Freitag, Juni 10, 2016

Larry Siedentop: Geburtswehen der modernen Freiheit

21. Volksbegehren und Ordensbrüder. Mönche hatten oft Ansehen bei den einfachen Leuten, da diese meist von unmoralischen Priestern betreut wurden. Franziskus belebte und förderte zu seiner Zeit und unter den Mönchen Armut, Demut und Nächstenliebe. 22. Verteidigung der egalitären Moralvorstellungen. Im 12. Jahrhundert wurde Aristoteles und seine Physik, Metaphysik und Ethik durch Bonaventura, Albert Magnus und Thomas von Aquin wiederentdeckt. Während sich die Dominikaner für Vernunft und Lehre einsetzten, hatten die Franziskaner Bedenken gegen Aristoteles. Augustinus hatte durch Paulus die heidnischen Grenzen seiner Bildung überwunden. Thomas von Aquin dagegen entdeckte als Christ Aristoteles und erweiterte seine Theologie mit Spekulationen wie, dass ewige Ideen im Geist Gottes seien. Der schottische Theologe und Philosoph Duns Scotus (1266-1308) stellte nüchtern fest, dass Freiheit die Voraussetzung für moralisches Verhalten sei. Im 13. Jahrhundert etablierten sich neue Fakultäten und Universitäten: Recht in Bologna, Theologie in Paris, Philosophie in Oxford und Medizin in Montpellier. 23. Gottes Freiheit und des Menschen Freiheit vereint: Ockham. Der Franziskaner Wilhelm von Ockham (1288-1347) lehrte einen Nominalismus, die „via moderna“, dass Gott als Schöpfer frei gewesen sei in seinen Entscheidungen. Er sei nicht gebunden gewesen an „ewige Ideen“ und rationale Notwendigkeiten. Der Mensch handle aus dem Ich, der Seele. Ockhams Rasiermesser, dass die sparsamste Erklärung die beste sei, richtete sich gegen die natürliche Theologie und rationalistische Philosophie. Der Nominalismus war die Basis für die empirische Wissenschaft und den liberalen Säkularismus. Die Fähigkeit zu rationalem Handeln ist Freiheit, wie sie bereits Paulus verkündet hatte. 1315 wurde die Leibeigenschaft in Frankreich abgeschafft. 24. Kampf um eine repräsentative Regierung in der Kirche. 1378-1417 kam es in der römisch-katholischen Kirche zu einem Schisma mit zwei Päpsten. Die Konziliarbewegung wollte den Konzilien mehr Befugnisse zumessen als dem Papst. Das liberale Denken entwickelte sich, als sich moralische christliche Vorstellungen gegen die autoritäre Kirche zu richten begann. 25. Abschied von der Renaissance. Liberalismus war eine Folge von Konfessionskriegen, bei denen versucht wurde, den richtigen Glauben gewaltsam durchzusetzen. Trennung zwischen Kirche und Staat bewirkte, dass Religion zunehmend zur Privatsache in der Privatsphäre wurde. Hugo Grotius (1583-1645), Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1704)und Charles de Secondat Baron de Montesquieu (1689-1755)waren die Hauptexponenten dieser Entwicklung. Die Renaissance wurde überbewertet, denn sie hat nicht die Neuzeit eingeläutet. Der Basler Historiker Jakob Burckhardt (1818-1897) hat begonnen, diese falsche Sicht zu portieren. Der Liberalismus beruht auf moralischen Voraussetzungen, die er vom Christentum übernommen hat. Er bewahrt die christliche Ontologie ohne die Metaphysik der Erlösung. Es fand ein Prozess von moralischen Forderungen zu sozialem Status statt. Bereits im 14. und im 15. Jahrhundert hatten die Kanonisten und Philosophen Voraussetzungen geschaffen, um eine Trennung geistlicher und weltlicher Sphäre vorzunehmen. Sie legten eine Basis für eine rechtlich abgesicherte Privatsphäre, in der sich Freiheit und Gewissen verbreiten und entfalten konnte. Diese Hinwendung zur Innerlichkeit haben Meister Eckhart, John Wycliffe und Jan Hus schon früh vorgelebt. Eine persönliche Beziehung zu Gott war ihre Grunderfahrung und Quelle der Moral und menschlicher Beziehungen. Sie kannten die Disziplin der Bibellektüre und verbreiteten sie und förderten dadurch die allgemeine Bildung. In Paris, Oxford, Heidelberg, Prag und Krakau setzte sich der Nominalismus durch. Monarchien in Frankreich, England und Spanien entstanden im 15. Jahrhundert. Epilog: Christentum und Säkularismus. Bei der Idee der Gleichheit spielte das Christentum eine entscheidende Rolle. Liberalismus und Säkularismus haben religiöse Wurzeln. Das Christentum hat menschliche Identität verändert, indem es den jüdischen Monotheismus mit seinem abstrakten Universalismus mit der spätgriechischen Philosophie verband. Das Christentum hat sich nicht durch Gewalt ausgebreitet, sondern durch Überzeugung. In Nordamerika, wo es keine dominierende Kirche gab, breitete sich eine christlicher Säkularismus aus, der bürgerliche Freiheit und Nächstenliebe ermöglichte. Er ist durch verschiedene Fundamentalisten und Radikale in Gefahr.

