Montag, Mai 01, 2017

Nehmen und Geben - Glauben und Empfangen

Volf zitiert die kanadische Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Natalie Zemon Davies, die drei Arten von Geben unterschieden hat: • Zwangsmodus: wir nehmen verbotenerweise. . . . • Kaufmodus: wir erwerben legal. . . . • Schenkmodus: wir geben grosszügig. . . . Gott sei nicht der selber empfangende Geber, sondern der unendliche und absolut liebende Geber (Seite 76). Wir sollen Gott ähnlich, aber nicht gleich werden. Weihnachten dürfe daher nicht zum gegenseitigen Schenken verkommen, sondern soll im Sinn Gottes auch ein einseitiges sein, das vom Empfänger nicht wirklich erwidert werden kann! Paulus hat von der Gemeinde, in der er jeweils tätig war, nie Geld für sich angenommen, sondern nur um an andere weiterzugeben. Der Philipperbrief ist ein einziges langes Dankeschön, aber Paulus dankte ihnen an keiner Stelle; denn der Geber war Gott, und die Philipper waren nur sein Kanal. Das biblische Verständnis von Gleichheit verträgt es, dass der eine mehr hat und der andere weniger; aber nicht, dass der eine Überfluss und der andere Mangel hat (Seite 104). Kain war wie Adam und Eva ein „Nehmer“, während Abel ein „Geber“ war. Kain scheute daher nicht zurück, Abel das Leben zu nehmen. Sünde ist eine Art Gegengabe, eine perverses Gegenmittel, das all die guten Gaben neutralisiert und verdirbt. Auch als Sünder sind wir noch Gottes gute Schöpfung; aber wir sind wie Wasser, das durch Tinte gefärbt und verschmutzt ist.
Gott sei weder ein unerbittlicher Richter noch ein alter Opa, sondern ein Gott, der gerne vergibt, weil er nichts brauche (Seite 169). Luthers Problem war nicht psychologischer Natur, sondern theologischer Art, weil er Gott als unbestechlichen Richter und zornig aus Liebe ansah (Seite 173). Rabbinisch gesprochen verdankt die Schöpfung ihre Existenz Gottes Vergebung (Seite 175). Luther hielt es für ein grosses Problem, dass die Menschen egozentrisch seien; Volf stellt daher die berechtigte Frage, wie wir das denn heute sehen würden? Bei der Vergebung gehe es in der Tiefe nicht darum, etwas zu sagen, sondern etwas zu tun. Gott vergab, indem er Jesus als Sühneopfer hinstellte. In Christus versöhnte Gott die Welt mit sich selber. Gott hat die Sünden der Menschen auf Gott gelegt; er trägt die Last unserer Vergehen (Seite 187). Nach Luther liegen unsere Sünden auf Christus und sind in Christus verschlungen; er bekleidet uns mit seiner Gerechtigkeit und verwandelt uns in christusähnliche Menschen auf dem Weg zur neuen Schöpfung. Der Glaube klammere sich an Christus wie ein Ring einen Edelstein umfasse. Im Glauben öffnen wir die Hände, um Christus zu empfangen. Unsere Grundsünde sei es, Gott nicht ganz zu vertrauen, und infolge dieses Versagens fallen wir in viele verschiedene konkrete Sünden. Zudem tun wir so, als ob wir das, was wir haben, nicht von Gott empfangen hätten (Seite 197). Schuld bekennen heisst, dass wir durch das Tor der Beschämung in das Land der Freiheit treten (Seite 199).

