Freitag, April 24, 2015

Emotional erwachsen werden (Seiten 187-206)

Viele Christen wissen viel über die Bibel, aber sie haben Mühe mit negativen Emotionen konstruktiv umzugehen und nicht daran hängen zu bleiben. Das hat viel mit mangelnder emotionaler Reife zu tun. Scazzero unterscheidet vier Stufen der Reife: · Emotionaler Säugling: Erwartet alles von andern und braucht sofortige Bedürfnisbefriedigung durch andere · Emotionales Kind: ist zufrieden, wenn es bekommt, was es will, sonst reagiert es mit Betteln, Jammern oder Trotz; lässt sich leicht aus der Fassung bringen, ist leicht verletzbar · Emotional Heranwachsender: ist bedroht, verletzlich, verteidigend, kritisierend, verurteilend, eher konfliktscheu, schuldzuweisend und wenig anteilnehmend · Emotional Erwachsener: Wünsche und Bedürfnisse werden ehrlich und direkt geäussert; hat Selbstwert; erkennt und übernimmt Verantwortung für eigene Gedanken, Gefühle, Worte und Taten; kann eigene Werte vertreten; respektiert andere bedingungslos und gibt Wertschätzung; ist konfliktfähig, lösungsorientiert und fehlertolerant; kennt eigene Grenzen, Stärken und Schwächen Echte Spiritualität zeigt sich besonders in der Liebesfähigkeit; denn nur Liebe enthüllt Schönheit und Wert des andern (nach Jean Vanier) und schenkt ihm Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Sünde ist das Gegenteil von Liebe, nämlich in sich selbst verkrümmt sein (nach Augustinus). Respekt zeigt sich besonders darin, dass ich dem andern eine eigene Meinung und seine eigene Lebenswelt einräume. Gedanken neigen zur Verselbständigung, daher sind sie im Dialog zu äussern, zu prüfen und zu korrigieren. Erwartungen sind auszusprechen. Kirche kann ein Ort der Liebe, des Wachstums und der Reife sein, wenn wir zulassen, dass Gott da mit seiner Wahrheit herrschen darf!

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Sonntag, März 15, 2015

Kontemplative Spiritualität

Kontemplative Spiritualität ist eine Frömmigkeit, die von Gottes Liebe, Wertschätzung und Zuwendung lebt (Seite 50). Gott wird in der Bibel mit vielfältigen Emotionen wie Fröhlichkeit, Mitgefühl und auch Zorn beschrieben, warum sollten wir nicht auch so emotional sein? Unter all meinen Identitäten und hinter meinen Masken und auch nach den Folgen des Sündenfalls liegt meine wahre Identität, die lautet: Ich bin von Gott gewollt, gemacht, geliebt, wertgeschätzt, bedeutsam und einmalig! Annehmen der wirklichen Identität hilft gegen Versuchungen wie Erfolg, Besitz und Beliebtheit. Auch Familiengeheimnissen wie „ich gebe dir, dafür gibst du mir“ bin ich nicht mehr ausgeliefert. Sie können erkannt, hinterfragt und durchbrochen werden. Eine kontemplative Spiritualität orientiert sich dagegen an folgenden Kriterien: ·Gottes Liebe in allem suchen, erkennen und sich ihr überlassen ·Gottes Gegenwart suchen, auf ihn hören und bei ihm verweilen und ruhen ·Gott erlauben, in der Tiefe unseres Wesens zu wohnen ·Geistliche Übungen wie Stille und Einsamkeit zulassen, ein- und regelmässig ausüben ·Leben als Wachstumsprozess verstehen lernen, der auch Schmerzen einschliesst ·Andere Menschen lieben von Gott her und aus seiner Perspektive und Kraft ·Einen ausgeglichen Lebensstil und Lebensrhythmus entwickeln und pflegen ·Verbindliche Gemeinschaft leben Kontemplative Spiritualität will den Weg der Nachfolge Christi unterstützen und zielt daher auf konkrete Schritte: Stille, ehrliche Begleitende, Verlassen, Beten für Mut und Durchbrechen der „Schallmauer“. Die Geschichte Josefs ist ein gutes Beispiel für emotionale Gesundheit und spirituelles Wachstum. Er wuchs in einer Patchworkfamilie auf, wo Lüge und Betrug seit Generationen als Familiengeheimnis geherrscht hatten. Trotz herben Enttäuschungen und massiven Verlusterfahrungen (in seiner Jugend) hielt er an Gott fest. Josef war Gott treu im kleinen, um zu gegebener Zeit Grosses tun zu können. Gott führte ihn geheimnisvoll an die zweithöchste Stelle in Ägypten, damit seine Familie und er überleben konnten (Gen 45,7+8). Mehrmals weinte Josef laut, um seiner Trauer ohne Beschönigung Raum zu lassen. Er benannte seine Kinder Manasse und Ephraim, was Vergessen und Wachsen lassen bedeutet.

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Peter Scazzero: Glaubensriesen – Seelenzwerge

Das zweite Buch des New Yorker Pastors und Buchautors Peter Scazzero, das ich hier vorstellen möchte, heisst: Glaubensriesen - Seelenzwerge. Geistliches Wachstum und emotionale Reife. (Im amerikanischen Original: Emotionally Healthy Spirituality. Unleash a Revolution in Your Life in Christ.) Die deutsche Fassung ist im Brunnen-Verlag Giessen 2008 unter der ISBN-Nummer: 978-3-7655-1494-4 erschienen. Zum Inhalt: Scazzero stellt in diesem Buch eine Analyse ungesunder christlicher Spiritualität dar und legt Konzepte vor, die zu emotionaler Gesundheit und einer tieferen Spiritualität führen können, sofern man bei sich genau hinschaut und sich von Gott verändern lässt. Ungesunde Spiritualität sei eine Frömmigkeit, die nicht wirklich in die Tiefe gehe und von Gott wegführe (Seite 25). Sie zeige sich an folgenden Symptomen: . Gott benutzen, um vor ihm zu fliehen („Mein statt dein Wille geschehe“) . Negativ besetzte Gefühle ignorieren (wie Wut, Traurigkeit oder Angst) . Falschen Dingen absterben („Nur wer ein Ich ausgebildet hat, kann es auch hingeben; nur was lebenshindernd ist, soll losgelassen werden; das Lebensfördernde ist hingegen zu bejahen!) . Vergangenheit leugnen oder glorifizieren . Leben in säkulare und heilige Bereiche aufteilen (selektieren führt zu Doppelleben und Heuchelei) . Taten für Gott statt leben mit ihm (wie in unserer Leistungsgesellschaft) . Konflikte geistlich übertünchen (Selbstbetrug statt Wahrheit) . Gebrochenheit, Schwachheit und Versagen bemänteln und überdecken (statt dazu zu stehen wie in vielen Psalmen darüber gesprochen und weitere biblische Personen dargestellt werden) . Grenzenlos leben und immer verfügbar sein (nicht nein sagen können) . Andere verurteilen (Überheblichkeit). Emotionale Gesundheit definiert Scazzero wie folgt (Seite 49): . Gefühle erkennen, benennen und steuern . Mitgefühl für andere empfinden und entwickeln, ohne sie ändern zu wollen . Beziehungen eingehen und pflegen . Zerstörerische Muster erkennen und aufgeben . Vergangenes erkennen und einordnen können . Direkte Kommunikation einüben lernen, Bedürfnisse verbal artikulieren . Selbsteinschätzung vornehmen können (Stärken, Schwächen, Grenzen) . Konfliktlösung suchen, die beide Seiten berücksichtigt . Eigene Sexualität wahrnehmen, einordnen und ausdrücken lernen . Trauern zulassen und durchgehen

