Freitag, Mai 20, 2016

Larry Siedentop: Die Idee des Fundamentalgesetzes

9. Neue Einstellungen und Gewohnheiten. Als Kaiser Justinian die philosophischen Schulen Athens geschlossen hatte, ging das rationale Denken nicht zu Ende und wich dem christlichen Glauben, sondern es war bereits in die Lehren der Kirche eingegangen. Die Frauen erhielten eine zunehmend bessere soziale Stellung und auch Bildung, zuerst die reichen, dann auch alle andern. Was Paulus nur andeutungsweise gesagt hatte, betonte Gregor von Nyssa (335-394) unmissverständlich und klar: Sklavenhaltung ist gegen das Recht Gottes wegen der Gottesebenbildlichkeit der Menschen. Diese neuen Erkenntnisse und Einstellungen flossen auch in den Codex Theodosianus (438 unter Theodosius 2) und in den Corpus Iuris Civilis (529-533 unter Justinian). In der Folge konnten nicht nur römische Bürger Bischöfe werden, sondern jeder, der von der Gemeinde gewählt wurde! 10. Geistliche und weltliche Macht. 476 ging das weströmische Reich zu Ende und äusserer und innerer Zerfall setzte ein. Klerus und Bischöfe übernahmen nun auch politische Aufgaben wie Verwaltung, Verteidigung und Diplomatie. Klöster wurden zu Zufluchtsorten der Gemeinschaft, des Gebets, der Bildung und des Wissens. 11. Barbarische Gesetze, römisches Recht und christliche Anschauungen. Eine Verlagerung der moralischen Autorität von der Familie zum Klerus fand statt. Das Abendmahl wurde zum Messopfer, das nur Priester darbringen konnten. Karl der Grosse kam in eine Zwischenzeit hinein, nach dem Rom der Antike und vor dem Europa der Moderne. 12. Der karolingische Kompromiss. Karl der Grosse wollte ein christliches Reich schaffen. Er verpflichtete einzelne Menschen, nicht mehr Familien, für sich, sein Reich und den christlichen Glauben. Sein Berater und Bildungsreformer war der Mönch Alkuin von York. Je jenseitiger das Christentum wurde, desto bessere Voraussetzungen lieferte es paradoxerweise für soziale Reformen.

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Sonntag, Januar 04, 2015

11: A Glorious Sadness (Eine herrliche Traurigkeit)

Hart benennt den spirituellen Ethos der Antike als eine Art von herrlicher Traurigkeit. Es sei ein geschlossenes System, bei dem der Kosmos ein fortwährendes Opfer darstelle, worin Götter und Tote bestimmte Plätze einnehmen und Menschen davon abhängig blieben. Es sei eine Oekonomie mit Zyklen der Schöpfung und der Zerstörung, der Ordnung und des Chaos, der Stabilität und der Gewalt und religiöser Transaktionen mit dem Tod. Die Götter nähmen unsere Opfer entgegen und gäben uns von ihrer Macht. Kapitel 12: A Liberating Message (Eine befreiende Botschaft) Das frühe Christentum war gegenüber dem Heidentum visionär und attraktiv, weil es den Zugang und Einbezug von Sklaven und Frauen im Gottesdienst und Gemeinde ermöglicht hatte. Barmherzigkeit, die konkrete Unterstützung aller Bedürftigen und Armen galt als wichtigste geistliche Aufgabe, wodurch schnell ein Netz der Wohltätigkeit entstanden war. Kapitel 13: The Face of the Faceless (Das Gesicht der Gesichtslosen) Die genaue Übersetzung des lateinischen Wortes „persona“ ist Maske und zeigt etwas vom römischen Menschenbild und Personenverständnis der damaligen Zeit. Die Gleichstellung der Menschen in der frühen Kirche hatte dagegen eine enorme subversive Kraft in der heidnischen Gesellschaft und hat eine moralische Revolution bewirkt. Das Feiern der Auferstehung Christi an Ostern war jeweils Höhepunkt des Jahres und hatte auch eine emanzipatorische Wirkung; denn Gott war zum Gesicht der Gesichtslosen geworden.