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Miroslav Volf: Umsonst

Miroslav Volf wurde 1956 in Osijek, im damaligen Jugoslawien und heutigen Kroatien, geboren. Er hat in Kroatien, im deutschen Tübingen und am Fuller Theologican Seminary im kalifornischen Pasadena Theologie studiert. Er ist heute einer der einflussreichsten anglikanischen Theologen, die zudem dem Evangelikalismus nahe stehen. Aufgrund seiner Erfahrungen im Jugoslawienkrieg und der Unabhängigkeit Kroatiens vertritt er bewusst eine Theologie der Befreiung, der Versöhnung und der Gewaltlosigkeit, ohne aber naiv zu sein. Gegenwärtig ist er Professor an der Yale University in New Haven, Connecticut, USA. . . . . . . . . . . . . . Zum Buch: Der Originaltitel heisst Free of Charge und ist 2005 bei Zondervan in Grand Rapids erschienen. 2012 ist das Werk mit dem Titel Umsonst - Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Kultur, im Brunnen Verlag Giessen unter der ISB-Nummer 978-3-7655-1185-1 erschienen. Das äusserlich eher unscheinbare Buch ist ein theologisch durchdachtes Buch, wie man es von Volf gewohnt ist! Es beginnt mit dem Präludium „Die Rose“, worin Volf viel Persönliches preisgibt, indem er beispielsweise über die bewegende Adoption seiner zwei Söhne schreibt. Er benutzt hier bewusst eine Sprache des Herzens, denn die Augen seien gemäss dem kleinen Prinzen von Saint Exupéry blind, man müsse mit dem Herzen suchen. Damit gibt er auch eine passende Haltung vor, mit der dieses Buch mit Gewinn gelesen und verstanden werden könne. . . Volf weist schon im ersten Kapitel darauf hin, dass unser Gottesbild nicht mit der Gottesrealität identisch sei. Gott sei weder ein Kuhhandelgott noch ein Weihnachtsmann, sondern ein rein Schenkender. Er brauche zwar nichts von uns, und doch verlange er mehr von uns, als wir ihm geben könnten. Alles, was wir ihm schenken können, hat er uns schon längst gegeben. Luther habe den Unterschied von Gottes und des Menschen Liebe betont: aus dem Nichts und durch Reflektion. Glauben heisse daher, Gottes Gaben bereitwillig empfangen; sich dem Geber gegenüber angemessen verhalten und Gott die leeren Hände hinhalten, dass er sie fülle (Seite 52). Von Gott im Glauben empfangen ist die höchste Würde des Menschen. Glaube ist ein Wohnen Gottes in uns und zum Wohl der Schöpfung wirken. Wer Gott dankt, sagt dem göttlichen Geber, dass er das, was er von ihm bekommen hat, wertschätzt; er gibt Gott die Ehre dafür.

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Dienstag, April 25, 2017

8. Agape, der Klang des Lebens (Schluss)

Im achten Kapitel, auf den Seiten 301 bis 323, geht es um Agape, den Klang des Lebens. Schleske schildert hier eindrücklich den Unterschied zwischen Sesshaften und Pilgern. Sesshafte würden über die richtige Exegese von Expetitionsberichten streiten; Pilger dagegen gingen aus dem Lager hinaus und würden auf den, der sie führt, hören (Seite 300). . . . . Die Tora gebiete Solidarität und nicht Selbstliebe und Sentimentalität. Die hebräische Unschärfe und ihre Mehrdeutigkeiten bezeugen den Respekt vor der Wirklichkeit; sie lassen sich ergänzen durch ein wahrhaftiges Leben (Seiten 303-304). Unsere Aufgabe sei nicht das Wesen, sondern die Anwesenheit Gottes in dieser Welt zu schützen (Seite 309). Der Glaube werde durch die Liebe und nicht durch Recht und Schwärmerei geschützt. Vertrauen und Verantwortung führten zu einem reifen Glauben (Seite 316). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epilog (auf Seiten 324 bis 326): Schleske glaubt an einen Gott, der in allem wirkt und durch alles spricht. Gott sei eine verletzliche Berufung, eine hörende Liebe und ein verletzbarer Sinn, um ihn zu erhören. . . . . . . Nachwort (auf Seiten 327 bis 329): Schleske bezeichnet Gott als überstrahlende Hauptperson seines Buches. Er schliesst mit einem Text von Martin Buber, den er verehrt, und der aus seinem vergessenem Buch „Gottesfinsternis“ von 1953 stammt. Darin geht es um den missbrauchten und richtig gebrauchten Namen Gottes, der ein Wort des Anrufs und zum Namen gewordenes Wort sein will, der echte und tiefe Gemeinschaft unter Menschen stiften kann.

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Dienstag, April 11, 2017

Martin Schleske: Herztöne

Der deutsche Geigenbauer und Physiker Martin Schleske hat ein zweites geistliches Buch vorgelegt mit dem Titel: Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens. Es ist bei adeo Gerth in Asslar 2016 erschienen mit der ISB-Nummer 978-3-86334-076-6. Die Fotos haben Donata Wenders und Tobias Kreissl gemacht, die Holzschnitte sind von Martin Schleske selbst gefertigt worden. Der 1965 geborene Schleske ist ein renommierter Geigenbauer der Gegenwart, der in Landsberg an der Lech, in der Nähe von München lebt und dort sein eigenes Geigenbauatelier betreibt. 2010 veröffentlichte er ein erstes Buch mit dem Titel Der Klang, worin er sein Wissen und seine Erfahrung als Geigenbauer zur Beschreibung der Gottesbeziehung nutzt. Er definiert darin den Menschen als Instrument, das Gott zum Klingen bringen will und so seine wichtigste Bestimmung findet. Auch im Geigenbau sei nicht das Instrument an sich das Ziel, sondern der schöne, volle und einzigartige Klang, der sich mit einer Geige erzeugen lässt und die Zuhörer erfreut. So gesehen ist das Buch Herztöne eine Fortsetzung und Vertiefung dieser Vergleiche. Er beschreibt erneut Arbeitschritte und Werkzeuge, die er als Geigenbauer verwendet, und die ihm zur Glaubensanschauung und -stärkung geworden sind. Schon im Umschlag macht er dazu wesentliche Aussagen; so vorne: Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen. Und auch hinten: Etwas zu beherzigen ist vielleicht das schönste Wort für glauben. Denn es bedeutet, dass du den Dingen, die du erkannst hast, in deinem Herzen Raum gibst. Beherzigen heisst, innere Heimat geben. Ein Gast, den du aufgenommen hast, wird zu dir sprechen. Kirchenraum in Franken

