Sonntag, Mai 22, 2016

Larry Siedentop: Europa findet zu seiner Identität

13. Warum der Feudalismus die antike Sklaverei nicht wieder einführte. Feudalismus kann als Vorstufe der Moderne angesehen werden. Im antiken Rom gab es Hörige mit nur minimalen Rechten, die keine Körperstrafen erdulden mussten. Diese Landarbeiter hiessen „Coloni“, weiter gab es „Rustici“ und „Tributari“. Sklaven hiessen dagegen „Servi“. Landbewohner und Bauern waren „Paganus“. Die Kirche förderte durch die Heiligkeit der Ehe und Achtung der Familie die Abschaffung der Sklaverei und die Einrichtung von Familienhöfen. Die Ehe war ein unauflösbares Band zweier Seelen geworden, das durch persönlichen Willensentscheid und unter Gottes Segen geschlossen wurde. 14. Den „Gottesfrieden“ fördern. Ab dem 10. Jahrhundert begannen Revolten von Landbewohner gegen ihre Grundherrn. 910 wurde die Abtei von Cluny durch Wilhelm I. gegründet. Sie richtete sich nach der Benediktregel, die das christliche Leben mit Würde, Arbeit, Selbstbestimmung, Lernen, Gebet und Gleichheit statt Herkunft prägte. Aus ihr kamen später auch die Mönchspäpste hervor. 15. Die Papstrevolution: Eine Verfassung für Europa. Das Minnewesen idealisierte die Geschlechterbeziehung. Höflichkeit und Ehre der Ritter verfeinerten die neue Identität. Erst die Kreuzzüge offenbarten das christliche Europa. Gregor VII. führte unter Einfluss christlicher Moralvorstellungen ein neues Modell von Gesellschaft und Regierung ein. Ein einheitliches Rechtssystem entstand, dieser Prozess dauerte bis 1250. 16. Naturrecht und natürliche Rechte. Da die Seele den Körper regiere, sei die geistliche Autorität der weltlichen Herrschaft überlegen. Daraus entstand um 1140 das „Decretum Concordia Discordantium Canonum“, das kanonische Recht des Mönchs Gratian. Das Naturrecht wurde mit der biblischen Offenbarung gleichgesetzt. Päpste, Theologen und Kirchenrechtler schufen eine Verbindung von antikem Recht und Evangelium. Sie scheiterten zwar, eine Verfassung für Europa durchzusetzen, aber sie legten die Fundamente für demokratische Gesellschaften im modernen Europa.

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Mittwoch, Dezember 24, 2014

David Bentley Hart: Atheist Delusions

Der amerikanische orthodoxe Theologe und Philosoph David Bentley Hart wurde 1965 in Maryland geboren. Er hat an der Universität in Maryland, im britischen Cambridge und in Virginia studiert. Seine Spezialgebiete sind philosophische Theologie, Religionswissenschaft, asiatische Religionen, Patristik und Ästhetik. Er lehrte an der Universität von Virginia, der Universität von St. Thomas in Saint Paul, Minnesota, der Duke-Universität in Durham und am Providence-College in Rhode Island. Er hat verschiedene anspruchsvolle und populäre Bücher geschrieben, so auch Atheist Delusions. The Christian Revolution and its fashionable Enemies. (Deutsch: Der Atheistenwahn. Die christliche Revolution und ihre modischen Feinde.) Es ist bei Yale University Press in New Haven und London unter der ISB-Nummer: 978-0-300-16429-9 erschienen. Bislang wurde nur Harts populäres Werk zur Kirchengeschichte ins Deutsche übersetzt, jedoch nicht Atheist Delusions, das eine wesentliche Stimme in der Diskussion mit Richard Dawkins und seinem Gotteswahn ist. Nun ausschnittweise zum Inhalt: Kapitel 4: The Night of Reason (Die Nacht der Vernunft) Hart ist ein "harter" Gegenspieler von Richard Dawkins, Daniel Dennet, Sam Harris, Christopher Hitchens und Philip Pullman. Denn er bietet Argumente und eine alternative Sicht auf Glaube, Vernunft und Freiheit an, die er im frühen Christentum verankert und bestätigt sieht. Viele Historiker – so auch Jaques Le Goff und Edward Gibbon - und Philosophen der Moderne hätten das Mittelalter einseitig als finster und verwirrt dargestellt, als „Glaubenszeitalter“, weil sie es zu ideologisch rekonstruiert hätten. Oft würden Errungenschaften des christlichen Ostens, von Byzanz und auch der italienischen Gelehrten und Mönche ungenügend wahrgenommen. So gab es im frühen Mittelalter allein in Westeuropa über Tausend Spitalgründungen. Herausragende Persönlichkeiten in dieser Hinsicht waren: Ephraim der Syrer (306-373) in Edessa, Basil der Grosse (329-379) in Kappadozien, Johannes Chrysostomus (347-407) in Konstantinopel, Fabiola (+399) in Rom und Benedikt von Nursia (480-547) in Monte Cassino. Mit dem amerikanischen Publizisten Jonathan Kirsch herrsche immer noch die irrige Meinung vor, dass Christen die antike Bibliothek Alexandrias angegriffen und ein reiches heidnisches Erbe um 390 nach Christus zerstört hätten. Die historische Wahrheit sei jedoch weit komplexer: Die erste königliche Bibliothek Alexandrias mit 700'000 Buchrollen, die durch Potolemäus II (304-246 vor Christus) etabliert wurde, wurde bereits 47 vor Christus durch die Römer unter Pompejus und Julius Cäsar zerstört. Die zweite Bibliothek auf Serapeum mit 42'000 Rollen, vermutlich durch Potolemäus III (246-221 vor Christus) errichtet, wurde durch römische Soldaten und christliche Zivilisten 391 nach Christus zerstört. Rufinus (345-411) und Socrates (380-450) beschrieben diese Zerstörung aber als Folge einer Christenverfolgung, die auf eine Zeit der Koexistenz folgte. Die „Schule von Alexandria“ wurde um 200 nach Christus in einer friedlichen Phase durch die Philosophen Pantaenus, Clemens von Alexandria (150-213) und Origenes (185-254) etabliert. Heiden und Christen lebten in Alexandria Seite an Seite und lernten gemeinsam ungefähr von 200-250 nach Christus. Erst Kaiser Decius, der 249-251 regierte, beendete diese befruchtende Kooperation und verlangte von den Christen die Verehrung der römischen Götter, was eine Christenverfolgung auslöste. Der folgende Gallus war wieder toleranter, Valerian verfolgte die Christen erneut ab 257, die schlimmsten Verfolgungen geschahen später jedoch unter Diocletian (245-316).

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Freitag, November 01, 2013

Ein unangesehener Gastdozent

Dieser Zwischentitel bezieht sich auf einen unscheinbaren indischen Professor, der durch den Einfluss von Jesus zu einem gebildeten und bedeutenden Mann wurde. Die Wirkungsgeschichte Jesu in der Bildung begann eigentlich schon mit Israels Lehrer, die nach dem babylonischen Exil Könige und Heerführer von der Bedeutung her abgelöst hatten. So wurde Israel zum Volk des Buchs, woraus später eine intensive Gelehrsamkeit resultierte. Jesus war zuerst nur ein einfacher Arbeiter, der Möbel zimmerte (oder besser: Häuser baute). Als er das erste Mal lehrte, setzte er sich und behauptete von der Schrift her, dass Gott auch die Heiden besonders liebe. Die Versammlung wurde deswegen zornig und entsetzt und vertrieb ihn aus Nazareth. Jesus lehrte, um Menschen zu verändern, nicht um Wissen anzuhäufen. Der Harvardprofessor Harvey Cox sagte: „Die Worte der Bergpredigt sind die brillantesten, die meist zitierten, meist analysierten, meist debattierten, einflussreichsten moralisch und religiösen Aussagen der Menschheitsgeschichte.“ Der gebildete Paulus wies auf ihn, als er sagte: "In Jesus sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen." Gott mit dem Verstand lieben heisst, neugierig auf Gott und seine Schöpfung sein; so kann aus Lernen Anbetung werden. Mit der gleichen Intention sollen wir wissenschaftliche Theorien prüfen und nicht allzu schnell theologische Urteile fällen. Nachfolger Jesu haben nicht nur die eigenen, sondern sogar klassische und heidnische Schriften abgeschrieben und aufbewahrt. Die Klöster wurden zu Bildungsstätten, woraus später die Universitäten entstanden sind, vor allem weil sie in Gott das höchste vernunftbegabte Wesen erkannten. Der Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead (1861-1947) meinte dazu: „Der Aufstieg der Wissenschaften wurde durch die mittelalterliche Vorstellung von einem rational handelnden Gott ermöglicht.“ Martin Luther (1483-1546) und die anderen Reformatoren arbeiteten darauf hin, dass alle Bürger lesen und schreiben lernen konnten. Nur gerade sechs Jahre nach der Ankunft der Puritaner in Massachusetts (USA) gründeten sie ein College, das einmal Harvard werden sollte. 129 von 138 der ersten amerikanischen Universitäten wurden von Jesus-Nachfolgern gegründet. Sonntagsschulen wurden 1780 vom Briten Robert Raikes gegründet, um möglichst viele Kinder zu bilden, und sie so der Armut zu entreissen. Dinesh D’Souza sagte es zusammenfassend so: "Die Wissenschaft als organisiertes, fortwährendes Unterfangen ist in der Menschheitsgeschichte nur ein einziges Mal aufgekommen... in Europa, in einer Zivilisation, die damals Christenheit hiess."

