Dienstag, Februar 22, 2011

Deutschland schafft sich ab

Das meistverkaufte Sachbuch seit dem Zweiten Weltkrieg ist "Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Es wurde von Thilo Sarrazin geschrieben und ist in der Deutschen Verlags-Anstalt München, im Sommer 2010 unter der ISBN-Nummer: 978-3-421-04430-3 erschienen.


Zum Autor und seinen Thesen:
Thilo Sarrazin wurde 1945 geboren, wuchs in Westfalen (Recklinghausen) auf, ist verheiratet mit einer Lehrerin, hat zwei erwachsene Söhne und lebt heute in Berlin. Durch die Veröffentlichung obgenannten Buches ist er zu einem prominenten Kritiker im deutschen Sprachraum geworden. Der Fachökonom, Spitzenbeamte und SPD-Politiker hat mit seinem 461seitigen, akribisch recherchierten Werk zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Deutschlands für breites Aufsehen, Aufregung und Wirbel gesorgt. Er war zudem Finanzsenator in Berlin 2002-09 und im Vorstand der Deutschen Bahn Netz AG und der Deutschen Bundesbank. Dadurch hatte er Einblick in verschiedenste Bereiche der deutschen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft genommen. Diese Erfahrungen, sein scharfes Denken und profundes Wissen liessen ihn Zusammenhänge erkennen, Wertungen formulieren und Schlüsse ziehen. Sarrazin ist nicht der erste, der sich kritisch zur heutigen Lage Deutschlands äussert, aber er scheint mir dies recht umfassend, gründlich und auch mit Zivilcourage zu tun. Diese Haltung kommt bereits im ersten Satz der Einleitung zur Geltung: „Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist. Ferdinand Lasalle“ Er zeigt also Entwicklungen in Deutschland auf, die ungünstig verlaufen und dramatische Folgen haben werden:
· starker Geburtenrückgang seit 40 Jahren, besonders der Gebildeten, führt zu Intelligenzverlust, Abnahme der Bevölkerung und Vergreisung der Gesellschaft (2020 wird Wirtschaftswachstum enden; 2050 werden 50% über 65 Jahre alt sein, die Renten werden über 25% der Wirtschaftsleistung brauchen)
· ungesteuerte Migration ist und wird noch stärker zur sozialen Belastung
· das deutsche Sozialsystem untergräbt Eigenverantwortung und Arbeitsleistung
· bildungsferne Eltern vernachlässigen ihre Kinder häufiger als Gebildete



Zur Einwanderung:
In den 60er Jahren kamen die Südeuropäer (Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen) nach Deutschland, sie sind heute assimiliert oder in ihre Ursprungsländer zurückgekehrt. Danach kamen die sprachbegabten Osteuropäer, die heute auch weitgehend eine unproblematische, assimilierte Gruppe sind. Auch Einwanderer aus Indien und Fernost sind meist gut integriert und zudem überdurchschnittlich gebildet und leistungswillig. Die Aussiedler (Deutsche, die aus dem Osten zurückgekehrt sind) werden oft in der zweiten Generation integriert. Schwierigkeiten gibt es vor allem mit Afrikanern, Arabern, Türken und Jugoslawen, dies weist Sarrazin auch mit Hilfe von diversen Bildungs- und Sozialstatistiken nach. Dieses Integrationsproblem beschleunigt den Niedergang eines guten Bildungsstands. Vor allem im Anteil an den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) liegt Deutschland innerhalb Europas inzwischen weit zurück. An der Spitze liegt Finnland, das mehr als einen doppelt so hohen Anteil Studierender in diesen Bereichen aufweist. Quantität und Qualität der MINT-Absolventen erachtet Sarrazin als entscheidend für Fortschritt und Wohlstand eines Landes.