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Sonntag, November 27, 2016

Kapitel 4: Leben in der Kolonie: Die Kirche als Fundament christlicher Ethik

Christliche Ethik ist kirchenabhängig und auch Sozialethik (Seite 107 und 120). Was die Kirche von den Menschen verlangt, ist zu schwierig für den Menschen als Einzelnen. Bei christlicher Gemeinschaft geht es vielmehr darum, den Weg Jesu gemeinsam mit all jenen zu gehen, die er zu sich ruft. Die Bergpredigt geht davon aus, dass uns als isolierten Individuen die ethischen und theologischen Ressourcen mangeln, die ein glaubenstreues Leben ermöglichen. Die (eigentliche) Frage ist vielmehr: Was für eine Art Gemeinschaft braucht es, um eine Ethik der Gewaltlosigkeit, der ehelichen Treue, der Vergebung und Hoffnung zu stützen? Die Bergpredigt ist eschatologisch – also endzeitlich – qualifiziert; in Christus hat Gott ja bereits dafür gesorgt, dass die Weltgeschichte ein gutes Ende nimmt. Und sie zitieren E. Stanley Jones: Wir haben die Welt mit einer abgeschwächten Form von Christentum infiziert, damit sie über kurz oder lang immun wird gegen alle Formen echten Christentums. . . . . . . . . . . . . . Kapitel 5: Ganz normale Menschen. Christliche Ethik. Für Hauerwas und Willimon die entscheidende Frage nicht: Existiert Gott?, sondern: Was für ein Gott existiert? (Seite 140) Ethik ist also die Frage des rechten Sehens und dann des rechten Handelns. Glauben und Glaubensstärkung geschieht vor allem durch Vorbilder und Nachahmung, die Beispiele sind in der Kirche zu finden.

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Dienstag, März 17, 2015

Der Weg durch die Mauer (Seiten 132-151)

Scazzero sieht einen gesunden, reifen Glauben in Stufen entstehen und durch Widerstände wachsen: 1. Vertrauen in Gott 2. Lernen: in Glauben hineinwachsen, Jesus nachfolgen 3. Dienen im Leben 4. Vertiefen (oft durch Krisen ausgelöst): Reise nach innen, um die Schallmauer zu überwinden (Johannes vom Kreuz hat sie „die dunkle Nacht der Seele oder des liebenden Feuers“ genannt) 5. Anwenden: Reise nach aussen 6. Wachsen in der Liebe, neue Schritte tun Kennzeichen der Reife seien: · Bindungsfähigkeit und Beleidigungstoleranz: Hineinwachsen in echte Demut · Heiliges Nichtwissen: Akzeptieren und Verstehen der Nähe und Ferne Gottes („Wenn du verstehst, dann ist es nicht Gott, den du verstehst.“ Augustinus. „Dies ist die endgültige Erkenntnis über Gott: zu wissen, dass wir nichts wissen.“ Thomas von Aquin. „Je mehr ich über Gott weiss, desto weniger weiss ich von ihm.“ Peter Scazzero, Seiten 146 und 147) · Warten auf Gott, auf seinen „Kairos“ · Irdisches dankbar geniessen und bereits loslassen lernen, denn es geht in dieser Welt und im Leben nicht um mich; ich habe nichts im Griff und werde auch einmal sterben, um die unverhüllte Liebesgemeinschaft mit Gott zu erfahren