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Freitag, April 20, 2012

The West and the Rest

Nicht jeder ist fähig, die wesentlichen Merkmale einer Zivilisation und Kultur herauszuschälen, der Autor Niall Ferguson ist es. Er hat als letztes "Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen." geschrieben. Es ist 2011 im Verlag Propyläen Berlin unter der ISBN-Nummer: 978-3-549-07411-4 erschienen. Der englische Ursprungstitel hiess: Civilization. The West and the Rest. Allen Lane. Penguin Books London. . . . . . . . Etwas zum Autor: Niall Ferguson wurde 1964 in Glasgow geboren. Heute ist er Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Finanz- und Wirtschaftsgeschichte an der Harvard Universität in Boston USA. Zudem ist er Senior Research Fellow der Universität in Oxford. Er gilt als einer der pointiertesten Historiker der Welt. Die letzten Bücher waren „Krieg der Welt“ (2006) und „Der Aufstieg des Geldes“ (2009). Er ist in zweiter Ehe mit der holländischen Somalierin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali verheiratet. . . . . . . . Zum Inhalt: Niall Ferguson gibt zu Beginn einige Grundsätze seines Geschichtsverständnisses weiter: Für ihn ist die Vergangenheit nicht einfach abgeschlossen, sondern sie lebt in der Gegenwart weiter in Form von Spuren wie Gegenständen und Dokumenten. Dabei geht es nicht um eine Sammlung von Beweisstücken, sondern um eine Geschichte des Denkens zu erkennen. Er will in seinem Geist das Denken der Menschen nachvollziehen, weil für ihn historisches Wissen vergangenes Denken ahnen lässt und sichtbar macht im Kontext der Gegenwart. Er versteht sich und die Historiker wie Wildhüter, die erfolgreich Spuren suchen und finden. Diese Erkenntnis klärt auch über die Gegenwart auf, weil sie ein Bestandteil der Geschichte ist. Wir studieren Geschichte, um die heutige Situation besser beurteilen zu können (nach R.G. Collingwood). . . . . . . . Ferguson hat klare Vorstellungen, weshalb der Westen eine solch globale Macht begründet und erhalten hat. Auf Seite 44 nennt er sechs entscheidende Faktoren dafür: . . . . . . . · Wettbewerb: durch Dezentralisierung, Gründung von Nationalstaaten und Kapitalismus . . . . . . . · Wissenschaft: Das Studieren, Verstehen und Verändern der Welt sicherte auch einen grossen militärischen Vorsprung . . . . . . . · Eigentumsrechte: Rechtsstaatlichkeit schützte Privateigentum und Freiheit, führte zu Frieden und Stabilität und brachte repräsentative Regierungen hervor . . . . . . . · Medizin: verbesserte die Gesundheit und erhöhte Lebenserwartung und Wachstum . . . . . . . · Konsumgesellschaft: Gebrauchsgüter wie Kleider spielten eine wesentliche Rolle in Wirtschaft und industrieller Revolution . . . . . . . · Arbeitsethik: Protestantismus bewirkte eine moralische Arbeitsweise, die zu höherer Leistung, besserem Zusammenhalt und grösserer Sparquote führte

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Dienstag, Februar 22, 2011

Deutschland schafft sich ab

Das meistverkaufte Sachbuch seit dem Zweiten Weltkrieg ist "Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Es wurde von Thilo Sarrazin geschrieben und ist in der Deutschen Verlags-Anstalt München, im Sommer 2010 unter der ISBN-Nummer: 978-3-421-04430-3 erschienen.


Zum Autor und seinen Thesen:
Thilo Sarrazin wurde 1945 geboren, wuchs in Westfalen (Recklinghausen) auf, ist verheiratet mit einer Lehrerin, hat zwei erwachsene Söhne und lebt heute in Berlin. Durch die Veröffentlichung obgenannten Buches ist er zu einem prominenten Kritiker im deutschen Sprachraum geworden. Der Fachökonom, Spitzenbeamte und SPD-Politiker hat mit seinem 461seitigen, akribisch recherchierten Werk zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Deutschlands für breites Aufsehen, Aufregung und Wirbel gesorgt. Er war zudem Finanzsenator in Berlin 2002-09 und im Vorstand der Deutschen Bahn Netz AG und der Deutschen Bundesbank. Dadurch hatte er Einblick in verschiedenste Bereiche der deutschen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft genommen. Diese Erfahrungen, sein scharfes Denken und profundes Wissen liessen ihn Zusammenhänge erkennen, Wertungen formulieren und Schlüsse ziehen. Sarrazin ist nicht der erste, der sich kritisch zur heutigen Lage Deutschlands äussert, aber er scheint mir dies recht umfassend, gründlich und auch mit Zivilcourage zu tun. Diese Haltung kommt bereits im ersten Satz der Einleitung zur Geltung: „Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist. Ferdinand Lasalle“ Er zeigt also Entwicklungen in Deutschland auf, die ungünstig verlaufen und dramatische Folgen haben werden:
· starker Geburtenrückgang seit 40 Jahren, besonders der Gebildeten, führt zu Intelligenzverlust, Abnahme der Bevölkerung und Vergreisung der Gesellschaft (2020 wird Wirtschaftswachstum enden; 2050 werden 50% über 65 Jahre alt sein, die Renten werden über 25% der Wirtschaftsleistung brauchen)
· ungesteuerte Migration ist und wird noch stärker zur sozialen Belastung
· das deutsche Sozialsystem untergräbt Eigenverantwortung und Arbeitsleistung
· bildungsferne Eltern vernachlässigen ihre Kinder häufiger als Gebildete



Zur Einwanderung:
In den 60er Jahren kamen die Südeuropäer (Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen) nach Deutschland, sie sind heute assimiliert oder in ihre Ursprungsländer zurückgekehrt. Danach kamen die sprachbegabten Osteuropäer, die heute auch weitgehend eine unproblematische, assimilierte Gruppe sind. Auch Einwanderer aus Indien und Fernost sind meist gut integriert und zudem überdurchschnittlich gebildet und leistungswillig. Die Aussiedler (Deutsche, die aus dem Osten zurückgekehrt sind) werden oft in der zweiten Generation integriert. Schwierigkeiten gibt es vor allem mit Afrikanern, Arabern, Türken und Jugoslawen, dies weist Sarrazin auch mit Hilfe von diversen Bildungs- und Sozialstatistiken nach. Dieses Integrationsproblem beschleunigt den Niedergang eines guten Bildungsstands. Vor allem im Anteil an den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) liegt Deutschland innerhalb Europas inzwischen weit zurück. An der Spitze liegt Finnland, das mehr als einen doppelt so hohen Anteil Studierender in diesen Bereichen aufweist. Quantität und Qualität der MINT-Absolventen erachtet Sarrazin als entscheidend für Fortschritt und Wohlstand eines Landes.


Zur Grundsicherung durch das Sozialsystem:
Der hohe Lebensstandard und die hohen Sozialtransfers in Deutschland fördern Migration und Familiennachzug von Afrikanern, Arabern und Türken, ohne dass sich diese wirklich um Arbeit und Integration bemühen müssen. Es findet eine sogenannt „negative Auslese“ statt, und Parallelgesellschaften sind bereits entstanden.
Sarrazin plädiert dagegen für eine Kultur der Anstrengung (statt der Hängematte) wie es Nordamerika und Australien vormachen. Es müssen Arbeitsanreize geschaffen werden, indem auch niedrige Arbeit attraktiver gemacht und besser entlohnt wird. Die Mindestlöhne sind eher anzuheben, die Grundsicherung dagegen ist gezielt abzusenken, aber die Anrechnung von Praktikas, Aushilfs- und Teilzeitjobs müssen sich unbedingt lohnen und daher verbessert werden. Grundsicherung für Erwerbsfähige sollte es nur noch geben mit Bedingungen (Zuverlässigkeit, Sprachkurse) und gegen Gegenleistung (gemeinnützige Arbeit).