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Sonntag, Februar 22, 2015

Peter Scazzero: Das Paulus-Prinzip

Peter Scazzero hat zusammen mit Warren Bird das Buch "The Emotionally Healthy Church" geschrieben. Es wurde in Deutsch mit dem eher unglücklichen Titel "Das Paulus-Prinzip. Warum Schwäche ein Gewinn sein kann" versehen und ist im Jahr 2008 im Francke-Verlag in Marburg unter der ISBN 978-3-8612-998-8 erschienen. Zum Autor: Peter Scazzero wurde in New York als Sohn von italienischen Einwanderern geboren. Er studierte Theologie, arbeitete danach für die christliche Studierendenorganisation Intervarsity und lernte in Costa Rica die spanische Sprache. Im New Yorker Stadtteil Queens gründetete er eine englisch- und eine spanischsprachige Gemeinde. Trotz vieler Arbeit und Erfolg wandte sich später ein Grossteil der Hispanics-Gemeinde ab und auch seine Ehe mit Geri war sehr angespannt, was ihn zum Umdenken zwang. Er begann mehr auf einen gesunden Lebensrhythmus und emotionale Reife und Stärke zu achten, das Sein vor Gott statt das Tun bekam Priorität. Zum Buch: Scazzero nimmt uns mit auf seine Lebensreise, die von seinen Eltern und den Idealen der heutigen westlichen Welt geprägt war. Er konnte dadurch einen grossen Arbeitseinsatz und eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit entwickeln. In seinem Dienst als Pastor stellte er aber fest, dass geistliche Mittel nicht für alle seelischen und Beziehungsprobleme helfen (Seite 20). Das Ziel sollte sein, Jesus als Menschen an die höchste Stelle des Lebens zu setzen, um andere wirklich zu lieben (Seite 24). Er begann, die Dynamik der Verbindung zwischen seelischer Gesundheit und geistlicher Reife zu begreifen. Wir brauchen geistliche Väter und Mütter. Das innere Leben eines Leiters ist wichtiger als sein Wissen, seine Gaben und seine Erfahrung (Seite 26). Durch unsere sündige, verletzte, verwundete und unreife Persönlichkeit stecken wir Gott (oft) unwissentlich in einen starren, engen Kasten statt ihn in den Tiefen unseres Innern wirken zu lassen und auch unsere tiefen Gefühle zuzulassen. Das führe zu seinem falschen Verständnis von geistlichen Begriffen wie demütig sein, Leiden, Kreuz auf sich nehmen und Sterben. Wenn wir unsere tiefsitzenden und negativen Gefühle verdrängen, werden wir zu zerrissenen Menschen, beispielsweise war Bob Pierce von Word Vision ein solch getriebener Mensch. Im Roman „Giftholzbibel“ wird Nathan Price als Missionar im Kongo ebenso beschrieben, der sogar das Leben seiner Familie aufs Spiel gesetzt hat, um seinen falsch verstandenen Missionsdienst weiter ausführen zu können. Eine der Ursache ist, dass die griechische Philosophie Platos über Augustinus und andere Kirchenlehrer in die christliche Kirche und viele Gemeinden gekommen ist. Alles Körperliche wurde dadurch entwertet, negative Gefühle wurden zu Sünden, Wut gar zu Unrecht zur Todsünde erklärt. Wir wurden aber zum Bild Gottes geschaffen, was den ganzen Menschen einschliesst. Gefühle sind eine Sprache der Seele (nach Dan Allender und Tremper Longman). Viele Christen können ihre Gefühle nicht (mehr) identifizieren, weil sie keinen wirklichen Zugang zu ihnen erlernen konnten. Sie sind dann wie eingefroren, was in der Folge zu Schauspielerei und Heuchelei führen kann. Geistliches Leben und Führung muss immer auch seelische Reifung einschliessen! Eigene Schwäche und Bedürftigkeit zu zeigen ist oft hilfreicher als andern nur helfen, ihre Probleme zu lösen (Seite 97). Das Evangelium sage, dass wir sündiger sind als wir je geglaubt haben, und dass wir geliebter sind, als wir je zu hoffen gewagt haben. Jesus biete uns einen Tausch an: Sünde zu- und abgeben und Gerechtigkeit erhalten (nach 2. Korintherbrief 5,21; Seite 101). Die Bibel berichtet auch ungeschminkt über Glaubenshelden wie Abraham, der mit seinen Nachkommen ein Wahrheitsproblem hatte, und David, der und seine Nachkommen ein Treueproblem hatten. Gerade Kleingruppen könnten schwierige Fragen wie Kontrollsucht, Aggression, Streitkultur, Konflikt-bewältigung, Vergebung und Wiederherstellung zu Themen machen, um diese in einem vertrauten Klima zu bearbeiten und über Erfahrungen auszutauschen. Die Herkunftsfamilie objektiv zu sehen ist schwer, gerade auch, weil wir ein Teil davon sind, und es Geheimnisse und ungeschriebene Regeln gibt, die schwer zu fassen sind. Aber die Wahrheit über uns selbst zuzugeben ist wichtig, weil es der Ausgangspunkt der Veränderung sein wird (Seite 148). Wenn wir uns dafür entscheiden, den unpopulären Weg der Schwäche und Zerbrochenheit zu wählen, werden Menschen von uns angezogen sein, so wie sie von Jesus angezogen wurden. Als Scazzero aus Verletzlichkeit heraus zu reden und zu leiten begann, stellten viele Menschen fest, dass sie ihm vertrauen konnten (Seite 156). Das Gebet des unbekannten Soldaten begleitete ihn dabei: „Ich bat Gott um Stärke, aber machte mich schwach, damit ich Bescheidenheit und Demut lernte. Ich erbat seine Hilfe, um grosse Taten zu vollbringen, aber er machte mich kleinmütig, damit ich gute Taten vollbrächte. Ich bat um Reichtum, um glücklich zu werden, aber er machte mich arm, damit ich weise würde. Ich bat Gott um alle Dinge, damit ich das Leben geniessen könne; aber ich erhielt nichts davon, was ich erbat; aber alles, was gut mich war. Gegen mich selbst wurden meine Gebete erhört. Ich bin unter allen Menschen ein gesegneter Mensch.“ Gott will, dass wir zu Vätern und Müttern des Glaubens heranwachsen, wie Jesus den Vater im Gleichnis des verlorenen Sohnes beschrieben hat: liebend, mitfühlend, umarmend, da seiend und freimütig vergebend und schenkend. Denn (nur) bedingungslose Liebe ist übernatürlich. Seelisch gesunde (oder vielleicht besser: geheilte) Menschen erkennen, verstehen und akzeptieren fröhlich Gaben und Grenzen der Persönlichkeit, Lebensphase, Lebenssituation und Belastbarkeit , die Gott ihnen gegeben und zugemutet hat. Sie anerkennen die Souveränität Gottes, das macht sie zufriedener und führt zu einer guten Selbsteinschätzung und -fürsorge. Scazzero bringt auch Beispiele amerikanischer Theologen, die Verluste erlitten und denen daraus Segen geworden ist, so Gerald Sittser: Trotzdem will ich das Leben lieben. Wie ein grosser Verlust zum Segen werden kann; und Nicholas Wolterstorff: Klage um einen Sohn. Letzter hat durch „das Prisma seiner Tränen einen leidenden Gott gesehen“. Verluste und Enttäuschungen sind eigentlich die Norm, nicht die Ausnahme. Wir brauchen Zeiten und Orte zum Trauern, der Verlust und der daraus entstandene Schmerz muss gespürt werden und darf nicht nur analysiert, verleugnet oder betäubt werden durch suchtartiges Verhalten wie Arbeiten und Konsumieren. Trauern macht barmherzig; und erst danach kann losgelassen werden. Wann wurde in ihrer Gemeinde das letzte Mal ein Klagelied gesungen? Es muss uns nicht wundern, dass Ängste und Depressionen heute stark zunehmen. In vielen Psalmen ist gemäss des amerikanischen Theologen Walter Brueggemann ein Ablauf und Muster vorgezeichnet: Es geht von Orientierung über Desorientierung zu Neuorientierung. Jesus hat drei Verhaltensweisen besonders gelebt und gezeigt: in die Welt der andern eintreten, an sich selbst festhalten und zwischen zwei Welten hängen. Es beginnt mit reflektivem Zuhören, der Gehörte erfährt diese Zuwendung als Liebe und wird zum Geliebten. Schon Jonathan Edwards hat gesagt: „Wenn wir in der Liebe leben, leben wir im Reich Gottes“. Und wenn wir wachsen wollen, müssen wir unsre Schutzpanzer sprengen lassen und ablegen.