Zur Grundsicherung durch das Sozialsystem:
Der hohe Lebensstandard und die hohen Sozialtransfers in Deutschland fördern Migration und Familiennachzug von Afrikanern, Arabern und Türken, ohne dass sich diese wirklich um Arbeit und Integration bemühen müssen. Es findet eine sogenannt „negative Auslese“ statt, und Parallelgesellschaften sind bereits entstanden.
Sarrazin plädiert dagegen für eine Kultur der Anstrengung (statt der Hängematte) wie es Nordamerika und Australien vormachen. Es müssen Arbeitsanreize geschaffen werden, indem auch niedrige Arbeit attraktiver gemacht und besser entlohnt wird. Die Mindestlöhne sind eher anzuheben, die Grundsicherung dagegen ist gezielt abzusenken, aber die Anrechnung von Praktikas, Aushilfs- und Teilzeitjobs müssen sich unbedingt lohnen und daher verbessert werden. Grundsicherung für Erwerbsfähige sollte es nur noch geben mit Bedingungen (Zuverlässigkeit, Sprachkurse) und gegen Gegenleistung (gemeinnützige Arbeit).


Zur Bildung:
Sarrazin zeigt auch hier anhand eigener Erfahrungen auf, wie wichtig Bildung und Lernen bis anhin waren und noch heute sind. Er plädiert für eine erneuerte Bildungskultur, die entwicklungsbedingte Zeitfenster und altersgerechtes Lernen besser beachten. Gerade bei den Symbolfunktionen (nach dem Schweizer Kinderpsychologen Remo H. Largo), zu denen Lesefähigkeit, Textverständnis, mathematisch-analytische Fähigkeiten und räumliches Vorstellungsvermögen gehören, ist dies äusserst wichtig, damit möglichst viele diese Kompetenzen später als Erwachsene auch wirklich beherrschen werden. Auch die soziale Kompetenz ist für Kinder notwendig: Wenige Erwachsene, die tragfähige Beziehungen zum Kind haben, fördern und beflügeln dessen Motivation und Lerneifer. Sie bieten ihm Geborgenheit, Annahme, Wertschätzung, Zuwendung und auch Forderungen. Das Klassenlehrersystem ist daher wieder zu bevorzugen.
Gebildete Eltern erziehen in der Regel besser als ungebildete, weil sie die Kinder in der Schule unterstützen, Orientierungswissen geben und Lesefähigkeit und Textverständnis fördern. Bildungsferne Eltern dagegen sollten angeleitet und kontrolliert werden, ob sie Ernährung und Pflege ihrer Kinder sachgemäss durchführen. Krippenbesuch wäre in diesen Fällen sehr empfehlenswert, Kindertagesstätten ein Muss.
Für alle Kinder vorteilhaft sind:
· Ganztagesschulen (inklusiv Mahlzeiten und Aufgabenhilfe)
· Schuluniform
· Medienkonsum drastisch einschränken
· Kernkompetenzen (lesen, schreiben, rechnen) stärken
· Schulpflicht wird durchgesetzt
(bei Schwänzen sollten Eltern gebüsst werden)

Leistungsschwache Schüler sollten nach dem Erwerb der Kernkompetenzen vermehrt praktische Fächer besuchen und erlernen, um eine reelle Zukunftschance zu erhalten. Begabte Jugendliche sollen in andern Fächern angeregt und gefördert werden. Die Schulen sind noch zu unterschiedlich bezüglich Einsatz und Effizienz ihrer Mittel, deshalb sind Rankings weiterhin sinnvoll und gute Schulen sind zu fördern und zu belohnen.


Zu Integration und Assimilation:
Sarrazin hat klare Vorstellungen über die Identität und Kultur Deutschlands. Auf Seite 308 schreibt er: „Für mich ist es wichtig, dass Europa seine kulturelle Identität als europäisches Abendland und Deutschland seine als Land mit deutscher Sprache wahrt... Dieses Europa der Vaterländer ist säkular, demokratisch und achtet die Menschenrechte.“
Für ihn sind Integration und Assimilation als Begriffe fast nur Scheingegensätze, denn es geht bei beiden darum, die Gesetze des Gastlandes zu respektieren. Zuwanderung sollte zurzeit nur noch für Spezialisten möglich sein, so wie es in Nordamerika und Australien gehandhabt wird. Assimilation versteht er in Anlehnung an Hartmut Esser gestuft:
· kulturelle Assimilation: deutsche Sprache lernen
· strukturelle Assimilation: für Gesellschaft nützlich sein
· soziale Assimilation: Beziehungen zu Deutschen pflegen
· emotionale Assimilation: Identifikation mit Deutschland und deutscher Kultur



