Donnerstag, Juni 26, 2008

Sufismus oder islamische Mystik (Seiten 378-385)

Frühe Sufis waren Asketen und Quietisten, aber nicht Mystiker nach R. R. Nicholson. Prägend waren christliche Idealisten, die trügerische Freude mieden. Ziel war Gotteserkenntnis. Einflüsse kamen auch vom Neoplatonismus, Gnostik, Buddhismus und Pantheismus. Wahre Religion habe nichts mit Doktrin und Rechtslehre zu tun, sondern nur mit Liebe, Wissen um Gott und Lösung vom eigenen Selbst. Deshalb sei Gottesdienst Herzensdienst. Sufis wurden vom Islam beargwöhnt und als „Zindiq“, Häretiker, verklagt. Diese Neuerer waren Gegenteil der Sunna, also im Irrtum und mussten in der Hölle landen. So wurden unter anderen „al-Halbadj“ 922 und „Al-Suhrawardi“ 1191 umgebracht. Warraq weist darauf hin, dass der Islam nie wirklich tolerant war, ausser man stand unter dem Schutz der Herrscher. Fast immer wurde jemand oder eine Gruppierung verfolgt.

Al-Ma’arri (Seiten 386-394)
Abu-I-Ala Ahmad b. Abdullah al-Ma’arri lebte 973 bis 1057 vorwiegend in Syrien. Er studierte in Aleppo und Antiochia, lebte in Bagdad, war Dichter, Vegetarier und islamischer Ketzer. Er erblindete und konnte zu seinem Schutz auch verstellen. Er sagte: „Alle Religionen widersprechen der Vernunft und dem gesunden Menschenverstand.“

Frauen und Islam (Seiten 394-444)
Die Frauen seien von Gott zum Vergnügen des Mannes geschaffen. Der Islam ist nur auf die männliche Seite hin sexfreudig und Sexualität wird ausschliesslich vom männlichen Gesichtspunkt aus betrachtet. Die Sexualität der Frau wird im Islam nie geleugnet, aber sie wird als Quelle der Gefahr angesehen: List, Betrug, Undankbarkeit, Gier, unersättliche Lust. Deshalb wird die Frau verachtet und zu einem minderwertigen Wesen degradiert. Polygamie ist ein wesentlicher Zug des islamischen Familienrechts, das die Situation der Frauen verschlechtert (hat). Man könnte den Islam als antifeministisch bezeichnen, denn die Frau wird unterdrückt, körperlich-geistig-moralisch minderwertig betrachtet und hat eine tiefe Stellung in der Gesellschaft. Ursächlich geht das Frauenbild auf Eva als Versucherin zurück, die listig und tückisch war. Frauen sind auch von religiösen Ueberlegungen weitgehend ausgeschlossen, ihre Aufgaben sind:
· in ihrem Haus bleiben
· ihrem Mann zur Verfügung stehen
· ihrem Mann gehorchen
· ihrem Mann ein geruhsames Dasein bereiten
Ist ein Mann zufrieden mit seiner Frau, hat sie das Paradies verdient. Gemäss einem Hadith haben Frauen weniger Vernunft und Glaube als Männer. Nach dem islamischen Recht ist die Ehe ein Vertrag, wodurch der Mann das Fortpflanzungsorgan der Frau erwirbt zur Nutzniessung. In die ähnliche Richtung zielt auch das Wort „nikah“ für Hochzeit, das eigentlich Koitus heisst, daher bedeutet Ehe nicht unbedingt Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Die Frau hat nur Recht auf Nahrung, Kleidung und Wohnung, aber nicht auf Sexualität. Beschneidung ist nicht Pflicht, nur Empfehlung. Sexueller Kontakt verursache Verunreinigung, diese Sicht hat etwas Phobisches, Zwanghaftes und Neurotisches. Ein Mann darf seine Frau körperlich züchtigen in folgenden Fällen:
· Weigerung sich für ihn zu schmücken
· Weigerung ihn sexuell zufriedenzustellen
· Verlassen des Hauses ohne seine Genehmigung und ohne trifftigen Grund
· Versäumen der religiösen Pflichten