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Sonntag, Oktober 05, 2014

Hotel der Zukunft

Als Hotelier interessieren mich auch Entwicklungen und Trends in unserer Branche. So bin ich auf das informative und überzeugende Papier „Hotel der Zukunft“ auf der folgenden Homepage gestossen: https://www.hotelleriesuisse.ch/files/pdf6/Hotel_der_Zukunft._Die_wichtigsten_Chancenmaerkte_der_oesterreichischen_Hotellerie_2009.pdf · Hotel als „Hotspot“ und temporäre Heimat: Arbeit und Freizeit vermischen sich zunehmend, so dass nicht mehr wichtig ist, ob jemand geschäftlich oder privat unterwegs ist, sondern dass diese Person sich im Moment an einem bestimmten Ort und Umfeld wohl fühlt (und wieder dorthin kommen will) · Erlebnis- und Lebensqualität: Zeit gilt heute und morgen mehr als Luxus als materielle Werte. Hotels mit Charme und stimmiger Atmosphäre werden mehr gefragt sein als anonyme, beliebig austauschbare Angebote, die keinen einmaligen und nachhaltigen Eindruck hinterlassen können · Gesundes Selbst und Selfness: Auszeiten und Zeiten der begleiteten Selbstreflexion werden stärker nachgefragte Reiseformate. Dazu braucht es aber angepasste Räumlichkeiten und Einrichtungen und vor allem Gastgeber und Mitarbeitende, die auf solche Kunden individuell und positiv eingehen können · Hotel wird zur Destination: Angebote und Design werden bestimmender als Geografie und Ort. Deshalb wird ein attraktiver Marktauftritt und eine ehrliche Kommunikation so bedeutungsvoll · Reisen beginnt vor dem Aufenthalt: Eigene Informationsbeschaffung, Austausch mit andern Usern und Vergleichsmöglichkeiten sind üblich geworden. Das beeinflusst kundenorientiertes Marketing und transparente Information und Kommunikation von Hotels und andern Anbietern enorm · Bewusste Nische statt anonyme Masse: Kunden und Reisende erwarten, dass ihre individuellen Bedürfnisse ernstgenommen und erfüllt werden; dafür reichen standardisierte und kategorisierte Angebote oft nicht mehr aus. Sie sind zwar die Basis für ein gutes Angebot, brauchen jedoch zusätzlich unterstützende Dienstleistungen (Support) und emotionale Zuwendung (Emotion, „Love“) Fragen zu den Thesen „Hotels der Zukunft“: · Stimme ich diesen sechs Thesen zu? · Wenn ja, warum und in welcher Gewichtung und Priorität? · Wenn nein, warum und habe ich alternative Vorschläge und Thesen?
Zeitgemässes Stadthotel in Leipzig

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Montag, Dezember 05, 2011

Koscherer Sex

Dieses unauffällige Buch von Shmuley (Kosename für Samuel) Boteach wurde aus dem Amerikanischen von Margot Schürings übersetzt und ist im Adwaita-Verlag in D-82383 Hohenpeissenberg im Jahr 2001 unter der ISBN-Nummer 3-934281-01-X erschienen.

Shmuley Boteach wurde 1966 in den USA geboren. Er hat jüdische Theologie studiert und wurde 1988 bei „Chabad-Lubawitsch“ in New York als orthodoxer Rabbiner ordiniert. Er ist heute einer der berühmtesten chassidischen Rabbis. Er ist mit einer australischen Jüdin verheiratet, und sie haben sechs Kinder. Ueberall, wo er als Rabbiner tätig war, nämlich in Los Angeles, New York und Oxford GB, konnte er das Interesse für den jüdischen Glauben enorm erhöhen und viele, gerade auch junge Menschen anziehen.

