Sonntag, April 16, 2017

5. Weisheit, das neue Denken

Im fünften Kapitel, auf den Seiten 199 bis 232 schreibt Schleske über die Weisheit Gottes, ein erneuertes und verändertes Denken. Er behauptet beispielsweise, dass die Schechina, das Wohnen Gottes, dem Heiligen Geist entspreche. Ein liebender Glaube gleiche mehr einem aufgeschlagenen Zelt als einem unumstösslichen Tempel (Seite 215). Es tue der Wahrheit Gottes keinen Abbruch, wenn unser Glaube sie färbe. Gottes Anwesenheit sei in unsere Hände gelegt, wir können sie annehmen oder ihr ausweichen. Schleske interessiert jeweils nicht, was jemand von Gott weiss, sondern wie er Gott liebt, ihn erkennt und tut (Seite 222). Jesus im Purpurkleid stehe als geschändete Schechina da. Schon in der Bergpredigt warb Jesus in neun Schichten für die Nähe Gottes, um eine Zunahme der Gottespräsenz in jedem Menschen (Seite 225-228). Wenn das Leben an Stimmigkeit und Gottespräsenz gewinne, so werde es weiter, verbindlicher, inniger und auch wirksamer.
Zelt und "Heiligtum" in der Wüste Marokkos

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Sonntag, April 09, 2017

Klaus Berger: Die Bibelfälscher

Klaus Berger hat mit Die Bibelfälscher - Wie wir um die Wahrheit betrogen werden; ein weiteres Werk verfasst, das im Münchner Pattloch-Verlag 2013 unter der ISBN 978-3-629-02-185-4 erschienen ist. Er ist ein katholischer Christ, der viele Jahre Neues Testament an der evangelischen Fakultät der Universität Heidelberg gelehrt hat. Er ist eine prägnante Persönlichkeit, die sich auch heute nicht scheut, Glaubensaussagen zu machen, die gegen die Mehrheitsmeinung im deutschsprachigen Raum stehen. So ist es nicht erstaunlich, dass auch dieses Buch Die Bibelfälscher Widerspruch erfährt, teilweise zu Recht, da auch mir nicht alle seine Argumente eingeleuchtet haben. Aber etliche Passagen sind so gut formuliert und daher bedenkenswert, dass ich sie hier bringen will: Klaus Berger bezeichnet seine eigenen Positionen mit Sed contra, also mit Gegenpositionen. Seine Hauptaussage ist, dass die liberale Bibelexegese, die sogenannte Bibelkritik, Bibeltexte umdeute, verliere dabei Historie und werde so zum geschichtsfreien Glauben. Er behauptet zudem etwas vollmundig, dass in den letzten vierzig Jahren die deutsche Exegese nichts Relevantes hervorgebracht habe. Rudolf Bultmann habe Theologie betrieben, indem er den (philosophischen) Filter von Martin Heidegger gehabt habe. Berger dagegen stellt folgende Prämissen für die Bibelexegese auf: 1. Aus der Geschichte für die Geschichte. 2. Historizität spiele eine unterschiedliche Rolle, je nach Textform und –gattung. 3. Im Zweifelsfall für den Text; deshalb ihn so stehen lassen, wie er überliefert wurde. 4. Mystische Fakten seien nicht zu begründen (und können nicht immer erklärt werden). 5. Göttliche Macht übersteige menschlichen Mangel; deshalb gebe es „Siegeslieder“ 6. Charismatische Erfahrung hebe Grenzen auf, auch die zeitlichen. . . . . . . Zur Bergpredigt schreibt Berger ab Seite 116: • Gott sei der Geduldige, Friedensstiftende, Barmherzige und Treue • Der Mensch solle Gott ähnlich werden durch den Ruf Jesu in die Nähe und Nachfolge • Ziel sei Gott schauen; Nachfolge sei Jesus anschauen; daher sei selig sein wichtig Berger findet es zu anmassend, Worte Jesu in echte und unechte einzuteilen, da wir nicht Augenzeugen waren (Seite 143). Wesentlich sei, was Wort und Tat über Gott sagt (Seite 150). Die Religion Jesu und der Urchristen war mystisch und apokalyptisch (Seite 155). Das jüdische Gesetz sei (mit dem Neuen Testament) nicht aufgehoben worden, aber in seiner kultisch-rituellen Seite durch Jesus Christus erfüllt. Die Gleichnisse Jesu seien keine Mahnreden, sondern haben eine Pointe und zielen aufs Zukünftige. Die Bibel soll vom Regal auf den Tisch, damit sie entstaubt und mit neuer Lust gelesen werde (Seite 299)! Zentral sagt mir die Bibel etwas über Jesus (Seite 300): • Bibel sagt es in vier Evangelien und offenbart damit Mut zur Vielfalt • Bibel sagt es in Apostelbriefen, die Jesus auslegen für Fragen und Sorgen der Menschen • Bibel sagt uns, dass Gott drei Gesichter hat: Vater, Sohn und Heiliger Geist • Bibel erzählt uns von Menschen, die bis zum Tod mutig ihren Glauben bezeugten. Die Bibel erzähle davon, dass Gott die Übermütigen in alle Winde zerstreut, dass er die Mächtigen vom Thron stürze und die Elenden aufrichte. Die Bibel sagt mir, dass und warum die Liebe das Grösste sei. Die Bibel lehre uns vor allem beten (Seite 301)! Vieles aber sage die Bibel nicht, und sie frage auch nicht danach (Seite 304). Berger definiert gegen Schluss eine gute Bibelauslegung, sie sei dann gut: • Wenn wir daraus ein Gebet formen können. • Wenn wir Gott und die ganze Wirklichkeit sehen. • Wenn der Bibeltext zu reden beginne und nicht erdrückt werde durch Lehre, Regeln, Systeme und Theorien. • Wenn Gottes Gegenwart kräftig werde. • Wenn um Worte und Sätze gerungen werde. • Wenn vorhandene Spannungsfelder aufrecht erhalten bleiben: Gott – Mensch, Israel – Heiden, Allmacht – Böses, Liebe - Gericht.