Zur Bildung:
Sarrazin zeigt auch hier anhand eigener Erfahrungen auf, wie wichtig Bildung und Lernen bis anhin waren und noch heute sind. Er plädiert für eine erneuerte Bildungskultur, die entwicklungsbedingte Zeitfenster und altersgerechtes Lernen besser beachten. Gerade bei den Symbolfunktionen (nach dem Schweizer Kinderpsychologen Remo H. Largo), zu denen Lesefähigkeit, Textverständnis, mathematisch-analytische Fähigkeiten und räumliches Vorstellungsvermögen gehören, ist dies äusserst wichtig, damit möglichst viele diese Kompetenzen später als Erwachsene auch wirklich beherrschen werden. Auch die soziale Kompetenz ist für Kinder notwendig: Wenige Erwachsene, die tragfähige Beziehungen zum Kind haben, fördern und beflügeln dessen Motivation und Lerneifer. Sie bieten ihm Geborgenheit, Annahme, Wertschätzung, Zuwendung und auch Forderungen. Das Klassenlehrersystem ist daher wieder zu bevorzugen.
Gebildete Eltern erziehen in der Regel besser als ungebildete, weil sie die Kinder in der Schule unterstützen, Orientierungswissen geben und Lesefähigkeit und Textverständnis fördern. Bildungsferne Eltern dagegen sollten angeleitet und kontrolliert werden, ob sie Ernährung und Pflege ihrer Kinder sachgemäss durchführen. Krippenbesuch wäre in diesen Fällen sehr empfehlenswert, Kindertagesstätten ein Muss.
Für alle Kinder vorteilhaft sind:
· Ganztagesschulen (inklusiv Mahlzeiten und Aufgabenhilfe)
· Schuluniform
· Medienkonsum drastisch einschränken
· Kernkompetenzen (lesen, schreiben, rechnen) stärken
· Schulpflicht wird durchgesetzt
(bei Schwänzen sollten Eltern gebüsst werden)

Leistungsschwache Schüler sollten nach dem Erwerb der Kernkompetenzen vermehrt praktische Fächer besuchen und erlernen, um eine reelle Zukunftschance zu erhalten. Begabte Jugendliche sollen in andern Fächern angeregt und gefördert werden. Die Schulen sind noch zu unterschiedlich bezüglich Einsatz und Effizienz ihrer Mittel, deshalb sind Rankings weiterhin sinnvoll und gute Schulen sind zu fördern und zu belohnen.


Zu Integration und Assimilation:
Sarrazin hat klare Vorstellungen über die Identität und Kultur Deutschlands. Auf Seite 308 schreibt er: „Für mich ist es wichtig, dass Europa seine kulturelle Identität als europäisches Abendland und Deutschland seine als Land mit deutscher Sprache wahrt... Dieses Europa der Vaterländer ist säkular, demokratisch und achtet die Menschenrechte.“
Für ihn sind Integration und Assimilation als Begriffe fast nur Scheingegensätze, denn es geht bei beiden darum, die Gesetze des Gastlandes zu respektieren. Zuwanderung sollte zurzeit nur noch für Spezialisten möglich sein, so wie es in Nordamerika und Australien gehandhabt wird. Assimilation versteht er in Anlehnung an Hartmut Esser gestuft:
· kulturelle Assimilation: deutsche Sprache lernen
· strukturelle Assimilation: für Gesellschaft nützlich sein
· soziale Assimilation: Beziehungen zu Deutschen pflegen
· emotionale Assimilation: Identifikation mit Deutschland und deutscher Kultur



Zur problematischen demografischen Entwicklung:
Alterung und Schrumpfung werden zu grossen Veränderungen und Problemen führen. Die Alterung der Erwerbstätigen senkt Innovation und Produktivität der Wirtschaft. Die zu niedrige Geburtenrate (1,4 statt 2,1 pro Frau) lässt die nächsten Generationen deutlich bis dramatisch schrumpfen. Mit der niedrigen Fruchtbarkeit der Gebildeten (ca. 1,1 pro Frau) verringere sich auch die Intelligenz, denn laut Sarrazin seien 50-80% der menschlichen Intelligenz erblich. In Deutschland seien die Fremden, die Frommen und die Bildungsfernen überdurchschnittlich fruchtbar. Für die Schweiz ist dies nachgewiesen, in Deutschland fehlen leider statistische Angaben. Im Falle der muslimischen Migranten sind die drei Gruppen weitgehend deckungsgleich (Seite 372).
Gleichzeitig schrumpft die gebildete deutsche Bevölkerung, der demografische Niedergang setzt ein, er wird aber noch mehrheitlich verdrängt und ausgeblendet. Herwig Birg und der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal haben aber längst über diese Sachverhalte und Mechanismen wissenschaftliche Aussagen gemacht.
In Deutschland gebe es falsche finanzielle Anreize durch die Politik. Sarrazin würde dagegen das generelle Kindergeld senken, gezielter für grössere Familien verwenden und die freigewordenen Mittel in Ganztagesschulen mit Mahlzeiten investieren.


Zum Schluss:
Sarrazin wiederholt gegen Ende des Buches nochmals seine Grundsätze in Form zweier kurzer Setzungen (auf Seite 391):
1. Jeder Staat hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer in das Staatsgebiet zuziehen darf
2. Die westlichen und europäischen Werte und die jeweilige kulturelle Eigenart der Völker sind es wert, bewahrt zu werden


Und sollte dieser Warnruf wenig oder nichts fruchten, so schreibt er auf Seite 393: „Deutschland wird nicht mit einem Knall sterben. Es vergeht still mit den Deutschen und mit der demografisch bedingten Auszehrung ihres intellektuellen Potentials.“
Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass dieser Ruf nicht nur in Deutschland gehört und verstanden wird, denn er gilt für die meisten europäischen Länder, gerade auch für die Schweiz! Dringend und schnell müssten grundlegende und weitgehende Veränderungen in Migrations-, Familien-, Bildungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik eingeleitet werden, damit Europa nicht in Richtung Bedeutungslosigkeit, Armut und Chaos abdriftet. Dass es dazu aber auch einer klaren geistigen Verankerung und Verwurzelung in Gott braucht, dessen ist sich Sarrazin leider noch zu wenig bewusst. Jedenfalls schreibt er wenig dazu, ausgenommen sind ein paar kurze Verweise auf die deutsche Geschichte, in der dies der Fall war!

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Montag, März 15, 2010

Karen Armstrong: Im Kampf für Gott

Karen Armstrong wurde 1945 in England geboren. Sie war sieben Jahre katholische Nonne, bevor sie 1969 ihren Orden verliess. Danach ging sie nach Oxford und lehrte am Leo Baeck College for the Study of Judaism. Sie ist Religionswissenschaftlerin und verfasste zahlreiche internationale Bestseller, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Ihr Werk "Kampf für Gott. Fundamentalismus in Christentum, Judentum und Islam" erschien im Jahr 2000 bei HarperCollins Publishers in London und wurde 2007 bei Goldmann verlegt unter der ISBN-Nummer: 978-3-442-15496-8.

Als Religionswissenschaftlerin verfügt Karen Armstrong über profunde Kenntnisse des Judentums, des Christentums und des Islams, die sie mit ihrem weitgehend sachlichen und informativen Schreibstil vermittelt. Sie versteht es ausgezeichnet, mittels wesentlicher Personen und Ereignisse eine verständliche und überblickbare Geschichte dieser drei monotheistischen Religionen und deren Wirkungen zu skizzieren.
Der Hauptgedanke dieses Werk ist in den Begriffen „Mythos“ und „Logos“ zu finden, den sie auf die Geschichte anwendet. Ein Mythos war bis zur Aufklärung der tragende religiöse Grund aller Gesellschaften, die zudem stark von der Landwirtschaft und deren Zyklen geprägt waren. Sie behauptet, dass ein historisches Ereignis erst religiös werden kann, wenn es mythologisiert wird. Der Rationalismus setzte jedoch den „Logos“ absolut und verdrängte den Mythos weitgehend. In Form von Aberglauben, Ritualen und später der Psychoanalyse tauchte er teilweise fragwürdig aber wieder sinngebend auf.

Die neuere Geschichte des Judentums ist von folgenden tragischen Ereignissen geprägt:
1378 und 1391 überfielen Christen in Aragon und Kastilien Juden, 1449-74 folgten ähnliche Verfolgungen, häufig bestand für die Juden nur die Wahl zwischen Auswanderung und Bekehrung. Bekehrte Juden wurden Marranen genannt, die oft auch beärgwöhnt und verfolgt wurden. Auch anderswo in Europa wurden Juden vertrieben: 1421 aus Wien und Linz, 1424 aus Köln, 1439 aus Augsburg, 1442 aus Bayern, 1454 aus Mähren, 1485 aus Perugia, 1486 aus Vicenza, 1488 aus Parma, 1489 aus Mailand und Lucca und 1494 aus der Toskana.
1492 begann in Spanien eine folgenschwere ethnische Säuberung, gleichzeitig entdeckte Kolumbus Amerika.
1534-72 lebte der berühmte Kabbalist Isaak Luria in Safed, der dieser jüdischen Mystik entscheidende Impulse verlieh. Gott wurde „En Sof“ genannt, was „ohne Ende“ bedeutet. 1665 erklärte sich Sabbatai Zwi zum Messias, er verfügte über viele Anhänger im osmanischen Reich. Als er von den Osmanen gefangengenommen wurde, konvertierte er zum Islam und enttäuschte seine Nachfolger gewaltig.


Zum Islam vermerkte Armstrong, dass die Sunniten Mohammed mythologisierten, während die Schiiten das Gleiche mit seinen Nachkommen taten. Einschneidend war für den Islam 1798, als Napoleon Alexandria eroberte. Die islamisch geprägten Staaten waren den westlichen Eindringlingen nun nicht mehr gewachsen in verschiedenster Hinsicht, und die wissenschaftlich-säkulare Kultur des Westens bedrohte und veränderte die islamische Welt.