Ich habe schon einige, vor allem christliche Bücher über Sexualität in der Ehebeziehung gelesen. Doch „Koscherer Sex. Ein Leitfaden für Leidenschaft und Intimität“ des Juden Shmuley Boteach gehört zum besten, was es heute im jüdisch-christlichen Bereich zu diesem Thema gibt. Obwohl das Buch 286 Seiten umfasst, ist es leicht zu lesen, denn es ist in thematische Kapitel eingeteilt. Zwar hat es einige Wiederholungen drin, doch scheint mir dies ein berechtigtes Stilmittel zu sein, um gewisse Sachverhalte zu vertiefen und Aussagen zu verstärken. Der Titel ist sicher etwas gewöhnungsbedürftig, er könnte auch verständlicher mit „gottgewollter, heiliger oder reiner Sex“ wiedergegeben werden.

Obwohl dieser Rabbi das Buch bereits mit 35 Jahren geschrieben hat, kann er mit vielen Beispielen aus seiner vielfältigen Beratungstätigkeit als Rabbiner aufwarten. Auch seine eigene Lebensgeschichte hat er glaubwürdig eingewoben, das seinem ganzheitlichen Glaubensverständnis und seiner Lebensweise entspricht. So schreibt er bereits am Anfang, dass er durch die Scheidung seiner Eltern tief verletzt, unsicher und orientierungslos geworden sei. Sein Traum sei es danach immer gewesen, dass seine Eltern wieder heiraten würden. So ist es ihm zum Herzensanliegen geworden, auch weitere Herzen zu flicken und Wunden zu heilen. Glücklich verheiratet sein und bleiben gehört wesentlich zu diesem Anliegen. Denn ein Partner bestätigt das Gefühl, wertvoll, besonders, einzigartig und ein Ebenbild Gottes zu sein. Er oder sie ist jemand, der mir zuhört, mich schön findet, Fehler akzeptiert, Mängel ausgleicht und gerne viel Zeit mit mir verbringt. Und ein Ehepartner ist jemand, mit dem man exklusiv Sex hat: „Sex ist einziges und wichtiges Mittel, um Mann und Frau ein Leben lang unter einem Dach glücklich zu halten.“ (Seite 20)

Ein gesundes Liebesleben führt zu einer gesunden Ehe. Befreit von Hemmungen offenbaren beide Partner einander ihr innerstes Wesen. Das Judentum rühmt die verpflichtende Liebe zwischen Mann und Frau und sieht die körperliche Komponente gar als Metapher für die Liebe und Interaktion zwischen Gott und Mensch. Das Judentum achtet und fördert gar „erotische Kanäle der Kommunikation“. Sex in der Ehe soll leidenschaftlich sein und langfristige Gefühle der Verpflichtung bewirken. Daher zerstören schnelle Befriedigung und zu freizügige Bilder echte Intimität, die in einer Ehe erst aufgebaut wird. Und wir täuschen uns, dass im Westen viele ein erfülltes sexuelles Leben haben, denn Liebe ist spiritueller und wählerischer als Sex allein, weil sie auch Ganzheit und Geborgenheit will.
Liebe kann durch sexuelle Interaktion erhalten bleiben und veranlasst Mann und Frau, sich aneinander zu binden. Nach jüdischem Verständnis gab Gott Mann und Frau die Sexualität zum Spass, zur Fortpflanzung und zur Einheit. Die körperliche Interaktion erzeugt emotionale Intimität und transformiert den Charakter.

Ob ein Partner zu mir passt oder nicht, hat nichts mit einem objektiven universalen Massstab zu tun, sondern mit dem Gefühl, glücklich zu sein. Die Frau oder der Mann, zu dem du dich hingezogen fühlst, der dich liebt und der dich respektiert, ist der Beste, den du finden kannst. Wer den objektiv Besten sucht, degradiert diesen Partner zu einer Sache. Er oder sie ignoriert die Vielschichtigkeit, Tiefgründigkeit, Einzigartigkeit und Spiritualität der Menschen. Jeder besitzt einen „inneren Punkt“, der am besten sein Wesen ausdrückt. Wir sollten nach jemandem Ausschau halten, der die zentrale Komponente in unserem Leben verkörpert, die uns am meisten mangelt.
Nur wer Unschuld und Naivität in der Sexualität erhalten hat, kann natürliche, unkomplizierte und angenehme Augenblicke körperlicher Liebe erleben. Erinnerungen an frühere Liebhaber dagegen beeinträchtigen eine Beziehung. Viele Menschen sind in ihrer natürlichen Bindungsfähigkeit gehemmt, weil sie dauernd vergleichen, gerade auch mit früheren Partnern. Sex jedoch ist die Kunst des Seins, nicht der Leistung, des Wettkampfs und der Technik. Unser wichtigstes Geschlechtsorgan ist der Geist, der Attraktivität, Empfänglichkeit, Initiative, Kreativität, Spontaneität und Abenteuerlust hervorbringt und steuert. Selbstvertrauen entsteht vor allem durch eine langfristige und stabile Beziehung. Sexuelle Kompatibilität muss erarbeitet werden durch Liebe und Aufmerksamkeit, Anziehung und Attraktivität, so dass Glanz und Einmaligkeit der beiden Persönlichkeiten sichtbar wird.

Erst die Liebe schweisst wirklich zusammen, denn der Körper sei „das Fenster zur Seele“. Körper und Seele sind heilig, sie sind mit Respekt und Ehrfurcht zu behandeln, weil sie ein göttliches Gefäss sind. Sex sei heilig, weil er mystisch ist und eine Seele in die Welt bringen kann. Juden glauben, dass der Himmel nicht heiliger als die Erde ist, und dass das Transzendente im Immanenten zu entdecken und das Spirituelle im Körperlichen. Die Menschlichkeit ist ausgelassen zu feiern und zu zelebrieren, denn wir erfahren Gott auch durch die Nähe und Wärme eines andern Menschen. Und Gott gehört als spiritueller Partner in unsere Ehebeziehung, er wertet unser körperliches Vergnügen auf und heiligt es! Zu „koscherem“ Sex gehören Leidenschaft, Bescheidenheit und Respekt, sie fördern Intimität, Exklusivität und Privatheit. Diese Liebe enthält den Wunsch, jemand näher zu kommen, sich vertrauensvoll hinzugeben, zu teilen und nicht zu besitzen. Der Sexualakt ist auch eine Metapher für Gottes Schöpfung. Das Ziel dabei ist das Erreichen von Einheit und Symmetrie zwischen Mann und Frau (Seite 67), weil Persönlichkeit, Harmonie, Intimität und gemeinsamer Rhythmus betont werden. So verstanden ist Sex eine höhere Form von Kommunikation, bei der ständig das Reaktionstempo aufeinander abgestimmt wird. Das nennt man im Judentum Erkenntnis, Kenntnis oder Wissen. Besonders Frauen suchen nach tieferen und immer liebevolleren Ausdrucksmöglichkeiten. Die Zufriedenheit der Frau ist der Schlüssel für sexuelle Harmonie. Sexualität und Liebe dürfen einander nicht vorenthalten werden. Der Mann ist verpflichtet, seiner Frau Freude zu bereiten. Und Sexualität stellt die mächtigste Abhängigkeit des Mannes von der Frau dar. Eine Ehe eingehen ist immer ein Sprung ohne Garantie auf Glück und Dauer. Es ist ein vertrauensvolles und hoffnungsvolles Fallenlassen, was eine realistische und optimistische Sicht aufs Leben und die Menschen darstellt. Der Ehewunsch resultiert daher, dass wir unsere Verletztlichkeit einsehen, teilen und beschützen lassen wollen. Eheringe bedeuten beispielsweise, dass wir uns verpflichtet haben, dass wir zusammen gehören und ein gemeinsames Zuhause haben, dass wir exklusiv Sex miteinander haben und stolz auf unsern Partner sind. Und in diesem Zusammenhang noch ein typischer Satz von Boteach: „Es ist besser, die richtige Person zur falschen Zeit zu heiraten, statt die falsche Person zu richtigen Zeit.