Hudud“ sind Gottes Strafen, die dem Qur’an und den Hadithen entnommen werden:
· Todesstrafe bei Ehebruch, Glaubensabtrünnigkeit und Raubmord
· Amputation der rechten Hand bei Diebstahl
· Hundert Peitschenhiebe bei Unzucht
· Achtzig Peitschenhiebe bei Verleumdung und Weintrinken

Hidjab“ heisst Schleier, kann aber auch Vorhang, Decke, Mauer oder Jungfernhaut bedeuten. Er ist vorgeschrieben in den Suren 24,30+31; 33,32+33+53+59. Der Schleier stammte aus Persien. Sinngemäss heisst es auch „im Haus bleiben“, was von Griechen und Byzantinern übernommen wurde, denn arabische Beduinenfrauen waren in dieser Hinsicht freier. Der eigentliche Sinn dieser Verhüllung ist die Bedeckung der „Aura“ der Frau. Dazu gehören Körperteile der Scham, bei den Frauen der gesamte Körper, teilweise sind Hände und Gesicht ausgenommen. Die Frau ist im Islam für Vater, Bruder und Mann wie ein wertvolles Objekt und eine teure Ware.

Nach Ghawji gibt es ganz klare Bedingungen für den Ausgang der Frau:
· Ein echte Notwendigkeit muss bestehen
· Nur nach Erlaubnis des Mannes oder gesetzlichen Vormunds
· Gute Verhüllung, das Gesicht eingeschlossen
· Sie darf nicht parfümiert sein
· Sie muss am Wegrand gehen
· Sie muss sich gesittet und anständig bewegen
· Sie darf nur mit normaler Stimme sprechen
· Sie darf sich nicht mit einem fremden Mann allein in einem Raum aufhalten
· Sie darf einem fremden Mann nie die Hand geben
· Sie darf ihre Kleidung nie ablegen, auch in einem fremden Haus nicht
· Sie darf sich nicht weiter als dreissig Kilometer entfernen
· Sie darf keinen Mann nachahmen

Teilweise wird die Bildung der Frau auch mit Verweis auf Hadithe missbilligt. Grosse Einschränkungen für das Arbeitsleben der Frau im Islam sind:
· Natur der Frau
· Angeblich beschränkter Verstand
· Psychologische Schwäche wegen Menstruation, Schwangerschaft und Geburt
· Abwertung ihrer Würde und Ehre
· Vormundschaft durch den Mann

Die Frau hat keine Wahlfreiheit zur Ehe, hingegen gibt es eine lange Liste wünschenswerter Eigenschaften. Eine Muslima darf nur einen Muslim heiraten. Ein Mann kann seine Frau jederzeit ohne Formalität, Erklärung und Vergütung verstossen und sich von ihr scheiden lassen. Er muss nur dreimal sagen: „du bist geschieden!“, dann ist die Scheidung endgültig. Falls eine geschiedene Frau wieder heiratet, verliert sie das Sorgerecht für die Kinder mit dem früheren Mann. Wegen dem Fehltritt Evas im Garten Eden ist den Frauen folgendes untersagt:
· Staatsoberhaupt, Richterin, Imam und Vormund zu werden
· Haus ohne Erlaubnis ihres Mannes oder Vormunds zu verlassen und alleine reisen
· Mit fremdem Mann allein sein oder ihm die Hand geben
· Schminken und parfümieren ausser Haus
· Gesicht zeigen (aus Angst, denn es könnte Versuchung sein)
· Gleich viel erben (nur die Hälfte eines Mannes)
· Gleichwertiges Zeugnis geben und Zeugin sein in Hudad-Fällen
· Während Menstruation an religiösen Riten teilnehmen
· Freie Wahl des Wohnorts, des Ehepartners und der Scheidung

Zivilisation einer Gesellschaft kann nach der Stellung der Frau beurteilt werden, dabei schneidet der Islam sehr schlecht ab und ist Hindernis für den Fortschritt.