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , ,

Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums

Der amerikanische Politwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop hat 2014 ein Buch geschrieben, das auch im deutschen Sprachraum in vielen Medien Beachtung gefunden hat. Es heisst im Original: Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism. Allen Lane 2014, ISBN 0-713-99644. 2015 ist es auch in Deutsch herausgekommen unter dem Titel: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Es ist im Verlag Klett-Cotta in Stuttgart unter der ISBN 978-3-608-94886-8 erschienen. Der 80jährige Siedentop lehrte Ideengeschichte an der englischen Universität von Sussex und politische Philosophie am Keble College in Oxford. Eine Summe seiner Erkenntnisse legt er in seinem neusten, 476-seitigen Werk vor. Er beschreibt und begründet, wie der westliche Liberalismus und Säkularismus aus christlichen Glaubensinhalten wie Gleichheit und Freiheit entstanden ist. Zu Beginn skizziert Siedentop die antike Familie mit dem „pater familias“ im Zentrum. Seine wichtigste Aufgabe war das Hüten des heiligen Feuers am Herd des Hauses. Diese Aufgabe übertrug er bei seinem Ableben dem ältesten Sohn. Der Vater hatte einen gottähnlichen Status, und die ganze Familie war ihm uneingeschränkt zugeneigt und ergeben. Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen, das galt später auch für die „res publica“, das antike Gemeinwesen, dem nur die Männer ganz zu dienen und etwas zu sagen hatten. Siedentop folgt dem Werk „Der antike Staat“ des französischen Historikers Fustel de Coulanges von 1864, das er noch heute für unübertroffen hält. Bereits der jüdische Glaube an einen Gott war im „Imperium Romanum“ interessant geworden, um aus der antiken Welt der Ungleichheit auszusteigen. Vor allem durch überzeugende Nächstenliebe hatte sich dann der christliche Glaube im spätrömischen Reich ausgebreitet. Kirchen und Klöster förderten nebst Bildung auch Gleichheit und Individualität der Personen und brachen die antiken Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit ihrer religiös motivierten Ungleichheit auf. Bereits im Mittelalter wurden Werte wie Gleichheit und Freiheit zunehmend akzeptiert und schufen die Basis für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit steigender Chancengleichheit. Siedentop kommt aber zum Schluss, dass heute diese Errungenschaften durch fundamentalistische Haltungen und autoritäre Regimes in Frage gestellt oder sogar zerstört würden.