Eine erfolgreiche Ehe braucht Leidenschaft und Intimität, Aufregung und Gelassenheit; wir sollen einander Geliebte und Freunde sein. Der Zyklus der Frau deutet diesen Wechsel bereits an: 16 Tage ist ausgeübte Sexualität möglich und 12 Tage nicht. Dann ist Kommunikation, Regeneration und Aufbau eines neues sexuellen Verlangens angesagt. Mann und Frau sollen lernen, eine libidinöse sexuelle Reserve aufzubauen.
Wir dürfen einander als ganze Personen betrachten, deshalb liegt der Fokus auch nicht bei bestimmten Körperteilen: Ein Mann soll die Genitalien seiner Frau nicht anstarren. Aber auch Prüderie ist Sünde in der Ehe, weil sie die Gefahr von Ehebruch erhöht. Masturbation ist nicht koscher und im Kontext der Ehe katastrophal, weil sie das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Sex mit dem Partner verringert (Seite 96).
Das gilt auch für Pornografie, denn sie ist fremdartig, ehebruchähnlich und erhöht Leidenschaft und Romanze eines Paares nicht. Denn entscheidend sei beim Liebesakt – so Boteach -, dass keiner der Partner an jemand andern denkt, sondern sich ganz auf seinen Partner konzentriert. Alles, was die sexuelle Energie stärker auf den Partner richtet und den Liebesakt aufregend macht, muss getan werden. Die Bibel wünscht sich Mann und Frau, die einander begehren. Sexualität in der Ehe muss eine Entdeckungsreise bleiben, die auch von andauernder Neugier aufeinander geschürt wird (Seite 125). Wir sollen uns immer wieder auf unseren Partner einlassen, der anders ist und fremd bleibt. Verhüllung zeigt Heiliges und Geheimes an. Beim Liebesakt selbst dagegen verbieten Rabbis Kleider, wozu auch Kondome gehören; hingegen ist Verhütung oft erlaubt, obwohl Kinder immer ein Segen sind. Der Vorteil des Liebesakts im Dunkeln ist, dass es die Vereinigung der ganzen Personen und nicht nur Körper unterstützt. Eine verdunkelte Umgebung fördert Ganzheitlichkeit, Phantasie und Kreativität. Dagegen gehören Fernseher und Computer nicht ins Liebesnest, weil sie das Zusammensein und die Einheit von Mann und Frau stören können.

Das Bedürfnis nach schneller Versöhnung nach Streit ist Ausdruck starker Liebe und weist auf eine gefestigte Ehe hin.
Juden anerkennen nur Gott als allmächtigen Herrscher, Satan dagegen wird als „gekaufter Agent Gottes“ angesehen. Das Ziel, gerade auch bei Versuchungen, besteht darin, das Gute und die moralische Stärke zu wählen, und sich nicht auf das Schlechte, das wir getan haben, zu konzentrieren. Jüdische Umkehr, Beichte und Busse zielen darauf ab, Falsches zu erkennen und zu bedauern, um in Zukunft das Gute zu tun. Deshalb ist Sünde Unterlassung des Guten. Eine einzige gute Tat, liebevolle Handlung oder romantische Geste kann bereits viel bewirken in einer Ehe und auch angehäuftes Leid beseitigen. Streitereien seien nicht zu schüren und damit aufzuwerten, denn sie sind es meistens nicht wert. Kommunikation ist kein Ersatz für Gefühle der Nähe, Sex jedoch kann ein Paar einander wieder näher bringen. Rabbis verbieten Sex nur bei Aerger und Wut; aber es ist auch nicht weise, Worte wie Oel ins Feuer zu giessen. Längere Gespräche sind dann wichtig, wenn sich beide bereits wieder etwas abgekühlt und beruhigt haben.

Die Ehe hilft uns, potentielle Tugenden und Talente zu manifestieren, sie ist auch ein Erziehungsinstrument, bei dem man lernt, sich von einer andern Person abhängig zu machen und einen anderen Menschen über sich zu stellen. „Wenn du deinen Partner als Besten behandelst, dann wird er zum Besten... Liebe besiegt fast alles: Ich liebe dich so sehr, dass ich bereit bin, Dinge zu tun, die ich nicht gerne tue.

Nach der Bibel und dem Judentum ist jeder Mensch unvollständig, das gilt sowohl körperlich als auch spirituell. Gott schuf die Frau aus der „Seite“, das ist eben nicht nur eine Rippe, er entfernte so die ganze weibliche Seite und vielleicht gar diesen Teil der Seele von Adam. Deshalb hat Gott dann gesagt: „Es ist nicht gut für den Menschen, alleine zu sein“, weil er durch die Trennung einsam und isoliert geworden ist. Sex kommt von „secare“, was in Teile schneiden oder aufteilen bedeutet. Es geht also darum, durch Sex das Getrennte und Geteilte wieder zusammenzuschweissen, zusammenzunähen und so zu heilen. Wirkliche Einsamkeit ist da am stärksten vorhanden, wenn dich niemand braucht. Eine wichtige Form der Liebe besteht darin, alleine hilflos zu sein, jemand zu brauchen und dies zu zeigen. Keiner kann alleine leben, und Leben heisst teilen, einander stärken und bereichern und so sensibel zu bleiben statt arrogant, paranoid, tyrannisch und unbeständig. Deshalb tun sich zu sichere, unabhängige Personen und deren Partner so schwer mit und in Beziehungen. „Beziehungen, die auf Unsicherheit aufgebaut sind, scheitern sicher.
Unser Partner ermöglicht, unser inneres Selbst zu vervollständigen. Er ist unsere andere Hälfte, die wir lieben und um die wir uns sorgen. „Dass es Menschen gibt, die an die Ehe glauben und verheiratet sind, ist ein grosser Hoffnungsschimmer und zeigt, dass es in dieser einsamen Welt immer noch Schönes gibt.“
Scheidung dagegen ist Trennung unserer selbst von uns selbst, sie ist perspektivelos wie Tod nach Schmerz und Leid. Jede Handlung und jede Beziehung, die zu viel Zeit und Energie vom Zusammenleben mit dem Partner abzieht, ist Untreue. Dazu gehören auch Arbeits- und Spielsucht und konkurrierende, ungesund starke emotionale Bindungen.
Diese menschliche Bedürftigkeit ist auch ein Hinweis auf Gott, den ich brauche, auf den ich vertraue als Fels meiner Rettung. Ohne Gottes Fürsorge und Gnade ist jede Anstrengung umsonst. Ich rufe nach der Liebe und dem Schutz meines Schöpfers (Seite 198).