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Sonntag, November 27, 2016

Kapitel 4: Leben in der Kolonie: Die Kirche als Fundament christlicher Ethik

Christliche Ethik ist kirchenabhängig und auch Sozialethik (Seite 107 und 120). Was die Kirche von den Menschen verlangt, ist zu schwierig für den Menschen als Einzelnen. Bei christlicher Gemeinschaft geht es vielmehr darum, den Weg Jesu gemeinsam mit all jenen zu gehen, die er zu sich ruft. Die Bergpredigt geht davon aus, dass uns als isolierten Individuen die ethischen und theologischen Ressourcen mangeln, die ein glaubenstreues Leben ermöglichen. Die (eigentliche) Frage ist vielmehr: Was für eine Art Gemeinschaft braucht es, um eine Ethik der Gewaltlosigkeit, der ehelichen Treue, der Vergebung und Hoffnung zu stützen? Die Bergpredigt ist eschatologisch – also endzeitlich – qualifiziert; in Christus hat Gott ja bereits dafür gesorgt, dass die Weltgeschichte ein gutes Ende nimmt. Und sie zitieren E. Stanley Jones: Wir haben die Welt mit einer abgeschwächten Form von Christentum infiziert, damit sie über kurz oder lang immun wird gegen alle Formen echten Christentums. . . . . . . . . . . . . . Kapitel 5: Ganz normale Menschen. Christliche Ethik. Für Hauerwas und Willimon die entscheidende Frage nicht: Existiert Gott?, sondern: Was für ein Gott existiert? (Seite 140) Ethik ist also die Frage des rechten Sehens und dann des rechten Handelns. Glauben und Glaubensstärkung geschieht vor allem durch Vorbilder und Nachahmung, die Beispiele sind in der Kirche zu finden.

