Sonntag, September 11, 2016

Eine kurze Geschichte der Resilienz

Ein neuer Begriff macht die Runde: „Resilienz“. Es ist noch kein einheitlich gebrauchter Begriff, sondern er hat viel mit Salutogenese (Gesundheit), Hardiness (Widerstandsfähigkeit), Coping (Bewältigungsstrategie) und Autopoiesis (Selbsterhaltung) zu tun. Resilienz war ursprünglich in der Technik gebräuchlich und bedeutet dort Flexibilität und Elastizität eines Materials. Er stammt vom lateinischen Wort „resilire“, was mit abprallen und zurückspringen übersetzt werden kann. Um menschliche Resilienz besser verstehen zu können, werden auch drei Metaphern verwendet: • Gewicht, das die zunehmende Tragfähigkeit anzeigt • Behälter/Volumen, der die steigende Aufnahmefähigkeit andeutet • Netz, das die zunehmende Reissfestigkeit infolge guter Verteilung bedeutet
Der Basler Psychiater Samuel Pfeifer hat Resilienz verwendet für psychische Widerstandskraft ohne zu verhärten (erstmals in der Zeitschrift „diakonie“ April 2008). Trotz schwerer Bedingungen haben gewisse Personen - etwa ein Drittel der Menschen - eine gesunde Mischung an Gelassenheit, Leichtigkeit, Zielorientierung, Disziplin und Konsequenz zugleich entwickelt. Unter Belastung können sie flexibel Denken, Bedürfnisse aufschieben, Ressourcen einteilen und haben dadurch psychische Gesundheit und Stärke gewonnen. Dahinter steckt ein „Lebensskript“, eine positiv-realistische Sichtweise, ein antineurotisches Verhalten, eine Problemlösungsorientierung und Selbstwirksamkeit. Solches Agieren ist in einer zunehmend narzisstischen westlichen Welt, die eher Vulnerabilität - Verletztlichkeit durch äussere Einflüsse - und psychische Erkrankungen begünstigt, von grossem Vorteil. In den Fünfzigerjahren hat Jack Block (1924-2010) den Begriff in die Psychologie eingeführt. Der amerikanische Soziologe und Psychologe Glen Elder (* 1934) hat 1961 herausgefunden, dass viele arme Kinder in den USA der Dreissigerjahren sich zu erfolgreichen Menschen entwickelt haben, weil sie zu Akteuren des eigenen Lebens wurden. Doch erst die amerikanische Psychologinnen Emmy Werner (* 1929) und Ruth Smith haben durch eine pionierhafte Studie an 698 Kinder auf Hawaii, die 1955 geboren wurden und unter erschwerten Bedingungen aufgewachsen waren, dem Resilienzbegriff 1971 zum Durchbruch verholfen. 1977 erschien ihr Buch „The children of Kauai“, worin sie den Schluss zogen, dass etwa ein Drittel dieser Kinder lebenstüchtige Erwachsene wurden und dass Resilienz erworben wird und erlernbar sei. Die Studie dauerte bis 1995, die 698 Personen wurden also 40 Jahre lang beobachtet. In den Achtzigerjahren ging der israelische Soziologe Dr. Aaron Antonovsky der Frage nach, was Menschen gesund hält (und nicht was sie krank macht) und begründete damit die „Salutogenese“. Er stellte in seinen Forschungen fest, dass erstaunlich viele Frauen, die den Holocaust überlebt hatten, auch die Menopause gut meisterten. Diesen Zusammenhang nannte er „Kohärenz“, genauer ist es: • die Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen • die Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können • der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat. Er hat 1987 zehn Faktoren bestimmt, die Menschen in schwierigen Lebensumständen schützen und ihnen zu Widerstandskraft verhelfen: 1. Stabile emotionale Beziehung zu einem Elternteil oder Bezugsperson 2. Soziale Unterstützung innerhalb und ausserhalb der Familie (Nachbarn, Lehrer oder Gleichaltrige) 3. Emotional warmes, offenes, strukturierendes und Norm orientiertes Erziehungsklima 4. Soziale Modelle, die zu konstruktiver Lebensbewältigung ermutigen (Elternhaus, Schule, Kirchgemeinde, Jugendgruppe, etc.) 5. Soziale Verantwortlichkeit (z.B. Sorge für Verwandte oder Freunde) und Leistungsanforderungen (z.B. Pflichten in Familie, Schule oder Arbeitsplatz) 6. Kognitive Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, durchschnittliche Intelligenz und realistische Zukunftsplanung 7. Temperamentseigenschaften, die effektive Problembewältigung begünstigen wie Flexibilität, Annäherungsverhalten und Impulskontrolle 8. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Überzeugungen, Selbstvertrauen und positives Selbstbild 9. Aktive Lösungssuche bei Problemen 10. Glaube: Erfahrung von Sinn, Struktur und Bedeutung in der eigenen Entwicklung. Der deutsche Psychologe und Psychiater Manfred Spitzer (* 1958), der 2012 das Buch „Digitale Demenz“ geschrieben hat, zeigt darin sehr eindrücklich und nachvollziehbar auf, dass die Gehirnbildung über die ganze Lebenszeit hinweg erfolgt. Er spricht dabei nicht von Resilienz, aber er zielt in die gleiche Richtung. Bei allen Menschen gibt es einen Aufstieg und einen Abstieg im Lauf des Lebens. Positive Faktoren wie Bildung (Zweisprachigkeit, Musik, Sport, Theater), Bewegung („die Welt mit Händen begreifen“), gesunde Ernährung, Geborgenheit und Gemeinschaft (Bindung, Familie und sinnvolle Arbeit), aktives Teilnehmen und Geben und Helfen (Enkelkinder, Ehrenamt, Freunde) fördern den Aufstieg und stärken die Gehirnbildung bis ins hohe Alter hinein. Er konnte feststellen, dass Zweisprachigkeit, Alzheimerkrankheiten um mindestens fünf Jahre hinauszögern. Dagegen führen Fernsehkonsum, Computerspiele, dauernd Online sein, Stress und Multitasking vermehrt und schneller zu Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Schulproblemen, geringer Bildung, falscher Ernährung, Sucht, Schlafmangel, Übergewicht, Arbeitslosigkeit, Krankheit, sozialem Abstieg, Vereinsamung, Depression und Demenz. Spitzer betont stark und zu Recht, dass wir (westlichen) Menschen für die Gestaltung und Formbarkeit unseres Lebens weitgehend selbst verantwortlich seien. Zusätzlich ist aber auch anzumerken, dass ein Spannungsfeld zwischen eigener Handlungsfähigkeit und vorgegebenen Rahmenbedingungen besteht, mit dem konstruktiv, kreativ und intelligent umgegangen werden will. Als hilfreiches Modell könnte hier das Wertequadrat mit den Begriffen „freier Wille“ – „Vorsehung“ und (im Negativen) Machbarkeitswahn – Fatalismus dienen. Wer dem Machbarkeitswahn zuneigt, dem hilft die Realität der Vorsehung zu akzeptieren und in sein Leben zu integrieren. Die Erforschung und die Entwicklung des Begriffs der Resilienz ist meiner Meinung nach noch nicht abgeschlossen. Die Entwicklung scheint mir vermehrt von der individuellen zur sozialen Resilienz, von der Eindimensionalität, der einfachen „Widerstandskraft“ gegenüber schwierigen Umständen in Richtung Komplexität, Beziehungsintelligenz und sozialer Vernetzung zu gehen: Wie können wir gemeinsam Probleme und Herausforderungen intelligent angehen und kreativ meistern? Welche Ressourcen stehen uns zur Verfügung und welche könnten wir suchen und miteinbeziehen? Wie können Aufgaben in einem Team besser verteilt werden, damit alle beteiligt sind und Erfolge gemeinsam erreicht und gefeiert werden können? Westliche Hochschulen wie beispielsweise die Universität Basel betreiben zusammen mit Universitäten in der Dritten Welt empirische Forschung zu Infrastruktur, sozialem Leben und Gesundheitsrisiken in den Städten Afrikas. Dabei haben sie festgestellt, dass intakte familiäre und soziale Beziehungen sehr viel zu Resilienz von Land- und Stadtbewohnern beitragen und schlechte Lebensbedingungen teilweise kompenisieren und sogar Gesundheitsprobleme wesentlich reduzieren können. Quellen: • Artikel Resilienz (Psychologie) in Wikipedia • Artikel von Samuel Pfeifer in Zeitschrift Diakonie. April 2008 • Einführungsvortrag von Dörthe Huth auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=0N6TaZAisaU • Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Droemer, München 2012. ISBN 978-3-426-27603-72012