Zur problematischen demografischen Entwicklung:
Alterung und Schrumpfung werden zu grossen Veränderungen und Problemen führen. Die Alterung der Erwerbstätigen senkt Innovation und Produktivität der Wirtschaft. Die zu niedrige Geburtenrate (1,4 statt 2,1 pro Frau) lässt die nächsten Generationen deutlich bis dramatisch schrumpfen. Mit der niedrigen Fruchtbarkeit der Gebildeten (ca. 1,1 pro Frau) verringere sich auch die Intelligenz, denn laut Sarrazin seien 50-80% der menschlichen Intelligenz erblich. In Deutschland seien die Fremden, die Frommen und die Bildungsfernen überdurchschnittlich fruchtbar. Für die Schweiz ist dies nachgewiesen, in Deutschland fehlen leider statistische Angaben. Im Falle der muslimischen Migranten sind die drei Gruppen weitgehend deckungsgleich (Seite 372).
Gleichzeitig schrumpft die gebildete deutsche Bevölkerung, der demografische Niedergang setzt ein, er wird aber noch mehrheitlich verdrängt und ausgeblendet. Herwig Birg und der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal haben aber längst über diese Sachverhalte und Mechanismen wissenschaftliche Aussagen gemacht.
In Deutschland gebe es falsche finanzielle Anreize durch die Politik. Sarrazin würde dagegen das generelle Kindergeld senken, gezielter für grössere Familien verwenden und die freigewordenen Mittel in Ganztagesschulen mit Mahlzeiten investieren.


Zum Schluss:
Sarrazin wiederholt gegen Ende des Buches nochmals seine Grundsätze in Form zweier kurzer Setzungen (auf Seite 391):
1. Jeder Staat hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer in das Staatsgebiet zuziehen darf
2. Die westlichen und europäischen Werte und die jeweilige kulturelle Eigenart der Völker sind es wert, bewahrt zu werden


Und sollte dieser Warnruf wenig oder nichts fruchten, so schreibt er auf Seite 393: „Deutschland wird nicht mit einem Knall sterben. Es vergeht still mit den Deutschen und mit der demografisch bedingten Auszehrung ihres intellektuellen Potentials.“
Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass dieser Ruf nicht nur in Deutschland gehört und verstanden wird, denn er gilt für die meisten europäischen Länder, gerade auch für die Schweiz! Dringend und schnell müssten grundlegende und weitgehende Veränderungen in Migrations-, Familien-, Bildungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik eingeleitet werden, damit Europa nicht in Richtung Bedeutungslosigkeit, Armut und Chaos abdriftet. Dass es dazu aber auch einer klaren geistigen Verankerung und Verwurzelung in Gott braucht, dessen ist sich Sarrazin leider noch zu wenig bewusst. Jedenfalls schreibt er wenig dazu, ausgenommen sind ein paar kurze Verweise auf die deutsche Geschichte, in der dies der Fall war!

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Dienstag, Februar 01, 2011

Vom Gewissen in der deutschen Geschichte und Kultur


Paulus hat den griechischen Begriff des Gewissens in die christliche Theologie eingeführt. Aber erst Origenes setzt das Gewissen mit dem Geist gleich, der im Menschen wohnt nach 1Ko 2,11. Dabei war er vom griechischen Menschenbild geprägt, das den Gegensatz von Materie und Geist betont hatte.

Erstaunlicherweise sprach der deutsche Reformator Luther dem Gewissen kaum einen Eigenwert zu, weil der Mensch nach ihm keine Verfügungsgewalt über sich selbst hat. Nur die Rechtfertigung Gottes durch die Erlösungstat von Christus macht aus dem angefochtenen, verzagten, erschrockenen und schuldigen Gewissen ein getröstetes, stilles, mutiges und friedsames! Die Orientierung am Evangelium befreie das Gewissen, und der so befreite Mensch sei frei zum sittlichen Handeln.