Labels: , , , , , , , , , , , , , , ,

Mittwoch, Dezember 24, 2014

David Bentley Hart: Atheist Delusions

Der amerikanische orthodoxe Theologe und Philosoph David Bentley Hart wurde 1965 in Maryland geboren. Er hat an der Universität in Maryland, im britischen Cambridge und in Virginia studiert. Seine Spezialgebiete sind philosophische Theologie, Religionswissenschaft, asiatische Religionen, Patristik und Ästhetik. Er lehrte an der Universität von Virginia, der Universität von St. Thomas in Saint Paul, Minnesota, der Duke-Universität in Durham und am Providence-College in Rhode Island. Er hat verschiedene anspruchsvolle und populäre Bücher geschrieben, so auch Atheist Delusions. The Christian Revolution and its fashionable Enemies. (Deutsch: Der Atheistenwahn. Die christliche Revolution und ihre modischen Feinde.) Es ist bei Yale University Press in New Haven und London unter der ISB-Nummer: 978-0-300-16429-9 erschienen. Bislang wurde nur Harts populäres Werk zur Kirchengeschichte ins Deutsche übersetzt, jedoch nicht Atheist Delusions, das eine wesentliche Stimme in der Diskussion mit Richard Dawkins und seinem Gotteswahn ist. Nun ausschnittweise zum Inhalt: Kapitel 4: The Night of Reason (Die Nacht der Vernunft) Hart ist ein "harter" Gegenspieler von Richard Dawkins, Daniel Dennet, Sam Harris, Christopher Hitchens und Philip Pullman. Denn er bietet Argumente und eine alternative Sicht auf Glaube, Vernunft und Freiheit an, die er im frühen Christentum verankert und bestätigt sieht. Viele Historiker – so auch Jaques Le Goff und Edward Gibbon - und Philosophen der Moderne hätten das Mittelalter einseitig als finster und verwirrt dargestellt, als „Glaubenszeitalter“, weil sie es zu ideologisch rekonstruiert hätten. Oft würden Errungenschaften des christlichen Ostens, von Byzanz und auch der italienischen Gelehrten und Mönche ungenügend wahrgenommen. So gab es im frühen Mittelalter allein in Westeuropa über Tausend Spitalgründungen. Herausragende Persönlichkeiten in dieser Hinsicht waren: Ephraim der Syrer (306-373) in Edessa, Basil der Grosse (329-379) in Kappadozien, Johannes Chrysostomus (347-407) in Konstantinopel, Fabiola (+399) in Rom und Benedikt von Nursia (480-547) in Monte Cassino. Mit dem amerikanischen Publizisten Jonathan Kirsch herrsche immer noch die irrige Meinung vor, dass Christen die antike Bibliothek Alexandrias angegriffen und ein reiches heidnisches Erbe um 390 nach Christus zerstört hätten. Die historische Wahrheit sei jedoch weit komplexer: Die erste königliche Bibliothek Alexandrias mit 700'000 Buchrollen, die durch Potolemäus II (304-246 vor Christus) etabliert wurde, wurde bereits 47 vor Christus durch die Römer unter Pompejus und Julius Cäsar zerstört. Die zweite Bibliothek auf Serapeum mit 42'000 Rollen, vermutlich durch Potolemäus III (246-221 vor Christus) errichtet, wurde durch römische Soldaten und christliche Zivilisten 391 nach Christus zerstört. Rufinus (345-411) und Socrates (380-450) beschrieben diese Zerstörung aber als Folge einer Christenverfolgung, die auf eine Zeit der Koexistenz folgte. Die „Schule von Alexandria“ wurde um 200 nach Christus in einer friedlichen Phase durch die Philosophen Pantaenus, Clemens von Alexandria (150-213) und Origenes (185-254) etabliert. Heiden und Christen lebten in Alexandria Seite an Seite und lernten gemeinsam ungefähr von 200-250 nach Christus. Erst Kaiser Decius, der 249-251 regierte, beendete diese befruchtende Kooperation und verlangte von den Christen die Verehrung der römischen Götter, was eine Christenverfolgung auslöste. Der folgende Gallus war wieder toleranter, Valerian verfolgte die Christen erneut ab 257, die schlimmsten Verfolgungen geschahen später jedoch unter Diocletian (245-316).