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Dienstag, März 03, 2015

Kokonisierung und Wachstum

Kokonisierung stammt eigentlich aus dem Tierreich und meint den Prozess des Einspinnens eines ungeschlüpften Insekts. Am besten ist es uns bei den Schmetterlingen bekannt. Aber ich möchte über menschliche Kokonisierung sprechen, über den Hang und den Zwang besonders Kinder und junge Menschen einzuwickeln und vor allen möglichen Gefahren zu schützen und vor schwierigen Erfahrungen zu bewahren. Sicher brauchen Menschen Schutz, aber schon aus der Pädagogik weiss man, dass Kinder auch schwere, anspruchsvolle Bewegungen ausführen sollten, um ihre Motorik auszubilden und zu trainieren. Ähnliches gilt für das Meistern von Aufgaben: Wer nie an seine Grenzen stösst, weiss gar nicht wo sie sind und wie sie zu weiten wären. Wer nie verliert, gibt vermutlich schneller auf. Gerade langandauernde Beziehungen und schwierige Umstände, denen wir nicht leicht ausweichen können, bieten Chancen zu persönlichem Wachstum und Lebensreife. Dies zu erkennen und zu realisieren ist nicht nur leicht, neigen wir doch alle dazu, Schwierigkeiten und Schmerzen zu vermeiden. Wir sind - die einen mehr und die andern weniger - so richtige Lebenskünstler in Vermeidung. Wachstum ist oft nur mit Wachstumsschmerzen zu haben, und Reife wird mit einer starken Verwurzelung und richtigem Tiefgang erreicht.
Kletternder Affe in Hua Hin (Thailand)

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Sonntag, Februar 22, 2015

Parker Palmer: Burn-out

Gestern hat mir meine Frau ein Zitat aus dem Buch von Peter Scazzero: Mitten am Tag bist du mir nah; vorgelesen. Dabei geht es um eine Definition von Burn-out, die der Amerikaner Parker Palmer geschrieben hat: "Burn-out ist ein Zeichen dafür, dass ich mein eigenes Wesen im Namen irgeindeines noblen Ziels verletze. Üblicherweise hält man Burn-out für eine Folge dessen, dass jemand "zu viel gibt". Aber meiner Erfahrung nach resultiert es eher aus dem Versuch, etwas geben zu wollen, das uns nicht gehört - das heisst, letztendlich zu wenig zu geben! Burn-out ist sicherlich ein Zustand der Leere, aber sie kommt nicht daher, dass ich alles gebe, was ich habe. Sie offenbart einfach nur das Nichts, aus dem heraus ich versucht habe, etwas zu geben." Dem kann ich aus Erfahrung nur zustimmen.
Leerer Fischerhafen von Kao Takiab (Thailand) am Abend

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Sonntag, Januar 04, 2015

11: A Glorious Sadness (Eine herrliche Traurigkeit)

Hart benennt den spirituellen Ethos der Antike als eine Art von herrlicher Traurigkeit. Es sei ein geschlossenes System, bei dem der Kosmos ein fortwährendes Opfer darstelle, worin Götter und Tote bestimmte Plätze einnehmen und Menschen davon abhängig blieben. Es sei eine Oekonomie mit Zyklen der Schöpfung und der Zerstörung, der Ordnung und des Chaos, der Stabilität und der Gewalt und religiöser Transaktionen mit dem Tod. Die Götter nähmen unsere Opfer entgegen und gäben uns von ihrer Macht. Kapitel 12: A Liberating Message (Eine befreiende Botschaft) Das frühe Christentum war gegenüber dem Heidentum visionär und attraktiv, weil es den Zugang und Einbezug von Sklaven und Frauen im Gottesdienst und Gemeinde ermöglicht hatte. Barmherzigkeit, die konkrete Unterstützung aller Bedürftigen und Armen galt als wichtigste geistliche Aufgabe, wodurch schnell ein Netz der Wohltätigkeit entstanden war. Kapitel 13: The Face of the Faceless (Das Gesicht der Gesichtslosen) Die genaue Übersetzung des lateinischen Wortes „persona“ ist Maske und zeigt etwas vom römischen Menschenbild und Personenverständnis der damaligen Zeit. Die Gleichstellung der Menschen in der frühen Kirche hatte dagegen eine enorme subversive Kraft in der heidnischen Gesellschaft und hat eine moralische Revolution bewirkt. Das Feiern der Auferstehung Christi an Ostern war jeweils Höhepunkt des Jahres und hatte auch eine emanzipatorische Wirkung; denn Gott war zum Gesicht der Gesichtslosen geworden.

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Sonntag, Mai 12, 2013

Siegfried Zimmer: Persönlichkeitsentwicklung

Siegfried Zimmer ist deutscher Pädagoge und Theologe. Er lebt in Ludwigsburg, wo er viele Jahre an der Pädagogischen Hochschule gelehrt und gewirkt hat. Er ist verheiratet und hat erwachsene Kinder. Seine Stärke ist seine Vielseitigkeit, seine Reife, seine Tiefe, sein Verständnis und Wertschätzung für die unterschiedlichsten Menschen. Als hervorragender Rhetoriker sind seine thematischen Vorträge nun auch im Internet verfügbar unter dem Titel "Worthaus", siehe: www.worthaus.org. Es sind zwei Vortragsreihen, die er zusammen mit Thomas Breuer vor allem in Weimar gehalten hat. Sein Anliegen ist es, einen neuen, unverstellten Blick auf Jesus, sein Umfeld und den christlichen Glauben zu gewinnen. Ob ihm das gelungen ist, bleibe jedem Zuhörer selbst überlassen. Ich jedenfalls habe sehr von diesen Vorträgen profitiert. Ein Thema, weil die Vortragsserie besonders für jüngere Menschen gedacht ist, heisst "Persönlichkeitsentwicklung". Er unterscheidet zwischen Person und Persönlichkeit: "Person" ist der von Gott geschaffene und berufene Mensch, der unveränderlich bleibt. "Persönlichkeit" dagegen ist die Entwicklung des Menschen, die während seines ganzen Lebens andauert. Der deutsche Theologe für Altes Testament Claus Westermann habe herausgearbeitet, dass in der hebräischen Bibel plötzliche Veränderungen und stetige Entwicklungen gleichwertig beschrieben werden. Gott handle rettend und segnend an der Welt. Die Sprache des Segens drücke sich aus in den Verben sich ausbreiten, wachsen und viel werden. Dazu gibt es in der hebräischen Sprache viel mehr Ausdrücke als im Deutschen: sechzehn, elf und vier, insgesamt also 31 Verben! Die Segensspur Gottes ist aufmerksam zu beachten, seine Rettung darf seinen Segen nicht zudecken und kompensieren. Nach Siegfried Zimmer ist Rettung Gottes zentral und Schöpfung Gottes fundamental. Ethik muss aus der Zusage Gottes heraus ins Leben integriert werden. Gesunder Glauben lasse sich zudem befragen und durchleuchten, er bewirke folgendes: · · · · · · · · ·Aufmerksamkeit und Sensibilität werden verstärkt ·selbständiges Denken und Mündigkeit werden gefördert ·Glaubenssätze werden persönlich verarbeitet ·Zweifel werden zugelassen ·Bescheidenheit wird eingesehen und gelebt ·Gerechtigkeit und Frieden werden gefördert ·Sinnlichkeit und Kontaktfreude nehmen zu