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Sonntag, März 15, 2015

Peter Scazzero: Glaubensriesen – Seelenzwerge

Das zweite Buch des New Yorker Pastors und Buchautors Peter Scazzero, das ich hier vorstellen möchte, heisst: Glaubensriesen - Seelenzwerge. Geistliches Wachstum und emotionale Reife. (Im amerikanischen Original: Emotionally Healthy Spirituality. Unleash a Revolution in Your Life in Christ.) Die deutsche Fassung ist im Brunnen-Verlag Giessen 2008 unter der ISBN-Nummer: 978-3-7655-1494-4 erschienen. Zum Inhalt: Scazzero stellt in diesem Buch eine Analyse ungesunder christlicher Spiritualität dar und legt Konzepte vor, die zu emotionaler Gesundheit und einer tieferen Spiritualität führen können, sofern man bei sich genau hinschaut und sich von Gott verändern lässt. Ungesunde Spiritualität sei eine Frömmigkeit, die nicht wirklich in die Tiefe gehe und von Gott wegführe (Seite 25). Sie zeige sich an folgenden Symptomen: . Gott benutzen, um vor ihm zu fliehen („Mein statt dein Wille geschehe“) . Negativ besetzte Gefühle ignorieren (wie Wut, Traurigkeit oder Angst) . Falschen Dingen absterben („Nur wer ein Ich ausgebildet hat, kann es auch hingeben; nur was lebenshindernd ist, soll losgelassen werden; das Lebensfördernde ist hingegen zu bejahen!) . Vergangenheit leugnen oder glorifizieren . Leben in säkulare und heilige Bereiche aufteilen (selektieren führt zu Doppelleben und Heuchelei) . Taten für Gott statt leben mit ihm (wie in unserer Leistungsgesellschaft) . Konflikte geistlich übertünchen (Selbstbetrug statt Wahrheit) . Gebrochenheit, Schwachheit und Versagen bemänteln und überdecken (statt dazu zu stehen wie in vielen Psalmen darüber gesprochen und weitere biblische Personen dargestellt werden) . Grenzenlos leben und immer verfügbar sein (nicht nein sagen können) . Andere verurteilen (Überheblichkeit). Emotionale Gesundheit definiert Scazzero wie folgt (Seite 49): . Gefühle erkennen, benennen und steuern . Mitgefühl für andere empfinden und entwickeln, ohne sie ändern zu wollen . Beziehungen eingehen und pflegen . Zerstörerische Muster erkennen und aufgeben . Vergangenes erkennen und einordnen können . Direkte Kommunikation einüben lernen, Bedürfnisse verbal artikulieren . Selbsteinschätzung vornehmen können (Stärken, Schwächen, Grenzen) . Konfliktlösung suchen, die beide Seiten berücksichtigt . Eigene Sexualität wahrnehmen, einordnen und ausdrücken lernen . Trauern zulassen und durchgehen