Seit gut hundert Jahren werden im deutschen Sprachraum zwar die Phänomene des Gewissens noch anerkannt und gewürdigt, aber deren sittlicher Wert ist umstritten geworden, weil eine objektive, ethische Instanz angezweifelt wird. Es gibt seither verschiedene, teilweise gegensätzliche Gewissensmodelle, weil Philosophen und Ideologen das grundlegende jüdisch-christliche Menschenbild und die damit tradierten Werte in Frage gestellt oder abgelehnt haben.
Besonders seit Nietzsche und seinem Nihilismus nahmen Wertlosigkeit, Leere und Fraglichkeit zu: Eine Wahrheit kann es nicht geben, Gewissheit und gesichertes Wissen kaum mehr. Dieser Skeptizismus entwurzelte die Menschen zunehmend, liess alles in der Schwebe und entzog auch dem Gewissen seine Basis.
Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg mit den unsäglichen Gräueltaten der Nazis gab es auch keinen Konsens mehr darüber, was mit dem Gewissen genau gemeint sein könnte. Und der Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem hat diesen Dissens noch weiter verschärft. Hannah Arendt hat in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ 1964 aufgezeigt, dass Eichmann nicht einfach als gewissenloser Scherge bezeichnet werden kann, sondern eher als „pflichtbewusste“ Person, deren Gewissen aber fehl- oder irregeleitet war und dadurch unbrauchbar wurde. Der Philosoph Paul Dauner bezeichnet diese Zeit als Zeit des „Gewissenskollaps“. Diese Zäsur, die weitere Entwicklung und die Fortschritte in Wissenschaften und Medizin führten zur Individualisierung und Abwertung des traditionellen Gewissens als naturrechtliche Ordnung oder Stimme Gottes. Dabei entstand ein Vakuum, durch abnehmende Innensteuerung des Einzelnen gefördert, wird es nun zunehmend gefüllt von staatlicher, gesellschaftlicher und medialer Aussensteuerung mit neuen Werten und andern Zwängen. Auch die Geisteswissenschaften wollen den für sie widersprüchlichen Gewissensbegriff nicht mehr gebrauchen im Zeitalter der Spätmoderne, Säkularismus und Pluralismus. Denn es gibt auch für sie keine objektive Wahrheit und wirkliche Güte mehr, die massgebliche Wertsphäre fehlt und Verortung und Sinngebung des Gewissens sind somit entschwunden. Wir sind fast unmerklich in eine „Kultur des Nichtwissens“ geraten, die wir irgendwie selber ertragen und bewältigen müssen. Als Ersatz steht der Begriff „Verantwortung“ im Vordergrund, der mehr das äussere Tun als die innere Gesinnung gewichtet.
Im alltäglichen Sprachgebrauch ist weiter von „Gewissen“ als einer sittlichen Instanz die Rede, die aber sehr subjektiv sein kann. Dietrich Rüdiger unterscheidet heute noch vier Hauptrichtungen in der Gewissenstheorie, die sich aber nicht mehr so leicht zusammenführen lassen:
· "vox-dei"-Gewissen (Theologie)
· Regelgewissen (Soziologie)
· Vernunftgewissen (Pflichtethik)
· Schuldgewissen (Psychologie)

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Sonntag, Januar 23, 2011

Vom Gewissen - wie es gebildet wird und wirkt


„Das Ziel der Unterweisung ist: Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ 1. Timotheus 1,5

Habt Ihr schon viele Predigten über das Gewissen gehört? Ich jedenfalls nicht, obwohl das Gewissen damals und heute eine wichtige Angelegenheit ist und doch jeder eines hat! Hier im Text des Paulus ist die Liebe das wichtigste, die aber auch von einem guten Gewissen genährt wird. Und über dieses Gewissen möchte ich heute reden:
Das Wort „Gewissen“, griechisch „syneidäsis“, kommt als Begriff ungefähr dreissig Mal im NT vor. Es könnte aber auch mit Bewusstsein, Gewahrwerdung und Mitwisser übersetzt werden. Vor allem der gebildete Paulus gebrauchte es in seinen Briefen recht häufig (Römer, Korinther, Timotheus, Titus und Hebräer).
Johannes dagegen verwendete stattdessen „Herz“, so wie es im AT, bei den Juden und Jesus gebräuchlich war. So steht in 1. Johannes 3,19b&20: „Und vor ihm werden wir unser Herz beschwichtigen, wenn unser Herz uns verurteilt, denn Gott ist grösser als unser Herz und weiss alles.“
Im AT galten zudem die „Nieren“ noch stärker als eigentlicher Ort oder Organ des Gewissens. David drückte dies ein paar Mal in den Psalmen so aus, beispielsweise in 26,2: „Prüfe mich, Jahwe, und durchforsche mich, erprobe mich auf Nieren und Herz.“