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Freitag, Februar 13, 2015

Schalom Ben-Chorin: Bruder Jesus

Dies ist gar kein neues Werk, sondern ein Buch, das erstmals 1967 bei List in München erschienenen ist mit dem Untertitel: Der Nazarener in jüdischer Sicht. Eine spätere Auflage kam 1977 beim Taschenbuch Verlag in München unter der ISBN-Nummer: 3-423-01253-6 heraus. Zum Autor: Schalom Ben-Chorin wurde 1913 in München geboren und studierte Literaturgeschichte bei Artur Kutscher und vergleichende Religionswissenschaft bei Joseph Schnitzer. Nach mehrfacher Verhaftung durch die Gestapo emigrierte er 1935 nach Jerusalem. Er gilt als Vorkämper für ein besseres Verhältnis zwischen Juden und Christen, im speziellen zwischen Israelis und Deutschen. Für sein Wirken erhielt er viele Auszeichnungen, so den Leo-Beack-Preis 1959 des Zentralrats der Juden in Deutschland, das Bundesverdienstkreuz 1969 und die Buber-Rosenzweig-Medaille 1982. Zum Buch: Wie der Titel sagt, sieht Ben-Chorin Jesus als Bruder und nicht als Messias. Doch seine Darstellung ist nicht abwehrend und gar abwertend, sondern wohlwollend, argumentierend und begründend von seiner Herkunft, dem Judentum, her. Er sieht Jesus in der eher sanftmütigen Tradition von Hillel, während er Johannes den Täufer der schroffen Schule von Schammai zuordnet. Die Synagoge war und ist „Beth-Haknesseth“, das Haus der Versammlung für den Wortgottesdienst, wo im Geist und in der Wahrheit angebetet wird. Nach Samson Raphael Hirsch ist das Gebet der innere Gottesdienst, der eine Vorbereitung zum tätigen ist und seinen Zweck nur in ihm findet. Im Judentum zur Zeit Jesu stehe das Liebesgebot klar über dem Kultgebot. Jesus begann seine öffentliche Tätigkeit als „Schedim“, als Arzt; damals waren Heilender und Heiliger noch ungetrennt; Daneben gab es auch „Rabbis“ und „Zaddiks“. Die Bergpredigt bezeichnet er als jüdisches Lehrgut in der Tradition des Rabbiners Jesus. „Maschal“ sind Gleichnisse, die damals eine übliche Erzählform waren. Die Gleichnisse des verlorenen Schafs, des verlorenen Groschens und des verlorenen Sohns im Lukasevangelium 15 waren sogenannte „Teschuba“-Gleichnisse, in denen Gnade vor Recht herrscht. Vollkommenheit lasse sich auf Heiligkeit zurückführen. Wohltätigkeit sei ein Akt der „Zedeka“, der Gerechtigkeit. „Bejn adam le-chavero“ waren Gebote zwischen den Menschen, „bejn adam la-makom“ Gebote zwischen Gott und Mensch. Gott sei der Ort der Welt, nicht die Welt sei der Ort Gottes. Das Unser Vater-Gebet stehe der jüdischen Art zu beten nahe: „Dein Name werde geheiligt“ komme auch im Kaddisch-Gebet vor, „Dein Reich komme“ drücke die jüdische Naherwartung von Gottes Herrschaft aus und „Unser tägliches Brot gib uns heute“ war ein wichtiges Anliegen der damaligen Zeit, in der viele in bitterer Armut leben mussten. Ben Chorin macht darauf aufmerksam, dass es für den Begriff „Menschensohn“ zwei hebräische Wörter gibt: „Bar Enosch“, der in Daniel 7,13+14 messianisch gebraucht wird, und „Ben Adam“, der bei Hesekiel für einen Propheten vorkommt. Jesus sei vor allem ein Wanderprediger im provinziellen Galil gewesen, er habe Jünger gehabt, habe Gleichnisse erzählt, gepredigt und Kranke und Dämonisierte geheilt. Das Wallfahren nach Jerusalem zum Heiligtum geschah zu Passah, Schawuoth (Wochenfest) und Sukkoth (Laubhüttenfest). Die Palmzweige, die Jesus willkommen geheissen haben, könnten aufs Laubhüttenfest hinweisen. Der Gang Jesu nach Jerusalem zum Tempel fand ein- oder dreimal statt, worüber die synoptischen Evangelien und das Johannesevangelium unterschiedlich berichten. Analog dazu gibt es auch die Lesung der Tora auf zwei Arten, einmal pro Jahr im Rahmen des Babylonischen Talmuds, dreimal im palästinensischen Talmud. Die Juden haben in Beziehung zu den römischen Machthabern drei ganz verschiedene Strategien gewählt, die auch in anderen Bereichen festzustellen sind: ·Assimilation, Anpassung durch die Sadduzäer; ·Gegnerschaft, Kampf durch die Zeloten; ·Ignoranz, Aussteigertum durch die Pharisäer und Essener. Das Abendmahl fand während dem jüdischen Sedermahl statt, unter dem griechischen Einfluss kamen dabei auch Elemente wie die Polster des Symposions dazu. Das Passah mit Lamm, Mazzen und Bitterkraut bestand aus fünf Schritten: ·„wehozejti“: Überschreitung, Becher der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft; ·„wehizalti“: Mazzoth, Fest der ungesäuerten Borte mit Becher der Rettung; ·„wegaalti“: Chag-Haaviv, Frühlingsfest der Erlösung; ·„welakachti“: Seman Cheruthenu, Zeit der Annahme unserer Befreiung; ·Essig mit Ysop war der 5. Becher, von dem Jesus wünschte, dass er an ihm vorübergehe. Der Prozess gegen Jesus war ein kurzer politischer Prozess gegen einen jüdischen Patrioten, jedoch mit langen Folgen. Die Voruntersuchung geschah durch Hannas, der nächtliche Vorprozess war unter Kaiphas und endete mit einer Vollsitzung des Syhedrions. Der rote Mantel, der Jesus umgelegt wurde, weckt zwei Assoziationen, ein jüdische und eine römische: ·Der Hohepriester zog spezielle Kleider an am Versöhnungstag; ·Römische Offiziere und der Cäsar trugen rote Mäntel. Die Bezeichnung am Kreuz „INRI“ weist nicht nur auf den König der Juden hin, sondern kann auch als Anspielung auf den Gottesnamen „JHWH“ verstanden werden: „Jeschu(a) Hanozri Wumelech Hajehudim“.