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Donnerstag, Februar 13, 2014

Geschlechtliche Identität (Seiten218-254)

Volf äussert sich auch sehr differenziert und sachlich zur geschlechtlichen Identität von Mann und Frau. Er unterstützt die These von Mary Stewart Van Leeuwen, dass „Männer und Frauen gleichermassen gerettet, geisterfüllt und gesandt sind“. Denn Gott steht jenseits geschlechtlicher Unterscheidungen, er ist radikal vielschichtig, beziehungsorientiert und aktiv (nach Seren Jones). Wir Menschen benutzen männliche und weibliche Metaphern, weil Gott persönlich ist, und die Sprache unweigerlich aus dem geschöpflichen Bereich entstammt. Meine geschlechtliche Identität kann ich nicht aus dem christlichen Gottesbild herleiten, sondern aus meinem geschaffenen, sexualisierten Körper. Was ich von Gott lernen kann, ist primär meine Verantwortung als Mensch, Vater- und Muttersein sind dagegen nicht direkt ablesbar. Nach Phyllis Bird hat Mann- und Frausein mehr mit den Tieren als mit Gott gemeinsam. Sexuelle Körper sind natürliche, biologische Wurzel, „Gender“ dagegen ist eine soziale und kulturelle Kategorie, die nur eingeschränkt möglich ist. „Gender“ ist eine fliessende Identität, die im Kontrast zur stabilen Differenz geschlechtlicher Körper steht (Seite 228). Jesus lebte völlige Selbsthingabe und auch Gegenwart des Vaters in ihm, was seine Identität prägte. Seine Selbsthingabe suchte Ehre der andern Person und schuf ihr Raum zur gegenseitigen Einwohnung, was in der Fachsprache „Perichorese“ heisst. Es geht dabei um Beziehung und Zusammenhang, nicht um Vermischung von Personen. Gott kam in diese Welt, um Gemeinschaft zu leben. Alle Menschen sind zum Bild des dreieinigen Gottes geschaffen, dessen Vision und Beziehungen uns als Mann und Frau leben lassen. In Christus wird nicht der geschlechtliche Leib gegenstandslos, sondern die Geschlechterrollen, die kulturellen Normen, die Mann und Frau zugewiesen sind, werden es zunehmend. Geschlechtliche Identitäten sind aufeinander bezogen: Der Mann ist nicht die ohne Frau, die Frau ist nicht ohne den Mann. Denn teilweise wohnt das Weibliche auch im Mann, trotzdem ist er ganz Mann; und umgekehrt wohnt auch Männliches in der Frau. Solange wir das verneinen, uns manipulieren, beherrschen und befeinden müssen, haben wir Gottes Wertschätzung und Liebe nicht ganz begriffen. Selbsthingabe bedeutet, dass ich Selbstsucht überwunden habe, mich auf den andern zu bewege, um ihn oder sie zu nähren, zu pflegen und ihn makellos und herrlich erscheinen zu lassen. Mann und Frau, beide sind weder Fülle noch nur Mangel, beide haben zu gebieten und zu gehorchen (Seite 248-250).

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Montag, Dezember 05, 2011

Koscherer Sex

Dieses unauffällige Buch von Shmuley (Kosename für Samuel) Boteach wurde aus dem Amerikanischen von Margot Schürings übersetzt und ist im Adwaita-Verlag in D-82383 Hohenpeissenberg im Jahr 2001 unter der ISBN-Nummer 3-934281-01-X erschienen.

Shmuley Boteach wurde 1966 in den USA geboren. Er hat jüdische Theologie studiert und wurde 1988 bei „Chabad-Lubawitsch“ in New York als orthodoxer Rabbiner ordiniert. Er ist heute einer der berühmtesten chassidischen Rabbis. Er ist mit einer australischen Jüdin verheiratet, und sie haben sechs Kinder. Ueberall, wo er als Rabbiner tätig war, nämlich in Los Angeles, New York und Oxford GB, konnte er das Interesse für den jüdischen Glauben enorm erhöhen und viele, gerade auch junge Menschen anziehen.

Ich habe schon einige, vor allem christliche Bücher über Sexualität in der Ehebeziehung gelesen. Doch „Koscherer Sex. Ein Leitfaden für Leidenschaft und Intimität“ des Juden Shmuley Boteach gehört zum besten, was es heute im jüdisch-christlichen Bereich zu diesem Thema gibt. Obwohl das Buch 286 Seiten umfasst, ist es leicht zu lesen, denn es ist in thematische Kapitel eingeteilt. Zwar hat es einige Wiederholungen drin, doch scheint mir dies ein berechtigtes Stilmittel zu sein, um gewisse Sachverhalte zu vertiefen und Aussagen zu verstärken. Der Titel ist sicher etwas gewöhnungsbedürftig, er könnte auch verständlicher mit „gottgewollter, heiliger oder reiner Sex“ wiedergegeben werden.