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Montag, Dezember 17, 2012

Tomas Halik: Geduld mit Gott

Der Tscheche Tomas Halik hat die Geschichte von Zachäus originell aktualisiert. Sein Buch, das 2010 im Herderverlag Freiburg mit der ISBN-Nummer 978-3-451-30382-1 herausgekommen ist, heisst ganz einfach: "Geduld mit Gott". Etwas zum Autor: Tomas Halik wurde 1948 in der Tschechoslowakei geboren. Er wuchs also in einem kommunistischen Staat auf, der auch einen materialistischen Atheismus propagierte. Er studierte Soziologie und Religionsphilosophie, er konnte jedoch wegen seiner christlichen Gesinnung nicht Karriere machen und Dozent werden. 1978 wurde er in der DDR zum römisch-katholischen Priester geweiht. Nach der Wende studierte er in Rom weiter, später wurde er sogar externer Berater von Vaclav Havel. Heute ist er Professor für Soziologie in Prag und Rektor der Universitätskirche. Nun zum Inhalt: Tomas Halik setzte sich intensiv mit dem Atheismus in seiner Heimat auseinander. Aus diesen Erfahrungen kann er sagen: „Mit Atheisten bestimmter Prägung kann ich die Wahrnehmung der Abwesenheit Gottes in der Welt nachvollziehen. Ich erachte ihre Deutung dieses Gefühls jedoch für übereilt... Das Schweigen Gottes und die beklemmende Gottesferne bedrängen oft auch mich... Ich kenne drei Arten von Geduld angesichts der Abwesenheit Gottes: es sind dies Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Aus Ueberzeugung zitiert er Adel Bestavros, der gesagt hat: „Geduld mit andern ist Liebe, Geduld mit sich selbst ist Hoffnung, Geduld mit Gott ist Glaube.“ Zusammen mit dem Philosophen Slavoj Zizek möchte er das authentische Erbe des Christentums nicht fundamentalistischen Sonderlingen überlassen, weil es zu wertvoll sei. In der biblischen Person des Zöllner Zachäus erkennt er jene Menschen wieder, die Distanz wahren, aber durch Anrede und Dialog wahr werden und Gott nahe kommen. Dieses Geschehen sei auch geheimnisvoll, ein unerschöpfliches Geheimnis des Glaubens. Glaube sei Nachfolge, ein nie endender Weg durch diese Welt. Gott sei nicht leicht zu haben, mit ihm müsse man ringen. Man darf sich seiner nicht zu sicher, aber eben auch nicht zu gleichgültig sein. Die Liebe zu Gott lasse uns seltsame Gedanken und Prüfungen erdulden, Thérèse von Lisieux sprach in diesem Zusammenhang von der „Nacht des Nichts“, die eine Art Entkleidung des Glaubens sei. Den Unglauben überwältigen könne der Glaube nur, wenn er ihn umarmt. Der Gläubige zeige sich auch darin solidarisch mit dem Ungläubigen. Denn Atheismus sei nicht Lüge, sondern nicht zu Ende gesprochene Wahrheit. Gott sei stets grösser, mehr als es unsere Vorstellungen erlauben. „Glaube ist ein Weg der leidenschaftlichen Suche nach Gott“, das hat bereits Sören Kierkegaard festgestellt und gesagt. Und Gott sei deshalb so unbekannt, weil er eigentlich so nahe ist. Für Halik gilt deshalb: „Christi Auferstehung muss eine Provokation, eine Torheit, ein Skandal bleiben; wollten wir dieses zentrale Geheimnis unseres Glaubens beweisen, dann würden wir es um seine Kraft bringen.“ (Seite 174). Mit Martin Heidegger stellt Halik fest, dass die Technik fast alle Entfernungen überwunden hat, aber trotzdem keine wirkliche Nähe geschaffen hat. Zudem seien heute die Bilder der Medien eine Art „Antimeditation“. Das zwinge uns auch zur Erneuerung unserer religiöser Sprache. Verstaubte und abgenutzte Wörter sollten wir in jene ursprüngliche Quelle des Glaubens eintauchen. Diese befreiende und verwandelnde Freude durften bereits Thomas, Maria Magdalena, Zachäus und die blutflüssige Frau in ihrer Begegnung mit Jesus erfahren (S. 215). Das Privileg der Heiligen sei, die eigene Sündhaftigkeit wirklich scharf zu sehen. Das führe unweigerlich zum Weinen über die Sünde und zum Gott preisen für seine Barmherzigkeit. Denn nicht die schmerzvolle Reue sei wesentlicher Bestandteil der Umkehr, sondern Vertrauen in die Macht Gottes und Vergebung. Und wie Gott mir tut, so tue ich auch dir! Die bekannte Geschichte im Lukasevangelium Kapitel 15 nennt er das Gleichnis der verlorenen Söhne; denn der Weg beider Söhne gehe am Vater, der hier für Gott stehe, vorbei. Sowohl Beliebigkeit und Lasterhaftigkeit als auch Bravheit und Moralität seien falsche Wege; sich selbst und andere abwerten oder sich überheben verfehlen je das Ziel. Insgesamt ein spannendes, gut lesbares, apologetisches Werk mit schlüssigen und nachvollziehbaren Argumenten. Es passt bestens in unsere Zeit, in der Glaube an Gott stark in Frage gestellt wird. Halik dreht deshalb den Spiess um, indem er die Ungeduld, die Vorurteile und die Selbstgefälligkeit der Menschen kritisiert. Denn bereits früh war er dem rauen Wind seiner Zeit ausgesetzt, so dass er Worte und Formulierungen suchen musste, um neue, glaubwürdige Antworten für kritische und skeptische Zeitgenossen zu finden.

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Dienstag, Juni 14, 2011

Die aussergewöhnliche Kommunikation von Jesus

Der Evangelist Johannes überlieferte uns viele Gespräche, bei denen die Gesprächspartner Jesus Fragen stellten, aber seine Antworten nicht auf Anhieb verstanden. Ein Grund war, dass seine Worte nicht nur eine unmittelbare und natürliche Bedeutung, sondern auch einen weiteren, übertragenen und geistlichen Sinn hatten. Und dafür waren nicht alle Leute offen und zugänglich, denn dieses Neue bedrohte ihren Lebensstil, ihre Gewohnheiten und vor allem ihre Machtverhältnisse. So kam es auch zu Unverständnis, Missverständnissen und Konflikten, die Jesus oft im weiteren Gesprächsverlauf aufnahm und dann seine Sendung und Gottes Sichtweise weiter ausführte:

1. Missverständis (Jo 2,18-21) Tempelabbruch, aber Jesus ist der eigentliche Tempel:
Da begannen die Juden zu reden und sagten zu ihm: Was für ein Zeichen zeigst du uns, dass du dieses tun darfst? Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn errichten!
Da sagten die Juden: In sechsundvierzig Jahren wurde dieser Tempel erbaut, und du willst in drei Tagen errichten? Er aber sprach von dem Tempel seines Leibes.

2. Missverständnis (Jo 3,2-21) Neugeburt, aber der Glauben an Jesus ist eine Geburt aus Wasser & Geist:
Dieser (=Nikodemus) kam zu ihm nachts und sagte zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du von Gott gekommen bist als Lehrer. Denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. Jesus antwortete und sagte zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er nicht das Reich Gottes sehen! Nikodemus sagt zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, (wenn er) ein Greis ist? Kann er etwa in den Leib seiner Mutter zum zweiten Mal hineingehen und geboren werden?
Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, (so) kann er nicht hineingehen in das Reich Gottes! Das Geborene aus dem Fleisch ist Fleisch, und das Geborene aus dem Geist ist Geist! Wundere dich nicht, dass ich gesagt habe zu dir: Es ist nötig, (dass) ihr von oben geboren werdet. Der Wind weht, wo er will, weht und sein Brausen hörst du, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist jeder Geborene aus dem Geist! ...