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Sonntag, Februar 03, 2013

Urs Moser: Was in der Schule wirkt - und was nicht

John Hattie ist mir deshalb aufgefallen, weil ich von ihm bereits letztes Jahr kurz gelesen hatte. Dies war im "Tagi-Magi" (Magazin Tagesanzeiger) vom 6. April 2012 der Fall. Da schrieb der Zürcher Bildungsforscher Urs Moser über Wirksamkeit in der Schule und stellte dabei acht Thesen auf: . . . . . . 1. Ueberzogene Erwartungen: Generell herrschen, was Schule anbelangt, zu hohe Erwartungen und entsprechende Reaktionen und falscher Aktivismus vonseiten der Bildungspolitiker. Diese stellen Programme auf und setzen Reformen durch, ohne die Folgen daraus zu erleben und verantworten zu müssen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Auf den Lehrer kommt es an: Moser verweist auf den Neuseeländer John Hattie, der herausgefunden hat, dass die Lehrpersonen den stärksten Effekt auf das schulische Lernen haben. Und Unterricht ist dann erfolgreich, wenn Lehrpersonen imstande sind, die Perspektive ihrer Schüler einzunehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Transparente Anforderungen: Lernerfolg sollte sichtbar gemacht werden. Dafür braucht es zielorientierte Programme und einheitliche Massstäbe für die Abschlüsse, damit Vergleiche überhaupt möglich werden. 4. Schulstrukturen werden überschätzt: Sie sind nicht so wichtig, daher können sie problemlos unterschiedlich sein und an lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse angepasst werden. . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Eltern sind wichtiger als die Schule: Die Familie und das Zuhause beeinflussen Lernerfolg stärker als die Schule. Ihre Unterstützungsmöglichkeiten sind aber sehr unterschiedlich. Positiv wirken sich eine anregungsreiche Umgebung, innere Beteiligung am Lernen und eine hohe Erwartungshaltung aus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Ohne Fleiss kein Preis: Konflikte zwischen Schule und Freizeit nehmen zu, denn Lernen und Wohlbefinden stehen zueinander in Konkurrenz. Lernerfolg steht in Gegensatz zum Konsum, weil auch negative Emotionen überwunden werden müssen durch Anstrengung. Zufriedenheitsgefühle entstehen meistens erst nach dem Lernerfolg! . . . . 7. Die Schule als Chance: Schule ist ein selbstverantwortliches System für pädagogoisches Handeln. Ihre Qualität lässt sich aber nur durch Rückfragen und Rechenschaft ermitteln. Die zentrale Frage heisst: Was wissen und können unsere Schüler? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Auf das Zusammenspiel kommt es an: Lehrpersonen, Eltern und Schüler brauchen nicht primär Reglemente und Handbücher, sondern Freude, Verantwortung und Ziele, an denen sie sich orientieren können.

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Sonntag, Oktober 14, 2012

Unsere zwei Lebensaufgaben

Letzte Woche habe ich im Campo Rasa im Centovalli (Tessin) mit meiner Frau und zwei lieben Freunden einen Enneagrammkurs geleitet. Es war wieder einmal intensiv und äusserst lehrreich. Wir haben gelacht, es wurde geweint und viele wurden getröstet. Schön ist auch, dass man sich selbst und das Enneagrammsystem relativieren kann. Deutlicher als sonst ist mir die Entstehung des Musters klar geworden. Es hat viel mit unserer ersten Lebensaufgabe zu tun, die der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit dient. Sie dauert normalerweise bis in die Zwanzigerjahre. Am Anfang werden wir ungefragt auf die Welt "geworfen". Unsere Gene und potenziellen Begabungen treffen auf eine konkrete Lebenssituation, die wir auch nicht auswählen. Unser unbändiger Lebenswille und die starke Lebenskraft lassen uns zunehmend für uns selbst sorgen. Wir wählen unbewusst (Ueber)lebensstrategien, entwickeln damit ein Muster (eines von neun) und werden einmalig und zugleich einseitig. Das ist gut so und muss so sein, es gehört zu unserem Menschsein. Wir verstecken unsere unsicheren und schwierigen Anteile wie Adam und Eva sich versteckt hatten und ihre Scham mit Tierfellen bedecken liessen. Als ausgewachsene, einseitige und einmalige Persönlichkeit ist es unsere Aufgabe, zunehmend Grenzen, Schwierigkeiten und Schwächen zu erkennen, zu akzeptieren und zu bewältigen. Häufig nur unter Druck und gegen Widerstand lassen wir Weiterentwicklung, Veränderung, Verwandlung und Erlösung durch Jesus Christus zu. Das ist unsere zweite, andauernde Lebensaufgabe.

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Freitag, Juli 06, 2012

Pixcel-Ich

Die gegenwärtige Befindlichkeit der westlichen Menschen schätzt Bobert so ein: Im sogenannten „Pixcel-Ich“ zeigen sich ein übersättigtes Selbst, andauernde Identitätssuche und zu viele Umbrüche. Man spricht auch von „MPS“, dem multiplen Persönlichkeitssyndrom, das auf acht bis neun Teilpersönlichkeiten kommt. Eine grosse Zerbrechlichkeit zeichnet die Menschen heute im Westen aus, die zugleich oft auch Narzissmus ist. Sie kann sich auch in Wut äussern (nach Heinz Kohut). Narzisstische Personen sind auch verunsichert und häufig tragisch, sie pflegen verschmelzende, idealisierende und überlegene Beziehungen. Teddys, die sie haben, sind Uebergangsobjekte und Realsymbole für die Mutter. Sie haben daher auch viel eher ein mütterliches Gottesbild, das Ausdruck der Suche an Ansehen und Geborgenheit ist. Das Muttergesicht ist in der menschlichen Urerfahrung der primäre Ort der Gnade: „Wenn ich schaue, werde ich gesehen, also existiere ich.“ Diese nicht endende Spiegelung, das Bewahren des Muttergesichts, kann zur Fixierung, zum „Kokon“, zum Schauen in einen toten Spiegel werden. Tote Spiegel werden dann zu Drogen, Fetischen, dämonischen Symbolen, Selbstverletzungen, Götzen, falschen und selbstkonstruierten Gottesbilder. Gesund dagegen sind schöpferische Arbeit, Einfühlungskraft, Begrenztheit, Humor und Weisheit. Gott sprenge letztlich alle Bilder; und wir beten, weil wir (noch) nicht sehen und erkennen, Gottesschau erfolge durchs Auge der Kontemplation (Hugo von St. Viktor). Auch die Wissenschaft kenne seit der Entdeckung der Quantenmechanik 1927 keine Objektivität mehr, sie kann nicht mehr genau sagen, wie die Welt wirklich beschaffen ist. Das Universum wird eher und vermehrt als grosses Gewebe, als Einheit und Verbundenheit betrachtet. Rationalität allein genügt nicht mehr, auch Intuition hat wieder ihren Platz (frei nach Urich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. München 2008). Bobert verweist auch auf den englischen Landartkünstler Andy Goldsworthy, der eine Welt hinter Worten zeigt. Er sieht etwas, das immer schon da war, aber für das er bisher blind war. Die Kraft in der Materie sei Leben, sie mache sie zu Lebewesen. Mystische Erfahrung sei Einheit, Reinigung, Gegenwart, Zweckfreiheit und Unsagbarkeit. Zu Boberts Glaubenseintrittsverständnis: Für sie ist die Taufe das Bad der Wiedergeburt, eine Metamorphose, eine Erleuchtung durch den heiligen Geist. Das ist Christusgeburt in der Seele, „jeder Christ muss so zur Mutter Christi werden, zugleich ist Christus unser Wagenlenker“. Gott können wir nur durch geistliche Verwandlung erkennen, in Begegnungen mit Christus erhalten wir ein pneumatisches Gewand. So wie Kleider den Körper bedecken, bedecke der Körper bereits die Seele. Geisttrunken werden wir von der Eucharistie, von Christus im Wort und von der Eingiessung des Heiligen Geistes.

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Sonntag, Februar 28, 2010

Enneagramm und Wissenschaft


Am 19. Februar 2010 hatte ich die Gelegenheit an der Jahreshauptversammlung des öAE (=ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm) in Rothenburg o.d.T. (liegt in Franken, Deutschland) teilzunehmen. Am ersten Abend sprach Jürgen Gündel, Psychologe und Psychotherapeut aus Mannheim, über Enneagramm und Wissenschaft.
Er bezeichnete das Verhältnis von Enneagramm zu Wissenschaft als ambivalent. Da das Enneagramm für die überzeugten Anwender bedeutsam und wirkungsvoll zugleich ist, braucht es eigentlich keine äusseren, objektiven Beweise. Für eine allgemeine, gesellschaftliche Anerkennung sind jedoch wissenschaftliche Nachweise wichtig, die aber das Risiko bergen, dass der spezielle „Spirit“ verloren gehe. Gündel definiert Wissenschaft folgendermassen: Es ist ein Set von Ritualien, die von Gütekriterien begeleitet das Ziel verfolgen, Wahrheit und Wirklichkeit herauszufinden.
Dabei unterscheidet er zwei Wege: der deduktive und der induktive.