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Mittwoch, Oktober 27, 2010

Rob Bell zur Lehre von Jesus

Die Bibel muss ausgelegt werden. Wenn sie nicht ausgelegt wird, kann sie auch nicht in die Tat umgesetzt werden. Wenn es uns also ernst ist mit Gott, dann müssen wir die Bibel auslegen. Man kann nicht "einfach tun, was die Bibel sagt". Man muss erst einmal festlegen, was das für uns bedeutet....

Die alten Rabbis verstanden, dass die Bibel noch nicht abgeschlossen ist und interpretiert werden muss. Und sie verstanden, dass ihre Rolle in der Gemeinschaft darin bestand, zu forschen und zu meditieren, zu beten und zu diskutieren und dann eben ihre Entscheidungen zu treffen. Rabbis sind wie Dolmetscher, die den Menschen helfen zu verstehen, was Gott ihnen durch den Text sagt und was es bedeutet, den Text ins Leben umzusetzen....

Man beachte, was Jesus in einer seiner ersten Botschaften sagt: "Meint nur nicht, ich bin gekommen, das Gesetz ... aufzuheben. Im Gegenteil, ich werde es voll zur Geltung bringen und erfüllen." Damit meint er im Wesentlichen: "Ich bin nicht gekommen, das Wort Gottes abzuschaffen; ich bin gekommen, den Menschen zu zeigen, wie es aussieht, wenn das Gesetz vollkommen ausgelebt wird, bis ins kleinste i-Tüpfelchen. Ich bin hier, um den Worten Fleisch und Blut zu verleihen." ...