Fallbeschreibungen: Die Frauen in Pakistan
Pakistan war bei seiner Gründung 1947 kein theokratischer Staat, dies ist er erst durch Bündnisse der Mullahs mit den Grossgrundbesitzern geworden. Eine richtige Islamisierung hat erst seit 1977 durch General Zia-al-Haq eingesetzt, vor allem mit islamischen Gesetzen. Diese regelten „zina“, Ehebruch und Hurerei, und „hudud“, aber sie schützen auch Vergewaltiger und beschuldigen Vergewaltigte! In Polizeigewahrsam werden ungefähr 72% der Frauen körperlich missbraucht. Eine Shari’a-Gesetzesvorlage wurde 1991 verabschiedet. Dadurch wurden die Frauen weiter abgewertet und an den Rand gedrängt. Die weibliche Lebenserwartung liegt nur bei 51 Jahren, die der Männer ist ein Jahr höher! Viele Frauen sterben während Schwangerschaft und Geburt. In ländlichen Gebieten liegt die Analphabetenquote der Frauen bei 98%. 1991 gab es über 2'000 Morde an Frauen wegen (zu geringer) Mitgift und dies bei hoher Dunkelziffer! Es gibt etliche Frauen, die werden zu „Bräuten des Qur’an“ gemacht und dann isoliert und eingesperrt in den Häusern.

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Samstag, April 26, 2008

Islam und Parsismus

Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, noch kurz zu: Relikte syro-aramäischer Buchstaben in frühen Korankodizes von Christoph Luxenberg auf Seiten 377-414. Hier versucht Luxenberg nachzuweisen, dass ursprünglich abgefasste Koranvorlage in syro-aramäischer Schrift war. Nach seinen Erkenntnissen waren Korankopisten syro-aramäisch gebildete Araber. Noch heute gibt es eine ähnliche arabische Schrift „Garschuni“ oder „Karschuni“, die für christliche Liturgie gebraucht wird. So ist es denkbar, dass irgendwo im arabischen Raum ein Urkoran in gleicher oder ähnlicher Sprache vorhanden wäre.

