum Symbol und nicht umgekehrt.

Am Schluss (ab Kapitel 19) wird der Allmächtige seine Königsherrschaft nicht wieder antreten, sondern eher abgeschlossen haben. Er wird Bräutigam sein, und die Hochzeit kann beginnen!

„Wer der Inkarnation etwas hinzufügen oder abstreichen will, der beweist damit, dass er nicht wirklich Durst hat. Bei Jesus ist alles Gnade, eine Welt des „Umsonsts“; sie steht im Gegensatz zur Welt des Abrechnens und des Messens, dem Geld und der Technik.“

Noch einige hilfreiche Detailaussagen:
Im Brief an Laodizea spricht der Herr am zärtlichsten, am liebevollsten und am hingebungsvollsten; er will die Teilhabe Laodizeas an seiner Herrschaft.
Siegel steht für Geheimnis Gottes, Posaune ruft zum Kampf und kündet den Sieg, Schale entspricht dem Kelch, der Gemeinschaft mit Gott oder Dämonen bedeuten kann.

Babylon und die grosse Hure seien Rom, damals DIE Stadt, mit seinen sieben Königen Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galera und Otho. Sie sind auch Symbol der vollkommenen Macht und der kultischen Prostitution, die dämonische Praktiken einschliesst. Macht bedeutet einerseits Erfüllung menschlicher Träume, aber auch Entfremdung und Fluch durch Sklaverei und Ausbeutung. Prostitution ist das teuflische Schattenbild der Liebe, die Gottes Handeln in Christus am besten verkörpert hatte.
Der zweite Tod ist die Vernichtung des Todes und des Reichs des Todes.
Das neue Jerusalem ist eine von Gott gebaute Stadt, bei der Menschen mitwirken dürfen, ein Ort, wo vollkommene Gemeinschaft herrscht und man Gott schauen wird. Diese Neuschöpfung kann nur durch Gottes vorangehendes Gericht und Vernichtung werden. Vollendung ist immer nur sein Tun, obwohl auch unser relatives Tun seinen Wert hat. Die erste Erde und der erste Himmel wird dann verschwunden sein, weil Gott an der gefallenen Schöpfung gelitten hat. Es wird auch kein Meer mehr geben, weil das mit dem Chaos und seinen Mächten verbunden war.
Himmel der Himmel ist da, wo Gott alles in allem ist.

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Dienstag, September 20, 2011

Offenbarung von Jesus Christus (durch Johannes)


Dieses Jahr habe ich mich näher und tiefer mit dem biblischen Buch der Offenbarung beschäftigt, das nicht gerade zu den einfachsten gehört. Doch ich meine, dass es gute Gründe dafür gibt, sich damit zu befassen und es ernst zu nehmen:

Warum:
Weder Ignoranz noch übertriebenes, ängstliches Beachten und wörtliches Verstehen wollen ist die richtige Haltung zur Offenbarung, sondern ein sachgemässes, kontinuierliches Eintauchen in die Apokalypse. Sie stellt eine damals verbreitete, aber uns fremde Textform dar, die stark einer Profetie ähnelt und doch auch Unterschiede dazu aufweist. Diese gilt es zu entdecken, denn Gott möchte uns hineinnehmen in seine Absichten, uns seine Geheimnisse jetzt schon teilweise enthüllen und uns seine Grösse und Macht zeigen. Das vermittelt uns den richtigen Blick und führt uns in die Anbetung Gottes und des "Lammes", die im Buch der Offenbarung bereits präzise vorgezeichnet sind!

Was:
In der Offenbarung enthüllt Gott teilweise seine Wirklichkeit, seine Macht und Herrlichkeit. Mit dem Begriff „Himmel“ wird Gottes umfassende Wirklichkeit bezeichnet, dort wo Gott „wohnt“ und wo die Gemeinschaft mit ihm vollständig und ungetrübt ist, wo wir ihn einmal „von Angesicht zu Angesicht“ sehen werden können, was uns überwältigen wird.

Wie:
Die Offenbarung ist und bleibt mehrdeutig und vielschichtig zu betrachten und zu verstehen, sofern man ihr gerecht werden will:
1. geschichtlich (dominantes römisches Reich mit seinem zunehmenden Gottkaisertum, speziell bei Nero 54-68 & Domitian 81-96; Eroberung & Zerstörung Jerusalems 70 & 135; Zerstörung Pompeijs 79nChr)
2. zeitgeschichtlich(e Vorgänge heute)
3. endzeitlich (Wir sind bereits seit der Auferstehung Jesu in der Endzeit, denn es ist die Zeit zwischen Erlösung und Neuschöpfung!)
4. bildgeschichtlich (Allegorien, Bilder und Ideen, Illustrationen, die zu deuten sind)

Wer:

Die Personen werden sehr bewusst genannt und ihnen werden bestimmte Tätigkeiten zugeordnet, die genau zu beachten sind. Es besteht eine klare hierarchische Ordnung, bei der Gott zuoberst ist, dem alle Macht und Ehre gehört. Er tritt aber zugunsten von Jesus, dem Menschensohn und dem Lamm, mehr in den Hintergrund und übergibt diesem die sichtbare Macht im Ablauf und Zeitgeschehen. Erst am Ende wird seine Grösse und Herrlichkeit erneut sichtbar für die, die ihn schauen werden.