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Freitag, November 01, 2013

Ein unangesehener Gastdozent

Dieser Zwischentitel bezieht sich auf einen unscheinbaren indischen Professor, der durch den Einfluss von Jesus zu einem gebildeten und bedeutenden Mann wurde. Die Wirkungsgeschichte Jesu in der Bildung begann eigentlich schon mit Israels Lehrer, die nach dem babylonischen Exil Könige und Heerführer von der Bedeutung her abgelöst hatten. So wurde Israel zum Volk des Buchs, woraus später eine intensive Gelehrsamkeit resultierte. Jesus war zuerst nur ein einfacher Arbeiter, der Möbel zimmerte (oder besser: Häuser baute). Als er das erste Mal lehrte, setzte er sich und behauptete von der Schrift her, dass Gott auch die Heiden besonders liebe. Die Versammlung wurde deswegen zornig und entsetzt und vertrieb ihn aus Nazareth. Jesus lehrte, um Menschen zu verändern, nicht um Wissen anzuhäufen. Der Harvardprofessor Harvey Cox sagte: „Die Worte der Bergpredigt sind die brillantesten, die meist zitierten, meist analysierten, meist debattierten, einflussreichsten moralisch und religiösen Aussagen der Menschheitsgeschichte.“ Der gebildete Paulus wies auf ihn, als er sagte: "In Jesus sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen." Gott mit dem Verstand lieben heisst, neugierig auf Gott und seine Schöpfung sein; so kann aus Lernen Anbetung werden. Mit der gleichen Intention sollen wir wissenschaftliche Theorien prüfen und nicht allzu schnell theologische Urteile fällen. Nachfolger Jesu haben nicht nur die eigenen, sondern sogar klassische und heidnische Schriften abgeschrieben und aufbewahrt. Die Klöster wurden zu Bildungsstätten, woraus später die Universitäten entstanden sind, vor allem weil sie in Gott das höchste vernunftbegabte Wesen erkannten. Der Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead (1861-1947) meinte dazu: „Der Aufstieg der Wissenschaften wurde durch die mittelalterliche Vorstellung von einem rational handelnden Gott ermöglicht.“ Martin Luther (1483-1546) und die anderen Reformatoren arbeiteten darauf hin, dass alle Bürger lesen und schreiben lernen konnten. Nur gerade sechs Jahre nach der Ankunft der Puritaner in Massachusetts (USA) gründeten sie ein College, das einmal Harvard werden sollte. 129 von 138 der ersten amerikanischen Universitäten wurden von Jesus-Nachfolgern gegründet. Sonntagsschulen wurden 1780 vom Briten Robert Raikes gegründet, um möglichst viele Kinder zu bilden, und sie so der Armut zu entreissen. Dinesh D’Souza sagte es zusammenfassend so: "Die Wissenschaft als organisiertes, fortwährendes Unterfangen ist in der Menschheitsgeschichte nur ein einziges Mal aufgekommen... in Europa, in einer Zivilisation, die damals Christenheit hiess."