3. Missverständis (Jo 4,9-26) Trinkwasser, aber Jesus ist das lebendige Waser:
Da sagt die samaritanische Frau zu ihm: Wieso bittest du, der du ein Jude bist, von mir zu trinken, die ich eine samaritanische Frau bin? Denn Juden verkehren nicht mit Samaritanern.
Jesus antwortete und sagte zu ihr: Wenn du kenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken, du hättest ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben!
Die Frau sagt zu ihm: Herr, einerseits hast du kein Schöpfgefäss, andererseits ist der Brunnen tief, woher hast du das lebendige Wasser? Bist du etwa grösser als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben hat und selbst aus ihm getrunken hat und seine Söhne und seine Viehherden?
Jesus antwortete und sagte zu ihr: Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird keinesfalls dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird ihm eine sprudelnde Wasserquelle werden zum ewigen Leben. ...

4. Missverständnis (Jo 6,25-58) Vergängliches Essen, aber Jesus ist das wahre Brot des Lebens:
Nachdem sie ihn jenseits des Sees gefunden hatten, sagten sie zu ihm: Rabbi, wann bist du hierher gekommen?
Jesus antwortete ihnen und sagte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr gegessen habt von den Broten und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die vergängliche Speise, sondern (für) die bleibende Speise ins ewige Leben, die der Sohn des Menschen euch geben wird! Denn diesen hat Gott, der Vater, bestätigt.
Da sagten sie zu ihm: Was sollen wir tun, damit wir die Werke Gottes wirken?
Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Dies ist das Werk Gottes, dass ihr glaubt an (den), den er gesandt hat.
Da sagten sie zu ihm: Welches Zeichen tust du denn, damit wir sehen und dir glauben? Was wirkst du?
Unsere Väter haben das Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben ist: Brot aus dem Himmel hat er ihnen gegeben zu essen. Da sagte Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot aus dem Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot aus dem Himmel. Denn das Brot Gottes ist der aus dem Himmel herabkommt und der, welcher der Welt Leben gibt.
Da sagten sie zu ihm: Herr, gib und allezeit dieses Brot!
Jesus sagte zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens, der zu mir kommt, wird keines falls hungern. Und wer an mich glaubt wird keinesfalls jemals dürsten. Aber ich habe euch gesagt, dass ihr einerseits mich gesehen habt, andererseits glaubt (ihr) nicht! Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich keinesfalls nach draussen hinausstossen. Weil ich herabgekommen bin vom Himmel, deshalb tue ich nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich geschickt hat. Dies aber ist der Wille dessen, der mich geschickt hat, dass ich von all dem, was er mir gegeben hat, nichts verliere aus ihm, sondern lasse es am letzten Tag auferstehen. Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben hat. Und ich werde ihn am letzten Tag auferstehen lassen. ...
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt hat ewiges Leben! Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das aus dem Himmel herabkommt, damit man von ihm isst und nicht stirbt. Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er leben in Ewigkeit. Und auch das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.
Da stritten die Juden miteinander (und) sagten: Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben?
Da sagte Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Sohnes des Menschen esst und sein Blut trinkt, habt ihr nicht Leben in euch! Der mein Fleisch isst und mein Blut trinkt hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferstehen lassen am letzten Tag. Denn mein Fleisch ist (die) wahre Speise und mein Blut ist (der) wahre Trank. Der mein Fleisch isst und mein Blut trinkt bleibt in mir, und ich in ihm! Wie mich der lebendige Vater gesandt hat, und ich lebe durch den Vater, so wird auch der mich isst, durch mich leben! Dies ist das Brot, das aus (dem) Himmel herabgekommen ist, nicht wie die Väter gegessen haben und gestorben sind. Der dieses Brot isst wird in Ewigkeit leben.

5. Missverständnis (Jo 7,33-39) Trinkwasser, aber der Geist lässt Ströme lebendigen Wassers fliessen:
Da sagte Jesus: Noch eine kurze Zeit bin ich bei euch, und ich gehe weg zu dem, der mich geschickt hat. Ihr werdet mich suchen, und ihr werdet mich nicht finden, und wo ich bin, (da) könnt ihr nicht kommen.
Da sagten die Juden zueinander: Wohin will dieser gehen, dass wir ihn nicht finden können? Will er etwa in die Zerstreuung unter den Griechen gehen, und die Griechen lehren? Welcher Art ist dieses Wort, das er gesagt hat: Ihr werdet mich suchen, und ihr werdet mich nicht finden, und wo ich bin, (da) könnt (ihr) nicht kommen?
Aber an dem letzten Tag, dem grossen des Festes, stand Jesus und rief (und) sagte: Wenn jemand dürstet, er komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fliessen. Dies aber sagte er von dem Geist, den die zum Glauben an ihn Gekommenen empfangen sollten. Denn noch nicht war (der) Geist (da), weil Jesus noch nicht verherrlicht war.