Gerade bei der Vorbereitung auf diese Botschaft fiel mir erneut auf, dass es nicht nur ausdrückliche (explizite) Bibelstellen zum Gewissen gibt, sondern auch umschreibende (implizite) Texte, die den Umgang mit dem Gewissen und Gewissensfragen beschreiben. Das gilt übrigens für andere Themen auch. Das Gewissen taucht erstmals in Genesis zwei und drei auf beim „Baum der Erkenntnis von gut und böse“ und dessen Frucht. Auch bei Jesus spielt es eine wesentliche Rolle, mir kommt das reine Herz in der Bergpredigt, Gleichnisse und Begegnungen im Lukas- und Johannesevangelium in den Sinn. In Johannes 21 wird beschrieben, wie Jesus den beschämten Jüngern begegnet und Petrus mit dem schlechtem Gewissen befreit. In der Apostelgeschichte behandelt Kapitel 15 mit dem Apostelkonzil in Jerusalem auch Gewissensfragen, ebenso Paulus im Römer- und 1. Korintherbrief, wo es um Reinheit, Gesetz, Essen und Rücksichtnahme geht.

Was ich heute besonders herausschälen und erhellen möchte, ist Entstehung und Wirkung des Gewissens. Dazu habe ich viel vom Missionologen Hannes Wiher gelernt, der über zwanzig Jahre in Afrika tätig war. Gerade dort hat er erlebt, dass die Menschen häufig anders reagierten als Europäer. Herausgefunden hat er, dass sie über ein anders geprägtes Gewissen verfügen. Ueber diese unterschiedlichen Gewissensformen möchte ich nun reden. Leider gibt es zusätzlich noch Menschen, die über gar kein ausgebildetes Gewissen verfügen, weil sie keine Erzieher hatten und somit keine Werte vorgelebt erhielten. Das ist eine ganz gravierende Missbildung, die schwer zu korrigieren ist.

Viele Mittel- und Nordeuropäer, besonders Protestanten und Pietisten, verfügen über ein sogenannt „schuldorientiertes“ Gewissen. Sie wurden von einzelnen Personen, der Kleinfamilie, erzogen, die nach gleichen Normen und Werten gelebt und gehandelt hatten. Das Kleinkind konnte dank dem diese Regeln verinnerlichen und das Gewissen wurde festgelegt. (Mit dem Gewissen ist es ähnlich wie mit der Sprache, es ist eine Anlage da, die aber in den ersten Lebensjahren ausgebildet und ausgefüllt werden muss, sonst verkümmert es!)
Wenn nun das Kind die Norm verletzt, beginnt es ein Schuldgefühl, ein „schlechtes Gewissen“ zu empfinden! Dies passiert auch, wenn der Erzieher nicht mehr anwesend ist. Das ist zwar unangenehm, aber wichtig für die Bewältigung und Entwicklung. Durch Rechtfertigung, Schuldbekenntnis und/oder Korrektur bekommt es wieder ein „gutes Gewissen“. Das schlechte Gefühl ist weg, die Schwierigkeit ist bewältigt, und alles ist wieder gut! Das ist eine gute Lösung, bei der auch konstruktive Kritik, persönliches Lernen und Heiligung Raum gewinnen und möglich sind.
Ein Problem bleibt jedoch, denn das Gewissen ist durch den „Sündenfall“ (mir gefällt besser: „Beziehungszerfall“ nach Manfred Seitz) nicht mehr die objektive, unverfälschte Stimme Gottes und kann daher auch zu überempfindlich und einseitig werden, gerade bei ängstlichen, sehr gewissenhaften Menschen! Man wird in einzelnen Dingen und Themen zu detailversessen, pingelig oder pharisäerhaft, zu zwanghaft oder rechthaberisch. Ich muss immer alles richtig machen und alles muss sofort in Ordnung gebracht werden. Doch Rettung, Gerechtigkeit und geistliches Leben beruhen auf erfahrener Gnade Gottes und unverdienter Liebe, deren ich nie würdig sein werde und entsprechen kann und sie trotzdem von Gott erhalten habe und bekomme! Jesus spricht sich klar gegen pharisäische Haltungen aus (in der Bergpredigt Mt 7,12 „Splitter im Auge“ und in Lk 18,21: Der reiche Mann hat alle Gebote gehalten und trotzdem fehlt ihm etwas, nämlich der Schatz im Himmel). Ebenso wendet sich Paulus in seinen Briefen gegen Gesetzlichkeit (Rö, 1Ko 8,1-11,1; Gal, etc.).