Obwohl dieser Rabbi das Buch bereits mit 35 Jahren geschrieben hat, kann er mit vielen Beispielen aus seiner vielfältigen Beratungstätigkeit als Rabbiner aufwarten. Auch seine eigene Lebensgeschichte hat er glaubwürdig eingewoben, das seinem ganzheitlichen Glaubensverständnis und seiner Lebensweise entspricht. So schreibt er bereits am Anfang, dass er durch die Scheidung seiner Eltern tief verletzt, unsicher und orientierungslos geworden sei. Sein Traum sei es danach immer gewesen, dass seine Eltern wieder heiraten würden. So ist es ihm zum Herzensanliegen geworden, auch weitere Herzen zu flicken und Wunden zu heilen. Glücklich verheiratet sein und bleiben gehört wesentlich zu diesem Anliegen. Denn ein Partner bestätigt das Gefühl, wertvoll, besonders, einzigartig und ein Ebenbild Gottes zu sein. Er oder sie ist jemand, der mir zuhört, mich schön findet, Fehler akzeptiert, Mängel ausgleicht und gerne viel Zeit mit mir verbringt. Und ein Ehepartner ist jemand, mit dem man exklusiv Sex hat: „Sex ist einziges und wichtiges Mittel, um Mann und Frau ein Leben lang unter einem Dach glücklich zu halten.“ (Seite 20)

Ein gesundes Liebesleben führt zu einer gesunden Ehe. Befreit von Hemmungen offenbaren beide Partner einander ihr innerstes Wesen. Das Judentum rühmt die verpflichtende Liebe zwischen Mann und Frau und sieht die körperliche Komponente gar als Metapher für die Liebe und Interaktion zwischen Gott und Mensch. Das Judentum achtet und fördert gar „erotische Kanäle der Kommunikation“. Sex in der Ehe soll leidenschaftlich sein und langfristige Gefühle der Verpflichtung bewirken. Daher zerstören schnelle Befriedigung und zu freizügige Bilder echte Intimität, die in einer Ehe erst aufgebaut wird. Und wir täuschen uns, dass im Westen viele ein erfülltes sexuelles Leben haben, denn Liebe ist spiritueller und wählerischer als Sex allein, weil sie auch Ganzheit und Geborgenheit will.
Liebe kann durch sexuelle Interaktion erhalten bleiben und veranlasst Mann und Frau, sich aneinander zu binden. Nach jüdischem Verständnis gab Gott Mann und Frau die Sexualität zum Spass, zur Fortpflanzung und zur Einheit. Die körperliche Interaktion erzeugt emotionale Intimität und transformiert den Charakter.

Ob ein Partner zu mir passt oder nicht, hat nichts mit einem objektiven universalen Massstab zu tun, sondern mit dem Gefühl, glücklich zu sein. Die Frau oder der Mann, zu dem du dich hingezogen fühlst, der dich liebt und der dich respektiert, ist der Beste, den du finden kannst. Wer den objektiv Besten sucht, degradiert diesen Partner zu einer Sache. Er oder sie ignoriert die Vielschichtigkeit, Tiefgründigkeit, Einzigartigkeit und Spiritualität der Menschen. Jeder besitzt einen „inneren Punkt“, der am besten sein Wesen ausdrückt. Wir sollten nach jemandem Ausschau halten, der die zentrale Komponente in unserem Leben verkörpert, die uns am meisten mangelt.
Nur wer Unschuld und Naivität in der Sexualität erhalten hat, kann natürliche, unkomplizierte und angenehme Augenblicke körperlicher Liebe erleben. Erinnerungen an frühere Liebhaber dagegen beeinträchtigen eine Beziehung. Viele Menschen sind in ihrer natürlichen Bindungsfähigkeit gehemmt, weil sie dauernd vergleichen, gerade auch mit früheren Partnern. Sex jedoch ist die Kunst des Seins, nicht der Leistung, des Wettkampfs und der Technik. Unser wichtigstes Geschlechtsorgan ist der Geist, der Attraktivität, Empfänglichkeit, Initiative, Kreativität, Spontaneität und Abenteuerlust hervorbringt und steuert. Selbstvertrauen entsteht vor allem durch eine langfristige und stabile Beziehung. Sexuelle Kompatibilität muss erarbeitet werden durch Liebe und Aufmerksamkeit, Anziehung und Attraktivität, so dass Glanz und Einmaligkeit der beiden Persönlichkeiten sichtbar wird.