Nun zu Islam und Parsismus, einem Vortrag von Ignaz Goldziher, den er 1900 an der Sorbonne in Paris gehalten hatte, der im Buch von Ohlig auf Seiten 415-439 wiedergegeben ist. Er hat kaum an Aktualität eingebüsst, da es um geschichtliche Zusammenhänge geht, die noch wenig erforscht und publiziert worden sind:
Der Islam anerkannte den Einfluss jüdischer und christlicher Elemente, indem er sich von Juden- und Christentum distanzierte. Das persische Element, der Parsismus, hat jedoch erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhalten. Die sassanidische Kultur hatte aber nachgewiesen grossen Einfluss bis nach Europa. Eine arabische Geschichtsschreibung gab es nur dank persischen Königen, denn vorislamische Araber hatten kein historisches Bewusstsein. Die Araber eroberten Persien, Perser aber beeinflussten Islam auf geistige und kulturelle Weise, besonders mit den Schulen von Basra und Kufa um 750 und durch Händler.
In der Uebergangszeit von Omaiyaden zu Abbasiden bahnten sich grosse geistige und systemische Veränderungen an: Die Omaiyaden hatten eine weltliche Regierung in Damaskus, die Abbasiden ein theokratisches Regime in Anbar und Bagdad (wie die persischen Sassaniden). Das persische Königstum wurde nachgebildet, wo Religion und Regierung identisch waren. Der König war „bäghi“ also der Göttliche, und diese persische Vorstellung führte zur Kalifenwürde, zum Wächter des Heils, zur „Bewahrung der Sunna“, zu Konfessionalismus, Intoleranz und Inquisition.
Auch die rituelle Reinheit war von der persischen Religion beeinflusst, so galten Polytheisten als unrein in moralischer Hinsicht auch später bei den Sunniten und buchstäblich bei den Schiiten.
Rezitieren heiliger Texte, besonders des Korans, galt als verdienstliche Handlung (bei den Persern: Vendidad). Es gab keine Totenklage, aber die Lehre von der Waage „mizän“ für die guten und schlechten Taten der Menschen nach dem Tod. (Das letzte Gericht im Koran ist zusätzlich vom äthiopischen Henochbuch der Christen beeinflusst.) Dies führte dazu, dass alle Handlungen bewertet werden: so ist gemeinsames Gebet 25x mehr wert als normales Gebet, ein Mekkagebet gar 100’000x! Auch Zahlen wie 33 und 333 sind wichtig, die Hadithe haben dies vom parsischen System übernommen.
Gebet ist zur wichtigsten islamischen Institution geworden, dreimal täglich war jüdische, fünfmal war persische Sitte. Auch „Zahnstochern“ vor dem Gebet „miswäk“ war wichtig und erhöhte den Wert des Gebets erheblich.
Der Freitag galt als Versammlungstag zur Feier des Kults, aber im Gegensatz zu Juden und Christen war er kein Ruhetag.
Hunde genossen Achtung im Persien, weil sie Dämonen sehen können, ihr Bellen liess böse Feinde und Dämonen fliehen. Der Islam kehrte dies ins Gegenteil und verachtete Hunde.
Wahrscheinlich reicht auch der Ursprung des Sufismus nach Persien hinein. Ein Sufi, ein Fakir, hat nämlich folgende Kennzeichen:
1) Er hat immer Hunger
2) Er hat keine ständige Behausung (Brauch der Gottvertrauenden)
3) Er schläft nachts wenig (Brauch der Gottliebenden)
4) Er hinterlässt kein Erbe (Asket)
5) Er verlässt seinen Herrn nicht (Anhänger)
6) Er begnügt sich mit dem Geringsten (Enthaltsamer)
7) Wird er weggejagt, sucht er sich einen neuen Ort (Demütiger)
8) Er gehorcht auch bei schlechter Behandlung (Bescheidener)
9) Er bleibt fern, wenn er Nahrung sieht (Armmütiger)
10) Er nimmt keine Wegzehrung mit (Rückzug von der Welt)

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Sonntag, Juni 11, 2006

Herkunft Enneagramm

Im April 06 habe ich mit meiner Arbeitskollegin Ruth Michel einen Enneagrammkurs in der Casa Moscia geleitet. Ich kenne das Enneagramm seit ungefähr 15 Jahren und es hat mich auf meinem geistlichen Lebensweg weitergebracht. Nun habe ich mich erneut bezüglich der Bedeutung, Herkunft, Chancen und Gefahren nochmals schlau gemacht. Nachstehend einige Gedanken dazu:
Der Name „Enneagramm“ ist griechisch und bedeutet neun Buchstaben, neun Punkte, Neuneck oder Neunerfigur. Dass Zahlen eine grössere und tiefere Bedeutung haben können, geht wahrscheinlich auf den Griechen Pythagoras (569-496 vChr) zurück. Der Ursprung und die Herkunft des Enneagramms als Charaktertypologie ist jedoch weitgehend unklar und kann nicht eindeutig zugeordnet werden. Es gibt verschiedene Vermutungen, wenige Ueberlieferungen, Bruchstücke und Vorstufen. Das Alter wird auf ungefähr 2'000 Jahre geschätzt. Als Entstehungsort wird Persien oder Afghanistan angenommen, ein kultureller und spiritueller Schmelztiegel der damaligen Zeit und Welt. Verschiedene Einflüsse waren dort am Werk, für das Enneagramm waren wesentlich:

Frühchristliche: Der Apostel Thomas hat das Evangelium von Jesus Christus ostwärts getragen. Man nimmt an, dass er 53 nChr in Nordindien gewesen war. Die Ausbreitung des christlichen Glaubens erfolgte entlang der Seidenstrasse bis nach Indien und China (gemäss Inschriften ca. 400-600 nChr). Die Nachfolger von Thomas wurden "Nestorianer" genannt, gemäss Nestorius, dem Patriarchen von Konstantinopel 428-431 nChr. Dieser wurde 431 nChr auf dem Konzil von Ephesus als Häretiker verurteilt, weil er Maria nur als Christus- und nicht Gottesgebärerin akzeptieren wollte. Er starb 451 nChr in Aegypten. Die Nestorianer verbreiteten sich ausserhalb des römischen Reiches und hatten eine andere Entwicklung als die westlichen Kirchen durchgemacht. Es gibt sie noch heute, sie nennen sich: Asssyrische, Persische oder Chaldäische Kirche.
Im vierten Jahrhundert wurde das Christentum im römischen Reich zur Staatsreligion. Viele wollten oder mussten Christinnen und Christen werden, jedoch das geistliche Leben wurde oberflächlicher. Das trieb ernsthafte Gläubige aus den Städten in die Wüste Aegyptens, wo sie ein einsames, kontemplatives Leben führten, um in Gott zu ruhen. So entstanden die Wüstenväter, der Georgier Evagrius Pontikus (345-399 nChr) war einer von ihnen. Er sagte: „Ein Gebet, das durch nichts mehr abgelenkt wird, ist das Höchste, das der Mensch zu Wege bringt.“ Aus dem Gebet heraus entwickelte er eine Lasterlehre der sieben respektiv acht Phantasien, Leidenschaften oder Dämonen, die dem Menschen bei seiner Gottsuche im Wege stehen. Die katholische Kirche machte daraus die Lehre der acht Haupt- und der sieben Todsünden. (Gegenüber dem Enneagramm fehlen „nur“ Angst/Furcht und Lüge/Täuschung.)

Sufistische: Die Sufis sind eine mystische Variante des Islams und werden von orthodoxen Moslems teilweise heftig bekämpft. (ararbisch „suf“ bedeutet grobes Wollgewand.) Sie haben einige Elemente aus Judentum und Christentum aufgenommen und in ihr asketisches Leben integriert. Auch haben sie das Enneagramm weiterentwickelt und mündlich überliefert, weil ihnen Gottessuche und Seelenführung der Menschen wichtig waren. Für den Sufi ist das Wichtigste die Liebe, die sich ausdrückt in der Hinwendung zu Gott. Er will Gott nahe kommen, seine Wünsche zurücklassen und „sterben bevor man stirbt“. Er weiss, dass er Gott gegenüber arm ist, ein Derwisch, was Bettler bedeutet.

Im Mittelalter gab es in Europa immer wieder Personen, die sich mit geistlichen Prinzipien auseinandersetzten, die auch dargestellt und gelehrt werden konnten. Erwähnenswert sind der Spanier Ramon Lull, geboren 1232 in Mallorca, der neunteilige Figuren entwarf, die die Eigenschaften Gottes und der Menschen darstellten. Der Engländer Geoffrey Chaucer, 1340-1400, stellte fest, dass es für jede Sünde ein Gegenmittel, Heilmittel, eine Tugend gibt: Demut für Stolz, Gottesliebe - Neid, Geduld - Zorn, Tapferkeit - Trägheit, Barmherzigkeit - Geiz, Nüchternheit - Völlerei und Keuschheit - Buhlerei. Der deutsche Jesuit Athanasius Kircher 1602-80 war ein Universalgelehrter, der unter anderem die Figur der Enneade, was Neunheit bedeutet, entwickelte.

Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde das Enneagramm nur mündlich weitergegeben. Dazu waren nur geistliche Lehrer ermächtigt, die es punktuell an ihre Schüler weitergaben, damit diese Wachstumsschritte auf dem Weg zu Gott tun konnten.
Der Armenier Georg Iwanowitsch Gurdjieff (1866-1949) brachte Elemente des Enneagramms, die er in Zentralasien kennengelernt hatte, 1916 aus Afghanistan nach Europa (St. Petersburg und Paris) und übte damit bei seinen Anhängern grossen Einfluss und Macht aus. Er lehrte eher aus Erfahrung und Intuition und weniger systematisch und nachhaltig.