Die meisten Menschen im Süden und Osten hingegen kennen obgenannte Gewissensform kaum, weil sie anders erzogen wurden und in einem andern Umfeld leben. Hier herrscht die Grossfamilie, bei der viele Personen zur Erziehung der Kleinkinder beitragen. (Das gleiche gilt übrigens auch für Kibbuz und Kinderkrippen. Die jüngere Generation im Westen ist daher viel gruppenbezogener und schamorientierter, das verändert Gesellschaft und Gemeinden).
Wenn die Mutter da ist, gilt x, die Oma dagegen bestimmt y und die Tante sagt z. So kann das kleine Kind die Normen und Regeln nicht mehr verinnerlichen. Es stellt sich darauf ein, dass der Massstab personenbezogen ist und bleibt, ein "schamgeprägtes" Gewissen entsteht. Eine Normverletzung ist ein Versagen gegenüber der anwesenden Person und bewirkt ein Schamgefühl oder ein Gesichtsverlust. Die Normalisierung geschieht durch Versöhnung oder Vermittlung einer Person, auf die man angewiesen ist. So bestimmt also die Grossfamilie, der Clan, die „Group“ die gültigen Werte, die gelebte Ethik. Gut und richtig ist, was die Gruppe gutheissen kann, nicht was individuell und objektiv wahr und richtig erscheint.

Aufgrund meiner Beschreibung könnte man meinen, dass ein schuldorientiertes Gewissen besser sei als ein schamgeprägtes Gewissen. Doch dem ist nicht so, denn das hat mehr mit der eigenen Kind-heit, der erfahrenen Erziehung und Kultur zu tun, in der wir leben! Unser Ziel sollte sein, beide Gewissenformen zu kennen und vom Heiligen Geist in uns ausbilden zu lassen. Die Basis dazu ist, dass das Blut Christi unser Gewissen von toten Werken reinigt, dass wir dem lebendigen Gott dienen (Heb 9,14b). Und Denn die Bibel und speziell Jesus kennen Beispiele für beide Ausformungen:
· Adam und Eva schämen sich nach dem Essen der verbotenen Frucht (Genesis 3)
· Jesus beschämt und stösst die gesetzestreuen, einseitigen und teilweise heuchlerischen Pharisäer mehrmals vor den Kopf
· Jesus erzählt in den Gleichnissen von Schuld und Scham. Beispielsweise in Lukas 15,21ff bekennt der jüngere Sohn dem Vater: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen.“ Der Vater dagegen spricht nur von Entfernung der Schande, Versöhnung und Wiederherstellung (und nicht von Sünde und Schuld!): „Holt schnell das beste Kleid heraus und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an die Hand und Schuhe an die Füsse...“
· Jesus ist voll Gnade und Wahrheit (Joh 1,14 & 17)
· Jesus ist für Schuld und Scham (Schande, Unehre, Zerstörung der Gottesebenbildlichkeit) der Menschen gestorben, er vergibt unsere Sünde und stellt uns wieder her (Ehre, Wert, Würde)

Einige Fragen zum Schluss:
· Wie bin ich aufgewachsen, wie ist mein Gewissen geprägt worden? Bin ich eher auf Schuld oder auf Scham ausgerichtet? Bin ich vielleicht sogar übermässig gewissenhaft?