Erst die Liebe schweisst wirklich zusammen, denn der Körper sei „das Fenster zur Seele“. Körper und Seele sind heilig, sie sind mit Respekt und Ehrfurcht zu behandeln, weil sie ein göttliches Gefäss sind. Sex sei heilig, weil er mystisch ist und eine Seele in die Welt bringen kann. Juden glauben, dass der Himmel nicht heiliger als die Erde ist, und dass das Transzendente im Immanenten zu entdecken und das Spirituelle im Körperlichen. Die Menschlichkeit ist ausgelassen zu feiern und zu zelebrieren, denn wir erfahren Gott auch durch die Nähe und Wärme eines andern Menschen. Und Gott gehört als spiritueller Partner in unsere Ehebeziehung, er wertet unser körperliches Vergnügen auf und heiligt es! Zu „koscherem“ Sex gehören Leidenschaft, Bescheidenheit und Respekt, sie fördern Intimität, Exklusivität und Privatheit. Diese Liebe enthält den Wunsch, jemand näher zu kommen, sich vertrauensvoll hinzugeben, zu teilen und nicht zu besitzen. Der Sexualakt ist auch eine Metapher für Gottes Schöpfung. Das Ziel dabei ist das Erreichen von Einheit und Symmetrie zwischen Mann und Frau (Seite 67), weil Persönlichkeit, Harmonie, Intimität und gemeinsamer Rhythmus betont werden. So verstanden ist Sex eine höhere Form von Kommunikation, bei der ständig das Reaktionstempo aufeinander abgestimmt wird. Das nennt man im Judentum Erkenntnis, Kenntnis oder Wissen. Besonders Frauen suchen nach tieferen und immer liebevolleren Ausdrucksmöglichkeiten. Die Zufriedenheit der Frau ist der Schlüssel für sexuelle Harmonie. Sexualität und Liebe dürfen einander nicht vorenthalten werden. Der Mann ist verpflichtet, seiner Frau Freude zu bereiten. Und Sexualität stellt die mächtigste Abhängigkeit des Mannes von der Frau dar. Eine Ehe eingehen ist immer ein Sprung ohne Garantie auf Glück und Dauer. Es ist ein vertrauensvolles und hoffnungsvolles Fallenlassen, was eine realistische und optimistische Sicht aufs Leben und die Menschen darstellt. Der Ehewunsch resultiert daher, dass wir unsere Verletztlichkeit einsehen, teilen und beschützen lassen wollen. Eheringe bedeuten beispielsweise, dass wir uns verpflichtet haben, dass wir zusammen gehören und ein gemeinsames Zuhause haben, dass wir exklusiv Sex miteinander haben und stolz auf unsern Partner sind. Und in diesem Zusammenhang noch ein typischer Satz von Boteach: „Es ist besser, die richtige Person zur falschen Zeit zu heiraten, statt die falsche Person zu richtigen Zeit.

Eine erfolgreiche Ehe braucht Leidenschaft und Intimität, Aufregung und Gelassenheit; wir sollen einander Geliebte und Freunde sein. Der Zyklus der Frau deutet diesen Wechsel bereits an: 16 Tage ist ausgeübte Sexualität möglich und 12 Tage nicht. Dann ist Kommunikation, Regeneration und Aufbau eines neues sexuellen Verlangens angesagt. Mann und Frau sollen lernen, eine libidinöse sexuelle Reserve aufzubauen.
Wir dürfen einander als ganze Personen betrachten, deshalb liegt der Fokus auch nicht bei bestimmten Körperteilen: Ein Mann soll die Genitalien seiner Frau nicht anstarren. Aber auch Prüderie ist Sünde in der Ehe, weil sie die Gefahr von Ehebruch erhöht. Masturbation ist nicht koscher und im Kontext der Ehe katastrophal, weil sie das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Sex mit dem Partner verringert (Seite 96).
Das gilt auch für Pornografie, denn sie ist fremdartig, ehebruchähnlich und erhöht Leidenschaft und Romanze eines Paares nicht. Denn entscheidend sei beim Liebesakt – so Boteach -, dass keiner der Partner an jemand andern denkt, sondern sich ganz auf seinen Partner konzentriert. Alles, was die sexuelle Energie stärker auf den Partner richtet und den Liebesakt aufregend macht, muss getan werden. Die Bibel wünscht sich Mann und Frau, die einander begehren. Sexualität in der Ehe muss eine Entdeckungsreise bleiben, die auch von andauernder Neugier aufeinander geschürt wird (Seite 125). Wir sollen uns immer wieder auf unseren Partner einlassen, der anders ist und fremd bleibt. Verhüllung zeigt Heiliges und Geheimes an. Beim Liebesakt selbst dagegen verbieten Rabbis Kleider, wozu auch Kondome gehören; hingegen ist Verhütung oft erlaubt, obwohl Kinder immer ein Segen sind. Der Vorteil des Liebesakts im Dunkeln ist, dass es die Vereinigung der ganzen Personen und nicht nur Körper unterstützt. Eine verdunkelte Umgebung fördert Ganzheitlichkeit, Phantasie und Kreativität. Dagegen gehören Fernseher und Computer nicht ins Liebesnest, weil sie das Zusammensein und die Einheit von Mann und Frau stören können.