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Mittwoch, Oktober 30, 2013

John Ortberg: Weltbeweger

Der Autor John Ortberg hat ein neues Buch geschrieben. Er wurde 1957 als schwedischstämmiger Amerikaner in Rockford (Illinois) geboren. Er ist verheiratet mit Nancy und hat erwachsene Kinder. Er studierte Theologie und Psychologie am Wheaton College, am Fuller Theological Seminary und an der University of Aberdeen. Er hat danach in verschiedenen Kirchen in den USA gearbeitet, vor allem als Lehrer, wozu er sehr begabt ist: in Simi Valley Community Church, Horizons Community Church Claremont, Willow Creek Community Church und Menlo Presbyterian Church. Seine Predigten werden zunehmend international beachtet, seine Bücher werden weltweit von vielen Menschen gelesen. Als seine Stärken erachte ich sein tiefes Verständnis für die Bibel und die Realität der Menschen. Er kann komplexe geistliche Sachverhalte verständlich erklären, spannend erzählen und humorvoll darstellen. Auch schätze ich seine Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Gespür und seine Präsenz sehr. Weltbeweger. Jesus - wer ist dieser Mensch? Das Buch umfasst 331 Seiten und ist in 15 Kapitel aufgeteilt. Es sind verschiedene Themenbereiche einer Predigtserie zum unbekannten Menschen Jesus, die weitgehend in sich abgeschlossen sind und auch gut einzeln gelesen werden können. Es empfiehlt sich sogar, gewisse Passagen zweimal zu lesen, weil Ortbergs Sprache und die gewählten Zitate zwar gut verständlich, aber doch dicht und tiefsinnig sind. Kapitel eins steht unter dem Titel: Der Mann, der einfach nicht von der Bildfläche verschwinden will. Hier schreibt Ortberg von der Lebensweise und den Auswirkungen von Jesus. Jesus war mysteriös und verwirrend, trotzdem zog er unterschiedlichste Menschen an. Sein Einfluss war nicht zufällig und ist heute noch ungeheuer gross, auch wenn sein Name nicht immer explizit genannt wird: 1. Jesus hatte keine Kinder, aber er gab den Kindern Raum und Wert 2. Jesus war nie verheiratet, aber er gab den Frauen Würde 3. Jesus schrieb nie ein Buch, aber über ihn wurden die meisten Bücher geschrieben und die westliche Bildung geht auf ihn zurück Ralph Waldo Emerson sagte zu diesem Sachverhalt: „Der Name Jesus ist in die Weltgeschichte hineingepflügt worden.“ Eigentlich nur zu viel Geld und Macht verdarb das Erbe Jesu, und der christliche Glaube wanderte jeweils in andere Weltregionen ab. Kapitel zwei heisst: Das Ende der Menschenwürde. Jesus war ein „mamser“, ein uneheliches jüdisches Kind. Er kam ohne Würde in diese Welt. Sein Kind-Sein betont vor allem der Evangelist Matthäus und setzt dies in Gegensatz zum König Herodes dem Grossen, dem Freund der Weltmacht Rom. Jesus dagegen war ein Freund der Unterdrückten, des Abschaums, der Sünder und zudem ein einfacher Bauarbeiter. Bei Gott und Jesus sind alle Menschen wertvoll und geliebt und können „Königskinder“ sein. Aus diesem Grund gab es bei Juden keine Kindsaussetzungen, in Rom wurden sie erst um 400 nach Christus verboten. Wahre Grösse wird uns geschenkt, und so müssen wir nicht mehr zwanghaft jemand sein und Geltung gieren. Kapitel drei behandelt: Eine Menschheitsrevolution. Jesus hatte Mitgefühl und Mitleid mit Geringen und Leidenden, aber er provozierte auch die Besitzenden und Mächtigen, obwohl er ein Rabbi war. Er tat dies durch : · Heilung am Sabbat · Menschliches Leben in seiner ganzen Form ist mehr wertschätzen als der Sabbat · Unehrenhaft Einladungen machen und annehmen: Arme, Behinderte, Kranke, Sklaven (waren Personen ohne Rechte und Gesicht) Seine Provokationen wurden später Anstösse zur Gründung und Entwicklung der Krankenpflege, der Spitäler, dem Roten Kreuz, der Sklavenbefreiung und der Gleichberechtigung. Kapitel vier hat den Titel: Was Frauen wollen. In Asien gibt es heute wieder 163 Millionen mehr Männer als Frauen, weil Frauen wie in der Antike gering geschätzt werden. Jesus war anders: mit ihm reisten auch Frauen, was damals unüblich war, und Johanna, (Susanna und andere) sorgten gar finanziell für die Jüngerschaft (siehe Lukasevangelium Kapitel acht). Für Jesus war das Geschlecht unwichtig, aber das Hören und Befolgen des Wortes Gottes entscheidend. Und Maria, Jesu Mutter, verhielt sich ihm gegenüber auch wie ein Jünger.