Kinder vergrössern unsere Freiheit, sie konfrontieren uns mit ihrer Unschuld, wenn sie uns ihr unbedingtes Vertrauen schenken. Sie erinnern uns an die wichtigen Dinge im Leben, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit. Durch Kinder haben Mann und Frau etwas geschaffen, das Ausdruck ihrer Liebe und Verbindlichkeit ist und ihr Empfinden füreinander erhöht und verstärkt. Die Ehe der Eltern muss aber an erster Stelle kommen, Kinder müssen wissen, dass sich Mama und Papa innig lieben. Eltern müssen ihren Kindern Hoffnung geben, dass Liebe, Glück, Treue, Stabilität und Freundschaft erreichbare Ziele sind.

Mann und Frau gehören einander, deshalb sollen sie einander eifersüchtig beobachten, besonders die Frau den Mann, mit dem Ziel, eine feurige Liebe zueinander zu fördern. Sie werden einander nie ganz verstehen und ein Rätsel bleiben, was ständiges Umwerben erfordert. Romanze und Romantik hat das Ziel, Liebe und Wertschätzung auszudrücken. Affären dagegen sind selbstsüchtig und bereiten dem Partner irreversibles Leid. Heutzutage wollen wir schnell die Sinne befriedigen, wodurch das Leben oberflächlich geworden ist. Die Tiefe bleibt uns verschlossen. Sex mit Gefühlen kann zur spirituellen Erfahrung werden, er verbindet erfüllend und führt zu echter Intimität. Spirituelle Werte dienen der Seele, gemeinsamer Glaube ist ein sinnvoller Begegnungspunkt für ein Paar. Gott wird so gleichwertiger Partner in der Beziehung.
Der Lebenskampf wird heute im Westen generell zu tief bewertet, wir möchten, dass alle Dinge glatt verlaufen, ansonsten sind wir heillos. Wahrer Erfolg ist jedoch nicht Sieg, sondern Ausdauer, nicht aufgeben gilt auch in der Ehe. Nicht im Streit verharren, sondern den Partner zurückgewinnen. "Ehe ist nicht einfach eine Facette deines Lebens, sie ist dein Leben, dein Glück und dein Segen!"

Als Kriterien zur Partnerwahl sind Boteach folgende Punkte wichtig:
· Atttraktivität, Andersartigkeit, Ergänzung und gegenseitige Anziehung (nicht primär Gemeinsamkeiten)
· Ein gutes Herz, Werte, Ueberzeugungen und Achtung
· Kinderliebe, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und Wohltätigkeit
· Vorurteilsfreiheit und Optimismus
· Bescheidenheit, Demut, Lernkapazität und Vergebungsbereitschaft
· Eifersuchtsfähigkeit (in einem umwerbenden und gewinnenden Sinn)

Zusammenfassend zum Schluss: Koscherer Sex erinnert dich an den Namen des Geliebten und verbindet dich mit seiner Seele! Er führt dich über die körperlichen Begrenzungen hinaus zu spiritueller Integration und Transzendenz und erzeugt bleibende Gefühle. Er überwindet die Trennung und führt zwei Hälften einer Seele zusammen. Er befreit zwei Menschen von ihren Hemmungen und enthüllt immer tiefere Schichten des einen Partners. Er macht Menschen verletzlich und Herzen offen. Er setzt eine Beziehung in Gang und führt zu Initimität.

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Donnerstag, August 24, 2006

John Bradschaw: Das Kind in uns

Da ich viel lese und sammle, möchte ich meine wichtigsten Zusammenfassungen all denen zur Verfügung stellen, die daran interessiert sind.
"Das Kind in uns" von John Bradshaw, das bei Droemer in Münschen 1992 erschienen ist, hat mich tief beeindruckt, so dass ich es zusammengefasst habe.

Etwas zum Autoren: John Bradshaw kann man nicht gerade als astreinen Christen bezeichnen. Er beruft sich auch relativ selten explizit auf den christlichen Glauben, das macht ihn mir symphatisch. Trotzdem habe ich viel von seinen grundsätzlichen Gedanken über Familiensysteme gelernt, weil er fähig ist, komplexe, schwer durchschaubare Zusammenhänge in klare Sätze zu fassen und starke Ausdrücke zu kleiden. Er ist heute eine Kapazität auf dem Gebiet der Familientherapie. Er wuchs in Houston, Texas, auf und erlebte eine schwierige Kindheit, weil sein Vater Alkoholiker war. Er studierte katholische Theologie in Kanada, wandte sich kurz vor der Ordinierung von der Kirche ab und war dann als Psychotherapeut und Managementberater tätig. Er versteht es wie nur wenige Personen, die Prozesse, die wir als Kinder durchleben, zu reflektieren und in tiefsinnige Aussagen zu packen: Keiner von uns hat eine ideale Kindheit erlebt, wir alle haben kleinere oder grössere Verletzungen abbekommen. Diese wirken oft weit ins Erwachsenenalter hinein und bestimmen uns und unsere Beziehungen wesentlich mit. Von diesen Verletzungen und von Heilungsprozessen, die möglich sind, schreibt John Bradshaw in seinem 384seitigen Buch, das vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt wurde. Nachfolgend gebe ich nur einige prägnante Aussagen, die er vorwiegend im ersten Teil dieses Buches macht, weiter:

Aus „Narzisstische Störungen“ auf Seite 31: „Jedes Kind braucht vorbehaltslose Liebe – zumindest zu Anfang. Das Kind muss sich in den Augen eines wohlwollenden Erwachsenen spiegeln können, sonst hat es keine Möglichkeit, zu erfahren, wer es ist. Jeder von uns war zuerst ein Wir, bevor er ein Ich wurde. Wir brauchten ein Gesicht, in dem wir alle Teile unseres Selbst wie in einem Spiegel erkennen können. Wir brauchten die Gewissheit, dass wir uns auf die Liebe der Bezugsperson, die sich um uns kümmerte, verlassen konnten, Das waren unsere gesunden narzisstischen Bedürfnisse. Wenn sie nicht befriedigt wurden, wurde unserem Gefühl für unsere Ichhaftigkeit Schaden zugefügt.“

Aus „Vertrauensprobleme“ auf Seite 32: „Wenn Bezugspersonen nicht vertrauenswürdig sind, entwickeln die Kinder mit der Zeit ein tiefes Gefühl des Misstrauens. Die Welt erscheint ihnen als ein gefährlicher, feindseliger und unberechenbarer Ort. Das Kind muss dann lernen, immer auf der Hut zu sein und die Situation unter Kontrolle zu behalten. Es ist schliesslich überzeugt, „wenn ich alles unter Kontrolle habe, kann mich niemand überraschen und verletzen“.“

Aus „Störungen der Intimität“ auf Seite 38: „Viele erwachsene Kinder sind ständig zwischen der Angst vor dem Alleingelassenwerden und der Angst vor dem Verschlungenwerden hin und her gerissen. Die einen leben in ständiger Isolation, weil sie Angst haben, von einem anderen Menschen erdrückt zu werden. Die anderen sind nicht in der Lage, eine zerstörerische Beziehung zu beenden, weil sie panische Angst vor dem Alleinsein haben. Die meisten Menschen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen.“
Dazu weiter auf Seite 40: „Es ist unmöglich, Intimität zu realisieren, wenn man kein Selbstwertgefühl hat. Wie soll man sich einem anderen Menschen hingeben können, wenn man selbst nicht weiss, wer man ist? Wie soll man sich einem anderen mitteilen können, wenn man nicht weiss, wer man wirklich ist?
Eine Möglichkeit, ein starkes Gefühl für sich selbst zu entwickeln, besteht darin, feste Grenzen zu ziehen. Wie die Grenzen eines Landes beschützen uns auch die Grenzen unseres Körpers, indem sie uns signalisieren, wenn uns jemand zu nahe kommt oder versucht, uns in unangemessener Weise zu berühren.. Unsere selbstbestimmten Grenzen in der Sexualität sorgen dafür, dass wir uns sexuell sicher und geborgen fühlen. (Menschen, die instabile sexuelle Grenzen haben, haben häufig Sex, obwohl sie es gar nicht wollen.)“
Dazu weiter auf Seite 42: „Die Erniedrigung eines anderen Menschen zum Sexualobjekt ist die Geissel der wahren Intimität. Intimität erfordert zwei vollständige Menschen, von denen jeder den anderen als Individuum achtet.“

Aus "Denkstörungen" auf Seite 45 & 46: „Jean Piaget nannte Kinder „kognitive Fremdlinge“. Sie denken anders als Erwachsene und neigen zum Absoluten. Ihr Denken ist durch ein Alles-oder-Nichts-Prinzip gekennzeichnet. Wenn du mich nicht liebst, dann hasst du mich. Dazwischen gibt es nichts anderes. Wenn mein Vater mich verlässt, werden mich alle Männer verlassen. Kinder sind nicht logisch. Das lässt sich am besten an einem Phänomen zeigen, das man „emotionales Argumentieren“ nennt. Ich habe ein bestimmtes Gefühl, also muss es so sein. Wenn ich mich schuldig fühle, muss ich eine verderbte Person sein.
Kinder brauchen eine ausgewogene Erziehung, damit sie lernen, wie man das Denken vom Fühlen unterscheidet – wie man über Gefühle nachdenkt und ein Gefühl für seine Gedanken entwickelt. Kinder denken egozentrisch, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie alles personalisieren. Wenn Dad keine Zeit für mich hat, bedeutet das, dass mit mir irgend etwas nicht stimmt. Kinder interpretieren die meisten Beschimpfungen so. Sie sind von Natur aus egozentrisch, ohne dass das ein Zeichen für Egoismus im moralischen Sinn sein muss. Kindern fällt es eben noch schwer, den Standpunkt eines anderen Menschen einzunehmen.

Aus "Optimismus" auf Seite 56 & 57: „Der natürliche Lebensfunke des Kindes drängt es dazu, die Welt auf eine optimistische Art zu erforschen. Wenn seine Bezugspersonen auch nur in etwa berechenbar sind, lernt das Kind, der Aussenwelt zu vertrauen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Kinder gehen natürlicherweise davon aus, dass die Welt ihnen freundlich gesinnt ist; sie sind voller Hoffnung, und es erscheint ihnen nichts unmöglich zu sein. Dieser natürliche Optimismus und dieses Vertrauen sind der Kern dessen, was uns die Natur mitgegeben hat, und die Säulen des sogenannten „kindlichen Glaubens“.
Dieser natürliche Optimismus und das Vertrauen der Kinder machen sie so verwundbar. Wenn ein Kind seinen Bezugspersonen völlig vertraut, ist es sehr verletzlich, wenn es beschimpft oder auf andere Weise angegriffen wird.

Aus "Naivität" auf Seite 58: Die Eltern oder die anderen erwachsenen Bezugspersonen müssen Geduld haben und verständnisvoll sein. Wenn ihnen diese Eigenschaften fehlen, erwarten sie zuviel von ihrem Kind. In den meisten Fällen von Kindesmisshandlungen, die mir bekannt sind, war der misshandelnde Elternteil fest davon überzeugt, dass das Kind in böser Absicht gehandelt hatte. Alle diese Erwachsenen hatten von dem Kind einen Reifegrad erwartet, der seinem tatsächlichen Alter überhaupt nicht entsprach.“