Ein Rabbi, der mit "shmikah" (hebräisches Wort für Vollmacht) lehrte, sagte beispielsweise: "Ihr habt es so gehört ... aber ich sage euch ..." (steht in Matthäus 5,21 & 22 & 27 & 28 & 31-34 & 38 & 39 & 43 & 44!). Damit will er sagen: "Ihr habt eine bestimmte Auslegung dieses Verses gehört, aber ich sage euch, was Gott eigentlich mit diesem Vers meint." Die Rabbis hatten einen Fachausdruck für diesen endlosen Prozess des Verbietens und Erlaubens und Interpretierens. Bei ihnen hiess das "binden und lösen". Etwas zu "binden" hiess, es zu verbieten. "Lösen" hiess, etwas zu erlauben (So auch Jesus zu Petrus in Matthäus 16,19 und allgemein in 18,18)...

Hier passiert etwas Bedeutsames. Er gibt Menschen, die sich an ihm orientieren, die Vollmacht, die Bibel neu zu interpretieren. Er gibt ihnen die Erlaubnis zu sagen: "Das haben wir an diesem Vers bisher nicht beachtet. Kürzlich erst sind wir zu dem Schluss gekommen, dass er eigentlich das und das bedeutet."

(Aus: Rob Bell in "Jesus unplugged" Brunnen Giessen 2006 (Ausschnitte von Seiten 41-45, minim abgeändert.)

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Montag, Oktober 25, 2010

Selig sind die Armen


Im Lukasevangelium fängt die Berglehre Jesu mit "Selig sind, die arm sind, denn das Reich Gottes ist euer". Dies ist wie ein Eingangstor zur Botschaft Jesu, bei der es zentral um den Vater im Himmel und sein Reich geht. Matthäus präzisierte diese Aussage noch, indem er schrieb: "Selig sind, die geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihrer". Jesus verherrlichte also nicht einfach Armut, so wie er auch nicht Hunger und Tränen a priori bevorzugte. Armut, Hunger und Trauer wurden von ihm begrüsst, wenn sie im Zusammenhang mit der Beziehung zu Gott stehen. Gott gegenüber sind wir wirklich arm, weil wir von ihm getrennt und isoliert sind. Das ist die eigentliche Definition von Sünde. Diese geistliche Tatsache muss ich einsehen, dieser Trauer muss ich mich stellen. Denn ich lebe nicht aus meiner Leistung und meinem Vermögen, sondern aus Gnade und Gottes Beziehung zu mir! Das ist die Grundlage für Gottes tröstenden Geist "ruach" und seine unerklärliche Gegenwart "schechina".