Das Bedürfnis nach schneller Versöhnung nach Streit ist Ausdruck starker Liebe und weist auf eine gefestigte Ehe hin.
Juden anerkennen nur Gott als allmächtigen Herrscher, Satan dagegen wird als „gekaufter Agent Gottes“ angesehen. Das Ziel, gerade auch bei Versuchungen, besteht darin, das Gute und die moralische Stärke zu wählen, und sich nicht auf das Schlechte, das wir getan haben, zu konzentrieren. Jüdische Umkehr, Beichte und Busse zielen darauf ab, Falsches zu erkennen und zu bedauern, um in Zukunft das Gute zu tun. Deshalb ist Sünde Unterlassung des Guten. Eine einzige gute Tat, liebevolle Handlung oder romantische Geste kann bereits viel bewirken in einer Ehe und auch angehäuftes Leid beseitigen. Streitereien seien nicht zu schüren und damit aufzuwerten, denn sie sind es meistens nicht wert. Kommunikation ist kein Ersatz für Gefühle der Nähe, Sex jedoch kann ein Paar einander wieder näher bringen. Rabbis verbieten Sex nur bei Aerger und Wut; aber es ist auch nicht weise, Worte wie Oel ins Feuer zu giessen. Längere Gespräche sind dann wichtig, wenn sich beide bereits wieder etwas abgekühlt und beruhigt haben.

Die Ehe hilft uns, potentielle Tugenden und Talente zu manifestieren, sie ist auch ein Erziehungsinstrument, bei dem man lernt, sich von einer andern Person abhängig zu machen und einen anderen Menschen über sich zu stellen. „Wenn du deinen Partner als Besten behandelst, dann wird er zum Besten... Liebe besiegt fast alles: Ich liebe dich so sehr, dass ich bereit bin, Dinge zu tun, die ich nicht gerne tue.

Nach der Bibel und dem Judentum ist jeder Mensch unvollständig, das gilt sowohl körperlich als auch spirituell. Gott schuf die Frau aus der „Seite“, das ist eben nicht nur eine Rippe, er entfernte so die ganze weibliche Seite und vielleicht gar diesen Teil der Seele von Adam. Deshalb hat Gott dann gesagt: „Es ist nicht gut für den Menschen, alleine zu sein“, weil er durch die Trennung einsam und isoliert geworden ist. Sex kommt von „secare“, was in Teile schneiden oder aufteilen bedeutet. Es geht also darum, durch Sex das Getrennte und Geteilte wieder zusammenzuschweissen, zusammenzunähen und so zu heilen. Wirkliche Einsamkeit ist da am stärksten vorhanden, wenn dich niemand braucht. Eine wichtige Form der Liebe besteht darin, alleine hilflos zu sein, jemand zu brauchen und dies zu zeigen. Keiner kann alleine leben, und Leben heisst teilen, einander stärken und bereichern und so sensibel zu bleiben statt arrogant, paranoid, tyrannisch und unbeständig. Deshalb tun sich zu sichere, unabhängige Personen und deren Partner so schwer mit und in Beziehungen. „Beziehungen, die auf Unsicherheit aufgebaut sind, scheitern sicher.
Unser Partner ermöglicht, unser inneres Selbst zu vervollständigen. Er ist unsere andere Hälfte, die wir lieben und um die wir uns sorgen. „Dass es Menschen gibt, die an die Ehe glauben und verheiratet sind, ist ein grosser Hoffnungsschimmer und zeigt, dass es in dieser einsamen Welt immer noch Schönes gibt.“
Scheidung dagegen ist Trennung unserer selbst von uns selbst, sie ist perspektivelos wie Tod nach Schmerz und Leid. Jede Handlung und jede Beziehung, die zu viel Zeit und Energie vom Zusammenleben mit dem Partner abzieht, ist Untreue. Dazu gehören auch Arbeits- und Spielsucht und konkurrierende, ungesund starke emotionale Bindungen.
Diese menschliche Bedürftigkeit ist auch ein Hinweis auf Gott, den ich brauche, auf den ich vertraue als Fels meiner Rettung. Ohne Gottes Fürsorge und Gnade ist jede Anstrengung umsonst. Ich rufe nach der Liebe und dem Schutz meines Schöpfers (Seite 198).