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sonntag, Februar 03, 2013

Urs Moser: Was in der Schule wirkt - und was nicht

John Hattie ist mir deshalb aufgefallen, weil ich von ihm bereits letztes Jahr kurz gelesen hatte. Dies war im "Tagi-Magi" (Magazin Tagesanzeiger) vom 6. April 2012 der Fall. Da schrieb der Zürcher Bildungsforscher Urs Moser über Wirksamkeit in der Schule und stellte dabei acht Thesen auf: . . . . . . 1. Ueberzogene Erwartungen: Generell herrschen, was Schule anbelangt, zu hohe Erwartungen und entsprechende Reaktionen und falscher Aktivismus vonseiten der Bildungspolitiker. Diese stellen Programme auf und setzen Reformen durch, ohne die Folgen daraus zu erleben und verantworten zu müssen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Auf den Lehrer kommt es an: Moser verweist auf den Neuseeländer John Hattie, der herausgefunden hat, dass die Lehrpersonen den stärksten Effekt auf das schulische Lernen haben. Und Unterricht ist dann erfolgreich, wenn Lehrpersonen imstande sind, die Perspektive ihrer Schüler einzunehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Transparente Anforderungen: Lernerfolg sollte sichtbar gemacht werden. Dafür braucht es zielorientierte Programme und einheitliche Massstäbe für die Abschlüsse, damit Vergleiche überhaupt möglich werden. 4. Schulstrukturen werden überschätzt: Sie sind nicht so wichtig, daher können sie problemlos unterschiedlich sein und an lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse angepasst werden. . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Eltern sind wichtiger als die Schule: Die Familie und das Zuhause beeinflussen Lernerfolg stärker als die Schule. Ihre Unterstützungsmöglichkeiten sind aber sehr unterschiedlich. Positiv wirken sich eine anregungsreiche Umgebung, innere Beteiligung am Lernen und eine hohe Erwartungshaltung aus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Ohne Fleiss kein Preis: Konflikte zwischen Schule und Freizeit nehmen zu, denn Lernen und Wohlbefinden stehen zueinander in Konkurrenz. Lernerfolg steht in Gegensatz zum Konsum, weil auch negative Emotionen überwunden werden müssen durch Anstrengung. Zufriedenheitsgefühle entstehen meistens erst nach dem Lernerfolg! . . . . 7. Die Schule als Chance: Schule ist ein selbstverantwortliches System für pädagogoisches Handeln. Ihre Qualität lässt sich aber nur durch Rückfragen und Rechenschaft ermitteln. Die zentrale Frage heisst: Was wissen und können unsere Schüler? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Auf das Zusammenspiel kommt es an: Lehrpersonen, Eltern und Schüler brauchen nicht primär Reglemente und Handbücher, sondern Freude, Verantwortung und Ziele, an denen sie sich orientieren können.

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Dienstag, Februar 22, 2011

Deutschland schafft sich ab

Das meistverkaufte Sachbuch seit dem Zweiten Weltkrieg ist "Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Es wurde von Thilo Sarrazin geschrieben und ist in der Deutschen Verlags-Anstalt München, im Sommer 2010 unter der ISBN-Nummer: 978-3-421-04430-3 erschienen.


Zum Autor und seinen Thesen:
Thilo Sarrazin wurde 1945 geboren, wuchs in Westfalen (Recklinghausen) auf, ist verheiratet mit einer Lehrerin, hat zwei erwachsene Söhne und lebt heute in Berlin. Durch die Veröffentlichung obgenannten Buches ist er zu einem prominenten Kritiker im deutschen Sprachraum geworden. Der Fachökonom, Spitzenbeamte und SPD-Politiker hat mit seinem 461seitigen, akribisch recherchierten Werk zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Deutschlands für breites Aufsehen, Aufregung und Wirbel gesorgt. Er war zudem Finanzsenator in Berlin 2002-09 und im Vorstand der Deutschen Bahn Netz AG und der Deutschen Bundesbank. Dadurch hatte er Einblick in verschiedenste Bereiche der deutschen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft genommen. Diese Erfahrungen, sein scharfes Denken und profundes Wissen liessen ihn Zusammenhänge erkennen, Wertungen formulieren und Schlüsse ziehen. Sarrazin ist nicht der erste, der sich kritisch zur heutigen Lage Deutschlands äussert, aber er scheint mir dies recht umfassend, gründlich und auch mit Zivilcourage zu tun. Diese Haltung kommt bereits im ersten Satz der Einleitung zur Geltung: „Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist. Ferdinand Lasalle“ Er zeigt also Entwicklungen in Deutschland auf, die ungünstig verlaufen und dramatische Folgen haben werden:
· starker Geburtenrückgang seit 40 Jahren, besonders der Gebildeten, führt zu Intelligenzverlust, Abnahme der Bevölkerung und Vergreisung der Gesellschaft (2020 wird Wirtschaftswachstum enden; 2050 werden 50% über 65 Jahre alt sein, die Renten werden über 25% der Wirtschaftsleistung brauchen)
· ungesteuerte Migration ist und wird noch stärker zur sozialen Belastung
· das deutsche Sozialsystem untergräbt Eigenverantwortung und Arbeitsleistung
· bildungsferne Eltern vernachlässigen ihre Kinder häufiger als Gebildete