Aus "Einzigartigkeit" auf Seite 65 & 66: „Das natürliche Gefühl eines Kindes für Werte und Würde ist sehr anfällig, da es ständig von der unmittelbaren Rückmeldung und dem Echo der Bezugsperson abhängt, von der es versorgt wird. Wenn die Bezugsperson dem Kind kein wirklichkeitsgetreues und liebevolles Feedback gibt, verliert es das Gefühl dafür, dass es etwas Besonderes und Einzigartiges ist.
Zur Spiritualität gehört etwas, das tief in uns verborgen liegt und unser authentischster Teil ist – unser wahres Selbst. Wenn wir spirituell sind, stehen wir im Kontakt mit unserer Einzigartigkeit und Besonderheit. Das ist unser elementares Sein, unsere Ichhaftigkeit. Zur Spiritualität gehört ausserdem ein Gefühl für die Verbindung mit etwas, was grösser ist als wir selbst, und auf das wir uns gründen. Kinder sind von Natur aus gläubig – sie wissen, dass es etwas gibt, was grösser ist als sie selbst.
Ich glaube, dass unsere Ichhaftigkeit der Wesenskern dessen ist, was unsere Aehnlichkeit mit Gott ausmacht. Wenn ein Mensch ein Gefühl für diese Qualität hat, ist er in Harmonie mit sich und kann sich selbst annehmen. Kinder können das von Natur aus. Schauen Sie sich irgendein gesundes Kind an, dann werden Sie bei ihm einen Ausdruck erkennen, der besagt: „Ich bin, wer ich bin.“ Interessanterweise sagt Gott zu Moses in der Theophanie des brennenden Dornbuschs (Exodus 3,14): „Ich bin der „Ich-bin-da“.“ In diesem ICH BIN liegt der tiefste Sinn menschlicher Spiritualität, der alle Eigenschaften einschliesst, die mit dem Wertvollen, Besonderen verbunden sind. Im Neuen Testament findet sich immer wieder eine Situation, in der Jesus dem „Einzelnen“ die Hand reicht: dem verirrten Lamm, dem verlorenen Sohn, dem Menschen, der es verdient, dass man sich bis zum letzten Atemzug für ihn einsetzt. Der „Einzelne“ ist der, der er ist; es hat ihn vorher nie gegeben und es wird ihn auch nicht noch einmal geben.“

Aus "Liebe" auf Seite 66 & 67: „Kinder sind von Natur aus prädestiniert, zu lieben und ihre Zuneigung auszudrücken. Trotzdem muss jedes Kind erst geliebt werden, bevor es selbst lieben kann. Es lernt lieben, indem es selbst geliebt wird. Montagu schreibt: “Von allen menschlichen Bedürfnissen ist das Bedürfnis, geliebt zu werden ... das elementarste ... Es ist ein Bedürfnis, das uns menschlich werden lässt.“
Kein Säugling besitzt die Fähigkeit zu einer reifen, altruistischen Liebe. Er liebt auf eine Art, die seinem Alter entspricht. Die gesunde Entwicklung des Kindes hängt davon ab, dass es von einem Menschen geliebt wird, der es vorbehaltlos akzeptiert. Wenn dieses Bedürfnis befriedigt wird, wird die Liebeseneregie des Kindes freigesetzt, so dass es andere lieben kann.
Wenn das Kind in der Seele des Erwachsenen so schwer verletzt worden ist und unter solchen entbehrungen leiden musste, kann der Erwachsene später nur noch einen schwachen Widerhall aus der Welt der anderen Menschen wahrnehmen. Sein Hunger nach Liebe lässt ihn nie los. Das Bedürfnis bleibt bestehen, und das verletzte Kinde in ihm füllt diese Leere auf die Weise aus, die ich beschrieben habe.“

Aus "Sexueller Missbrauch" auf Seite 70: „Darunter versteht man, dass das Kind von einem Erwachsenen zur Befriedigung seiner sexuellen Lust missbraucht wird. Das Kind lernt dadurch, dass es für den Erwachsenen nur dann eine Bedeutung hat, wenn es sich sexuell betätigt. Die Folge einer solchen Verletzung ist, dass der Mensch als Erwachsener glaubt, er könne wahre Liebe eines anderen Menschen nur dann erringen, wenn er ein phantastischer Liebhaber oder ein sexuell ungewöhnlich attraktiver Mensch ist. Es gibt viele Formen des sexuellen Missbrauchs. Die nichtkörperlichen sind die, die am häufigsten nicht erkannt werden und das Opfer auf die schlimmste Weise neurotisieren.
Um nichtkörperlichen oder emotionalen sexuellen Missbrauch richtig verstehen zu können, müssen wir begreifen, dass die Familie ein soziales System ist, das seine eigenen Gesetze hat...
Das Familiensystem besteht ausserdem aus Komponten, von denen die wichtigste die Ehe ist. Wenn die Intimbeziehung der Ehe gestört ist, übernimmt das Familienprinzip des Gleichgewichts und des Ausgleichs das Regiment. Die Familie braucht eine gesunde Ehe, um im Gleichgewicht bleiben zu können. Wenn das Gleichgewicht gestört ist, drängt die Dynamik die Kinder dazu, es wiederherzustellen.
Die Faustregel lautet: Wenn ein Kind für einen Elternteil wichtiger ist als der eigene Partner, entsteht die Gefahr sexuellen Missbrauchs, der darin besteht, dass der Vater oder die Mutter das Kind für seine eigenen Bedürfnisse benützen. Ein derartiges Verhalten kehrt die natürlichen Verhältnisse um. Die Eltern sind dazu da, den Kindern Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen Orientierungen zu vermitteln, nicht, um sie zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu benützen, denn benützen bedeutet soviel wie missbrauchen.“

Aus Epilog „Nach Hause, Elliott, nach Hause!“ auf Seite 381: „Wie sehr wir uns auch anstrengen, um das Kind in uns zurückzugewinnen und zu beschützen, es bleibt trotzdem in jedem von uns eine gewisse Leere. Ich nenne das den „metaphysischen Blues“. Es ist natürlich ein freudiges Ereignis, wenn wir das Kind in uns zurückgewinnen und in unsere Obhut nehmen. Für viele von uns ist es ein Gefühl, als ob sie zum erstenmal wirklich nach Hause kämen. Aber auch wenn wir uns sicher fühlen und einander verbunden sind, haben wir alle doch noch eine Reise durch die Finsternis vor uns. Und so erschreckend das auch sein mag, es sehnt sich trotzdem jeder von uns tief in seinem Innersten danach. Denn gleichgültig, welche Träume in Erfüllung gehen, immer erleben wir auch so etwas wie eine kleine Enttäuschung, wenn wir an einem dieser Ziele angelangt sind. Dann sagen wir mit Dante, Shakespeare und Mozart: War das alles?
Ich glaube, dass dieses Gefühl der Enttäuschung dadurch entsteht, dass wir alle noch ein anderes Zuhause haben, wo wir wirklich hingehören. Ich glaube daran, dass wir alle aus der Tiefe des Seins kommen und dass dieses Sein uns wieder zurückruft. Ich glaube, dass wir von Gott kommen und dass wir Gottes Geschöpfe sind. Gleichgültig, wie gut es uns geht, wir sind nie wirklich zu Hause. Augustinus, auch ein verletztes Kind, hat das schön ausgedrückt: „Du hast uns für Dich selbst erschaffen, O Herr, und unsere unruhigen Herzen finden erst Frieden, wenn sie in Dir ruhen.“ Das wird dann endlich unsere wahre Heimkehr sein.“


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