Der deduktive Weg beinhaltet einen Weg der Operationalisierung: Vom Konstrukt zur Hypothese, dann zu Variablen, Daten und statistischer Bearbeitung. Die Resultate sollen das Konstrukt bestätigen oder widerlegen. Drei Gütekriterien sind dabei bedeutsam:
· Objektivität (Unabhängigkeit von den Erwartungen des Untersuchers),
· Reliablität (Verlässlichkeit) und
· Validität (Messgegenstand)
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Diese Vorgehensweise bringt messbare Resultate, hat also nachvollziehbare Vorteile, aber auch gewichtige Nachteile, weil es ein vorgefasstes Set ist. Es blendet Reichhaltigkeit und Wesentlichkeit der Wirklichkeit aus. Diese Fokussierung orientiert sich auch stark am Auftraggeber, dem es meistens um Gewinnorientierung, Mehrwertabschöpfung und Verwertbarkeit geht. Die Fragestellung lautet: Was bringt uns das? Und nicht: Was ist wirklich? Diese Sichtweise aber verzerrt Wissenschaft, kontrolliert Symtome, stabilisiert Machtstrukturen, unterdrückt Befreiung und enteignet Selbstbewertung tendenziell. In einem solchen Kontext wird das Enneagramm zum reinen „Psychotool“ und nicht zum Selbstfindungsinstrument, das auch einen spirituellen Weg einschliesst.

Der induktive Weg ist eher teilnehmende und berichtende Beobachtung, die sich dem erforschenden Gegenstand annähert und teilweise von ihm beeinflusst wird. Aufs Enneagramm bezogen sind es da die offenen Interviews, die „Panels“.

Generell: Die Induktion geht von der Wirklichkeit zur Theorie, die Deduktion von der Theorie zur Wirklichkeit. Nicht alle zu erforschenden Gebiete und Fragestellungen eignen sich gleichermassen gut für beide Methoden.

Es gibt zurzeit weltweit ungefähr 50 wissenschaftliche Untersuchungen zum Enneagramm, davon sind jedoch wenige aussagekräftig, weil die Gütekriterien nicht immer den heutigen wissenschaftlichen Standards genügen. Folgende Aussagen sind bereits wissenschaftlich erhärtet:
- Zwanghafte Personen gehören gehäuft zu Enneagramtyp 1
- „Messis“ und Opiatabhängige sind überdurchschnittlich bei der 9 zu finden
- Kopftypen haben höhere, Bauchtypen mittlere und Herztypen tiefere Adrenalinwerte
- 3 und 7 sind kaum je beschrieben worden, weil sie vermutlich zu sehr der heutigen westlichen Gesellschaft entsprechen

Gündel plädiert für mehr Wirksamkeitsstudien und auch die Vertiefung des Enneagrammmodells, besonders Pfeilrichtungen und Zentren wären genauer zu erforschen.
Als Beispiel wie Wissenschaft und Emotionalität zusammengebracht werden können, verweist er auf „heartmath“. Diese Organisation erforscht Themen wie Stressabbau, Ausgeglichenheit, Kommunikation, Entscheidungsfähigkeit, Teamfähigkeit und Selbstbewusstsein.


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Sonntag, Januar 31, 2010

Narzissmus - eine Epidemie der Selbstverliebtheit




Letzte Woche habe ich in der Schweizer Tageszeitung "Der Bund" einen aufschlussreichen Artikel über die dramatische Zunahme der Selbstverliebtheit junger Menschen in den USA gelesen. Schön wäre ja, wenn das nur die "bösen" Amerikaner betreffen würde, aber ein zitierter deutscher Psychologe namens Hans-Werner Bierhoff meint, "Wahrscheinlich ist das aber nicht, ich fürchte wir stecken mittendrin".
Die Amerikanerin Jean Twenge spricht von "Generation Me" und "Narzissmus hat so viele negative Konsequenzen." (Es gab mal den treffenden Titel "I, me and myself", der dieses Lebensgefühl beschrieb.) Um den Narzissmus zu erklären und zu beschreiben wird selbstverständlich auch der sechzehnjährige Jüngling Narziss aus der griechischen Mythologie erwähnt, auf den der Begriff zurückgeht. Er versagte aus Stolz der Nymphe Echo seine Liebe, worauf ihn diese mit einem Fluch belegte: Er musste seine Spiegelung im Wasser lieben, die sich ihm aber immer wieder entzog.
Als Hauptgründe der Zunahme des Narzissmus wird die Individualisierung und Medialisierung genannt, die sich zunehmend bis in die Familien und Beziehungen auswirken. Medien gieren nach Promis, Casting-Shows und Reality-Sendungen nehmen zu. Die eigene Bedeutung und Attraktivität wird massiv überschätzt, ehrgeizige Eltern fördern diese Selbstüberschätzung und Selbstbezug ihrer Kinder noch durch übermässige Förderung und Verwöhnung. All das verzerrt den Beitrag anderer Personen und eines Partners und entwertet und entwürdigt diese tendenziell. Auch wird auf andere Personen Druck ausgeübt, denn sie haben schliesslich nach meiner Pfeife zu tanzen. Auf den ersten Blick wirken Narzissten oft attraktiv und erfolgreich, doch der deutsche Psychologe rät: "Finger weg von einem narzisstischen Menschen!"

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Mittwoch, Juni 10, 2009

Resilienz


Ein neuer Begriff macht die Runde: „Resilienz“. Dieser war ursprünglich in der Technik gebräuchlich und bedeutet Flexibilität und Elastizität. Beim Menschen wird er verwendet für psychische Widerstandskraft ohne zu verhärten gemäss Dr. Samuel Pfeifer in der Zeitschrift „diakonie“ 04.2008.
Bereits vor über zwanzig Jahren ging der israelische Soziologe Dr. Aaron Antonovsky der Frage nach, was Menschen gesund hält (und nicht was sie krank macht) und begründete damit die „Salutogenese“. Er stellte in Forschungen fest, dass erstaunlich viele Frauen, die den Holocaust überlebt hatten, auch die Menopause gut meisterten. Diesen Zusammenhang nannte er „Kohärenz“, genauer ist es:

· die Fähigkeit, Zusammenhänge des Lebens zu verstehen

· die Ueberzeugung, das eigene Leben gestalten zu können und

· der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat.

Er hat 1987 zehn Faktoren bestimmt, die Menschen in schwierigen Lebensumständen schützen und ihnen zu Widerstandskraft verhelfen:

1. Stabile emotionale Beziehung zu einem Elternteil oder Bezugsperson

2. Soziale Unterstützung innerhalb und ausserhalb der Familie (Nachbarn, Lehrer oder Gleichaltrige)

3. Emotional warmes, offenes, strukturierendes und Norm orientiertes Erziehungsklima

4. Soziale Modelle, die zu konstruktiver Lebensbewältigung ermutigen (Elternhaus, Schule, Kirchgemeinde, Jugendgruppe, etc.)

5. Soziale Verantwortlichkeit (z.B. Sorge für Verwandte oder Freunde) und Leistungsanforderungen (z.B. Pflichten in Familie, Schule oder Arbeitsplatz)

6. Kognitive Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, durchschnittliche Intelligenz und realistische Zukunftsplanung

7. Temperamentseigenschaften, die effektive Problembewältigung begünstigen wie Flexibilität, Annäherungsverhalten und Impulskontrolle

8. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Ueberzeugungen, Selbstvertrauen und positives Selbstbild

9. Aktive Lösungssuche bei Problemen

10. Glaube: Erfahrung von Sinn, Struktur und Bedeutung in der eigenen Entwicklung


“Resilienz bedeutet, den Glauben nicht aufzugeben –
trotz unerfüllter Wünsche und offener Fragen an Gott.
Resilienz bedeutet, die Liebe nicht aufzugeben –
trotz erfahrener Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit.
Resilienz bedeutet, die Hoffnung nicht aufzugeben –
trotz schier unüberwindbarer Hindernisse und Widerstände.
Resilienz brauchen wir alle.“ Dr. Samuel Pfeifer