6. Missverständis (Jo 8,21-59) Nachkommen Abrahams, aber Jesus war bereits vor Abraham beim Vater:
Da sagte Jesus zu den an ihn zum Glauben gekommenen Juden: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaftig meine Jünger! Und ihr werdet erkennen die Wahrheit, und die Wahrheit wird euch frei machen.
Sie sagten als Antwort zu ihm: Nachkommen Abrahams sind wir, und niemandem haben wir als Knechte jemals gedient. Wie sagst du: ihr werdet frei werden?
Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht.
Aber der Knecht bleibt nicht im Haus für die Ewigkeit, der Sohn bleibt für die Ewigkeit.
Wenn also der Sohn euch freimacht, werdet ihr wirklich frei sein! Ich weiss, dass ihr Nachkommen Abrahams seid, aber ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Platz hat in euch! Was ich gesehen habe beim Vater, (das) rede ich. Auch ihr tut also, was ihr gehört habt vom Vater.
Sie antworteten und sagten zu ihm: Unser Vater ist Abraham!
Jesus sagt zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abrahams wärt, (dann) würdet ihr die Werke Abrahams tun! Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe. Dies hat Abraham nicht getan! Ihr tut die Werke eures Vater!
Da sagten sie zu ihm: Wir sind nicht im Ehebruch gezeugt worden; einen Vater haben wir, Gott!
Jesus sagte zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben! Denn ich bin von Gott ausgegangen und gekommen. Denn auch von mir selbst bin ich nicht gekommen, sondern er hat mich gesandt! Weswegen versteht ihr meine Rede nicht? Weil ihr nicht hören könnt mein Wort! Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun! Er war ein Menschenmörder von Anfang an, und in der Wahrheit steht er nicht, weil in ihm keine Wahrheit ist! Wenn er die Lüge redet, redet er aus dem Eigenen, weil er ein Lügner und Vater der Lüge ist! Ich aber, weil ich die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht. Wer von euch überführt mich wegen einer Sünde? Wenn ich (die) Wahrheit rede, weswegen glaubt ihr mir nicht? Der aus Gott ist hört die Worte Gottes, deswegen hört ihr nicht, weil ihr nicht aus Gott seid! ...

7. Missverständnis (Jo 11,1-27) Tod des Lazarus, aber Jesus ist die Auferstehung und das Leben:
Aber einer war krank gewesen, Lazarus von Betanien, aus dem Dorf (der) Maria und Marta, ihrer Schwester. Maria war aber die den Herrn gesalbt hatte mit Salböl und seine Füsse getrocknet hat mit ihren Haaren; deren Bruder Lazarus war krank. Da sandten die Schwestern zu ihm (und) sagten: Herr, siehe, den du liebst ist krank!
Jesus hatte (dies) gehört aber sagte: Diese Krankheit ist nicht zum Tod, sondern um der Herrlichkeit Gottes willen, damit der Sohn Gottes verherrlicht werde durch sie. Aber Jesus liebte Marta und ihre Schwester und Lazarus. Als er nun gehört hatte, dass er krank sei, da blieb er zwar an dem Ort er war zwei Tage. Dann danach sagt er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen! Die Jünger sagen zu ihm: Rabbi, eben suchten dich die Juden zu steinigen, und wieder gehst du dorthin? Jesus antwortete: Sind nicht zwölf Stunden (am) Tag? Wenn jemand am Tag umhergeht, stösst er nicht an, weil er das Licht der Welt sieht. Wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stösst er an, weil das Licht nicht bei ihm ist! Dies sagte er, und danach sagt er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, ist eingeschlafen. Aber ich gehe, damit ich ihn aus dem Schlaf aufwecke. Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er eingeschlafen ist, wird er geheilt werden. Gesprochen hatte aber Jesus von seinem Tod; sie aber meinten, dass er vom Schlummer des Schlafs rede. Da sagte Jesus ihnen nun mit Offenheit: Lazarus ist gestorben! Und ich freue mich euretwegen, damit ihr glaubt, dass ich nicht dort war. Aber lasst uns zu ihm gehen! ... Marta sagt zu ihm: Ich weiss, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tag.
Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt. Und jeder der lebt und an mich glaubt wird keinesfalls sterben in Ewigkeit. Glaubst du dies?
Sie sagt zu ihm: Ja, Herr, ich bin zum Glauben gekommen, dass du der Gesalbte, der Sohn Gottes bist, der in die Welt kommt! ...