In der christlichen Welt war die Reformation und der Rationalismus einschneidend und prägend für die Menschen. Armstrong bezeichnet aber Luther als noch mittelalterlich und mythisch geprägt, denn Erkenntnisse aus Natur und Wissenschaft spielten bei ihm kaum eine Rolle, Gott und die Welt blieben getrennt. Dagegen war Calvin in seiner Theologie deutlich rationaler und wissenschaftsfreundlicher. Dies ermöglichte die Erforschung der Natur und des Weltalls, wobei Kopernikus, Kepler und Gallilei wichtige Entdeckungen machten kurz nach der Reformation. Descartes und Newton war von den ersten Personen, die eine ganz rationale Weltsicht hatten, weil sie vom rationalen Denken durchdrungen waren.
Auch die Entwicklungen in Nordamerika beschreibt sie anschaulich: Amerika war ursprünglich durch die Gründerväter stark vom Rationalismus und dem daraus folgenden Deismus beeinflusst. Erst etwa um 1734, als die erste grosse Erweckung stattfand, wobei der gebildete Calvinist Jonathan Edwards (1703-58) führend war, nahm der Einfluss der frommen Protestanten zu. Bei der zweiten grossen Erweckung war der Methodist George Whitefield (1714-70) an vorderster Front. Und mit der dritten Erweckung holte Charles Finney (1792-1875) den Mittelstand ins fromme, evangelikale Boot. Die Religionsfreiheit und der Calvinismus, der sich im Kongregationalismus manifestierte, liessen aber auch viel Raum für Individualisten, die Spekulationen lehrten und Sonderlehren verkündeten, wie der Gründer der Mormonen Joseph Smith (1805-1844) und auch weitere eigenwillige Propheten.

Zusammenfassend beschreibt Armstrong die Verschiebung vom Mythos zum Logos auf Seite 143 so: „Kopernikus hatte den Menschen aus dem Zentrum des Weltalls vertrieben, Descartes und Kant hatten ihn der natürlichen Welt entfremdet, und jetzt behauptete Darwin, der sei nichts als ein Tier, sei nicht eigens von Gott geschaffen worden, sondern habe sich entwickelt wie alles andere auch. Tatsächlich schien für Gott im Schöpfungsprozess kein Platz mehr zu sein, und die Welt, „blutig an Zähnen und Klauen“, hatte keinen göttlichen Zweck mehr.

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Sonntag, Januar 31, 2010

Narzissmus - eine Epidemie der Selbstverliebtheit




Letzte Woche habe ich in der Schweizer Tageszeitung "Der Bund" einen aufschlussreichen Artikel über die dramatische Zunahme der Selbstverliebtheit junger Menschen in den USA gelesen. Schön wäre ja, wenn das nur die "bösen" Amerikaner betreffen würde, aber ein zitierter deutscher Psychologe namens Hans-Werner Bierhoff meint, "Wahrscheinlich ist das aber nicht, ich fürchte wir stecken mittendrin".
Die Amerikanerin Jean Twenge spricht von "Generation Me" und "Narzissmus hat so viele negative Konsequenzen." (Es gab mal den treffenden Titel "I, me and myself", der dieses Lebensgefühl beschrieb.) Um den Narzissmus zu erklären und zu beschreiben wird selbstverständlich auch der sechzehnjährige Jüngling Narziss aus der griechischen Mythologie erwähnt, auf den der Begriff zurückgeht. Er versagte aus Stolz der Nymphe Echo seine Liebe, worauf ihn diese mit einem Fluch belegte: Er musste seine Spiegelung im Wasser lieben, die sich ihm aber immer wieder entzog.
Als Hauptgründe der Zunahme des Narzissmus wird die Individualisierung und Medialisierung genannt, die sich zunehmend bis in die Familien und Beziehungen auswirken. Medien gieren nach Promis, Casting-Shows und Reality-Sendungen nehmen zu. Die eigene Bedeutung und Attraktivität wird massiv überschätzt, ehrgeizige Eltern fördern diese Selbstüberschätzung und Selbstbezug ihrer Kinder noch durch übermässige Förderung und Verwöhnung. All das verzerrt den Beitrag anderer Personen und eines Partners und entwertet und entwürdigt diese tendenziell. Auch wird auf andere Personen Druck ausgeübt, denn sie haben schliesslich nach meiner Pfeife zu tanzen. Auf den ersten Blick wirken Narzissten oft attraktiv und erfolgreich, doch der deutsche Psychologe rät: "Finger weg von einem narzisstischen Menschen!"

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Sonntag, Januar 24, 2010

Eigenschaften der Dhimmitude (Seiten 251-273)

Der Dschihad ist ein einzigartiger Krieg, weil er ein mit einer Religion verbundener, permanenter, unbegrenzter und universeller Angriffskrieg ist. Das Dhimmi-System leitet sich aus Dschihad und Scharia ab und hat einen allgemeinen Charakter. Es ist unabhängig von Ethnie und Sozietät, geografisch grenzenlos und überdauerte Jahrhunderte. Der Tribut der besiegten Schriftbesitzer diente nur der Umma und dem islamischen Staatsschatz.
Im „goldenen Zeitalter“, unter islamischen Herrschaft, förderten Dhimmi-Beamte ihre Gemeinschaften, deren geistige Beweglichkeit und auch Intellektuelle, die besonders in Philosophie, Exegese und Jura tätig waren. Es gab eine starke jüdische Bevölkerung in Aegypten, Palästina, Syrien, Irak (unter den Abbasiden) und in der Türkei. Wurde die Unterdrückung zu stark, wanderten die Juden weiter, im 10. Jahrhundert nach Quirawan in Tunesien, das von den Fatimiden beherrscht wurde. Von dort aus gingen sie nach Aegypten und Spanien (Cordoba und Granada). Von Spanien wichen sie nach Sizilien, in den Maghreb und nach Aegypten (Fustat) aus.
Die Umaiyadenzeit war die engste Symbiose zwischen Islam und Christentum, trotz Zerstörung von jüdisch-christlicher Kultur in Seleukia, Jerusalem, Caesarea, Alexandria und Karthago. 750-814 fand der Niedergang des koptischen Christentums statt. Melkitische, jakobitische und nestorianische Klöster waren die Zentren der Bildung. Hier und durch Juden und Zoroastrier wurden Traktate über Astronomie, Medizin, Alchemie, Philosophie und Belletristik ins Arabische übersetzt. Die erste Uebersetzung aus dem Syrischen ins Arabische wurde 683 durch den jüdischen Arzt Masardschawaih in Basra ausgeführt. Die meisten Uebersetzungen geschahen dann zwischen 750-850.
830 liess der Kalif al-Ma’mun ein Haus der Weisheit bauen. In dieser Bibliothek wurden Werke aus Sanskrit, Persisch, Aramäisch und Griechisch ins Arabische übersetzt durch jüdische Konvertiten, Jakobiten und Zoroastrier. Christliche Gefangene arbeiteten als Architekten und Bauhandwerker und errichteten prachtvolle Moscheen, christliche Frauen bevölkerten die Harems der Herrscher. Diese machten ihren Herrschern Wissen, Kenntnisse und Kultur zugänglich. So baute der Islam seine Grösse auf den Fundamenten der Schutzbefohlenen auf und pflegte asymmetrische Beziehungen zu ihnen. Dies zeigte sich bei der erniedrigenden Entrichtung des Schutzgeldes und der eingeschränkten Rechte. Das Leben musste immer wieder erkauft werden. Die ursprünglichen Sprachen der Dhimmis wurden auf die Liturgie zurückgedrängt, ihre Geschichte wurde verheimlicht und ihre Zeugnisse waren vor Gericht nicht zugelassen!
Mit der Bekehrung der Mongolen zum Islam unter Ghazan 1295-1304 und der Zerstörung der christlichen Zentren durch den äusserst brutalen Herrscher Timur 1400-05 endete das „goldene Zeitalter“ auch im Osten des islamischen Reichs abrupt.
Generell lässt sich sagen, dass die Elitebevölkerung (meist Juden, Christen und zoroastrische Perser) das kulturelle Gepäck von Vorderasien über Spanien, Südfrankreich und Italien nach Europa gebracht haben. Die Antike kam also auch vom Griechischen über das Syrische und Arabische ins Lateinische und von da in alle modernen Sprachen Europas und der Welt!