· Ist Jesus sowohl für meine Schuld als auch für meine Scham gestorben, gibt er mir Vergebung und Ehre? Oder bin ich einseitig und habe gar einen blinden Fleck?

· Wie gehe ich mit Menschen um, die eine andere Gewissensprägung haben? Anerkenne und verstehe ich unterschiedliche „Kulturen“ an, gerade auch in Beziehungen, Kleingruppe und Gemeinde?

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Donnerstag, Juni 10, 2010

Umfassendere Wirklichkeit


Polkinghorne plädiert in der Folge für eine umfassendere menschliche Wirklichkeit (Seite 111):
„Die Naturwissenschaften beschäftigen sich nur mit einem kleinen Teilbereich menschlicher Erfahrungen. Denn sie begrenzen ihr Interesse auf eine unpersönliche Darstellung der Wirklichkeit, auf die Welt als Objekt (als „Es“). Sie sprechen vom Licht einer gegebenen Wellenlänge, aber nicht von Farbe, von Vibrationen in der Luft, aber nicht von Musik, von kausalen Notwendigkeiten, aber nicht von moralischen Imperativen. Doch für die menschliche Erfahrung ist es fundamental, dass man der Wirklichkeit auch subjektiv begegnet, der Welt als einem „Du“ gegenübersteht. Zu dieser subjektiven Wahrnehmung der Welt gehören nicht nur zwischenmenschliche Begegnungen mit anderen Personen und die transzendentale Erfahrung des Göttlichen, sondern auch die allgemeine Erfahrung, dass wir in einer Welt leben, die voll von Werten ist. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese persönlich vermittelten Aspekte der Wirklichkeit von geringerer Bedeutung seien als die unpersönlich vermittelten Aspekte, welche die Naturwissenschaften interessieren....
Die Tatsache, dass die Naturwissenschaften Werte methodisch ignorieren, impliziert keineswegs, dass diese Nichtbeachtung zu einem metaphysischem Prinzip erhoben werden sollte. Im Gegenteil hat jede angemessene Metaphysik den wert-geladenen Charakter der Wirklichkeit ernst zu nehmen.“


. Ethische Intuitionen und Verpflichtungen: Wir scheinen Zugang zu einem wirklichen moralischen Wissen zu haben. Unsere Moral öffnet uns ein Fenster in die Welt der menschlichen Wirklichkeit

. Aesthetische Erfahrungen: Farbarrangements und Geräuschwellensequenzen sind mehr als sinnlose Oberflächenphänomene und Gesellschaftswerte

„Der Theismus bietet eine Erklärung dieser vielfältigen Gegenwart von Werten in der Welt. Menschliche ethische Intuitionen entstehen in der Nachahmung von Gottes gutem und vollkommenem Willen; Erfahrungen von Schönheit entstehen, wenn Menschen in die Freude Gottes an seiner Schöpfung hineingenommen werden. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für die Erkenntnis, dass es Einen gibt, der unserer Anbetung und unseres Gehorsams würdig ist, welcher der Grund des ästhetischen und moralischen Wertes der Welt ist. Dieser theistische Hinweis auf die Werte ist eine Version des vierten Weges des Thomas von Aquin: „Deshalb muss etwas existieren, dass für alles, was ist, der Grund seines Seins, seiner Güte und Vollkommenheit ist – und diesen nennen wir Gott“.“

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Samstag, Mai 26, 2007

Hans-Peter Raddatz: Von Gott zu Allah?

Der Untertitel dieses Werks lautet: Christentum und Islam in der liberalen Fortschrittsgesellschaft. Es ist im Herbig-Verlag München 2001, umfasst 528 Seiten und kostet "nur" CHF 26.80. ISBN: 3-7766-3010-8.
Zuerst etwas zum Autor dieses Buchs: Hans-Peter Raddatz wurde 1941 in Deutschland geboren. Er studierte Orientalistik, Volkswirtschaftslehre und Ethnologie. Er promovierte über das frühislamische Erbrecht 1967. Danach arbeitete für verschiedene Firmen in Nahen Osten und in den USA. Heute ist er Publizist, der den Islam kritisch betrachtet. Er vertritt und unterstützt die jüdisch-christlichen Werte Europas und das Existenzrecht Israels. Er tritt ein für die Trennung von Kirche und Staat und das staatliche Gewaltmonopol, das im Islam nicht vorgesehen und gewährleistet wird. Ein Anliegen ist ihm auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Er kritisiert den naiven Dialog des Westens, auch der christlichen Kirchen, mit den Moslems, und bekämpft die Anerkennung der Scharia, des islamischen Rechts, in Europa. Dadurch erhielt er 2005 Drohungen im Internetportal „Muslim-Markt“.