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Mittwoch, Juni 03, 2009

Wurzelsünde



Letzte Woche habe ich zusammen mit Ruth Maria Michel den vierten Enneagrammkurs geleitet. 19 Teilnehmende haben ihn besucht, das ist doch beachtlich für den Monat Mai. Es ist sinnstiftend, Menschen auf ihrem Lebens- und Glaubensweg zu begleiten, ihnen besseren Zugang und Orientierung mit ihren Lebensmustern zu verschaffen. Ziel ist es, sich besser kennen zu lernen und stärker auf Gott ausgerichtet zu werden. Dazu gehört auch die Tiefendimension der eigenen Sünde zu erkennen, die sogenannte "Wurzelsünde". Es ist einfach zu wenig zuzugeben, dass ich ein Sünder bin, denn das ändert noch nicht viel in der Nachfolge Christi, sondern es hat etwas Konservierendes an sich. Das ist höchstens ein Anfang. Auch ist wenig gewonnen, die Sünden zu moralisieren, denn so bleibe ich an der Oberfläche und werde ein Pharisäer. Deshalb gefällt mir der Begriff "Wurzelsünde", den Richard Rohr geprägt hat. Denn er bedeutet die radikale Trennung von Gott, von usneren Mitmenschen und von uns selbst. Ich bin gott-los, setze mich, andere Personen oder Dinge absolut, an die Stelle Gottes, des Absoluten. Das ist die eigentliche Sünde, die wir zu oft nicht sehen und wahrhaben wollen. Diese Haltung manifestiert sich konkret in:
- Zorn (Aerger, Wut, oft versteckt)
- Stolz (oft verdeckt)
- Lüge (Betrug, Täuschung)
- Neid (Vergleichsucht)
- Habsucht (Geiz, auch imatriell)
- Furcht (Angst, zwanghaft)
- Masslosigkeit (Genusssucht)
- Respektlosigkeit (Grenzüberschreitung)
- Faulheit (Trägheit)


Es ist zuerst schmerzhaft, aber letztlich wohltuend, sich diesen Fallen, Neigungen und Schlagseiten zu stellen. Denn Sünde ist schlussendlich Zwang und Wahrheit führt in die Freiheit. Schon Jesus hat gesagt: "Wer Sünde tut, ist der Sünde Knecht... die Wahrheit wird euch frei machen" (Johannesevangelium 8,32+34)

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Samstag, Oktober 18, 2008

Charakter


Das Wort „Charakter“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Prägestempel für Münzen und Siegel. Heute meint es hautsächlich die menschliche Prägung. Der Charakter eines Menschen wird meiner Meinung von mindestens fünf Hauptfaktoren bestimmt:
1. Kern: Personenmitte oder „Seele“, mein einmalig geschaffen sein von Gott, der mir Identität gibt
2. Gene: Vererbung von körperlichen und seelischen Wesenmerkmalen durch die leiblichen Eltern
3. Erziehung: Bezugspersonen der ersten Lebensjahre bestimmen durch Zuwendung die Ausbildung von Beziehungs-, Kommunikations-, Sprach-, Kooperations- und Konfliktfähigkeit wesentlich mit
4. Kultur: Umfeld, Milieu, Nachbarschaft, Schule und Freundeskreis tragen zum eigenen Wertesystem bei
5. Wille: früher oder später haben wir die Wahl zu eigenen Entscheidungen, die aber Folgen haben werden: „Säe einen Gedanken und du erntest eine Tat. Säe eine Tat und du erntest eine Gewohnheit. Säe eine Gewohnheit und du erntest einen Charakter. Säe einen Charakter und du erntest ein Schicksal.“

Wir Menschen haben generell mehr gemeinsam als dass uns unterscheidet und trennt. Die kollektiven Gemeinsamkeiten sind also grösser als die individuellen Eigenheiten. Deshalb kann es Sinn machen, Typologien als Modelle und Orientierungshilfen zu verwenden, um aus eigenen Verengungen, Verkrustungen und Sackgassen herauszufinden. Charaktertypen beschreiben dabei mögliche, unterschiedliche Persönlichkeits- oder Gemütsarten. Heute gibt es zahlreiche, teilweise ganz unterschiedlich gelagerte Charakterlehren und –typologien. Die meisten gehen auf die Griechen zurück, die ein besonderes Interesse am Menschen und seinen körperlichen und seelischen Fähigkeiten hatten.

Eine der bekanntesten, die „Vier-Elemente-Lehre“ stammt vom Griechen Empedokles. Aufgrund der vier „Elemente“ Wasser, Feuer, Erde und Luft stellte er auch vier Körperflüssigkeiten fest: Schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut. Diese Flüssigkeiten stehen wiederum für die vier Menschentypen:
· Melancholiker
· Choleriker
· Phlegmatiker
· Sanguiniker

Vor etwas weniger als hundert Jahren wurde diese Typologie vom norwegischen Theologen Ole Hallesbychristianisiert“ und nutzbar gemacht. Noch heute wird diese grobe Typologie angewendet, ich erachte sie aber nur anfänglich als hilfreich, da sie letztlich doch zu ungenau ist.

Eine ähnliche Typologie scheint mir das DISG-Persönlichkeitsmodell zu sein mit den vier Grundverhalten: dominant, initiativ, stetig und gewissenhaft. Es wird heute auch stark kommerziell genutzt, geht aber eigentlich auf den amerikanischen Psychologen William Moulton Marston zurück, der es 1930 entwickelt hat.

Zwei weitere Typologien:
Der Wiener Jude Sigmund Freud (1856-1939) hat die umstrittene Psychoanalyse entwickelt und eingeführt. Hier geht es um Abwehrmechanismen, die er festgestellt hat. Er unterscheidet:
1. narzisstisch (bedeutet: selbstverliebt): Spaltung drückt sich aus in Uebersteigerung
2. schizoid (bedeutet: abgespalten): Sublimierung (Vergeistigung) bewirkt Distanz
3. depressiv: Selbstagression bewirkt Abhängigkeit
4. zwanghaft: Reaktionsbildung bewirkt Kontrolle
5. hysterisch: Verdrängung zeigt sich in Geltungsbedürfnis

Der deutsche Psychologe Fritz Riemann (1902-1979) hat die Grundängste benennt, die Menschen bewegen und auch unterscheiden können:
1. Die Angst vor Nähe (beim schizoiden Menschen)
2. Die Angst vor Distanz (beim depressiven Menschen)
3. Die Angst vor Veränderung (beim zwanghaften Menschen)
4. Die Angst vor Beständigkeit (beim hysterischen Menschen)

Diese Grundängste, die häufig auf Erfahrungen und Reaktionen aus der Kindheit basieren, können sehr wohl auch bei Christen wirksam sein und ihre Gottesbeziehung prägen und mitbestimmen. Siehe auch die Zeitschrift "Bausteine" 5/07 Mit Angst Leben lernen (Seiten 6,7 und 17: Der Schizoide hat Angst vor einem zu nahen Gott, der Depressive vor einem grossen, zurückgezogenen und unerreichbaren Gott, der Zwanghafte vor einem unberechenbaren, strengen Gott. Diese ängstlichen Gottesvorstellungen hindern die Beziehung zu Gott. Sie können aber auch losgelassen, verändert und geheilt werden!) Viel Informationen zu all diesen Themen findet man heute auch unter www.wikipedia.org. Sie sind aber auch kritisch zu betrachten und zu ergänzen.

Rick Warren beschreibt in seinem Buch „Leben mit Visionn“ fünf Bereiche, die es als Christ zu beachten gilt, um das persönliche Profil zu entdecken, anzunehmen und einzusetzen. Ich habe sie mit entsprechenden Fragen ergänzt:

1. Persönlichkeit:
Wer bin ich? Was habe ich bereits an mir entdeckt? _____________________________________________________________________
Worin bin ich besonders, einmalig und einzigartig? _____________________________________________________________________
Kann ich mich ganz annehmen oder habe ich Vorbehalte? _____________________________________________________________________
Was weiss ich bereits über meine Identität und Lebensberufung? _____________________________________________________________________

2. Fähigkeiten:
Was kann ich gut, was nicht? _____________________________________________________________________
Was habe ich (leicht) erlernt und wie? _____________________________________________________________________
Was ist mir schwer gefallen und warum? ____________________________________________________________________
Wo und wie setze ich meine Fähigkeiten ein? _____________________________________________________________________

3. Geistliche Gaben:
Welche Gabe(n) habe ich (schon) entdeckt? _____________________________________________________________________
Was hilft mir, meine Gaben zu entdecken? _____________________________________________________________________
Was sagen mir andere Christinnen und Christen, wo ich begabt bin? _____________________________________________________________________
Wie setze ich sie ein, wo könnte ich mich und meine Gaben einsetzen? _____________________________________________________________________