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Einige Aspekte des Wiederauflebens der Vergangenheit in der Neuzeit (S. 239-249)

Im 19. Jahrhundert brach der wissbegierige Westen wie ein begeisternde und befruchtende Flut über den alten Orient herein. Das zeigte sich mit:
· westlichem Schulwesen
· moderner Medizin
· Geografischen Karten
· Eisenbahn und Industrialisierung


Die Vielfalt der Kulturen, die nationalen Unterschiede und die Bedingtheit der Werte wurden dabei stärker wahrgenommen. Das führte zum Machtzerfall im Orient, Demokratie und zu den universellen Menschenrechten, aber auch zur Kolonisation durch den Westen. Europa wollte Emanzipation, Rechtsgleichheit und Laizismus in die islamische Welt bringen. Mit dem Rückzug im 20. Jahrhundert verschwanden diese Werte weitgehend und ein antiwestlicher Islam breitete sich erneut aus. Das ist aber keine ganz neue Bewegung, denn sie ist gespeist vom Dschihad, geleitet von charismatischen religiösen Führern und eingebettet in den fortdauernden Strom der Geschichte. Koran und Scharia sollen wieder staatliche und rechtliche Grundlage sein, Umma soll wiederhergestellt und die Welt erobert werden! Es ist ein Kampf gegen Materialismus, Kolonialismus, Imperialismus, Zionismus und gegen Amerika, den grossen Satan! Dieser Dschihad gegen den Westen ist ein vielfältiger und mehrdimensionaler Kampf:
· Terrorismus
· Wirtschaftlicher Druck und Drohung, vor allem mit der Oelwaffe
· Psychologische Beeinflussung
· Geiselnahme und Flugzeugentführungen:
„Harbi“ (=Ungläubiger) kommt nur gegen Lösegeld oder im Gefangenenaustausch frei
Bat Ye’or stellt hier die Frage, ob wir mit unserer Antiterror-Infrastruktur in Europa nicht bereits in die Dhimmi-Phase eingetreten sind?

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Sonntag, Dezember 13, 2009

Bat Ye’or: Der Niedergang des orientalischen Christentums unter dem Islam.

Der Untertitel dieses informativen Buches lautet: 7.-20. Jahrhundert. Zwischen Dschihad und Dhimmitude. Es ist im Verlag Dr. Ingo Resch GmbH, Maria-Eich-Strasse 77, in D-82166 Gräfeling; im Jahr 2002 erschienen (ISBN: 3-935197-19-5).

Bat Ye’or ist ein Pseudonym für Gisèle Littman-Orebi. Sie wurde 1933 in Aegypten geboren, ist seit 1959 britische Staatsbürgerin und lebt heute in der Schweiz. Ihre Aufsätze und Bücher in französischer Sprache handeln von den nichtislamischen Minderheiten im Islam. Das erste Werk schrieb sie unter dem Namen Yahudiya Masriya über „Die Juden in Aegypten“ (1971). Es folgte 1980 das Buch über die „Dhimmis“ und 1991 erschien das hier besprochene Werk unter dem Titel „Les chretientès d’orient entre jihad et d’himmitude“ in Paris. 1996 erfolgte die englische Uebersetzung, was ihr Anerkennung als Denkerin, Forscherin und Autorin einbrachte.

Das 483 Seiten umfassende Werk befasst sich gründlich mit dem Christentum unter dem Islam. Und es ist ein regelrechtes Trauerspiel, weil diese Geschichte geprägt ist von Benachteiligung, Unterdrückung, Gewalt, Verfolgung und Exil. Die 140 Seiten am Schluss - fast ein Drittel des Buchs - sind Quellentexte, die aufzeigen, dass es sich hier um geschichtlich belegbare Ereignisse und nicht nur um Mutmassungen, Behauptungen und Vorwürfe handelt. Das scheint ihr äusserst wichtig zu sein in diesem delikaten Bereich von Religion und Macht, wo so viel Spekulation herrscht.

Die Quellentexte sind denn auch nach Kapitel und Unterkapitel strukturiert:
1. Dschihad
Die Zeit der Eroberungen (7.-11. Jahrhundert)
Es fängt an mit Aegypten, Palästina, Tripolitanien (640-46); Iraq; Armenien, 642; und tönt beispielsweise auf Seite 303 beim ersten Quellentext so: „Theodosios, der Befehlshaber, hörte vom Kommen der Ismaeliten und zog von Ort zu Ort, damit er sähe, was es von diesen Feinden gäbe. Diese Ismaeliten kamen und töteten den Obersten des Heeres und alle, die mit ihm waren, ohne Mitleid. Sogleich sie die Stadt „al-bahnasa“ und jeden, der zu ihnen hinausging, töteten sie und schonten niemanden, weder Greis noch Kind noch Weib.“


2. Das Schicksal der Bauern
Erlebte Realität: Entvölkerung, Verbannung, Folter, Exodus.
Die Meinung der Rechtsgelehrten

3. Aufstände, Nomadentum und Dhimmitude

4. Das Zeitalter der Emanzipation
Hier geht es vorwiegend um die Zeit von 1850-1919 im osmanischen Reich und um den Genozid an christlichen Armeniern durch Türken, der eigentlich präzise dokumentiert ist.

Zurück zum Buch und dessen Inhalt: Es beginnt mit allgemeinen Aussagen zum Entstehen des Islam und dessen Eroberungen. Bat Ye’or zitiert dabei auch anerkannte Fachleute, und es sind folgende markante Aussagen zu finden ab Seite 17: „In Mekka war Muhammad Warner und Mahner, von seinen Feinden bedrängt und am Leben bedroht. In Medina wurde er zum Oberhaupt des islamischen Staates und entschied als Empfänger von Offenbarungen über Krieg und Frieden.“ Herbert Busse.
Nach Muhammads Tod 632 haben die Araber in atemberaubender Geschwindigkeit ein Gebiet erobert, das von Spanien bis nach Indien reichte. Die zweite Eroberungswelle setzte durch die Türken im elften Jahrhundert ein und führte die Seldschuken nach Anatolien. Die Osmanen unterwarfen den Balkan und eroberten 1453 Konstantinopel, 1517 Syrien, Aegypten, grosse Teile Nordafrikas und belagerten 1529 und 1689 Wien. „Der Islam besitzt sowohl ein aggressionsfördendes als auch ein friedensstiftendes Potential.“ Monika Tworuschka in „Allah ist gross“.
Bat Ye’or schreibt zum Inhalt und Ziel dieses Werks auf Seite 25: „Dies ist kein Buch über den Islam... Sein Gegenstand ist die Untersuchung der zahlreichen Völker, die der Islam unterworfen hat und... die Bestimmung der komplexen Prozesse... die ihr fortschreitendes Erlöschen hervorgerufen haben.

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Dienstag, Mai 12, 2009

Ein kurzer Ueberblick der jüdischen Geschichte


Nachfolgend einige bekannte und unbekanntere Eckdaten der jüdischen Geschichte. Es würde sich bestimmt lohnen, den Zusammenhängen und Widersprüchen jüdischer, christlicher und muslimischer Geschichtsschreibung nachzugehen und diese aufzudecken. Welche Einflüsse hatten Dogmen auf Praktiken des Volks? Die These des Gottesmords führte zu den Kreuzzügen, diese wiederum zu Judenprogromen! Wissen ist Macht, und der Mächtigere steuert Wissen, Wahrheit und unser Bild der Wirklichkeit. Fürs Erste muss ein Ueberblick genügen:

3760 v Chr Jahr eins der jüdischen Zeitrechnung, als Gott die Welt erschuf
1900 v Chr Abraham begegnet Melchisedek, dem König von (Jeru)Salem
1200 v Chr Die aus Aegypten ausgezogenen Israeliten erobern Kanaan
1000 v Chr David erobert Jerusalem, welches dann zur Hauptstadt Israels wird
853 v Chr König Omri von Israel schlägt den Assyrer Salmanassar III.
734 v Chr Juda wird assyrischer Vasallenstaat (für zwei Jahre)
597 v Chr Jerusalem gerät unter babylonische Herrschaft, Juden werden deportiert
587 v Chr Nebukadnezar zerschlägt einen jüdischen Aufstand, zerstört den Tempel und deportiert die jüdische Elite nach Babylonien. Jüd. Religion entsteht
538 v Chr Der Perserkönig Kyros ermöglicht die Rückkehr der Juden nach Israel
516 v Chr Der zweite Tempel in Jersualem wird eingeweiht
332 v Chr Alexander der Grosse erobert Israel, Jerusalem bleibt autonome Provinz
301 v Chr Diadochenkämpfe; Israel unter aegyptischer Herrschaft
198 v Chr Syrische Seleukiden eroberen Jerusalem und entweihen den Tempel
167-164 v Chr Aufstand und Eroberung der Makkabäer, jüdische Widerstandskämpfer. In der nachfolgenden Zeit bilden die Essener neben Pharisäern und Sadduzäern die dritte bedeutende jüdische Gruppe und Glaubensrichtung