Kinder vergrössern unsere Freiheit, sie konfrontieren uns mit ihrer Unschuld, wenn sie uns ihr unbedingtes Vertrauen schenken. Sie erinnern uns an die wichtigen Dinge im Leben, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit. Durch Kinder haben Mann und Frau etwas geschaffen, das Ausdruck ihrer Liebe und Verbindlichkeit ist und ihr Empfinden füreinander erhöht und verstärkt. Die Ehe der Eltern muss aber an erster Stelle kommen, Kinder müssen wissen, dass sich Mama und Papa innig lieben. Eltern müssen ihren Kindern Hoffnung geben, dass Liebe, Glück, Treue, Stabilität und Freundschaft erreichbare Ziele sind.

Mann und Frau gehören einander, deshalb sollen sie einander eifersüchtig beobachten, besonders die Frau den Mann, mit dem Ziel, eine feurige Liebe zueinander zu fördern. Sie werden einander nie ganz verstehen und ein Rätsel bleiben, was ständiges Umwerben erfordert. Romanze und Romantik hat das Ziel, Liebe und Wertschätzung auszudrücken. Affären dagegen sind selbstsüchtig und bereiten dem Partner irreversibles Leid. Heutzutage wollen wir schnell die Sinne befriedigen, wodurch das Leben oberflächlich geworden ist. Die Tiefe bleibt uns verschlossen. Sex mit Gefühlen kann zur spirituellen Erfahrung werden, er verbindet erfüllend und führt zu echter Intimität. Spirituelle Werte dienen der Seele, gemeinsamer Glaube ist ein sinnvoller Begegnungspunkt für ein Paar. Gott wird so gleichwertiger Partner in der Beziehung.
Der Lebenskampf wird heute im Westen generell zu tief bewertet, wir möchten, dass alle Dinge glatt verlaufen, ansonsten sind wir heillos. Wahrer Erfolg ist jedoch nicht Sieg, sondern Ausdauer, nicht aufgeben gilt auch in der Ehe. Nicht im Streit verharren, sondern den Partner zurückgewinnen. "Ehe ist nicht einfach eine Facette deines Lebens, sie ist dein Leben, dein Glück und dein Segen!"

Als Kriterien zur Partnerwahl sind Boteach folgende Punkte wichtig:
· Atttraktivität, Andersartigkeit, Ergänzung und gegenseitige Anziehung (nicht primär Gemeinsamkeiten)
· Ein gutes Herz, Werte, Ueberzeugungen und Achtung
· Kinderliebe, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und Wohltätigkeit
· Vorurteilsfreiheit und Optimismus
· Bescheidenheit, Demut, Lernkapazität und Vergebungsbereitschaft
· Eifersuchtsfähigkeit (in einem umwerbenden und gewinnenden Sinn)

Zusammenfassend zum Schluss: Koscherer Sex erinnert dich an den Namen des Geliebten und verbindet dich mit seiner Seele! Er führt dich über die körperlichen Begrenzungen hinaus zu spiritueller Integration und Transzendenz und erzeugt bleibende Gefühle. Er überwindet die Trennung und führt zwei Hälften einer Seele zusammen. Er befreit zwei Menschen von ihren Hemmungen und enthüllt immer tiefere Schichten des einen Partners. Er macht Menschen verletzlich und Herzen offen. Er setzt eine Beziehung in Gang und führt zu Initimität.