4. Erfahrungen, Prägungen:
Wer und wie waren/sind meine Eltern? _____________________________________________________________________ Wie ist meine Geschwisterkonstellation? _____________________________________________________________________
In was für einem Umfeld, "Milieu" bin ich aufgewachsen, welche Werte galten dort? _____________________________________________________________________
Was habe ich in den Schulen gelernt, gefühlt und erfahren? _____________________________________________________________________
Wie habe ich meine Schulkameraden erlebt? _____________________________________________________________________
Was denke ich über meine Lehrer, Lehrmeister und meine Chefs, wie erlebte ich ihre Autorität? _____________________________________________________________________
Wie stark arbeite ich mit andern Menschen zusammen? _____________________________________________________________________
Wie waren meine ersten (Kirch)Gemeindeerfahrungen? _____________________________________________________________________
Wie habe ich meinen Pfarrer, Pastor oder Gemeindeleiter erlebt? _____________________________________________________________________
Was für Freundinnen und Freunde habe ich, wie pflege ich Beziehungen mit ihnen? _____________________________________________________________________

5. Neigungen:
Wofür schlägt mein Herz? _____________________________________________________________________
Bei welchen Tätigkeiten vergesse ich die Zeit? _____________________________________________________________________
Was möchte ich unbedingt erreichen und erleben?
_____________________________________________________________________

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Donnerstag, Mai 15, 2008

Hebr. Körperbegriff "nefesch"

Der hebräische Begriff "nefesch" ist äusserst vielfältig und kommt 755 mal im AT vor. Er hat folgende Bedeutungen:
Angesicht, Atem, Bedürftig(er), Begehren, Durst(iger), Eigen(er), Empfinden, Gier(iger), Gurgel, Hals, Hauch, Herrlichkeit, Ich, Kehle, Leben, Lebendigkeit, Lebenskraft, Lebensodem, Lebensprinzip, Lebenstrieb, Lebewesen, Leiche, Lust, Maul, Odem, Person, Schlund, Seele, Selbst, Sinn, Trieb, Verlangen, Vitalität, Wesen, Willen oder Wunsch. Der Bedeutungssinn geht vom Organ der "Kehle" über den "Atem" bis zum "Leben" und der "Person" selbst. Der Kehle werden folgende Eigenschaften zugeschrieben: hörbar, rufend, krächzend, jodelnd, begierig, nimmersatt, hungrig und durstig, verschlingend oder nach Luft schnappend.
Weitere Definitionen sind:
- an Körper gebundenes Leben (Manfred Seitz)
- Bedürftiger, der empfängt und gibt, der auf Austausch angewiesen ist (Dagmar Wegener)
- Bedürftiger, dessen Hunger nie endgültig gestillt werden kann (Michael Herbst)
- die mir von Gott gegebene, einmalige Persönlichkeit (Dagmar Wegener)
- durchgeisteter Leib (Manfred Seitz)
- Gott bläst den Lebenshauch in den Menschenkörper (Susanne Schmid)
- Gottesbedürftiger (Manfred Seitz)
- Kraft des triebhaften Begehrens; sehnsüchtiges Verlangen (Silvia Schroer & Thomas Staubli)
- menschliches Bewusstsein (Walter Baumgartner)
- menschliches Zentrum der Lebenskraft und Lebensgier (S. Schroer und T. Staubli)
- Schlauch durch den Atem, Essen und Sprache geht (Dagmar Wegener)
- selbstbewusste Persönlichkeit (Wilhelm Schlatter)
- Teil des Menschen, der empfindet und mit dem Körper verschmolzen ist (Dagmar Wegener)
- Toter (syrische und ugaritische Bedeutung waren Grabstein)
- unstillbares, nie befriedigtes Organ (Manfred Seitz)
- Vitales am Menschen im weitesten Sinn (Gerhard von Rad)
- was mich als Person ausmacht: das Wesentliche des Menschen (Dagmar Wegener)
-"élan vital"; Lebenshunger d. Menschen; Wesen, das nach Leben lechzt (S. Schroer & T. Staubli)
Der griechische Begriff "psyche" für "nefesch" ist nicht deckungsgleich, da er enger gefasst ist.
Er meint nur das Innere, den Charakter und die Lebenskraft des Menschen. Beim Tod verlässt sie den Körper und ist unsterblich, schön und sauber. Griechische Philosophen sprachen (abwertend) vom Leib als Gefängnis oder Grab der Seele, das kommt im hebräischen Verständnis nicht vor!

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Mittwoch, Mai 14, 2008

Hebr. Körperbegriff "leb"

Der hebräische Körperbegriff "leb" ist einer der häufigsten und zentralsten Begriffe für den Menschen und dessen Inneres. Er meint folgendes: Eifer, Entschluss, Geist, Gesinnung, Herz, Lust, Mut, sich vornehmen, Sinn, Vernunft, Verstand oder Wohlwollen. Er kommt sehr häufig im AT vor und meint meistens das Innere, den Kern, die Personenmitte, die tiefsten Beweggründe, die Gemütsbewegungen, die Wahrnehmungen, die Aufmerksamkeit und Konzentration des Menschen oder Gruppe. Es kann auch mit menschlichem Denken, Planen, Sinnen, Trachten, Ueberlegen und Entscheiden umschrieben werden. Das menschliche Herz verarbeitet und ordnet äussere Eindrücke. Das Herz steht auch für Gottes Absichten und gar für Teile der Schöpfung wie die Tiere und das Meer.

Weitere treffende, kurze Definitionen sind:
- Das Zentrum aller Eigenschaften, die uns zu Menschen machen; das wahre Selbst (John Eldredge)
- Der wesentliche Kern der menschlichen Persönlichkeit (James Houston)
- Entscheidungsmitte des Menschen (Josef Pieper)
- Heiliges oder wahres Selbst, weil es sich auf Gott hinordnen lässt (Wilfried Daim)
- Ich (Oswald Chambers)
- Inwendiges des Menschen; Halt, Quellpunkt, Sammelpunkt, Träger & Zentrum des menschlichen Lebens (Wilhelm Schlatter)
- Kernstück der menschlichen Persönlichkeit (Wilfried Daim)
- Organ mit der Fähigkeit zur Gottesbeziehung; (Wilfried Daim)
- Organische Metapher: Lebensquell, Hinweis auf Lebendiges & Pulsierendes, Ort der Transformation (Marcus Borg)
- Organiserendes Zentrum der menschlichen Kräfte; personales Zentrum das seine Kräfte integriert (Wilfried Daim)
- Sitz des Willens, nicht des Gefühls (Jan Heller)
- Sitz von Freude, Furcht, Schmerz, Sorge, Verzagen und Widerwillen (Wilhelm Schlatter)
- Ureigenes, Zentrum d. Lebenskraft, Ort d. Gewissens, Sitz d. Seele & Gefühle (westl. Kultur nach S. Schroer & T. Staubli)
- Zentrum der inneren Persönlichkeit (Alfred Sonnenfeld)

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Donnerstag, Mai 03, 2007

Chancen und Gefahren des Enneagramms

Da ich vor zwei Wochen zusammen mit Ruth Michel wiederum einen Enneagramm-Grundkurs auf christlicher Basis in der Casa Moscia gegeben habe für 22 Teilnehmende, möchte ich meine Erfahrungen kurz reflektieren. Ich sehe grosse Chancen mit dem Enneagramm:
Es ist eine Landkarte, ein Hilfsmittel und Werkzeug zur persönlichen, zwischenmenschlichen und geistlichen Entwicklung und Reifung. Durch Selbstbeobachtung und Reflexion kann ich mich besser kennen, einschätzen und auch gesund begrenzen lernen. Alle neun Gestalten sind gleichwertig, jeder bedarf der Ergänzung durch andere Menschen, alle Erlösung durch Jesus Christus. Jeder soll sich auf den Weg der Reifung machen. Meine Weltsicht ist also nicht die einzige und schon gar nicht die beste. So kann ich andere besser verstehen, wertschätzen, würdigen oder auch nur stehen lassen. Das Enneagramm beinhaltet das grundsätzliche Potential und Dynamik zur Entwicklung und Veränderung der Menschen. Ich beginne meine einschränkenden und zerstörerischen Lebensmuster und dunklen Seiten zu erkennen und anzuschauen. Ich werde aufgefordert, mich in eine Richtung zu bewegen, die der Integration, Reifung und Gesundung der Persönlichkeit dient. Ich halte mich dem dreieinigen Gott hin, so dass er mir die Gnade und Kraft gibt zur Wandlung in sein Bild. Zugleich versöhne ich mich mit dem Gedanken, dass meine Existenz fragmentarisch und meine Entwicklung hier unvollendet bleibt. Ich darf ein vergänglicher und einseitiger Mensch sein, der auf ein neues Leben bei Gott wartet.