63 v Chr Pompeius erobert Jerusalem (& Syrien) für Rom
37-4 v Chr Der verhasste röm. Herrscher Herodes baut Jerusalem und den Tempel aus. Nach seinem Tod herrschen seine drei Söhne
ca. 7 v Chr Geburt von Jesus Christus in Bethlehem
6 n Chr Einrichtung der römischen Provinz Judäa
26-36 n Chr Der römische Pontius Pilatus ist Prokurator (Statthalter) der Provinz Judäa
ca. 30 n Chr Kreuzigung von Jesus Christus in Jerusalem unter Pontius Pilatus
66 n Chr Beginn des jüdischen Aufstands gegen die Römer
70 n Chr Der römische Titus erobert Jerusalem und zerstört den Tempel. Beginn der Diaspora durch Flucht, Vertreibung und Gefangenschaft. In Jabne, nahe des heutigen Tel Aviv, entsteht neues geistliches Zentrum
73 n Chr Masada, die letzte jüdische Festung, fällt den Römer in die Hände
130 Der römische Kaiser Hadrian will anstelle des Tempels einen Jupiter-tempel erstellen; Juden unter Bar Kochba leisten dagegen Widerstand
134 Die Römer brechen den Widerstand und zerstören Jerusalem, es bekommt neu den Namen Aelia Capitolina, die Provinz heisst Syria Palaestina. Erneute Auswanderungswelle: 1,5 Mio Juden leben zerstreut im römischen Reich. Palästinensischer und Babylonischer Talmud entstehen unter den Rabbinern. Ende der judenchristlichen Gemeinde in Israel und Beginn der Vorherrschaft der Westkirche, insbesondere Roms
380 Christentum wird unter dem Kaiser Theodosius Staatsreligion Roms, was judenfeindliche Vorstellungen fördert und Juden diskriminiert

638 Der islamische Kalif Omar erobert Jerusalem
Er gestattet den Christen weiterhin die Ausübung ihres Glaubens
660-749 Die Omayyaden-Kalifen herrschen von Spanien bis Afghanistan und residieren teilweise in Palästina
691-705 Bau des Felsendoms und der Aqsa-Moschee als muslimisches Gegenstück zu den christlichen Stätten wie Golgota
850 Masoreten, jüd. Gelehrte, vereinheitlichen hebräischen Bibeltext in Tiberias

1096-99 Die ersten Kreuzfahrer morden etwa 12'000 Juden im deutschen Köln, Mainz, Neuss, Regensburg, Speyer, Worms und Xanten. (Noch heute erinnert die jüdische Liturgie unter „Gezerot Tatnu“ an die Verfolgung des Jahres 4856.) Spätere Kreuzfahrer erobern Jerusalem, um das heilige Grab Jesu von den Moslems zu befreien. Auch hier werden Juden & Moslems ermordet (unter Gottfried von Bouillon)

1187-89 Judenpogrome in England. Saladin erobert Jerusalem zurück
1215 Das katholische Laterankonzil beschliesst den Judenstern
1244 Die Mameluken erobern Jerusalem
1291 Auch die Hafenstadt Akko, die letzte Bastion der Kreuzritter in Israel, fällt
Die Mehrzahl der Juden lebt jetzt unter muslimischer Herrschaft in Asien, Nordafrika und Spanien; wo sie aus der Landwirtschaft verdrängt werden und danach Handelsrouten und -netze aufbauen bis nach Nordeuropa
1348-50 Etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas starb durch schwarze Pest; wegen hygienischen Gewohnheiten waren Juden weniger betroffen, aber sie wurden zu Sündenböcken: Judenverfolgung in Spanien, Frankreich & Deutschland

1516 Die türkischen Ottomanen unter Süleiman dem Prächtigen erobern Jerusalem und bauen die Mauern der Stadt wieder auf. Danach langsamer Zerfall der Stadt, gleichzeitig mit dem Türkenreich
Safet in Galiläa ist nun Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit
1543 Luther verfasst die judenfeindliche Schrift „Von den Juden & ihren Lügen“
1545 Beginn der Gegenreformation, Lutheraner verlieren die Hälfte der Gebiete

1612 Erste Vorstösse im britischen Parlament bezüglich der Juden und Israel (christlicher Zionismus)

1791 Gleichheit aller Menschen in den USA; Judenemanzipation in Frankreich als Folge der französischen Revolution
Um 1800 Napoleons Aegyptenfeldzug weckt in Europa das Interesse für den Orient; christliche Pilger kaufen Grundbesitz und bauen Herbergen in Jerusalem
1844 Es wohnen 7‘100 Juden, 5‘000 Moslems und 3‘400 Christen in Jerusalem
1860 Bau des ersten jüdische Quartiers ausserhalb der Mauern Jerusalems
1862 Türken und Araber drainieren Scharon-Ebene zuerst für Baumwolle, produzieren später stattdessen Jaffa-Orangen
1870 Gründung der Landwirtschaftsschule Mikve Israel
1875 Aufbau des orthodoxen Judenviertels Mea Schearim in Jerusalem
Es wohnen 12‘000 Juden, 7‘500 Moslems und 5‘500 Christen in Jerusalem
1878 Petach Tikwa, erste jüdische Siedlung, entsteht
1879 Der Deutsche Wilhelm Marr prägt den Begriff „Antisemitismus“
1881-1905 Pogrome (=Verfolgungen) gegen Juden in Russland führen zu starken Auswanderungswellen nach Palästina, den sogenannten „Alijahs“ (=Aufstiege), Auswanderung aber auch in die USA
1895 Der Wiener Journalist Theodor Herzl schreibt in Paris das Buch „Der jüdische Staat“ infolge der antisemitischen Hetze gegen den französischen Juden und Offizier Dreyfus, der ungerechtfertigt verurteilt wurde
1896 28‘000 Juden, 8‘500 Moslems und 8‘700 Christen wohnen in Jerusalem
1897 Erster Zionistenkongress in Europa, in Basel

1904-1914 Die 2. Alijah war eine sozialistisch motivierte Einwanderung nach Israel
1909 Gründung der jüdischen Stadt Tel Aviv am Mittelmeer
1917 Die britsche Regierung erlässt die „Balfour-Declaration“ (=Erklärung), worin einer nationalen Heimat für das jüdische Volk zugestimmt wurde. Die britsche Herrschaft über Israel unter General Allenby begann.
1920-1929 3. Alijah: etwa 100'000 Juden wandern ein (und in Russland verhungern Millionen von Menschen); Gründung der Histadruth, der jüdischen Gewerkschaft
1923 England wird offiziell Mandatsmacht in Palästina
1936 Beginn der „Araberunruhen“ in Palästina mit Generalstreik wegen Einwanderung der Juden. England verschärft militärische Kontrolle
1938 Reichskristallnacht in Deutschland: Nazis zerstören jüdische Einrichtungen
1939 Beginn des 2. Weltkriegs. Weltweit gibt es jetzt fast 17 Mio. Juden, davon 9,5 Mio in Europa und 5 Mio in Amerika. England setzt knappe Einwanderungsquoten für Juden in Kraft, die nach Palästina wollen
1942 Die Nazis beschliessen an der Wannseekonferenz die Endlösung der
Juden, was zur Ermordung von ca. 6 Mio. europäischen Juden führt. In Palästina herrscht Kleinkrieg zwischen Engländern, Palästinensern und Juden
1947 England kündigt an, das Mandat den Vereinigten Nationen zu übergeben. Diese empfehlen die Teilung Palästinas in einen arabischen und jüdischen Staat und eine internationale Verwaltung für Jerusalem
1948 Am 14. Mai wird der Staat Israel proklamiert und David Ben Gurion steht an der Spitze einer provisorischen Regierung. Das britische Mandat war beendet worden, der Unabhängigkeitskrieg und die arabische Invasion beginnt, weil die Palästinenser den UN-Teilungsplan nicht akzeptieren. Israel kann sein Staatsgebiet ausdehnen von einem Flickenteppich zu einem geschlossenen Territorium gemäss dem UN-Teilungsplan
1956 Israel besetzte die aegyptische Sinaihalbinsel und den Gazastreifen
1961 Prozess gegen den Nazischergen Adolf Eichmann in Jerusalem
1967 Sechstagekrieg: Israel erobert vom 5. bis 10. Juni die Westbank (=West-jordanland mit Judäa und Samaria), die Golanhöhen und ganz Jerusalem
1973 Yom-Kippur-Krieg: Ueberraschungsangriffe von Aegypten und Syrien auf Israel am Fest von „Yom-Kippur“, doch Israel kann sie zurückschlagen. Die arabischen Staaten (OPEC) setzen erstmals Erdöl als wirtschaftliche Waffe gegen den Westen ein (Erdölkrise 1973-75)
1978 Friedensschluss in Camp David zwischen Israel und Aegypten. Bis 1982 räumt Israel die eroberte Sinaihalbinsel
1982 Libanonkrieg: Israel greift den Südlibanon an, um seine Nordgrenze zu schützen
1990-91 Golfkrieg in Kuwait: Irak erobert Kuwait, die USA und England befreien es und besetzten den Südirak. Irak schoss einige Scud-Raketen nach Israel
1993 Das Abkommen von Oslo sichert Palästinensern weitreichende Autonomie in Gaza und Westbank zu
2000 Die Friedensverhandlungen mit den Palästinensern scheitern vor allem wegen Maximalforderungen und führen zu Gewaltwellen (al-Aqsa-Intifada)
2005 Der iranische Präsident droht Israel mit vollständiger Zerstörung
2006 Israel greift die „Hizbollah“ (=Kämpfer Gottes, Schiiten) im Südlibanon an