Zur Einwanderung:
In den 60er Jahren kamen die Südeuropäer (Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen) nach Deutschland, sie sind heute assimiliert oder in ihre Ursprungsländer zurückgekehrt. Danach kamen die sprachbegabten Osteuropäer, die heute auch weitgehend eine unproblematische, assimilierte Gruppe sind. Auch Einwanderer aus Indien und Fernost sind meist gut integriert und zudem überdurchschnittlich gebildet und leistungswillig. Die Aussiedler (Deutsche, die aus dem Osten zurückgekehrt sind) werden oft in der zweiten Generation integriert. Schwierigkeiten gibt es vor allem mit Afrikanern, Arabern, Türken und Jugoslawen, dies weist Sarrazin auch mit Hilfe von diversen Bildungs- und Sozialstatistiken nach. Dieses Integrationsproblem beschleunigt den Niedergang eines guten Bildungsstands. Vor allem im Anteil an den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) liegt Deutschland innerhalb Europas inzwischen weit zurück. An der Spitze liegt Finnland, das mehr als einen doppelt so hohen Anteil Studierender in diesen Bereichen aufweist. Quantität und Qualität der MINT-Absolventen erachtet Sarrazin als entscheidend für Fortschritt und Wohlstand eines Landes.


Zur Grundsicherung durch das Sozialsystem:
Der hohe Lebensstandard und die hohen Sozialtransfers in Deutschland fördern Migration und Familiennachzug von Afrikanern, Arabern und Türken, ohne dass sich diese wirklich um Arbeit und Integration bemühen müssen. Es findet eine sogenannt „negative Auslese“ statt, und Parallelgesellschaften sind bereits entstanden.
Sarrazin plädiert dagegen für eine Kultur der Anstrengung (statt der Hängematte) wie es Nordamerika und Australien vormachen. Es müssen Arbeitsanreize geschaffen werden, indem auch niedrige Arbeit attraktiver gemacht und besser entlohnt wird. Die Mindestlöhne sind eher anzuheben, die Grundsicherung dagegen ist gezielt abzusenken, aber die Anrechnung von Praktikas, Aushilfs- und Teilzeitjobs müssen sich unbedingt lohnen und daher verbessert werden. Grundsicherung für Erwerbsfähige sollte es nur noch geben mit Bedingungen (Zuverlässigkeit, Sprachkurse) und gegen Gegenleistung (gemeinnützige Arbeit).


Zur Bildung:
Sarrazin zeigt auch hier anhand eigener Erfahrungen auf, wie wichtig Bildung und Lernen bis anhin waren und noch heute sind. Er plädiert für eine erneuerte Bildungskultur, die entwicklungsbedingte Zeitfenster und altersgerechtes Lernen besser beachten. Gerade bei den Symbolfunktionen (nach dem Schweizer Kinderpsychologen Remo H. Largo), zu denen Lesefähigkeit, Textverständnis, mathematisch-analytische Fähigkeiten und räumliches Vorstellungsvermögen gehören, ist dies äusserst wichtig, damit möglichst viele diese Kompetenzen später als Erwachsene auch wirklich beherrschen werden. Auch die soziale Kompetenz ist für Kinder notwendig: Wenige Erwachsene, die tragfähige Beziehungen zum Kind haben, fördern und beflügeln dessen Motivation und Lerneifer. Sie bieten ihm Geborgenheit, Annahme, Wertschätzung, Zuwendung und auch Forderungen. Das Klassenlehrersystem ist daher wieder zu bevorzugen.
Gebildete Eltern erziehen in der Regel besser als ungebildete, weil sie die Kinder in der Schule unterstützen, Orientierungswissen geben und Lesefähigkeit und Textverständnis fördern. Bildungsferne Eltern dagegen sollten angeleitet und kontrolliert werden, ob sie Ernährung und Pflege ihrer Kinder sachgemäss durchführen. Krippenbesuch wäre in diesen Fällen sehr empfehlenswert, Kindertagesstätten ein Muss.
Für alle Kinder vorteilhaft sind:
· Ganztagesschulen (inklusiv Mahlzeiten und Aufgabenhilfe)
· Schuluniform
· Medienkonsum drastisch einschränken
· Kernkompetenzen (lesen, schreiben, rechnen) stärken
· Schulpflicht wird durchgesetzt
(bei Schwänzen sollten Eltern gebüsst werden)

Leistungsschwache Schüler sollten nach dem Erwerb der Kernkompetenzen vermehrt praktische Fächer besuchen und erlernen, um eine reelle Zukunftschance zu erhalten. Begabte Jugendliche sollen in andern Fächern angeregt und gefördert werden. Die Schulen sind noch zu unterschiedlich bezüglich Einsatz und Effizienz ihrer Mittel, deshalb sind Rankings weiterhin sinnvoll und gute Schulen sind zu fördern und zu belohnen.