Nicht verschwiegen will ich, dass es auch Gefahren gibt: Das Enneagramm ist nur ein Modell und Wegweiser, nicht die Wirklichkeit an sich! So wie eine Landkarte auch nur ein reduziertes Abbild einer Landschaft ist. Dies übersehen viele und stülpen dieses Modell über alle und alles, setzen es gar absolut oder verwenden es als Heilsweg. So kann man es überschätzen, sich zu sehr darauf fixieren und sich auch überheben über andere. Denn Wissen ist Macht und verführt zur Manipulation! Auch Fehleinschätzungen bei sich und anderen sind recht häufig: Viele Menschen wollen gewisse Lebensmuster und Verhaltensweisen einfach nicht wahrhaben und haben grosse blinde Flecken. So wird Entwicklung verhindert. Das Enneagramm macht zudem wenig Aussagen zu Alter, Geschlecht und Umfeld. Und es ist völlig untauglich für Kinder und wenig geeignet Jugendliche bis 25 Jahren.

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Donnerstag, April 26, 2007

Ansätze zur Vertiefung, Leben als Fragment

Im letzten Teil ab Seite 267 kommt die Synthese mit Ansätzen zur Vertiefung. Zusammenfassend legt Bartels nochmals die wichtigsten Definitionen und Sichtweisen des Enneagramms dar:
Gurdjieff: Das Enneagramm ist universales Symbol, Wissen oder Gesetz
Richard Rohr: Das Enneagramm ist einfach und schön wie die Wahrheit
Andreas Ebert und W. Trillhaas (Internationale Enneagramm-Gesellschaft): Das Enneagramm ist heuristisch zu gebrauchen als Suchhilfe und Wegweiser
Bartels: Das Enneagramm soll als offenes System gesehen werden und darf nicht gesetzlich und zwanghaft angewendet werden. Triaden, Flügel und Pfeile dürfen deshalb nicht zu stark gewichtet werden, sonst entsteht ein Systemzwang. Gesetzmässigkeiten können überschätzt werden und machen verkrampft, humorlos und unfrei. Er verweist auf das Buch von Bernhard Grom: Wer bin ich? Reichweite und Grenzen von Charaktertypen in Psychologie und Esoterik. Köln 2000.

Bartels unterstützt auch die Sicht von Henning Luther, der das Leben als Fragment versteht. Dann heisst Reife auch, die eigene Gebrochenheit und Endlichkeit annehmen statt (krampfhaft) Ganzheit und Selbsterlösung suchen. Ganzheit, eine volle Identität ist nur bei Verzicht auf Trauer, Hoffnung und Liebe möglich! Wie Gott sein wollen, das ist die Sünde! Das Kreuz zeigt uns Jesus gerade als gebrochenen Menschen!
Als evangelischer Theologe weist Bartels auch darauf hin, dass Sünde „Sund“, Tod und grundsätzliche Trennung von Gott bedeutet. Es geht um mehr als Barrieren, Blockaden, Dilemma, dunkle Seiten, Einseitigkeiten, Fallen, Fehlhaltungen, Hindernisse, Lieblingslaster und Zwänge, wie sie im Enneagramm beschrieben werden. Es geht um die Stellung des Menschen vor Gott und um grundsätzlichen Unglauben, Gott nicht zu vertrauen. Das ist die eigentliche „Todsünde“.
Bartels plädiert daher für eine Vertiefung des Sündenbekenntnisses: „Ich habe nicht nur eine dunkle Seite, sondern ich bin als Person, Natur und Wesen ein Sünder“. „Superbia“ ist die sündige Selbstüberschätzung, gerade auch in Form sittlicher Leistungen, und führt zu Selbstgerechtigkeit, spirituellem Hochmut und elitärem Selbstbewusstsein. Der Mensch ist verkrümmt in sich selbst, das war schon Martin Luthers Erkenntnis. Sündenerkenntnis mit Gotteserkenntnis macht uns lebendig. So ist eine Gemeinschaft der Verwundbarkeit, ein Anteilgeben an eigenen Schwächen möglich (nach Ulrich Bach und Samuel Jakob), eine Gefährtenschaft der Nackten kann beginnen (Henning Luther) und ein kommunikativer Suchprozess wird eingeleitet (Ch. Meier).
Das trifft den Nagel auf den Kopf, falls man wie ich den christlichen Glauben als Weg und Weggemeinschaft versteht!

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Sonntag, April 08, 2007

Helen Palmer

Bartels Exkurs zu Helen Palmer, die eine der wichtigsten Exponentinnen des heutigen Enneagramms ist, macht daher viel Sinn. Sie wurde 1940 in New York geboren und wuchs als Pflegekind in einer christlichen Familie auf. Sie studierte Psychologie bis 1960 und hatte ab 1969 einen Lehrauftrag in San Francisco. Sie hatte schon früh „eine intuitive Begabung, sich traumartig in andere Menschen zu versetzen.“ 1973 lernte sie durch Claudio Naranjo an einem Esalen-Seminar das Enneagramm kennen. Ihre besonderen „panels“ sind die Podium-interviews mit den entsprechenden Charakteren. Diese vermitteln die unterschiedlichen Aufmerksamkeitsstile, die Blickverengungen, das Ausblenden von Informationen und haben daher eine hohes Mass an Anschaulichkeit. Als Verfechterin der mündlichen Tradition hat sie erst 1988 ein Buch geschrieben: „The Enneagram. Understanding Yourself an the Others in Your Life”. Sie spricht darin von defizitärer Ur-Erfahrung des Menschen, was zu Verteidungsstrategie, Leidenschaft und Dilemma führe. Der Transformationsprozess geschehe durch Wahrnehmung der Defizite und bewege sich dann in Richtung Tugend. Die Lebensdeutung ist alltagnah. Es geht um wahrnehmungspsychologische Vertiefung und Gewohnheit (Aufmerksamkeitsstil). Palmer bearbeitet die Schnittstelle Psychologie/Theologie. Ihre Beschreibungen der neun Persönlichkeitsmustern darin sind stimmig, recht präzise umrissen und daher gekürzt wiedergegeben:

1: der Perfektionist
· „Innerer Kritiker“ (Richter, Ueberwacher) wird begünstigt durch strenge Erziehung, hohe Erwartungen und korrektes Verhalten eines braven Kindes
· Perfekt sein durch Unterdrückung negativer Impulse
· Scheitern der Perfektion führt zu Groll, Zorn und Wutanfällen
· Aufgabe (zur Integration und Reifung) heisst Entspannung: Negatives nicht stauen, sondern zulassen, heitere Gelassenheit erleben, geborgen sein in/trotz Mangel

2: der Geber
· Unterdrückt eigene Bedürfnisse und Gefühle, erspürt und erfüllt andere, um unentbehrlich zu sein und Gunst zu sichern, besonders bei den Eltern
· Manipulative, bedingte Hilfsbereitschaft: will dafür Anerkennung, Dank und Kontrolle
· Aufgabe: echte Demut statt verdeckten Stolz suchen und ausleben

3: der Leistungsmensch
· Imponiert anderen Menschen durch Leistung, Effizienz und Erfolg: Ueberaktivität und Rollenspiel
· Will im jeweiligen Umfeld gut ankommen und wird zum „Chamäleon“
· Gefühle werden verleugnet und gespielt, funktioniert eher wie eine Maschine
· Illusionäres Image, Eitelkeit und Selbsttäuschung
· Aufgabe: Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit anstelle von Lüge suchen und ausleben

4: der (tragische) Romantiker
· Frühe Erfahrung von Verlust und Schmerz; sich ausgeschlossen fühlen vom Lebensglück führt zu Neid
· Melancholisches Selbstmitleid bestehend aus Sehnsucht und Traum verstärkt „Atmosphäre bittersüssen Bedauerns“
· Idealisierung des Fernen und Abwertung/Enttäuschung Nahes, der Vergangenheit hinterher trauern und irreale Zukunftsträume haben
· Aufgabe: in Gegenwart leben, in Ausgeglichenheit und Gleichmut kommen

5: der Beobachter
· Erfahrung von Aufdringlichkeit und Eindringen in Privatsphäre
· Unterdrückung Instinkte und Gefühle, da sie Chaos und Gefahr bedeuten
· Rückzug, Kontaktreduktion und Distanz, um Privatraum zu schützen
· Intellekt und Innenraum als Kompensation, kann zu geistiger Habgier führen
· Selbstgewählte Isolation wird zum Zwang (Zwanghaftigkeit) und Gefängnis
· Aufgabe: Bedürfnisse wahrnehmen, kennen, leben und loslassen (Nichtanhaften)