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Donnerstag, Juni 26, 2008

Sufismus oder islamische Mystik (Seiten 378-385)

Frühe Sufis waren Asketen und Quietisten, aber nicht Mystiker nach R. R. Nicholson. Prägend waren christliche Idealisten, die trügerische Freude mieden. Ziel war Gotteserkenntnis. Einflüsse kamen auch vom Neoplatonismus, Gnostik, Buddhismus und Pantheismus. Wahre Religion habe nichts mit Doktrin und Rechtslehre zu tun, sondern nur mit Liebe, Wissen um Gott und Lösung vom eigenen Selbst. Deshalb sei Gottesdienst Herzensdienst. Sufis wurden vom Islam beargwöhnt und als „Zindiq“, Häretiker, verklagt. Diese Neuerer waren Gegenteil der Sunna, also im Irrtum und mussten in der Hölle landen. So wurden unter anderen „al-Halbadj“ 922 und „Al-Suhrawardi“ 1191 umgebracht. Warraq weist darauf hin, dass der Islam nie wirklich tolerant war, ausser man stand unter dem Schutz der Herrscher. Fast immer wurde jemand oder eine Gruppierung verfolgt.

Al-Ma’arri (Seiten 386-394)
Abu-I-Ala Ahmad b. Abdullah al-Ma’arri lebte 973 bis 1057 vorwiegend in Syrien. Er studierte in Aleppo und Antiochia, lebte in Bagdad, war Dichter, Vegetarier und islamischer Ketzer. Er erblindete und konnte zu seinem Schutz auch verstellen. Er sagte: „Alle Religionen widersprechen der Vernunft und dem gesunden Menschenverstand.“

Frauen und Islam (Seiten 394-444)
Die Frauen seien von Gott zum Vergnügen des Mannes geschaffen. Der Islam ist nur auf die männliche Seite hin sexfreudig und Sexualität wird ausschliesslich vom männlichen Gesichtspunkt aus betrachtet. Die Sexualität der Frau wird im Islam nie geleugnet, aber sie wird als Quelle der Gefahr angesehen: List, Betrug, Undankbarkeit, Gier, unersättliche Lust. Deshalb wird die Frau verachtet und zu einem minderwertigen Wesen degradiert. Polygamie ist ein wesentlicher Zug des islamischen Familienrechts, das die Situation der Frauen verschlechtert (hat). Man könnte den Islam als antifeministisch bezeichnen, denn die Frau wird unterdrückt, körperlich-geistig-moralisch minderwertig betrachtet und hat eine tiefe Stellung in der Gesellschaft. Ursächlich geht das Frauenbild auf Eva als Versucherin zurück, die listig und tückisch war. Frauen sind auch von religiösen Ueberlegungen weitgehend ausgeschlossen, ihre Aufgaben sind:
· in ihrem Haus bleiben
· ihrem Mann zur Verfügung stehen
· ihrem Mann gehorchen
· ihrem Mann ein geruhsames Dasein bereiten
Ist ein Mann zufrieden mit seiner Frau, hat sie das Paradies verdient. Gemäss einem Hadith haben Frauen weniger Vernunft und Glaube als Männer. Nach dem islamischen Recht ist die Ehe ein Vertrag, wodurch der Mann das Fortpflanzungsorgan der Frau erwirbt zur Nutzniessung. In die ähnliche Richtung zielt auch das Wort „nikah“ für Hochzeit, das eigentlich Koitus heisst, daher bedeutet Ehe nicht unbedingt Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Die Frau hat nur Recht auf Nahrung, Kleidung und Wohnung, aber nicht auf Sexualität. Beschneidung ist nicht Pflicht, nur Empfehlung. Sexueller Kontakt verursache Verunreinigung, diese Sicht hat etwas Phobisches, Zwanghaftes und Neurotisches. Ein Mann darf seine Frau körperlich züchtigen in folgenden Fällen:
· Weigerung sich für ihn zu schmücken
· Weigerung ihn sexuell zufriedenzustellen
· Verlassen des Hauses ohne seine Genehmigung und ohne trifftigen Grund
· Versäumen der religiösen Pflichten

Hudud“ sind Gottes Strafen, die dem Qur’an und den Hadithen entnommen werden:
· Todesstrafe bei Ehebruch, Glaubensabtrünnigkeit und Raubmord
· Amputation der rechten Hand bei Diebstahl
· Hundert Peitschenhiebe bei Unzucht
· Achtzig Peitschenhiebe bei Verleumdung und Weintrinken

Hidjab“ heisst Schleier, kann aber auch Vorhang, Decke, Mauer oder Jungfernhaut bedeuten. Er ist vorgeschrieben in den Suren 24,30+31; 33,32+33+53+59. Der Schleier stammte aus Persien. Sinngemäss heisst es auch „im Haus bleiben“, was von Griechen und Byzantinern übernommen wurde, denn arabische Beduinenfrauen waren in dieser Hinsicht freier. Der eigentliche Sinn dieser Verhüllung ist die Bedeckung der „Aura“ der Frau. Dazu gehören Körperteile der Scham, bei den Frauen der gesamte Körper, teilweise sind Hände und Gesicht ausgenommen. Die Frau ist im Islam für Vater, Bruder und Mann wie ein wertvolles Objekt und eine teure Ware.