Wo:
Auf der Erde und im Himmel! In den ersten drei Kapiteln spielt sich vieles in der römischen Provinz „Asien“, der heutigen Westtürkei ab. Diese war damals eine wichtige Drehscheibe für den Austausch und Handel von Ost nach West (und teilweise umgekehrt). Zudem war sie Ausbildungs- und Produktionsstätte, die auch zu ideellem, materiellem und religiösem Reichtum, Wohlstand, Selbstbewusstsein und Macht beitrug.
Erst ab Kapitel vier wird eine Tür am Himmel aufgetan, wir erhalten also einen begrenzten Einblick in die göttliche Welt, die uns sonst nicht zugänglich ist!

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Sonntag, Februar 08, 2009

Prophetische „Uebertreibung“ (Seiten 402-405)


Es geht hier in Jesaja 54,7-10 um die Gemeinde, um Israel. Die Gemeinde ist angefochten. Das gibt der Predigt eine wohlangebrachte Begrenzung. Nicht der Einzelne mit seinem Glaubenskampf steht hier im Mittelpunkt.
Das gnadenvolle Handeln des Herrn ist in einer bestimmten Zeit unter dem Tumult der Ereignisse nicht mehr zu erkennen: Visionen, Stimmen und Zeichen, die von Gott kommen, fehlen; Exil wird nicht mehr als ein Gericht empfunden. Es gibt eine Parallele in Psalm 30,6. „Go’el“ ist ein juristischer Begriff, der die Freikaufpflicht verarmter Mitbürger meint; sinngemäss ist Gott rechtskräftig gebunden (unter Bundesrecht).
Ist dieser Text lyrische Uebertreibung oder zeitlose Idee der Treue Gottes?
Miskotte schreibt: „Man soll über einen solchen Text nicht predigen, wenn das prophetische Wort bereits von vornherein mit einem pastoralen Trost beantwortet... Es ist tatsächlich ein Verlassen werden gewesen. Ohne dies(e Not) ist das prophetische Wort nicht im vollen Sinn Gottes Wort... Er hat zerstreut, Er hat sein Angesicht verborgen. Gnade: in Aufhebung Gericht wird Gottes Gericht bestätigt. Zeit des Verlassenseins ist auch Gottes Zeit gewesen, aber zu sehen ist das nur... von der Zeit der Gegenwärtigkeit aus... Verkündigung braucht Uebertreibung.“

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Sonntag, September 10, 2006

Jesus und die Juden

S. 439: Die Propheten, vorab Jes 5, nennen Israel „Gottes Weinberg“. Bei Jesus ist das Bild verändert: Nicht Israel ist der Weinberg, sondern der Weinberg ist Israel geliehen und kann ihm genommen werden.
S. 440: Nichts auf dem Lande erfordert so viel Liebe wie der Weinberg. Daher ist er ein wirkliches Kulturprodukt – und alle Mühen um ihn setzen vor allem eines voraus: dass Frieden herrscht im Lande. Im Judentum ist daher der Weinberg und besonders der Weinstock ein Symbol für Frieden. …
In Mittel- und Nordeuropa ist die Ausbreitung des Christentums mit der Anlage von Weinbergen deckungsgleich. …
Der Weinberg ist vielmehr Gottes Herrschaft unter Menschen – dass Gott anerkannt wird, und zwar so, dass Lehrer und Schüler gemeinsam dies verwirklichen, die einen lehrend, beide Frucht bringend.
S. 450: Juden fordern Zeichen, Griechen Wunder (1 Ko 1,22), das heisst Judenmission plus Wunder und Heidenmission und Belehrung.
S. 451: Jesus ist zunächst und zuerst Messias Israels. Als Heidenchristen sind ... erst nachträglich in das Gottesvolk aufgenommen (wie die sekundär eingesetzten Zweige des Oelbaums in Röm 11).
S. 459: Die theologische "Ortsfindung" ist dabei ein wichtiges Stück des vierten Evangeliums. "Wo wohnst du?", fragen die Jünger schon zu Anfang, und Jesus sagt zu ihnen: "Kommt und seht." Denn Jesus wohnt dort, wo Gott ist, und dort ist Gott, wo Jesus präsent ist. Das Vierte Evangelium ist somit eine glänzende Einführung in das, was man Realpräsenz Gottes nennt.
S. 467: Deutlicher als alle übrigen Evangelisten stellt Lukas Jesus als den Leidenden, als Märtyrer dar. ... Das Kreuz ist ein Dokument des antiken Antijudaismus, denn nur die Römer durften die Todesstrafe vollziehen.
S. 468: Wie soll aus 130'000 Fraktionen je wieder eine Kirche werden? Nur wenn wir uns orientieren an der Tiefe des Leidens, die unser Begreifen übersteigt, und an der schier unglaublichen Herrlichkeit, mit der Gott Jesus verherrlicht hat und alle krönen will, nur wenn wir uns auf diese Tiefe und Höhe besinnen, die beide nicht menschenmöglich sind, bekommen wir die wahr Optik zur Lösung unserer kleinlich traktierten Kleinigkeiten.
S. 471: Jesus darf sein, was von ihm ankommt... alles Fremde, Steile, Anstössige, Unbequeme, Unverständliche, Mystische wird von Jesus abgelöst, bis nur noch ein allgemeines Vorbild von ihm bleibt – ein dünnblütiger, papierener "Schulbuch-Jesus", der 99 Prozent der Jugendlichen gleichgültig ist, weil sie sich nicht für antike Vorbilder interessieren, für Sokrates nicht und auch nicht für den anderen. Diesen "Jesus" sucht man glücklicherweise in den Quellen vergeblich. Hier liegt bei der Bewältigung der Schwierigkeiten der gefährlichste Punkt: Dass man sich ein Jesusbild nach Gutdünken zurechtlegt.

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