Zu Integration und Assimilation:
Sarrazin hat klare Vorstellungen über die Identität und Kultur Deutschlands. Auf Seite 308 schreibt er: „Für mich ist es wichtig, dass Europa seine kulturelle Identität als europäisches Abendland und Deutschland seine als Land mit deutscher Sprache wahrt... Dieses Europa der Vaterländer ist säkular, demokratisch und achtet die Menschenrechte.“
Für ihn sind Integration und Assimilation als Begriffe fast nur Scheingegensätze, denn es geht bei beiden darum, die Gesetze des Gastlandes zu respektieren. Zuwanderung sollte zurzeit nur noch für Spezialisten möglich sein, so wie es in Nordamerika und Australien gehandhabt wird. Assimilation versteht er in Anlehnung an Hartmut Esser gestuft:
· kulturelle Assimilation: deutsche Sprache lernen
· strukturelle Assimilation: für Gesellschaft nützlich sein
· soziale Assimilation: Beziehungen zu Deutschen pflegen
· emotionale Assimilation: Identifikation mit Deutschland und deutscher Kultur



Zur problematischen demografischen Entwicklung:
Alterung und Schrumpfung werden zu grossen Veränderungen und Problemen führen. Die Alterung der Erwerbstätigen senkt Innovation und Produktivität der Wirtschaft. Die zu niedrige Geburtenrate (1,4 statt 2,1 pro Frau) lässt die nächsten Generationen deutlich bis dramatisch schrumpfen. Mit der niedrigen Fruchtbarkeit der Gebildeten (ca. 1,1 pro Frau) verringere sich auch die Intelligenz, denn laut Sarrazin seien 50-80% der menschlichen Intelligenz erblich. In Deutschland seien die Fremden, die Frommen und die Bildungsfernen überdurchschnittlich fruchtbar. Für die Schweiz ist dies nachgewiesen, in Deutschland fehlen leider statistische Angaben. Im Falle der muslimischen Migranten sind die drei Gruppen weitgehend deckungsgleich (Seite 372).
Gleichzeitig schrumpft die gebildete deutsche Bevölkerung, der demografische Niedergang setzt ein, er wird aber noch mehrheitlich verdrängt und ausgeblendet. Herwig Birg und der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal haben aber längst über diese Sachverhalte und Mechanismen wissenschaftliche Aussagen gemacht.
In Deutschland gebe es falsche finanzielle Anreize durch die Politik. Sarrazin würde dagegen das generelle Kindergeld senken, gezielter für grössere Familien verwenden und die freigewordenen Mittel in Ganztagesschulen mit Mahlzeiten investieren.


Zum Schluss:
Sarrazin wiederholt gegen Ende des Buches nochmals seine Grundsätze in Form zweier kurzer Setzungen (auf Seite 391):
1. Jeder Staat hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer in das Staatsgebiet zuziehen darf
2. Die westlichen und europäischen Werte und die jeweilige kulturelle Eigenart der Völker sind es wert, bewahrt zu werden


Und sollte dieser Warnruf wenig oder nichts fruchten, so schreibt er auf Seite 393: „Deutschland wird nicht mit einem Knall sterben. Es vergeht still mit den Deutschen und mit der demografisch bedingten Auszehrung ihres intellektuellen Potentials.“
Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass dieser Ruf nicht nur in Deutschland gehört und verstanden wird, denn er gilt für die meisten europäischen Länder, gerade auch für die Schweiz! Dringend und schnell müssten grundlegende und weitgehende Veränderungen in Migrations-, Familien-, Bildungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik eingeleitet werden, damit Europa nicht in Richtung Bedeutungslosigkeit, Armut und Chaos abdriftet. Dass es dazu aber auch einer klaren geistigen Verankerung und Verwurzelung in Gott braucht, dessen ist sich Sarrazin leider noch zu wenig bewusst. Jedenfalls schreibt er wenig dazu, ausgenommen sind ein paar kurze Verweise auf die deutsche Geschichte, in der dies der Fall war!

Labels: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,