Quellen:
· GEOEPOCHE Nr. 20: Die Geschichte des Judentums
· GEO Nr. 4/April 1998 mit Artikel: 50 Jahre Israel. Der Kampf um das Gelobte Land
· Guggenheim Willy: 30 mal Israel. Piper München 1973
· Penkazki Werner: Israel, der dritte Weltkrieg und wir. Bad Berleburg 2002
· Punkt: Zeitschrift-Ausgabe 2/1992
· Reformierte Presse: Israel & Palästina, Beilage zur Ref. Presse N° 41/2001

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Sonntag, Mai 27, 2007

Das Weltbild der Griechen und das singuläre Ereignis des Jesus Christus

Ab Seite 26 schreibt er über das Weltbild der Griechen: „Die Fundamente des abendländischen Geistes ruhen auf Sokrates, Platon und Aristoteles, dem Dreigestirn griechischer Philosophie, des Weltgeistes schlechthin.“ Darauf folgte jedoch der politisch-soziale Niedergang Griechenlands, der Aufstieg des pragmatischen römischen Reiches, magische Mysterienreligionen und frühgnostischer Synkretismus.
In diese Welt trat das „singuläre Ereignis des Jesus Christus“. Es erwies epochale, unnachahmliche Wirkung und begründete die kulturelle Existenz des Abendlandes. Die teilweise eigentümliche Sprache Raddatz’es regt aber weiter zum Nachdenken an: „Sprechen, Wirken und Sterben von Jesus Christus ist gelebte Offenbarung Gottes... Evangelien sind schriftlicher Ausdruck und abgeschlossene Grundlage christlichen Glaubens... Kirche ist Gemeinschaft der Gläubigen und Mittler zwischen Offenbarung und Mensch... Universale Heilsquelle ist die Gemeinschaft aus Glauben, Schrift und Institution“.
Das Zusammentreffen von jüdischem Gesetz, griechischer Denkfreiheit und römischer Herrschaftspaxis führte zu einem Frühchristentum, wie es Augustinus verkörperte. Er sagte: „Ich glaube, um zu verstehen!“ Er stellte Gottesreich dem Weltstaat gegenüber. Eine Verengung von der Person Jesu Christi zu Autorität und Lehramt der frühchristlichen Kirche setzte ein. Tertullian sah die Obrigkeit als gottgewollte Ordnungsmacht (Seite 34-37) und die christliche Kirche nahm immer mehr staatsähnliche Formen an.

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Samstag, Mai 26, 2007

Hans-Peter Raddatz: Von Gott zu Allah?

Der Untertitel dieses Werks lautet: Christentum und Islam in der liberalen Fortschrittsgesellschaft. Es ist im Herbig-Verlag München 2001, umfasst 528 Seiten und kostet "nur" CHF 26.80. ISBN: 3-7766-3010-8.
Zuerst etwas zum Autor dieses Buchs: Hans-Peter Raddatz wurde 1941 in Deutschland geboren. Er studierte Orientalistik, Volkswirtschaftslehre und Ethnologie. Er promovierte über das frühislamische Erbrecht 1967. Danach arbeitete für verschiedene Firmen in Nahen Osten und in den USA. Heute ist er Publizist, der den Islam kritisch betrachtet. Er vertritt und unterstützt die jüdisch-christlichen Werte Europas und das Existenzrecht Israels. Er tritt ein für die Trennung von Kirche und Staat und das staatliche Gewaltmonopol, das im Islam nicht vorgesehen und gewährleistet wird. Ein Anliegen ist ihm auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Er kritisiert den naiven Dialog des Westens, auch der christlichen Kirchen, mit den Moslems, und bekämpft die Anerkennung der Scharia, des islamischen Rechts, in Europa. Dadurch erhielt er 2005 Drohungen im Internetportal „Muslim-Markt“.

Zum Vorwort ab Seite 11:
Raddatz macht teilweise sehr prägnante Aussagen, über die es sich lohnt nachzudenken. Er behauptet beispielsweise folgendes: „Im Islam ist virtuelle Gewalt angelegt... Der moderne Fortschritt hat zu sozialer Inkompetenz, islamischer Radikalisierung und westlicher Korruption geführt.

Zur Einführung ab Seite 14:
Raddatz macht (zu Recht) auf den defizitären Informationsstand über die wichtigen Migrationsgruppen in Deutschland, Frankreich und England aufmerksam: Was wissen wir schon wirklich über die Türken, die Nordafrikaner und die Pakistaner? Das Wissen über den Islam steigt nicht wie die Expansion des Islams in Europa!
Der christliche Glaube war wesentlicher Impuls des europäischen Geistes. Wenn dieser Glaube verschwindet, wir auch dieser Geist verschwinden (Seite 24)!

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Donnerstag, Mai 24, 2007

Was ist "Waqf"?

Ab Seite 149 beschreibt Ulfkotte in Teil 4 das Innenleben des Spinnennetzes. Hier geht es mehr um die gegenwärtige Organisation der Muslimbruderschaft. Seit 2004 ist Mohammed Mahdi Akef Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft in Kairo. Er folgte auf Maamon al-Hodeibi. 1927 wurde Akef in Aegypten geboren. 1954-74 war er im Gefängnis wgen Beteiligung an einem Komplott gegen Nasser. 1984-88 war er Leiter des islamischen Zentrums in München (IZM) und kennt also Deutschland.

Ab Seite 213 geht es in Teil 5 um den Kampf ums Geld. Aber noch wichtiger für Moslems ist Bodenbesitz: "Waqf“ ist ein wichtiger islamischer Begriff. Er bedeutet das unveräusserliche und ewige Landeigentum des Islams. Dort ist die Scharia das einzig gültige Recht. So hat Kalif Omar um 600 Israel erobert und es zum „Waqf“ erklärt. Daher gehört es allein Allah. Und dies kann nie mehr rückgängig gemacht werden. Alles, was einmal von Moslems erobert wurde, ist demnach „heiliger Besitz“. Das gilt auch für die Eroberungen in Europa bis vor Wien und Poitiers (Frankreich). Heute sind auch die Moscheen in Europa „Awqf“, das ist die Mehrzahl von Waqf und heisst genauer „Güter der toten Hand“.

Am Schluss ab Seite 291 gibt Ulfkotte viel Literatur an. Er scheint sich gut auszukennen, was die deutsche Literatur über den Islam anbelangt. Unter den vielen Autoren stechen meiner Meinung folgende heraus:
· Bernard Lewis, einer der besten Islamkenner der Gegenwart
· Hans-Peter Raddatz, ein deutscher Orientalist, der fünfzehn Jahre in der islamischen Welt gelebt und umfassende, tiefgründige und kritische Werke geschrieben hat, vor allem zur Geistesgeschichte Europas (und Zusammenhänge zwischen griechischer Philosophie, christlichem Glauben und liberaler Neuzeit aufgezeigt hat) und des Orients (dort zeigte er die im Islam innewohnenden unterdrückenden Kräfte auf, die alle freiheitsliebenden Menschen zurückgebunden oder umgebracht und dadurch viele Entwicklungen abgewürgt hat)
. Bassam Tibi, ein Intellektueller und gemässigter Moslem aus Syrien

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Samstag, Mai 19, 2007

Udo Ulfkotte: Heiliger Krieg in Europa

Seit letzten Herbst bin ich zunehmend sensiblisiert auf die Islamisierung Europas. Dazu geführt haben mich Klaus Berger, Heinz Gstrein und Udo Ulfkotte. Letzterer ist ein deutscher Journalist und Sicherheitsspezialist. Er ist auch Professor für Sicherheitsfragen und hat verschiedene Bücher verfasst. Eines der letzten heisst: Heiliger Krieg in Europa. Der Untertitel lautet: Wie die radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht. Es ist im Verlag Eichborn Frankfurt 2007 erschienen, umfasst 303 Seiten, kostet CHF 34.- und hat folgende ISB-Nummer: 978-3-8218-5577-6.

Ulfkotte zeigt im ersten Teil mit der Ueberschrift: Halbmond über Europa. „Eurabien“ – die Zukunft Europas?, dass „Europa islamisch wird“. Dabei zitiert er nur den besten Islamspezialisten der Gegenwart, den Franzosen Bernard Lewis.
Ulfkotte bringt dazu viele Beispiele, die aufzeigen, wie Europa schleichend islamisiert wird. Zuerst fordern Moslems unter Berufung auf unsere Religions- und Kultusfreiheit Rechte ein wie Dispensierung der Mädchen vom Turnunterricht. Sobald diese Rechte erreicht und stabilisiert worden sind, wollen sie weitere Spezial- und Sonderbehandlung wie eigene Krankenhäuser, Schulen und Taxis in England und Holland. Die Lesenden werden durch diese Aufzählungen, die über hundert Seiten beanspruchen und durch fast alle europäischen Länder gehen, jedoch etwas in ihrer Geduld strapaziert.