Nach Ghawji gibt es ganz klare Bedingungen für den Ausgang der Frau:
· Ein echte Notwendigkeit muss bestehen
· Nur nach Erlaubnis des Mannes oder gesetzlichen Vormunds
· Gute Verhüllung, das Gesicht eingeschlossen
· Sie darf nicht parfümiert sein
· Sie muss am Wegrand gehen
· Sie muss sich gesittet und anständig bewegen
· Sie darf nur mit normaler Stimme sprechen
· Sie darf sich nicht mit einem fremden Mann allein in einem Raum aufhalten
· Sie darf einem fremden Mann nie die Hand geben
· Sie darf ihre Kleidung nie ablegen, auch in einem fremden Haus nicht
· Sie darf sich nicht weiter als dreissig Kilometer entfernen
· Sie darf keinen Mann nachahmen

Teilweise wird die Bildung der Frau auch mit Verweis auf Hadithe missbilligt. Grosse Einschränkungen für das Arbeitsleben der Frau im Islam sind:
· Natur der Frau
· Angeblich beschränkter Verstand
· Psychologische Schwäche wegen Menstruation, Schwangerschaft und Geburt
· Abwertung ihrer Würde und Ehre
· Vormundschaft durch den Mann

Die Frau hat keine Wahlfreiheit zur Ehe, hingegen gibt es eine lange Liste wünschenswerter Eigenschaften. Eine Muslima darf nur einen Muslim heiraten. Ein Mann kann seine Frau jederzeit ohne Formalität, Erklärung und Vergütung verstossen und sich von ihr scheiden lassen. Er muss nur dreimal sagen: „du bist geschieden!“, dann ist die Scheidung endgültig. Falls eine geschiedene Frau wieder heiratet, verliert sie das Sorgerecht für die Kinder mit dem früheren Mann. Wegen dem Fehltritt Evas im Garten Eden ist den Frauen folgendes untersagt:
· Staatsoberhaupt, Richterin, Imam und Vormund zu werden
· Haus ohne Erlaubnis ihres Mannes oder Vormunds zu verlassen und alleine reisen
· Mit fremdem Mann allein sein oder ihm die Hand geben
· Schminken und parfümieren ausser Haus
· Gesicht zeigen (aus Angst, denn es könnte Versuchung sein)
· Gleich viel erben (nur die Hälfte eines Mannes)
· Gleichwertiges Zeugnis geben und Zeugin sein in Hudad-Fällen
· Während Menstruation an religiösen Riten teilnehmen
· Freie Wahl des Wohnorts, des Ehepartners und der Scheidung

Zivilisation einer Gesellschaft kann nach der Stellung der Frau beurteilt werden, dabei schneidet der Islam sehr schlecht ab und ist Hindernis für den Fortschritt.

Fallbeschreibungen: Die Frauen in Pakistan
Pakistan war bei seiner Gründung 1947 kein theokratischer Staat, dies ist er erst durch Bündnisse der Mullahs mit den Grossgrundbesitzern geworden. Eine richtige Islamisierung hat erst seit 1977 durch General Zia-al-Haq eingesetzt, vor allem mit islamischen Gesetzen. Diese regelten „zina“, Ehebruch und Hurerei, und „hudud“, aber sie schützen auch Vergewaltiger und beschuldigen Vergewaltigte! In Polizeigewahrsam werden ungefähr 72% der Frauen körperlich missbraucht. Eine Shari’a-Gesetzesvorlage wurde 1991 verabschiedet. Dadurch wurden die Frauen weiter abgewertet und an den Rand gedrängt. Die weibliche Lebenserwartung liegt nur bei 51 Jahren, die der Männer ist ein Jahr höher! Viele Frauen sterben während Schwangerschaft und Geburt. In ländlichen Gebieten liegt die Analphabetenquote der Frauen bei 98%. 1991 gab es über 2'000 Morde an Frauen wegen (zu geringer) Mitgift und dies bei hoher Dunkelziffer! Es gibt etliche Frauen, die werden zu „Bräuten des Qur’an“ gemacht und dann isoliert und eingesperrt in den Häusern.

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