6: der loyale Skeptiker
· Angst als fixe Idee (und umfassendes Muster), auch in Familie, führt zu (unaufhörlicher) Stimmungswahrnehmung und zwanghaftem Misstrauen
· Verhältnis zu Autoritäten ist daher ambivalent
· Aufgabe: Vertrauen und Mut lernen und ausleben

7: der Epikureer
· Möglichkeiten finden zum vollkommenen Genuss zwecks Ablenkung von tiefem Schmerz; aufregende Erfahrungen als Flucht: Leben wird arrangiert und geplant
· Unersättlichkeit und Völlerei im Sinnlichen, Geistigen (und Geistlichen!)
· Aufgabe: Nüchternheit im Alltag und Schmerz nicht ausweichen und aushalten

8: der Boss
· Erleben von Ungerechtigkeit und Machtkampf
· Auf direktem Weg zum Ziel kommen durch begehren, leugnen, ignorieren, überrumpeln und verletzen
· Schützt Opfer und Schwache, vollstreckt Gerechtigkeit, behauptet sich selbst, ist Energiebündel
· Sucht durch Konflikt Intimität zu erreichen
· Aufgabe: Unschuld durch Offenheit und Nichtvorgefasstheit lernen

9: der Vermittler
· Versucht schwierige Bedürfnisse zu vergessen oder wenig zu beachten
· Beharrlich in Nebensächlichem, um Wichtigem nicht nachgehen zu müssen
· Trägheit bedeutet tiefsitzende Gleichgültigkeit, sich nicht festlegen und natürlich Ambivalenz: vermitteln, Frieden stiften, verschmelzen und Harmonie verströmen
· Aufgabe: eigene Bedürfnisse priorisieren und tatkräftig handeln lernen

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Sonntag, April 01, 2007

Johannes Bartels: Mitten in die Seele hinein

Der evangelische Theologe Johannes Bartels kann als profunder Kenner des Enneagramms und vor allem seiner Geschichte bezeichnet werden. So hat er beim ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm in Deutschland (www.enneaforum.de) höchst interessante Texte zur Herkunft des Enneagramms veröffentlicht. Er hat über den Spanier Raimund Lull, den Deutschen Athanasius Kircher, den Russen Gerog Gurdjieff, den Südamerikaner Oscar Ichazo und über die amerikanischen Jesuiten um Patrick O’Leary geforscht und ihre unterschiedlichen Vorstufen undVerdienste zum heutigen Enneagramm aufbereitet, festgehalten und beurteilt. Seine Dissertation trägt den Namen: "Mitten in die Seele hinein. Das Enneagramm im Kontext religiöser Erwachsenenbildung." und ist im Verlag LIT Münster 2005 erschienen unter der ISB-Nummer 3-8258-7282-3.

Bartels beginnt mit einer Definition und der Herkunft des Enneagramms: es ist eine geometrische Figur mit neun Ecken, die sich aus einem regelmässsigen Dreieck, einem unregelmässigen Sechseck und einem Kreis zusammensetzt. Die möglichen Interpretationen sind sehr verschieden, sie gehen von Kosmologie, Charaktertypologie bis zu Entwicklungsprozessen. Nach seiner Auffassung, die ich teile, liegen seine Ursprünge trotz anderweitiger Behauptungen weiterhin im Dunkeln: als mögliche Entdecker und Entwickler kommen folgende Gruppierungen in Frage:

  1. die Chaldäer („die Weisen aus dem Morgenland“)
  2. die Griechen (im speziellen: Homer und Pythagoras)
  3. die frühchristlichen Wüstenväter (im speziellen: Evagrius Ponticus, 345-399 nChr, der der Begründer der acht Hauptsünden ist, die die Ostkirche kanonisiert hatte. Die Westkirche anerkannte unter Cassianus und Gregor I nur sieben Todsünden)
  4. die Sufis (islamische Mystiker, in Samarkand, im 15. Jahrhundert)

Wahrscheinlich ist, dass alle obgenannten Gruppen intuitiv mit der Neunerfigur oder enneagrammähnlichen Vorläufern zu tun hatten. In moderner Zeit spielt Georg Iwanowitshc Gurdjieff, geboren 1866, eine wesentliche Vorläuferrolle. In Zentralasien hat er eine Lehre, die dem Enneagramm nahe kommt, aufgeschnappt und instinktiv, aber nicht systematisch, an seine Schülern weitergegeben. Einer seiner Weggefährten war Piotr Demianowitsch Ouspensky 1878-1947. Mehr zu Gurdjieff ist dem Buch von James Moore: Georg J. Gurdjieff – Magier, Mystiker, Menschenfänger zu entnehmen (oder heute findet man vieles unter: www.wikipedia.org).

Als eigentlicher Erfinder des heutigen Enneagramms kann Oscar Ichazo, geboren 1931 in Bolivien, bezeichnet werden. Er deutete die Figur ab 1952 in Richtung einer Charaktertypologie oder besser ausgedrückt als Persönlichkeitsmuster: jeder Mensch leide an einer Ego-Fixierung, an einem Mangel an essentieller Qualität. Dieser Mangel, diese Ego-Fixierung zeige sich in den neun Formen der Trägheit, Zorns, Stolzs, Lüge, Neids, Geizes, Angst, Völlerei und der Wollust.

Claudio Naranjo, auch er ein Südamerikaner und Schüler von Ichazo, trug diese neuen Ideen 1972 in die USA. Dort waren die Psychologin Helen Palmer und der Jesuit Robert Ochs erste begierige Schüler. Palmer begründete danach die mündliche Tradition in Berkeley, Ochs verbreitete das Enneagramm unter Jesuiten an der Loyola-Universität in Chicago.

1984 gaben Patrick O’Leary, Maria Beesing und Robert Nogosek ein erstes gut verständliches Buch heraus. Die Theorien der Triaden und Reaktionszentren (Instinkt/Leibmitte: Hier bin ich, nimm mich! Gefühlszentrum/Herz: Magst du mich? Denkzentrum/Kopf: Wie hängt das alles zusammen?) wurden erstmals schriftlich fixiert. Ein aussergewöhnlicher Literatur-Boom in der westlichen Welt begann, das Enneagramm emanzipierte sich von den Exertitien- und Einkehrhäuser und verlor zunehmend den Nimbus einer Geheimlehre. Das jesuitische Konzept war stark geprägt von der Erlösung durch Gott, von der Hilfe durch andere Menschen und von der Arbeit an sich selbst. Jesus Christus wird dadurch mehr zum Vorbild, zum Ideal, zum Imperativ, zur „Christusikone“ als zum bedingungslosen, sich ganz herablassenden Erlöser. Weitere bekannte Exponenten dieser Schule sind Metz/Burchill und Suzanne Zuercher.

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Sonntag, Oktober 22, 2006

Ein Gedicht von Billy Collins

Zehn werden

Die blosse Vorstellung lässt mich so fühlen
als ob ich mir etwas einfange
das schlimmer ist als jeder Magenschmerz
oder das Kopfweh, das ich bekomme, wenn ich in schlechtem Licht lese –
Eine Art Masern des Geistes,
Mumps der Psyche,
hässliche Seelen-Windpocken.

Du sagst, es sei zu früh für einen Rückblick,
aber das liegt daran, dass du vergessen hast:
die vollkommene Schlichtheit, eins zu sein,
und die wundervolle Komplexität, die die Zwei bringt.
Aber ich kann in meinem Bett liegen und mich an jede Ziffer erinnern.
Mit vier war ich eine arabischer Zauberer.
Ich konnte mich unsichtbar machen,
indem ich ein Glas Milch auf eine bestimmte Weise trank.
Mit sieben war ich Soldat, mit neun Prinz.

Aber jetzt stehe ich meistens am Fenster und schaue in das Licht des Spätnachmittags.
Früher fiel es nie so feierlich auf mein Baumhaus,
und mein Fahrrad stand nie an die Garage gelehnt, so wie heute,
die ganze dunkelblaue Geschwindigkeit herausgetropft.

Das ist der Beginn der Traurigkeit, sage ich mir,
während ich das Universum in meinen Turnschuhen durchquere.
Es ist Zeit, meine imaginären Freunde zu verabschieden,
Zeit für die erste grosse Zahl.

Es kommt mir so vor, als hätte ich noch gestern geglaubt,
dass es unter meiner Haut nichts als Licht gäbe.
Wenn du mich geschnitten hättest, hätte ich geleuchtet.
Aber wenn ich jetzt auf die Gehwege des Lebens falle,
schürfe ich mir die Knie auf. Ich blute.

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