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Sonntag, Juni 11, 2006

Herkunft Enneagramm

Im April 06 habe ich mit meiner Arbeitskollegin Ruth Michel einen Enneagrammkurs in der Casa Moscia geleitet. Ich kenne das Enneagramm seit ungefähr 15 Jahren und es hat mich auf meinem geistlichen Lebensweg weitergebracht. Nun habe ich mich erneut bezüglich der Bedeutung, Herkunft, Chancen und Gefahren nochmals schlau gemacht. Nachstehend einige Gedanken dazu:
Der Name „Enneagramm“ ist griechisch und bedeutet neun Buchstaben, neun Punkte, Neuneck oder Neunerfigur. Dass Zahlen eine grössere und tiefere Bedeutung haben können, geht wahrscheinlich auf den Griechen Pythagoras (569-496 vChr) zurück. Der Ursprung und die Herkunft des Enneagramms als Charaktertypologie ist jedoch weitgehend unklar und kann nicht eindeutig zugeordnet werden. Es gibt verschiedene Vermutungen, wenige Ueberlieferungen, Bruchstücke und Vorstufen. Das Alter wird auf ungefähr 2'000 Jahre geschätzt. Als Entstehungsort wird Persien oder Afghanistan angenommen, ein kultureller und spiritueller Schmelztiegel der damaligen Zeit und Welt. Verschiedene Einflüsse waren dort am Werk, für das Enneagramm waren wesentlich:

Frühchristliche: Der Apostel Thomas hat das Evangelium von Jesus Christus ostwärts getragen. Man nimmt an, dass er 53 nChr in Nordindien gewesen war. Die Ausbreitung des christlichen Glaubens erfolgte entlang der Seidenstrasse bis nach Indien und China (gemäss Inschriften ca. 400-600 nChr). Die Nachfolger von Thomas wurden "Nestorianer" genannt, gemäss Nestorius, dem Patriarchen von Konstantinopel 428-431 nChr. Dieser wurde 431 nChr auf dem Konzil von Ephesus als Häretiker verurteilt, weil er Maria nur als Christus- und nicht Gottesgebärerin akzeptieren wollte. Er starb 451 nChr in Aegypten. Die Nestorianer verbreiteten sich ausserhalb des römischen Reiches und hatten eine andere Entwicklung als die westlichen Kirchen durchgemacht. Es gibt sie noch heute, sie nennen sich: Asssyrische, Persische oder Chaldäische Kirche.
Im vierten Jahrhundert wurde das Christentum im römischen Reich zur Staatsreligion. Viele wollten oder mussten Christinnen und Christen werden, jedoch das geistliche Leben wurde oberflächlicher. Das trieb ernsthafte Gläubige aus den Städten in die Wüste Aegyptens, wo sie ein einsames, kontemplatives Leben führten, um in Gott zu ruhen. So entstanden die Wüstenväter, der Georgier Evagrius Pontikus (345-399 nChr) war einer von ihnen. Er sagte: „Ein Gebet, das durch nichts mehr abgelenkt wird, ist das Höchste, das der Mensch zu Wege bringt.“ Aus dem Gebet heraus entwickelte er eine Lasterlehre der sieben respektiv acht Phantasien, Leidenschaften oder Dämonen, die dem Menschen bei seiner Gottsuche im Wege stehen. Die katholische Kirche machte daraus die Lehre der acht Haupt- und der sieben Todsünden. (Gegenüber dem Enneagramm fehlen „nur“ Angst/Furcht und Lüge/Täuschung.)

Sufistische: Die Sufis sind eine mystische Variante des Islams und werden von orthodoxen Moslems teilweise heftig bekämpft. (ararbisch „suf“ bedeutet grobes Wollgewand.) Sie haben einige Elemente aus Judentum und Christentum aufgenommen und in ihr asketisches Leben integriert. Auch haben sie das Enneagramm weiterentwickelt und mündlich überliefert, weil ihnen Gottessuche und Seelenführung der Menschen wichtig waren. Für den Sufi ist das Wichtigste die Liebe, die sich ausdrückt in der Hinwendung zu Gott. Er will Gott nahe kommen, seine Wünsche zurücklassen und „sterben bevor man stirbt“. Er weiss, dass er Gott gegenüber arm ist, ein Derwisch, was Bettler bedeutet.

Im Mittelalter gab es in Europa immer wieder Personen, die sich mit geistlichen Prinzipien auseinandersetzten, die auch dargestellt und gelehrt werden konnten. Erwähnenswert sind der Spanier Ramon Lull, geboren 1232 in Mallorca, der neunteilige Figuren entwarf, die die Eigenschaften Gottes und der Menschen darstellten. Der Engländer Geoffrey Chaucer, 1340-1400, stellte fest, dass es für jede Sünde ein Gegenmittel, Heilmittel, eine Tugend gibt: Demut für Stolz, Gottesliebe - Neid, Geduld - Zorn, Tapferkeit - Trägheit, Barmherzigkeit - Geiz, Nüchternheit - Völlerei und Keuschheit - Buhlerei. Der deutsche Jesuit Athanasius Kircher 1602-80 war ein Universalgelehrter, der unter anderem die Figur der Enneade, was Neunheit bedeutet, entwickelte.

Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde das Enneagramm nur mündlich weitergegeben. Dazu waren nur geistliche Lehrer ermächtigt, die es punktuell an ihre Schüler weitergaben, damit diese Wachstumsschritte auf dem Weg zu Gott tun konnten.
Der Armenier Georg Iwanowitsch Gurdjieff (1866-1949) brachte Elemente des Enneagramms, die er in Zentralasien kennengelernt hatte, 1916 aus Afghanistan nach Europa (St. Petersburg und Paris) und übte damit bei seinen Anhängern grossen Einfluss und Macht aus. Er lehrte eher aus Erfahrung und Intuition und weniger systematisch und nachhaltig.

Der bolivianische Psychologe Oscar Ichazo war der Erste, der das Enneagon der Fixierungen, wie er es nannte, 1969 in Arica, Chile, systematisch lehrte. Der Chilene Claudio Naranjo brachte es 1971 in die USA ans Esalen-Institut in Big Sur bei San Francisco. Von dort übernahmen es John Lilly, der Jesuit Robert Ochs, die Psychologin Helen Palmer und viele andere und verbreiteten es in den USA. Nach Erprobung und Prüfung veröffentlichten 1984 der Jesuit Patrick O’Leary zusammen mit Maria Beesing und Robert Nogosek ein erstes Einführungsbuch und machten das Enneagramm in christlichen Kreisen populär. 1989 erschienen erste Bücher in deutsch, unter anderem das Standardwerk „Das Enneagramm“ vom Franziskaner Richard Rohr und dem evangelischen Pfarrer Andreas Ebert.
Heute gibt es drei Hauptrichtungen zu beobachten, die das Enneagramm gebrauchen und verbreiten:
* eine psychologische (humanistische Psychologie und Psychoanalyse, Leitfigur: Helen Palmer)
* eine esoterische (z. B. Arica, Chile und Esalen-Institut in Big Sur, Kalifornien)
* eine christliche (führend erscheinen mir hier nach wie vor katholische Ordensleute in den USA zu sein)

Wichtigste Quellen:
Richard Rohr & Andreas Ebert: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele. Claudius München 1989
www.enneagramm-deutschland.de (Oekumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. Celle)
www.wikipedia.org/deutsch/enneagramm (empfehlenswertes, aktualisiertes Nachschlagewerk im Web)

Chancen und Gefahren im Umgang mit dem Enneagramm
Es gibt viele Chancen im Umgang mit dem Enneagramm, aber auch einige Gefahren sind zu beachten:
Chancen: Es ist ein Hilfsmittel und Werkzeug zur persönlichen, zwischenmenschlichen und geistlichen Entwicklung und Reifung. Durch Selbstbeobachtung kann ich mich besser kennen, einschätzen und auch gesund begrenzen lernen. Alle neun Gestalten sind gleichwertig, jeder bedarf der Ergänzung durch andere Menschen. Meine Weltsicht ist also nicht die einzige und schon gar nicht die beste. So kann ich andere besser verstehen, wertschätzen, würdigen oder auch nur stehen lassen. Das Enneagramm beinhaltet das grundsätzliche Potential und Dynamik zur Entwicklung und Veränderung der Menschen. Ich beginne meine einschränkenden und zerstörerischen Lebensmuster und meine dunklen Seiten anzuschauen. Ich werde aufgefordert, mich in eine Richtung zu bewegen, die der Integration und Gesundung der Persönlichkeit dient. Ich halte mich dem dreieinigen Gott hin, so dass er mir die Gnade und Kraft gibt zur Veränderung und mich in sein Bild verwandeln kann.

Gefahren: Es ist ein Modell und Wegweiser, nicht die Wirklichkeit an sich! Dies übersehen viele und stülpen das Modell über alle und alles, setzen es gar absolut oder verwenden es als Heilsweg (Tendenz zur Selbsterlösung. Erlösung schafft aber allein Gott!). So kann man es überschätzen, sich zu sehr darauf fixieren und sich auch überheben über andere. Denn Wissen ist Macht und verführt zur Manipulation! Auch Fehleinschätzungen bei sich und anderen sind häufig. Zudem macht das Enneagramm wenig Aussagen zu Alter, Geschlecht und Umfeld. Es ist völlig untauglich für Kinder und wenig geeignet Jugendliche bis 25 Jahren.



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