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Samstag, Oktober 23, 2010

Die Berglehre von Jesus

Jesus war ein jüdischer Rabbi und seine Zuhörer und Nachfolger waren Juden. Das heisst alles, was er sagte, basierte auf dem Alten Testament, besonders auf der Weisung ("Tora", die fünf Bücher Mose oder das Gesetz) und den Profeten (alle übrigen Bücher des AT). Er und seine Zuhörer hatten es von Kind an gehört, auswendig gelernt und verinnerlicht. Vieles muss ihnen daher sehr bekannt vorgekommen sein, weil Jesus Worte, Themen und Aussagen des AT aufgriff, besonders aus Exodus (2. Buch Mose), Deuteronomium (5. Buch Mose) und aus den Psalmen.
Jesus hat damals wie seine Leute in aramäischer Sprache gesprochen, was dem Hebräischen sehr nahe kam. Der Beginn der Berglehre mit "selig" heisst in Hebräisch „asch're“ und bedeutet auch "Glück, glücklich, Heil, Seligkeit oder Wohl" und kommt in zahlreichen Stellen des Alten Testaments vor, so auch in folgenden:
Psalm 1,1 & 2: Selig(keit) der Mann, der nicht wandelt im Rat der Bösen, noch sitzt im Kreis der Spötter, sondern hat Gefallen an der Weisung Jahwes und raunt (oder: murmelt, spricht leise) darüber nach Tag und Nacht.
Psalm 2,12b: Seligkeit (oder: Heil) allen, die sich bergen bei ihm (=Jahwe)!
Psalm 32,1: Wohl, wem verziehen wurde Vergehen, zugedeckt Sünde.
Psalm 32,2: Wohl dem Menschen, dem Jahwe nicht Missetat anrechnet.
Psalm 34,9b: Wohl dem Mann, der sich in ihm (=Jahwe) birgt.
Psalm 112,1b: Heil dem Mann, der Jahwe fürchtet, an seinen Geboten hat er sehr Gefallen!
Psalm 119,1 & 2: Selig, die untadeligen Weges sind, die wandeln nach der Weisung Jahwes! Selig, die bewahren seine Zeugnisse, die ihn mit ganzem Herzen suchen!

An vielen Stellen des Alten Testament ist vom "Tun-Ergehen-Zusammenhang" die Rede, vom kausalen Prinzip des "wenn" und "dann". Am stärksten in Dt 30,15-20: Siehe! Heute habe ich dir Leben und Heil, Tod und Unheil vor Augen gestellt. Wenn du den Geboten Jahwes, deines Gottes, gehorchst, die ich dir heute anbefehle, .... Das kausale Prinzip beinhaltet die Gefahr der Selbstgerechtigkeit und Ueberheblichkeit: z. B. der betende Pharisäer in Lukas 18,9-14, der auf den Sünder hinunterschaut.
Jesus greift all dies in der Bergpredigt auf, aber bleibt nicht dort stehen, sondern verändert die Blickrichtung und stellt Gott und das Himmelreich in die Mitte:

Selig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
Das ist eine Anknüpfung an Ps 34,19: Nahe ist JaHWeH den gebrochenen Herzen und einem zerschlagenen Geist hilft er auf.

Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Das erinnert an Ps 126,5: "Die in Tränen säen, sie werden ernten in Freude." oder an Jesaja 61,2: Der Messias tröstet Trauernde...

Selig die Sanftmütigen, denn sie werden als Besitz empfangen die Erde. Dies erinnert an Psalm 37,11: Und die Sanftmütigen werden Land besitzen, und sie werden sich laben an der Fülle des Friedens.

Selig die Hungernden und Dürstenden nach Gerechtigkeit denn sie werden gesättigt werden. Das wiederum erinnert an Psalm 119,123: Nach deiner Hilfe schmachten meine Augen voll Sehnsucht, nach der Gerechtigkeit...

Selig die Barmherzigen, denn sie werden mit Erbarmen beschenkt werden. Es liegt hier keine unmittelbare Anknüpfung an eine AT-Stelle vor, aber Barmherzigkeit, "racham" gehört zum Kerngehalt des AT!

Selig die Reinen im Herzen, denn sie werden Gott sehen. Das erinnert an Ps 24,3+4: Wer wird hinaufsteigen auf den Berg JaHWeHs und wer wird stehen an der Stätte seines Heiligtums? Ein Unschuldiger an Händen und Reiner im Herzen, der seine Seele nicht zu Eitlem erhoben und nicht falsch geschworen hat.

Selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Es liegt auch hier keine unmittelbare Anknüpfung an eine AT-Stelle vor, aber Frieden, "schalom" gehört auch zum Kerngehalt des AT!

Selig die Verfolgten wegen Gerechtigkeit, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und sagen alles Böse gegen euch, sie lügen meinetwegen. Freut euch und frohlocket, denn euer Lohn ist gross im Himmel. Denn so haben sie auch die Propheten vor euch verfolgt.

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