Zum Vorwort ab Seite 11:
Raddatz macht teilweise sehr prägnante Aussagen, über die es sich lohnt nachzudenken. Er behauptet beispielsweise folgendes: „Im Islam ist virtuelle Gewalt angelegt... Der moderne Fortschritt hat zu sozialer Inkompetenz, islamischer Radikalisierung und westlicher Korruption geführt.“

Zur Einführung ab Seite 14:
Raddatz macht (zu Recht) auf den defizitären Informationsstand über die wichtigen Migrationsgruppen in Deutschland, Frankreich und England aufmerksam: Was wissen wir schon wirklich über die Türken, die Nordafrikaner und die Pakistaner? Das Wissen über den Islam steigt nicht wie die Expansion des Islams in Europa!
Der christliche Glaube war wesentlicher Impuls des europäischen Geistes. Wenn dieser Glaube verschwindet, wir auch dieser Geist verschwinden (Seite 24)!

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Freitag, Mai 04, 2007

Wohlstand, Sozialkompetenz und Gesundheit

Für den (westlichen) Wohlstand erachtet Nefiodow als wichtig (und beschreibt dies ab Seite 31):
· Fachkompetenz
· Organisation
· Management
· Kreativität
· Forschung
· Motivation und Einsatzbereitschaft
· Kooperation

Er beschreibt ab Seite 122 die grosse Bedeutung der Sozialkompetenz, die auch als psycho-soziale Gesundheit definiert werden kann... Die christliche Kirche verfügt über ein breites Spektrum an Methoden zur Vermittlung seelischer Gesundheit. Dieses Wissen wurde in Europa weitgehend aus dem Bewusstsein der Oeffentlichkeit verdrängt.
Er plädiert in diesem Zusammenhang auch für mehr Prävention, Gesundheitsförderung und Saluto-Genese anstelle von kurativer, krankheitsorientierter Medizin.
Gesunde Lebensführung war schon bei Hildegard von Bingen ein Thema, das Gottfried Hertzka und Wighard Strelow wiederentdeckt haben. Es geht um richtigen Umgang mit:
· Essen und Trinken
· Wachen und Schlafen
· Arbeiten und Beten
· Bewegen und Ruhen
· Licht, Luft, Gefühl und Leidenschaft
· Beziehung zu Gott

Nefiodow bezeichnet das naturwissenschaftliche Weltbild als reduktionistisch, weil es seelische, soziale und religiöse Phänomene vernachlässigt. Es trennt (zu Unrecht) Leib und Seele.
Denn im 6. Kondratieff wird es also vermehrt um Fragen der ganzheitlichen Gesundheit, Umweltschutz und erneuerbarer Energie gehen (Seite 133). Der Mangel an Produktivität in den zwischenmenschlichen Beziehungen macht die Thematisierung von Gesundheit notwendig: der Informationsfluss , die Kommunikation, die Echtheit und der Ausdruck der Menschen müssen verändert und verbessert werden. Daneben wird Biotechnologie eine zunehmende Rolle spielen.
Gesundheitsdefinition nach WHO, der Weltgesundheitsorganisation, umfasst folgende Punkte (nach Nefiodow kommt noch spirituelle Gesundheit hinzu):
· Stabiles Selbstwertgefühl
· Positives Verhältnis zum eigenen Körper
· Fähigkeiten zu Freundschaften und sozialen Beziehungen
· Intakte Umwelt
· Sinnvolle Arbeit
· Gesunde Arbeitsbedingungen
· Gesundheitswissen
· Zugang zu Gesundheitsversorgung
· Lebenswerte Gegenwart
· Begründete Hoffung auf lebenswerte Zukunft

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