Der bolivianische Psychologe Oscar Ichazo war der Erste, der das Enneagon der Fixierungen, wie er es nannte, 1969 in Arica, Chile, systematisch lehrte. Der Chilene Claudio Naranjo brachte es 1971 in die USA ans Esalen-Institut in Big Sur bei San Francisco. Von dort übernahmen es John Lilly, der Jesuit Robert Ochs, die Psychologin Helen Palmer und viele andere und verbreiteten es in den USA. Nach Erprobung und Prüfung veröffentlichten 1984 der Jesuit Patrick O’Leary zusammen mit Maria Beesing und Robert Nogosek ein erstes Einführungsbuch und machten das Enneagramm in christlichen Kreisen populär. 1989 erschienen erste Bücher in deutsch, unter anderem das Standardwerk „Das Enneagramm“ vom Franziskaner Richard Rohr und dem evangelischen Pfarrer Andreas Ebert.
Heute gibt es drei Hauptrichtungen zu beobachten, die das Enneagramm gebrauchen und verbreiten:
* eine psychologische (humanistische Psychologie und Psychoanalyse, Leitfigur: Helen Palmer)
* eine esoterische (z. B. Arica, Chile und Esalen-Institut in Big Sur, Kalifornien)
* eine christliche (führend erscheinen mir hier nach wie vor katholische Ordensleute in den USA zu sein)

Wichtigste Quellen:
Richard Rohr & Andreas Ebert: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele. Claudius München 1989
www.enneagramm-deutschland.de (Oekumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. Celle)
www.wikipedia.org/deutsch/enneagramm (empfehlenswertes, aktualisiertes Nachschlagewerk im Web)

Chancen und Gefahren im Umgang mit dem Enneagramm
Es gibt viele Chancen im Umgang mit dem Enneagramm, aber auch einige Gefahren sind zu beachten:
Chancen: Es ist ein Hilfsmittel und Werkzeug zur persönlichen, zwischenmenschlichen und geistlichen Entwicklung und Reifung. Durch Selbstbeobachtung kann ich mich besser kennen, einschätzen und auch gesund begrenzen lernen. Alle neun Gestalten sind gleichwertig, jeder bedarf der Ergänzung durch andere Menschen. Meine Weltsicht ist also nicht die einzige und schon gar nicht die beste. So kann ich andere besser verstehen, wertschätzen, würdigen oder auch nur stehen lassen. Das Enneagramm beinhaltet das grundsätzliche Potential und Dynamik zur Entwicklung und Veränderung der Menschen. Ich beginne meine einschränkenden und zerstörerischen Lebensmuster und meine dunklen Seiten anzuschauen. Ich werde aufgefordert, mich in eine Richtung zu bewegen, die der Integration und Gesundung der Persönlichkeit dient. Ich halte mich dem dreieinigen Gott hin, so dass er mir die Gnade und Kraft gibt zur Veränderung und mich in sein Bild verwandeln kann.

Gefahren: Es ist ein Modell und Wegweiser, nicht die Wirklichkeit an sich! Dies übersehen viele und stülpen das Modell über alle und alles, setzen es gar absolut oder verwenden es als Heilsweg (Tendenz zur Selbsterlösung. Erlösung schafft aber allein Gott!). So kann man es überschätzen, sich zu sehr darauf fixieren und sich auch überheben über andere. Denn Wissen ist Macht und verführt zur Manipulation! Auch Fehleinschätzungen bei sich und anderen sind häufig. Zudem macht das Enneagramm wenig Aussagen zu Alter, Geschlecht und Umfeld. Es ist völlig untauglich für Kinder und wenig geeignet Jugendliche bis 25 Jahren.



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