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Sonntag, Mai 15, 2011

Johannesevangelium ist symmetrisch aufgebaut


Angeregt durch den komponierten Aufbau der Bergpredigt, den ich durch Dieter Kemmler kennengelernt habe, ist mir kürzlich aufgefallen (oder zugefallen), dass auch das Johannesevangelium einen genau strukturierten Aufbau und Ablauf hat mit vielen Entsprechungen und Analogien vom Anfang an und vom Ende her. Dabei zielt es auf eine "Mitte", ein Zentrum, bei dem Jesus sagt in 11,25: "Ich bin die Auferstehung..." Und er fordert auch uns damit zu einer persönlichen Antwort heraus!

Mitte/Spitze/Zentrum Johannesevangelium ist 11,25 & 26:

Jesus sprach zu ihr (=Martha):
Ich bin die Auferstehung.
Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.
Und jeder, der lebt und an mich glaubt,
wird in Ewigkeit nicht sterben.
Glaubst du das?


Jo 11,1: Maria hatte Füsse Jesu gesalbt - Jo 11,25: Maria salbte Füsse Jesu
Jo 10,11: Hirte gibt Leben für die Schafe - Jo 12,24: Weizenkorn stirbt
Jo 9,5: Ich bin das Licht der Welt - Jo 12,46: Ich bin als Licht in die Welt g.
Jo 9,4: Werke des Gesandten wirken - Jo 13,15: Tut, wie ich euch getan h.
Jo 8,29: Der Vater hat mich gesandt - Jo 14,6: Zum Vater kommt niemand ausser durch mich
Jo 8,28: Wie mich der Vater gelehrt hat - Jo 15,9: Wie mich der Vater geliebt hat
Jo 7,37-39: Ströme lebendigen Wassers werden fliessen (=Geist) - Jo 16,5-15: Geist der Wahrheit wird euch führen
Jo 7,6: Jesus: Meine Zeit ist noch nicht da - Jo 17,1: Jesus: Vater, die Stunde ist gekommen
Jo 6,67-71: Bekenntnis des Petrus & Profetie über den Judas - Jo 181-11: Verrat des Judas & Leugnung des Simon Petrus
Jo 6,15: Die Leute wollten Jesus zum König machen - Jo 19,1-22: Jesus wird als König der Juden bezeichnet
Jo 6,1-13: Hunger des Volks & Jesus vermehrt 5 Brote & sättigt es - Jo: Jesus sagt: Mich dürstet! Und er bekommt Essig
Jo 5,19-4: Jesus sagte zu ihnen: Der Vater hat mir die Werke gegeben zu vollbringen - Jo 19,28+29: Es ist vollbracht!
Jo 4,43-5,18: Jesus kümmert sich & heilt zwei Kranke - Jo 19,31-42: Zwei Männer kümmern sich um den Leichnam Jesu
Jo 4,1-42: Jesus redete mit Samariterin; viele glauben auf das Wort der Frau hin. "Er hat mir alles gesagt!" - Jo 20,11-18: Jesus redete mit Maria Magdalena. "Er hat mir dies gesagt!"
Jo 3,1-21: Glaubensgespräch Jesu mit Nikodemus - Jo 20,19-29: Glaubensaufforderung Jesu an Thomas
Jo 2,1-12: Weinmangel; Wunder unter Einbezug der Diener: Füllt... Schöpft & bringt! - Jo 21,4-8: Fischmangel; Wunder unter Einbezug der Jünger: Werft... Bringt!
Jo 1,29: Johannes zu Jesus: Siehe, das Lamm Gottes! - Jo 21,15: Jesus zu Simon Petrus: Weide meine Lämmer!
Jo 1,1-14: Im Anfang war das (Tat)Wort... Und das Wort wurde Fleisch - Jo 21,25: was Jesus getan hatte

Versuch einer Begründung: Das Neue Testament ist in griechischer Sprache zu uns gekommen. Wir haben es mit unserer abendländischen, westlichen und rationalen Sichtweise gelesen und interpretiert. Dabei hat es auch viele Fehl- und Missdeutungen gegeben; Unbekanntes hat man erst gar nicht wahrgenommen. All diese Versäumnisse wären weniger entstanden, wenn man bereits früher mehr beachtet hätte, dass diese Bücher hebräisch gedacht und konzipiert und mit aramäischen Stilmitteln geschrieben wurden. Im Morgenland wurde Bedeutendes und Wichtiges auch formal anders dargestellt und mittels Wiederholungen, Symmetrien, symbolische Zahlen und Uebertreibungen verstärkt und betont.

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